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ESSAY (10)
Künstler und Gesellschaft
Anis Hamadeh, 06.11.02 (überarbeitet im Juli 03)
Zusammenfassung

Inhalt: Gewalt - Funktion des Künstlers - Künstler und Establishment - Die Anderen haben Schuld - Der Glaube an Gewalt - Angstdenken - Kontrollmechanismen - Werte - Der Reformstau -



Authentizität, Kommunikation, Ästhetik. Es ist echt, es spricht, und es ist schön. Das ist Kunst.

Die Gesellschaften der Welt haben sich nach dem Elften September verändert. Einerseits sind sie näher aneinander herangerückt, andererseits haben sie sich weiter entfernt. Es sind politische Krisenzeiten fast auf der ganzen Welt, und immer wieder ist es die Gewalt, die für die deutlichsten politischen Veränderungen sorgt. Und immer wieder richten sich die Blicke auf die Gewalttäter und die Bedroher - sei es in der In-Group oder der Out-Group -, denn von dort erwartet man die politische Richtung. Niemand war und ist davon begeistert, dass harte Maßnahmen durchgeführt wurden und werden, etwa die Bombardierung Afghanistans, die innenpolitischen Verschärfungen, die internationale Jagd auf (kaum definierte) Terroristen oder die Entwaffnung von "bösen" Staaten.

Jedoch herrscht in den Gesellschaften der Welt ein allgemeiner Glaube daran, dass es nichts Stärkeres gibt als Gewalt. So wird immer wieder das Argument herangezogen, dass Hitler nur mit Gewalt zu stoppen war. Und auch in den Polizistenfilmen, die wir jeden Tag im Fernsehen und im Kino sehen, siegt das Gute über das Böse so gut wie immer durch Gewalt. Auch aus der Familie, der Schule und dem Beruf wissen wir, wenn wir auch nicht darüber sprechen, dass wesentliche Entscheidungen durch die Durchsetzung von Kontroll- und Zwangsmaßnahmen entstehen. So ist nun einmal, denken wir. Wir kennen nichts anderes.

Doch es ist nicht nur der sich verschärfende Weltkonflikt, der die Gesellschaften verändert hat. Es sind auch innergesellschaftliche Faktoren. In Deutschland beispielsweise ist es die Arbeitslosigkeit, die schon vor zwanzig Jahren das Thema Nummer Eins in Presse und Politik gewesen ist. Sie führte zu hohem sozialen Druck. Oder denken wir an die Bürokratie in Europa, die an die Schwerfälligkeit des alten Rom erinnert. An die Schere von Arm und Reich, über die der SPIEGEL im Sommer 1998 eine Titelgeschichte machte, die so eindringlich war, dass sie bis heute wirkt. Immer dringender wird auch das Problem der Nutzung natürlicher Ressourcen und natürlich des Hungers in der Welt.

Auch diese Probleme haben mit Gewalt zu tun, auch wenn sie von anderer Qualität erscheinen als das Nahostproblem und der Terrorismus. Professor Johan Galtung entwickelte dafür die Begriffe der "strukturellen Gewalt" und der "kulturellen Gewalt". Bei diesen Formen der Gewalt lassen sich die Täter nur schwer bestimmen. Wen soll man für den Hunger in der Welt verantwortlich machen, auch wenn man weiß, dass diese Menschen in einer gerechten Welt nicht hungern und sterben müssten? Strukturelle und kulturelle Gewalt sind nicht weniger gewalttätig als physische Gewalt, sie sind nur nicht so sichtbar. Will man wirklich Gewalt überwinden - und das wollen wir hier - dann kann man strukturelle und physische Gewalt nicht voneinander trennen, denn es sind Arten von derselben Sache, und diese Sache ist die Ursache der allermeisten Probleme in der Welt.

- Funktion des Künstlers -

Historisch gesehen waren es immer wieder Künstler, die in Krisenzeiten als Warner, Kritiker und Visionäre aufgetreten sind. Diese Funktion des Künstlers in der Gesellschaft, die des sozial verantwortungsbewussten Traumboten, ist eine anthropologische Konstante, die für alle Gesellschaften und alle Zeiten gilt.

Auch die gesellschaftliche Ambivalenz des Künstlers in seiner Gesellschaft ist eine solche Konstante und gleichzeitig ein Spiegel der Gesellschaft. Was jeder Künstler braucht, ist Freiheit. Ob dies eine Freiheit ist, die er sich innerhalb einer eigenen Welt schafft oder eine gesellschaftliche Freiheit, die ihm von außen gewährt wird, ist dabei zunächst unerheblich. Erheblich ist die Inspiration, die in dem Freiraum gedeihen kann, und die als Kunst in die Gesellschaft zurückwirkt. Diese Freiheit wiederum, die den Künstler zu seinem Werk bringt, entfernt ihn auch von der Gesellschaft, wenn diese selbst nicht in Freiheit leben kann und sich also nicht mit dem Künstler identifiziert, und ihm also nicht vertraut.

