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GASTESSAY (19)
Zum Besuch des Papstes in Bayern,
zur Rede in Regensburg und zur Berliner Rede von Kardinal Lehmann

von Friedrich Hitzer, 27.09.2006
Friedrich Hitzers Room auf Anis Online
(Sehen Sie auch die Vorver÷ffentlichung des Essays "Grassliche Rituale" vom selben Autor auf dieser Website)

Während die Bertelsmann-Stiftung im "Weltsaal" des Auswärtigen Amtes mit den Eliten der Politik, Diplomatie und Medienchefs die "strategischen Antworten Europas" diskutieren lässt, die den Schulterschluss mit der Bush-Administration verhüllen, sind der atomare Flugzeugträger Dwight D. Eisenhower, mehrere Kreuzer, Zerstörer und U-Boote unterwegs in den Persischen Golf. Nach The Nation vom 25. September 2006 haben Offiziere sich bei prominenten Friedenskämpfern der USA gemeldet, weil sie ohne Auftrag des Kongresses zu dem Krieg gegen den Iran abkommandiert wurden. Der schon mehrfach zitierte Ray McGovern (27 Jahre lang Chef-Analyst des CIA für den Nahen und Mittleren Osten): "Wir haben etwa sieben Wochen Zeit, um zu versuchen, diesen nächsten Krieg zu verhindern."

Durch Deutschland weht indes der Wind der Beschwichtigung, des Verschweigens, der militärischen und der theologisch-politischen Aufrüstung gegen den Islam, dem Schäuble eine Art von Dialog anbietet, bei dem ein schroffer Veranstalter die Regeln und die Teilnehmer bestimmt. Zeitgleich ergreift Deutschland mit der Entsendung von Militär vor die Küsten des Libanon Partei im Krieg. Und zur selben Zeit halten Papst Benedikt XVI. und danach Kardinal Lehmann Reden, die den Islam von den gemeinsamen Traditionen der abrahamitischen Religionen ausgrenzen. Lauter strategische Zufälle, oder? Wie das geschieht und anzufechten ist, findet sich im Anhang mit Hinweis auf den Wortlaut der Reden, auf die sich mein offener Brief bezieht:

1. Offener Brief an Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
2. Nachtrag zum SENDSCHREIBEN vom Anfang September - die Erinnerung an Dostojewskis Meinung über das Wesen des Kardinal-Großinquisitors, der den Erlöser und Friedensbringer verhaften lässt, Gott beschwört und an ihn eigentlich nicht glaubt, ist brandaktuell: Dostojewski lässt diese "absurde Geschichte" dialogisch so ablaufen, als hätte er vorweggeahnt, dass 2006 ein neuer religiös bemäntelter, brutaler und schmutziger Krieg gegen den Terror bevorsteht, an dem der römisch-amerikanisch-deutsch-israelische Westen mindestens genau so beteiligt ist wie bestimmte Kreise in der arabisch-iranischen Welt.

Eines ist allerdings sicher: In Deutschland steht die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung noch gegen den Wahn, dem eine kleine, hinter den Kulissen der Macht operierende Minderheit unter den herrschenden Eliten des Landes ergeben ist und die der Bertelsmann-Stiftung am Wochenende des 23./24. September 2006 ins Auswärtige Amt, Berlin, folgte, von dem ich bisher annahm, es sei noch nicht privatisiert - die Liste der Namen aus ganz Europa (nicht ohne Henry Kissinger, Dominique de Villepin, Angela Merkel) ist eindrucksvoll, bedenkt man, dass von dort kein Aufruf für den Frieden und gegen den in die Wege geleiteten Irankrieg erfolgte.

Beste Wünsche in Zeiten, da Politiker den Ruf von Kretern im alten Athen haben, wo es hieß: Alle Kreter lügen. Was bedeutet es also, wenn ein Kreter sagt: Alle Kreter lügen?!


