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STATEMENTS (2)
Oktober bis Dezember 2001
ZENSUR (29.12.01)
WESTLICHE WERTE (25.12.01)
HILDEGARD HAMM-BRÜCHER (23.12.01)
KANDAHAR (10.12.01)
RALPH GIORDANO (07.12.01)
RÄNKESPIELE (01.12.01)
BERGPREDIGT (01.12.01)
LEBKUCHEN (30.11.01)
KABUL (29.11.01)
DIALOG DER KULTUREN (27.11.01)
PAZIFISMUS (20.11.01)
TALIBAN (2) (15.11.01)
KLARE FRONTEN (14.11.01)
SALMAN RUSHDIE (08.11.01)
BIN-LADEN-VIDEO (04.11.01)
DONALD RUMSFELD (2) (28.10.01)
KROKODIL (27.10.01)
BÜNDNIS GEGEN RECHTS (24.10.01)
USA/ ISRAEL (24.10.01)
MUSIKANTENSTADL (23.10.01)
MARTIN WALSER (21.10.01)
UTE ERDSIEK-RAVE (19.10.01)
RUDOLPH GIULIANI (13.10.01)
ATTAC (12.10.01)
FRIEDENSNOBELPREIS (12.10.01)
DONALD RUMSFELD (11.10.01)

ZENSUR:

Die FRANKFURTER RUNDSCHAU schrieb in ihrer heutigen Ausgabe in eigener Sache: "Wesentliche Informationen über die aktuellen militärischen Aktionen und ihre Folgen unterliegen einer Zensur durch diejenigen Stellen der beteiligten Konfliktparteien, von denen sie verbreitet werden. Eine unabhängige Überprüfung solcher Angaben ist der Redaktion in vielen Fällen nicht möglich. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser, dies bei der Lektüre zu beachten."

Es handelt sich hierbei um den Ausdruck der gesellschaftlichen Kontroverse um die Frage, inwieweit die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, zu wissen, was in Kriegs- und Krisengebieten vor sich geht. Für die meisten Bürger ist es eine Selbstverständlichkeit, keine genaueren Angaben über Militäraktionen der eigenen Armee und der Verbündeten zu erhalten, eine Minderheit hingegen sieht hier die Demokratie in Gefahr. Zum einen, weil durch solche Zensur Gewaltaktionen verübt und verschwiegen werden können, auch Dinge wie Streubomben, zum anderen, weil dem öffentlichen Diskurs nur unzureichende und unzuverlässige Daten zur Verfügung stehen, sodass es nicht möglich ist, daraus fundierte Meinungen zu bilden. Faktisch haben damit die Regierungen nicht nur ein Gewaltmonopol, sondern auch ein gewisses Informationsmonopol, was von einigen Journalisten kritisiert wird. Der juristische Basistext zu diesem Problem ist Artikel 5 des Grundgesetzes. Er lautet:

"(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung." (29.12.01)


WESTLICHE WERTE:

Liebe SPIEGEL-Redaktion, der Titel Ihrer Weihnachtsausgabe ist "Der Glaube der Ungläubigen. Welche Werte hat der Westen?" Im Inhaltsverzeichnis die kämpferisch klingende Überschrift: "Intellektuelle treten im Kampf gegen den islamischen Terror mit neuem Selbstbewusstsein für die Werte der freien Welt ein." Die beiden Trailerfotos zeigen zwei westliche attraktive Studentinnen, in ihre Akten vertieft, frei, daneben drei oder fünf ärmliche gesichtslose Burkafrauen mit Kindern. Im Artikel dann Sätze wie "Geradezu dankbar nahmen viele irritierte Geister im Westen die These der indischen Autorin Arundhati Roy auf, Bin Laden sei der ‚brutale Zwilling alles angeblich Schönen und Zivilisierten'".

Nun, ich weiß ja nicht, ob ich einfach andere Quellen habe, aber von dieser überkritischen Selbstzerfleischung des Westens habe ich eigentlich gar nicht so viel mitgekriegt. Im Gegenteil, selten habe ich so wenige Intellektuelle gesehen, die sich in Kriegszeiten pazifistisch engagieren und eine solch geringe gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber diesen Wenigen. Während mir die Nahostberichte aus derselben SPIEGEL-Nummer sehr gefallen haben, erkenne ich in der Titelgeschichte ein entlarvendes kulturhistorisches Dokument, denn sie zeigt ziemlich genau, wenn auch unbeabsichtigt, die Orientierungslosigkeit, die intellektuelle Überzüchtung und die westliche Arroganz, die sie wortreich zu leugnen versucht, ohne die rechten Argumente dafür zu finden. Ein Kabinettstückchen. Ich konnte daher nicht umhin, den Artikel zu einem Bambus zu verarbeiten. Ansonsten wünsche ich der SPIEGEL-Redaktion eine frohe Weihnacht und einen guten Rutsch. Wir bleiben bestimmt in Kontakt. (25.12.01)

Lesen Sie dazu: EBEN KEIN TYPISCH WESTLICHER HOCHMUT


HILDEGARD HAMM-BRÜCHER:

Die frühere Staatssekretärin im Bildungsministerium Hildegard Hamm-Brücher, die auch für das Amt der Bundespräsidentin vorgeschlagen wurde, sprach mit Jeanne Rubner von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG (22./23.12.01, S.10) über die Ergebnisse der PISA-Studie und darüber, dass man in der Aufbruchsstimmung der Brandt-Ära "den Muff unter den Talaren wegblasen und die höheren Schulen für möglichst viele öffnen" wollte. In ihrer Dokumentation "Bildungspolitik 1965-1975" zeigte Frau Hamm-Brücher bereits schwere Mängel unseres Systems auf, was aber damals nicht ernst genommen wurde. Im Gespräch mit der SZ sagt sie, dass sie angesichts von PISA einige Dčjá-vu-Erlebnisse hatte, weil die Reformvorschläge, die heute zu hören sind, von ihr bereits vor über 30 Jahren formuliert und gefordert wurden.