Der Widerspruch zwischen gesellschaftlichem Zwang und künstlerischer Freiheit wirkt häufig subversiv, denn der Aufruf zur Freiheit, der die Kunst immer auch ist, hat in vielen Ohren eine umstürzlerische Tendenz. Er steht in großem Widerspruch zu der Annahme der Gesellschaft, dass es nichts Stärkeres gibt als Gewalt. Noch dazu wird dieser Widerspruch durch das Element der Verführung angestachelt, das der Ästhetik der Kunst innewohnt.

- Künstler und Establishment -

Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben der Kunst ist es, Gewalt aufzuzeigen. Meiner Ansicht nach ist dieser Aspekt bislang unterschätzt worden, was auch an der Stellung des Künstlers in der Gesellschaft liegt. Kunst geht immer an Grenzen, und oft an Toleranzgrenzen. Dass beispielsweise die Nazis bestimmte Kunst und Künstler als "entartet" bezeichneten, lässt uns heute die Ängste der Nazis viel besser verstehen, Ängste vor Freiheit und Andersdenken. Die Qualifizierung eines Künstlers als "entartet" kann ohne weiteres als Gewalt bezeichnet werden: Menschen wurden ausgegrenzt, damit eine bestimmte Ideologie bewahrt werden konnte. Eine Art von Zensur setzte ein. Meist war es das Schicksal des Künstlers, das auf die Gewalt der Gesellschaft aufmerksam gemacht hat, mehr noch als das künstlerische Werk. So war es bei Oscar Wilde, bei Robert Walser und bei anderen.

Das Establishment ist der Teil von uns, der in einer festgelegten Ordnung lebt, innerhalb derer die Gesellschaft funktioniert. Man kann sich selbst einbeziehen, wie es Hesse im "Steppenwolf" getan hat, der sich im Konfliktfeld zwischen Establishment und Freiheit gesehen und beide Teile in sich akzeptiert hat, und man kann den Begriff als Kampfbegriff verwenden, so wie es im Extrem die RAF in den 70er-Jahren getan hat.

Zu Hesses Zeiten wurde das Establishment meist noch Obrigkeit genannt. Erst das Ende des Zweiten Weltkriegs machte klar, dass der Obrigkeitsstaat gefährlich und zerstörerisch war, und ein gesellschaftliches Umdenken setzte ein, in dem festgelegt wurde, dass das politische Handeln des Staates vom Volk auszugehen hat und dass eine Gewaltenteilung und kritische Instanzen wie Opposition und Presse notwendig sind, um den Mechanismen des Obrigkeitsstaates zu entgehen. Auch der Schutz des Individuums vor dem Staat wurde nach 1945 wegen der schlechten Erfahrungen höher bewertet.

- Die Anderen haben Schuld -

Nach dieser Umkehr zur Demokratie in den 40er-Jahren wäre zu erwarten gewesen, dass die als gefährlich und zerstörerisch erkannten obrigkeitsstaatlichen Mechanismen weit in den Hintergrund treten. Warum aber gibt es dann so viel Gewalt in der Welt? Eine der Antworten, die im Westen weit verbreitet ist, ist die, dass diese Gewalt nicht aus den westlichen Demokratien stammt, sondern aus solchen Gesellschaften, die ihrerseits den Obrigkeitsstaat noch nicht überwunden haben.

Anders ist nicht zu erklären, warum die USA auf Selbstkritik nach dem Elften September weitgehend verzichtet und "die Terroristen" als Gesamtursache der Katastrophe betrachtet haben und betrachten. Die westlichen Demokratien können keine Schuld haben, da sie ja selbst Hitler erst erlebt und dann besiegt haben. Jedoch spricht vieles dafür, dass die als gefährlich und zerstörerisch erkannten obrigkeitsstaatlichen Mechanismen in den westlichen Demokratien gar nicht überwunden worden sind, obwohl viele von uns das so wahrnehmen.

