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GASTESSAY (5)
Was ist Antisemitismus?
von Michael Neumann, 4. Juni 2002
Michael Neumann lehrt Philosophie an der Trent-Universität in Ontario, Kanada.
Zuerst veröffentlicht in "Counterpunch" unter www.counterpunch.org/neumann0604.html (Autorisierte Übersetzung)


Von Zeit zu Zeit holt irgendein linker jüdischer Schriftsteller tief Luft, zeigt sein (oder ihr) großes Herz und machen uns klar, daß Kritik an Israel nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. Dabei gratulieren sie sich insgeheim zu ihrem Mut. Mit einem kleinen Seufzer unterdrücken sie jeden Anflug von Besorgnis, den Goyim - mal abgesehen von den Arabern - könnte mit diesem gefährlichen Wissen vielleicht doch nicht zu trauen sein.

Manchmal sind es die nicht-jüdischen Fans, die in ihrem Ethos, wenn nicht gar in ihrer Identität danach streben möglichst jüdisch zu sein, die diese Aufgabe übernehmen. Um jedem Risiko vorzubeugen beeilen sie sich uns daran zu erinnern, daß Antisemitismus nichtsdestotrotz sehr ernst zu nehmen ist. Dass derweil Israel, unterstützt von einer deutlichen Mehrheit, in einen rassistischen Krieg gegen die Palästinenser geraten ist, sollte nur noch wachsamer sein lassen. Dadurch könnten - wer weiß das schon? - Ressentiments wachgerufen werden.

Ich sehe das anders. Ich denke, wir sollten Antisemitismus nur selten ernst nehmen, vielleicht sollten wir eher drüber stehen. Ich denke für den Israel-Palästina-Konflikt ist er besonders belanglos, es sei denn, um damit vielleicht von den wirklichen Themen abzulenken. Ich will für die Wahrheit dieser Behauptungen streiten; ich will ihre Richtigkeit verteidigen. Ich glaube nicht, dass ich damit sozusagen den Fliegen die Flügel ausreiße.

"Antisemitismus" bedeutet genaugenommen nicht Hass auf Semiten; damit würde die Etymologie mit der Definition vermischt. Gemeint ist der Hass auf Juden. Aber hier stoßen wir sofort auf das ehrwürdige Fassadenspiel jüdischer Identität: " Aufgepasst! Wir sind eine Religion! Nein! Wir sind eine Rasse! Nein! Eine kulturelle Einheit! Entschuldigung - doch eine Religion!" Haben wir von diesem Spiel genug, stolpern wir in ein anderes: "Anti-Zionismus ist Antisemitismus!" wechselt sich in rascher Folge ab mit: "Zionismus darf mit Judentum nicht verwechselt werden! Wie kannst du es nur wagen, du Anti-Semit!"

Na gut, wir sollten keine Spielverderber sein. Wir sollten Antisemitismus so weit gefasst definieren wie nur je ein Unterstützer Israels es sich wünschen könnte: Antisemitismus kann der Hass auf die jüdische Rasse, oder Kultur, oder Religion, oder den Hass auf Zionisten sein. Hass, oder Abneigung, oder Gegnerschaft, oder abgeschwächt zur Unfreundlichkeit.

Aber die Unterstützer Israels werden dabei gar nicht so viel Spaß haben. Die inflationäre Bedeutung von ,Antisemitismus', die alles umfasst, was Israel politisch irgend schaden könnte, ist ein zweischneidiges Schwert. Damit können eure Feinde zwar geschlagen werden, doch das Problem dabei ist die definitorische Inflation, die wie jede Inflation, den Kurswert verbilligt. Je mehr Dinge dem Antisemitismus zugeschlagen werden, desto weniger schrecklich hört er sich an. Zwar kann niemand an inflationären Definitionen gehindert werden, aber damit sind die Tatsachen nicht gleichermaßen unter Kontrolle. Insbesondere kann keine Definition von Antisemitismus die gewichtige pro-palästinensischen Version der Fakten ausmerzen, für die ich Partei ergreife, so wie es die meisten Leute in Europa, sehr viele Israelis und zunehmend auch Nordamerikaner tun.