In dem SZ-Artikel mit dem Titel "Allenfalls Kosmetik" finden sich drei bemerkenswerte Zitate der heute 80-jährigen liberalen Politikerin, die in der Presse wegen verschiedener Entscheidungen auch eine "loyale Dissidentin" genannt wurde:
- "Wir Deutschen sind zu überheblich, um echte Reformen zu initiieren."
- "Ich sehe keine Personen, die zum Handeln entschlossen sind."
- "Sofort die Lehrerausbildung reformieren, sie ist zu verwissenschaftlicht, zu verkopft."

Diese Worte aus dem Mund einer erfahrenen und engagierten Fachpolitikerin und Trägerin des Großen Bundesverdienstordens erscheinen mir höchst alarmierend. Bei solchen Zuständen muss doch etwas passieren! Offensichtlich wurden bereits in den 60er Jahren die falschen Weichen gestellt. Ihr Politiker, Journalisten, Lehrer und Bürger, hört euch an, was diese Frau zu sagen hat. (23.12.01)


KANDAHAR:

Wie die TAZ am Wochenende auf der Titelseite meldete, sind nach Taliban-Angaben bei den Luftangriffen auf Kandahar in den letzten zwei Monaten rund 10.000 Menschen getötet worden. Da dies eine sehr hohe Zahl ist, erwähne ich sie hier, auch, weil es insgesamt sehr wenig konkrete Angaben über die Kriegstoten gibt. (10.12.01) (English version)


RALPH GIORDANO:

Im aktuellen SPIEGEL (Nr. 49) ist ein Leserbrief des bekannten Journalisten, Erzählers und Bundesverdienstkreuzträgers Ralph Giordano. Er macht dort die Aussage: "Pazifismus in einer nichtpazifistischen Welt ist keine Alternative, sondern nur ihre Vorspiegelung. Tatsächlich zementiert er Terrorherrschaft und Menschenrechtsverletzungen. Mit anderen Worten, meine Herren Kanzlerberater: Pazifismus in einer nichtpazifistischen Welt läuft objektiv auf Täterschutz hinaus."

Ich halte diese Aussage von Herrn Giordano für ebenso absurd wie demokratiefeindlich. Pazifismus soll Täterschutz sein? Wo kommen wir denn da hin? Abgesehen davon, dass er alle friedlichen Menschen hier abqualifiziert, lässt dieser Mann keinen Zweifel an seiner eigenen gewalttätigen Gesinnung. Er mag sein Leben den Soldaten von 1945 verdanken, aber deshalb gleich Militarismus zu predigen, scheint doch über das Ziel hinaus zu schießen. Michel Friedman hat sich ja kürzlich ähnlich geäußert. Dass er nämlich mehr Militäreinsätze im Orient für gut halte. Ich finde das sehr bedauerlich, meine Herren. (07.12.01)

Anmerkung von Sabine: Wenn man Herrn Giordanos Logik folgt, heißt das, dass es niemals Frieden geben kann. Denn wie sollen sich in einer Welt, in der es keinen Pazifismus gibt, die Verhaltensweisen für ein friedliches Zusammenleben entwickeln?


BERGPREDIGT:

Die SCHLESWIG-HOLSTEINISCHE LANDESZEITUNG bringt heute als Zitat des Tages die Stellungnahme des Schleswiger Bischofs Hans-Christian Knuth zum Krieg: "Es macht sich eine Gewalt breit, die nicht ohne Gegengewalt einzudämmen ist. Mit der Bergpredigt kann man nicht Politik machen."

Also liebe SH:Z-Redaktion, warum kolportieren Sie denn solch einen Unsinn? Natürlich kann man mit der Bergpredigt Politik machen, das wissen Sie doch so gut wie ich. Was soll man denn sonst damit machen, Mohnkuchen? Nun strengen Sie sich mal bitte ein bisschen an, das können Sie doch besser!

Der beste Artikel von heute war übrigens, wie ein 89-Jähriger in einem Düsseldorfer Parkhaus einparken wollte, dabei sich selbst, seine Beifahrerin und eine weitere Person zum Teil schwer verletzte und im Verlauf des Geschehens insgesamt zwölf parkende Autos demolierte. Statt anzuhalten, gab er immer wieder Vollgas. Zum Schluss fuhr er frontal gegen die Wand des Parkhauses. Das ist zwar ein ernster Hintergrund, aber ich konnte mir ein Schmunzeln doch nicht ganz verkneifen. Genau genommen musste ich mich vor Lachen an der Wand abstützen. (01.12.01)


RÄNKESPIELE:

DER SPIEGEL schreibt in seiner aktuellen Ausgabe (Nr.48, S.24) über die eitlen Ränkespiele im Bundeskabinett. Eichel gegen Müller, Riester gegen Schmidt, Bulmahn gegen Däubler-Gmelin, oder auch Fischer gegen Scharping: "Mit gezielten Indiskretionen hatten Fischers Diplomaten bereits im vergangenen Dezember dafür gesorgt, dass die weihnachtliche Nahostreise des Verteidigungsministers mit der Gräfin seines Vertrauens für Heiterkeit an der Heimatfront sorgte."