- Der Glaube an Gewalt -

Der oben erwähnte Glaube an die Unbesiegbarkeit der Gewalt ist einer der wesentlichen Anhaltspunkte dafür, dass die Erkenntnisse aus dem Zweiten Weltkrieg sich noch nicht vollständig durchgesetzt haben. In den 50er- und 60er-Jahren waren es Künstler, die die Gesellschaften an die konstruktive Macht der Freiheit und Kreativität erinnern konnten: die Beat-Poeten und die Hippy-Bewegung wie auch Warhol und Beuys, Dylan und die Beatles. Doch vermochten es diese Künstler nicht, den gesellschaftlichen Glauben an die Priorität der Gewalt zu brechen.

Auch die Kriege nach 1945 und die gesellschaftlichen Probleme konnten nicht von ihnen verhindert werden. Und auch die Hippy-Bewegung wurde durch Gewalt zu einem schnellen Ende gebracht: durch die Ermordung der hoch schwangeren Schauspielerin Sharon Tate durch den Gewaltverbrecher Charles Manson im Jahre 1969. Wie
Richard Watts, der die 60er-Jahre in San Francisco erlebt hat, mir erzählte, war es seit diesem Tag in Kalifornien nicht mehr möglich, per Anhalter zu reisen. Es war vorbei. Der Kult, der danach um Charles Manson gemacht wurde (und bis heute gemacht wird), zeigt, dass auch die Love&Peace-Bewegung enttäuscht und zum Teil der Faszination der Gewalt erlegen war.

Die Popkultur brach auseinander nach dem Tod von Sharon Tate, und die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft veränderte sich durch die düsteren Pop-Helden, von denen es reicht, Manson zu nennen. Das Vertrauen der Gesellschaft in die Künstler, das absolut notwendig ist, da der Künstler per Definition nicht kontrollierbar ist bzw. sein soll, wurde tief erschüttert. Analog zu der Furcht, dass Politiker Hitlers Weg gehen könnten, ergab sich die Furcht, dass Künstler den Weg Mansons beschreiten könnten, wenn man sie zu groß werden ließ.

- Angstdenken -

In dem Spielfilm "The Sphere" mit Dustin Hoffman werden Forscher mit intelligentem außerirdischem Leben konfrontiert, das sich über den Computerbildschirm meldet mit den Worten: "Hallo, mein Name ist Jerry." Einer der verblüfften Forscher tippte seine Antwort in den Computer: "Woher kommst du?" - und ich musste mir unwillkürlich an den Kopf fassen und in meinen Fernseher rufen: "Nein! Was schreibst du denn Jerry da für einen Quatsch!" Dann schrieb wieder der Außerirdische, und er schrieb: "Ich bin glücklich." Und ich dachte: Natürlich schreibt er das. Was soll er sonst auf diese Respektlosigkeit antworten? Die Besatzung der Unterwasserstation, die diese Botschaften empfing, begann dann nachzudenken und wie folgt zu argumentieren: Dieser Außerirdische war mehrere hundert Jahre einsam. Daher wird sein Sozialverhalten auf einem kindlichen Niveau stehen. Wenn er betont, glücklich zu sein, steckt darin die Gefahr, dass er stark aus dem Gefühl heraus handelt. Wie also, so fragte sich die Besatzung, würde Jerry sein, wenn er wütend war? Sie bekamen Angst. Sie sagten Jerry, dass er auch verstehen müsse, dass Menschen eine Privatsphäre brauchten. Logischerweise hat das Jerry wütend gemacht. Und erst am Ende des Films bemerkten die Forscher, dass ihre eigenen Ängste sie in Gefahr gebracht hatten.

Ähnlich verhält es sich zwischen Künstlern und der Gesellschaft, Kindern und der Gesellschaft, Fremden, sowie allen anderen als nicht kontrolliert geltenden Personen und der eigenen Gesellschaft. Der Drang nach Kontrolle ist so stark, dass obrigkeitsstaatliche Mechanismen entstehen, um auf all diesen Leuten (auf all diesen Teilen von uns) den Deckel draufzuhalten.

Anders als in den vordemokratischen Gesellschaften jedoch wird diese Deckelung nicht mehr öffentlich vertreten. Es gibt keine "entarteten Künstler" mehr und keine in den Medien sichtbare politische Verfolgung von Künstlern oder anderer Menschen. Immerhin basieren unsere Demokratien auf dem Prinzip des Pluralismus und der Meinungs- und Glaubensfreiheit. Daran kommt niemand vorbei. Um also unkontrollierbare Elemente auszuschalten, bedarf es anderer Methoden, und die gibt es.