24. September 2006

Sr. Exzellenz Karl Kardinal Lehmann
Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz
Postfach 1560
D - 55005 Mainz

Ew. Exzellenz! Sehr geehrter Karl Kardinal Lehmann!

Im Vertrauen auf die Verbindlichkeit der Schrift vom Gerechten Frieden, die zu den wichtigsten Richtlinien der Deutschen Bischofskonferenz gehört, wende ich mich an Sie aus Sorge um eben diesen Frieden mit dem Islam, worauf sich auch Ihr Vortrag beim St. Michael-Empfang, Berlin, 19. September 2006, bezieht.
Diese Rede befasst sich mit "Chancen und Grenzen des Dialogs zwischen den abrahamitischen Religionen". Bezogen auf den Gerechten Frieden beunruhigt mich die Einschränkung schon in der Überschrift. Da die Worte vom Lehramt her gesprochen sind, verschärft sich die Frage nach Vernunft und Glaube, die der gesamten Vorlesung von Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in Regensburg zugrunde liegt.
Sie erlauben mir, einem Kind des Krieges, meine Bedenken vorzutragen. Ich habe erlebt, wie Bomben eine Stadt in Schutt und Asche legen - die alte freie Reichsstadt Ulm an der Donau. Sie hinterließen überall zerfetzte Körper von Mensch und Tier, wie zu unserer Zeit in der Stadt Falludschah im Irak, dem Libanon durch Phosphor- und Streubomben, durch Raketen im nördlichen Israel. All das geht mir durch Mark und Bein, während mich Verstand und Glauben an manchen Worten wie auch beredtem Schweigen hoher Geistlichkeit eher verzweifeln lassen. Der englische Gelehrte, Professor Richard Keeble, bezeichnet das als Silence of Language, das Schweigen der Sprache, das umso schwerer wiegt, wenn es die Verbrechen der Gewalt mit Massaker-Sprech verbrämt - zum Beispiel "Kollateralschaden" auf das anwendet, was in Ulm am 17. Dezember 1944, in Falludschah ab 2004, im Libanon und Israel, August 2006, geschah.