Diese bösen Politiker! Also, was die Scharping-Sache angeht: Als ich den SPIEGEL-Titel mit der Badewanne gesehen hatte, da dachte ich: Jetzt ist es wohl aus mit dem Scharping. Nicht einmal wegen seines Privatlebens, sondern weil er im SPIEGEL so zerlegt wurde. Jedenfalls möchte ich darauf hinweisen, dass durchaus auch Seine Majestät DER SPIEGEL zur Meinungsbildung in Deutschland beiträgt. Es kommt ja nicht nur auf die Politiker an, sondern auch darauf, wie über sie berichtet wird. (01.12.01)


LEBKUCHEN:

Unlängst bekam ich Post von den KIELER NACHRICHTEN. Ein Herr Bernd Bichel von der Vertriebsleitung meinte, er würde sich auf meine Antwort freuen, und er wünsche mir ein frohes Weihnachtsfest. Ich habe zwar gerade allerhand mit dem Dezember-Update zu tun, aber gut, wenn es Herrn Bichel so am Herzen liegt, dass ich antworte...

Zum Fest unterbreiten die KIELER NACHRICHTEN mir demnach das Angebot zu einem Zwei-Wochen-Weihnachts-Abo. Und als Dankeschön eine "dufte" Weihnachtsüberraschung, nämlich ein Rubbelschnupperfeld mit Geschmacksrichtung Lebkuchenkarton. Die gibt es auch als "pfiffige" Postkarten. Auf der PR-verzierten Postsendung fand ich ein "Überraschungstürchen für Anis Hamadeh (Gleich öffnen und nachsehen!)". Überhaupt steckte diese liebevoll konzipierte und in Brauntönen gehaltene Geschenk-Botschaft voller niedlicher Details.

Damit man sieht, worüber die KN so schreiben, wird als typisches Beispiel der Titel vom 27.09.01 abgebildet ("Mehr Geld für die Sicherheit. Land will Polizei im Kampf gegen Terror stärken" neben einem Foto vom WTC). Nun ja das, liebe KN-Redaktion, hat mir nicht so besonders gefallen. Ich bin ja nicht so für Terror und Gegenterror, das wissen Sie ja auch eigentlich. Ihr neuer Spruch dagegen ist prima gelungen: "Kieler Nachrichten: Der Duft der großen weiten Welt mit lokaler Note!". Das ist ein sehr kreativer Spruch, und darin fassen Sie die wesentlichen Punkte gut zusammen.

Insgesamt muss ich mich allerdings schon etwas wundern. Ich meine, Sie wissen doch, dass ich Sie derzeit aus beruflichen Gründen sowieso lesen muss, äh, darf. Komisch. Also ein Abo kommt für mich jedenfalls nicht in Frage. Ich bin doch kein Abonnent! Ich frage mich auch, wo Sie überhaupt meine Adresse her haben. (30.11.01)


KABUL:

Wie dpa meldet (Quelle: Yahoo), erscheint am Montag in Kabul zum ersten Mal seit fünf Jahren eine Tageszeitung. Sie heißt "Anis" (mit Betonung auf dem langen i) und ist teils in Dari, teils in Paschtunisch verfasst. Auf der Titelseite der ersten Ausgabe ist eine unverschleierte Frau zu sehen. Das Blatt sei nach seinem Gründer Ghulam Mahjuddin Anis benannt, sagt die Quelle, was allerdings unwahrscheinlich klingt. Wer nennt schon eine Zeitung nach einem Typ? Eher hat die Namensgebung wohl mit dem arabischen Begriff zu tun, der hier zu Grunde liegt und der in etwa bedeutet: Freund, Unterhalter, Vertrauter, aus den Grundbedeutungen Mensch/Geselligkeit. (29.11.01) (English version)


DIALOG DER KULTUREN:

Wie die KIELER NACHRICHTEN heute berichten, folgte die Schleswig-Holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis gestern "beeindruckt" der Einladung arabischer Studenten an die CHRISTIAN-ALBRECHTS-UNIVERSITÄT zu Kiel anlässlich der akademischen Diskussion "Für Frieden, gegen Terror". Die CAU wurde damit ihrem Ruf als "geistigem Zentrum des Landes Schleswig-Holsteins" (Prof. R. Demuth in CHRISTIANA ALBERTINA Heft 52/53, Nov. 2001, Editorial) wieder einmal gerecht. Rektor Professor Reinhard Demuth, der darum bemüht ist, "hochkarätige Wissenschaftler in Kiel zu halten" (SHZ 15.11.01, S.3), versicherte: "An der Universität gibt es keinen Platz für Fremdenfeindlichkeit."

Frau Simonis, die bisher als Kriegskritikern noch nicht aufgetreten war, fand klare Worte und machte wie andere Sprecher deutlich, dass es sich bei dem Militäreinsatz in Afghanistan "um politische und wirtschaftliche Vormachtstellung handele", die auch mit "Profit um Öl- und Gas-Pipelines und der ungleichen Verteilung zwischen reich und arm" zu tun habe. Daraufhin rief sie zu UNICEF-Spenden für die Kinder in Afghanistan auf.

Die arabischen Gastgeber, die ebenfalls zu den Rednern gehörten, übten auch Kritik. Die Theologen der Uni hingegen waren sehr selbstkritisch und räumten ein, sie hätten "das Gespräch bisher zu wenig gesucht". In vielen wichtigen Punkten war man sich aber übergreifend einig. Als positives Endergebnis kam nach KN-Darstellung heraus, man solle die "Gemeinsamkeiten in den Religionen entdecken, die Unterschiede aber nicht leugnen". In diesem Zusammenhang befürchtet Frau Simonis, dass der Dialog zwischen den Kulturen sehr schwierig sein werde: "Wir leben auf verschiedenen Bewusstseinsebenen."

Dem kann ich mich nur uneingeschränkt anschließen, sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin und sehr geehrter Herr Rektor, und ich bin glücklich über den erfolgreichen und überraschend kritischen Verlauf dieses intensiven Dialogs zwischen den Kulturen. Chapeau! (27.11.01)


Kennst Du schon die NACHRICHTEN VON OZZY BALOU?


