home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   my journalism   essays   alle statements   register
STATEMENTS (6)
Dezember 2002 - September 2003
Artikel: Israel, Dylan und das Menschenrecht (14.09.03)
Artikel: Deutschland wieder schuldig? (06.04.03)
MEDIENKRITIK (20.02.03)
Artikel: Die deutsche Presse in der Kuschel-Ecke (15.02.03)
GERECHTIGKEIT WICHTIGER (14.02.03)
007 BASSAM TIBI (09.02.03)
Artikel: Islamische Emails (08.02.03)
ASPEKTE (08.02.03)
ANTI-MUSLIM AUFKLEBER (04.02.03)
Artikel: Palästina, Israel und der autoritäre Staat (30.01.03)
DOPPELTER SCHMITZ (21.01.03)
ELIAS, DÜRR, ZIVILISATION (19.01.03)
DER SPIEGEL (17.12.02)

Israel, Dylan und das Menschenrecht
Anis Hamadeh, 14.09.03

Es trage nicht zum Frieden in Israel bei, Arafat auszuweisen, meinte die internationale Presse und Politik fast einhellig. Warum, so fragte der Networker Raja aus England in einer Rundmail, wollen die Israelis Arafat ausweisen und nicht zum Beispiel den Hamas-Opa Scheich Yassin? (Weil es mit Arafat möglicherweise Frieden geben könnte, meint er.) Auch Projektile aus Hubschraubern in die Menge zu schießen, um so Menschen zu töten, führe nicht zum Frieden, sagen selbst israelische Politiker. Die land-stehlende Mauer sei keine Maßnahme des Friedens, ebenso wenig wie das rassistische neue Heiratsgesetz. Der Weiterbau der Siedlungen, die Besatzung, willkürliche Inhaftierungen, Folter, Häusersprengungen, Ausgangssperren, Razzien und die Schikanen an den Checkpoints hätten nicht besonders viel mit Frieden zu tun, heißt es in der Presse. Dass die Israelis sich so gar nicht an der Roadmap beteiligen, ebenso.

Aber was wollen die Israelis dann? Irgendeinen Sinn muss all diese Gewalt ja haben. "Wenn Israelis nicht mehr das Gefühl haben, sich täglich vor Terror fürchten zu müssen, werden die militärischen Maßnahmen mit der Zeit abnehmen", erklärte Natan Sznaider in der Frankfurter Rundschau am 13.09.03. Aber diese militärischen "Maßnahmen" sind es, die zu Terror führen, das ist sogar der FR bekannt. Nach all den Jahren und Jahrzehnten wissen auch die Israelis, was ihre Gewalttaten - und auch die Besatzung ist Gewalt - nach sich zieht. Sie wissen, dass sie sich damit weiter vom Frieden entfernen. Nie in der Geschichte haben die Palästinenser so viel guten Willen gezeigt und so viele Zugeständnisse gemacht.

Für einige Beobachter sieht es so aus, als wäre Israel schlicht ein unverständlicher brutaler Gewalttäter. Gegen dieses Image kämpfen Israel und viele Juden an, etwa im Song "Neighborhood Bully", Raufbold von Nebenan, den Bob Dylan 1983 zur Verteidigung israelischer Gewalt schrieb. In dem Song heißt es: "Seine Feinde sagen, er sei auf ihrem Land / Zahlenmäßig sind sie millionenfach überlegen. Er kann nirgendwohin flüchten / Er ist der Raufbold von Nebenan / Der Raufbold von Nebenan muss um sein Überleben kämpfen / Er wird kritisiert und verurteilt, nur weil er lebt / Man erwartet von ihm, dass er sich nicht wehrt..." (Der ganze Originaltext unter
www.bobdylan.com/songs/bully.html)