- Kontrollmechanismen -

Der Selbstzentrismus und das Angstdenken in unseren Gesellschaften machen es leicht, unkontrollierbare Elemente wie Jerry argumentativ abgesichert zu bekämpfen: Man erklärt sie für gefährlich und richtet den Blick nach innen auf die eigenen Ängste, aus denen man sein Handeln legitimiert. Dies ist nicht nur in diesem Film so geschehen, sondern auch nach dem Elften September. Es geschieht in Russland hinsichtlich der Tschetschenen, es geschieht in den USA jetzt hinsichtlich des Iraks, und es geschieht par excellence in Israel hinsichtlich der Palästinenser. In diesen Fällen wird physische Gewalt angewendet und dadurch legitimiert, dass es Gegengewalt ist, und dass sie sich dezidiert gegen Gewalttäter richtet, die der Gesellschaft schaden. Problematisch an dieser Methode ist erstens, dass Verallgemeinerungen auftreten, die sich gegen bestimmte Völker und Religionen richten können, und zweitens, dass vollständig unberücksichtigt bleibt, worin die Gewalt gegen das Establishment oder den Staat begründet liegt.

Der Selbstzentrismus in unseren Gesellschaften ist auch dafür verantwortlich, dass eigene Gewalt nicht als solche erkannt werden kann. Wer nur an sich selbst denkt, kann sich nicht in die Lage anderer versetzen, und er wird die Opferschaft eines anderen nicht erkennen können. Für Künstler gilt das doppelt, weil sie gesellschaftliche Freiheiten vorleben, die sich andere nicht leisten wollen: Warum soll ausgerechnet der Bohème es leicht haben, wenn ich selbst so leiden muss? Das fehlte gerade noch!

Immer wieder einmal hört man von Künstlern, die pathologisiert wurden. Genie und Wahnsinn, so wissen wir, liegen manchmal eng beieinander, und es bedarf nicht einmal eines bösen Willens, um bestimmte Künstler als psychisch gestört zu erklären und damit aus der Gesellschaft auszugrenzen. Robert Walser ist so ein Fall, der häufig zitiert wird. Oft sorgen bereits die Familien der Künstler dafür, dass sie von der Gesellschaft marginalisiert werden. Dies war z.B. bei Hermann Hesse der Fall, der von seinem Vater in ein Sanatorium gebracht wurde und der in seiner Heimatstadt Calw zu seinen Lebzeiten nie den Ruch des Faulenzers loswerden konnte.

- Werte -

Solche Kontrollmechanismen sind nicht (mehr) ideologisch, sondern es wird zumeist gar nicht darüber reflektiert. Es liegen ihnen Werte zu Grunde, die man täglich in den Medien und in der eigenen Umgebung hört. Hier einige Beispiele: Als Bush kurz nach dem Elften September vom "Ausrotten" und "dem Bösen" und dem "langen Krieg" sprach, da fragte die TAGESTHEMEN-Moderatorin Anne Will ihren Interview-Partner, ob es denn wohl bei Worten bleiben würde. Erst wenn Bush wirklich bombte, war das Argument für sie also wirksam. Ohne es zu merken oder zu wollen, hat die Journalistin hier gezeigt, dass sie an Gewalt glaubt. Das heißt nicht, dass sie Gewalt befürwortet, das würde ich ihr nicht unterstellen, aber die Gewalt hat ungleich mehr Autorität als Worte. "Wird es bei Worten bleiben", oder werden (wirkliche Gewalt-)Taten folgen? Es sind solche Kleinigkeiten, die bereits erkennen lassen, welchen Stellenwert etwa das Wort eines Schriftstellers in der Gesellschaft hat, nämlich kaum einen.

Ähnlich ging es vor sich, als der beliebte deutsche Film-Veteran Blacky Fuchsberger kürzlich in der Sendung "Beckmann" Werte ansprach. Er sprach sich dort gegen den Enthusiasmus im Allgemeinen aus, den er als unkontrollierbar und daher suspekt einstufte. Eine Ohrfeige für alle kreativen Menschen! Auch seine Bemerkung, dass man nichts Falsches tun könne, wenn man nichts tue, war eine Äußerung, die für die autoritäre Gesellschaft spricht und gegen das Forschen und Probieren und vor allem gegen das Kritisieren.

Wenn man seiner Umgebung und den Medien zuhört und dabei auf die Werte achtet, die den Aussagen der Leute zu Grunde liegen, stolpert man ständig über suggestive Äußerungen, die aus Angstdenken stammen und die sich gegen die Freiheit des Individuums richten.
"Auffällig bis kriminell" ist noch so ein Ausspruch, den ich aus den Nachrichten habe und der nahelegt, dass unkontrollierte oder anders-seiende Dinge von vornherein verdächtig sind.

