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PHILO FORUM
September 2002 (English Version)
Gewalt führt zu Schuld.
Überlegungen zum Gewaltbegriff
(08.05.02) "Gewalt führt zu Schuld" ist die Einleitung zu einer philosophischen Diskussion. Die Standard-Gewaltdefinition hat der Soziologe Johan Galtung entwickelt. Er unterscheidet physische von struktureller Gewalt. Chancenungleichheit oder repressive Gesetze etwa zählen zur strukturellen Gewalt. Später stellte Galtung dem noch eine kulturelle Gewalt dazu, die gewissermaßen den ideologischen Überbau darstellt.

Wenn ich hier sage: Gewalt führt zu Schuld, wird man mir widersprechen. Es gibt gerechte Gewalt, wird man sagen, und: Gewalt ist nicht gleich Gewalt. Deshalb führt auch nur ein Teil der Gewalt zu Schuld. Mag sein. Wäre der traditionelle Gewaltbegriff gut definiert, sodass man zum Beispiel "Terrorismus" politisch verwertbar definieren könnte, was offensichtlich noch nicht geglückt ist, dann wäre es auch müßig, über neue Ansätze in der Gewaltdefinition nachzudenken.

Über den Begriff der physischen Gewalt besteht kaum eine Kontroverse, und unser Justizsystem käme ohne ihn auch nicht aus. Die strukturelle Gewalt ist in der Theorie recht gut definiert, doch gelangt sie weder ins Kollektivbewusstsein, noch in die Politik und Justiz. Angesichts dieser Mängel und dem international aktuellen Bedarf nach Konfliktlösungen, versuche ich eine neue Betrachtung.

Dass Gewalt und Schuld miteinander zu tun haben, wird kaum jemand bestreiten. Dabei ist "Schuld" in manchen Hinsichten besser zu definieren als "Gewalt". Wie ist es, wenn man Gewalt als all die Dinge definiert, die zu Schuld führen? Führt es vom Gewaltdiskurs weg, oder bringt es neue Erkenntnisse? Ich weiß es auch nicht, aber es scheint mir einen Versuch wert zu sein. Wenn Sie gute Ideen haben, nur her damit!

Beste Grüße
Anis Hamadeh

Einige Basisgedanken:

Schuld

Gewalt straft sich selbst.

Die Situationsanalyse


Erste Annäherung (12.05.02)


Beispiel Erfurt
(Lehre aus Erfurt)
Beispiel Elfter September
(Lehre aus dem Elften September)
Beispiel Israel

Aufsatz: "Terror & Gegen-Terror" von Prof. Georg Meggle (Uni Leipzig) (Nicht mehr online)


(20.05.02:) Besprechung des Aufsatzes "Terror & Gegen-Terror" von Prof. Georg Meggle (Leipzig 2002)


(Sabine Yacoub 24.05.02:) Schuld und Vertrauen

Ein Grund, warum es vielen schwer fällt, Schuld zuzugeben, ist das Fehlen von Vertrauen. Vertrauen auf Gerechtigkeit, Vertrauen in andere Menschen. Wenn ich Schuld eingestehe, zeige ich Schwäche. Der Andere kann die Situation dazu nutzen, mich zu erniedrigen, mich (vor Anderen) bloßzustellen. Statt die Situation z. B. durch eine gerechte Strafe oder Entschädigung aufzulösen, kommt es dazu, dass der Andere mir die Schuld noch lange vorhält, meine Schuldgefühle immer weiter am Leben hält, um damit Macht über mich zu bekommen.

Besteht jedoch ein Vertauensverhältnis und der Wunsch der Beteiligten Gerechtigkeit herzustellen, dann kann ich meine Schuld eingestehen. Denn dann weiß ich, dass das Eingeständnis dazu beiträgt, die Situation zu klären und meine Schuldgefühle zu überwinden.


(25.05.02) Was ist Schuld?

