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Neue Blätter (8)

Fraktale Politik
Anis Hamadeh, 15.01.2003
(English Version)
Ein Fraktal ist ein selbstähnliches zwei- oder dreidimensionales Gebilde, eine Struktur, die sich selbst im Kleinen und im Großen abbildet und beinhaltet. Bekannt sind Fraktale aus der Physik bzw. aus der Natur. Das bekannteste Fraktal ist das so genannte Apfelmännchen (siehe Bild rechts). Diese Formen haben eine besondere Wirkung auf das menschliche Bewusstsein, da sie Verbindungen zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen aufzeigen. Sie haben eine Harmonie und eine aus ihrer puren Existenz geborene Konsequenz an sich, sie haben bei all ihrer Individualität (was ist individueller als ein Fraktal?) etwas Zwingendes und Zwangsläufiges. Dadurch erscheinen sie makellos und perfekt, und dabei doch unbegreiflich, weil uns sowohl der mikroskopische als auch der makroskopische Blick auf die Gesamtheit des Fraktals wegen unserer eigenen Begrenztheit nicht möglich ist.

Von einem solch faszinierenden Phänomen ist anzunehmen, dass es über seine Domäne hinaus Anlass zur Philosophie gibt und die Grenze zu den Geisteswissenschaften überschreitet. Ich weiß nicht, inwiefern der Begriff des Fraktals früher bereits übernommen und untersucht wurde, jedoch genügt es hier, auf Immanuel Kants Motto zu verweisen, nach dem die Maxime des Handelns die sei, die zur Allgemeingültigkeit erhoben werden kann und dann immer noch gut ist. Dass sich also die Handlungen aus dem Mikrokosmos des eigenen Agierens mit den Handlungen aus dem Makrokosmos des öffentlichen Lebens hinsichtlich ihrer Form und Struktur decken. Wie bei einem Fraktal. Deshalb nenne ich solches Denken "fraktales Denken" und vermute darin eine ähnliche Perfektion wie in den Apfelmännchen: ein in sich stimmiges Denken als philosophisches Ideal. Ob die Menschen ein solches stimmiges Denken angesichts ihrer eigenen Unvollkommenheit tatsächlich verwirklichen können, ist eine andere Frage, eine, vor der Herr Kant aus Königsberg jedenfalls nicht kapituliert hat. Fragen wir uns also nicht ob, sondern wo und wie fraktales Denken auf die Politik übertragbar ist.

In der Politik geht es um Situationen und Gruppen, unter denen die Welt ständig neu verhandelt wird. Die RepräsentantInnen der Gruppen verwalten diesen Prozess und treffen Entscheidungen bzw. führen solche repräsentativ aus und wahren sie. Kants fraktales Motto steht hier keineswegs fehl am Platz, denn die PolitikerInnen brauchen aufgrund ihrer vielen Entscheidungssituationen eine Handlungsroutine, und die können sie nur aufrecht erhalten, wenn ihre Entscheidungen im Kleinen sich an den selben Werten orientieren wie in der großen Politik. Ja, es scheint sogar schwierig zu sein, eine Politik überhaupt anders als durch fraktale Argumente zu legitimieren. Wie sollte man denn Gesetze machen können, wenn z.B. die Handlungen von einzelnen grundsätzlich von Gruppenhandlungen verschieden und verschieden zu bewerten wären?

Fraktale Politik ist situationsbezogene Politik, sie abstrahiert von Variablen und betrachtet nur die Situation mit ihren einzelnen Faktoren, wobei definiert sein muss, was eine Situation ist, welche Arten es gibt und welche Prioritäten gesetzt werden. Nehmen wir ein politisches Prinzip als Beispiel, um ein solches Denken zu illustrieren, nämlich das, dass Probleme vor Ort gelöst werden sollten. Gibt es Ärger in der Gemeinde, soll sich die Gemeinde darum kümmern, und gibt es Probleme im Land, soll sich das Land darum kümmern. Dies ist ein fraktales Prinzip, es ist unabhängig von Einzelfall-Koordinaten und dient dem Zweck der Vereinfachung.

Angesichts des Reformstaus fragen sich viele, wie sich die Bürokratie in Deutschland tatsächlich vereinfachen lässt, was man denn ganz praktisch tun kann. Bei einem so komplexen und historisch gewachsenen Geflecht von Reglementierungen kann man nicht einfach mit der Machete alles niederreißen und neu aufbauen. Vielmehr gilt es, konstruktive Prinzipien wie das obige, die auf Vereinfachung zielen, fraktal anzuwenden, wo sie sich im Kleinen bewähren. Viele kleine mögliche Vereinfachungen der Bürokratie sind bekannt, werden aber vielleicht deshalb nicht angegangen, weil sie hilflos wie ein Tropfen auf den heißen Stein erscheinen würden. Vergessen wird dabei der Aspekt des kreativen und ermutigenden Versuchs und der Schaffung von angemessenen Strukturen. Vereinfachen kann keine Gesellschaft, die grübelt und Konsensurteile fällt, sondern eine, die sich im Vereinfachen übt. Die kleine Entbürokratisierungen und Konkretisierungen vornimmt, sie den Leuten zeigt und sagt: Hier, das ist eine kleine Vereinfachung, das ist die Richtung, die wir meinen.