Wenn man Palästinenser, Araber und Muslime etwas kennt, weiß man, dass sich dieser Text nicht wirklich auf sie bezieht. Dylan kennt gar keine Palästinenser und braucht sie auch nicht für seine Aussage. Der Song zeigt den israelischen Mythos, in dem der Israeli kritisiert wird, nur weil er einen "Lynch-Mob erledigt" hat. Jeder Irre habe die Lizenz, ihn zu töten, steht in dem Song. Und dass er keine Verbündeten hätte, die der Rede wert seien. Er bekomme veraltete Waffen (!). Dabei habe der Israeli die "Krumen der Welt" zu Reichtum gemacht und Krankheit in Gesundheit umgewandelt. Was hat er nur getan, fragt Dylan, dass er so viele Narben trägt? Ändert er vielleicht die Bahn der Flüsse? Verunreinigt er den Mond und die Sterne? Besonders diese letzten Bemerkungen zeigen, dass Dylan überhaupt nicht darüber nachdenkt, dass Israel wirkliche Menschen verletzt. Er fragt sich stattdessen, was der Israeli wohl den Flüssen, dem Mond und den Sternen angetan hat.

Das gesamte Szenario basiert auf den schrecklichen Erfahrungen der Judenverfolgung in Deutschland. Es hat wenig zu tun mit Palästinensern oder Muslimen, sondern resultiert aus der Shoa. Der unverarbeitete Judenhass wird auf die Palästinenser und Muslime projiziert, denn die Nazis sind 1945 geschlagen und in Nürnberg verurteilt worden. Die Juden haben einen Staat bekommen auf einem bewohnten Gebiet. Aber dieses Mal haben sie sich nichts mehr gefallen lassen, nicht wie damals bei den Nazis. So versucht Israel in seinem Kontrolldrama, nachträglich den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen.

Die Wehrhaftigkeit Israels gehöre unverzichtbar zur Staatsidee, wie auch Susanne Knaul am 02.08.03 in der tageszeitung (taz) schrieb: "Israel ist kein Staat wie jeder andere, sondern ein Staat, dessen Existenzrecht darauf basiert, wenn nötig als Asyl zu dienen, für all jene, die verfolgt werden, weil sie Juden sind. Solange Antisemitismus existiert, muss auch Israel als Judenstaat existieren." Wer das alles definiert, schreibt sie nicht, denn das ist nicht ihr Problem.

Dass Israel nachträglich den Zweiten Weltkrieg gewinnen will, ist eine plausible und logische Erklärung, denn damals war die Opfer-Gruppe schwach und heute ist die frühere Opfergruppe stark. Heute könnte sie die Nazis besiegen. Die israelische Erklärung hingegen ist die von Dylan, nämlich Antisemitismus: die Ablehnung von Juden, und zwar nur, weil sie eben Juden sind. In die Nazizeit passte diese Erklärung durchaus, denn da war Antisemitismus reale Politik, und es gab tatsächlich kaum Verbündete der Juden, denn auch in anderen Ländern als Deutschland wurden die Juden zum Sündenbock für alles Übel gemacht. Sie waren der blinde Fleck im Gewissen der Welt. Das ist allerdings fast sechzig Jahre her.

Anstatt diesen blinden Fleck aufzulösen, hat man ihn verschoben. Noch immer brauchen die Gesellschaften in vielen Ländern einen Sündenbock, um Selbstkritik aus dem Weg zu gehen (nicht nur in Israel, da aber besonders ausgeprägt) und um alles, was nicht stimmt, dem "Anderen" zuzuschreiben. Da gelten dann auch keine Menschenrechte mehr, weil der Andere gar nicht als Mensch konzeptionalisiert wird (Mond und Sterne). Dieser "Andere" jedoch... ist eine Illusion. (English version)




Deutschland wieder schuldig?
Anis Hamadeh, 06.04.2003


Die schlechteste Idee, die Deutschland jemals umgesetzt hat, war die Rassentheorie, die im Genozid von 6 Millionen Juden endete. Dieser Horror wurde zum Inbegriff, ja zur Karikatur, von Schuld. Daran hat sich in den letzten 60 Jahren nichts geändert. Auffällig ist, dass bei keinem anderen Konflikt in der Welt die Schuldfrage annähernd so deutlich beantwortet wird wie beim Zweiten Weltkrieg. In jedem anderen Konflikt wird auf die Komplexität der Situation verwiesen und vor Schwarzweiß-Malerei gewarnt. Das gilt für Konflikte zwischen Gesellschaften ebenso wie für solche innerhalb von Gesellschaften. So lernt es jedes deutsche Kind. Der Begriff der Schuld begegnet ihm unrelativiert in nur einem einzigen Archetyp, nämlich dem, dass Juden von Nazis umgebracht wurden.