"Was ist Schuld?" ist die fundamentale Frage der Ethik. Wir brauchen eine Antwort, um dann weiterfragen zu können: "Wie kann Schuld vermieden und abgebaut werden?"

Wenn ein Täter X ein Opfer Y tötet, verletzt, beraubt oder betrügt, macht sich X schuldig. Es gibt prototypische Fälle, wo das Urteil leicht fällt, ob eine Schuld vorliegt, und es gibt Zweifelsfälle.
- Eine Handlung kann eine Gewalttat sein, auch wenn der Täter kein Schuldbewusstsein hat.
- Auch Nicht-Handlungen können zu Schuld führen, etwa das Ignorieren von Tatsachen wie UNO-Resolutionen oder, auf der privaten Ebene, von Gefühlen.
- Typische Gewalt liegt nur vor, wenn das Opfer die Tat nicht wollte. Das ist nicht immer eindeutig, besonders dann, wenn das Opfer während und nach der Tat schweigt, wenn es den Täter nicht belasten will, oder auch, wenn es nicht genau weiß, was es will.

Zu berücksichtigen ist ferner, dass wir alle nur Menschen sind und damit, dass wir Fehler machen, wir uns schuldig machen. Schuld ist nicht gleich ein Weltuntergang. Aufgestaute Schuld allerdings vergrößert sich. Um entscheiden zu können, wann etwas eine Gewalttat ist, braucht man Grundsätze. Das Bundesgesetzbuch zum Beispiel. Oder die christlichen Gebote. Oder die Scharia. In jedem Fall wird und wurde die Rechtsprechung wesentlich beeinflusst durch Präzedenzfälle und überhaupt Fälle aus der Rechtspraxis. Um der Frage nach der Schuld näherzukommen, werde ich einige Beispiel-Fälle heranziehen und einige andere konstruieren, die der Alltag hergibt. Dabei werde ich die mir relevant erscheinenden Faktoren der Situationsanalyse entwickeln. Die Beispiele wähle ich aus der Politik ebenso wie aus dem Privatleben, da ich annehme, dass es allgemein gültige Mechanismen und Analysemöglichkeiten gibt.

Voraussetzungen:

Terrorismusdefinition

Out-Group-Verhalten

Entspannungspolitik

Die Logik der Gewalt:

