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STATEMENTS (3)
Januar / Februar 2002
ERLÖSUNGSBRUMMBORIUM (25.02.02)
MICHAEL ROTH (24.02.02)
ROCK'N'ROLL-MINISTER (24.02.02)
ROCK THE BUNDESTAG (22.02.02)
DONALD RUMSFELD (3) (21.02.02)
"KRAFT ZUM LEBEN" (21.02.02)
MECKERTANTE (08.02.02)
INNENMINISTERIUM (07.02.02)
MÜNCHEN (02.02.02)
TRÄUME (01.02.02)
SABINE CHRISTIANSEN (30.01.02)
ISRAEL (27.01.02)
AUSSERIRDISCHE (26.01.02)
LEXIKON DER IDOLE (25.01.02)
EURO-ISLAM (25.01.02)
RECHT (18.01.02)
E & U (18.01.02)
FESTIVAL FÜR MUSIK UND POLITIK 2002 (16.01.02)
SEMMELING (12.01.02)
ROCK'N'ROLL-ERLÖSER (11.01.02)
OSTPREUSSISCH (11.01.02)
WOLFGANG THIERSE (09.01.02)
DIE KB-FRAGE (09.01.02)
LUDGER VOLMER (07.01.02)
G&W-MYTHOS (05.01.02)
ZERSTÖRTE DÖRFER (05.01.02)
COMMERZBANK (02.01.02)

ERLÖSUNGSBRUMMBORIUM:

Eigentlich wollte Alex Rühle in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG vom 22.02. einen ausführlichen Artikel über Prince schreiben und dessen neues Album "The Rainbow Children". Die Platte scheint auch nicht so schlecht zu sein, denn Rühle sagt darüber: "Auf ‚The Rainbow Children' scheint Prince endlich nicht mehr der Musik der Neunziger hinterherzulaufen, er überlässt das Rappen denen, die es können, und arbeitet wieder als durchtriebener Bricoleur im Klanglabor der sechziger und siebziger Jahre."

Trotzdem ist bei dieser langen Plattenkritik eher eine Generalabrechnung mit der Welt des Spirituellen herausgekommen. Es geht los mit: "Als aber der HErr seinem Knecht Moses auf dem Berge Sinai erschienen war..." und endet mit: "...ist die Hoffnung groß bei seinen früheren Jüngern, dass er doch zurückfinden möge auf den rechten Weg. Dass er Ruhe geben möge vom göttlichen Gerede und einfach wieder Musik mache." Die ganze Rezension heißt "Erlösungsbrummborium".

Der Text ist wie folgt strukturiert: Es fängt mit der oben angedeuteten Bibelverballhornung an, die lang ist und nicht viel mit Prince zu tun hat. Es folgt ein Lob auf Prince' historische Leistung mit einer anschließenden Polemik, wieder im Bibelstil: "Symbol statt Cymbel Dann aber brachen gottverlassene Zeiten an, und der HErr beschloss, einigen seiner Jünger ordentlich den Geist zu vernebeln, zum Zeichen, dass es gar nicht so toll ist, ein Gott der Unterhaltungsindustrie zu sein. Und die Stars redeten wirr und vergaßen darob, anständig die Cymbel zu schlagen und den Weltenlauf zu besingen."

In einem Nebensatz wird dann noch Bono verarscht, dann die Auflösung: Prince ‚sang nur noch Lachhaftes', zum Beispiel: "Once again I don't follow trends, they just follow me / just like Israelis thru the Red Sea." Und gab sich Namen sonder Zahl, bis er es Jahwe gleich tat: "Ich habe keinen Namen. Ich bin ich." So nervte er die Menschen gründlich..." Es folgt das oben erwähnte Lob für die neue Platte, das im nächsten Absatz zum ‚Kümmernis' und ‚Elend dieser Platte' wird, weil Prince die Songs mit einer Sprecherstimme unterlegt hat, "die aus mosaischen Tiefen der Zeit zu kommen scheint." (So etwas Ähnliches hat ja bekanntlich auch ein anderer genialer Musiker gemacht, John Coltrane, auf der Platte "Om".)

"Aber es klingt, als hätten sich Ron Hubbard, Captain Kirk und ein minderbemittelter Verehrer von Martin Luther King in einer Schreibwerkstatt zusammengesetzt. Da ist von Engeln die Rede und dem Tag des Zorns, vom Auszug aus der Knechtschaft des Pharao, und Thomas Jefferson nimmt die Schuld an der Versklavung der schwarzen Bevölkerung auf sich. Anscheinend sieht sich Prince auch weiterhin als Sklaven und Geächteten, denn es sind die Verachteten der Welt..."

Okay, das reicht. Es ist wohl klar geworden, was hier passiert ist: Journalist versteht spirituelle Themen nicht und hackt wüst auf alles ein, was mit Glauben zu tun hat. Und was bleibt von all dem übrig? Ein Herr Alex Rühle und ein Prince. Wer von den beiden hat mehr geleistet? Wer von den beiden ist tolerant? Und wer ist hier ‚minderbemittelt'? (25.02.02)



"And don't criticize what you can't understand"
(Bob Dylan)


MICHAEL ROTH:

Wie das ROCK'N'ROLL-MINISTERIUM heute unter Berufung auf diesseitige Quellen mitteilte, konnte die Neue Mitte endlich lokalisiert werden. Sie erinnern sich: Franz Münteferings: "Die Mitte in Deutschland ist rot", und Angela Merkels Hinweis: "Die Mitte ist rechts von links." Was und wo nun wirklich die Mitte ist, lässt sich einem Aufsatz von SPD-MdB Michael Roth vom 08.10.2001 über dessen gerade beendete Amerikareise entnehmen.

Der 5-seitige Reisebericht trägt die Überschrift: "Blinde Rachsucht ist den Amerikanern fremd." Darin heißt es: "Die instabile Lage des riesigen asiatischen Raumes mit nur wenigen funktionierenden Demokratien erfordert die verstärkte Aufmerksamkeit der einzig verbliebenen Weltmacht. (...) Die Amerikaner stellen sich mit Besonnenheit und Vernunft auf einen langen Kampf ein. Gegen keinen Staat, gegen keine Religion. Aber gegen die Feinde unserer offenen und demokratischen Gesellschaften. Für diese Auseinandersetzung brauchen die Vereinigten Staaten nicht nur unsere mahnende Kritik, sondern vor allem uneingeschränkte Solidarität. Um beides habe ich mich während meiner Reise bemüht."

Haben Sie es gemerkt? "...nicht nur unsere mahnende Kritik, sondern vor allem uneingeschränkte Solidarität..." Sehen Sie, und das ist die Mitte! So wie Fischer sagt: Bush geht zu weit, und Schröder sagt dann: Nee, Bush ist okay. Beides gilt! Oder Rummy letztens: Wir lügen nicht, aber manchmal müssen wir eben lügen. Und wenn sowohl Ja als auch Nein gültig ist, dann ist auch jeder zufrieden, und so treffen sich alle in der Mitte. Wer hier glaubt, solche Politiker würden sich durch ihre Widersprüche zur Zielscheibe machen, der irrt. Aber so ganz Unrecht hat er wiederum auch nicht.