PAZIFISMUS:

In ihrem Essay "UNO muss Weltpolizei werden" (taz heute, S.13) plädiert die Publizistin Sibylle Tönnies für die Neubetrachtung des Weltstaat-Gedanken. Sie untersucht in diesem Zusammenhang die Rolle des "organisatorischen Pazifismus", das ist ein Pazifismus, der im Rahmen z.B. der UNO ein Weltgewaltmonopol darstellen kann.

"Gewaltlosigkeit und Gewalteinsatz unterscheiden sich nicht wie Gut und Böse. Unter welchen Umständen ist Gewalt gut, unter welchen nicht? Auf diese Frage muss der Pazifismus endlich eine Antwort geben." Frau Tönnies spricht von den psychologischen Hemmschwellen ŕ la Orwell & Huxley, was eine Weltpolizei angeht und davon, dass die USA leider nur schwer von so etwas zu begeistern sind. "Ob UNO-Herrschaft oder globale Pax Americana - der Pazifismus muss sich mit dem Thema Weltföderalismus befassen."

Im Grunde beschreibt Frau Tönnies nur, was die UNO von Anfang an wollte, die ja aus dem Pazifismus geboren wurde. Und die Autorin zeigt noch einmal auf, wie sehr es leider die Amerikaner sind, die den Weltfrieden nicht zulassen, Elfter September hin oder her. Es war ja schon vorher so. Eine Pax Americana kann auf Dauer global nicht funktionieren, weil die Amerikaner eine eher nationale Vorstellung von Begriffen wie Gerechtigkeit entwickelt haben, wie man auch an ihrem Verhältnis zur UNO leicht sieht. Es müsste tatsächlich ein unabhängiger, gerechter internationaler Exekutivrat sein.

Dass man als Pazifist bestimmte Gewalt zulassen kann oder vielleicht sogar muss, sehe ich auch so. Es ist utopisch anzunehmen, dass man Gewalttätern im Normalfall die Macht einfach so abschwatzen kann. Ich sage das selten, und das hat auch seine Gründe. Die Politiker greifen nämlich viel zu schnell zu Gewalt, zu sehr und nicht immer aus den richtigen Gründen. Sie haben zu wenig Fantasie. Krieg bleibt dennoch für mich tabu. Wäre ich amerikanischer Präsident gewesen nach dem Elften September, wäre ich vielleicht mit der Air Force 1 nach Afghanistan geflogen, allein, vielleicht sogar ohne Dolmetscher. Hätte den Taliban und der Qaida unter dem Schutz der weltöffentlichen Berichterstattung einfach in die Augen gesehen und sie gefragt, was los sei. Verrückt, denken Sie? Nein, direkt. Keine Eskalation. Weltweite Sympathien. Andere Weichenstellung. Politiker haben die Macht zu großen Gesten, auch zu weniger verrückten als der beschriebenen. Die Frage ist doch: Wer bestimmt, wann die friedlichen Mittel ausgeschöpft sind?

Gruß und Bravo an Frau Sibylle Tönnies für viele konstruktive und wertvolle Denkanstöße. (20.11.01) (English version)

Auszüge dieses Statements wurden am 28.11. als Leserbrief in der taz gedruckt.


TALIBAN (2):

In der TAZ vom 14.11.01 auf Seite 15 schrieb die Publizistin Viola Roggenkamp den langen Artikel "Eine Befreiung", in dem sie argumentiert, dass die Taliban ein antifeministisches faschistisches Regime seien, welches gestürzt werden muss. "Kein Krieg ist gut. Aber es gibt faschistische Regime, die anders als durch Krieg von außen nicht zu bekämpfen sind, da sich im Land keine Revolution aufbauen und kein Widerstand formieren kann oder will. Wie in Deutschland unter den Nationalsozialisten." Frau Roggenkamp spricht von dem menschenverachtenden, sadistischen Terror, dem besonders alle Frauen und Mädchen durch die Taliban und ihre Religionspolizei ausgesetzt sind bzw. waren und führt den Vergleich zum Nazi-Regime allegorisch aus.

Ich gebe Frau Roggenkamp recht darin, dass die Taliban - und einige andere muslimische Regierungen - eine frauen- und menschenfeindliche Politik betreiben. In einigen Ländern werden noch immer Frauen beschnitten, zwangsverheiratet, rechtlos behandelt. Frau Roggenkamp spricht aber von Krieg gegen andere Länder, die keinen eigenen Widerstand formieren können oder sogar wollen (!). Das verstößt gegen die oberste Direktive der Sternenflotte. Es kann auch nicht den Angriff der Amerikaner rechtfertigen, weil es den Amerikanern nicht darum geht, die afghanische Frau zu befreien, sondern die Attentäter zu finden und ihre Macht zu demonstrieren. Hätte Frau Roggenkamp denn auch ohne den Elften September für Krieg plädiert?

Die Frauen im Orient können nur durch Aufklärung befreit werden. Kampf ja, Krieg nein. Ob zur Befreiung der Frauen oder der Schwarzen, der Juden oder der Kinder, niemals durch Krieg! Wir brauchen das nicht mehr. Es sind keine Frauen, Schwarzen, Juden, Kinder, es gibt nur Menschen und Situationen. Frau Roggenkamp mag eine der renommiertesten feministischen Autorinnen sein, hier klang sie verbissen und voller Hass. (15.11.01) (English version)

Auszüge dieses Statements wurden am 21.11. als Leserbrief in der taz gedruckt.


KLARE FRONTEN:

In unserer aufklärerischen und unerschrocken erscheinenden Rubrik "King Boy hört mit" kommentieren wir heute den Kommentar zur Vertrauensfrage aus der Feder von Herrn Stephan Richter mit dem Titel "Klare Fronten" aus der SCHLESWIG-HOLSTEINISCHEN LANDESZEITUNG mit ziemlich langen Sätzen.