Kontrolldenken

Lagerdenken

Opferdenken

Analysen:
Schuld: (12.05.02) Schuld führt zu Schuldgefühlen. Schuldgefühle streben nach Auflösung. Der Prozess der Auflösung von Schuldgefühlen ist der natürliche Weg der Gewaltvermeidung und -schlichtung. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, die Gesellschaft für Schuld zu sensibilisieren. Das mag die Gesellschaft ungefähr so gern wie Steuererhöhungen. Dennoch gilt es, ein sensibilisiertes Klima und ein selbstkritisches Bewusstsein zu schaffen. Was ist eigentlich Schuld? Wann sind Schuldgefühle berechtigt, und wie kann man sie abbauen, um Situationen zu deeskalieren? Dies sind die zentralen Fragen des Diskurses. (zurück)
Gewalt: (12.05.02) Jede Gewalt ist an eine Situation gebunden. Zu einer Situation gehören Elemente wie zu einem Satz. Um moralische Urteile bilden zu können, brauchen wir diesen Rahmen, und ein Gewaltdiskurs ohne moralischen Anspruch wäre lächerlich. Jede Gewaltsituation hat ein Opfer, jemand, dessen Recht genommen wurde. Bei dem Täter wird es schon schwieriger, da er sich, etwa bei struktureller Gewalt, oft nicht genau bestimmen lässt. Neben Opfer und Täter gibt es die Tat. Und die Mitwisser. Ebenfalls zum Gewaltszenario gehört die Schuld und deren Abtragung. ich würde auch noch den Richter als Beteiligten der Situation betrachten. Wenn eine Gewaltsituation hinreichend und nach den richtigen Kriterien definiert ist, kann sie abgeschlossen werden. Sinn der Situationsanalyse ist, Voraussetzungen zu schaffen, um Gewaltsituationen abzuschließen, also um Gewalt zu beenden. Besondere Beachtung verdient dabei das Bewusstsein von Opfer, Täter, und Mitwissern, etwa bei den Fragen nach Verdrängung und Schuldfähigkeit. (zurück)
Die Situationsanalyse: (12.05.02) Jede Gewalt ist an eine Situation gebunden. Zu einer Situation gehören Elemente wie zu einem Satz. Um moralische Urteile bilden zu können, brauchen wir diesen Rahmen, und ein Gewaltdiskurs ohne moralischen Anspruch wäre lächerlich. Jede Gewaltsituation hat ein Opfer, jemand, dessen Recht genommen wurde. Bei dem Täter wird es schon schwieriger, da er sich, etwa bei struktureller Gewalt, oft nicht genau bestimmen lässt. Neben Opfer und Täter gibt es die Tat. Und die Mitwisser. Ebenfalls zum Gewaltszenario gehört die Schuld und deren Abtragung. ich würde auch noch den Richter als Beteiligten der Situation betrachten. Wenn eine Gewaltsituation hinreichend und nach den richtigen Kriterien definiert ist, kann sie abgeschlossen werden. Sinn der Situationsanalyse ist, Voraussetzungen zu schaffen, um Gewaltsituationen abzuschließen, also um Gewalt zu beenden. Besondere Beachtung verdient dabei das Bewusstsein von Opfer, Täter, und Mitwissern, etwa bei den Fragen nach Verdrängung und Schuldfähigkeit. (zurück)
Erste Annäherung: (12.05.02): Nach der Gewalt-führt-zu-Schuld-Definition ist das, was wir normalerweise physische Gewalt nennen, keine mehr, wenn keine Schuld vorliegt. In einer Sado-Maso-Situation beispielsweise, in der sich alle Beteiligten einig über z.B. körperliche Schläge sind, gibt es weder Opfer noch Täter. Nach meiner Versuchsdefinition liegt hier keine Gewalt vor, eher Verletzung. "Gewalt" in dieser Definition liegt näher bei "Zwang" als bei "Verletzung der Physis" oder gar "Verletzung der Psyche", einfach deshalb, weil die Verletzung allein keine moralische Relevanz hat. In diesem Diskurs geht es darum, zu verstehen, was Gewalt ist, und nicht etwa, was physische oder psychische Schläge sind. Das sind völlig unterschiedliche Dinge. Dennoch benutze ich Galtungs Begriff der strukturellen Gewalt, wie ich zunächst einmal beobachtend feststelle. Diese Analysen haben das Ziel, für Politik und Privatleben praktische Ergebnisse zu bringen, durch eine Bewusstmachung von Handlungsmustern und durch Vorschläge zu politisch-gesellschaftlichen Strategien, die einerseits Gewalt verhindern und andererseits dabei helfen können, mit aktuellen Gewaltsituationen umzugehen. Der das hier schreibt, ist selbst in einem offenen Lernprozess und hat weder den Anspruch, diese Thesen als erster zu formulieren, noch den Wunsch, ein wasserdichtes oder ideologisches Konstrukt zu schaffen. (zurück)