Abgesehen von den diversen Lobbys, die es gewohnt sind, sich gegen andere durchzusetzen und in diesem Prozess Politik zu verursachen, ist die Hauptsorge bei der gesellschaftlichen Vereinfachung, dass Arbeitsplätze zusammengestrichen werden. Hier sind sicherlich zwei Situationen, die zusammengehören und daher zusammen betrachtet werden müssen, so weit diese Furcht wirklich berechtigt ist. Wenn unsere Gesellschaft durch Rationalisierungen faktisch weniger Arbeitskräfte braucht, können auch hier durch kleine, gesamtgesellschaftlich positive Veränderungen Muster vorgegeben werden, etwa durch Neubewertungen der Konzepte "Arbeit", "Freizeit", "Konsum" und "Unabhängigkeit", durch Projekte wie "Aussteigerdörfer" oder durch verstärkte Halbtagsstellen in Positionen des mittleren Einkommens, z.B. in freizeitorientierten Branchen. Es sind nicht die Ideen, die in diesem Land fehlen, es ist der Mut. Die Bereitschaft für größere Veränderungen entsteht durch die Übung - mit der Voraussetzung, dass man auf das Wunschbild hin übt, nicht auf das Angstbild. Denn wer mutlos und pessimistisch ist, sieht vor dem geistigen Auge kein harmonisches Fraktal, dem man sich annähern und das man lernend verstehen und anwenden kann, sondern nur Unordnung und Chaos.


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Fractal Politics
Anis Hamadeh, January 15, 2003
A fractal is a self-similar two- or three-dimensional entity, a structure that maps itself in the small and in the big. Fractals are known from physics, or from nature, respectively. The most known fractal is the "apple man" (? Apfelmaennchen, see picture on the right). These forms have a peculiar effect on human consciousness, for they show connexions between the infinite small and the infinite big. They have a certain harmony and consequence to themselves, born out of their mere existance. And despite their individuality (what is more individual than a fractal?) they have an enforced and necessary quality about them. That makes them appear spotless and perfect, while still remaining unconceivable, because we are unable to view the entirety of the fractal both on the micro-level and on the macro-level, due to our own limitations.

It can be expected from such a fascinating phenomenon that it will provide cause for philosophy beyond its original domain and that it crosses the border and enters the humanities. I don't know in how far the concept of the fractal had been taken over and investigated before, but it suffices here to refer to Immanuel Kant's Motto that the maxim of action be one that can be elevated to general validity and still be good. Meaning that the actions from the micro-cosmos of the own behavior congrue with the actions from the macro-cosmos of public life in respect to their form and structure. Like in a fractal. Therefore I call such a thinking "fractal thinking" and assume a similar perfection in it as in the apple men: a consistent thought as a philosophical ideal. Whether or not the humans factually can realize such a thinking in view of their own imperfection is another question, one, however, that did not deter Herr Kant in Koenigsberg at all. So let us not ask if, but where and how fractal thinking is applicable to politics.

In politics we deal with situations and groups among which the world is continuously negotiated. The representatives of the groups run this process and make decisions or representatively carry them out and maintain them. Kant's fractal motto by no means is at the wrong place here, for the politicians, due to the many decision situations they experience, need an action routine and can only keep one, if their decisions in the small have the same reference values as in big politics. Yes, it even seems to be difficult to legitimate a policy through other than fractal arguments, at all. How should we be able to create laws, if e.g. the behavior of individuals was principally different from group behavior and differently to evaluate?

Fractal politics is situation-related politics, it abstracts from the varying factors and only regards the situation with its constituents. This takes for granted a definition about what a situation is, what kinds of situations there are, and which aspects have priority. Let us take a political principle as an example to illustrate such a thinking, namely the one that problems are to be solved on the spot. If there is trouble in the municipality, then the municipality is to take care of it, and if there is a problem in the country, then the country is to take care of it. This is a fractal principle, it is independent of single case coordinates and serves the aim of simplification.

In view of the reform jams, many people ask themselves how in actual fact the German bureaucracy can be simplified, and what we practically can do. There is no way to simply demolish such a complex and historically grown structure of reglementations with a machete and to rebuild it. Rather, the task is to fractally apply constructive principles which aim at simplification, like the one mentioned above, wherever they hold good in the small. Many small possible changes in bureaucracy are known, but not practised, maybe because they would look helpless like a drop of water on a hot stone. Such an attitude, however, neglects the aspect of the creative and encouraging attempt and the one of the creation of adequate structures. Not the society that broods and that makes consensus decisions will simplify anything, but the one that practises simplification. The one that employs small deregulations and concretizations, shows it to the people, and says: look, this here is a small simplification, this is the direction that we mean.

Apart from the diverse lobbys which habitually carry their points with others and in this process cause politics, the main fear about social simplification is that it can mean job cuts. Here surely are two situations that belong together and therefore have to be dealt with together as far as this fear is really justified. If our society factually needs less workers, because of rationalizations, then here also small and holistic social patterns can be projected to bring about positive change, e.g. by reevaluations of the concepts "work", "spare time", "consume", and "independence", or by projects like "villages for alternative living" or by promoting half jobs in positions of middle income, e.g. in the entertainment and spare time sectors. It is not the ideas that this country lacks, but the courage. The readiness for bigger changes comes about by practise - under the presupposition that we practise into the direction of our wishes, not the one of our fears. For people who are discouraged and pessimistic, do not see a harmonic fractal, which can be approached, learnt, understood and applied, before the inner eye, but only disorder and chaos.
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