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ESSAY (18)
Deutschland-Essay
Anis Hamadeh, 02.09.2006

Die Kriege der jüngsten Zeit - Afghanistan, Irak, Libanon, Palästina - stellen das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA/Israel auf die Probe. Seit dem Elften September werden unsere Mainstream-Politiker und -Journalisten nicht müde, die freundschaftlichen Beziehungen zu den USA zu betonen und zu rechtfertigen. Ein politischer Bruch mit den Vereinigten Staaten ist derzeit bei uns nicht diskutierbar. Der Gedanke kommt in manchen Kreisen auf, in linken, rechten, liberalen, weil die genannten Kriege weder rechtlich noch moralisch zu verantworten waren und noch Schlimmeres befürchten lassen, aber ernsthaft in Erwägung gezogen wird ein Bruch nicht.

Vielmehr ähnelt die Beziehung der eines übermächtigen Vaters zu seinem Kind. Die Bundesrepublik wurde zu einem bedeutenden Teil gezeugt von den USA, einer der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs. Korea, Vietnam und die weiteren menschenverachtenden Kriegsaktionen der stärksten Militärmacht der Welt haben wir Deutsche ohne mit der Wimper zu zucken mitgetragen. Seit der Einverleibung der DDR hat es neue Schübe von Solidaritätsbezeugungen gegeben, die nach Außen zeigen konnten, dass "alles in Ordnung" ist. Es ist, als hätte der Sieg über Hitler die USA in unseren Augen zu ewigen Helden gemacht, die das Recht gepachtet haben. Dass sie das nicht sind, liegt auf der Hand und wird auch in unseren Öffentlichkeiten so gesagt, nur dass wir uns nicht entsprechend verhalten. Ganz ähnlich wie in den Familien: Wir erzählen unseren Freunden, dass die Begegnungen mit den Eltern nicht immer leicht sind, aber wir stellen die Eltern nicht wirklich in Frage.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Antrittsbesuch von Kanzlerin Merkel in Washington. Sie hat dem mit der Iraklüge wiedergewählten Präsident Bush nicht gesagt, was die meisten von uns denken, dass nämlich der "Krieg gegen den Terrorismus" ein gefährlicher Wahn ist, der uns mit jedem Jahr tiefer ins Unglück stürzt. Nein, Merkel hat die guten Beziehungen betont und die "historische Verantwortung", die bekannte Chiffre für Hörigkeit. Das Erstaunlichste war, dass die Presse und die Politik diesen Besuch in den höchsten Tönen gelobt haben, einschließlich des Guantanamo-Feigenblatts, der rituellen Alibi-Kritik, die einen Rest von Selbstwertgefühl vorgaukeln soll, was der amerikanische Präsident mit einem verständnisvollen Lächeln zuließ.

Die Frage ist: Dürfen wir das wirklich? Dürfen wir angesichts unserer faschistischen Vergangenheit einen Weg der Angriffs- und Hegemonialkriege mitgehen? Dass es nämlich eine besondere deutsche Verantwortung gibt, ist unbestritten. Das derzeitige Meinungsmonopol liegt allerdings bei der Deutung, dass Solidarität - Chiffre für Gefolgschaft - mit den USA und Israel die Konsequenz sein müsse. Um Werte geht es in dieser Debatte nur vordergründig.

Da immer wieder die Frage aufkommt, was wir denn tun können, um dieser Entwicklung entgegenzutreten, sei an die gesellschaftlichen Konstellationen erinnert, die Parallel-Tabus, die uns Hinweise darauf geben, wie unser Bewusstsein strukturiert ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in Deutschlands Familien ein beklommenes Schweigen. Plötzlich stand man als Schuldiger da. Die Soldaten, Diener eines Vernichtungssystems. Der große Irrtum. Das Erwachen aus dem Wahn. Bekanntlich brachten erst die 60-er Jahre eine erste ausgedehnte Auseinandersetzung zwischen den Generationen. Doch offensichtlich hat das nicht ausgereicht, um den Kern des Verbrechens, nämlich die Ideologie der Dominanz, zu verstehen und zu überwinden, denn wir leben erneut in einer Eskalationsphase dieser Ideologie. Nur dass wir den Führer nach Außen projiziert und hinter Chiffren und Depersonalisierungen versteckt haben.

