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Neue Blätter (13)

Das Schulbuch-Projekt
Anis Hamadeh, 24.01.2003
(English Version)

Das Gegenteil von Krieg heißt Frieden. Doch wie sollen wir ihn erreichen? Im Laufe meiner Beschäftigung mit dieser Frage kam ich immer wieder auf zwei miteinander verknüpfte Motive bzw. Ergebnisse: Erstens Frieden durch Öffentlichkeit, zweitens Frieden durch Geschichtsbewältigung. (Siehe z.B. den Artikel "Peace work and virtual Palestine" unter http://www.redress.btinternet.co.uk/ahamadeh3.htm). Eine Radio-Nachricht anlässlich des 40. Jahrestages des Elysée-Vertrages, in der von einem Schulbuchprojekt zwischen Deutschen und Franzosen die Rede war, erinnerte mich daran. In der Nachricht hieß es, dass die gemeinsame Geschichte der beiden Länder in den jeweiligen Schulbüchern gleich behandelt werden soll, so dass im einen Geschichtsbuch die Übersetzung des anderen vorliegt. Ohne Frage wird dies die ohnehin gute Verständigung dieser beiden Völker nochmals weit verbessern. Man sollte es in der ganzen Welt so machen!

Stellen wir uns ein solches Schulbuchprojekt vor. Das Ziel könnte man so formulieren, dass alle Schüler auf der Welt einen gemeinsamen Geschichtstext zur Verfügung haben, in dem sie die Vergangenheit der internationalen Beziehungen ihrer Länder nachlesen können. Dies ist nicht etwa als Ideologie, sondern eher als eine Art Völkervertrag zu verstehen. Er bezieht sich nur sekundär auf die jeweilige Landesgeschichte und konzentriert sich auf die Darstellung der Interaktion zwischen Völkern. Ähnlich einer UNO-Resolution wird dieser Text in einem mühe- und konfliktvollen Prozess erarbeitet.

Zwei Vorteile gegenüber einer UNO-Resolution hat ein solcher Text: Zum einen ist er in einer Art geschrieben, dass er leicht übersetzbar ist und dass Jugendliche ihn verstehen können. Das schließt Wortklaubereien und Zweideutigkeiten weitgehend aus. Zweitens ist dies ein Projekt, das die verschiedensten Gruppen und Individuen, z.B. Politiker, Journalisten und Friedensgruppen, unabhängig voneinander anstreben können, ohne dass es dafür weiterer Anweisungen bedarf. Die Zeitschrift G/Geschichte beispielsweise macht in Nürnberg sehr erfolgreich genau das und sie wird ja auch von Kultusministerien und dem Deutschen Jugendmedienwerk empfohlen.

Wenn wir in einer Welt ohne Gewalt leben wollen und eine solche Welt für unsere Kinder vorbereiten wollen, dann gilt es, die gewaltlosen Alternativen auszuarbeiten und zu koordinieren und damit heute anzufangen. Gerade Deutschland hat hier bereits gute Ansätze, man denke an die exzellenten deutschen Geschichts-Dokus im Fernsehen. Diese Einstellung betrifft auch die Presse: Auch in den Zeitungen wird uns jeden Tag ein Geschichtsbild präsentiert, und natürlich wird auch um ein solches gestritten und gerungen. Doch was gäbe es heute Sinnvolleres, als mit zivilisierten Mitteln über die Geschichte zu streiten?

Einen Text gilt es zu erstellen, der von allen beteiligten Parteien akzeptiert wird. Das ist das Maß. Ein Vertragstext, den ein Kind verstehen kann. Die Deutschen und Franzosen werden es wohl schaffen, das ist ein Anfang. Ein Stück im Puzzle-Spiel. Welche anderen Gruppen haben ähnlich gute Verhältnisse und können ohne viele Probleme folgen, um die Struktur zu unterstützen? Die leichten Sachen zuerst! Die jeweiligen Kultus- bzw. Erziehungsministerien können dann über die Gerechtigkeit des Textes durch ihre Akzeptanz entscheiden.

Doch selbst, wenn es nicht so schnell auf diese hohe Ebene gelangen sollte, ist festzustellen, dass die Internetgemeinde ohnehin im Begriff ist, eine solche Datenbank aufzubauen. Die Geschichtswissenschaften sind vom Netz verändert worden, weil man nirgends schneller so gezielt Informationen zu den historischen Ereignissen der Welt bekommen kann. Diese historische Flut wird ständig erweitert und miteinander verknüpft, ein Trend, der unabhängig von irgendwelchen Projekten zu beobachten ist. Auch die Universitäten leben in der Welt der erweiterten Öffentlichkeit und verlieren durch den neuen Wettbewerb zunehmend ihr Elfenbeinturm-Image.