Beispiel Erfurt: (10.05.02) Nachdem ein Schüler einen Massenmord an einer Schule in Erfurt verübt und sich danach selbst getötet hat, scheinen politische Konsequenzen unausweichlich. Bislang einigte man sich auf eine Verschärfung des Waffenrechtes, auf strengere Überwachung von Gewaltfilmen sowie eine Verschärfung dessen, was Jugendschutz genannt wird. Darunter fällt auch der Verzicht auf die Herabsetzung des Mindestalters für Diskothekenbesuche von 16 auf 14 Jahre. Es geht wohl auch um Zigarettenkonsum und verwandte Themen. Es werden also faktisch die Gruppen bestraft, zu denen der Täter gehörte, also Schützen und Jugendliche. Diese Politik ist ebenso folgerichtig wie hilflos, da sie mit dem Problem der Gewaltbekämpfung nur wenig zu tun hat. Folgerichtig ist diese Politik insofern, als sie die Tat gewissermaßen nachzuahmen versucht, ohne sich bewusst zu sein, dass sie damit bereits eine völlig neue Situation aufbaut. Durch die Vorgabe zwanghaften Verhaltens kann sie nur ebensolches Verhalten hervorbringen. Der umgekehrte Weg, also auf Repressionen zu verzichten, würde hingegen zu einer Entspannung, zu einer Vorgabe von Nicht-Gewalt führen. Dieser Weg wird nicht beschritten, vor allem, weil das System mit seinem Gewaltmonopol nicht erkennt, dass es sich selbst schuldig machen kann, bzw. dies befüchtet und es daher verdrängt. Diese Kritik trifft vor den anderen gesellschaftlichen Instanzen die Politiker und die Medien. (zurück)
Lehre aus Erfurt: (10.05.02) Erfurt war eine Gewaltsituation. Es gab einen Täter, und es gab unschuldige Opfer. Der Fall ist eindeutig. Der Täter hat sich selbst gerichtet mit einer Strafe, die höher liegt als irgendeine Strafe in der deutschen Rechtsprechung. Für die Trauer der Angehörigen der Opfer kann es keine Entschädigung geben. Eine Genugtuung hinsichtlich des Täters ist durch dessen Tod und damit dessen Schuldeingeständnis gegeben. Anders als die Trauersituation ist die Gewaltsituation damit abgeschlossen. Die berechtigten Fragen der Gewaltvideos und überhaupt der Gewalttätigkeit lagen bereits vor Erfurt vor. Jede einschränkende politische Maßnahme, die sich unmittelbar auf die Erfurt-Situation bezieht, ist falsch. Politisch richtig ist, die Ursachen der Tat aufrichtig verstehen zu wollen. (zurück)
Beispiel Elfter September: (24.05.02) Die Maßnahmen der sogenannten inneren Sicherheit als auch die zur Ergreifung der Terroristen und der Zerschlagung terroristischer Vereinigungen haben bislang kaum ernst zu nehmende positive Resultate erbracht. Im Gegenteil beobachten wir eine Zunahme der Gewalt zum Beispiel in Israel, Palästina und Kaschmir, und politische Anschläge in den Niederlanden, in Tunesien, in Pakistan, in Dagestan und anderswo. Die Sprache höchstrangiger Politiker verroht zusehends, weitere Krisen - etwa im Irak - werden provoziert, der Kulturkampf formiert sich (beispielsweise in der konservativen deutschen Presse), und die Weltlage stellt sich trotz der bisherigen Aktivitäten der Terrorismusbekämpfung als instabil dar. Es muss die Frage erlaubt sein, warum wir uns in einer Zeit befinden, die der Situation kurz vor dem Ersten Weltkrieg in einigen Punkten ähnelt, und, ob wir nicht sogar aufgrund unserer gesellschaftlichen Gewaltmechanismen durch vermeintlich rationale Politik die Eskalation erst herbeiführen. (zurück)
Lehre aus dem Elften September: (24.05.02) Der Elfte September war eine Gewalttat mit Tausenden von Opfern. Sie war so schwerwiegend, dass Gewalt auf der ganzen Welt zum Top-Thema geworden ist. Dabei findet eine Polarisierung statt zwischen den Leuten, die dem Lagerdenken verhaftet sind und die also "die Gewalt der anderen" beenden wollen, und denen, die die Gewalt insgesamt beenden wollen und sich fragen, welche Rolle sie selbst in den verschiedenen Situationen haben und welche Art von Handlungen die richtigen sind, um zu diesem Ziel zu kommen. Zu der Lehre aus dem Elften September habe ich die beiden Statements: VIER EBENEN DES TERRORISMUS und DIE WELT NACH DEM ELFTEN SEPTEMBER. (zurück)
Beispiel Israel: (15.05.02) Dadurch, dass einzelne Politiker sich mit tödlichen Folgen massiv über die Menschenrechte und über UNO-Resolutionen hinwegsetzen können, ohne dafür bestraft zu werden, und vor allem: ohne daran gehindert zu werden, ist die Weltöffentlichkeit verunsichert. Warum soll es keinen Le Pen geben, wenn es einen Scharon gibt? Weil die Werte der westlichen Welt auf Lagerdenken beruhen, stützt der Westen Israels Extreme und gibt damit das gleiche schlechte Vorbild ab. Israel wiederum hat(te) wegen des Holocausts faktisch in der Welt weniger Kritik zu erwarten als andere Staaten. Es sind die nicht verarbeiteten Gräuel des Zweiten Weltkrieges, die uns jetzt überall auf der Welt und mit überall gleichen Mechanismen einholen. (zurück)
(20.05.02:) Besprechung des Aufsatzes "Terror & Gegen-Terror" von Prof. Georg Meggle (Leipzig 2002):

