home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   palestine   my journalism   essays
ESSAY (2)
Trance-Techniken und Bewusstseinsänderungen: ein Erfahrungsbericht
von Anis Hamadeh, Kiel, den 05.11.99

1. Trance-Techniken - Vorbemerkung - A. Rhythmische Techniken - Bluesspiel auf der Gitarre - Singen - Musik Hören - Regen - Bewegung - B. Visuelle Techniken - Natürliches Licht - Künstliches Licht - Muster und Landschaften - C. Weitere (auto-) suggestive Techniken - Schreibtrance - Wellenreiten - Leere - Hypnose - Permanente Trance - 2. Trance-Glossar hinsichtlich der Bewusstseinsveränderung - Vorbemerkung - ANTENNE - EINHEIT - ENERGIE - GEDÄCHTNIS - GEWISSEN - KONZENTRATION - MÄRCHEN - MEDIUM - SELEKTION - SPIEGEL - TIEFTRANCE - VISIONEN - ZEITBLASE

1. Trance-Techniken

Vorbemerkung: Bevor eine Trance-Technik einsetzen kann, bedarf es einer  inneren Bereitschaft. Meist geschieht sie durch das Einsetzen eines überwältigenden Gefühls wie Wut, Verliebtheit, Angst, Trauer oder Freude, das ein Ventil braucht, um bewältigt zu werden. Oder es erscheint eine Idee (Inspiration), die ausgeführt werden möchte. In diesen Fällen ist es ein Drang, der die Trance-Bereitschaft enorm fördert. Trance-Bereitschaft ist Bereitschaft zum Kontrollverlust. Es bedarf einiges Vertrauens, um diesen zuzulassen. Das Unbewusste "sucht sich" eine Trance-Technik, um die mit dem Kontrollverlust langsam aufkommende Trance gegen äußere Reize abzuschirmen. Ungehemmtheit ist Bedingung für die Trance.

Es kann auch der Fall eintreten, dass z.B. Rhythmen eine Trance einleiten, ohne dass vorher erkennbar war, dass ein kreatives Potential aktiviert ist. Nicht alle Trancen führen zu kreativem Output, manche sind innere Reisen, manche sind Heilungen, manche auch sind nicht funktional bestimmbar.

Die im folgenden aufgeführten Techniken scheinen mir Allgemeinplätze zu sein, gerechtfertigt vielleicht nur durch die individuelle Art meiner aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen. Viele der Techniken wurden entwickelt, indem kindliche Riten wiedergefunden und kultiviert wurden. Ich greife hier also ausschließlich auf eigene Erfahrungen zurück. Dennoch verzichte ich aus stilistischen Gründen nach Möglichkeit auf die Ich-Erzählung und bringe sie auf eine objektivere Ebene, wobei ich auch den Ausdruck "der Proband" verwende, um mich zu distanzieren. Das gilt nicht für die kursiv gedruckten Erlebnisberichte. Ungenauigkeiten, Widersprüche, Wiederholungen und sonstige Mängel bitte ich zu entschuldigen, da hier vieles zum ersten Mal formuliert wird.

A. Rhythmische Techniken

Bluesspiel auf der Gitarre - Beim Spielen zyklischer Musikstücke versinkt man und entfernt sich von der Außenwelt. Der "Groove" beherrscht dann die Situation, das Ich verschwindet, die Trance verfestigt und stabilisiert sich. Es ist eine Art der Selbsthypnose. Sie äußert sich durch immer variationsreicheres Spiel und durch aufkommende Inspirationen, die sich in der Präsentation der Musik manifestieren, sowie in Ideen für neue Songs. Der Proband gehorcht sich ganz und befiehlt sich nicht. Er lässt seinen Körper gewähren, wenn der sich bewegen will, was auch oft der Fall ist.