So wie viele seiner Kollegen zeigt sich Sportsfreund Richter fasziniert vom Facettenreichtum der Kanzlerentscheidung. "Gewinner ist so oder so der Kanzler" heißt es gegen Ende, und das kann man ja auch gerne sagen, wenn man es glaubt, und wenn es einem wichtig ist. Die letzten beiden Sätze des Artikels jedoch sind King Boy aufgefallen, und er hat mich sofort benachrichtigt, denn dort heißt es: "Die Wähler werden seine Linie honorieren. Je unsicherer die Zeiten, desto mehr sind Autoritäten gefragt, die nicht wackeln."

Glückwunsch, meine Herren! Ich überlege gerade, ob wir schon einmal unsichere Zeiten voller Bedrohungen und schlechter Wirtschaft hatten, in denen Autoritäten gefragt waren, die nicht wackeln, aber mir fällt zum Glück gerade keine ein. Mancher Leser mag sich auch fragen, ob der Chef von Herrn Richter ebenfalls eine so gewiefte Autorität ist, wenn der Kommentator nun einmal diese Präferenz hat. Aber was genau ist eigentlich eine Autorität, die nicht wackelt? Trifft das zum Beispiel auch auf Berlusconi zu? Auf Bush, klar, aber wie steht es mit Scharon? Ach so, der wackelt. Und Bin Laden? Also Bin Laden ist zwar ein Terrorist, aber er ist bestimmt eine Autorität, die nicht wackelt. Oder? King Boy! King Boy ist eine Autorität, die nicht wackelt. Oder Stephan Richter? Ach, es sind aber auch unsichere Zeiten! (14.11.01)


SALMAN RUSHDIE:

Salman Rushdie sagt aktuell auf SPIEGEL ONLINE, dass der Islam schon etwas mit dem Terrorismus zu tun habe. Sonst würden nicht so viele Muslime für Bin Laden aufstehen. Er spricht von einer zunehmenden Radikalisierung des Islam und sagt, dass fanatische, "paranoide" Richtungen im Islam die am schnellsten wachsende Strömung innerhalb der Religion seien.

Ich nehme Rushdies Worte ernst, auch wenn sie mir nicht besonders gefallen. Ich selbst lästere ja in letzter Zeit eher über die Amerikaner, weil sie derzeit konkrete Fehler machen. Wohl auch, weil das Feindbild Islam wieder zu greifen beginnt und ich das nicht unterstützen möchte, denn ich stehe dem Islam wie auch dem Christentum nahe. Der Orient steht meiner Ansicht nach auf einer niedrigeren zivilisatorischen Stufe im Sinne von Norbert Elias als der Westen. Das bedeutet auch, dass es dort mehr offene Gewalt gibt als bei uns. Und die bündelt sich auch in islamistischen Zirkeln, weil der Islam den höchsten Identifikationsfaktor abgibt. Meine eigene Gesellschaftskritik trifft beide Parteien gleichermaßen auf ihrem jeweiligen Level. Die Gerechtigkeitsfrage ist für beide gleich. Auch ich bin dafür, dass die Terroristen gefunden und bestraft werden. Auch dafür, islamistische Gewalt etwa in Deutschland staatlich zu unterbinden. (08.11.01) (English version)


BIN-LADEN-VIDEO:

Gestern gab es ja mal wieder Neuigkeiten von unserem schon fast in Vergessenheit geratenen Spezi Bin Laden. Ich habe mir den arabischen Wortlaut der Rede von al-Jazeera aus dem Netz gezogen und grad mal gescannt (analysiert, meine ich). Es sind etwa drei Seiten Text zu verschiedenen Themen. Im folgenden gebe ich eine kritische Zusammenfassung seiner Rede:

Der Text ist argumentativ und kämpferisch, an vielen Stellen ist er Propaganda. Bin Laden fängt seine Rede an mit der Feststellung, die Welt habe sich zwei Mal in zwei Lager geteilt, ein Mal am 11. September und ein Mal zu Beginn der Afghanistan-Angriffe. Er stellt noch einmal fest, dass seine Schuld nicht bewiesen ist. Im zweiten Absatz erklärt er, dass Amerikas Triebfeder ein Anti-Islamismus sei. Im dritten heißt es unter anderem, dass die Demos in muslimischen Ländern ein Beweis dafür seien, dass es sich um einen Religionskrieg handele. Das Vokabular ist zum Teil derb, Kreuzzüge kommen häufiger mal vor, Ungläubige und Heuchler. Er sagt, die Muslime seien nicht wegen Usama in Bewegung, sondern wegen ihrer Religion. Er nennt den Afghanistankrieg "den schlimmsten kreuzzüglerischen Angriff seit der Zeit der Sendung des Propheten Muhammad."

Der vierte Absatz ist eine kurze Medienkritik, die Frage, was Terrorismus denn sei und das Argument, dass es schon jahrzehntelang Ungerechtigkeiten gegeben hat, und keiner habe sich darum gekümmert. Der lange fünfte Absatz beginnt mit der suggestiven Frage, ob Afghanistan ein isolierter Fall ist oder nur ein Glied in der Kette von Kreuzfahrerkriegen. Er fängt beim Ersten Weltkrieg an und zählt viele Weltkonflikte auf wie Palästina, Kaschmir und Indonesien. Hier kritisiert er massiv auch die UNO und Kofi Annan wegen ihrer Versäumnisse und immer wieder Palästina.