Die Fragen nach Stimmigkeit, Sinn und Zweck des Vortrags in Regensburg haben andere vielfach erörtert. Ich beziehe mich hier auf Juan Cole, Professor für moderne Geschichte des Mittleren Ostens und Südostasiens an der Historischen Abteilung der Universität von Michigan, USA. Er redigiert die ständig aktualisierte Webseite "Informed Comment" (www.juancole.com) und fasst seine Kritik an der Rede Benedikts XVI. wie folgt zusammen: "Der Papst war sachlich im Irrtum. Er sollte sich bei den Muslimen entschuldigen und sich bessere Berater für christlich-muslimische Beziehungen suchen." Erwähnt sei auch Professor Mohssen Massarrat: "Der deutsche Papst sollte aufpassen, nicht als ein Papst, der Kriege schürt, in die Geschichte einzugehen. Der polnische Papst hat immerhin - und er tat dies ausdrücklich vor der Irak-Invasion - jeden Krieg verdammt." (Freitag 38, 22.09.06) Uri Avnery, israelischer Publizist und ehemaliges Mitglied der Knesseth, ist in seinem Beitrag über "Mohammeds Schwert" vom 23. September 2006 noch deutlicher: "Zwischen dem jetzigen Papst, Benedikt XVI., und dem gegenwärtigen Imperator, George Bush II, besteht eine wunderbare Harmonie. Die Rede des Papstes, die einen weltweiten Sturm auslöste, fügt sich gut ein in den Kreuzzug von Bush gegen den 'Islamo-Faschismus', im Kontext des 'Zusammenstoßes der Zivilisationen' ..., wo 'Terrorismus' ein Synonym für Muslime wurde. Für die Bush-Abwickler ist dies der zynische Versuch, die Herrschaft über die Ölressourcen der Welt zu erringen. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte, wird eine Religionsrobe über nackte ökonomische Interessen ausgebreitet; nicht zum ersten Mal gerät eine Expedition von Räubern zu einem Kreuzzug."
Da Sie, sehr geehrter Herr Kardinal Lehmann, gestützt auf Ihre Berater, die Regensburger Rede theologisch vertiefen und politisch verschärfen, ist mein Brief an Sie dennoch keine Klage, vielmehr die Bitte um vernünftiges Vertrauen. Alle Menschen, gleich welchen Glaubens, welcher Sprache und Ethnie sollten gerade jetzt, vor einem möglichen Weltenbrand, für den Frieden zusammenstehen und dem widerstehen, was sich Extremisten in der Politik des Westens und den Welten des Islams aushecken, um sich wechselseitig zu Tode zu siegen. Zudem wäre es furchtbar, wenn ausgerechnet die Deutschen, die sich in den barbarischen Kreuzzügen des mittelalterlichen Europas gegen den aufgeklärten Orient eher mäßigten, den nächsten Krieg gegen die Kernländer des arabischen und iranischen Orients an vorderster Front eher anheizen als ausbremsen.
Fast auf den Tag genau, da Sie in Berlin redeten, überreichten Geistliche dem Weißen Haus in Washington D.C., auch im Namen ungezählter Bürgerinnen und Bürger in 350 Städten des Landes eine Declaration of Peace. Reverend Lennox Yearwood Jr. sprach Worte aus tiefem Gottvertrauen, die ich von keinem Priester in Deutschland in dieser Deutlichkeit hörte, ob katholisch, jüdisch, protestantisch oder islamisch: "Wir sind in einer Zeit der Gefahr, und alle Menschen mit Moral haben aufzustehen. Wenn wir uns jetzt im 21. Jahrhundert nicht erheben, wird es kein 22. Jahrhundert geben. Wir werden uns selbst zerstören - entweder lösen wir dies gemeinsam oder wir sterben zusammen als Narren." Zu Beginn dieses Jahres schlossen sich die Leitungen der christlichen Gemeinschaften der USA zur größten Allianz für Frieden und Gerechtigkeit zusammen und erklärten: "Wir haben uns mit schwerer Schuld beladen, indem wir uns nicht hinreichend genug gegen den Irak-Krieg und andere Vergehen aussprachen. Wir bitten die Welt um Vergebung, die der Gewalt, Erniedrigung und Armut müde geworden ist, die unsere Nation gesät hat." Die Leitungen der großen Kirchen in Deutschland haben diese Bitte um Vergebung mit der Sprache des