Was für einen Unterschied macht das? Beispielsweise angenommen, ein rechter Israeli sagt, dass die Siedlungen für das Streben nach höheren Zielen stehen, die für das jüdische Volk von grundsätzlicher Bedeutung sind. Wir müssen möglicherweise diesen Anspruch akzeptieren; gewiss ist er nur schwer zu widerlegen. Aber genauso wenig können wir die wohlbegründete Überzeugung aufgeben, dass die Siedlungen das palästinensische Volk strangulieren und jegliche Hoffnung auf Frieden zunichte machen. Deshalb führt definitorische Akrobatik zu gar nichts: Wir können nur sagen, schraubt die höheren Ziele des jüdischen Volkes zurück; die Siedler irren sich. Wir müssen hinzufügen, da wir uns genötigt sehen gegen die Siedlungen zu opponieren, sind wir auch anti-semitisch. Aufgrund der definitorischen Inflation sind bestimmte Formen des Antisemitismus geradezu moralisch zwingend geworden.

Noch schlimmer wird's, wenn Anti-Zionismus als Antisemitismus etikettiert wird, denn die Siedlungen sind eine ganz plausible Fortschreibung des Zionismus, selbst wenn sie nicht die fundamentalen Ziele des jüdischen Volkes repräsentieren. Dagegen Einspruch zu erheben ist natürlich anti-zionistisch und infolge der überdehnten Definition, auch antisemitisch. Je mehr der Antisemitismus sich dahingehend ausweitet, dass er die Ablehnung israelischer Politik ausschließt, desto besser scheint letztere akzeptiert zu werden. Werden die Verbrechen des Zionismus geleugnet, ist eine weitere einfache Gleichsetzung möglich: Anti-Zionismus ist eine moralische Pflicht, und wenn Anti-Zionismus anti-semitisch ist, dann ist Antisemitismus eine moralische Pflicht.

Welche Verbrechen? Sogar die meisten Apologeten haben aufgehört sie zu leugnen, aber schon darauf anzuspielen ist ein bisschen antisemitisch. Alles in allem ist Israel doch ,nicht schlechter als andere'. Erstens, was soll das heißen? Schon mit sechs wussten wir, das die Ausrede "alle machen es" nicht gilt; schon vergessen? Zweitens, die Verbrechen sind nur verwerflich, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen werden. Ja doch, es gibt welche, die haben Zivilisten umgebracht, zugesehen wie sie sterben, weil sie medizinische Hilfe brauchten, ihre Wohnungen zerstört, ihre Ernten vernichtet und sie als menschliche Schutzschilde benutzt. Aber Israel tut genau das, um die Ungenauigkeit der Zusicherung von Israel Zangwill im Jahre 1901 zu korrigieren, der meinte, "Palästina ist ein Land ohne Volk; die Juden sind ein Volk ohne Land". Es nahm sich vor, ein Land frei von Nicht-Juden zu schaffen, eine arabia deserta, mit lachenden und spielenden jüdischen Kindern in einer Trümmerlandschaft, die sich Frieden nennt.

Schon lange vor der Ära Hitlers legten Zionisten Tausende von Meilen zurück um Leute zu enteignen, die ihnen nie etwas getan hatten und deren unmittelbare Existenz sie fortfuhren zu ignorieren. Zionistische Gräuel waren nicht Teil des anfänglichen Plans. Sie entstanden als rassistische Nichtwahrnehmung eines selbst verfolgten Volkes, die sich zur rassistischen zur rassistischen Ideologie des Übermenschen der Verfolger auswuchs. Aus diesem Grund konnten die Kommandeure, die die Vergewaltigungen, Verstümmelungen und Kindertötungen von Deir Yassin befehligten, Premierminister von Israel werden. Aber diese Morde waren nicht genug. Heute, wo Israel den Frieden nur annehmen müsste, führt es eine weitere Runde von Enteignungen durch. Ganz allmählich macht es das Leben für Palästinenser in Palästina gezielt unmöglich und möglich für Juden. Der Zweck ist nicht sich zu verteidigen oder die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten, sondern die Auslöschung einer Bevölkerung. Sicher verfügt Israel über genug PR-Kniffe sie mit einem eher amerikanischen, denn Hitler'schen Maß an Gewalt zu eliminieren. Es ist ein schonenderer, sanfterer Völkermord, der seine Täter als Opfer darstellt.