Im sechsten Absatz löst er die rhetorische Figur auf und kommt zu dem Schluss, dass es eine Verschwörung gegen den Islam gibt. Er zählt noch einmal 13.000 Tote in Somalia auf, Hunderttausende im Südsudan, Palästina und eine Million tote Kinder im Irak. Zu den jetzigen Vorgängen in Palästina/Israel äußert er sich am Ende des Absatzes sehr scharf. Er gibt das Bild eines Schlachters und zweier Kamele. Während das erste geschlachtet wird, wird das zweite unruhig, weil es sehen kann, was mit ihm passieren wird. Es beißt dem Schlachter in die Hand, befreit sich und zerbricht die Hand. Im siebten Absatz sagt er, man dürfe keinen Unterschied machen zwischen Amerika und Israel, weil die Amerikaner die Waffen der Israelis bereitstellen. Im achten Absatz sagt er, jeder Muslim müsse nun wissen, wo er zu stehen hat. Es folgt ein Zitat des Propheten Muhammad, in dem Monotheismus und der Koran gepredigt werden. Im kurzen neunten Absatz ruft er zu Solidarität und Unterstützung auf gegen das "internationale Verbrechen". Der sehr kurze letzte Absatz ist inhaltslos bis auf den Schlachtruf: "Fürchtet Gott, ihr Muslime, und auf zur Unterstützung eurer Religion, denn der Islam ruft euch".

Abgesehen davon, dass Bin Laden sprachlich hundert Jahre zu spät kommt, baut er durchaus eine Argumentation auf, er bringt Argumente. Dies wird aber unglaubwürdig gemacht durch die Propagandasprache, die er benutzt. Außerdem liegt er falsch. Es gibt keine Kreuzzugsverschwörung gegen den Islam. Das ist Quatsch. Es gibt hegemoniale Interessen, das ist wohl richtig. Was aber Bin Laden sagt, ist nicht besonders genial, und es ist nicht besonders neu. Oft hölzern. Der Typ hat nicht viel zu bieten. Er hat auch mit nichts gedroht. Der erfindet sich gerade selbst. Es ist wahr, er ruft die Muslime zurzeit zum Heiligen Krieg auf. Was ich gerade gelesen habe, haben ein paar Millionen Muslime gesehen. Was werden sie denken? Ich glaube nicht, dass er so viele Leute mobilisieren kann. Er profitiert offensichtlich nur von den Fehlern der Amerikaner. Ich denke, wenn es den Amerikanern gelingen sollte, aus ihrer Besinnungslosigkeit aufzuwachen und nicht mehr so viele Fehler zu machen, dann hat so ein Bin Laden keine Chance. Er ist nicht modern. Es kam mir vor, als wäre Bin Laden der größte Trittbrettfahrer von allen. Dass diese Videobotschaft aber ein Akt der Verzweiflung sei, wie die Amis sagen, ist völliger Blödsinn. Es war ein historisierender Mobilisierungsaufruf, und man hätte Bin Laden eigentlich mehr zugetraut. (04.11.01) (English version)


DONALD RUMSFELD (2):

Der amtierende US-amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld äußerte sich heute erneut im Fernsehen zu den Ziviltoten in Afghanistan. Dabei sprach er seine Vermutung aus, dass die Afghanen selbst ihre Bevölkerung und ihre Kinder getötet hätten und sie in die ansonsten wohl leeren zerbombten Wohnhäuser, Moscheen, Krankenhäuser und Rote-Kreuz-Stationen transportiert hätten, um die Amerikaner damit in Verlegenheit zu bringen. Rumsfeld sagte, man habe es mit einem Feind zu tun, der vor nichts zurückschrecke und der die ganze Welt mit Lügen versorgen wolle.

Minister Rumsfeld war mit einem dunklen Anzug und Krawatte korrekt für die Pressemitteilung gekleidet. Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika wurde 1776 formuliert und 1783 von den Engländern akzeptiert. Erster Präsident der USA war George Washington. (28.10.01) (English version)


KROKODIL:

Wie die SCHLESWIG-HOLSTEINISCHE LANDESZEITUNG heute berichtet, konnten US-Forscher jetzt das Skelett eines Furcht erregenden Urzeitkrokodils rekonstruieren, das in der Kreidezeit in Afrika gelebt hat. Das Tier wog acht Tonnen und war etwa so lang wie ein Omnibus. Der Kopf des Krokodils bestand zu 75% aus Maul. Das Reptil hat sich wahrscheinlich von Dinosauriern ernährt und scheint ein ziemlicher Vielfraß gewesen zu sein.

Was mich dabei wundert, ist, dass man ein so riesiges Krokodil nicht schon früher gefunden hat. Ich meine, das musste doch eigentlich irgendjemandem aufgefallen sein, oder? Wenigstens Fred Feuerstein muss doch etwas darüber gewusst haben! Na, aber da kann man mal sehen, dass die Urgeschichte immer noch so manche Überraschung für uns bereit hält. (27.10.01)


BÜNDNIS GEGEN RECHTS:

Wie die KIELER NACHRICHTEN heute berichten, will Schleswig-Holsteins BÜNDNIS GEGEN RECHTS mit einer Aktionswoche auf Rassismus und Gewalt aufmerksam machen. Vom 5. bis zum 9. November setzen sich die Schleswig-Holsteiner mit Ausstellungen, Vorträgen, Diskussionen, Lesungen und Musikveranstaltungen im ganzen Land mit den Problemen der Gewalt und des Rechtsextremismus auseinander. Ministerpräsidentin Heide Simonis setzt sich persönlich für diese Aktion ein. Ob sich auch die CHRISTIAN-ALBRECHTS-UNIVERSITÄT ZU KIEL an der Aktionswoche beteiligt, ging aus dem Artikel nicht hervor.