Singen - Beim Singen ohne oder mit begleitendem Gitarrenspiel geschieht ähnliches. Der Körper hat beim reinen Singen - ohne die Konzentration auf die Gitarre lenken zu müssen - verstärkt das Bedürfnis, sich zu bewegen, zu tanzen, oder in anderer Form den Rhythmus körperlich mitzumachen. Der Körper will dann der Rhythmus sein.

Musik Hören - Beim Hören von rhythmischer Musik, ausgelöst wiederum im wesentlichen durch den Groove, kann eine Trance eintreten.

Regen - Das monotone Fallen von Regen führt zu Trancen auf dreierlei Art: durch den akustischen und durch den visuellen Rhythmus und durch die Berührung des Regens mit dem Körper. Ein gleichmäßiges langsames Spazierengehen fördert den Trance-Eintritt. Meeresrauschen hat einen ähnlichen Effekt.

Bei einem Spaziergang im Park um den großen Teich herum begann es recht heftig zu regnen. Ich hatte keinen Schirm dabei und wollte nicht auf den Gang verzichten. Also ignorierte ich den Regen und ging langsam weiter. Die auf dem Teich zerplatzenden Tropfen und meine eigene Durchnässung versetzten mich in eine leichte Trance. Ich ging aufrecht und gerade, bekam kleinere Blickstarren und ignorierte die Gesichter mir entgegenkommender Passanten. Als ich auf der anderen Seite des Teiches angekommen war, hatte sich die Trance stabilisiert. Ich trat unter einen ausladenden Baum, der am Ufer steht und in den Teich hineinragt.Unter diesem Schutz betrachtete ich minutenlang die Weite des Teiches mit Blickstarre und fiel in Tieftrance, während ich unbewegt dastand. Ich empfand es (aber erst einige Wochen später) als eine Art Auftanken des Energiedepots, auch einer Art von Selbstheilung, etwa wie eine Bestrahlung. Es muss wohl einen Unterschied zwischen kreativen und regenerativen Trancen geben.

Bewegung - Oft setzt eine leichte Trance beim Spazierengehen oder Fahrradfahren ein. Sie kann - wie übrigens oft - von Außen kaum identifiziert werden. Einige Songs des Probanden sind beim Spazierengehen entstanden, meist abgeleitet vom Rhythmus des Ganges. Der Rhythmus verselbständigt sich dann und funktioniert wie ein Drum-Pattern, welches zu Kompositionen animiert. Auch bei Aufräum-, Putz- und Ordnungs-Meditationen kann es zu recht tiefen Trancen kommen.

B. Visuelle Techniken

Natürliches Licht - Scheint die Sonne in einen Teich oder einen Baum, sodass Lichtblitze entstehen und strahlende Farben, so kann das die Trancebereitschaft fördern oder eine Trance einleiten.

Künstliches Licht - Ein Computerbildschirm hat - besonders bei Schreibtrancen - einen trancefördernden Effekt. In gewisser Weise auch der Fernsehbildschirm.

Muster und Landschaften - Muster wie z.B. Baumstrukturen fördern die Trance-Bereitschaft, sowohl die Struktur des Blätter (und ihre Farben), als auch die der äste. Hier ist ebenfalls die Bewegung förderlich, nämlich das Vorbeigehen beim Spaziergang oder Fahren im Zug. Je mehr Sinne an der Wahrnehmung beteiligt sind, desto besser.

C. Weitere (auto-) suggestive Techniken

Schreibtrance - Oft sagt eine innere Stimme dem Probanden, dass er schreiben soll. Er sitzt dann am Computer, und durch die Konzentration auf die Aufgabe beginnt die Trance schnell. Nach den ersten geschriebenen Sätzen "übernimmt" das Unterbewusstsein die Kontrolle und schreibt weiter. So entstehen Gedichte, Satiren, Geschichten, Songs, Briefe u.a. Zugrunde liegt ein Bewusstsein darüber, dass das Resultat "rund" sein wird. Viele vor Publikum erfolgreiche Texte des Probanden entstanden so. Obwohl minutiös durchstrukturiert, sind sie doch spontan und ohne vorige Gliederung sowie ohne Planung der Pointe geschrieben worden. Es ist ein Spiel, es ist ein Selbsttest jedesmal. Auch ein Orakel  und eine Dokumentation.