Israel hat einen rassistischen Staat aufgebaut, keinen religiösen. Ich bin wie meine Eltern schon immer Atheist gewesen. Aufgrund meiner biologischen Geburt habe ich die israelische Staatsbürgerschaft; Sie - mögen Sie auch zu den feurigsten Anhängern des Judentums gehören - haben sie womöglich nicht. Für mich, nicht für Sie werden Palästinenser gequält und getötet. Und werden gezwungen nach Jordanien zu gehen um dort in einem Bürgerkrieg umzukommen. Deshalb nein, auf Palästinenser zu schießen ist nicht dasselbe wie auf vietnamesische oder tschetschenische Zivilisten. Die Palästinenser sind in einem Krieg gegen gut ausgerüstete kommunistische oder separatistische Streitkräfte kein ,Kolateral-Schaden'. Sie werden erschossen, weil Israel denkt, alle Palästinenser sollten verschwinden oder sterben, damit auf dem Schutt ihrer Häuser dann Leute mit einem jüdischen Großvater Wohnsiedlungen errichten können. Das ist kein folgenschwerer Fehler einer Supermacht, die eben mal daneben lag. Das ist etwas Böses, das aus der willentlichen Strategie eines Staates hervorgegangen und der Überzeugung eines zunehmend gewaltsamen ethnischen Nationalismus verschrieben ist. Dieser Staat hat bisher erst relativ wenig Leichen auf dem Gewissen, aber seine Nuklearwaffen reichen aus, um etwa 25 Millionen Menschen innerhalb weniger Stunden zu töten.

Sollten wir noch weiter gehen und sagen, dass es antisemitisch ist, nicht nur die Israelis, sondern auch die Juden allgemein dieser Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen? Wiederum: nicht unbedingt, denn es gibt vertretbare Gründe für solche Behauptungen. Vergleichen Sie sie beispielsweise mit der Beschuldigung, dass die Deutschen insgesamt in solche Verbrechen verstrickt waren. Das bedeutete niemals, dass jeder einzelne Deutsche, ob Mann, Frau, geisteskrank oder Kind, schuldig war. Es bedeutete, dass die meisten Deutschen es waren. Ihre Schuld bestand natürlich nicht darin, dass sie alle nackte Gefangene in Gaskammern geschoben hätten. Sie bestand in ihrer Unterstützung der Leute, die das planten, oder - wie viele überladene, moralisierende jüdische Texte Ihnen schildern können - im Leugnen des Horrors um sie herum. Weil sie darin versagten das laut auszusprechen und Widerstand zu leisten, wegen ihrer passiven Zustimmung. Selbst die damalige extreme Gefahr bei jeder Art von aktivem Widerstand kann das nicht entschuldigen.

Wohl kaum ein Jude begibt sich in Gefahr, weil er etwas benennt. Und etwas zu benennen ist die einzige Art von Widerstand die angemessen ist. Würden sich viele Juden gleichermaßen äußern, hätte das einen enormen Effekt. Aber die überwältigende Mehrheit der Juden sieht davon ab, weil sie Israel unterstützen. Vielleicht sollten wir die Annahme einer kollektiven Verantwortung fallen lassen; vielleicht gibt es ja jemand cleveren, der uns davon überzeugt. Aber zur Zeit sieht es danach aus, als sei die heutige jüdische Verstrickung viel stärker als die im Falle der Deutschen war. Ist es also nicht-rassistisch und nachvollziehbar zu sagen, dass die Deutschen in Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt waren, dann ist es desgleichen nicht-rassistisch und nachvollziehbar, dasselbe den Juden zu unterstellen. Sollte die Annahme der kollektiven Verantwortung je verworfen werden, so ist dennoch einsichtig, dass viele, vielleicht sogar die meisten erwachsenen jüdischen Individuen einen Staat unterstützen, der Kriegsverbrechen begeht, weil es einfach die Wahrheit ist. Sollte das als antisemitisch bezeichnet werden, dann könnte es vernünftig sein antisemitisch zu sein.