Nachdem ich im Einleitungstext des Philo Forums angenommen habe, dass es bislang keine politisch verwertbare Terrorismusdefinition gibt, suche ich nach Hinweisen, um meine Annahme zu widerlegen.

Bereits am 06.12.01 schrieb die TAZ über eine offizielle EU-Definition. Demnach ist ein Terrorist jemand, der die Staatsordnung destabilisiert. Arbeitsgrundlage der EU ist die Definition von Terrorismus als einer Tat, die das Ziel hat, "die Bevölkerung schwerwiegend einzuschüchtern, staatliche und internationale Organisationen zu erpressen oder die politische, verfassungsmäßige, ökonomische oder soziale Ordnung eines Staates oder einer internationalen Organisation zu destabilisieren oder zu zerstören." Damit klar ist, dass wir trotzdem in einer Demokratie leben, wird hinzugefügt, "dass Grundrechte wie Vereinigungs- und Meinungsfreiheit oder das Demonstrationsrecht weder verringert noch ausgehöhlt werden dürfen." (siehe
Ozzy 42.1).

Es ist davon auszugehen, dass es viele Terrorismusdefinitionen gibt, und ich möchte die wichtigsten, die mir begegnen, hier darstellen. Dazu gehört bestimmt der Aufsatz von Professor Georg Meggle von der Uni Leipzig "Terror & Gegen-Terror. Erste Ethische Reflexionen", veröffentlicht in: Dt. Zeitschrift für Philosophie, Berlin 50 (2002) 1, S. 149-162. Der Aufsatz wurde von Prof. Meggle ende 2001 an verschiedenen deutschen Unis als Vortrag gehalten. Die im Netz stehende PDF-Datei, nach der ich zitiere, hat 22 Seiten und gliedert sich in zwei Teile. Im ersten geht es um eine allgemeine T-Definition, im zweiten um konkrete politische Einschätzungen des Afghanistankrieges und des Krieges gegen den Terror allgemein.

Die Terrorismus-Definition von Meggle lautet: "T-Akte sind Akte des (versuchten) Bewirkens von Zwecken mittels Gewalt gegenüber irgendwelchen Unschuldigen induziertem Terror."

Am Interessantesten scheint mir hier der erste Teil, und davon wiederum Punkt 1: "Was ist Terrorismus?" Hier kurz die Titel der übrigen Punkte:
2. Gewalt- und Kriegs-Ethik (Kriterien für den gerechten Krieg) (S.7-10)
3. Terror-Ethik (S. 10-13)
4. Anti-Terror-Ethik (S.13 - 15)
Teil 2: Afghanistan, USA, UNO (S.15-22)

Betrachten wir die Seiten 2-7 etwas genauer: Meggle teilt die Frage nach dem Terrorismus in drei Unterfragen: die semantische Frage (Was ist T?), die Verifikationsfrage (Woran erkennt man T?), und die Bewertungsfrage. Er geht darauf ein, dass der Begriff Terrorismus nicht wertneutral ist, sondern häufig ein Kampfbegriff. Was den Täter angeht, so sieht Meggle drei Schichten dessen T-Handlung: das Gewaltkalkül, dass der Täter also Gewalt an Unschuldigen in Kauf nimmt, das Terrorkalkül, dass also etwa die Bevölkerung sich einschüchtern lässt, und die Horrorfunktion, nach der etwa eine Regierung sich in den Augen eines Täters möglicherweise erpressen lässt.