Im Laufe der letzten Jahre habe ich Hunderte von Leuten allen Alters nach ihrer Beziehung zu den Eltern gefragt. Immer wieder machte ich dabei die Erfahrung, dass es bei uns Autoritäten gibt, die nicht wirklich hinterfragt werden. Man müsse dieses und jenes ertragen, weil es eben die Eltern seien. Heimliche Kritik ja, Ablehnung geht nicht, unabhängig von der Situation. Selbst in Fällen, die kriminelle Tatbestände darstellen... Das Zeitalter der hegemonialen Demokratie scheint abgelöst worden zu sein vom Zeitalter der Renaissance des Heiligen, das sich wegen der Job-Knappheit bis auf den Arbeitssektor erstreckt. Selten nach dem Krieg war der Ruf nach Systemkonformität so laut wie heute. Die Familien und Schulen zeigen uns, warum so etwas möglich ist. Sie handeln vom diskurslosen Herrschen und Beherrschtwerden. In der Schule lernt man als erstes, dass da vorn einer ist, der die Macht hat. Grundsätzliche Kritik an ihm ist nicht Teil des Systems. Natürlich gibt es auch gute Lehrer, denen es gelingt, das System demokratisch zu deuten.

Angst vor Isolation, Angst vor Veränderung, Angst vor der dunklen Seite im Ich, Verlustangst... die Verdrängungsstrategien unserer Gesellschaft sind an der frontalen Öffentlichkeit ablesbar. Aus den Kindern und Schülern werden Journalistinnen und Politikerinnen, Richter, Polizisten, Soldaten, Angestellte und Unternehmer. Die Kaiserzeit und die Nazizeit? Ja, das war Antisemitismus. Aber jetzt unterstützen wir Israel, dadurch werden wir reingewaschen. Sonst war da nix...

Von der Ideologie der Dominanz sind alle mir bekannten Gesellschaften betroffen. Die Verantwortung Deutschlands ist aber eine besondere. Im deutschen Kollektivgedächtnis wirkt die Erinnerung an die schlimmste Phase in der Entwicklung dieser gesellschaftlichen Ideologie: Der industrielle Völkermord, der Beherrschungswahn, die Kultur des Todes. Derzeit wählen wir den Weg, diese Charakteristika vornehmlich im Verhalten von Widerstandskämpfern im besetzten Palästina und überhaupt im besetzten arabisch-islamischen Osten zu erkennen. Das Übermaß an Terrorismus-Berichterstattung ist ein deutliches Indiz auf die Verdrängungsstrategie, die uns zum Beispiel dazu befähigt, die Schuldigen für das Massaker im Libanon zu decken.

Die Verdrängungsstrategie bedient sich Mythen, zum Beispiel dem Mythos, dass im Nahen Osten andere Gesetzmäßigkeiten gelten als "bei uns". Das hilft uns dabei, den schleichenden Völkermord an den Palästinensern mitzutragen. Man stelle sich vor, eine Stadt wie Hamburg stünde unter der militärischen Besatzung eines Kolonialstaates. Man stelle sich weiter vor, Panzer fahren auf der Hafenstraße und die Leute dürften sich nicht mehr selbst verwalten. Die Besatzer bauen dann eine Siedlung auf der Elbchaussee und entwurzeln die Bäume, nachdem die eigentlichen Bewohner vertrieben und enteignet wurden. Natürlich werden sich in Hamburg Leute finden, die sich dem auch mit Gewalt entgegenstellen. Deren Häuser würden dann zerstört. Aus Hubschraubern werden Raketen in Menschenmengen geschossen. Kinder werden "aus Versehen" auf dem Weg zur Schule erschossen. Bei jeder Beerdingung würden sich neue gewaltbereite Hamburger finden und die Besatzungsmacht würde betonen, dass sie so lange weitermacht, bis sie alle Terroristen ausgeschaltet hat. Die ausländischen Medien würden nicht über die Mainstream-Gesellschaft in Hamburg berichten, sondern über die Terroristen und die Zuschauer würden sagen: Ja, die Hamburger und die Deutschen sind Terroristen. Sie müssen das Existenzrecht der Besatzungsmacht anerkennen!

Es hat in der Folge und als Konsequenz des Zweiten Weltkriegs Übereinkünfte zwischen den Gesellschaften der Welt gegeben, die sich in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, den Genfer Konventionen und anderen Dokumenten manifestiert haben. Die Übereinkünfte werden von den eigenen Partnern gebrochen. Es liegt in deutscher Verantwortung, auf diese Übereinkünfte zu bestehen und sich anders nicht zufrieden zu geben. Ohne Wenn und Aber. Wir sind es den Lebenden schuldig und den Toten.

Siehe auch: Deutschland-Essay (2)

Deutschland Essay
Anis Hamadeh, September 2, 2006

The recent wars - Afghanistan, Iraq, Lebanon, Palestine - challenge the relationship between Germany and the USA/Israel. Since September 11, our mainstream politicians and journalists are eager to emphasize and justify the friendly relations with the USA. A political breakup with the United States is currently not to be discussed here in Germany. The idea does pop up in some circles, left-wing, right-wing, liberal, as the mentioned wars could neither legally nor morally be justified, they even indicate worse developments, but a breakup is not seriously considered.

