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GASTESSAY (15)
JÜDISCHE ETHIK IM ISRAELISCH-PALÄSTINENSISCHEN KONFLIKT:
Den Kreislauf der Gewalt beenden. Ein Interview mit Marc H. Ellis
von Andrea Bistrich1 (November 2004)
English Original

Marc H. Ellis ist Universitätsprofessor und Direktor des 1999 von ihm gegründeten Zentrums für Amerikanische und Jüdische Studien an der Baylor University in Waco, Texas, USA. Er hat 15 Bücher Verfasst; das jüngste ist 2003 erschienen unter dem Titel: Israel and Palestine: Out of the Ashes, The Search for Jewish Identity in the 21st Century. (Israel und Palästina: Aus der Asche erstanden, Die Suche nach einer jüdischen Identität im 21. Jahrhundert - Anm. d. Übers.)
"Juden mit Gewissen" sind in Israel oder Amerika lebende Juden, die das historische jüdische Leid und das gegenwärtige palästinensische Leid erkennen und die Beendigung der israelischen Besetzung palästinensischen Landes fordern, um den Kreislauf der Gewalt zu beenden, der wieder einmal die ganze Region betrifft.
Ellis entwickelt die Vision eines Judentums, das sich bewusst zu einem ethischen Leben bekennt und auf den Prinzipien von Gerechtigkeit und Gemeinschaft beruht - das traditionelle Fundament des jüdischen Glaubens. Nur wenn die Juden wieder zu diesen ursprünglichen Prinzipien zurückfinden, die der militarisierte Staat Israel und das verbündete jüdische Establishment in Amerika verloren haben, so Ellis, kann es Hoffnung auf einen künftigen Frieden geben. Indem Ellis über das Vermächtnis des Holocaust und das Bild der Juden als Opfer einerseits und als Verfolger andererseits hinausgeht, gelingt es ihm, eine neue Vision dessen zu entwickeln, was es heute heißt, jüdisch zu sein. Erzbischof Desmond Tutu hat über Ellis gesagt, er liefere "einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der wenigen verbleibenden hartnäckigen Probleme unserer Zeit".


Andrea Bistrich: Was meinen Sie, wenn Sie von "Juden mit Gewissen" sprechen?
Marc H. Ellis: Damit meine ich Juden, die sich weigern, die Enteignung eines anderen Volkes - derzeit der Palästinenser - von Land und politischen Rechten anzuerkennen. Ich verwende den Begriff, um zu hinterfragen, ob Juden, die dies zulassen oder gar rechtfertigen, nach ihrem Gewissen handeln und für Gerechtigkeit eintreten.
Als "Jude mit Gewissen" versuche ich die Ungerechtigkeit zu verstehen, die im Namen der Juden und der jüdischen Geschichte ausgeübt wird, und dagegen anzugehen. Wie andere "Juden mit Gewissen" kämpfe ich gegen die Vorstellung eines "konstantinischen Judentums", das unsere Führer in Amerika und Israel erfasst hat. Das konstantinische Judentum ist eine Form des Judentums, ähnlich wie das konstantinische Christentum, das der Idee von Staat und Macht anhängt. Mit der Gründung des Staates Israel und einhergehend mit der Notwendigkeit, seine Unantastbarkeit und sein Territorium zu verteidigen, hat sich die jüdische Führung mit den Mächten Israel und Amerika verbündet.

AB: Was sind die tieferen Ursachen für den Konflikt zwischen Israel und Palästina beziehungsweise dem Nahen Osten allgemein? Ist es ein religiöses Problem?
MHE: Es ist kein religiöses Problem. Es ist ein Kampf um Land und politische Rechte. Israel ist bereits etabliert. Palästina sollte im Gaza, in der Westbank und in Ost-Jerusalem etabliert sein. Wenngleich es auch weiterhin Probleme im Nahen Osten geben wird, sollte dies doch der erste Schritt sein, damit die Probleme gelöst werden können.