Wenn auch Sie im ROCK'N'ROLL-MINISTERIUM mitarbeiten möchten, schicken Sie bitte Ihre Vorschläge und/oder Bewerbungsunterlagen an Anis Online, Stichwort: ROCK'N'ROLL-MINISTERIUM und verfolgen Sie die Nachrichten von Ozzy Balou. (24.02.02) (English version)



"Well, be-bop-a-lula she's my Baby, be-bop-a-lula I don't mean maybe..."
(Gene Vincent)


ROCK'N'ROLL-MINISTER:

Wie die einigermaßen beste deutsche Tageszeitung in ihrer Wochenendausgabe berichtet und wie man sich auch hätte denken können, hat die Koalition den Vorwurf der CDU/CSU zurückgewiesen, die Bundesregierung tue zu wenig für die Interessen der Rock- und Popmusik in Deutschland. Und nun hören Sie sich bitte das mal an, ich zitiere:

‚Der SPD-Abgeordnete Michael Roth sagte, einen "Rock'n'Roll-Minister" werde es in Deutschland nicht geben - mit gutem Grund: "Wir sind eher Zielscheibe als Verbündete der Rockmusiker. Und das ist gut so." Die Rock- und Popkultur suche keinen Schutz, "geschweige denn in den Armen der CDU/CSU". Die Koalition habe etwa innerhalb der Künstlersozialkasse und bei der Besteuerung ausländischer Musiker "vorbildliche Regelungen getroffen".' (FR 23./24.02.02)

Was sagt denn der 31-jährige Herr Roth da aus? Dass er eine Zielscheibe für Rockmusiker ist, und dass das auch gut so sei. Also wirklich! So etwas sollte mal einer von der Regierung den Ver.di-Leuten am Runden Tisch erzählen. Wie kann man denn lieber eine Zielscheibe sein wollen als ein Verbündeter anerkannter und progressiver kultureller Strömungen? Außerdem ist es arrogant und falsch zu behaupten, die Rock- und Popkultur suche keinen Schutz. Das Gegenteil ist wahr. Mal gut, dass die FRANKFURTER RUNDSCHAU darüber geschrieben hat. Vielleicht ist der Gedanke eines Rock'n'Roll-Ministeriums gar nicht so abwegig... Eine Zielscheibe möchte der sein, hm hm, mal überlegen... (24.02.02) (English version)


ROCK THE BUNDESTAG:

Im Bundestag wird heute über die Förderung populärer Musik debattiert, berichtet Herr Thomas Stillbauer in der FRANKFURTER RUNDSCHAU. Und zwar hat die CDU/CSU sich darüber beschwert, dass die Rock- und Popmusik zu wenig staatliche Aufmerksamkeit erführe und gemeint, dass sie mehr gefördert werden sollte. CDU-MdB Steffen Kampeter sagte: "Die Bundesregierung muss sich damit beschäftigen, dass wir es bei der Rockmusik nicht mehr mit der guten alten Schallplatte zu tun haben, sondern mit einem riesigen Wirtschaftszweig". Dann warf er der SPD Spießigkeit vor und mahnte: "Deutsche Musik war schon einmal Exportschlager." Sein Gegner am Mikrofon ist Kulturstaatsminister Nida-Rümelin.

Nun gut. Was soll man jetzt dazu sagen? Nun werfen die "Rechten" den "Linken" Spießigkeit wegen der Rockmusik vor... Na immerhin haben ein paar Leute in Deutschland inzwischen mitgekriegt, dass sich mit Rockmusik Geld machen lässt, das ist ja schon mal was. Und wo wir gerade beim Thema sind: Wenn bei uns ein vernünftiger Rockdichter bereit und in der Lage ist, kommerzielle Musik zu machen und damit seinem Land und der Wirtschaft seines Landes einen Nutzen bringen kann, dann sollte man ihm das Recht zugestehen, sich über das Kommerzielle hinaus frei entfalten zu können, auch wenn dabei mal kritische Worte fallen. Das kann dem Land nämlich gar nicht schaden.

Natürlich, wir können uns auch weiterhin auf dem Grand-Prix-Level weiterbewegen, oder PUR und SASHA und SCORPIONS und WEICHSPÜLER, oder die HipCoolHopperCool, oder auch unsere fantastische Volksmusik, für die wir in der ganzen Welt seit Jahrzehnten verachtet werden. Klar. Wie bitte? Ja natürlich bin ich sauer. Haben Sie gelesen, was Elton John kürzlich gesagt hat, dass die Musik abgestumpft ist und die Musiker nichts mehr darstellen? Ja, lesen Sie das mal. Das gilt übrigens auch für die CDU/CSU und für die FRANKFURTER RUNDSCHAU. (22.02.02) (English version)


DONALD RUMSFELD (3):

Der amtierende amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat Berichte dementiert, nach denen die USA gezielte Falschmeldungen ins In- oder Ausland streuen will. Das amerikanische Militär sage der Welt die Wahrheit, so Rumsfeld. Es gebe aber Situationen, in denen es aus strategischen Gründen gezielte Fehlinformationen verbreite. (Siehe FR von heute, 21.02.02) (English version)


"KRAFT ZUM LEBEN":

Das Buch KRAFT ZUM LEBEN von Jamie Buckingham hat durch den latenten Vorwurf der evangelikanischen Missionierung und gar des Sektierertums eine Kontroverse ausgelöst (Siehe auch das Statement: ROCK'N'ROLL-ERLÖSER). Es ist ein christlicher Ratgeber, der unentgeltlich an jeden Interessierten ausgegeben wird und für den unter anderen Golfprofi Bernhard Langer und Schlagerstar Cliff Richard Beiträge verfasst haben. In unserer sich nicht durch übermäßige Spiritualität auszeichnenden Gesellschaft hat diese Schrift provoziert. Zu Recht?

Das Buch hat 138 gut lesbare Seiten, es ist übersichtlich und äußerlich ansprechend. Man kann es an einem Abend durchlesen. Das englische Original (Arthur S. DeMoss Stiftung) ist von 1983, die erste deutsche Auflage vom Juni 2001, die zweite, überarbeitete und mir vorliegende Version ist vom September 2001. Es handelt sich um einen praktischen Lebensratgeber in sieben Kapiteln. Gewidmet ist das Buch Johann Sebastian Bach, der seine Musik zu Gottes Lob geschrieben hatte. Anhand von vielen lebensnahen Episoden und Beispielen wird erläutert, wie man sich Gott nähern kann, um zu einem erfolgreichen Leben zu finden. Neun erfolgreiche Menschen, die zu Gott gefunden haben, erzählen ihre Geschichte. Es folgen drei Hauptteile, ein welterklärender, ein handlungsweisender, und einer über die Bibel.

Im ersten Teil geht es um den Weg zum Glauben. Von einer "Wiedergeburt" ist dabei manchmal die Rede. Die Hauptthesen - im Buch "Wahrheiten" genannt - sind: (1) "Gott liebt dich und bietet dir einen wunderbaren Plan für dein Leben an", (2) "Der Mensch ist sündig und von Gott getrennt", (3) "Jesus Christus ist Gottes einzige Maßnahme gegen die Sünde der Menschen. Durch ihn können Sie Gottes Liebe sowie seinen Plan für Ihr Leben kennen lernen und erfahren", (4) "Jeder von uns muss Jesus Christus persönlich als Herrn und Erlöser annehmen. Erst dann können wir Gottes Liebe und seinen Plan für unser Leben wirklich kennen lernen und erfahren" (S.46-52).

