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ESSAY (20)
Deutschland-Essay (3):
Was war schlimm am Nazistaat?

Anis Hamadeh, 27.09.2006

Wenn die Vereinten Nationen nicht dazu in der Lage sind, für Gerechtigkeit zu sorgen, bedeutet das nicht, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Wenn der mächtigste Führer der Welt böse handelt, bedeutet das nicht, dass es so in Ordnung ist. Deutschland darf, Deutschland muss hier intervenieren. Wenn es die Politiker und die Medien nicht können, dann müssen wir Individuen, die wir die Kraft dafür haben, intervenieren. Der schlimmste Begriff, der in der letzten Zeit in Deutschland gefallen ist, ist Frau Merkels Wort "wertegebunden". Sie sagte im Zusammenhang mit der Entsendung deutscher Truppen zur Unterstützung von Israels Gewaltpolitik: "Wir sind nicht neutral und wollen auch gar nicht neutral sein". Seit 1949 sei Deutschlands Außen- und Sicherheitspolitik nie neutral gewesen. "Sie war, ist und bleibt wertegebunden". Frau Merkel meinte natürlich genau das Gegenteil, nämlich "gruppengebunden", denn der Wert, den sie anmahnt, ist das politische Lager Israel/USA/NATO. Dass Frau Merkel sich trotz der Hitlervergangenheit nicht auf die Menschenrechte und das internationale Recht beruft, sondern wieder auf eine politische Gruppe, der blind zu folgen sei, muss uns alarmieren. Anscheinend hat Frau Merkel - und mit ihr die Parteien und die Medien - nicht verstanden, dass die Deutschen mit dem Faschismus einen Fehler gemacht haben.

Das Versagen der Politik und der Medien ist dadurch zu erklären, dass der Diskurs über den Zweiten Weltkrieg verzerrt und umgeleitet worden ist. Amerika-Hörigkeit und Philosemitismus sind hier die Schlüsselbegriffe. Viele von uns wollen aber nicht, dass wir wieder in die Mentalität der Nazizeit zurückgehen, bei der es heute Muslime und Araber sind, die ausgegrenzt und umgebracht werden, statt Juden. Auch nicht, wenn nicht hauptsächlich wir selbst, sondern unsere Freunde diese Angriffskriege begehen.

Fragen wir also heute neu: Was war das Schlimme an Hitler und welches waren die Charakteristika seiner Politik? Worauf bezieht sich das "Nie wieder"? Das faschistische Deutschland war zweifellos deshalb so gefährlich, weil es eine Ordnungsmacht und Regierung war. Es handelte sich bei den Nazis nicht um eine Guerrillagruppe oder um sonstige Staatsfeinde, es war der Staat selbst. Und es war nicht irgendein Staat, sondern ein moderner, einer, der sich kulturell und im Vergleich mit anderen als führend betrachtet hat. Als politisch legitimiertes Gebilde hatte dieser Nazistaat zwei wichtige gesellschaftliche Sektoren für sich: das Militär und die Wirtschaft. Ohne sie hätte er nicht weit kommen können. Wenn wir also verhindern wollen, dass es wieder zu einem Weltkrieg und einem industriellen Völkermord kommt, müssen wir die führenden Ordnungsmächte beobachten.

Die Kontrolle der Medien war ein dritter Faktor, der zur Stabilisierung des Faschismus in Deutschland geführt hat. Ein konservativer Journalist aus Schleswig-Holstein hat mir gegenüber einmal geäußert, dass es in Deutschland gar nicht mehr zum Faschismus kommen könne, weil wir ja eine freie Presse haben. Ich bezweifle, dass das so ist. Gleichschaltung muss nicht notwendig per Gesetz verordnet werden. Ludwig-Sigurt Dankwart schrieb dazu einen erhellenden Artikel mit dem Titel: "Mein Freund, der Chefredakteur. 9/11: Man braucht keine Verschwörungstheorie, um den Konsens in der deutschen Medienlandschaft zu erklären", siehe www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15599/1.html. Die deutsche Presse sieht ihre Verantwortung darin, Israel und die NATO zu unterstützen, das wird nicht bestritten. Wer nicht so denkt, wird Antisemit genannt und kommt nicht hinein in die Medien, die öffentlich-rechtlichen, die Bild, die FAZ, die SZ, die FR, die Welt, den Spiegel, die Zeit usf., sie berichten nicht angemessen über die Gräuel der Israelis und der Amerikaner, weil dies antisemitisch/antiamerikanisch wäre. Israel darf bei uns nicht verurteilt werden, das ist das Dogma. Wir brauchen dafür keine Gleichschaltung von Oben, das Dogma ist bereits eine Gleichschaltung, inklusive der Alibi-Artikel, die ausgleichend klingen und doch nichts ändern. Noch drastischer ist es in anderen fortgeschrittenen Ländern wie den USA oder Israel.