AB: Angesichts dessen, dass die Juden im Holocaust so unendliches Leid erlitten haben, wie können sie heute die Unterdrücker eines anderen Volkes sein?
MHE: Eine gute Frage, auf die es keine Antwort zu geben scheint. Ich nähere mich ihr mit einer Tatsache an: Als Juden unterdrücken wir ein anderes Volk und vertiefen dadurch gleichzeitig auch unsere eigenen Wunden. Wir Juden können nicht von unserem Trauma geheilt werden, indem wir anderen Menschen Leid zufügen. Anstatt die Frage zu beantworten, möchte ich den Kreislauf der Gewalt beenden, so dass wir eine andere Frage in einem neuen und friedlichen Kontext stellen können. Dieser Kreislauf der Gewalt kann nur mit der Gründung und Bevollmächtigung eines eigenen palästinensischen Staates beendet werden. Erst dann wird es möglich sein, ein Programm zu starten, das wirtschaftlichen und politischen Aufschwung bringt und es möglich macht, dass die Leute in einem demokratischen Staat in Frieden und Freundschaft mit den Nachbarn, einschließlich Israel, leben.

AB: Liegt in der Beendigung der Apartheid in Südafrika eine Lektion für Israel?
MHE: Ich weiß nicht, ob es eine solche Lektion gibt. Ich weiß aber, dass wir eine Apartheidsituation geschaffen haben. Die Apartheid in Südafrika ist vorbei. Apartheid in Israel wird es noch lange geben. Wann genau und wie sie beendet werden kann, geht wohl über meine Lebenszeit hinaus. Was jedoch heute zu meiner Zeit geschieht, ist das Ende einer jüdischen Ethik und ihrer Weiterentwicklung. Damit meine ich die Ausübung von Gerechtigkeit, die auf einer besonderen historischen Situation sowie auf einem ständigen Bemühen darum beruht. Das Besondere der jüdischen Geschichte ist ihr Fundament einer jüdischen Ethik, auf der Juden ihre Aktivitäten gründen und gemeinsam mit anderen Gemeinschaften zu Gerechtigkeit beitragen können.

AB: Wir alle wissen, dass der Holocaust zu verurteilen ist. Wenn das jüdische Volk jedoch weiterhin so vehement an der Erinnerung an den Holocaust festhält, wird es dann nicht blind für die Möglichkeiten und Perspektiven, die die Zukunft bereit hält? Gibt es nicht einen Punkt, an dem der "Preis" endgültig beglichen ist?
MHE: Die Frage ist, wie mit der Erinnerung an das Leid umgegangen wird. Benutzen wir die Erinnerung an den Holocaust als ein grobes Instrument gegen andere? Oder sehen wir den Holocaust als eine Brücke der Solidarität mit anderen Leidenden, insbesondere mit denen, die durch unser Verschulden leiden? Jede Gemeinschaft hat ihre Methoden, sich zu erinnern und sich Ausdruck zu verschaffen. Für Juden ist die Besinnung auf die jüdische Erfahrung, die auch das Leiden einschließt, essentiell. Allerdings müssen wir auch wissen, dass wir, haben wir einmal Macht, dazu tendieren, sie ebenso wie jedes andere Volk einsetzen. In diesem Sinne sind beide Arten der Erinnerung wichtig, um unseren besonderen Weg fortzusetzen: sich zu erinnern, wie wir in der Vergangenheit gelitten haben, und wie wir heute einem anderen Volk Leid zufügen.