The relationship rather resembles that of an omnipotent father and his child. The Federal Republic to a significant extend was procreated by the USA, one of the victorious powers of World War II. We Germans accepted Korea, Vietnam and the other inhuman war activities of the strongest military power in the world without turning a hair. New impulses for the expression of solidarity have appeared since the assimilation of the German Democratic Republic, they could prove to the outside that "everything is OK". As if the victory over Hitler had made the USA an eternal hero in our view, someone who owned the law. Obviously, the US isn't that, and our publics do say so, too, only that we do not act accordingly. It is very similar in the families: we tell our friends about the troubles that are connected with encountering the parents, but we do not really question the parents.

A good example for this phenomenon is the first visit of Chancellor Merkel in Washington. She did not tell president Bush, who was re-elected with the Iraq lie, what most of us think, namely that the "war on terrorism" is a dangerous delusion that takes us deeper into misery year for year. No, Merkel stressed the good relationship and the "historical responsibility", the common code for bondage. The most amazing thing was that the press and the politicians praised this visit to the skies, including the Guantanamo fig leaf, the ritual alibi criticism, meant to allude to a rest of self-respect, something the American President granted with an understanding smile.

The question is: are we really allowed to do this? Are we, in view of our fascist past, allowed to follow a path of initiative and hegemony wars? For it is undoubted that there actually is a special German responsibility. The current monopoly of opinion, however, is with the interpretation that solidarity - code for following - with the USA and Israel must be the consequence. It is only on the surface that values are concerned in this debate.

As the question comes up time and time again, what we can do to meet this development, it might be helpful to remind people of the social constellations, the parallel taboos, that provide us with indications of how our consciousness is structured. After World War II, there was an anxious silence in Germany's families. All of a sudden, we were the guilty ones. The soldiers, servants of a system of destruction. The great error. Waking up from the delusion. As is known, it was only in the sixties that a first extended confrontation between the generations took place. But apparently this has not sufficed to understand and to master the core of the crime, namely the ideology of dominance, for again we are living in an escalated phase of this ideology. Only that we have turned to project the führer onto the outside, hiding him behind codes and depersonalizations.

In the course of the past years I have asked hundreds of people of all age about their relationships with their respective parents. Over and over again I had to make the experience that we have authorities which are not really questioned. One would have to bear this and that, just because they are the parents. Secret criticism yes, rejection is not possible, independent of the situations. Even in cases with elements of crime... The era of the democracy of hegemony seems to have been replaced by a renaissance of the holy, which, due to the job shortage, is extending into the labor sector. Rarely since the war has the call for conformity with the system been so loud as today. The families and the schools show us why such a thing is possible. They deal with the discourseless ruling and being ruled. The first thing one learns in school is that there is somebody in the front who has the power. Principal criticism of this person is not part of the system. But certainly there also are good teachers who manage to interpret the system democratically.

Fear of isolation, fear of change, fear of the dark side in the own self, fear of loss... the strategies of repression in our society show in the frontal public. The children and students become journalists and politicians, judges, police officers, soldiers, employees and entrepreneurs. The Kaiser period and the Nazi period? Yes, that was anti-Semitism. But now we are supporting Israel, and so we get washed clean. There is nothing else worth mentioning...

All societies, that are known to me, are inflicted with the ideology of dominance. Yet, Germany's responsibility is a special one. The German collective memory is effected by the memory of the worst phase in the development of this social ideology: the industrial genocide, the delusion of dominance, the culture of death. At the moment, we choose to detect these characteristics primarily in the behavior of resistance fighters in occupied Palestine and generally in the occupied Arab-Islamic East. The exaggeration in the coverage of terrorism is a clear indication of the strategy of repression which, for example, enables us to cover those who are responsible for the Lebanon massacre.

The strategy of repression is fed by myths, like the myth according to which the minds in the Middle East follow different laws than "ours". So it is easier for us to help carrying out the creeping genocide of the Palestinians. Imagine, a city like Hamburg was under the military occupation of a colonial state. Imagine further that tanks are driving in the Hafenstrasse and that people are no longer allowed to organize their own affairs. Then the occupiers build a settlement on the Elbchaussee and uproot trees, after that the original inhabitants were expelled and expropriated. There certainly will be people in Hamburg who oppose this with violent means also. Their houses would then be demolished. From helicopters missiles are shot into crowds. Children would "accidentally" be shot dead on their way to school. With every funeral there would be more Hamburg people to resort to violence and the occupation force would insist to go on until all terrorists are eliminated. The foreign media would not report on the mainstream society in Hamburg, but on the terrorists, and the audience would say: yes, the people from Hamburg and the Germans are terrorists. They must acknowledge the right of existence of the occupation forces!

In the aftermath and as a consequence of World War II, agreements were made among the societies of the world, manifest in the Universal Declaration of Human Rights, the Geneva Conventions and other documents. The agreements are violated by the own partners. It is a German responsibility to insist on these agreements and to not be satisfied otherwise. Without any ifs and buts. We owe it to the living and we owe it to the dead.

Also see: Deutschland Essay (2)

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