Um die Kraft zum Leben aus dem Glauben schöpfen zu können, werden sechs Vorschläge gemacht: "(1) Beten Sie täglich zu Gott, (2) Lesen Sie täglich Gottes Wort, (3) Gehorchen Sie Gott in jeder Minute", (4) Bezeugen Sie Christus durch Ihr Leben und Ihre Worte, (5) Vertrauen Sie Gott in jedem Bereich Ihres Lebens, (6) Erlauben Sie Gott durch den Heiligen Geist, Ihr Leben zu lenken und zu stärken." (Zusammenfassung S.92)

Der bibelerklärende Teil des Buches beginnt interessanterweise mit einem der Urkonflikte unserer Kultur, nämlich dem Streit zwischen Platon und Aristoteles über den "göttlichen Wahnsinn" als Quelle des Wissens, den der Schüler Aristoteles - der Vater unserer Vorstellung von Wissenschaft - bestritt (S.95). Auf den folgenden 35 Seiten werden die Bibel und ihre Themen vorgestellt, wobei Jesus als zentrale Figur erscheint, die im alten Testament bereits mehrfach angekündigt worden sei. Ebenso gibt das Kapitel Tipps zur richtigen Annäherung an die Bibel und erschließt dem Laien die Funktion einer Konkordanz und anderer nützlicher Nachschlagewerke und gibt gute weiterführende Literatur an.

Ich habe das Buch KRAFT ZUM LEBEN halb genießend halb prüfend gelesen und kann das meiste unterschreiben, was dort steht. Ich bin selbst jemand, der betet, und der sein Leben in Gottes Hand gelegt und dadurch Kraft gefunden hat. Was immer ich erreicht haben mag, habe ich erreicht, um Gott zu preisen. Insofern ist das Buch nichts wesentlich Neues für mich. Eindeutig zu weit gehen mir die Punkte (3) und (4) des ersten Teils, da sie das Heil für jeden Menschen auf der Welt von Jesus und damit vom Christentum abhängig machen. Dies ist die einzige Stelle des Buches, die ein größeres Loch hat, denn das im Buch beschriebene System zeigt keine Möglichkeiten der echten, kommunizierten Toleranz gegenüber Muslimen, Juden, Buddhisten, Hinduisten, Bahai und anderen religiösen Gruppen, die sich nicht bzw. nicht in diesem Maße auf Jesus beziehen und sich nicht von ihm repräsentiert sehen. Leicht ausgleichend dazu sind Aussagen wie: "Christus zu bezeugen heißt nichts anderes, als einfach Sie selbst zu sein. (...) Das bedeutet nicht, dass Sie nun prüde sein und komische Kleider anziehen müssen oder keinen Spaß mehr haben dürfen. (...) Es heißt einfach nur, dass Sie die ganze Zeit über mit Jesus in Kontakt bleiben sollen." (S. 80) Den Ländern außerhalb der USA und Europas bescheinigt die Autorin eine allgemein höhere Spiritualität (S.29 und 95), was ebenfalls auf ein Bewusstsein von religiöser Toleranz deutet. Ein undeutlicher weiterer Punkt im Buch KRAFT ZUM LEBEN war für mich der Widerspruch zwischen den Aussagen, dass die Sünde der eigene Wille sei (S.48), dass wir aber den Willen dazu haben müssen, unsere Sünden aufzugeben. (S.51). Da der Begriff der Sünde im Zusammenhang des Buches eine größere Rolle spielt, scheint mir das von Belang zu sein.

Insgesamt halte ich das Buch für konstruktiv und aufrichtig. Die Kritik der Presse kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich habe ich den Text nach Kulturkampf abgesucht, konnte aber nichts entdecken bis auf den oben erwähnten Absolutheitsanspruch des Heils, der nicht zeitgemäß ist. Eine Fixierung der Wahrheit auf eine In-Group bewirkt auf dem spirituellen Gebiet ebenso wie bei politischen Systemen, dass Out-Groups entstehen, die nicht ins eigene System integriert und leicht zu Projektionsflächen werden können. Ein spiritueller Ratgeber des 21. Jahrhunderts muss global kompatibel sein, damit keine Fragen offen bleiben und Vertrauen zwischen den Religionsgruppen entstehen kann.

Das Buch KRAFT ZUM LEBEN wird gratis verschickt und kann unter folgender Adresse bestellt werden: KRAFT ZUM LEBEN / Postfach 1142 / 71084 Holzgerlingen. (21.02.02)


MECKERTANTE:

In meiner derzeitigen Lieblingszeitung - wobei "Lieblingszeitung" ein zweischneidiger Begriff ist -, in der FRANKFURTER RUNDSCHAU von heute also wird die Habilitationsschrift der Politologin Frau Beate Hoecker aus Hannover vorgestellt. Thema: "Fördert das Internet die Demokratie?" Ich habe mir das mal durchgelesen. Obwohl es wirklich staubtrocken ist. Mooine Güte noch mal! Die Frau sollte sich mal zwischendurch eine Little-Richard-CD reinpfeifen, dann muss sie auch nicht mehr so langweilig schreiben. Naja egal jetzt. Frau Hoecker sieht jedenfalls "derzeit keine Belege für diese vielfach geäußerte Hoffnung", dass also das Internet die Demokratie fördere. Hier ein paar Impressionen:

- "Grundbedingung ist zunächst der Zugang zu einem Netzanschluss. Auch wenn die Zahl der privat wie geschäftlich... das Internet somit längst kein Massenmedium."
- "Wie Medienanalysen jedoch zeigen, stellen politische Informationen weder von der Nutzer-... während politische Inhalte marginalisiert werden."
- "Für diese hohen Erwartungen an die Diskurse im Netz gibt es bislang allerdings kaum empirische Belege."
- "Die insgesamt wenig ermutigenden Ergebnisse zur Qualität der Diskurse im Netz provozieren die Frage, ob eine solche Internet-Öffentlichkeit überhaupt den Status einer politischen Öffentlichkeit für sich reklamieren kann."
- "So verführerisch dieses Bild einer digitalen Demokratie auch scheint,..."
- "Insofern trägt das Internet nicht, wie von vielen erhofft, zu mehr politischer Gleichheit bei, sondern reproduziert, ja verschärft soziale Ungleichheit."

Also ich weiß nicht, ich weiß nicht, aber ich habe den Eindruck, Frau Hoecker hat noch nie was von Anis Online gehört. Da können Sie mal sehen, meine Damen und Herren, mit was für einem Quatsch man heutzutage Professor werden kann! (08.02.02)


INNENMINISTERIUM:

Liebe Studentinnen und Studenten,
heute möchte ich Euch auf den neuen Studierendenwettbewerb: "Denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit - Freiheitliche Demokratie zwischen Bürgerrecht und Bürgerschutz" hinweisen, der vom Deutschen Innenministerium organisiert wird. Wer zu diesem Thema 15-30 gute Seiten schreiben kann, hat die Chance, bis zu 2.500 € zu gewinnen! In der Ausschreibung heißt es:

"Seit Jahrhunderten beschäftigt die Frage nach dem Verhältnis von Freiheit und Sicherheit Staatstheoretiker und Rechtsphilosophen: Wieviel Sicherheit braucht ein Gemeinwesen, wieviel Freiheit verträgt es? Im Zuge der Globalisierung sind moderne Gesellschaften verletzlicher geworden. Terrorismus, organisierte Kriminalität, Drogenhandel, Zugriffe auf oder über das Internet können ihre innere Stabilität gefährden. Konflikte auch in entfernteren Regionen können ihre Sicherheit beeinträchtigen. Gerade freiheitlich demokratische Staaten stehen dadurch vor der Aufgabe, die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit neu auszutarieren. Um einige Fragen zu nennen: Wo endet Meinungsfreiheit, wo beginnt ihr Missbrauch für extremistische Ziele?"

Aus meiner Erfahrung möchte ich Euch dazu ein paar Tipps geben, damit sich Eure Aussichten auf einen Geldpreis erhöhen:

- Lernt zunächst, zwischen den Zeilen zu lesen, was von Euch erwartet wird. Hinweise gibt es ja genug. Wenn die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit neu austariert werden muss, und wenn Terrorismus, Drogenhandel und das Internet die innere Stabilität gefährden, spricht das für die Formel: ‚Je weniger Freiheit, desto mehr Sicherheit.' Dieser Ansatz dürfte eine gute Basis sein, um an das Geld heranzukommen.