Das Schulbuchprojekt ist eine Aufgabe, die im Rahmen einer Weltfriedensinitiative gesehen werden kann. Zu Beginn dieses Jahrhunderts finden sich nämlich immer mehr Friedensgruppen in der realen virtuellen Welt zusammen und immer schneller, wie etwa die Transcend-Gruppe um Professor Johan Galtung (www.transcend.org). Viele zeitgemäße Konfliktbewältigungssysteme kursieren im Netz und formieren sich. Angesichts dieser internationalen Dichte ist es uns heute möglich, ein so komplexes Thema wie die gemeinsame Weltgeschichte in Angriff zu nehmen. Frieden kommt nicht wie Manna vom Himmel. Frieden ist etwas Aktives. Wir wollen und wir brauchen Frieden. Richtigen Frieden. Ehrlichen Frieden.

Anm.: Der genannte Artikel "Peace work and virtual Palestine" auf deutsch (Schlussteil des Essays: Palästina, Israel und die Bilder)



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The Textbook Project
Anis Hamadeh, January 24, 2003

The opposite of war is peace. But how to reach it? In the course of my dealing with this question I have come to two interacting motives or results, respectively, over and over again: firstly, peace by means of public and publicity, secondly, peace through the mastering of history. (See e.g. the article "Peace work and virtual Palestine" at
http://www.redress.btinternet.co.uk/ahamadeh3.htm) A recent radio news reminded me of that. It was on the occasion of the 40th anniversary of the Elysée Contract between France and Germany, and the news dealt with a textbook project between the Germans and the French. The schoolbooks of the two countries shall consider the shared history in an equal way, so that each text is a translation of the other. Without question, this will further improve the already harmonious relations between the two peoples. We should do this worldwide!

Let us imagine such a textbook project. The aim could be formulated as the availability of a standard historical text for all students in the world, in which they can read about the past of the international relations of their countries. This is not to be understood in an ideological way, but rather as a kind of agreement between peoples. It only secondarily is concerned with the respective domestic histories and concentrates on the interaction between countries. Similar to a UN resolution, this text will be elaborated in a process full of effort and conflict.

There are two advantages of such a text in comparison with a UN resolution: on the one hand it is written in a way that makes translations easy and that young people can understand. This to a major extend will exclude any phrase-mongers and ambiguities. On the other hand, different groups and individuals, such as politicians, journalists, or peace groups, independently from each other can enter this direction without needing further orders. The German monthly history journal "G/Geschichte", for example, very successfully lives this attitude and it is recommended by ministries and the German Youth Media Enterprise.

If we want to live in a world with no violence and if we want to prepare such a world for our children, then we are to elaborate the nonviolent alternatives and to coordinate them, and start now. Especially Germany already has generated good starting points, like the excellent German history TV documentaries. This attitude also concerns the press: the newspapers, too, present historical frames to us every day, and of course there also are conflicts and struggles about such frames. But what does make more sense today than to struggle over history in a civilized manner?

A text is to be construed which is accepted by all involved parties. That is the measure. A contract text which a child can understand. The Germans and the French will be able to manage, this is a start. A piece of the jig-saw. Which other groups have similarly good relations and can follow without many problems to support the structure? Easy things first! The respective ministries of education then can decide upon the justice of the text in accepting it.

But even if it was not possible to implement such a project on the high level so fast, it can be stated that the internet community is generating such a data bank, in any case. The science of history has been changed by the web, for nowhere else can you obtain targeted information about the historical events in the world so fast. This historical flood is continuously increasing and interlinking, a trend that can be observed independently of any kind of project. The universities, too, are living in the world of the augmentet public and are losing their ivory tower image in this new competition.

The textbook project is a task that can be viewed within the framework of a world peace initiative. For in the beginning of this century we find more and more peace groups which get together and coordinate in the real virtual world with accelerating speed. Like, for example, the Transcend group around Professor Johan Galtung (www.transcend.org) Many contemporary conflict management systems are circulating in the web and taking shape. In view of this international density we today are in the position to approach such a complex issue as the common world history. Peace does not rain out of the sky like manna. Peace is something active. We want and we need peace. Real peace. Honest peace.
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