Mit anderen Worten, hier ist eine Wahl vonnöten. Sie können ,Antisemitismus' zur Stärkung Ihrer politischen Agenda nutzen, oder als Ausdruck der Ächtung, beides zugleich geht nicht. Soll letzteres, der rationalisierend oder wertend daherkommende Antisemitismus gestoppt werden, so braucht es dafür eine auf das Wesentliche konzentrierte und unpolemische Definition. Ein sicherer Boden könnte die Beschränkung auf einen ausdrücklich als Rassenhass gegen die Juden definierten Antisemitismus sein, einer der Leute nur angreift, weil sie als Juden geboren wurden. Aber auch das ist nur scheinbar sicher: nicht mal die Nazis begründeten ihren Judenhass mit der bloßen Tatsache dass Leute als Juden zur Welt kamen. Sie behaupteten die Juden wegen ihres Strebens nach Weltherrschaft zu hassen. Diese Ansicht gehört dennoch eindeutig zum antisemitischen Repertoire, ob nun von zynischen Rassisten zusammengebraut oder von Dummköpfen übernommen.

Es gibt nur eine Möglichkeit sicherzustellen, dass der Terminus "Antisemitismus" alle und genau diese bösartigen Handlungen gegen Juden umfasst. Ein Anfang wäre geschafft, wenn wir uns darauf einigen könnten, was damit und nur damit bezeichnet ist. Ich gehe davon aus, dass das, was uns moralisch verbindet, stark genug dafür ist.

Beispielsweise sind wir uns darüber einig, dass alle auf einer rassistischen Grundhaltung basierenden Handlungen und Hassgefühle verwerflich sind, sodass wir sie eindeutig dem Antisemitismus zuschlagen können. Zugleich sollte nicht jede Feindseligkeit gegen Juden, selbst wenn sie Feindseligkeit gegen die große Mehrheit der Juden bedeutet, zum Antisemitismus zählen. Oder auch jede Feindseligkeit gegen das Judentum oder die jüdische Kultur.

Ich, zum Beispiel, wuchs in der jüdischen Kultur auf und lehne sie heute ab, so wie viele Leute die Kultur, in der sie sozialisiert wurden, eben ablehnen. Mir deshalb Antisemitismus zu unterstellen, wäre unklug, nicht, weil ich Jude bin, sondern weil es an der Sache vorbei geht. Allerdings vielleicht nicht ganz vorbeigeht, weil meine Einstellung manche Leute zu verletzenden Handlungen oder Einstellungen mit antisemitischem Charakter ermutigen könnte. Aber was heißt das schon? Der überzogene Philo-Semitismus, der alle Juden für außergewöhnlich liebenswürdige und geistreiche Heilige hält, kann unter Umständen die gleiche Wirkung erzeugen. Die Gefahr, die durch meine Abneigung provoziert wird, ist demgegenüber ungleich geringer. Selbst sehr weitreichende Abscheu einer Kultur gegenüber ist normalerweise harmlos. Um mal die Ablehnung der französischen Kultur herauszugreifen, die in Nordamerika sehr verbreitet ist, sie würde trotzdem von niemandem, selbst nicht von Franzosen, als rassistisches Verbrechen gesehen werden.

Nicht alle verletzenden Handlungen und Einstellungen gegen Juden allgemein sollten als antisemitisch betrachtet werden. Manche Leute können die amerikanische Kultur nicht leiden; manche boykottieren amerikanische Waren. Sowohl die Einstellung als auch die Handlung mögen Amerikaner treffen, aber dennoch ist nichts moralisch Verwerfliches daran. Diese als Anti-Amerikanismus zu definieren heißt nichts weiter als dass eine bestimmte Art des Anti-Amerikanismus für alle anderen steht. Halten Sie Widerstand gegen israelische Politik für grundsätzlich antisemitisch, weil er sich damit gegen alle Juden richtet, so führt das nur dazu, dass eine bestimmte Form des Antisemitismus durchaus akzeptabel ist.