Um die Kriterien für T-Akte zu bestimmen, bedient sich Meggle der Situationsanalyse, und dies scheint mir die einzig sinnvolle Herangehensweise zu sein. Der terroristische Akt steht bei ihm im Vordergrund, die Situation also. Als Elemente der Situation zählt er anhand eines Beispieles folgende auf (S.5):

Akt a (z.B. Aktivieren der Bombe)
Akteur X (Separatist)
Gewalt-Adressat Y (Cafèhausbesucher)
Terror-Adressat Z (Bevölkerung)
Finaler Adressat F (Regierung)
Bezweckte Wirkung R (Freilassung der Gefangenen)

Meine Bewertung: Der Aufsatz ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem politisch verwertbaren Terrorismusbegriff. Vieles in Meggles Aufsatz weist meines Erachtens darauf hin, dass die Definition von "Terrorismus" auch nicht eigentlich an Fragen der Klassifikation scheitert, sondern an der Politik selbst, die sich eher nach praktischen Loyalitäten auszurichten scheint, als nach philosophischen Definitionen. Die Basis-Streitfrage lautet nach wie vor: Wann ist etwas ein Freiheits- oder Verteidigungskampf, und wann Terrorismus? Dies betrifft die von Meggle so genannten "leichten T-Akte", denn über die schweren herrscht großer Konsens.

Was Meggles politische Visionen angeht, so kann ich sie nur unterstreichen: Ein internationaler Gerichtshof und eine uneingeschränkte Basiskompetenz der UNO. Das ist auch nach meiner Meinung die beste Lösung. In diesem Diskurs sollte allerdings der Begriff "Kollateralschaden" nicht vorkommen, der Menschen entmenschlicht (s.a. Ozzy 23.12).

Im Philo Forum wird - was die Anregungen aus dem Meggle-Artikel angeht - die Situationsanalyse ausgebaut werden, denn dazu gibt es viel zu sagen. Ebenso zu den Unterscheidungsmerkmalen zwischen "Gewalt" und "Terror".

(zurück)
Opferdenken: (12.05.01) In jeder Gewaltsituation gibt es (ein) Opfer, dem komplementär eine Schuld gegenübersteht. Das Verhalten des Opfers bestimmt den weiteren Verlauf der Gewaltsituation mit. Sein Anspruch auf Ausgleich - und wo das nicht möglich ist, auf Anerkennung der Situation - ist legitim. Opferdenken beginnt, wo das Opfer die Situation verlässt und eine Anerkennung des Egos fordert. Diese Forderung ist ebenso gängig wie nicht legitim. Zudem erschwert sie die Beendigung der Gewaltsituation. Wenn das Opfer in der Situation zu einem Ego-Opfer wird, hält es selbst an der Gewaltsituation fest. Eine Gewaltsituation kann aber nur dann beendet werden, wenn das Opfer bereit dazu ist. Der Täter ist normalerweise nicht zur Beendigung der Situation bereit, weil er sie nicht als solche erkennt oder erkennen will. Um Gewaltsituationen abzuschließen, ist eine Entscheidungsinstanz von Außen oft hilfreich, wenn sie von allen Seiten anerkannt wird. Zum Beispiel die UNO. Bei der Überwindung des Opferdenkens bestehen darüberhinaus Möglichkeiten, Gewaltsituationen auch ohne Richter zu beenden. Zur Illustration hier das "Faked Interview (4)" (zurück)
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