Auch der Wert des Leidens wird sehr hoch bewertet, was dazu führt, dass wir uns gegenseitig damit beeindrucken, wie schlecht es uns geht. Jemand, der zum Beispiel völlig überarbeitet ist, bekommt dafür Anerkennung, weil er gelitten hat. Dass diese Verirrung auch dazu führt, dass Nicht-Leiden suspekt wird, wird dabei gar nicht beachtet. Dass es uns in eine Gesellschaft der leidend Handelnden verwandelt, wird auch nicht beachtet. Auch zu den Stereotypen über Künstler gehört, dass sie erst dann gut sind, wenn sie sehr gelitten haben oder leiden, was von vielen Künstlern als eine sadistische Unverschämtheit angesehen wird.

Der Wert, nach dem sich unsere Gesellschaften bekanntlich ganz wesentlich richten, ist der Materialismus. Das führt zum Beispiel dazu, dass man gesellschaftlich viel leichter akzeptiert wird, wenn man reich ist. So tief verankert in unserem wissenschaftlich-aufgeklärten Zeitalter ist der Materialismus, dass Spiritualität und Kreativität als Werte fast nicht mehr vorkommen. Auch wenn uns allen klar ist, dass an der Geschichte mit dem Goldenen Kalb etwas dran ist, auch wenn wir wissen, dass unsere nach Monopolen strebende Wirtschaft immer mehr Schaden in der Welt anrichtet, und obwohl wir wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, klammern wir uns an die Materie als Wert. Dass wir dadurch Unrecht entstehen lassen, nehmen wir einfach nicht wahr, wenn wir dadurch das Kreative und Spirituelle bekämpfen, auch nicht. Das ist die Bedeutung von Materialismus als Wert. Er richtet sich mittelbar gegen Kinder, gegen Künstler und gegen gläubige Menschen im Allgemeinen. Er ist gegründet auf Besitz und Gier und kann solch groteske Formen annehmen wie der aktuelle Werbeslogan der Firma Saturn in Köln: "Geiz ist geil."

- Der Reformstau -

Die Geiz-ist-geil-Gesellschaft verdrängt die Rechte des Individuums, auch wenn sie das Gegenteil glaubhaft machen will. Um die Fleischtöpfe zu verteidigen, geht man über Leichen. Um das Bild der heilen Welt nicht zu zerstören, werden wichtige Fragen gar nicht erst gestellt oder zugelassen. Diese Tendenzen der Gesellschaft sind selbstzerstörerisch und destruktiv. Es wäre z.B. an Künstlern, Gläubigen, Menschen mit idealistischen Werten, hier Gegenpole zu bilden. Dies wird auch getan, allerdings wird es nicht hinreichend gesellschaftlich anerkannt, bzw. wird es sogar erstickt. Der Reformstau, den es nicht nur in Deutschland gibt, wird dadurch nicht abgebaut. Im Gegenteil ist es selbst den Politikern nicht mehr möglich, an wirkliche Reformen auch nur zu denken. Für unsere gesellschaftlichen Probleme brauchen wir nämlich kreative und visionäre Denker, und genau die werden bei uns unter dem Deckel gehalten. Um den Schein zu wahren, wurde ein so genanntes Hartz-Programm entwickelt, mit dem Arbeitslose neu verwaltet und klassifiziert werden. Jeder kann sehen, dass dies keine Reform ist, sondern das übliche Hin-und-Her-Schieben von Problemen, aber die Politiker, die Presse und auch die Wähler haben es akzeptiert. Denn so wichtig Reformen auch sind, wichtiger noch ist, dass sich nichts verändert!

Wenn man sich wünschen könnte, wer gesellschaftliche Kritik ausspricht, so wird man sich einen Mund wünschen, aus dem andere Werte sprechen als der kalte Materialismus. Es wird einem lieber sein, wenn ein Freund es tut, und nicht ein Feind. Solange aber kritische Künstler, die dafür in Frage kommen, marginalisiert werden, solange schwebt der Vorwurf im Raum, dass hier die Gesellschaft von ihren demokratisch-pluralistischen Grundlagen weit weit abgerückt ist und sich zur autoritären obrigkeitsstaatlichen Gesellschaft zurückentwickelt hat, etwas, was wir nach dem Zweiten Weltkrieg explizit nicht mehr wollten.

(Umfang: 3.200 Wörter / 27.000 Zeichen)

Artist and Society
Anis Hamadeh, November 6, 2002 (revised in July 03)
Abstract

Content: Violence - Function of the Artist - Artist and Establishment - It is the Fault of the Others - The Belief in Violence - Fear Thinking - Mechanisms of Control - Values - Reform Jam -



Authenticity, communication, esthetics. It is original, it talks, and it is beautiful. That's art.