Soll Antisemitismus für einen Begriff der Ächtung stehen, dann muss er für mehr als eindeutig rassistische Handlungen, Gedanken oder Gefühle gelten. Aber er kann nicht für mehr als klar ungerechtfertigte und schwerwiegende Feindseligkeiten gegen Juden gelten. Die Nazis schufen historische Fantasien um ihre Angriffe zu rechtfertigen; das tun auch moderne Antisemiten, die den ,Weisen von Zion' Glauben schenken. Das ist Antisemitismus im unmittelbaren, negativ wertenden Wortsinn. Derlei Handlungen oder Propaganda wurden konstruiert um Juden schaden und ihnen weh zu tun, nicht um sie an konkreten Absichten zu hindern, sondern, weil sie sind was sie sind. Darin wird auch an Einstellungen appelliert, die die Propaganda suggeriert. Obwohl der Text nicht durchweg explizit rassistisch ist, so enthält er doch rassistische Motive und die Absicht realen Schaden zuzufügen. Vernünftiger und gut begründeter Widerstand gegen israelische Politik, auch wenn dieser Widerstand alle Juden schmerzen sollte, fällt nicht unter diese Beschreibung. Ebenso wenig wie einfache harmlose Ablehnung jüdischer Dinge. Ich schlage also vor, dass die Definition von Antisemitismus soweit eingeengt werden sollte, dass eine Handlung nicht zugleich antisemitisch und nicht verwerflich sein kann. Wir können sogar noch weiter gehen. Nachdem wir schon eine Reihe von Annahmen durchgespielt haben, lassen Sie uns jetzt nach der Rolle des *genuinen*, schlimmen Antisemitismus im palästinensisch-israelischen Konflikt und in der Welt insgesamt fragen.

Zweifellos gibt es genuinen Antisemitismus in der arabischen Welt: die Verbreitung der Protokolle der ,Weisen von Zion', der Mythos vom Stehlen des Blutes von nichtjüdischen Babys. Daran gibt es rein gar nichts zu entschuldigen oder zu deuteln. Anders gesagt, eins ist klar: Sie müssen einfach akzeptieren, dass Antisemitismus böse ist; tun Sie das nicht, stellen Sie sich außerhalb unserer moralischen Welt. Ganz anders sieht es aus, wenn Sie so unter Druck gesetzt werden, dass Sie bereit sind zu verkünden, der Antisemitismus sei das Übelste des Üblen. Wir sind keine Kinder mehr, die Moral lernen müssen; unsere moralischen Prioritäten setzen wir in eigener Verantwortung. Das können wir nicht, wenn wir auf die schrecklichen Bilder von 1945 fixiert sind oder nur auf die schmerzerfüllten Schreie leidender Kolumnenschreiber hören. Wir müssen fragen welchen Schaden der Antisemitismus anrichtet, soll heißen: nicht in der Vergangenheit, sondern heute. Und wir müssen fragen, wo dieser Schaden entstehen könnte und warum.

Anscheinend geht vom Antisemitismus in der arabischen Welt eine große Gefahr aus. Jedoch ist arabischer Antisemitismus nicht der Grund für arabische Feindseligkeit gegen Israel oder auch gegen Juden. Es handelt sich um eine Wirkung. Die Zunahme arabischen Antisemitismus stimmt auffällig überein mit dem zunehmenden jüdischen Eindringen und jüdischen Gräuel. Das soll genuinen Antisemitismus nicht entschuldigen; das würde ihn trivialisieren. Er hielt im Orient Einzug mit dem Zionismus und wird abebben, wenn der Zionismus aufgehört hat eine expansionistische Bedrohung zu sein. Tatsächlich ist seine Hauptursache nicht antisemitische Propaganda, sondern die Jahrzehnte alten, systematischen und unermüdlichen Anstrengungen Israels alle Juden in ihre Verbrechen hineinzuziehen. Sollte arabischer Antisemitismus nach einem Friedensschluss weitergehen, können wir uns alle zusammentun und uns darum kümmern. Aber noch kann er Juden momentan wenig anhaben. Arabische Regierungen könnten nur verlieren, sollten sie Übergriffe auf ihre jüdischen Bürger dulden; dies würde nur zu einer israelischen Intervention ermuntern. Und es steht ohnehin nicht zu erwarten, dass solche Vorkommnisse gegen Juden Wirklichkeit werden: wenn der ganze Horror der jüngsten Feldzüge Israels sie nicht provozieren konnte, ist schwerlich vorstellbar, wodurch überhaupt. Es bräuchte vermutlich so furchtbare und verbrecherische israelische Handlungen, dass die Übergriffe selbst daneben verblassten.