Wellenreiten - Eine weitere, nicht zu unterschätzende Technik ist es, mit dem emotionalen Motor eines gerade vollendeten kreativen Outputs gleich zum nächsten zu wechseln. Man kann das mit Wellenreiten vergleichen. Man bemüht sich, die Welle nicht zu verlassen. In Selbsttests sind fast unbegrenzte Möglichkeiten entdeckt worden. So kamen durch Training bis zu sieben Songs an einem Tag mehrmals vor, auch drei bis vier qualitativ hochwertige literarische Texte (dokumentiert im

Leere - Durch Fasten und zen-buddhistische Selbstleerung (Ich bin Nichts) können Trancen provoziert werden. Auch Koan-Meditationen gehören hierzu.

Hypnose - Der Proband kennt die Erfahrung, in den Augen eines anderen Menschen zu versinken, ebenso wie es ihm andersherum bereits gelungen ist, andere in den Bann zu ziehen. Diese Techniken sind nicht weiter verfolgt  bzw. in Bühnenauftritten oder Inszenierungen ritualisiert worden.

Permanente Trance - Im Mai bis zum September 1998 ist es dem Probanden mit  Unterbrechungen gelungen, Trancezustände auf mehrere Wochen auszudehnen. Er befahl sich nichts mehr und ließ sich vom Unterbewussten leiten. Hier wurde systematisch - und im Verlauf des Versuchs mehr und mehr unbewusst - alles selektiert, was trancefördernd wirkt und alles ausgeschaltet, was hemmend wirkt. Die Tieftrance-Phasen verdichteten sich. Der Proband fühlte sich wie ein gläserner Mensch, weil er sein Leben so weit vereinfacht hatte, dass er nichts mehr zu verbergen hatte. Auch fühlte er sich als ein Spiegel, der nur reflektiert, was er wahrnimmt und nicht mehr selbst handelt. Dokumentiert wurden die Vorgänge in den Songs, Gedichten, Briefen, Gesprächen und Geschichten aus dieser Zeit, in der sehr schnellen Fertigstellung seiner ersten CD und der Sprüchesammlung "The Book of Games", die in ihrem Basisbestand aus einer langen Tieftrance stammt. Permanent heißt hier, dass der überwiegende Teil der Zeit in hoch sensibilisierter Verfassung verbracht wurde. Insgesamt ist der Vorgang zeitlich immernoch zu nah, um ihn zu verstehen.

Es handelte sich aber, wie im Nachhinein klar wurde, um den Versuch des Unterbewussten selbst, die Länge und Tiefe von Trancen zu erkunden und zu dokumentieren. Gleichzeitig ging es um die wichtige Frage, ob lange Phasen von Euphorie zwangsläufig eine Depression nach sich ziehen oder nicht. Der Proband kam zum vorläufigen Ergebnis, dass dies nicht der Fall sei, ist sich aber der Tatsache bewusst, dass dieses Ergebnis im Widerspruch zur etablierten Meinung steht. (NB: Selbst John Lennon schrieb in dem Song "Everybody's got something to hide" die Worte "The higher you fly the deeper you go, the deeper you go the higher you fly", wobei "going deeper" zweierlei bedeuten kann, die Depression aber sicherlich mitmeint.) Dieser ausgedehnte und erkenntnisreiche Selbstversuch musste aus sozialen Gründen abgebrochen werden.