Ich muss sagen, diese Nachricht ist sehr beruhigend. Entgegen kritischen Stimmen wird nämlich in Schleswig-Holstein wirklich etwas getan! Die besten Schriftsteller, Musiker, Maler und Denker des Landes werden sich zu dem Thema äußern, und es wird deutlich gemacht, dass die Landesregierung das Thema Rechte Gewalt sehr ernst nimmt. Ich arbeite ja selbst intensiv auf diesem Gebiet und unterstütze die Aktion deshalb von ganzem Herzen. Ich kann als Außenstehender daher allen Beteiligten nur viel Glück und Erfolg wünschen. Warum allerdings das Thema auch als "Gewalt gegen Rechts" bezeichnet wird, ist Sabine und mir nicht ganz klar. Dieser Ausdruck war nämlich kein Druckfehler der KN, sondern findet sich auch auf der unten angegebenen Page. Wir hoffen, dass die Landesregierung hier nicht zu Gewalt aufruft, wie es den Anschein erweckt. Sollten die VeranstalterInnen in dieser Frage Hilfe brauchen, stehen wir selbstverständlich jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung. (24.10.01)


USA/ISRAEL:

Ein Sprecher des amerikanischen Außenministeriums verurteilte die neuesten israelischen Besetzungens scharf und sagte, dass der durch die Militäraktion verursachte Tod "unschuldiger Zivilisten inakzeptabel" sei. Die Besetzung hätte zu einer "bedeutenden Eskalation der Spannung und Gewalt" geführt. (KN heute, S.5)

Auf den Tod mehrerer Hundert unschuldiger Zivilisten auf afghanischer Seite, für den die USA verantwortlich sind, ging der Sprecher in diesem Zusammenhang nicht ein. (24.10.01) (English version)


MUSIKANTENSTADL:

Der bekannte Entertainer Karl Moik war empört: Der aktuelle Musikantenstadl wurde nicht live im deutschen Fernsehen gezeigt, weil er in Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufgenommen wurde. Aus "aktueller Rücksichtnahme in Terrorzeiten", so das HAMBURGER ABENDBLATT vom Wochenende, wurde die Folge nicht gesendet. Nachdem Moik damit gedroht hatte, seine Karriere zu beenden, spießte die Presse den Fall amüsiert auf. Das PR-Foto mit einem lachenden Tausendsassa Moik in arabischer Landestracht inklusive Kamel lud auch dazu ein. Dann aber wurde klar , dass die Sendung nur verschoben und nicht gestrichen war, und die Nerven des Musikanten, der auch schon in Südafrika und Kanada filmen ließ, beruhigten sich wieder. Bis heute allerdings besteht Moik darauf, dass die Verlegung der Sendung ihm unverständlich ist.

Also lieber Herr Kollege, Sie machen vielleicht ein Theater! Die Verlegung der Sendung geschah doch aus Rücksichtnahme, nicht aus bösem Willen. Im Grunde hat man Sie doch geschützt mit dieser Entscheidung, denn sonst hätten Sie sich bestimmt den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass Sie irgendwie ja schon die Terroristen in Schutz genommen haben. Denken Sie mal an Herrn Wickert! Insofern würde ich diesen Vorfall wirklich nicht als Zensur oder als rassistisch bezeichnen, es wurde eben bloß ein wenig auf die Rassisten Rücksicht genommen. (23.10.01)


MARTIN WALSER:

Wie dpa meldete, kritisierte der deutsche Schriftsteller Martin Walser gegenüber dem MANNHEIMER MORGEN die Militärschläge gegen Afghanistan. Er sagt: "Ich halte Kriege für keine Lösung. Für mich bedeuten sie eine Bankrotterklärung der Politik." Die US-Politik erinnere ihn an die Kanonenboot-Politik Wilhelms des Zweiten. Er sagt auch über Bush: "Eine Politik, die strikt in Gut und Böse einteilt, ist hoffnungslos. So schafft es Osama bin Laden, dass die westliche Seite genauso daherredet wie er." (21.10.01)


UTE ERDSIEK-RAVE:

Wie meine bevorzugte Zeitung schon gestern auf Seite 10 vermeldete, sind Leistungsanreize richtig. Das erklärte das Kultusministerium Schleswig-Holstein in Gestalt von Frau Ministerin Ute Erdsiek-Rave in einem Exclusiv-Interview, welches Sportsfreund Christoph Munk durchführte. Es geht dabei um garantierte Kunstfreiheit, genauer gesagt: um Theater. So gibt es in Schleswig-Holstein eine Fachgruppe Theater, die über Förderungswürdigkeiten nach inhaltlichen, kriterischen und definitorischen Konventionen orientiert. Demnach werden Privattheater, freie Theater sowie Amphitheater und Waldorf-Theater auf einer neuen Basis des künstlerischen Konzepts mit Kindern und Jugendlichen nach Sparten kooperiert, und das als Belohnung für Aufführungen mit minderen eigenen Interessen beteiligen zu wünschen und inhaltlich zu integrieren.

Frau Erdsiek-Rave ist Anhängerin der Gleichung: Je mehr oder weniger Qualität im Besucher des Leistungsanreizes, desto förderer die Neuinszenierungen als Mix der Theater mit fairen kulturpolitischen Zielen. Die Interessen der Entscheidung über die Anträge im reformierten Finanzfall beraten ganz offen die Betroffenen der Existenz. Dafür zuständig ist eine hochkarätige Schleswig-Holsteiner Szene-Jury, die überschaubar ist, das heißt, man greift immer wieder auf dieselben Pappenheimer zurück. Für mehr kunstfeindliche Kritik sind die Geldmittel knapp, aber denkbar wäre auch, dass die Kritik von denen verschoben wurde, die das Problem in einem langen Prozess formuliert haben, herausgefallen sind.

Die Ministerin schließt mit der Mitteilung: "Ich bin der Meinung, dass die Gerechtigkeitsfrage jetzt erst recht gestellt werden muss - ich konnte die Kritik derer nachvollziehen, die bisher keine Chance hatten, gefördert zu werden."