The societies of the world have changed after September 11. On the one hand they have moved closer to each other, on the other hand they have drifted further apart. We find times of political crisis almost everywhere in the world, and over and over again it is violence that brings about the most visible political change. And over again the attention is drawn to people who use violence and threat - be it in the in-group or in the out-group -, because it is violence from which we expect the political direction. Nobody was or is happy about the drastic measures, like bombing Afghanistan, or the domestic restrictions, the international hunt of (hardly defined) terrorists, or the disarmament of "evil" states.

And yet a general belief is prevailing in the societies of the world that there is nothing stronger than violence. So we often find the argument that Hitler could only be stopped with violence. In the police movies that we watch every day on TV and in the cinema it is also generally through violence that the good defeats the evil. From the families, too, from school, and from working life, we know - even if we do not talk about it - that the essential decisions are made on the basis of force and control measures. That's the way it is, we think. We don't know anything else.

But it is not only the accelerating world conflict that has changed the societies. There also are internal social factors. In Germany, for example, it is unemployment, an issue that has been a number one problem for twenty years in press and politics. It led to a high social pressure. To the same effect grew bureaucracy in Europe, and it reminds of the clumsiness of old Rome. Then there is the growing gap between the rich and the poor, about which the German news magazine DER SPIEGEL wrote a cover story in summer 1998 that was so impressive that it is still reverberating. More and more urgent also becomes the problem of using natural resources and certainly of famine.

These problems, too, have to do with violence, even if they appear to be of a different quality than the Middle East problem or terrorism. To describe such phenomena, Professor Johan Galtung developed the concepts of "structural violence" and "cultural violence". In these forms of violence perpetrators are less easy to trace. Who is to be made responsible for famine, even in view of the fact that these people would not have to be hungry and to starve in a just world? Structural and cultural violence are not less violent than physical violence, it is only less visible. If we really want to overcome violence - and this is what we want here - we cannot separate structural and physical violence, for they are parts of the same thing, and this thing is the cause of most of the problems in the world.



- Function of the Artist -

Historically it has often been artists who served as cautioners, critics, and visionaries in times of crises. This function of the artist in society, the one of the social messenger of dreams, with an awareness of responsibility, is an anthropological phenomenon, valid for all societies and all times.

Another such common phenomenon is the ambiguity of the artist in his or her society, being a mirror of this society. What every artist needs is freedom. Whether this is a freedom they create within their own worlds or whether it is a social freedom granted to them from the outside, is not the point. The point is the inspiration which can flourish in this freedom and which reflects back into the society in the form of art. This freedom which brings the artist to his or her work in turn moves them away from the society, if the society itself cannot live in freedom and thus cannot identify with the artist, and thus cannot trust the artist.

Often the contradiction between social restraint and artistic freedom has a subversive connotation, for the call for freedom - and art is always that - for many ears has an anarchist tendency. This call massively contradicts the supposition of society that there is nothing stronger than violence. Moreover, this contradiction is incited by the element of seduction which is inherent to the esthetics of art.



- Artist and Establishment -

One of the most important tasks of art is to show and indicate violence. In my opinion, this aspect has been underestimated, due also to the position of the artist in the society. Art always touches boundaries, and often boundaries of tolerance. The fact that the Nazis, for example, had called certain art and artists degenerated ("entartet"), today gives us an insight about the fears of the Nazis, fear of freedom and fear of individualists. The qualification of an artist as being "degenerated" can by all means be labeled as violence: people were pushed out of the society so that a certain ideology could be preserved. Effectively, it meant a kind of censoring. It was mostly the fate of the artists that indicated the violence of the societies, more so than their artistic works. This was the case with Oscar Wilde, with Robert Walser, and with others.

The establishment is the part of us which lives in a rigid order within which society is functioning. We can include ourselves, as Hesse did it in the "Steppenwolf", regarding himself standing in the conflict field between establishment and freedom and acknowledging both parts in himself, and we can exclude ourselves and use it as a battle concept, in a way that the RAF in Germany did it extremely during the seventies.

In Hesse's time the establishment predominantly was called "Obrigkeit", i.e. magistrate. Only the result of World War II made it clear that the magisterial state was dangerous and destructive, and a social transformation of mind set in, in which it was decided that political action has to spring from the citizens, and that a division of power as well as critical entities like opposition and press are necessary, if we want to avoid the mechanisms of the magisterial state. Moreover, the rights of the individuals in front of the state were assigned a higher value after 1945, because of the bad experiences.