2. Trance-Glossar hinsichtlich der Bewusstseinsveränderung

Vorbemerkung: Als Künstler interessieren mich die Wege zur Trance weniger als die Trance selbst und die damit verbundenen Erfahrungen und Werke. Die Frage "Wie erreicht man eine Trance?" erscheint mir sogar ungenau. Davor noch nämlich stellt sich die Frage: "Warum will man eine Trance erreichen?", denn die tiefe Trance ist eine Art Orakel, sie stellt etwas Heiliges für mich dar, was auch in der Tatsache begründet ist, dass man sie nicht auf Kommando erreichen kann.

Für den Versuch dieser Darstellung  der typischen Merkmale meiner Trancen wähle ich die assoziative Form eines Glossars, weil diese Merkmale heterogen und nicht hierarchisch oder auch taxonomisch fassbar sind.

ANTENNE : Im Trance-Zustand scheint es, als sei ein Sinn geschärft, der nicht zu den fünf Sinnen gehört. Je schärfer dieser ist, zum Beispiel auf einer Skala von 0 bis 10, desto besser die Antenne für jene Art von Reizen, die eine Trance fördert, das heißt einleitet oder weiterführt. Durch eine 10-sekündige Selbstanalyse kann man seinen derzeitigen Antennenwert angeben.

Die Erstellung von Biorhythmen bzw. ein Kreativ-Tagebuch kann Aufschluss geben über die verschiedenen Phasen von Trance-Bereitschaft eines Probanden. Sensibilisierungstechniken jeder Art sind der Schlüssel für methodische Trance-Induktion, falls es eine solche gibt und falls so etwas sinnvoll ist. Viele sensibilisierte Menschen haben eine Metapher wie die der Antenne.  (NB: Der Jazzsaxophonist John Coltrane sprach von seinem Spiegel, den er sauberkratzen müsse.) Das Unbewusste wird beim Kontrollverlust zum Antennen-Ich. Auch Reize von sehr weit weg scheinen aufgenommen werden zu können.

EINHEIT : Das Gefühl der Einheit ist das höchste aller Gefühle. Möglicherweise ist es nur in zumindest leichter Trance möglich. Innen ist Außen, das Kleine ist das Große, alles ist eins. Alle Dinge scheinen dann zusammenzugehören, wie von selbst. Je nach Tiefe der Trance kann das bis zu Erleuchtungserfahrungen führen. Die Dauer sowie die Tiefe des Zustandes haben prinzipiell keine Grenzen. Man ist dann ständig glücklich, weil man sich wahrhaftig fühlt, als Teil von allem. Man kann sich mit allen Dingen identifizieren und kann alle Dinge verbinden. Das schöpferische Streben steigt. Man wacht im besten Falle in jeder Sekunde neu auf. Man glaubt und man vertraut.

ENERGIE : Während kreativer Hochphasen erschien mir der Ausdruck "den Ball nicht festhalten" als signifikant. In Trance und der damit verbundenen Vereinfachung der Situation sind große Energiemengen im Umlauf. Sie werden vom Medium absorbiert und sofort verarbeitet, umgesetzt, weitergegeben, wie ein Ball, der immer in der Luft bleiben muss, in Bewegung bleiben muss, um das Spiel am Laufen zu halten. Dies gilt insbesondere für  kreative Prozesse und Gemeinschaftstrancen (z.B. Auftritt vor Publikum im besten Falle). Es gibt verschiedene Energielevel, auf denen man sich bewegen kann, auch für längere Zeit.

GEDÄCHTNIS : In Trancen werden u.a. Erinnerungen beschworen und wiederbewertet oder verwoben, bestenfalls vereinfacht und ausgedrückt. Das Unbewusste braucht ständig Speicherplatz. Es ist um eine Ordnung bemüht, aber keine logische Ordnung, sondern eine Art von kognitiver Ordnung, wie etwa Reime oder Geschichten, Witze, Assoziationen, Inszenierung, Traum, Kunst, Ausdruck. All dies ist Vereinfachung, auch um das Gedächtnis zu optimieren. Es sind die vielen kleinen und die wenigen tiefen Trancen, die den Prozess der Vereinfachung, welche vom Unbewussten gesteuert wird, in Gang halten und weiterbringen.

