home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   palestine   my journalism   essays
ESSAY (25)
Warum hassen wir sie?
Anis Hamadeh, 16.03.2011

Veröffentlicht in der Neuen Rheinischen Zeitung unter www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=16285

Weit mehr als 100.000 Einträge findet man, wenn man "Why do they hate us?" bei Google eingibt. Warum hassen sie uns? Diese Frage bewegt die US-Amerikaner seit dem Elften September und sie hat mit dem Beginn der arabischen Revolution eine neue Aktualität bekommen, weil gewisse Unstimmigkeiten zu Tage getreten sind, was unsere westliche Haltung den arabischen Ländern gegenüber angeht. Gute Antworten hat Noam Chomsky gegeben und man kann sie leicht auf Youtube finden.

Die Hass-Frage ist allerdings aus einem bisher kaum beachteten Grund von besonderer Signifikanz, nicht nur für die USA, sondern auch für Deutschland, denn sie spiegelt den Herrschaftsdiskurs wider, in dem Hass ein Gefühl ist, das grundsätzlich nur dem Antagonisten zugeschrieben wird, also dem Feind. Die tiefer liegende Frage, die damit verdeckt wird, lautet nämlich: Warum hassen wir sie?

Otto von Bismarck wusste genau warum und er hat diese Karte strategisch ausgespielt. Damals war Frankreich das Objekt. Bismarck wusste, dass er die Deutschen einigen konnte, wenn er ihnen einen gemeinsamen Feind schenkte. Und es hat funktioniert. Adolf Hitler hat davon gelernt und denselben Trick verwendet, um das Land geschlossen hinter sich zu bringen. Er nahm unter anderem die Idee des Antisemitismus auf, eine alte europäische Idee, die bis in die Zeit der Kreuzzüge zurückreicht, und brachte sie auf die Spitze. Außerdem gab er der Mehrheit die Kommunisten, Sinti und Roma, er gab ihnen die Homosexuellen, die allzu freien Künstler und die Kranken zum Hass frei. Und auch Hitler hatte damit Erfolg.

Man könnte meinen, dass die Gräuel des Zweiten Weltkriegs dazu geführt haben, dass die Mehrheit auf diesen Trick nicht mehr hereinfallen würde. Dass Schulen dieses Thema ganz oben auf die Agenda setzen würden und dass Politiker und Medien sich davor hüten würden, weiterhin mit Feindbildern zu agieren, um durch das "Wir gegen sie" eine Identität zu schaffen, ein Wir-Gefühl. Weit gefehlt! Unmittelbar nach dem Zerfall des Nazireichs ging es weiter mit dem Feind des Kommunismus, den die Siegermacht USA vorgegeben hatte. Nach der Teilung Deutschlands blieb dieses Feindbild im Westen über Jahrzehnte bestehen und Deutsche hassten nun auch wieder Deutsche - im Osten funktionierte das komplementäre Feindbild recht gut. Aber 1989, nach dem Mauerfall, da haben die Menschen sich doch von diesem Denken gelöst? Die Nato hat sich dann doch aufgelöst und wir sind vernünftig geworden, oder nicht? Keineswegs! Es dauerte nicht lange, bis ein neuer Feind gefunden wurde, denn wir sind süchtig danach wie ein Heroin-Abhängiger von seiner Droge.

Wie damals im Fall des Antisemitismus ist es auch heute ein Antagonist, zu dem die Feindschaft historische Wurzeln hat, auf die man zurückgreifen kann: der Islam und die Orientalen. Und wie damals bei den Nazis sind Nebenspieler mit von der Partie: dieser oder jener Diktator, China, einige Feinde im Innern etc. Nach dem Elften September jedenfalls (über dessen tatsächlichen Hergang noch immer viel Unklarheit herrscht) hat sich die "freie Welt" auf den Islam eingeschossen und überzieht die betreffenden Länder mit Angriffskriegen und mit Drohungen, während die Muslime in unseren eigenen, westlichen Gesellschaften "kritisch" beäugt werden.

Warum also hassen wir sie? Weil wir ohne einen Feind kaum eine Identität haben. Wir benötigen nur deshalb Begriffe wie "Leitkultur", weil wir im kulturellen Niedergang sind und das ahnen. Die Antrittsbemerkung des neuen Innenministers Friedrich, in der er den Islam von Deutschland distanziert, ist in diesem größeren Zusammenhang zu sehen, nicht nur in dem kleinen, in dem er durch gezielte gesellschaftliche Spaltung auf dubiosen Stimmenfang geht. Sie ist Ausdruck des geistigen Niedergangs einer Gesellschaft, die partout nicht aus der Geschichte lernen will. Der Gipfel der Perversion wird erreicht durch das Herbeiphantasieren einer "christlich-jüdischen Tradition", womit man sich an den früheren Feind, die Juden, anbiedern will, um den nächsten Feind vor die Flinte zu bekommen.