AB: Wie ist die derzeitige Lage in Israel? Demonstrieren die Menschen gegen die Misshandlung der Palästinenser?
MHE: Es gibt einige Juden mit Gewissen in Israel, und es gab auch einige Demonstrationen gegen Scharons Politik. Dennoch müssen wir unterscheiden zwischen jüdischen Israelis, die einen konsequenten Standpunkt vertreten, und solchen, die die Unterdrückung nur hier und da etwas mildern wollen. Daher differenziere ich zwischen progressiven Juden und Juden mit Gewissen. Ein Beispiel: Die meisten der "Rabbis für Menschenrechte", insbesondere ihr Direktor Rabbi David Forman, sind progressive Juden, die sich für die Menschenrechte der Palästinenser, nicht aber für ihre politischen Rechte einsetzen. Wenngleich sie sich selbst als Gegner der israelischen Politik betrachten, funktionieren sie doch als politischer Arm des Staates. Jeff Halper dagegen setzt sich als Jude mit Gewissen ein, indem er gleiche politische Rechte für die Palästinenser fordert. Zwischen progressiven Juden und Juden mit Gewissen gibt es also einen wesentlichen Unterschied, denn erstere meinen es mit der Gerechtigkeit für die Palästinenser nicht wirklich ernst. "Juden mit Gewissen" lehnen es ab, jüdische Schuldlosigkeit zu proklamieren; sie erkennen Juden und Palästinenser konsequent als gleichberechtigt an.

AB: Wie lassen sich die Lebensbedingungen zwischen Israelis und Palästinensern verbessern?
MHE: Juden und Palästinenser mit Gewissen - in Israel und anderswo - sollten sich zusammentun. Es wird eine lange Wegstrecke zurückzulegen sein, weit über die nächsten Jahrzehnte hinaus. Aber es ist es wert. Vor allem in der Diaspora haben Juden und Palästinenser die Gelegenheit, sich selbst und anderen zu zeigen, dass ein rassistisch und kulturell motivierter Fanatismus kontextuell bedingt ist, und dass Menschen verschiedenster Herkunft dort, wo dieser negative Kontext nicht mehr vorhanden ist, friedlich zusammenleben können. Es gibt keinen anderen Weg, dies zu zeigen, als ihn selbst zu schaffen - in Form von Austausch, Studienzentren und gemeinsamen Aktivitäten. Juden und Palästinenser müssen anfangen, miteinander zu leben und zu arbeiten, wo immer sie gerade sind, und mit einer gemeinsamen Stimme solange für Gerechtigkeit einzutreten, bis Angriffe gegen einen von ihnen auch zu Angriffen gegen den anderen werden.

AB: Sie haben gesagt, dass die Ungerechtigkeit gegenüber den Palästinensern nicht nur die Palästinenser betrifft, sondern auch die jüdische Identität verändert. Können Sie das etwas näher erläutern?
MHE: Wir können derzeit das Ende der traditionellen jüdischen Ethik und Gerechtigkeit beobachten. In diesem Sinne verändert sich die jüdische Identität grundlegend. Auf lange Sicht gibt es keinen Grund, jüdisch zu sein, wenn es nicht für etwas, insbesondere für ein ethisches System steht, das uns von anderen unterscheidet.
Die Palästinenser rütteln an den Grundfesten unserer Identität. Daher bedeutet heute ein gläubiger Jude zu sein, sich mit dem palästinensischen Volk solidarisch zu zeigen.

AB: Können Sie bereits einen Wandel in der Einstellung der Juden zu den Palästinensern beobachten?
MHE: Als Kollektiv betrachtet werden die Juden ihre Sicht auf die Palästinenser wohl nicht verändern. Das ist für Juden aus der Sicht einer jüdischen Gemeinschaft wohl aussichtslos. "Juden mit Gewissen" sind grundsätzlich anderer Meinung. Sie haben Hoffnung auf eine Zukunft. Obwohl diese Gruppe nicht sehr groß ist, gibt es "Juden mit Gewissen" praktisch überall. Sie symbolisieren unsere Zukunft. Ob sie aber jemals zu einer politischen Kraft werden, ist eine andere Frage. Sollten sich die Kräfteverhältnisse zwischen Israel und den Palästinensern oder der arabischen Welt ändern oder die Vereinigten Staaten ihre eigenen Interessen durch eine kontinuierliche Expansion Israels bedroht sehen, dann wäre Israel möglicherweise zu Veränderungen gezwungen. Allerdings gehe ich nicht davon aus, dass dies tatsächlich geschehen wird, zumindest nicht in naher Zukunft.