- It is the Fault of the Others -

After this return to democracy in the 1940s it was to be expected that the magisterial mechanisms, which were realized to be dangerous and destructive, would step far into the background. But then why is there so much violence in the world? One of the answers that are widespread in the West is that this violence does not stem from the western democracies, but from those societies which have not overcome the magisterial state themselves.

There is no other explanation why the US has largely refrained from self-criticism after September 11 and why it has been considering "the terrorists" as the final cause of the catastrophe. The western democracies, in this view, cannot be guilty in any form, because they themselves have experienced Hitler first, and then won over him. Yet, a lot of things indicate that the magisterial mechanisms, which were realized to be dangerous and destructive, are not at all overcome, although many of us have the impression that it would be so.


- The Belief in Violence -

The above-mentioned belief in the invincibility of violence is one of the most material clues for the awareness that the knowledge derived from World War II has not yet completely carried its point. In the fifties and the sixties it was the artists who could remind society of the constructive power of freedom and creativity, like the Beat Poets and the Hippy Movement, and also Warhol and Beuys, Dylan and the Beatles. Yet those artists did not succeed in breaking the prevailing social belief in violence.

Neither could the wars after 1945, nor the social problems be prevented by them. And even the Hippy Movement was brought to a quick end because of violence: in the murder of the highly pregnant actress Sharon Tate by the criminal Charles Manson in the year 1969. As
Richard Watts told me, a poet who lived the sixties in San Francisco, it was right from the day after the event that it became impossible in California to travel hitch-hiking. It was over. The cult, which has been made around Charles Manson (until today) shows that even the Love&Peace Movement had become disappointed and partly succumb to the fascination of violence.

Pop culture broke down after the death of Sharon Tate and the position of the artist within society changed with the dark pop heros, of which it suffices to mention Manson. The trust of society in the artists, which is absolutely necessary, because the artist by definition is not and not to be controlled, was devastated. Analogous to the fear that politicians could go Hitler's way the new fear arose that artists could go the way of Manson, if the society let them become big enough.




- Fear Thinking -

In the movie "The Sphere" with Dustin Hoffman researchers are confronted with intelligent extra-terrestrian life which communicates with them via the computer monitor and with the words: "Hello, my name is Jerry." One of the stunned researchers gave his answer into the computer: "Where do you come from?" - and I unintentionally had to shake my head and say into my TV set: "No! What is this rubbish that you are writing there to Jerry!" Then the extra-terrestrian wrote again and said: "I am happy." And I thought: of course he writes that. How else should he respond to this respectlessness? The staff of the under-water station, anyway, which was receiving these messages, started to think and then followed this way of argument: this extra-terrestrian has been lonesome for several hundred years. Therefore his social behavior will be on the level of a child. If he stresses to be happy, then we have to face the problem that he is strongly acting out of his feelings. So what, the staff asked themselves, if Jerry gets angry? They became frightened and told Jerry that he also has to understand that humans need their privacy. As a matter of logic, this made Jerry angry. And it was only at the end of that movie that the researchers realized that it had been their own fears which had brought them into trouble.

We find similar constellations between artists and society, children and society, foreigners, as well as all other people who are in one way or another not to be controlled, and the own society. The call for control is so strong that magisterial mechanisms are generated in order to keep the cover upon all these people and all these aspects in us.

Unlike in pre-democratic societies, however, this covering is not public anymore. There are no more "degenerated artists" and there is no more political persecution of artists or other people visible in the media. For our democracies today base on the principle of pluralism and on the freedom of opinion and belief. This is something that cannot be escaped. So in order to extinguish uncontrolled elements it needs different methods, and these methods exist.



- Mechanisms of Control -

Self-centeredness and fear thinking make it easy in our societies to fight uncontrolled elements like Jerry with good arguments: they are declared to be dangerous and thus turn the own inner fears to be the focal point of attention, out of which action is legitimated. This did not only happen in this movie, it also happened after September 11. It is happening in Russia with the Chechenians, and it is happening in the US now with Iraq, and it is happening par excellence in Israel with the Palestinians. In all those cases physical violence is exerted and legitimated by calling it counter-violence and by saying that these measures are deliberately against violent people which are damaging the society. The problem of this method firstly is that generalisations occur which effectively can be against certain peoples and religions, and secondly that the reasons for this violence against the establishment remain completely unconsidered.

The self-centeredness in our societies also is responsible for the fact that the own violence can never be recognized. Who only thinks about himself is not able to put himself in the position of the other, and he will not be able to recognize the victimship of the other. This is doubly true for artists, for they live certain social freedoms, which others deny for themselves: why should the bohème have a good time, if I myself have to suffer so much? No way!

