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ESSAY (26)
Elf Jahre Anis Online
Anis Hamadeh, 06.10.2011

Wenn wir in der Zeit zurückgehen in eine Ära lange vor Twitter und Blogs, YouTube und Facebook, sogar Wikipedia, zurück bis zur prähistorischen Dämmerung des weltweiten Internet-Zeitalters, als alles Land im Superkontinent Pandora vereinigt war, dann treffen wir auf eine kleine Website namens Anis Online, die am 19. Juni 2000 ins Netz ging - etwa ein Jahr, bevor sich die Büchse der Pandora sanft öffnete wie eine goldene Butterblume an einem sonnigen Morgen. Als Zeitzeuge und früher Teilnehmer an der neuen öffentlichen Sphäre begann Anis Online mit einigen Gedichten, Prosastücken, Fotos und Kommentaren.

Heute ist es eine der größten und weitestgefächerten privaten Websites mit mehr als 500 Besuchern am Tag. Buchstäblich tausende von Seiten sind in den elf Jahren danach hinzugekommen. Mehr als fünfzig Interviews, Dutzende von Features und Rezensionen, Hunderte von Bildern und Zeichnungen, Musik und Essays, Gespräche und Veranstaltungen. Ein fröhliches Labyrinth. Das große Zehn-Jahre-Jubiläum war natürlich schon im letzten Jahr, aber ich habe verschlafen. Feiern wir also jetzt!

"Oranges of Life"

Zurück zu den "oranges of life"! Warum wollte ich diesen Satz schreiben? Ach ja. Redakteure. Bestimmt würde kein Redakteur "oranges of life" erlauben. Es ist reiner Unsinn, wie Pangäas Büchse. Aber ich kann es trotzdem schreiben und das gefällt mir. Wenn Sie ein Journalist sind, dann wissen Sie, was ich meine. Redakteure können solche Langweiler sein! Besonders, wenn man Mainstream-Medien hat, die einer dubiosen, veralteten Staatsräson folgen und einige unhaltbare Verschwörungstheorien zur Schau stellen, was, neben anderem, 9/11, den Islam und den Nahen Osten angeht. Der Rote Russe ist zur Tür raus und der neue Feind wird willkommen geheißen. Wir haben so viele Waffen, dass wir einfach bescheuert aussehen würden, wenn wir keinen Feind hätten. Ein neuer Morgen im Kreislauf des Lebens.

In dieser Ursuppe wuchs und gedieh Anis Online. Manchmal schreiben mir Leute Mails, die anfangen mit "Liebes Anis-Online-Team", aber eigentlich ist da gar kein Team. Es war eher so, dass ich in diesen elf Jahren vieles sagen und tun wollte und dass das Internet das ideale Medium war. Daher fing alles als Ort der Freiheit an, als Platz der Entfaltung. Ein Experiment? Vielleicht. So wie das Leben ein Experiment ist, ja.

Ich erinnere mich daran, wie ich lernte, HTML-Tabellen herzustellen. HTML ist die einfache Computersprache, mit der Anis Online produziert wird. Die allererste Version von AO hatte ein grobes Design im Stil der 80er-Jahre. Ein Freund hatte es in Kiel entworfen, wo ich damals lebte. Schon bald wurde mir klar, dass ich wöchentliche, wenn nicht tägliche Updates machen wollte. Also lernte ich die HTML-Grundlagen und stellte bald eine neue Version ins Netz. Bis heute bevorzuge ich HTML gegenüber den Systemen moderner Blogs, weil HTML-Seiten schneller geladen sind und die URLs kurz. Außerdem ist da mehr Raum für Kreativität bei der Produktion einzelner Seiten.

Das Hotel

A pro pos "Raum für Kreativität": Eine der Rubriken im AO-Labyrinth sind die Rooms. Oder "Das Hotel", wie Sabine Matthes es manchmal nennt. Sie logiert dort schon seit vielen Jahren und ist verantwortlich für eines der Highlights von Anis Online, nämlich ihre exquisite Sammlung fotografischer Portraits. Das Hotel wurde eingeführt als Plattform für Künstler und Intellektuelle, die kein Medium für ihre Arbeit haben. Daher sind die meisten Rooms heute auch verlassen: Die Leute haben das Nest verlassen und sind mit eigenen Websites und Blogs weiter geflogen. Doch kommen auch wieder neue Gäste.

Der allererste Room war der einer anderen Sabine, Sabine Yacoub, und wenn es ein Anis-Online-Team gibt, dann gehört sie definitiv dazu. Wie oft hat sie geholfen und mitproduziert! Sie hat so gut wie alle Logos und Grafiken gemacht. Sie hat mir HTML beigebracht. Sie kennt fast jedes einzelne Update. Ohne ihre Unterstützung ... ich weiß es nicht.