AB: Was wäre Ihrer Meinung nach eine mögliche Lösung für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern?
MHE: Simpel: zwei Staaten für zwei Völker. Aber das geschieht nicht. Mein Eindruck ist, dass sich der Kampf auf den Bereich der Bürgerrechte verschoben hat - innerhalb des expandierenden Staates Israel - und mit einer fortwährenden Beschränkung des kulturellen, geographischen und politischen Raumes der Palästinenser einhergeht. Wenn Israel nicht Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen Palästinenser vertreiben will, ist es das Schicksal von Juden und Palästinensern, zusammen zu leben. Die politische Herausforderung besteht darin, beiden Gemeinschaften aufzuzeigen, dass sie ihre schicksalsbedingte Situation als Möglichkeit zu einem gemeinsamen und produktiven Leben begreifen müssen. Aber auch das ist ein Langzeitprojekt und erfordert viel Mut.

AB: Kürzlich hat der Internationale Gerichtshof in Den Haag Israels Mauer zur Westbank für illegal erklärt, weil sie die Palästinenser in ihrem Recht auf Selbstbestimmung behindert. Der Internationale Gerichtshof hat den sofortigen Stopp des Mauerbaus gefordert. Wird Israel diese Entscheidung akzeptieren?
MHE. Israel wird dieses Urteil nicht akzeptieren. Aber, um ehrlich zu sein, Israel braucht die Mauer nicht; es hat das Land bereits eingenommen. Die Fakten bleiben dieselben - mit oder ohne Mauer.

AB: Halten Sie einen Prozess der Integration zwischen Juden und Palästinensern für möglich?
MHE: Integration und Auflösung gibt es ständig. Alles verändert sich, insbesondere das, was statisch zu werden scheint. Es wird keine zwei Staaten geben, wir haben bereits einen Staat - wenn damit die Kontrolle über eine ganze Region gemeint ist. Israel kontrolliert ein Gebiet, das von Tel Aviv bis zum Jordan reicht, und das wird lange Zeit so bleiben. Manche würden vielleicht sagen, dass es einer solchen Haltung an Optimismus fehlt. Darauf möchte ich erwidern, dass eine richtige Einschätzung der Realität wesentlich ist, und dass Hoffnung, wirkliche Hoffnung, aus einem Realitätsverständnis und dem Bemühen entsteht, eine Zukunft zu gestalten, die über die gegenwärtigen Aussichten hinausgeht. Slogans, die keine Berührungspunkte zur Realität haben, sind der Zukunft nicht zuträglich.

AB: Gibt es hoffnungsvolle Anzeichen, die darauf hindeuten, dass der Kreislauf der Gewalt ein Ende findet und sowohl Juden als auch Palästinenser eine bessere Zukunft vor sich haben?
MHE: Die Hoffnung ist unsere Gewähr - von Juden wie Palästinensern -, dass der Kreislauf von Gewalt und Gräueltaten noch zu unseren Lebzeiten durchbrochen werden kann. Das heißt auch "nein" zu sagen zu jeder Art von rassistischem oder kolonialem Diskurs. Juden und Palästinenser müssen "nein" sagen zu allem, was in ihrer eigenen Gemeinschaft Unterschiede als "anders" deklariert. Juden und Palästinenser mit Gewissen müssen angesichts der gegenwärtigen politischen Lage - und darüber hinaus - ihr Engagement fortsetzen. Und dabei möglicherweise auch physisches und kulturelles Exil in Kauf nehmen. Hier scheiden sich die Wege zum progressiven Diskurs, der lediglich die Unterdrückung zu kaschieren versucht. Es bedeutet aber auch eine Konfrontation mit der konservativen Vereinfachung der Dinge, die davon ausgeht, dass der Kampf der Kulturen unvermeidlich und erklärbar sei. Viele junge Juden und Palästinenser haben sich bereits von den Mustern der Vergangenheit freigemacht. Sie müssen ermutigt und unterstützt werden.


1 Dieses Interview wurde auch in der November-Ausgabe der internationalen NGO-Zeitschrift Share International abgedruckt.
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