- Bevor Ihr die Vorzüge der Meinungsfreiheit ansprecht, überlegt Euch genau, wie destabilisierend sich diese Freiheit auf den Staat auswirken kann. Stellt also auch die Notwendigkeit von Dingen heraus wie dem Demonstrationsverbot in München und der Propaganda für den Anti-Terror-Krieg.

- Kein Pazifismus! Pazifistische Denkansätze, wie sie vor dem Elften September noch salonfähig waren, führen heute zwangsläufig zu Problemen und sind völlig aussichtslos. Macht das etwa am Beispiel der PDS klar.

- Bietet ein plastisches Feindbild an! Wenn wir schon in den sauren Apfel beißen, uns von unseren Bürgerrechten zu verabschieden, dann muss auch jemand daran Schuld haben. Terroristen, Drogenleute, Mörder, Kinderschänder, Satanisten, Neonazis und islamistische Fundamentalisten kommen dafür in Frage.

- Auch Kriege in ‚entfernteren Regionen' haben ihre Berechtigung, das solltet Ihr auf jeden Fall betonen. Beruft Euch dabei auf Herrn Wolfowitz von der Nato, der sagt, dass wir den Krieg zum Feind bringen müssen. Vermeidet aber besser die Begriffe ‚Krieg' und ‚Feind', es sei denn, Ihr sprecht vom Missbrauch der Anderen.

- Vermeidet ebenfalls alle Anspielungen auf die oder Vergleiche mit der Nazizeit, denn das kann leicht nach hinten losgehen.

- Versucht, ein paar treffende Zitate von Humboldt einzuarbeiten, von dem das Zitat "Denn ohne Sicherheit ist keine Freiheit" stammt. Damit zeigt Ihr, dass Ihr den Geist der Veranstaltung versteht und dass Ihr Euch auskennt.

- Denkt schließlich immer daran, dass Ihr Eurem Innenministerium und damit Eurem Vaterland behilflich sein wollt. Immerhin wird die Ausschreibung nicht ohne Grund veranstaltet.

So, nun kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Die Auswahl der Preisträger trifft eine unabhängige Jury namhafter Vertreter unterschiedlicher Disziplinen (zwinker zwinker). Einsendeschluss beim Bundesministerium des Innern, Referat Öffentlichkeitsarbeit, Alt-Moabit 101 D, 10559 Berlin ist der 30. April 2002. Die Preisverleihung findet im Herbst 2002 in Berlin statt. Mehr Infos gibt es auf der Homepage des Deutschen Innenministeriums. (07.02.02)


MÜNCHEN:

Am 1. bis 3. Februar 2002 findet in München die Nato-Konferenz für Sicherheitspolitik statt, auf der führende PolitikerInnen und Nato-Repräsentanten über gemeinsame Strategien ihrer Weltpolitik beraten. Da viele Bundesbürger unter der Nato eher leiden, wollen sie gegen diese Konferenz heute in München demonstrieren. Zum Beispiel Attac. Weil die Nato sich davon aber genervt fühlt, wurde die Demonstration kurzfristig verboten. Zur Begründung hieß es, die Anreise militanter Globalisierungsgegner gefährde die öffentliche Sicherheit. Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sagte gestern in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: "Wir werden die Entglasung der Altstadt verhindern und alle Gewalttätigkeiten im Keim ersticken." Wenn ich richtig informiert bin, haben die sich inzwischen auch darauf verständigt, überhaupt jede Art von Demonstration lieber zu unterbinden, damit nichts passiert.

Also ich muss schon sagen, meine Damen und Herren Establishment, da haben Sie sich ja ne dolle Nummer ausgedacht! Sehr kreativ! Weil meistens ein paar Gewalttäter kommen und Sie sie ja auch ausreichend provozieren, wollen Sie auf diese Art gleich die ganze Kritik loswerden! Na, das kann ja heiter werden. Wenn das Schule macht! Ich war ja damals aus der Nato sogar ausgetreten.

Die Kritiker werden allerdings trotz dieses wirklich cleveren Manövers wahrscheinlich nicht verschwinden. Ich mag mich natürlich irren. Haben Sie sich schon überlegt, was Sie mit denen dann machen wollen, wenn sie sich so partout nicht stille verhalten? Man könnte ja zum Beispiel große Sammelstellen für potenziell militante GGs einrichten, um damit alle Entglasungen zu ersticken. Damit die Nato in Ruhe über unsere Sicherheit beraten kann. Ach nö, also da würde ich schon eher zum zivilen Ungehorsam aufrufen. Globalisierungsgegner, son Quatsch! Kein Mensch ist Globalisierungsgegner. (02.02.02)

Lesen Sie dazu Bambus # 5: HAUPTSACHE ES PASSIERT NICHTS


TRÄUME:

In der aktuellen ZEIT hat Maybrit Illner einen Traum. "Ich habe einen Traum", heißt daher die Seite 60. Und stimmt auch. Der Text unter dem Foto einer träumenden Maybrit Illner ist die Aufzeichnung eines Traumes. Er ist ziemlich konfus, wie Träume eben sind, und es kommen Wörter darin vor wie "Scherfenspieler", "Raubnest", "Lebus" und "Versicherungsbetrug". Die ganze Sache ist sehr verworren, aber auch romantisch. Ein Traum eben. Keiner weiß ja so genau, was das alles soll mit den Träumen. Er endet daher auch mit dem Satz: "Der Reporter versteht mich nicht", womit im Grunde die ganze postdekonstruktivistische Zeit beschrieben wird, in der wir leben.

Im Fernsehen gibt es ebenfalls eine Werbung zum Thema "Ich habe einen Traum". Dort erleben durchgestylte Jugendliche kurze enttäuschende Episoden, die sie cool kommentieren, etwa in dieser Art: "Ich habe einen Traum: nie wieder Langeweile." Oder: "Ich habe einen Traum: dass ich mir im Suff nicht immer auf die Füße pinkel." Oder: "Ich habe einen Traum: dass Trüffelschokolade billiger wird." Mit Siebzehn hat man eben noch Träume.

Spiritus Rector der Sparte "Ich habe einen Traum" ist Dr. Martin Luther King Jr., der am 28.08.1963 auf den Stufen des Lincoln-Denkmals in Washington D.C. unter anderem gesagt hat: "I say to you today, my friends, that in spite of the difficulties and frustrations of the moment, I still have a dream. It is a dream deeply rooted in the American dream. I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: "We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal." I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of former slaves and the sons of former slaveowners will be able to sit down together at a table of brotherhood. I have a dream that one day even the state of Mississippi, a desert state, sweltering with the heat of injustice and oppression, will be transformed into an oasis of freedom and justice. I have a dream that my four children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. I have a dream today. I have a dream that one day the state of Alabama, whose governor's lips are presently dripping with the words of interposition and nullification, will be transformed into a situation where little black boys and black girls will be able to join hands with little white boys and white girls and walk together as sisters and brothers. I have a dream today. I have a dream that one day every valley shall be exalted, every hill and mountain shall be made low, the rough places will be made plain, and the crooked places will be made straight, and the glory of the Lord shall be revealed, and all flesh shall see it together. (...) When we let freedom ring, when we let it ring from every village and every hamlet, from every state and every city, we will be able to speed up that day when all of God's children, black men and white men, Jews and Gentiles, Protestants and Catholics, will be able to join hands and sing in the words of the old Negro spiritual, "Free at last! free at last! thank God Almighty, we are free at last!" (01.02.02)

Lesen Sie dazu: DER TRAUM


SABINE CHRISTIANSEN:

Das Thema der bekannten Talkshow-Sendung "Sabine Christiansen" vom 27.01. lautete: "Warum sind wir Deutschen dümmer als andere?" Da ich oftmals negative Beispiele aus der Presse aufgreife, möchte ich an dieser Stelle auch einmal ein Lob aussprechen. (Ich bin nämlich gar nicht so ablehnend, wie mir von meinen Kritikern manchmal vorgeworfen wird.) Frau Christiansen ist ein lebendiges Beispiel dafür, dass sich die Deutschen auch kritisch mit sich selbst auseinandernehmen können.