Wenn wir annehmen, dass der Antisemitismus schreckliches bewirkt, so würde das viel eher in Westeuropa geschehen. Das Wiederaufleben des Neo-Faschismus dort ist nicht von der Hand zu weisen. Aber sind die Juden deshalb in Gefahr? LePen beispielsweise, ist zweifelsohne ein Antisemit. Andererseits gibt es kein Anzeichen dafür, dass er je etwas damit anstellt. Im Gegenteil, er ist bemüht die Juden zu beruhigen und vielleicht sogar deren Unterstützung für seine eigentlichen Angriffsziele zu gewinnen, die ,Araber'. Er wäre beileibe nicht die erste politische Figur, die eine Allianz mit Leuten eingeht, die er nicht mag. Sollte er aber doch einen ganz geheimen Plan gegen die Juden haben, so wäre das ungewöhnlich: Hitler und die russischen antisemitischen Aufständischen waren wunderbar offen in ihren Absichten und sie suchten mitnichten jüdische Unterstützung. Und in der Tat gibt es französische Juden, die in LePen eine positive Entwicklung, wenn nicht gar einen Verbündeten sehen. (Beispielsweise in dem Artikel "'LePen ist gut für uns', sagen jüdische Unterstützer", Haaretz, 4.Mai 2002 und Mr. Goldenburgs Kommentare im französischen Fernsehen am 23. April 2002)

Natürlich gibt es historische Gründe für die Furcht vor einem schrecklichen Angriff auf Juden. Und alles ist möglich: schon morgen könnte es in Paris ein Massaker an Juden geben, oder an Algeriern. Was ist eher wahrscheinlich? Sofern man aus der Geschichte Lehren ziehen kann, setzen die bei in etwa vergleichbaren Umständen an. Das heutige Europa hat mit dem Europa von 1933 wenig gemein. Es gibt sogar positive Möglichkeiten: warum sollte denn die Wahrscheinlichkeit eines Pogroms größer sein, als dass der Antisemitismus zu einer vernachlässigbaren Garstigkeit schrumpft? Jede berechtigte Sorge sollte auf handfesten Anhaltspunkten beruhen, dass eine wirkliche Bedrohung besteht.

Das Vorkommen antisemitischer Angriffe könnte ein solcher Beweis sein. Aber die Beweislage wird ständig zurechtgebogen: zwischen Angriffen auf jüdische Mahnmale und Symbole und im Gegensatz dazu tätliche Angriffe auf Juden wird nicht unterschieden. Ja mehr noch, es ist viel von zunehmenden Übergriffen die Rede, wenig von deren bemerkenswert niedrigen absoluten Niveau. Die symbolischen Angriffe haben wirklich und in Zahlen signifikant zugenommen. Die physischen Übergriffe hingegen nicht. Entscheidend daran ist, das die meisten dieser Übergriffe von muslimischen Bewohnern ausgingen: anders gesagt, sie werden von einer weithin gehassten, polizeilich stark kontrollierten und verfolgten Minderheit begangen, die nicht die geringste Chance hat, ernsthafte Gewaltaktionen gegen Juden durchzuführen.

Es ist sicher traurig, dass etwa ein halbes Dutzend Juden im Zusammenhang mit den kürzlichen Übergriffen quer durch Europa - getötet wurde niemand - in Krankenhäusern behandelt werden mussten. Aber jeder, der das zu einem der wichtigsten Probleme der Welt macht, hat der Welt schlicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Übergriffe sind eine polizeiliche Angelegenheit, kein Grund für uns und andere Wache zu halten um den Ausbruch einer tödlichen spirituellen Krankheit abzuwehren.

Solche Reaktionen sind dann angebracht, wenn rassistische Übergriffe in indifferenten oder feindlichen Gesellschaften an einer Minderheit verübt werden. Diejenigen, die sich wirklich Sorgen um die Rückkehr des Nazismus machen, sollten ihre furchtsame Besorgnis beispielsweise lieber auf die viel blutigeren und häufiger erduldeten Übergriffe gegen Zigeuner richten, deren Geschichte ihrer Verfolgung in der Vergangenheit der der Juden in nichts nachsteht. Die Position der Juden ist der Position von Weißen, die ebenfalls Opfer rassistischer Übergriffe werden sehr nahe.