Das hat sogar der Zentralrat der Juden begriffen, der ansonsten nicht gerade für seine Progressivität bekannt ist und der viel zu oft als Apologet des von Gewalt geradezu besessenen Staates Israel auftritt. Ende Januar 2011 sagte der Vizepräsident Salomon Korn in einem SZ-Online-Interview, dass die Betonung "christlich-jüdischer Wurzeln des Abendlandes" auch funktionalistisch motiviert sein könne - so, als ob man die Juden in eine gemeinsame Front gegen die Muslime einbinden müsse. Solche "Umarmungen" seien mit Vorsicht zu genießen.

Ist es denn aber wirklich so schlimm mit unserem Islam-Hass? So ein bisschen Sarrazin und ein bisschen Broder, davon geht doch die Welt nicht unter. Und wenn die "Welt" mal wieder einen ihrer berüchtigten Islam-Artikel schreibt, oder der Spiegel, mein Gott, das muss man doch sportlich sehen können.

Wenn man sich aber überlegt, was passieren würde, wenn ein solcher Artikel über das Judentum erschiene, dann sieht das alles sofort ganz anders aus. Eine Website wie http://michael-mannheimer.info würde sofort aus dem Netz verschwinden, wenn sie sich in dieser Art mit dem Judentum beschäftigen würde statt mit dem Islam. "Volksverhetzung" würde man dann sagen, Beleidigung, Verunglimpfung und üble Nachrede. Und es gibt Dutzende solcher öffentlichen Plattformen, bei denen es nur oberflächlich um "Islam" oder "Islamkritik" geht. Es geht um den Feind, den wir brauchen, weil wir selbst niemand sind ohne ihn. Der beste Beweis dafür ist die deutsche Islamwissenschaft, die sich seit Jahrhunderten wissenschaftlich mit dem Thema befasst und die für die System-Medien und die Politiker nicht sehr interessant ist. Hey, wir wollen etwas über Terrorismus hören, Kopftuchfrauen und Antisemiten.

Nicht nur viele Politiker, sondern auch die System-Medien sind von diesem Phänomen affiziert, denn es gehört einfach zur Leitkultur. Ohne den Feind gäbe es gar keine Leitkultur. Und es ist gut für die Quote. Bismarck lässt grüßen. Und Hitler. Der Antisemitismus ist einzigartig, so hören wir, er steht somit gewissermaßen außerhalb der Geschichte und darf nicht als Vergleich herangezogen werden. Das ist aber nichts als ein billiger Trick, um den nächsten Feind zu sichern, im Stil von "christlich-jüdischer Tradition".

Natürlich gibt es Ausnahmen. Selbst in den System-Medien gibt es differenzierte und gute Berichte. Selbst dort gibt es zuweilen Islamwissenschaftler, die das Spiel nicht mitspielen und die trotzdem gesendet werden. Auch zeigt der Erfolg Jürgen Todenhöfers, dass unsere Gesellschaft noch nicht völlig verbrodert ist. Es gibt Hoffnung.

Das Problem aber bleibt: Wir hassen mit System, und wenn wir dafür töten müssen. Wir unterstützen heute Angriffskriege, verraten unsere eigenen Werte und erkennen unsere Verantwortung nicht hinreichend an. Nicht einmal nach Hitler! Das ist das eigentlich Schlimme. Wir nennen es "Freiheit", aber es ist keine Freiheit. Frei sind die, die sensibilisiert sind, die den Wert des Lebens kennen und die keinen Feind benötigen. Die Selbstverwirklichung als Sinn des Lebens erkennen. Die verstehen, dass Kunst eine Bedeutung hat und dass Kultur die Welt bereichert. Die eine Eigen-Identität haben und darauf stolz sind.

Es ist ein weiter Weg dorthin, immer noch. Für die Schulen, die Elternhäuser, die Cliquen, die Medien, die Parteien und die Konzerne. In Ägypten sind Zig-Millionen aufgestanden, um etwas zu verändern. Das sollten wir uns als Beispiel nehmen.

Why Do We Hate Them?
Anis Hamadeh, March 19, 2011

There are far more than 100.000 Google entries for "Why do they hate us?". This question has engaged US Americans since 9/11 and Noam Chomsky provided some sound answers in a video shown on Youtube (www.youtube.com/watch?v=6pfcW0_sSuw). "Why do they hate us" gained new momentum with the beginning of the Arab Revolution, as certain discrepancies became transparent concerning our Western attitude towards Arab countries. Yet the hate question is of special significance for another reason, too, one that goes almost unnoticed: it reflects the discourse of the ruling in which hate is a sentiment exclusively reserved for the antagonist, i.e. the enemy. The underlying deeper question is: why do we hate them?