Als Experten für das Thema waren eingeladen: Kurt Beck (Ministerpräsident Rheinland-Pfalz, SPD), Dagmar Schipanski (Thüringer Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Vorsitzende Kultusministerkonferenz, CDU), Hans-Olaf Henkel (Präsident Leibniz-Gemeinschaft, Vizepräsident BDI), Konrad Schily (Gründungspräsident Privatuniversität Witten), Josef Kraus (Oberstudiendirektor, Präsident Deutscher Lehrerverband), Vicky Leandros (Sängerin, Mutter von 3 Kindern) und Guildo Horn (Entertainer, wirbt für BAföG).

Bloß über eine Sache bin ich mir als Deutscher nicht ganz im Klaren: Heißt es nun: "Warum sind wir Deutschen dümmer als andere?" oder: "Warum sind wir Deutsche dümmer als Andere?" (30.01.02)


ISRAEL:

Nachdem der israelische Staat nach dem Elften September palästinensische Politiker aus politischen Gründen ermordet und die palästinensische Infrastruktur zum Teil zerstört hatte, war es völlig klar, dass es wieder mehr Selbstmordattentate geben würde. Mit seiner autoritären und unrealistischen Forderung einer siebentägigen Feuerpause, die einseitig von den Palästinensern auszugehen hat, hat Staatschef Ariel Scharon jedem in der Welt deutlich gemacht, dass er keinen Frieden will, sondern dass er morden will, wie er es bekanntermaßen immer schon getan hat. Da jetzt die USA und der inkompetente Vermittler Zinni Arafat für alle Gewalt im Land verantwortlich machen, werden die arabischen Staaten ihre Haltung gegenüber der weltweiten Anti-Terror-Morderei unter der Leitung der USA vermutlich ändern.

Die Palästinenser leben seit 1948 und 1967 in Okkupation und Unterdrückung, viele ihrer Dörfer sind zerstört worden, viele sind enteignet worden, Bäume wurden ausgerissen und Menschen inhaftiert, gefoltert und ermordet. Kein Volk, das einen Funken Stolz hat, würde das hinnehmen. Die Gewalt der Palästinenser ist ebenfalls zu verurteilen, sie ist aber keine Staatsgewalt, sondern die Gewalt der Verzweiflung. Die Taten der Israelis geschehen dagegen nicht aus Verzweiflung, sondern es sind die Taten einer hochgerüsteten, reichen und international anerkannten Nation, die sich eine Demokratie nennt.

Wir müssen endlich damit aufhören, die Israelis als Opfer der Geschichte zu sehen, denen alles erlaubt ist. Die Palästinenser haben nichts damit zu tun, dass die Deutschen die Juden ermordet haben. Wir müssen verstehen, dass die Israelis seit Jahrzehnten eine rassistische Zerstörungsspolitik verfolgen. Sie geben die Gewalt, die sie in Deutschland erfahren haben, an Dritte weiter. Die ganze Welt ist dafür zu verurteilen, dass sie tatenlos zusieht, wie die Lage eskaliert. Wir befinden uns in einer kritischen weltpolitischen Lage. Wenn die Palästinenser nicht zu ihrem Recht kommen, ist selbst ein Weltkrieg nicht ausgeschlossen. Das zentrale Problem in der Welt ist Jerusalem. (27.01.02) (English version)

Lesen Sie dazu: "Nathan der Weise" von Lessing.


AUSSERIRDISCHE:

In der heutigen Ausgabe der FRANKFURTER RUNDSCHAU findet man anlässlich des Holocaust-Gedenktages den Artikel: "Wenn sich junge Enkel alte Nazis als Außerirdische vorstellen" von Matthias Arning. Im Gespräch mit der FR mahnt der Sozialpsychologe Professor Harald Welzer, "über neue Formen der Vermittlung von Geschichte nachzudenken", denn es gebe einen großen Unterschied zwischen dem offiziellen und dem familiären Deutschland. Den Großvätern würde von der Enkelgeneration eher eine "anti-nationalsozialistische Grundhaltungen" zugeschrieben. Welzer: "Wenn die Großväter in absehbarer Zeit alle weg sind, fehlt es an lebendigen Korrektiven", was zur Tendenz führe, "ein Bild von der Vergangenheit zu zeichnen, in der die Nazis die Anderen waren". Arning: "Das erinnert an Sichtweisen aus den 50er Jahren der alten Bundesrepublik, die den Nationalsozialismus als ein plötzlich über Deutschland hineinbrechendes und ebenso plötzlich wieder verschwundenes Phänomen verstanden wissen wollten: Mit diesem Blick auf die Geschichte, sagt Welzer, 'ist das klassische Bild von den Außerirdischen wieder präsent'."

Ja also, hier in Deutschland muss das eben so sein. Das gebietet der Anstand. Wissen Sie, wenn nämlich den Großvätern von der Enkelgeneration keine anti-nationalsozialistische Grundhaltung zugeschrieben würde, und wenn jemand sagen würde, dass die Nazis eben nicht die Anderen waren, ja was glauben Sie, was dieselbe Zeitung, vielleicht derselbe Professor und sogar Sie selbst mit so einem machen würden? Nein, der Artikel klingt einfach nicht echt. Wer will denn eine neue Form der Vermittlung von Geschichte? Die FR? Ich lach mich tot. Sie ist zwar im Moment die beste Zeitung des Landes, aber die bei der FR labern auch bloß rum, genau wie alle anderen. Sie haben Angst vor Veränderung. Wo das wohl herkommt... (26.01.02) (English version)

Lesen Sie dazu den Songtext: OPA IST EIN TERRORIST von 1998


LEXIKON DER IDOLE:

"Jetzt wollten wir uns einmal mit der glanzvollen Seite der Stars beschäftigen, aber so glanzvoll ist die eigentlich auch nicht", sagte Carsten Weyershausen in der Presse über das neue Buch "Lexikon der Idole", das er mit seinem Freund Michael Völkel geschrieben hat. Heute um 16.50 h war ein Bericht darüber im NDR in der Sendung "Das!". Er fiel mir auf, weil die Off-Sprecherin Dinge gesagt hat wie: "Sie suchten nach menschlichen Schwächen." Man findet über das Buch in der STUTTGARTER ZEITUNG vom 06.12.01 den Artikel: "Die Weisheitszähne der Dietrich", und die RHEINZEITUNG Online vom 25.01.02 schlagzeilt: "Der Bandwurm der Callas".

Auch wenn das Buch in Udo Lindenbergs Online-Gästebuch von einem Fan "wohlwollend" genannt wird, erscheint mir die zu Grunde liegende Logik des Lexikons ziemlich fahrlässig: Idole sind die unnahbaren Größen, doch in Wahrheit sind sie genau so blöd wie wir. Wir wollen sowieso nichts Großes, denn wir verstehen es nicht. Also machen wir es ein bisschen kaputt, das kommt auch immer gut an.

