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GASTESSAY (8)
Ein Mann gegen die Welt
von Uri Avnery (15.02.03)
Abstract / Zusammenfassung
Uri Avnery ist israelischer Journalist, Schriftsteller und Friedensaktivist.
Link zum englischen Original "One Man against the World"
http://uri-avnery.de hat viele von Uris Texten in deutscher Übersetzung

Eine große zivilisierte Nation wählte demokratisch einen fanatischen Demagogen, der Krieg predigte. Tatsächlich erhielt er nicht wirklich die Mehrheit der Stimmen, doch irgendwie wurde sein Aufstieg zur Macht jedenfalls arrangiert.

Kurz nach der Machtübernahme inszenierte er einen dramatischen Vorfall, um seinen Griff auf das Land zu festigen und um den Angriff kleinerer Nationen vorzubereiten. Eine gewaltige Propaganda-Maschine machte aus "Feinden" Teufel, die Inkarnation des Bösen.

Der Ruf nach Krieg ermöglichte ihm, das ganze Volk hinter sich zu vereinigen, jede Opposition zum Schweigen zu bringen, nach und nach die Menschenrechte einzuschränken, die wirtschaftliche Krise zu überwinden und sich auf eine Reise in Richtung Weltherrschaft einzulassen.

Er liebte es, in Uniform fotografiert zu werden, während er zwischen den Reihen der Soldaten lief und vorgab, ein großer militärischer Führer zu sein.

Ich meine natürlich Adolf Hitler.

Das deutsche Volk, das ihm die Macht gab und ihm mit geschlossenen Augen folgte, sogar als er abscheuliche Verbrechen verübte, zahlte einen schweren Preis. Es hat daraus gelernt. Jetzt verabscheut es Krieg, jeden Krieg, aus der Tiefe seiner Seele. Hunderttausende - junge Leute, Kinder, Enkelkinder und Urenkel dieser Generation - marschieren dieser Tage durch die Straßen Deutschlands, um gegen Bushs Krieg zu protestieren. Ihr Regierungschef, Schröder, wurde nur deshalb wiedergewählt, weil er seine tiefe Sehnsucht nach Frieden ausgedrückt hat. Das kriegerischste Volk wurde zum höchst anti-kriegerischsten.

Das ist toll, oder? Überhaupt nicht! Die amerikanischen und britischen Regierungschefs verurteilen Deutschland für seine Weigerung, in den Krieg zu ziehen. Die israelische Regierung schüttet ihm Verachtung über den Kopf. Spielverderber, diese Deutschen! Blöde Pazifisten! Feiglinge! Bedauernswerte Leute, die sich weigern zu kämpfen!

All dies weniger als 60 Jahre nach Hitlers Selbstmord. Wer hätte das gedacht.

Und das ist nicht das einzige Mirakel, das in diesen Tagen geschieht. Ganz und gar nicht.

Eine persönliche Erinnerung (verzeihen Sie, falls Sie es schon einmal gelesen haben sollten): Als ich acht Jahre alt war, zwei Jahre, bevor meine Familie nach Hitlers Machtübernahme aus Deutschland floh, war ich Schüler in der dritten Klasse einer Grundschule in Preußen, einem sozialdemokratischen Bollwerk in jener Zeit.

Einmal erzählte der Lehrer uns von Hermann, dem Nationalhelden, dem es im Jahre 9 n.Chr. gelungen war, die römische Armee in eine Falle zu locken und zu vernichten. Der römische Kommandant Varus fiel in sein Schwert und Augustus Cäsar schrie in Verzweiflung: "Varus, gib mir meine Legionen zurück!" An dem Ort, von dem man annimmt, dass sich dort die historische Schlacht zugetragen hat, steht jetzt eine riesige Statue von Hermann.

"Hermann steht mit dem Gesicht in Richtung des Erbfeinds!" verkündete unser Lehrer. "Kinder, wer ist der Erbfeind?" Alle Schüler in der Klasse riefen unisono: "Frankreich! Frankreich!"

Jetzt stehen Deutschland und Frankreich, die beiden Erbfeinde, Schulter an Schulter zusammen gegen Bushs Kriegspläne. Die Amerikaner verfluchen und beschimpfen sie, aber sie sind fest entschlossen: Genug vom Krieg. Genug von Zerstörung und Blutvergießen. Andere Wege, um Probleme zu lösen, müssen gefunden werden.