Selbst der Krieg der USA scheint keine klare Schuldsituation zu sein, obwohl das Völkerrecht gebrochen wurde. Die Oppositionsführerin etwa spricht von einer "Wertegemeinschaft", die Deutschland mit den USA verbindet und die angeblich mehr wiegt als der Krieg. Auch Israel gegenüber spricht man von einem "Sonderverhältnis", mit dem gemeint ist, dass die Gruppenbande stärker seien als internationales Recht. Daher formulieren unsere gefeierten Philosophen wie Jürgen Habermas: "Der Vorwurf des Antisemitismus, gleichviel ob er zurecht oder zu unrecht erhoben wird, bezieht sich auf die Verletzung einer Wertorientierung, die in unserer politischen Kultur inzwischen verankert ist." (SZ, 07.06.02, S.13)

Es ist keine leichte Aufgabe, diese "politische Hygiene" (Clement) zu wahren. Da ist beispielsweise die wichtigste offizielle Kriegsbegründung, dass der Irak gegen UNO-Resolutionen verstoßen hat. Da nun Israel auch ständig gegen UNO-Resolutionen verstoßen hat, müssen die Hüter des Sonderverhältnisses aufpassen, dass niemand öffentlich auf dieses anti-israelische Argument fokussiert. Also werden nur solche Journalisten und Politiker zugelassen, bei denen klar ist, dass sie dieses peinliche Argument nicht aufgreifen. Es fällt ja schon auf, dass diese offenkundige Tatsache in Talkshows, Interviews und Artikeln kaum genannt wird: Die Deutschen wollen Israel verteidigen, damit es nicht wieder zu Schuld kommen kann, also zu jüdischem Leid.

Die von der UNO oft verurteilte jahrzehntelange Besatzung Palästinas sowie das Töten palästinensischen Lebens auf Regierungsanordnung stellen also für die deutsche Öffentlichkeit (und für einen großen Teil der offiziellen Welt) aufgrund von Wertegemeinschaft und Sonderverhältnis keine klare Schuld dar. Ähnlich wie die USA auf Bin Laden verweisen, verweisen die Israelis auf die Selbstmordattentäter und machen sie zu Repräsentanten der gegnerischen Gruppe. Erst - so sagen die USA und Israel - muss der Terror vollständig aufhören, dann muss es angenehme Regierungen geben, dann muss es auch noch Konzessionen geben und dann müssen noch ein paar Jahre vergehen, bevor es zu einem Frieden kommen kann. Und die Deutschen wissen nicht, was sie sagen sollen.

Es lässt sich in den offiziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel keine Aggression erkennen. Das ist verwunderlich, denn die Deutschen haben sechs Millionen Juden umgebracht. Man hat gesehen, wie aggressiv die USA auf den Elften September reagiert haben. Man sieht auch, wie aggressiv die inzwischen rechtsradikale israelische Regierung mit den Palästinensern umgeht und immer umgegangen ist. Gottseidank lassen die ihre Aggressionen an den Arabern aus und nicht etwa an uns, mag Außenminister Joseph Fischer denken, während er von Juden und Israelis mit Orden behängt wird.