Und wenn das Buch selbst auch nicht ideologisch, sondern kreativ und populistisch gemeint ist, so machen sich spätestens die rezensierenden JournalistInnen einen Spaß daraus, ihre Artikel mit großen Namen und Fotos zu schmücken und dabei belanglose "Enthüllungen" zum Besten zu geben. Da, wo ich hingehe, nennt man das Dekadenz. (25.01.02) (English version)


EURO-ISLAM:

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG vom 24.01.02 ist ein Artikel des renommierten Nahost-Journalisten Wolfgang Günter Lerch mit dem Titel "Schlachtung als Religion", der sich mit der gerade aktuellen Frage nach dem Schächten von Tieren befasst. Schon am Untertitel sieht man, dass Herr Lerch eher sachlich und unbefangen an die Sache herangeht: "Von der Schwierigkeit der Muslime, den Säkularismus zu verstehen."

Der Artikel ist wie folgt strukturiert: Über die gegebene Problematik geht es zu einer kurzen Erklärung des islamischen Rechts, dann über Atatürk zu dem kaum versteckten Ruf nach dem Entstehen eines Euro-Islams (nach einem Bonmot von Herrn Thierse (stammt wohl von Bassam Tibi), der aber nicht namentlich genannt wird). Lerch: "Der Ruf nach dem Entstehen eines Euro-Islams heißt, die Frage nach der Säkularisierung zu stellen." Es folgt eine konstruierte sprachliche Analyse, die beweisen soll, dass Muslime entweder superstreng gläubig sind oder überhaupt nicht. Er stützt sich dabei auf die Vokabel "la-dini" ("nicht religiös") als Übersetzung von "säkular". Hätte er die Vokabel "'almani" ("weltlich") gewählt, wäre die Argumentation so nicht geglückt. Dieses "schroffe Entweder-Oder" nun lasse den Islam erstarren: "Das Dazwischen, das heißt die im Säkularismus vorhandenen Abstufungen einer privaten Haltung zur Religion, (...) sind so gut wie unbekannt". Deshalb - so endet Lerch - treffe man in den muslimischen Gesellschaften meistens auf Gläubige "oder aber auf solche, die gar nichts mehr glauben, dies aber nicht sagen" (also Heuchler).

Kulturkampf ist, wenn man die andere Kultur als Alter Ego benutzt, um die Schwächen der eigenen Kultur von sich weg zu projizieren und die eigenen Normen damit aufzuwerten. Der Kulturkampf hat also immer apologetischen Charakter, er zeigt Unsicherheiten auf. Während Herr Lerch in den Muslimen nur Dogmatiker oder Heuchler erkennen kann, präsentiert er den Säkularismus selbst ziemlich dogmatisch, denn er sagt inhaltlich kaum etwas über ihn aus. Hinter dem Artikel steht letztlich die simple Aussage: Die Anderen sollen so sein wie wir, denn wir sind überlegen, und außerdem haben wir sonst Angst. (25.01.02) (English version)

Lesen Sie dazu: Ozzy 61.1 (Kirche und Staat) und Ozzy 62.3 (Schächtung)


RECHT:

In der heutigen FRANKFURTER RUNDSCHAU schrieb Herr Karl Grobe den Kommentar "Krieg, Macht und Recht". In der Zusammenfassung heißt es: "Die USA ignorieren die Menschenrechte der Taliban-Gefangenen genauso wie Israel die Rechte der Palästinenser in den besetzten Gebieten - aber das Missachten fundamentaler Rechtsnormen gefährdet unsere Welt."

Der Kommentar ist kritisch, sachlich und fundiert. Man spürt auch, dass dies nicht nur die Meinung eines Einzelnen ist. Herr Grobe spricht für viele. In den letzten Monaten habe ich viele gute Artikel gelesen, seufz. Noch immer schwirrt mir dieses Gandhi-Zitat im Kopf herum, das ich bei George Lakoff gelesen habe: ‚Be the change you want' (Siehe auch Ozzy 58.2). (18.01.02)


E & U:

In einem Interview mit der FRANKFURTER RUNDSCHAU erklärt der 80-jährige Komponist Hans Ulrich Engelmann anlässlich einer Uraufführung auf die Frage nach dem Einfluss des Jazz in der Kunstmusik: "Bei den jüngeren Komponistengenerationen habe ich das Gefühl, dass - dann eher unter dem Stichwort Crossover als Jazz - diese Unterscheidung von E und U, wie ihn die GEMA so streng aufgelistet hat, keine so große Rolle mehr spielt. Das ist eine Vision von mir: Dass diese Musikbereiche wieder eins werden, so wie es ganz früher einmal war. Dieses Lagerdenken, wie es ja eigentlich erst seit der Romantik vorherrscht, habe ich zumindest immer versucht, zu verhindern."

Also wenn der Engelmann das sogar sagt! Ich meine, der hat doch was erlebt, der Mann! Einige weitere Punkte, die dafür sprechen, die Einteilung in U & E-Musik zu überdenken, können Sie im Bambus E-MUSIK nachlesen, im Bambus E & U (AGAIN), in Ozzy 29.3 und im Statement GEMA. (18.01.02)



"It was against the law, it was against the law. What the mama saw was against the law."
(Paul Simon 1972)


FESTIVAL FÜR MUSIK UND POLITIK 2002:

Ich bin heute per Email darum gebeten worden, in meinem Medium das FESTIVAL FÜR MUSIK UND POLITIK 2002 anzukündigen, was ich gerne tue. Nett, dass Sie an mich gedacht haben.

Das FESTIVAL findet vom 21.-24.02.2002 an verschiedenen Orten in Berlin statt (Volksbühne,WABE, Distel, Club Voltaire und ZwiEt) und besteht aus Konzerten, Dialogen, Vorträgen, Filmen und einer Ausstellung. Von den auftretenden Leuten kenne ich nur Erika Pluhar, die ist ganz nett, glaube ich. Veranstalter sind "Lied und Soziale Bewegung e.V." mit der Homepage www.songklub.de, wo es weiterführende Informationen gibt, dann "Profolk e.V.", der GFAJ e.V., und das Ganze geschieht in Kooperation mit der Bundeszentrale für Politische Bildung. (16.01.02)


SEMMELING:

Anlässlich von Dieter Wedels Waterloo-Affäre Semmeling schreibt die HAMBURGER MORGENPOST heute groß auf der letzten Seite: "Sie mauscheln, sie intrigieren, sie verletzen", und meint damit natürlich die Politiker, wen sonst? Aber! Gesagt haben sie es nicht. Sie haben es nur geschrieben. Gesagt hat es Oskar Lafontaine, gegen den ich übrigens gar nichts habe. Der hat gesagt: "Ja, die Politiker sind wirklich so schlimm" wie in dem Semmelingfilm angedeutet. Die MOPO würde es auch eher nicht sagen, denn das könnte den Eindruck erwecken, dass es in der Presse besser aussieht als in der Politik. Aber das war ja auch gar nicht das Thema. Das Thema war Waterloo, ach, die Politiker, meinte ich. (12.01.02)


ROCK'N'ROLL-ERLÖSER:

In der heutigen TAZ unter "Kultur/ zwischen den rillen" findet man den Kommentar "Schon wieder ein Rock'n'Roll-Erlöser: Andrew W. K." von Gerrit Bartels. Am Beispiel der Sprache dieses Artikels kann man ganz gut erkennen, welche Ängste und zum Teil vielleicht auch Neurosen in der deutschen Presse gerade hip sind. Andrew W.K. sei schon der dritte Rock'n'Roll-Erlöser, heißt es da, nach den "Strokes" und den "White Stripes", und er sei in seiner Simplizität wohl der konsequenteste Rock'n'Roll-Erlöser usw. etwa in diesem Stil. Dem Journalisten gefiel offensichtlich das Wort "Erlöser" sehr gut, und auch die TAZ-Redaktion fand das cool. Es klingt irgendwie gefährlich und subversiv, ähnlich wie das Wort "Messias" mit dem Adjektiv "messianisch". Dadurch nun, dass die Presse das Wort selbst aufgreift und darüber redet wie über die Socken von gestern, zeigt sie, wie harmlos der Rock'n'Roll und das alles in Wirklichkeit ist.