Schweigens übergangen. Noch vor kurzem half ich zu verbreiten, was 1.800 Atomphysiker dank ihrer Vernunft und nicht wider ihren Glauben verfassten. Die meisten Unterzeichner waren US-Amerikaner (darunter fünf Nobelpreisträger) und sie appellierten in einem Offenen Brief an Präsident Bush an dessen Verstand: "Wir fordern Sie dringend dazu auf, öffentlich zu erklären, dass die USA die nukleare Option vom Tisch entfernt, die alle Gegner ohne Atomwaffen, gegenwärtige oder künftige, betrifft, und wir fordern auch die Menschen von Amerika dringend dazu auf, sich in dieser Sache laut und deutlich Gehör zu verschaffen." Es geht um den erwogenen Einsatz kleiner Atomwaffen, so genannter Mini-Nukes, gegen den Iran, die wegen der Proteste mutiger US-Amerikaner in Utah und Nevada bislang nicht getestet werden konnten.
Wenn ich hier wie dort bezeugen kann, dass diese Äußerungen und Handlungen gläubiger und vernünftiger Menschen in der deutschen Öffentlichkeit keinen Widerhall fanden - weder aus dem Mund derer, die das Lehramt einer Kirche einnehmen, noch jener, die vorgeben, politisch oder publizistisch dem Gemeinwohl zu dienen -, dann rieche ich die Schwaden der Verwesung über Glauben und Verstand solcher Amtsinhaber. Die Ermordeten und Entwurzelten des Terrors der Kriege im Zug des Global War on Terror werden bei uns ohnehin ausgeblendet und verschwiegen. Wenn man nur die Worte verwendet, die "augenblickliche Krisensituation" beruhe "wesentlich auch auf einem innerislamischen Konflikt", kann das auf den Feldern der blutigen Verwüstungen wie Hohn klingen. Warum fehlt Ihren Worten wenigstens das Mitleid für die Opfer der Verbrechen gegen die Menschheit aus dem Westen? Im Gegensatz zur Ehrlichkeit vieler Christen in den USA, die sich der furchtbaren Massenzerstörungen in Afghanistan und dem Irak auf das schreckliche Geschehen am 11. September 2001 mehr bewusst sind als die Europäer an Hebeln der Macht. Leider stimmen auch die von Ihnen verwendeten Worte über Samuel Huntington mit der üblichen Verharmlosung überein, als handle es sich nicht um ein Auftragswerk des Pentagon zur gewaltsamen Neuordnung der Welt. Vicki Gray, früher eine führende Mitarbeiterin des State Department - ihre Ordination bei der Episcopal Church steht demnächst an -, weist das nach und sagt, die Konditionierung der lesenden Eliten für die "neue Bibel des Militarismus" ist The Clash of Civilizations and the Remaking of the World Order. In Ihrer Rede wie in fast allen veröffentlichten Äußerungen in Deutschland heißt das verharmlosend "Kampf der Kulturen". Gray dagegen redet Klartext: "Huntingtons Buch ist wahrlich ein gefährliches Buch, eine Sorte von Mein Kampf für die GWOT [Global Wars On Terror]. Verfasst in der Mitte der Neunzigerjahre, als der Militär-Industrie-Komplex nach einem neuen 'Feind' suchte, der die zusammengebrochene Sowjetunion ersetzen sollte, beschreibt es qua Definition den kulturell überlegenen Westen in einem 'Zivilisationskrieg' mit dem Islam und, zu einem geringeren Maß, China. Alles ist schwarz und weiß, Leben und Tod, töten oder getötet werden - gut und böse. Kein Bedarf für Nuancen. Kein Bedarf für das Verstehen jenseits dessen, was sagt: Sie sind böse, wir sind gut. Einfache Geister schnappten nach solcherlei Simplizität als Erklärung für all die schlimmen Vorkommnisse in der Welt und ließen dabei sogar das weg, was Huntington als kausale Spannung zwischen Modernisierung und Fundamentalismus anerkannte." ("The Militarization of the American Language", Truthout/Perspective, 30.08.06)
Ihr Vortrag führt den "so genannten 'Größeren Mittleren Osten' (vom Magreb bis nach Pakistan und Indonesien)" ins Feld. Tatsächlich beziehen sich diese Worte auf ein US-Gesetz und nicht auf eine allgemeine islamische "Gewaltträchtigkeit der Verhältnisse". Sind Ihnen der Wortlaut des Gesetzes und dessen Ausführungsbestimmungen bekannt? Immerhin stützt sich das Urteil Ihrer Berliner Rede über den Islam unter anderem darauf.