Geschichte und Highlights

Es hat viel Spaß gemacht, diese Website herzustellen, und ich denke, das merkt man. Ich lache gern und bringe andere gern zum Lachen. Daher schreibe und denke ich oft humorvoll und satirisch. Im experimentellen Genre des so genannten Bambus, Einseiter, von denen es etwa 250 Exemplare gibt - einiges davon ist ins Englische und andere Sprachen übersetzt -, entwickelte ich mehrere Comedy-Serien, wie Die Jungs-Dialoge und gereimte Serien wie Die Dichter.

Weitere Highlights sind unter den vielen Interviews, zum Beispiel mit Professor Abu Zaid und mit Desiree von Codepink, der einzigen Interview-Partnerin, die ich auch gezeichnet habe. Dann in der Rubrik "The Other News" Sachen wie Die Pikt-Verteidigungs-Streitmacht, Manifest und Ankündigung geplanter Aktionen in Aberforth (Edinburgh). Das war schon ziemlich lustig. Oder der Tag, als Sabine Michaelas Körper angemalt hat (Bodypainting).

Was die Besucher angeht, gab es bislang zwei Spitzenzeiten. 2007 gab es eine Woche, in der 13.652 Leute auf die Beatles-Videos-Seite geklickt haben. Im Jahr darauf gab es einen Monat, in dem ich meinem Provider Extra-Geld für Traffic bezahlen musste, weil tausende von Leuten meine drei Gaza-Songs vom Free Gaza Song Contest heruntergeladen hatten.

Anfangs gab es noch eine monatliche Kolumne namens "Die Seite 2", aber ich hörte damit nach einigen Jahren auf, weil es lästig wurde. Interessierte Leserinnen und Hörer werden diverse unvollendete und verlassene Projekte auf dem Weg durch das AO-Universum finden. Andere, wie die Orient Online-Sektion oder der Art Club, wachsen weiter.

In elf Jahren gab es natürlich Entwicklungen, das wird kaum überraschen. Einige Texte habe ich wieder gelöscht und ich habe auch Fehler gemacht wie jeder andere auch. Dennoch sind mehr als 95 Prozent online geblieben, darunter auch einige Texte, auf die ich heute nicht übermäßig stolz bin. Ich möchte einfach die Historie nicht ausradieren. Anfangs war da mehr Wut und Provokation in meinen Schriften als heute. Meine kreative Energie war aufgrund der Erfahrung von Gewalt verschüttet, bis ich 31 war. Auf die Kunst habe ich zurückgegriffen, um die Situation in ihrer Komplexität auszudrücken, um dem Magma der Inspiration eine Form zu geben, das mich durchflutete, und um mich zu befreien, sodass ich weiter gehen konnte. Es war im Jahr 2005, dass ich den zentralen Konflikt und die daran beteiligten Leute verlassen und mein Leben neu begonnen habe, in einer Wohnung in Mainz, die ich mit Sabine teile.

Privat und Öffentlich

Für einen Künstler ist es oft unmöglich, das Geschäft vom Privaten zu trennen. Songs zu spielen etwa ist immer auch privat und entspannt. Gleichzeitig ist es Teil meiner öffentlichen Arbeit. Diese Zweideutigkeit spiegelt sich auch auf Anis Online wieder.

Die mangelnde Trennung kann auch als Ausdruck von Unabhängigkeit angesehen werden, denn ich gehöre keiner Partei oder Organisation an, noch habe ich irgendwelche Verpflichtungen oder Druck, der mich eine bestimmte Sicht oder eine Ideologie oder ein Produkt unterstützen lässt. Dabei arbeite ich natürlich mit Organisationen, Gruppen und Einzelnen zusammen, sogar oft.

Einige klare Werte ziehen sich durch meine Arbeit. Ich habe mich oft gefragt: Warum tust du das, was du tust? Und es hatte natürlich mit Partizipation zu tun und mit dem Versuch, etwas Gutes und Beständiges zu machen. Nach Frieden zu forschen. Menschen zu unterhalten. Menschen bei der Entfaltung zu unterstützen. Sich für die Menschenrechte einzusetzen, für Gewaltlosigkeit und eine tolerante Gesellschaft. Daran mitzuwirken, Feindbilder zu überwinden.

Letztlich kann man all dies als "Entfaltung" zusammenfassen und darum denke ich heute nicht mehr viel über Gründe nach, sondern mache meist einfach das, wonach mir ist. Einige meiner Schriften sind didaktisch, zum Beispiel einige der Essays, aber eigentlich glaube ich nicht an Didaktik und Unterricht. Unterricht ist gut, wenn man lernen will, wie man ein Flugzeug fliegt, aber für die großen Fragen des Lebens nützt er nicht viel. Lernen nützt natürlich, aber Unterricht? Nun, es ist wohl eine Frage der Definition.