Alle Trance-Erlebnisse prägen sich tief in das Gedächtnis, weil sie tief erlebt sind. Manchmal spürt man schon während der Trance, wie sich die Eindrücke im Unterbewusstsein ablagern werden. In solchen Momenten kann man sich kurzzeitig der eigenen Trancetiefe bewusst werden. So, wie man Sonnenstrahlen auf der Haut brennen spüren kann. Texte oder Songs, in tiefer Trance geschrieben, halten sich mit  weniger Schwierigkeiten auswendig als sonstige.

GEWISSEN : Die beste Voraussetzung für die Bereitschaft zu einer tieferen Trance ist ein gutes Gewissen. Alle inneren Konflikte, die nicht bewusst oder die verschoben oder verdrängt sind, behindern den Zugang zur Trance. Andersherum reinigt die Trance das Gewissen, indem z.B. sublimierte Bewältigungen geschehen. Nichts anderes ist der kreative Prozess, wenn man berücksichtigt, dass auch Glücksgefühle bewältigt werden müssen. Das Unbewusste strebt langfristig nach Erlösung, nach Reinigung des Gewissens und dann der Bewahrung des Zustands der Unschuld, der wiederum Freiheit verspricht. Ein schlechtes Gewissen beisst und hemmt. Es besteht eine enge Beziehung zwischen Trancebereitschaft und dem Gewissen.

KONZENTRATION : Während der Trance kann man beim Konzentrieren entspannen. In Tieftrance kann das dazu führen, dass soviel Energie freigesetzt wird, dass mehrere voneinander unabhängige Arbeitsvorgänge simultan stattfinden können, wie in mehrwöchigen Selbsttests festgestellt werden konnte. Bei Schreibtrancen kann es bestenfalls dazu führen, dass alle konzeptionellen und redaktionellen Schritte eines Textes gleichzeitig ausgeführt werden können, so dass der Text "so heruntergeschrieben" wird. Hohe Konzentration ist hohes Bewusstsein. In der Trance  bringt die Konzentration Freude, sie lässt sich jedoch nicht auf beliebige Objekte richten, sondern folgt einer inneren Stimme. Konzentration ist letztlich nichts anderes als Vereinfachung.

MÄRCHEN :  In einigen Arten von Trance neigt man zur Inszenierung der Situation, um sie zu manifestieren oder auch, um Wunschsituationen zu manifestieren. Das Unbewusste (wird) vereinfacht, bis die Situation bestenfalls zur reinen Stimmung oder reinen Entscheidung gerät. Alles andere wird herausgesiebt. In einigen Trancen ab mittlerer Stärke bekommt die Welt etwas Märchenhaftes, vermutlich, weil dies die leichteste Form von Verarbeitung darstellt und die leichteste Form von Wahrnehmung. Ohnehin scheint man in Trance zum Kind zu werden, weil man nicht gehemmt ist. Märchen vereinfachen, so wie Lieder, alles wird komprimiert, um zu verstehen, zu verarbeiten, auszudrücken, und um Platz zu schaffen für neue Erfahrungen und Eindrücke, für das Leben also.

MEDIUM : Im kreativen Prozess erscheint es, als würde das Ich ganz verschwinden und sich einer anderen Kraft unterordnen, die von Innen kommt. Wacht man aus einer kreativen Trance auf und besieht sich glücklich sein Werk, so fällt es mitunter sehr schwer zu sagen: Das habe ich gemacht. Eher strömt da etwas durch einen hindurch, man ist nur Mittler. Der kreative Akt ist ein Drang, etwas anderes, dem man vertraut, ist stärker als man selbst. Auch in bestimmten Hypnose-Situationen scheint man zum Medium werden zu können.