Ein psychologisch ähnlich auffälliges Phänomen ist der neue christliche Ratgeber "Kraft zum Leben", für den jetzt nicht mehr geworben werden darf. Die Presse ist derzeit absolut fasziniert von dieser ganzen Sache mit Gott und all dem. Die kriegen sich gar nicht wieder ein. Obwohl sie dieser christlichen Broschüre völlige Harmlosigkeit bescheinigte, machte die Presse sofort die Hamas-artigen Fundamentalchristen in Amerika aus, und man verwendete Begriffe wie "Missionierung" (und andere Derivationen des Wortes) oder "gefährlicher Glaube" undsoweiter. Da müssen Sie mal drauf achten. Immer, wenn es um die Macht des Spirituellen geht, dann ticken die regelrecht durch. Das geht jetzt nicht speziell an die TAZ, sondern dieses Phänomen geht quer durch die Presse, eher noch die linke als die rechte. Nee, beide! Als hätten die unglaublich Schiss vor Gott oder so.

Was aber noch mal den Rock'n'Roll-Erlöser Andrew W.K. angeht, hier steht: "Was er nicht schätzt: Leute, die andere Leute daran hindern, ihr Ding durchzuziehen. Der Rest juckt ihn nicht am Ohrläppchen. Und wir? Wir freuen uns auf den nächsten ultimativen Rock'n'Roll aus den Staaten." Cooler Typ irgendwie. Und er hat ganz Recht: Ich schätze auch keine Leute, die andere daran hindern, ihr Ding durchzuziehen. Es bleibt schließlich zu hoffen, dass nicht irgendwann einmal so ein ausgebuffter Rock'n'Roll-Erlöser daherkommt, der der deutschen Presse mal richtig so voll auf die Schnauze haut, weil er da so ein Jucken am Ohrläppchen hat... (11.01.02) (English version)

Lesen Sie dazu: UNSER LAND (1): DIE PRESSE

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Wissen Sie, was ein AKB ist? (Ein Atom-King-Boy)


OSTPREUSSISCH:

Im Stück DIE JUNGS (17): ONKEL WALDEMAR kommen einige Fachbegriffe aus dem ostpreußischen Dialekt vor, die im Text nicht erklärt werden. Ich möchte das hier nachtragen. Es handelt sich um folgende Vokabeln:

dreibastig = vorlaut, frech ; dwatsch = dumm ; glupsch = unfreundlich, launisch ; Handschkes = Handschuhe ; Klotzkorken = Holzschuh ; Klumpatsch = Tolpatsch ; Marjell(che) = Mädchen ; Pomuchelskopp = eingeschränkter Mensch ; Ruscheldups = Zappelhans
(Quelle: www.brieskorn.de/Meine_Ahnen/ Dokumentation/Ostpreussisch/ body_ostpreussisch.html).

Die Credits für den Schlusssatz mit dem Barjeld gehen an Herrn Primo, der den Satz wörtlich so in einem mailinglistartigen Diskurs geschrieben hat. Er scheint aber nicht der Urheber zu sein. Man findet das, wenn man "keenichsberch + mazurka" googelt.

Wenn Sie hören möchten oder sogar heeren mechten, wie dieser Dialekt klingt, klicken sie auf http://staff-www.uni-marburg.de/~naeser/dial-aud.htm. Dort finden Sie Dialekt-Audios und in der Tabelle "WS 16: Beispiele aus wichtigen Sprachlandschaften (Tab. 1)" das ostpreußische Gedicht "Pilze". Das ist einigermaßen lustig.

Das Stück ONKEL WALDEMAR ist dadurch motiviert, dass ich Halb-Ostpreuße bin. (11.01.02)


WOLFGANG THIERSE:

Im aktuellen SPIEGEL-Interview sagt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse über die Rolle des Gewissens in der Politik: "Es mag zynisch klingen: Wenn ich vor allem mein Gewissen pflegen will, muss ich einen anderen Beruf wählen. Aber zur Gewissensentscheidung gehört nicht nur, was ich für mein eigenes Gewissen tue, sondern was ich für dieses Land und für diesen Globus, für die kommende Generation mit meiner Entscheidung bewirke. Wenn ich dann immer noch der Überzeugung bin, ich darf nicht mit Gewalt auf Gewalt reagieren, einverstanden." Ja, das klingt tatsächlich zynisch. Ich kann diesen Gedankengang auch nicht nachvollziehen. Meint er nun "Gewissen" oder "Ego"? Und welche Instanz steht denn nun über dem Gewissen? Bush?

Herr Thierse sagt in dem Interview viele Dinge, die ich ähnlich sehe. Auch, dass er zähneknirschend die Militäraktionen befürwortet, will ich hier nicht übertrieben kritisieren. Zwei weitere Aussagen aus dem langen Interview finde ich allerdings nicht okay: "Ich wünschte mir, es könnte so etwas wie ein Euro-Islam entstehen, ein Islam, der sich wirklich darauf einlässt, Kirche und Staat zu trennen und aus Überzeugung Menschenrechte, Pluralismus, und religiöse Toleranz anzuerkennen." Damit sagt Herr Thierse nur, dass die Anderen so sein sollen wie wir, als wäre bei uns alles so toll. Die westlichen Demokratien haben doch keinen Absolutheitsanspruch! Wie soll denn ein Muslim reagieren, wenn er "Euro-Islam" hört? Da fühle sogar ich mich angegriffen. Pluralismus okay, religiöse Toleranz okay, eine Kirche gibt es im Islam schon mal gar nicht, und was Menschenrechte sind, darüber lässt sich gut streiten. Auch wenn ich selbst viel an den Muslimen zu kritisieren habe, halte ich mich lieber an Professor George Lakoff aus Berkeley, der am 16.11.01 geschrieben hat:

"Those that teach hate in Islamic schools must be replaced - and we in the West cannot replace them. This can only be done by an organized, moderate, nonviolent Islam. The West can make the suggestion, but we alone are powerless to carry it out. We depend on the goodwill and courage of moderate Islamic leaders. To gain it, we must show our goodwill by beginning in a serious way to address the social and political conditions that lead to despair." (www.press.uchicago.edu/News/911lakoff.html)

Zur Palästinafrage sagt Herr Thierse, dass man mit politischen Realitäten leben muss: "Ich bin in Breslau in Schlesien geboren und hege keinerlei Anspruch, von dem etwas wiederzubekommen, was meine Heimat und Heimat meiner Eltern war." Dieser Vergleich ist eine gemeine Beleidigung für alle Palästinenser. Die Palästinenser haben nämlich keinen Krieg und keinen Weltkrieg angefangen, so wie die Deutschen 1914 und 1939. (09.01.02) (English version)


DIE KB-FRAGE:

Müssen wir die Kinder brechen ?


LUDGER VOLMER:

Heute las ich auf FR-Online den langen Essay des Grünen-Staatsministers Ludger Volmer mit dem Titel "Was bleibt vom Pazifismus?" Nach Volmers Ansicht bleibt vom Pazifismus nicht viel.