Dieses Gesetz trägt den Namen The Greater Middle East and Central Asia Act. In Deutschland ebenso wenig erörtert wie alle einsehbaren Pläne derer, die nach der Welthegemonie streben. All das entspricht, wie es die US-amerikanischen Vordenker der Pax Americana unverblümt darlegen, der geopolitischen Doktrin des Briten Halford John MacKinder, dem der Deutsche Karl Haushofer nacheiferte - Hitlers Lehrmeister. Der Islam hat das Pech, in den Regionen sich einst ausgebreitet zu haben, wo die meisten Ressourcen des "Blutes für die Industriezivilisation" liegen - Öl und Gas! Sie zu beherrschen ist das Ziel der US-Doktrin, das Mittel ist die geschürte, bezahlte und aufgerüstete Konfrontation durch Fanatismus samt den Projekten einer gewaltsamen "Demokratisierung" für gefügige Vasallen. In diesem Eurasien werden nämlich 60 Prozent des Weltbruttosozialprodukts erwirtschaftet; dort leben 75 Prozent der Weltbevölkerung, die sich nie einigen dürfen, wenn man diesen US-Plänen folgt.
Diese Pläne entsprangen aber nicht in den Köpfen der radikalen Geistlichkeiten des Islam, sondern bei den Crazies, wie Ray McGovern berichtet. Ray McGovern, jahrelang Chefanalyst des CIA für diese Region, gab alle seine hohen Auszeichnungen zurück mit dem ausdrücklichen Vermerk, er wolle sich nicht so schuldig machen wie die Deutschen, die Hitlers Eliten halfen, die Neuordnung der Welt durch Kriege zu besorgen.
Wer die Frage nach der Gewalt stellt und diese Dimensionen auslässt, gießt genau das Öl ins Feuer der Radikalen, was uns alle in den Dritten Weltkrieg hineintreiben kann, einen Krieg, den führende Neocons in den USA öffentlich ankündigen. Schon nach fünf Jahren der Vergeltungskriege für 9/11 - nach Ray McGovern beschlossen in einer Sitzung der Bush-Spitzen am 30. Januar 2001 (Truthout/Perspective, 05.09.06) - sind die Zerstörungen unermesslich. Wer dazu schweigt, zieht den Verdacht auf sich, diese Kriegsführung sei gerechtfertigt, weil es gegen die "Machtansprüche der Dschihadisten" geht. Warum schweigt die katholische Kirche dazu, ausgerechnet seit Antritt des Papstes aus Bayern, Benedikt XVI.? Warum finden wir in Ihrer Rede nicht ein einziges Wort darüber, dass fast die Hälfte der Bevölkerung Afghanistans alles wenige, was sie besaß, verlor und unter unerträglichen Bedingungen dahinvegetiert? Dass über 13 Millionen Iraker offiziell als DP's geführt werden? Mehr als 6 Millionen aus dem Land geflohen sind, von den Verwüstungen der Kulturen Mesopotamiens zu schweigen. Hinter jeder brennenden Fahne und all den irrationalen, furchtbaren Szenen, die der Rede des Papstes in Regensburg folgten, steckt nicht der Dschihadismus allein, sondern die Wut, die, wenn wir dem nicht Einhalt gebieten, einmal so anschwillt wie in den Weiten Russlands zwischen 1941 und 1945, als Deutschland die Welt neu ordnen wollte, den Generalplan Ost in Szene setzte und nach den Fehlschlägen die "Erde verbrannte".
Sollen wir das mitmachen, was seit den frühen Neunzigerjahren die "Verrückten" - die Crazies in und um das Project for a New American Century , der Neuordnung der Welt nach The Greater Middle East and Central Asia Act in aller Offenheit verkünden? Was Scientologen und Evangelikale meinen, wenn sie von Harmagedon reden? Und was Präsident George W. Bush unentwegt wiederholt: Der Global War on Terror wird das 21. Jahrhundert prägen - entweder siegen wir oder die anderen ...