SELEKTION : Man kann trainieren, positive, trancefördernde Reize zu selektieren. Man muss dafür nur wissen, was man wirklich mag und was nicht. Eine Erscheinung der Trance ist, dass der Vorgang der Reiz-Selektion vom willentlichen Ich übergeht zum Unbewussten oder Unterbewussten, zum Antennen-Ich, bis man keinerlei Kraft mehr aufwenden muss, um zu handeln. Die Handlung ergibt sich dann bestenfalls aus der gegebenen Situation.

SPIEGEL: Bewusstsein über die gegebene Situation mit all ihren Facetten, Implikationen und Schichten ist der Lohn des tiefen Trance-Zustandes. Je tiefer das Verständnis der Situation, desto leichter wird es, einen möglichst passiven Platz in der Situation einzunehmen um Energie zu sparen. Die freigesetzte Energie kann dazu genutzt werden, die Situation zu verlassen, etwa für Visionen. Bewegt man sich in definierten Situationen auf einem hohen Energielevel, so kann es geschehen, dass man in die Rollen seiner Umwelt, z.B. die anderer Personen, schlüpft. Eine Erfahrung, die in einem Songtext des Probanden "Mind Crossing" genannt wurde.

TIEFTRANCE : Oft weiß man erst, dass man in einer Trance war, wenn man daraus aufgewacht ist. Trance ist ein Zustand wie im Halbschlaf. Es gibt aber auch hyperaktive Trancen. Als stünde man mit einem Bein im Bewusstsein und mit dem anderen im Unterbewussten. Sie verschmelzen, harmonieren, bewirken die überwindung von Unterscheidungen jeglicher Art. Sie lösen die Dialektik auf. Von außen sind Trancen nicht unbedingt erkennbar, von innen manchmal auch nicht. Es gibt verschiedene Arten und verschiedene Tiefen. Auch in tiefer Trance wird man nicht schutzlos, man vertraut seinem Instinkt. Der Erfolg gibt einem Vertrauen und Recht. Das Gefühl von Wahrhaftigkeit ebenso. Ständiges Lernen und ständige Veränderung sind dafür notwendig für das Trainieren bzw. Beobachten solcher Zustände, sowie der Verzicht auf Dogmen. Das mir bekannte Repertoir ist etwa folgendes: die Trance, die zu kreativem Output bzw. Ausdruck führt, also die kreative Trance; und die Selbstheilungs- oder Regenerationstrance. Das eine wäre Ausatmen, das andere Einatmen. Auch Inszenierungs-Trancen, z.B. Musikvorführungen sind kreativ. Reise-Trancen dagegen, solche, in denen nach etwas gesucht wird (Ausdruck, Entscheidungen o.a.), können wohl beides sein. Vielleicht gibt es aktive und passive Trancen. Dazu kommen Gemeinschaftstrancen wie in bestimmten Hypnose-Situationen, die eine andere Dynamik haben als Einpersonen-Trancen.

VISIONEN : In sehr tiefen Trancen sowie in Träumen kann es zu Visionen kommen. Eine solche Vision kann sich in einem Text oder einem Song oder einem Bild äußern. Sie kann auch zu körperlichen Symptomen führen, wenn zum Beispiel eine Person im Traum erscheint und man mit rasendem Herzen aufwacht. Gelingt es, eine tiefe Trance zu stabilisieren, wird das Medium in die Lage gebracht, sich über die Situation zu erheben und die momentane Stimmung zu sublimieren. Eine extrem hohe Hirntätigkeit setzt ein, der "Lebensfilm" ist präsent. Das Antennen-Ich beginnt, die Situation zu variieren, auszuloten, in allen Schichten der Situation und über sie hinaus.