Ein ethischer Pazifismus mit Tötungsverbot sei nur in einem Gottesstaat durchführbar, sei also nicht diskutabel. Volmer: "Innerhalb des Politischen ist ein abstrakt-gesinnungsethischer Pazifismus handlungsunfähig." Auch die verschiedenen Spielarten des politischen Pazifismus, die der Grünen-Politiker historisch durchdekliniert, würden nicht mehr greifen, wenn es um grundsätzliche Gewaltfreiheit ginge: "Wer ethnische Säuberungen als Konsequenz aus der faschistischen Vergangenheit verhindern wollte, musste Ja sagen zu einem bedingten Militäreinsatz." Die herkömmlichen Formen des Pazifismus seien politisch wirklos, weil sie keine wirklichen Alternativen bringen könnten. Opfer (Amerika) würden zu Tätern gemacht und theoretische Feindbilddiskussionen täuschten über die Virulenz tatsächlicher Feinde hinweg. Als Konsequenz fordert Volmer einen neuen politischen Pazifismus. Dieser sei unbedingt ein militärischer Pazifismus, denn ohne Gewalt gehe es nun einmal nicht.

Ich denke, es sind nicht die Pazifisten, die es sich zu leicht machen, sondern die Gewaltbefürworter. Einen solchen durch und durch apologetischen Artikel zu schreiben, ist nämlich sehr einfach. Schon in der Steinzeit haben gewaltbefürwortende Politiker ihre friedliebenden Kollegen mit dem Argument herausgefordert, dass letztlich nur Gewalt zu sichtbaren politischen Veränderungen führt. Nach dem Motto: Raspelt ihr nur Süßholz, wir aber machen wirklich etwas, wir hauen nämlich mit Wucht dazwischen und schießen die Feinde einfach tot und Feierabend!

Es ist keinesfalls so, dass die Pazifisten keine Argumente und Handlungsmöglichkeiten hätten, vielmehr haben sie einfach keine große Lobby, schon weil sie heutzutage amerikakritisch sein müssen. Aber auch, weil unsere fantasielose Welt so stumpf geworden ist, dass sie nur noch der Sprache glaubt, die jeder versteht, also Gewalt. Die real existierende Demokratie, ob in den USA oder bei uns, hat kaum Instrumente für den Umgang mit alternativen politischen Systemen. Das führt zu einer naiven Politik des militärisch Stärkeren und zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten. Viele heutige Pazifisten sagen ja, dass gezielte Polizeiaktionen gegen den Terrorismus okay sind. Insofern "verdrängen" sie keineswegs. Wie kann man denn Amerikas Militäreinsatz überhaupt noch "bedingt" nennen? Nein, Herr Volmer brachte hier keine guten Argumente, er verteidigte lediglich unkritisch die Weltherrschaft der Amerikaner, weil Herr Schröder und Herr Fischer ihn dazu gezwungen haben, voilà. Die Frage ist nicht, was vom Pazifismus bleibt, sondern, was von grüner Politik geblieben ist. (07.01.02) (English version)


Kennen Ihr Liisa und ihre Literatur-Karawanserei?


G&W-MYTHOS:

Auf der Kulturseite der heutigen TAZ schreibt René Martens über das Phänomen Genie und Wahnsinn bei Künstlern am Beispiel von Robert Walser. "Wem nützt das langlebige Klischee vom irgendwie kranken Kulturschaffenden eigentlich?" fragt er, und er beantwortet diese Frage in seinem Schlusssatz: "Für den viel lesenden Bildungsbürger, der seinen Lebensunterhalt leider mit ernüchternd normaler Fronarbeit verdienen muss, erfüllen die vermeintlich wahnsinnigen Genies eine ähnliche Funktion wie für die latent magersüchtigen Sekretärinnen die Models aus den Frauenzeitschriften. Sie stehen für eine schöne kranke Traumwelt."

Während Herr Martens die Klischees über das Verhältnis zwischen Kreativen und der Gesellschaft klar erkennt und beschreibt, bleibt er mit seinem Resümee dennoch an der Spitze des Eisbergs, bzw. am Anfang des Problems. Aus dem Schlusssatz seines wichtigen Artikels geht hervor, dass der "Normalbürger" dem Künstler mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid gegenübersteht. Dabei wird aber nicht deutlich gemacht, dass der Neid bei weitem überwiegt und mit anderen Faktoren dazu führt, dass die Gesellschaft große Künstler gar nicht mehr oder kaum hervorbringen kann. Das liegt zum Teil an der Wahl Martens' Beispiele, die alle etwa in den 30er-Jahren angesiedelt sind.

Wenn es René Martens darum geht, mit Klischees aufzuräumen, um gesellschaftlich etwas zu verändern, könnte er weitergehen und prüfen, inwiefern seine Erkenntnisse in der heutigen kulturellen Realität von Belang sind, denn auch heute werden Künstler wegen ihrer Schriften und ihrer Ideen pathologisiert und bestraft, nicht nur 1933 (lange her). Seine These, dass die Pathologisierung von Künstlern damit zu tun hat, dass die Gesellschaft sich so mit deren Werken und Ideen nicht auseinandersetzen muss, stimmt ja. Dem Artikel fehlt die Konsequenz, und vielleicht auch ein bisschen Mut. (05.01.02) (English version)


ZERSTÖRTE DÖRFER:

Am Sonnabend der letzten Woche starben bei US-Luftangriffen in Afghanistan 52 Dorfbewohner, gestern starben in einer anderen Stadt (Zhawar) mehr als 30 Afghanen. Das berichtet die FRANKFURTER RUNDSCHAU heute auf der Titelseite. Nachdem die Amerikaner in ihrem Anti-Terror-Krieg bereits Tausende, wenn nicht Zehntausend Menschen getötet haben, haben sich die Fernsehzuschauer und die Medien schon fast daran gewöhnt. Es gibt also für die Amerikaner keinen Grund, aufzuhören. Die Gewaltpolitik der USA bietet zudem Rechtfertigungsmaterial für weitere Kriege, etwa für die Israelis und die Inder. Dies sind keine Einzeltaten, sondern Entwicklungen in eine bestimmte Richtung, nämlich der permanenten Ausweitung von Konflikten nach Außen und dem Verlust der Demokratie durch Repressionen nach Innen. Neue Konflikte sind also programmiert. Ich will nicht in einer solchen brutalen Welt leben, deshalb kämpfe ich unter dem Einsatz meiner Kräfte. Und Sie? (05.01.02) (English version)


COMMERZBANK:

Die COMMERZBANK informiert über die Riester-Rente mit dem in großen Lettern gedruckten Slogan "Hüten Sie sich vor allem, was Sie nicht verstehen."

Also liebe Commerzbank, meinen Sie nicht, dass Sie hier etwas zu weit gehen? Zum Beispiel verstehe ich kein Russisch, aber soll ich mich jetzt vor den Russen hüten? Oder vor den kyrillischen Buchstaben? Soll man also vor allem Neuen und vor allem Fremden Angst haben? Indirekt sagen Sie ja auch, dass schlauere Leute, die mehr verstehen als andere, weniger auf der Hut sein müssen als dumme Leute. Ja, man könnte fast den Eindruck bekommen, als würden Sie Ihren Kunden Angst machen, so wie es die Zahnpasta-Werbung tut, um einen materiellen Vorteil aus der Angst Ihrer Kunden zu ziehen. Das wäre nicht so gut, weil die Unsicherheiten, die durch eine solche Werbung geschürt werden, mit negativen Folgen in die Gesellschaft getragen werden. Worauf wollen Sie also hinaus? (02.01.02)

                                  hoch