Tief bekümmert lese ich, wie in Ihrer Rede die besseren Gläubigen - die Juden und die Christen - den Gläubigen zweiten Ranges - den Muslimen - vorgeordnet werden. Wie willkürlich dies geschieht, mögen andere nachweisen. Wer einen besseren Gottglauben beschwört, nährt Unfrieden unter den Religionen. Das gilt auch für diejenigen, die sich darauf berufen, in religiöser Verbrämung den Kampf um Vorherrschaft und Ressourcen abzuwehren. Bevor Bin Laden der Todfeind des Westens wurde, war er der beste Verbündete der Bush-Dynastie. All das ist kein Geheimnis. Sie behaupten, zwischen Christentum und Islam gäbe es nicht das "Verwandtschaftsverhältnis" wie zwischen Christen und Juden. Seit dem jüdischen Krieg des Titus haben Stämme und Völker, die später dem Propheten Mohammed folgten, für das Überleben der Juden, ihrer Schriften und Traditionen gesorgt, während das christliche Europa bis ins zwanzigste Jahrhundert in regelmäßigen Abständen die Juden als Sündenböcke ausgrenzte und verfolgte. Ja, Sie erwähnen das, verehrter Herr Kardinal Lehmann, aber die Berliner Rede hört sich an, als müssten die Muslime nunmehr den Platz der Juden von Kaiser Titus über Königin Isabel Catˇlica bis Reichskanzler Hitler einnehmen.
Lassen Sie mich mit einem Beispiel der Versöhnung schließen. Vor kurzem wählte die Versammlung der Islamic Society of North America, die größte Dachorganisation in Kanada und den USA für rund sechs Millionen Muslime, Professor Ingrid Mattson zu ihrer Vorsitzenden. Sie wuchs in einer römisch-katholischen Familie auf und konvertierte nach gründlichem Studium christlicher, jüdischer und islamischer Schriften des Glaubens und der Vernunft zum Islam, überzeugt von der "Wärme, Würde und Großmut", die sie unter Frauen und Männern islamischen Glaubens erfuhr. Ihre Schwester, Peggy Smith, konvertierte übrigens zum Judentum. Beide Frauen treffen sich zu allen hohen Fest- und Feiertagen mit ihren Familien. Sie streiten sich nicht über Theologisches, am allerwenigstens über die Frage, wer den besseren Gott hat, auf den sich alle drei großen Religionen aus dem Vermächtnis des Abraham berufen.
In dieser Welt der bedrohten Natur und des bedrohten Geschlechts der Menschen widmen sich die Muslima Ingrid Mattson und die Jüdin Peggy Smith, Schwestern, die im katholischen Glauben aufwuchsen, den Aufgaben der Emanzipation aller Benachteiligten und Vergessenen, der sozialen Gerechtigkeit und des "ewigen Friedens" - hier durchaus im Sinn Kants. Ich will mir ersparen, Kant zu erläutern und lediglich darauf verweisen: Dieser Friede gründet nicht auf einem einzigen Gottesbegriff, der sich gegen das Wissen um die Geheimnisse der Natur stellt, sondern auf dem Respekt vor dem Recht und sinnvollen Regeln für das Zusammenleben der Völker, der Religionen, ganz im Sinn des Weltethos, wie es Hans Küng versteht. Genau so im übrigen wie es die Schrift vom Gerechten Frieden tut, die mich ermutigt, Ihnen meine Bedenken vorzutragen.
Ist es nicht beachtlich, wie ausgerechnet zwei Frauen aus Kanada, jetzt in den USA, dem Papst Benedikt XVI. und Ihnen, Exzellenz und verehrter Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, eine andere Lesart des Glaubens vorführen, die lebendige Vernunft, Wärme und Würde zwischen dem Gott des Propheten Mohammed und dem des Moses verkörpern, ohne sich von den Verkündigungen aus Rom oder Regensburg in Verlegenheit bringen zu lassen? Und nicht einmal den päpstlich ergebenen Worten folgen, aus dem Mund der "mächtigsten Frau der Welt", Kanzlerin Angela Merkel (nach Forbes, Hauspostille der Milliardäre). Sie geben zu bedenken, was George Orwell sagte: "Aber wenn das Denken die Sprache korrumpiert, dann kann die Sprache auch das Denken verderben."
Sie erlauben, dass ich meine Bedenken auch über die Klarsichten, meinen Verteiler im Internet, verbreite und damit auf den Wortlaut der Reden in Regensburg und Berlin verweise, die ich im Internet fand und nicht in Zeitungen, die diese wie jene verkürzten.