Das ist ein weiteres Mirakel. Aber selbst das ist ein geringes im Vergleich mit dem dritten, historischen Mirakel, das sich vor unseren Augen abspielt:

Präsident Putin erschien in Berlin und Paris, umarmte Chirac und Schröder und fügte seine Stimme ihren hinzu. Eine einzige Front von Cherbourg am Atlantik bis Wladiwostok am Pazifik. Das ist noch nie geschehen.

Seit frühesten Zeiten ist die europäische Geschichte voll von Bündnissen einiger Staaten gegen andere. Deutschland und Russland teilten Polen unter sich auf. Frankreich und Russland schlossen sich mehrmals zusammen, um Deutschland zu zügeln. Napoleon versuchte, Europa zu einigen, doch gelang es ihm nicht. Dem texanischen Cowboy gelingt, was der korsische Imperator nicht schaffte.

Bush hat den kindischen Ausdruck "Achse des Bösen" erfunden, um den Irak, Iran und Nordkorea zusammengruppieren zu können. Das ist Unsinn. Aber in der Zwischenzeit ist eine französisch-deutsch-russische Achse entstanden, und die stehen den Vereinigten Staaten gegenüber.

(Der Begriff "Achse", der die Koalition von Staaten bezeichnet, wurde ebenfalls in der Zeit Hitlers erfunden. Die originale Achse des Bösen enthielt Deutschland, Italien und Japan. Als Bush den Begriff benutzte, wollte er diese Erinnerung wachrufen.)

Es ist zu früh, um zu sagen, ob diese neue Achse Bestand haben wird, und ob sie stark genug sein wird, um der enormen Macht der Vereinigten Staaten zu begegnen. Doch selbst, wenn sie dieses Mal zerschlagen würde, ihre bloße Geburt ist ein Vorbote von Dingen, die noch geschehen werden.

Diese drei Länder, die vom amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld abfällig "das Alte Europa" genannt wurden, sind, ganz im Gegenteil, vereinigt durch Überlegungen, die zum Neuen Europa gehören. Dieses Europa beunruhigt die Amerikaner. Es wird zu einer ökonomischen Supermacht, in der Lage, mit den USA zu konkurrieren oder sie gar zu übertreffen. Ein Symbol dafür ist der Euro, der tatsächlich den Dollar überholt hat.

Wie ich in einem früheren Artikel erwähnt habe, ist der Krieg im Irak in erster Linie ein Krieg gegen Europa und Japan. Die amerikanische Besetzung des Irak wird amerikanische Kontrolle nicht nur über die gewaltigen Ölreserven des Irak selbst sicherstellen, sondern auch über die des Kaspischen Meeres und der Golfstaaten. Die Hand am Ölhahn der Welt kann Deutschland, Frankreich und Japan drosseln, denn sie kann willkürlich den Ölpreis in der ganzen Welt manipulieren. Verringert man den Preis, drosselt man Russland. Erhöht man den Preis, drosselt man Europa und Japan.

Daher ist es ein essenzielles europäisches Interesse, den Krieg zu verhindern, zusätzlich zu den tiefen Sehnsüchten der europäischen Völker nach Frieden.

Washington versteckt sein Verlangen nicht einmal, Europa in die Knie zu zwingen. In letzter Zeit gibt es die rohe amerikanische Anstrengung zur Schaffung einer Koalition von Peripherie-Staaten, um Deutschland und Frankreich aus der Führerschaft der Europäischen Union herauszubringen. Amerika organisiert einen Block von ehemals kommunistischen Nationen, die soeben in die Europäische Union aufgenommen werden, zusammen mit Großbritannien, Spanien und Italien. Die Achse Paris-Berlin, unterstützt von Moskau, ist auch als Verteidigung gegen dieses Vorgehen gedacht.

Dieser Krieg geht also weit über das irakische Problem hinaus. Es ist kein Krieg gegen Saddams Mikroben. Es ist, recht simpel, ein Krieg um die Weltherrschaft - ökonomisch, politisch, militärisch und kulturell. Bush ist bereit, eine Menge Blut zu vergießen, um das zu erreichen (solange es kein amerikanisches Blut ist).

Israel ist an diesem Spiel beteiligt, ohne recht zu wissen, was es dort tut, ein Junge im Spiel von Weltliga-Raufbolden. Es kann nichts dabei gewinnen; es kann nur verlieren.

(Übersetzung: Anis, 16.02.03)

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