Zentral im Nazistaat war viertens die Erschaffung eines Feindes, dessen Bekämpfung als lebenswichtig deklariert wurde. In diesem Falle waren es die Juden, die Kommunisten und einige kleinere Gruppen wie Sinti und Roma, außerdem Teile der eigenen In-Group wie bestimmte Künstler, Homosexuelle, Widerstandskämpfer, Andersdenkende. Mit dieser Strategie wurde durch Abgrenzung eine Identität hergestellt. Je mehr die Wirtschaft, das Militär und die Medien dem Nationalsozialismus und seiner Ideologie folgten, desto stärker wurde die Ausgrenzung der oben genannten Gruppen. Es kulminierte im Krieg und in der Ermordung von Millionen Menschen.

Als fünfter Punkt ist das Bestreben zu nennen, das eigene Staatsgebiet zu vergrößern und eine hegemoniale/koloniale Rolle in der Welt einzunehmen. Die Nazis nannten das "Lebensraum im Osten" und "Weltherrschaft". Wesentlich an diesem Gedanken ist die Vormachtstellung in der Welt, die auf militärischem Weg erreicht werden soll.

Wenn sich die Gefahr wiederholt, dass dieser Weg beschritten wird, heißt das nicht, dass es sich im Detail so abspielen wird wie damals. Es ist eine andere Zeit, die Welt hat sich verändert. Vor allem die Massenmedien des zwanzigsten Jahrhunderts haben unser Bewusstsein verändert. Gleichwohl ist die Gefahr real. Hannsheinz Bauer, der 1948/49 dabei mitgewirkt hat, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland auf den Weg zu bringen, schrieb nach dem US-Überfall auf den Irak: "Wer sich an die UN-Charta, an die Leitlinien des Völkerrechts, der Allgemeinen Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit auch im demokratischen Innenleben der Staaten gebunden fühlt, kann auf die Handlungen des Präsidenten Bush nicht anders reagieren, als sie als Verstöße gegen elementare Normen anzuprangern und vor allem junge Menschen darauf hinzuweisen, wie solches autoritäres Gebaren den Weg in die Diktatur ebnen kann. Es gibt nicht nur Affinitäten, sondern Analogien zur Praxis Hitlers." (Quelle: www.sopos.org/aufsaetze/3ee9f8c72d31a/1.phtml)

Es gibt derzeit in Deutschland keine Instanz, die den Widerstand gegen den von Johan Galtung so genannten Geo-Faschismus organisiert, den Faschismus im Ausland bei gleichzeitigen demokratischen Zügen im Inland. Es gibt auch keine Instanz, die den Völkermord an den Palästinensern anprangert, und zwar deshalb, weil er von Juden verübt wird (siehe Merkel: wertegebunden). Stattdessen werden Palästinenser als Terroristen dargestellt, weshalb unsere Öffentlichkeit ihren Tod in Ordnung findet. Wohl gibt es eine Zeitung namens junge Welt, die sich gegen den Strom stellt, auch eine Wochenzeitung namens Freitag ist in dieser Hinsicht nicht so wie die philosemitischen Medien. Die taz ist schizophren, sie druckt verantwortungsvolle ebenso wie verantwortungslose Artikel. Diese Stellen stehen am Rand der öffentlichen Wahrnehmung.

In den politischen Parteien gibt es einen Fraktionszwang und eine Räson, die so gut wie jegliche Kritik an den US-israelischen Göttern verhindern. An allen zentralen Schnittstellen sitzen Leute, die "aus deutscher Verantwortung" heraus den täglichen israelischen Terror decken. In allen Parteien. Das ist keine bewusst menschenverachtende Handlung, sondern ein Wahn ähnlich dem in der Nazizeit. Die Leute denken, dass sie etwas Gutes damit tun, für (US-israelisches) Volk und Vaterland. In Wirklichkeit dienen sie dem Geo-Faschismus und dem neuen Genozid. Die Massaker in Afghanistan, im Irak, im Libanon und in Palästina zeigen das deutlich. Wir Deutsche kennen das alles... und wir machen wieder mit!