In the original German version of the article at hand, - published by the Neue Rheinische Zeitung (www.nrhz.de) on March 16 -, mention is made of Otto von Bismarck and his strategy of unifying the Germans by providing a common enemy to them - France. Later, Adolf Hitler continued the strategy and introduced a new object of hatred to establish a strong in-group feeling among his fellow countrymen, namely the Jews. Anti-Semitism was, in fact, a traditional European idea that came up in the time of the crusades. The Nazis carried it to extremes, and added the communists, the Sinti and Roma, free artists, homosexuals and genetically deviant people. All those were permissible to be hated. In this way, the Germans developed their national identity: 'we are not them'.

'Enemy thinking', both as a method and as an unconscious habit has severe negative effects on one's own society and on others, as it uses the notion of "we against them" to build an in-group feeling, a strong We.

Unfortunately, the story of hate continued even after the nightmare of World War II, and not only in Germany. As soon as the Nazi enemy was overcome, communism took its place, defining a new supra-national entity: the West or the "free world".

The issue of 'enemy thinking' did not reach the top of the school curricula, and politicians and media would not refrain from institutionalizing it. Of course, this behavior can also be found in non-Western societies, but this fact does not redeem our own behavior for which we are fully responsible. A bank robber will hardly convince a judge by asserting that there are far worse bank robbers around in other areas of the planet.

But what about 1989, when the Berlin Wall fell and the Soviet Union disappeared? People had discarded enemy thinking by then, abolished the NATO, and had gone back to reason, hadn't they? Not at all. It was not long until a new enemy was found, another dormant one, saved for a rainy day. Because we got hooked on the 'enemy', like a heroin addict gets hooked on the drug.

Similar to the case of anti-Semitism, the enmity toward the current antagonist, Islam and the Orient, has historical roots as reference points. And like in Nazi ideology, we have additional secondary enemies: this or that dictator, China, some internal suspects etc. Yet, after 9/11 (with all its open questions), the "free world" has zeroed in on Islam, covering the respective Arab and Muslim countries with wars of aggression (as opposed to defensive wars) and with threats, while Muslims in our own Western societies are being "critically" eyed.

So why do we hate them? Because, without an enemy we hardly have an identity. It is an expression of decadence by societies that persistently refuse to learn from history. The peak is reached with the phantasm of a "Christian Jewish tradition", a new fashionable term in the German discourse, probably not restricted to Germany. It is a kind of trick to get the former enemy into the boat against his successor. The context was understood even by the Central Council of the Jews in Germany, an institution that is not generally regarded as being progressive and one that much too often has appeared as an apologist for the state of Israel, a state seemingly obsessed by the use of violence.

In January 2011, CCJG Vice President Salomon Korn said in an interview that the emphasis on "Christian Jewish roots of the Occident" might be agenda-motivated, in the sense of integrating the Jews in a common front-line against Muslims. Such "embraces" should be regarded with caution, according to Korn. Another trick is to regard the genocide of the Jews as unique in a way that it leaves the historical frame, becoming an incomparable act, so that we cannot remotely be in danger of committing such a crime ourselves. What we do in our war zones could never be so cruel.

But do we really hate Islam so much? Is it not an exaggeration? Some insignificant or casual remarks on Fox News, CNN, and in the mainstream media? This won't make the world stop, will it? Isn't it rather like in sports? Be a sport! - The thing is that "Islam" and "Arabs" are only on-the-surface issues. It really is about the eternal and inevitable enemy that we create and maintain - and kill. We need him, because we have no identity without him.

Take Iran, a country that is targeted and threatened by us. Is it because of the bomb that Iran does not possess while Israel possesses it? Or is it because "they hate us"? In 1953, the CIA was instrumental in toppling Prime Minister Mossadegh and supporting the Pahlevi reign until the theocratic revolution which - closing the circle - has been serving as a convenient setting for Western enemy thinking ever since. And why has the USA to mess around in Palestine, in Iraq, in Afghanistan and Pakistan, with a long trail of blood? Is it not an addiction? An obsession?

Of course, not everybody subscribes to enemy thinking. Even the mainstream media at times broadcasts and publishes sophisticated and fair contributions within its limits. So there is hope. Yet the problem remains: we hate systematically, up to killing. Today we lead and support wars of aggression, jettison our own values and fail to adequately acknowledge our responsibility. Even after Hitler. This is the real issue. We call it "freedom", but it is not freedom. Free are those who are sensitized, who know the value of life and who do not need an enemy. Those who recognize self-realization to be the meaning of life, the pursuit of happiness. Those who understand that art has a meaning and that culture enriches the world. Those who have a self-identity and are proud of it.

It is a long way there, still. For the schools, the parental homes, the cliques, the media, the political parties, and the corporations.

In Egypt, tens of millions of people stood up for change. We can learn a lesson from that.


Anis Hamadeh is a German artist with Arab roots, MA in Islamic Studies, author of "Islam für Kids" (345 pp, in German), website: www.anis-online.de/index_engl.htm



The above essay can also be found at:

http://www.countercurrents.org/hamadeh200311.htm

http://www.theamericanmuslim.org/tam.php/features/articles/why_do_we_hate_them/0018466

http://defyingsilence.blogspot.com/2011/03/why-do-we-hate-them.html
                                  up