In einer Trance schrieb ich das folgende Gedicht, um dieses Phänomen einzufangen. Es ist vom 16.04.99, heißt "Ohne Anstrengung" und lautet:Ohne Anstrengung fällt der / Stein ins Wasser / Ohne Anstrengung / kreisen die Kreise / von innen nach außen / Situationen in der Situation /             Aus dem Nucleus geborene / Bahnen / Unsichtbar / wie Nachträuber die Maus / umkreisen, wie Freund und Feind / sich finden, sich / stören / Krummes wird gerade / Halte die Steine in der Hand / ohne Anstrengung.

So kann man, wenn von der Situation gelöst, empfänglich sein für starke Bilder aus dem unbewussten Bereich. Diese können mit der Vergangenheit zu tun haben oder oder mit vielen anderen Dingen. Bei einigen dieser Visionen scheint es eine wesentliche Voraussetzung zu sein, dass das Medium ein ausgeprägtes Todesbewusstsein hat.

ZEITBLASE : Es handelt sich dabei um einen meist euphorischen Trance-Zustand mit großer Energiedichte, der zu enormen kreativen Leistungen führt. Man ist wie in einem Raumschiff. Eine Kraft überkommt das Medium. Ein Song mit sieben Teilen kann in 45 Minuten entstehen, einer von der seltenen Art. Das Glücksgefühl beim Schaffen eines Kunstwerks stammt im wesentlichen aus dem Bewusstsein, etwas zu schaffen, dass länger dauern wird, als man selbst. Die Zeit bekommt eine Eigendynamik. Das entstehende Werk bestimmt die Zeit. Dieses Gefühl gibt es auch manchmal bei Inszenierungen oder bei anderen produktiven Tätigkeiten. Der Ausdruck "Zeitblase" ist nicht von mir erfunden. Paul Simon benutzte ihn 1985 auf der Platte "Graceland" (der Song "The Boy in the Bubble"). Auch andere Popmusiker berichten von diesem Phänomen. Er entzieht sich weitgehend der Analyse, faszinierend aber die Hoffnung, solche Erfahrungen oft und möglicherweise mit steigender Energie erleben zu können. Man kann bis zu einem gewissen Grad darüber sprechen.

Vom CD-Booklett: Anis Electric - The Story

A weekend it was. I came back home from work, it was the 3d of June 1999, and felt a rare sort of energy stream climbing up from my guts to my heart and head. Riding home in the train my fingers started to move impatiently. It had been a rough time altogether and a lot of oppressed emotions which do not seem to have a place in civilized humanity, needed a vent. At 5 p.m., I found myself in the bedroom, the electric guitar in my lap, pencil and paper to the left on the bed, cables everywhere, headphones on and microphone ready, the four track recording machine on, testing the sounds of my new sound processor which is only the size of a walkman. The electric guitar had been  in the cupboard, I hardly ever used it. Now my fascination for the new sounds mixed with the blocked emotions and soon the time bubble caught me. I wrote songs #1-7 and recorded them as soon as each song was half-way clear to me. After midnight I went to bed. The one real good song of the session was "She's Walking Too Fast".   In the morning, I sensed that there was more and the time bubble caught me again. So I wrote another seven songs, better than the ones before. After the song "Celestial Hope" (although with a string out of tune), I had enough and liked what I did, so I rounded the recording with a reprise of the "I Don't Believe You" blues, the song I started with. When you compare the two versions of the song you might get an idea about what happened during the session. At 5 p.m. - 24 hours after the start - my cousin visited me and I gave him the first copy of the 35-minute tape.

Usually it takes more time to finish a song. This time, my focus point was not the beauty of the individual song, but the attempt to produce a complex musical unit in one breath. The whole process was an experiment to search for the limits of inspiration. There are no limits to inspiration. The songs were written and recorded in the very order they appear on the CD. To my knowledge, such an enterprise is unprecedented in pop history. Hopefully, the "Anis Electric" will be re-recorded with a group and thus reveal its true power and rhythmical depth.

                                  hoch