Aber war da nicht eine globalisierungskritische Bewegung? Attac, oder wie hieß sie gleich? Die Hoffnung der Unterdrückten. Ich habe diese Organisation untersucht, indem ich eintrat, und ich fand dort Philosemiten in den Schlüsselpositionen. Menschen, für die Juden mehr wert sind als andere. Die breite Masse von Attac ist durchaus demokratisch-humanistisch, viele sind dezidiert Israel- und US-kritisch, aber Attac wird geleitet von Leuten, die aufpassen, dass kein "Antisemitismus/Antiamerikanismus" aufkommt. Eine Verurteilung von Kriegsverbrechern dieser Länder findet also nicht statt. Und die Masse lässt das zu! Genau genommen war ich im Februar 2004 derjenige, der dies auf den Tisch gebracht hat, siehe www.anis-online.de/1/essays/14/3.htm#3. Das Resultat war, dass ich ausgegrenzt wurde, ohne innerhalb der Gruppe Schutz finden zu können. Also musste ich schließlich austreten. Niemand (!) von Attac hat mich darauf angesprochen oder meine Schriften zum Anlass einer Generaldebatte genommen. Daran kann man sehen, dass es nicht die Mächtigen und die Anführer sind, die für das Mitmachen am Verbrechen hauptsächlich verantwortlich zu machen sind, sondern es ist der Mainstream, der es zulässt und sich nicht wehrt. Wir haben nicht gelernt, Nein zu sagen. Wenn es darauf ankommt, kuschen wir, so wie damals.

Noch einmal: Wir steuern mitten in einen neuen Weltkrieg inklusive Genozid und wir kümmern uns nicht darum. Wer auch immer das verstanden hat: Zieht die Konsequenzen!

Siehe auch: Deutschland-Essay (1)
Siehe auch: Deutschland-Essay (2)

Deutschland Essay (3):
What was the Bad Thing about the Nazi State?
Anis Hamadeh, September 27, 2006

If the United Nations are not capable of bringing about justice, it does not mean that there is no justice. If the most powerful leader in the world is acting in an evil way, it does not mean that it is alright. Germany may, Germany must intervene here. If politicians and media are unable to do it, then we individuals, who we have the power to do so, must intervene. The worst concept, which has recently been used in Germany, is Frau Merkel's word "value bound" ("wertegebunden"). In the context of the deployment of German troops in support of Israel's violent policy she said: "We are not neutral and we do not want to be neutral, either." Germany's foreign and security policy has since 1949 never been neutral: "It has been and will remain value bound." Certainly, Frau Merkel meant the very opposite, namely "group bound", for the value she is demanding is the political camp Israel/USA/NATO. It must alarm us that Frau Merkel, despite the Hitler past, does not appeal to the human rights and international law, but again to a political group which is to be followed blindly. Apparantly, Frau Merkel - and with her the parties and media - has not understood that the Germans had made a mistake with implementing fascism. The failure of politics and of the media is to be explained by the fact that the discourse on World War II has been distorted and diverted. Key concepts in this context are bondage towards the US and philo-Semitism. Yet many of us do not want our return to the mentality of the Nazi period, today with Muslims and Arabs to be excluded and killed, instead of Jews. We do not want it, even if not mainly we ourselves are committing these wars of aggression, but our friends.

So let us pose this question anew today: what was the bad thing about Hitler and which were the characteristics of his policy? What does the famous "never again" refer to? Beyond doubt, fascist Germany was so dangerous, because it was an ordering power and a government. The Nazis were not a guerilla group or some other kind of state enemies, they were the state themselves. And it was not just a state, but a modern one, one that regarded itself as culturally leading in comparison with others. As a politically legitimated entity this Nazi state had two important social sectors at its disposal: the military and the economy. Without them it could not have gotten far. Thus, if we want to prevent another World War and industrial genocide to happen, we have to observe the leading ordering powers.

Control of the media was a third factor that had led to stabilize fascism in Germany. Once, a conservative journalist from Schleswig-Holstein told me that fascism could never happen again in Germany, because we have a free press. I do doubt that this is the case. It is not necessary that the equalization ("Gleichschaltung") of the media is introduced by way of law. Ludwig-Sigurt Dankwart wrote an intelligent article about it (in German) with the title: "My friend, the chief editor. 9/11: we do not need a conspiracy theory to explain the consensus in the German media landscape", see www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15599/1.html. The German press sees its responsibility in supporting Israel and the NATO, this is not denied. Whoever opposes this policy will be called an anti-Semite and not enter the media, those under public law, or the Bild, the FAZ, the SZ, the FR, the Welt, the Spiegel, theZeit etc., they do not adequately report about the Israeli and American atrocities, for this would be anti-Semitic/anti-American. Israel must not be convicted in Germany, this is the dogma. For this, we do not even need a top-down equalization of the media, the dogma alread constitutes an equalization, including the alibi articles which sound balancing and yet do not change a thing. The case is even more drastic in other developed countries like the USA or Israel.