Sometimes we hear of artists who were pathologized. Genius and frenzy, this we know, sometimes are close to each other. And it does not even need bad intentions to declare certain artists as psychically deranged and to thus bring them out of the society. Robert Walser is such a case and he is often referred to. Often it is the families of the artists who care for their marginalization in society. This was so e.g. with Hermann Hesse, who had been put into a madhouse by his own father, and who during his lifetime never had a chance to get away from the image of a lazy boy in his home-town Calw.



- Values-

Such mechanisms of control are not ideological (anymore), instead people just don't reflect about it. There are underlying values responsible for this, values that we hear every day in the media and in the own surroundings. Here are some examples: When Bush, shortly after September 11, talked about "ridding" and "the evil" and "the long war", news speaker Anne Will from the TAGESTHEMEN asked her interview partner, if these were only words. So only when Bush really bombed this argument would be valid for her. Without realizing or wanting it this journalist showed here that she only believes in violence. This does not mean that she supports violence, I would not claim that, yet violence has much more authority for her than words. "Will it only be words" or will (real, violent) action follow? It is such little things which already make clear what the position of, for example, the word of a writer has in society, and that is a very low position.

A similar mentality showed when recently the popular German movie-veteran Blacky Fuchsberger talked about values in the program "Beckmann". There he talked against enthusiasm in general which he described as uncontrollable and thus suspicious. A hit in the face for all creative people! Then there was also his word that you cannot do anything wrong if you don't do anything. This was an utterance in favor of the authoritarian society and against any research and practising and especially against criticism.

When you really listen to your surroundings and the media and pay attention to the values on which their statements rest, you will continuously stumble over suggestive utterances that stem from fear thinking and that are arguing against the freedom of the individual. "Conspicuous up to criminal" is another of those sayings which I heard in the news and which suggests that uncontrolled and alien things are suspicious without any need of further investigation.

The value of suffering does also have a good reputation which leads to situations where we impress each other with our respective suffering. For example, somebody who is completely exhausted from work will earn respect for the fact that he suffered. In such cases it is not taken into consideration that such an aberration also makes all non-suffering suspicious. Another thing that is not taken into consideration is that this transforms us into a society of suffering acting people. In this context we find the stereotype against artists that they are good only when they have suffered or when they suffer, an argument which is regarded to be a sadistic insolence by many artists.

As is known, the most common value by which our societies live is materialism. This leads to the fact that you are much more accepted socially when you are rich. So deeply anchored in our scientific-enlightened age is materialism that you will hardly find spirituality and creativity as values anymore. So even if all of us know that there is something to this story about the golden calf, and even if all of us know that our economies, which tend to monopolization, bring more and more damage to the world, and although we know that the last shirt has no pockets, we cling to matter as a value. That we let injustice happen through this is something that we do not even realize. That we fight the creative and the spiritual with this mentality, neither. This is the meaning of materialism as a value. It is mediately aiming against children, against artists, and against faithful people in general. It is grounded in possession and greed and can take such grotesque traits as the current commercial slogan by the company Saturn in Cologne: "Stinginess is cool" ("Geiz ist geil").


- The Reform Jam -

The stinginess-is-cool-society represses the rights of the individual, even if it wants to suggest the opposite. In order to defend the meat pots they ignore the lives of other people. Important questions are not even posed or accepted, so that the dream image of the good world cannot be doubted. These tendencies in society are self-destructive and wrong. It would be the task of e.g. artists, believers and people with idealistic values to build counter-poles here. And we do find that, but it is not sufficiently acknowledged in the society, and it is even stifled. The reform jam, which is not only a German phenomenon, is not in any way solved with this mentality. On the contrary, even the politicians are no longer able to even think about real reforms. Because for our social problems we need creative and visionary thinkers, and those are exactly the ones that are kept under the cover. In order to pretend, a so-called Hartz Program was developed, with which unemployed people can be classified and organized in a new way. Everybody can see that this is not a reform, but rather the usual pushing of problems to and fro. And yet, the politicians, the press, and also the voters have accepted it. For as important as reforms might be, there is something even more important, and that is that nothing is to change!

If we could choose the one who speaks social criticism we would wish it to be a mouth out of which speak values different from cold materialism. It should rather be a friend than an enemy. But as long as critical artists, who could support to serve this purpose, are marginalized, so long will the reproach hang in the air that here society has moved far far away from its democratic-pluralistic bases and that it has developed back into an authoritarian and magisterial society, something, which we deliberately did not want to happen anymore after World War II.

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