Ich weiß sehr wohl, dass viel Leute diese Art kaltblütigen Abschätzens zurückweisen. Sie wollen damit klar machen, dass mit der weiterhin bedrohlichen Vergangenheit im Rücken schon eine einzige antisemitische Verleumdung sehr erschreckt, und ihre Unerträglichkeit nicht mit dem Zählen von Leichen zu ermessen ist. Aber wenn wir die Thematik in einen breiteren Blickwinkel nehmen, nimmt die Virulenz des Antisemitismus ab und nicht zu. Jeden Vorfall, bei dem jüdisches Blut vergossen wird als welterschütterndes Unglück zu betrachten und zum Maß aller Dinge zu machen, ist rassistisch, ganz klar; denn es setzt das Blut einer Rasse über das aller anderen. Die Tatsache, dass Juden Jahrhunderte lang verfolgt und vor erst einem halben Jahrhundert so schrecklich gelitten haben, kann trotzdem nicht vom Tisch wischen, dass im heutigen Europa die Juden zu den Insidern gehören und jedenfalls weit weniger zu leiden und zu fürchten haben als viele andere ethnische Gruppen. Rassistische Angriffe gegen eine arrivierte Minderheit sind natürlich genauso abscheulich wie ein rassistischer Übergriff gegen eine arme und machtlose Minderheit. Doch die Taten gleich bösartiger Angreifer führen nicht unbedingt zu gleich beklagenswerten Übergriffen.

Nicht die Juden leben am Rande zum Konzentrationslager. LePens ,Durchgangslager' sind für ,Araber' bestimmt, nicht für Juden. Obwohl viele bedeutende politische Parteien in ihren Reihen viele Antisemiten haben, so gibt es doch bei keiner der Parteien Anzeichen für eine Artikulation, noch weniger die Umsetzung einer antisemitischen Agenda. Noch gibt es besondere Gründe für die Annahme, dass sie, einmal an die Macht gekommen, ein anderes Lied pfeifen werden. Haiders Österreich wird für Juden als nicht gefährlich eingeschätzt; gefährlich war auch nicht das Kroatien Tudjmans. Für den Fall, dass eine solche Gefahr dennoch heraufziehen sollte, gibt es doch immer noch den atomar bewaffneten jüdischen Staat, der jedem Flüchtling offen steht, daneben noch die USA und Kanada. Und der Fakt, dass heute keine reale Gefahr besteht, heißt noch lange nicht, dass wir das Entstehen künftiger Gefahren ignorieren sollten. Sollte in Frankreich beispielsweise die Front National sich darauf verlegen, Konzentrationslager für Juden zu befürworten oder eine antijüdische Einwanderungspolitik, dann sollten wir zu Recht alarmiert sein. Aber nicht weil etwas alarmierendes möglicherweise geschehen könnte: es passiert weit mehr alarmierendes als das!

Man könnte dem entgegenhalten, dass ein Grund zur Besorgnis nur deshalb nicht besteht, weil die Juden und andere in der Bekämpfung des Antisemitismus so aufmerksam waren. Aber das ist wenig plausibel. Zum einen führt Aufmerksamkeit gegenüber Antisemitismus zu einer Art Tunnelblick: lernfähige Neofaschisten könnten es vermeiden bemerkt zu werden, indem sie in bezug auf Juden nichts von sich geben. Um es noch einmal zu sagen, selbst in traditionell antisemitischen Ländern wie Kroatien und der Ukraine, wo die Welt nicht groß hinschaut, besteht bislang für Juden keine Gefahr. Länder, die wenig beobachtet werden scheinen nicht gefährlicher zu sein als Länder mit viel Beobachtung. Das Aufmerken bei LePen in Frankreich scheint mehr mit der Abscheu der Franzosen gegen den Neo-Faschismus zu tun zu haben denn mit dem Geschimpfe der Anti-Defamation League. Anzunehmen, dass jüdische Organisationen und ernsthafte Kolumnisten, die bei Antisemitismus Alarm schlagen, die Welt vor Desaster schützen können ist ungefähr das gleiche wie die Behauptung, Bertand Russell und die Quäker allein hätten uns vor einem Nuklearkrieg bewahrt.