Fourthly, the creation of an enemy was a central point in the Nazi state, and it was declared to be vital that this enemy must be fought. In this case it was the Jews, the communists and a few smaller groups like Sinti and Roma, in addition to parts of the own in-group like certain artists, homosexuals, resistance fighters, dissidents. With this strategy, an identity was generated through demarcation. The more the economy, the military and the media followed National Socialism and its ideology the more the demarcation and exclusion of the above-mentioned groups was pursued. It culminated in war and in the murder of millions of people.

As a fifth point we find the endeavor to augment the own state territory and to take a hegemonial/colonial role in the world. The Nazis called that "living space in the East" and "world leadership". Characteristic of this idea is a global supremacy which is to be achieved with military means.

If the danger reoccurs that things go this way again, then this does not mean that things will happen exactly and in detail like they did back then. It is a different time, the world has changed. Most of all, the mass media of the twentieth century have altered our consciousness. Nevertheless, the danger is real. Hannsheinz Bauer, who, in 1948/49 belonged to the group of people who introduced the constitutional law of the Federal Republic of Germany, wrote after the US attack on Iraq: "Whoever feels obliged to the UN Charta, the guidelines of international law, the Universal Human Rights and constitutional legality also in the inside of democratic states, cannot react on president Bush's actions differently than to condemn them as violations of elementary norms and to point out especially to young people how such authoritarian behavior can pave the way into dictatorship. There are not only affinities, but analogies to Hitler's practise." (Source: www.sopos.org/aufsaetze/3ee9f8c72d31a/1.phtml)

At the moment, there is no institution in Germany to organize the resistance against what Johan Galtung called geo-fascism, i.e. fascism abroad with simultaneous democratic traits at home. Neither is there an institution to denounce the genocide of the Palestinians, for it is committed by Jews (see Merkel: value bound). Instead, Palestinians are pictured as terrorists, and so our public approves of their death. There is, at any rate, a newspaper called junge Welt, which swims against the current, also a weekly called Freitag in this respect is not like the philo-Semitic media. The newspaper taz (die tageszeitung) is schizophrenic, it prints irresponsible articles as it prints responsible ones. Those papers stand at the margin of public perception.

Within the political parties there is the obligation to follow the faction - in German "Fraktionszwang", the British call it whip - a feature that averts almost every criticism of the US Israeli gods. All politically relevant positions are occupied by people who cover the daily Israeli terror "out of German responsibility". In all the parties. It is not a conscious inhumane act, but a delusion, similar to the one in Nazi times. People think they are doing something good for (US Israeli) volk and vaterland with this behavior. In reality they are seving geo-fascism and the new genocide. The massacres in Afghanistan, Iraq, in Lebanon and in Palestine clearly show this. We Germans know all this... and we participate again!

But wasn't there a movement critical of globalization? Attac, or what was its name again? The hope of the oppressed. I examined this organization by becoming a member and I found philo-Semites in the important positions. People for whom Jews are worth more than others. The broad mass of Attac can be called democratic-humanistic, many are outspokenly critical of Israel and the USA, but Attac is led by people who take care that no "anti-Semitism/anti-Americanism" will enter the group. Thus a condemnation of war crimes of these countries does not take place. And the masses tolerate it! It was actually me who brought this point on the table in February 2004, see www.anis-online.de/1/essays/14/3.htm#3. Result was, that I was redlined without finding protection within the group. So in the end I had to leave. Nobody (!) from Attac talked to me about this incidence or took my writings as an occasion for a general debate. This indicates that it is not the powerful and the leaders, who are to be made responsible for the participation in the crime, but it is the mainstream which tolerates these actions and which does not resist. We have not learnt to say no. When it comes down to the nitty-gritty we hide away, just like back then.

Once again: we are steering right into a new world war including a genocide and we do not care. Whoever understood that: act consequentially!

Also see: Deutschland Essay (1)
Also see: Deutschland Essay (2)

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