Na denn man toi toi toi, Frau Erdsiek-Rave, da haben Sie sich ja was vorgenommen! (19.10.01)


RUDOLPH GIULIANI:

Der amtierende New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani hat nach dpa-Angaben die Millionenspende eines saudischen Prinzen abgelehnt. Der Prinz habe einen Zusammenhang hergestellt zwischen der Terrortat und der amerikanischen Außenpolitik und habe den Anschlag daher moralisch gerechtfertigt. Die arabischen Staaten, die die USA politisch unterstützen, reagierten mit Befremden auf diese Ablehnung, da sie den Zusammenhang zwischen der amerikanischen Nahostpolitik und dem Entstehen von arabischen Terrorgruppen selbst sehen und konstruktiv im Rahmen der Terrorbekämpfung untersuchen, ohne dies als Rechtfertigung für die Ermordung von mehr als 5.000 Zivilisten zu verstehen (s. taz heute S.2).

Ich wollte eigentlich noch einen Kommentar dazu schreiben, aber ich sehe gerade, dass das gar nicht nötig ist. New York hat etwa 7,3 Millionen Einwohner, Greater New York etwa 18 Millionen. (13.10.01)
(English version)


ATTAC:

In ihrem Rundschreiben vom 04.10.01 positioniert sich die immer wichtiger werdende Friedensorganisation ATTAC deutlich gegen jede Art von Gewalt. Im Artikel "Gewaltspirale durchbrechen" schreibt ATTAC programmatisch "Eine wirksame Bekämpfung von Terrorismus ist nicht durch Gegengewalt möglich, sondern nur durch die Lösung gesellschaftlicher und politischer Probleme, die ihm zu Grunde liegen." Weiter heißt es: "Gleichzeitig gilt es, neoliberale Globalisierung als eine Ursache von Terrorismus und Gewalt klar zu benennen und langfristige Antworten statt populistischer Kurzschlussreaktionen einzufordern."

ATTAC setzt sich ein für die demokratische Regulierung der internationalen Finanzmärkte. Mit der von ATTAC und dem NETZWERK FRIEDENSKOOPERATIVE angestoßenen Kampagne "Gewaltspirale durchbrechen!" wurde die Basis für eine langfristige Zusammenarbeit gelegt. 20.000 Menschen und Organisationen haben den gemeinsamen Aufruf innerhalb von zwei Wochen unterzeichnet.

(Text auf dem Attac-Logo: "Eine andere Welt ist möglich")

Weitere Informationen unter www.attac-netzwerk.de
(12.10.01) (English version)

Siehe auch Statements Attac 2 und Attac 3


FRIEDENSNOBELPREIS:

Der Friedensnobelpreis geht in diesem Jahr an Kofi Annan und die UNO, wie soeben gemeldet wurde. Kofi Annan sagte, die Politik der UNO würde durch diesen Preis bestätigt. Es war damals 1994 schon schlimm genug, dass Arafat, Peres und Rabin den Preis bekommen haben, bevor sie einen Frieden in Palästina/Israel erreichen konnten, aber das hier ist die absolute Krönung zur 100-Jahr-Feier dieses Preises. Immerhin liegt es wesentlich an den Versäumnissen der UNO, dass die Welt in dieser katastrophalen Lage ist.

Dies ist eindeutig ein Schwächebekenntnis des Westens: Er feiert sich selbst, um sich in seiner trügerischen Wir-sind-die-Guten-Haltung zu bestätigen. Mit diesem Schritt wurde der Graben zwischen den reichen und den armen Ländern vertieft, und das weiß auch das Preiskommittee. Man machte deutlich, dass man nicht gewillt ist, sich mit den Ursachen des Terrors auseinanderzusetzen, sondern dass man weiterhin an den Symptomen herumdoktorn wolle, um sich keinerlei Selbstkritik auszusetzen. Mag sein, dass das für ein Jahr oder auch für zehn Jahre funktioniert. Die Welt hat sich jedenfalls in den letzten fünf Tagen mit großen Schritten weiter vom Frieden wegbewegt. Dies ist eine massive Provokation für jeden friedliebenden Menschen auf der Welt ebenso wie für viele gewaltbereite Menschen. (12.10.01) (English version)


DONALD RUMSFELD:

Der amtierende US-amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagte heute oder gestern in einer Pressekonferenz, dass er sich im Klaren darüber sei, dass bei den durchgeführten Angriffen auf Afghanistan Zivilpersonen ums Leben gekommen sind. Er sagte, dass sei nun mal so. Er sagte, dass sei bisher immer so gewesen, das sei nun mal so. Er hat das öffentlich so in die Welt posaunt. Ich frage Sie: Was ist Terror? Was konnten nun diese Leute dafür, die da in den neuerlichen Gewalttaten gestorben sind und sterben? Nein nein, meine Damen und Herren, das ist keine Phrase. Stellen Sie sich dieser Frage! Welche Rechtfertigung gibt es für neue unschuldige Tote? Wie kann man das machen als zivilisierte Nation, was soll das sein?

Wer jetzt noch glaubt, dass Usama bin Laden zunehmend isoliert wird, ist ein Träumer. Bin Laden hat in den letzten Tagen ordentlich Punkte gesammelt. Die Amerikaner machen sich zunehmend lächerlich, zum einen durch ihre Unfähigkeit, die Situation einzuschätzen, zum anderen durch die Vergangenheit, von der sie gerade mächtig eingeholt werden. Diese Führer der Freien Welt mit ihrer Operation Dauerhafter Blödsinn. Das Vokabular der Amerikaner ähnelt immer mehr dem von Herrn Wickert, äh, von Herrn Laden. Ob man es will oder nicht, aber der Anschlag hat auch die eine oder andere große Heuchelei sehr transparent und für jeden sichtbar gemacht. Diese tapfere Fassade wird nicht mehr lange halten können. Zu diesem Zeitpunkt sind die Amerikaner nicht glaubwürdiger als die Taliban, und so werden das auch weite Teile der arabischen und muslimischen Staaten sehen, Bevölkerungen und Regierungen. (11.10.01) (English version)

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