Habe ich den Geist von Anis Online damit erfolgreich beschrieben? Ich hoffe es. Dies mag auch erklären, warum ich manchmal zum Beispiel Literatur und Journalismus mische, wie in der Serie "Pressezeit / Meet the Press", wo ich einige Zeitungen für eine Weile begleitet habe. Mein absoluter Liebling ist die Geschichte mit der Süddeutschen Zeitung. Journalismus und Satire habe ich auch in den "Faked Interviews" gemischt und das 400-Seiten-Online-Buch "Rock'n'Roll. Nachricht von Ozzy Balou", das sukzessive kurz nach 9/11 publiziert wurde, ist eine Verbindung von Literatur und Essay. Einige meiner Texte sind weder literarisch noch journalistisch gemeint. Dazu gehören einige der Samir-Geschichten und ein paar Bambustexte. Sie sind persönlich oder politisch oder experimentell. Ich experimentiere, das halte ich für ein wichtiges Prinzip.

Aussicht

In den letzten Jahren haben Stadtansichten und Zeichnungen einen großen Teil von Anis Online gebildet und dies wird sich fortsetzen, da ich viel male. Die Originalbilder werden langsam zu Sammlerobjekten und das Feedback ist gut.

Bald erscheinen wird auch die erste Episode einer brandneuen literarischen Serie namens "Calamus" um einen Detektiv im Kairo des vierzehnten Jahrhunderts. Ich arbeite an einem Calamus-Buch mit Kurzgeschichten. Die Pilot-Folge, "Die Himmelfahrt des Muezzin" wird gegen Ende des Jahres mit einer Illustration auf Anis Online erscheinen, auf Deutsch, Englisch und Arabisch.

Es wird mehr Interviews geben, Features und viele andere Dinge. Monochrome Portraits einiger Helden der Gewaltlosigkeit sind in Arbeit. Doch das meiste dessen, was folgen wird, bleibt unvorhersehbar. Wenn Ihnen und dir die Website gefällt, freue ich mich über gelegentliche Besuche. Und wer ein Geschenk oder ein Stück Kunst braucht, kann jederzeit den Anis Online Shop besuchen und ein Souvenir bestellen.

Eleven Years of Anis Online
Anis Hamadeh, 06.10.2011

If we go back in time to an age long before Twitter and blogs, YouTube and Facebook, even Wikipedia, reaching the pre-historic dawn of the worldwide internet experience, when all land was united in the super-continent of Pandora, we will come across a little website called Anis Online, launched on June 19, 2000 - about a year before Pandora's box smoothly opened like a golden buttercup on a sunny morning. A time witness and early participant of the new public sphere, Anis Online consisted of some poetry, prose, photos and comments.

Today, it is one of the largest and most wide-ranging personal websites with more than 500 daily visitors. Literally thousands of pages have been uploaded in the eleven years since. More than fifty interviews, dozens of features and reviews, hundreds of pictures and drawings, music and essays, conversations and events. An amazing maze, if you allow the pun. The big ten-year anniversary was, of course, last year, but I overslept. So let's celebrate now!

The Oranges of Life

Back to the oranges of life! Why did I want to write this sentence? Ah, right. Editors. Certainly no editor would allow "oranges of life". It is pure nonsense, like Pangaea's box. But I can still write it, you see, and I like that. If you are a journalist you will know what I mean. Editors can be such a drag. Especially when you have mainstream media following a dubious, outdated raison d'état and sporting rather untenable conspiracy theories about, among other things, 9/11, Islam and the Middle East. The Red Russian is out the door, welcome now to the new enemy! We have so many weapons that we would simply look stupid without an enemy. A new dawn in the circle of life.

In this primordial soup Anis Online thrived. People sometimes write me mails that start with "Dear Anis Online team", but there is actually no team. Rather, there were so many things I wanted to say and do in these eleven years and the internet was the perfect medium. This is why it all started out as a place of freedom, a place to unfold. An experiment? Maybe, I'm not sure. In the way life is an experiment, yes.

I remember learning to do tables in HTML, that is the simple computer language with which Anis Online is produced. The very first version of AO had a rough, eighties kind of design; a friend set it up in Kiel where I lived at the time. Soon I realized that I wanted weekly, if not daily updates. So I learned the HTML basics and soon relaunched AO with a new design. I still prefer this setup to the one of modern blogs. HTML pages load much quicker and the URLs are short. Also, there is more room for creativity in the production of individual pages.

The Hotel

Talking about "room for creativity": one of the sections of the AO maze is the Rooms section. Or "The Hotel", as Sabine Matthes sometimes calls it; she has been lodging there for many years and is responsible for one of the highlights of Anis Online, namely her exquisite collection of photographic portraits. The Hotel was introduced as a platform for artists and intellectuals who lack an outlet for their works. This is why most of the Rooms are abandoned today; people have left the nest and flew on with blogs and websites of their own. But then new lodgers arrive.