Mit dem Ausdruck der Hochachtung und den besten Wünschen für Sie und die Deutsche Bischofskonferenz verbleibe ich

Friedrich Hitzer


Ein Nachtrag zum SENDSCHREIBEN statt RUNDBRIEF
für "klarsichten" - im September 2006
von Friedrich Hitzer

"Aus Platzgründen verzichtete ich", wie es im Begleittext zur A.B.M.-Maßnahme garantiert Weltmeisterschaft hieß, "auf Dostojewskis Gedanken über den GROSSINQUISITOR"- in der Befürchtung, dass nach dem Platzwechsel von München nach Regensburg, der Papst aus der Rolle des Seelsorgers in die des rigiden Lehramtes treten würde. Seiner Rede in Regensburg folgte der Vortrag, den Karl Kardinal Lehmann als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin am 19. September 2006 hielt. Diese Berliner Rede verteidigt und vertieft die des Papstes, Benedikt XVI., von Regensburg. Zusammen genommen, verkörpern sie die Abgrenzung vom Gott der Juden und der Christen von dem des Propheten Mohammed, der sich zu unterwerfen hat. Kardinal Lehmanns Vortrag enthält neben den Argumenten des Kardinals die einschlägigen Quellen zur eigenständigen, kritischen Lektüre. Deshalb sei hier der Link zu dieser Web Seite angegeben: http://www.dbk.de/aktuell/meldungen/01162/print_de.html
Was ich in der Sache in einem offenen Brief an Kardinal Lehmann vortrug, ist dem Anhang zu entnehmen. Dass sich dies schon bei Dostojewski (hier nach: "Die Brüder Karamassoff, Piper Verlag, München 1964, S. 401 ff) findet, dürfte Kenner dieser "absurden Geschichte", die Iwan erfunden hat und seinem Bruder Aljoscha als erstem Zuhörer erzählt, nicht überraschen.
Bekanntlich lässt Kardinal-Großinquisitor, "ein fast neunzigjähriger Greis ...mit eingesunkenen Augen, in denen aber noch ein Glanz blinkt wie ein Feuerfunke", den Messias, der ein totes Mädchen zum Leben erweckt, durch die Wache ergreifen und wegführen. "Und jäh beugt sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen Großinquisitor; der segnet schweigend das kniende Volk und geht stumm vorüber." Um dann darauf zu verweisen, wie "gerade jetzt diese Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein, und dabei haben sie doch selber ihre Freiheit zu uns gebracht und sie gehorsam und unterwürfig uns zu Füßen gelegt. Aber das ist unser Werk." Denn "für den Menschen und die menschliche Gemeinschaft hat es niemals und nirgends etwas Unerträglicheres gegeben als die Freiheit".
Zum gefangenen, wieder erschienenen Messias, sagt der Greis: "Aber wir werden sagen, wir gehorchten Dir und herrschten nur in Deinem Namen. Wir werden sie wieder betrügen, denn Dich werden wir nicht mehr zu uns einlassen. Und in diesem Betrug wird unsere Pein bestehen, denn wir werden lügen müssen." Und der Greis belehrt, wenn der Mensch endlich den findet, "vor dem er sich beugen kann". "Um der gemeinsamen Anbetung willen haben sich die Menschen mit dem Schwert gegenseitig ausgerottet. Sie erschufen Götter und riefen einander zu: 'Verlasst eure Götter und kommt und betet die unsrigen an, oder Tod und Verderben euch und euren Göttern!' Und also wird es sein bis zum Ende der Welt, selbst dann, wenn aus der Welt die Götter verschwinden: gleichviel, dann wird man sich vor Götzen niederwerfen."