Nun könnte jemand einwenden: Gleichgültig, wie real die Gefahren sind, die Vorkommnisse trieben Juden in die Agonie, und weckten unerträglich schmerzvolle Erinnerungen. Das mag für die wenigen zutreffen, die noch solche Erinnerungen haben; auf Juden generell trifft das nicht zu. Ich bin ein deutscher Jude und zähle mich mit gutem Recht zur 2. Generation, dem Kreis der Opfer in dritter Folge. Antisemitische Vorfälle und ein Klima zunehmenden Antisemitismus berühren mich wenig. Vielmehr erschrecken mich wirkliche Gefahren, wie etwa beim Autofahren. Nebenbei gesagt, selbst schmerzvolle Erinnerungen und Ängste haben für mich gegenüber aktuellem physischen Leiden vieler Nicht-Juden infolge einer Diskriminierung wenig Gewicht.

Damit will ich den Antisemitismus insgesamt nicht klein reden. Man hört oft von niederträchtigen Antisemiten in Polen und in Russland, sowohl auf der Straße als auch in der Regierung. Aber wie alarmierend auch immer, so hat dies mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt nichts zu tun und eine wechselseitige Beeinflussung bleibt weiterhin höchst unwahrscheinlich. Darüber hinaus gibt es nirgendwo mehr Gewalttätigkeiten gegen Juden als gegen ,Araber' verübt werden. Davon ausgehend, dass Antisemitismus doch irgendwo eine katastrophal ernste Sache ist, so können wir daraus folgern, dass es um antiarabische Ressentiments noch viel ernster steht. Seit sich jeder antisemitische Vorfall in viel stärkerem Maß als fremdenfeindlich und anti-arabisch entpuppt, sollten diese Gruppierungen nicht im Namen des Antisemitismus bekämpft werden, sondern als Verteidigung der Araber und Einwanderer. Nicht einmal die antisemitische Drohung, die von diesen Leuten ausgeht, sollte uns dazu bringen ausschließlich den Antisemitismus im Blick zu haben: diese Gruppen werden im Namen der Gerechtigkeit für Araber und Immigranten genauso gut bekämpft.

Kurzum, der eigentliche Skandal ist heute nicht der Antisemitismus, sondern die Bedeutung, die ihm zugemessen wird. Israel hat Kriegsverbrechen begangen. Es hat die Juden insgesamt in diese Verbrechen hineingezogen, und die Juden haben sich beeilt sich darin zu verstricken. Das löste Hass gegen Juden aus. Why not? Manches an diesem Hass ist durchaus rassistisch, anderes nicht, wen schert's? Warum sollten wir darauf groß achten? Hat etwa Israel mit seinem Rassenkrieg bitteren Zorn provoziert, der über den Kontext des Krieges selbst noch hinausgeht? Besteht etwa die Eventualität, dass irgendwo, irgendwann, irgendwie dieser Hass theoretisch einige Juden töten könnte, losgelöst von der brutalen, aktuellen physischen Verfolgung von Palästinensern und davon dass Hunderttausende dafür sind, die Araber in Transitlager zu sperren? O je, ich vergaß etwas. Streichen Sie alles, was ich gesagt habe. Da hat doch jemand antisemitische Slogans an eine Synagoge gesprüht.

Nicht einmal die Anti-Defamation League (ADL) und B'nai B'rith setzen Angriffe auf Israel auf ihre Liste; sie drücken es so aus "Die feige Tour in der Antisemiten den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern nutzen - von uns beobachtet." ("The insidious way we have seen the conflict between Israelis and Palestinians used by anti-Semites") Wie viele andere Leute auch, zähle ich die terroristischen Attacken von Alqaida und Konsorten eher weniger zur Kategorie der antisemitischen Vorfälle, als vielmehr zu einem fehlgeleiteten quasi-militärischen Feldzug gegen die USA und Israel. Aber auch wenn Sie das dazurechnen, scheint es nicht sehr gefährlich zu sein, als Jude außerhalb Israels zu leben.

                                  hoch