The first Room was the one of another Sabine, Sabine Yacoub, and if there is an Anis Online team, then she is definitively part of it. How often did she help and co-produce! She made basically all of the logos and graphics. She taught me HTML. She witnessed almost every single update. Without her support ... I don't know.

History and Highlights

It has been a lot of fun to create this site and I think it shows. I like to laugh and to make others laugh. Therefore a lot of my writing and thinking is humorous and satirical. I developed several comedy series in the experimental genre of so-called Bamboo one pagers of which there are some 250 specimens, some translated into English and other languages. The Boys dialogues, for example, and rhymed collections like Die Dichter (The Poets).

Other highlights are among the many interviews, for example with late Professor Abu Zaid and with Desiree from Codepink, the only interview partner I have painted. Then, in the rubric "The Other News", things like The Pict Defence Force Manifesto & Announcement of Planned Action in Aberforth (Edinburgh). That was really funny. Or the day when Sabine painted on Michaela's body (Bodypainting).

There were two peaks concerning visitors so far. In 2007, there was a week in which 13.652 people clicked on the Beatles Videos Page. In the following year there was a month when I had to pay my provider extra money for traffic, as thousands of people had downloaded my three Gaza songs from the Free Gaza Song Contest.

In the beginning there was a monthly column called "Page 2", but I abandoned that after some years, it became tedious. The curious reader and listener will find several unfinished and deserted projects on the way through the AO universe. Others, like the Orient Online section or the Art Club, continue to grow.

There has been some development in these eleven years, which is rather normal and unsurprising. Some texts, for example, were deleted, and I made mistakes like everybody else. Still, I retained more than 95 per cent and even left in some texts I am not particularly proud of today. I do not want to wipe out history. In the beginning, there was more anger and provocation in my writings than today. My creative energy had been blocked until I was thirty-one, due to the experience of violence. I resorted to art to express the situation in its complexity, to give shape to the magma of inspiration that had flooded me and to liberate myself so that I could move on. It was in 2005 that I left the central conflict and the people involved in it and restarted my life, in an apartment in Mainz that I share with Sabine.

Private and Public

For an artist it is often impossible to separate business from private life. Playing songs, for example, always is kind of private, relaxed. But it is also part of my public job. This ambiguity is reflected in Anis Online, too.

This lack of separation and division can also be regarded as an expression of independence, for I am not a member of any party or organization, nor do I have any obligations or pressures driving me to support a specific view or an ideology or a product. Of course I cooperate with organizations, groups and individuals all the time.

There are rather clear-cut values embedded in my work. I often asked myself: why are you doing what you are doing? And of course it had to do with participation and with the attempt to do something good and lasting; to search for peace; to entertain people; to empower people; to stand up for the Human Rights, nonviolence and a tolerant society; to help overcome enemy-thinking.

In the end it can all be summarized as unfolding and therefore I do not ponder about reasons anymore and mostly just do what I am up to. Some of my writings are didactic, e.g. some of the essays, but I do not really believe in didacticism and teaching. Teaching is good when you want to learn how to pilot an aeroplane, but for the big questions in life it is not of much use. Learning is certainly of use, but teaching? Well, it may depend on the definition.

Have I successfully described the spirit of Anis Online? I hope so. It may explain why I sometimes deliberately mix, say, literature with journalism, as in the series "Pressezeit / Meet the Press" where I accompanied some newspapers for a while, my absolute favorite being the one with the Sueddeutsche Zeitung. I mixed journalism and satire in the "Faked Interviews", too, and the 400-page online book "Rock'n'Roll. Message from Ozzy Balou" (in German), which was successively published shortly after 9/11, is a blend of literature and essay. Sometimes also, I wrote texts that are neither meant as literature, nor as journalism; belonging to those are a couple of the Samir stories and a few Bamboo texts. They are personal or political or experimental. I do experiment, I find that essential as a principle.

Outlook

In recent years, city views and drawings have become a major part of Anis Online, and this will continue as I am painting a lot. The original pictures have started to become collectors' items and the feedback is good.

Upcoming is also the first episode of a brandnew literary series called "Calamus", a detective in the Cairo of the fourteenth century. I am working on a Calamus book with short stories. The pilot story, "The Muezzin's Ascension", will be published on Anis Online with an illustration around the end of the year, in German, English and Arabic.

There will be more interviews and features and lots of other things. Monochrome portraits of some champions of nonviolence are in the making. But most of what will come remains unpredictable. If you like what you see you are welcome to drop by every now and then and if you need a present or some art you can always resort to the Anis Online Shop and order a souvenir.

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