"Ich schwöre Dir", ruft der greise Kardinal-Großinquisitor vor dem Erlöser aus, "der Mensch ist schwächer und niedriger geschaffen, als Du es von ihm geglaubt hast ... Er ist schwach und gemein ...Das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse empört und den Lehrer hinausgejagt haben. Aber auch der Triumph der Schulkinder wird ein Ende haben, und er wird ihnen teuer zu stehen kommen. Sie werden die Tempel einäschern und die Erde mit Blut überschwemmen ... Also ist nichts als Unruhe, Verwirrung und Unglück den Menschen zuteil geworden, nachdem Du soviel für ihre Freiheit gelitten hast! ... Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, dem Geheimnis und der Autorität aufgebaut. Und die Menschen freuten sich, dass sie wieder wie eine Herde geführt wurden, und dass von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare Geschenk, das ihnen so viel Qual gebracht hatte, genommen wurde ..."
Und das Lehramt nötigt den Kardinal-Großinquisitor zu Worten der Unfehlbarkeit, zur Sicherung der Macht, zum spekulativen Denken, zu kanonisiertem Kirchenrecht samt der Dogmatik aus Jahrhunderten einer Gelehrsamkeit, die alles Lebendige überlagert und kein Evangelium hineinlässt und den Glauben ebenso ausdörrt wie den Raum des Glaubens von Menschen entleert, die sich von einem Gott des Mittelalters abwenden, aber aus Angst vor den Bösen in neue Kreuzzüge führen lassen:
"So höre denn: Wir sind nicht mit Dir verbündet, sondern mit ihm, das ist unser ganzes Geheimnis! Schon lange sind wir nicht bei Dir, sondern bei ihm, schon seit acht Jahrhunderten. Es sind nun acht Jahrhunderte her, da wir von ihm das nahmen, was Du unwillig von Dir wiesest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Reiche der Erde zeigte: wir nahmen von ihm Rom und das Schwert des Kaisers, und wir erklärten, dass nur wir allein die Herren dieser Welt seien, die einzigen Herrscher der Erde, wenn wir auch unser Werk bis jetzt noch nicht vollendet haben. Doch wessen Schuld ist das? O, dieses Werk steckt bis jetzt noch in den Anfängen, aber es ist doch wenigstens der Anfang gemacht. Lange noch wird man auf die Vollendung des Werkes warten müssen, und viel wird die Erde inzwischen leiden, aber wir werden unser Ziel erreichen und werden Kaiser sein, und dann werden wir an das irdische Glück aller Menschen denken. Und doch hättest Du auch damals schon das Schwert des Kaisers nehmen können. Warum verschmähtest Du diese letzte Gabe? Hättest Du diesen dritten Rat des mächtigen Geistes angenommen, so hättest Du alles erfüllt, was der Mensch auf Erden sucht, und das ist: vor wem er sich beugen, wem er sein Gewissen übergeben kann, und auf welche Weise sich endlich alle Menschen zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinigen können."
Iwan Karamassoff - so die alte Schreibweise in E.K. Rahsins Übersetzung - breitet vor Bruder Aljoscha die Phantasien eines leidenden Inquisitors aus, dem aber Aljoscha die Leiden nicht abnimmt, für ihn geht es um den "allergewöhnlichsten Wunsch nach Macht, nach schmutzigen Erdengütern, Knechtung".
"Dein Inquisitor", wendet der gütige Aljoscha ein, "glaubt nicht an Gott, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis!"
"Und wenn es so wäre!" ruft Iwan aus. "Endlich hast du es erraten. Es ist so, sein ganzes Geheimnis liegt tatsächlich nur darin."
Aber der Wunsch nach Macht, nach schmutzigen Erdengütern und Knechtung kann dieser Kardinal-Großinquisitor nicht ohne den Imperator verwirklichen, der spätestens nach 1945 seine Hauptstadt von Europa nach Nordamerika verlegt und 2006, nach dem Besuch des Papstes, Benedikt XVI., in römischem Land deutscher Nation, sein Standbein in Berlin hat.
                                  hoch