Und die Israelis gehen weiter. Im Schatten des Irakkrieges erhöhen sie den Druck auf die Palästinenser. Auch wenn die deutschen Zeitungen und die Politiker aufgrund des Sonderverhältnisses dazu weitgehend schweigen, ist den Deutschen durchaus bekannt, dass die Israelis zu weit gehen. Jeder liest im Internet über die getöteten Kinder und Friedensaktivisten, über die Ausgangssperren und die Häuserzerstörungen, die Vertreibungen und Enteignungen, die militärischen Aktionen und die Verhaftungen. Um dennoch Israel zu verteidigen, muss die deutsche Öffentlichkeit auch noch die Israelkritik ausschalten. Dies geschieht durch Herunterspielen und Schweigen über israelische Gewalt und den Verweis auf die archetypische Schuldsituation: Gegen Israel sein sei so ähnlich wie Nazi sein (Antisemitismus etc.). Also sucht und findet man Hitler in den Kritikern und der Kreis ist geschlossen.

Der Mainstream in Deutschland kann das tun. Er kann sich auch vorstellen, damit die Schuld an den Juden wiedergutzumachen. Er kann aber nicht verhindern, dass, falls er einem Irrtum aufgesessen ist, er sich erneut an einem Volk schuldig macht, nämlich an den Palästinensern. Denn solange Deutschland schweigt, werden auch andere Länder schweigen. Immerhin ist Deutschland Experte für Schuld und wird schon aufpassen... Nur wenn das Vertrauen in die rechtsradikale israelische Regierung enttäuscht würde und wenn sich herausstellen würde, dass es die ganze Zeit über doch nicht um die Sicherheit Israels ging, sondern um die Umsetzung einer destruktiven Ideologie und um die Hege eines Kontrolldramas, dann würde die deutsche Öffentlichkeit in große Erklärungsnot kommen. Sie lässt es auf sich zukommen. Sie sagt sich: Naja, die Amerikaner haben uns enttäuscht, aber die Israelis würden das nicht tun. Sie sind ja Opfer. Wir können ihnen vertrauen.
(English version)




MEDIENKRITIK

Nach einer umfassenden und langfristigen Beobachtung der deutschen Öffentlichkeit seit dem Elften September (siehe Anis Online: Statements, Artikel, Essays, Ozzy Balou, Bambus, Rooms) wurde unter anderem festgestellt, dass die Demokratie in Deutschland durch gesellschaftliche Ausgrenzungen erschwert wird. Diese werden unter anderem begünstigt durch die Priorität von jenseits der Kritik stehenden Antisemitismus-Definitionen einer bestimmten Gruppe (z.B. im Fall Karsli).

Diese Priorität ist dogmatisch, insofern sie von außen nicht anfechtbar ist, und sie steht im Verdacht der Ideologienähe, da sie erstens - wie gezeigt werden konnte - in unserer Öffentlichkeit regelmäßig und unwidersprochen angewendet wird und da sie zweitens in einem Zusammenhang steht mit ungeahndeten Menschenrechtsverletzungen eines bestimmten Staates. Dies kann insbesondere in Deutschland nicht geduldet werden, da die Ablehnung einer Gruppe als Sündenbock zur Erreichung gesellschaftlicher Einigkeit das schlimmste Verbrechen des Nationalsozialismus gewesen ist. Daher muss speziell den Deutschen klar sein, dass sie eine namentliche Mitverantwortung an gesellschaftlichen Ausgrenzungen tragen. Eine Missachtung dieser Verantwortung, aus welchen Gründen auch immer sie geschehen mag, stellt eine Schuld dar. (20.02.03)
(English version)


Die deutsche Presse in der Kuschel-Ecke
Anis Hamadeh 15.02.2003

Die deutsche Presse hat es nicht leicht in diesen Zeiten. Wie hatte sie kurz nach dem Elften September um die Solidarität mit unserer Befreiungsmacht gerungen. Die USA? Helden waren das. Monatelang hielt sich dieses Gerücht. Über die Selbstzensur der US-Presse wurde nicht nur offen geredet, man vollzog sie mit. Man wollte zeigen, dass man mitfühlt. Das war die Hauptsache.

Und heute? Heute hat sich der Wind gedreht. Amerika-Kritik ist nicht nur erlaubt, nein, die liberale Presse überbietet sich mit heftigen (und sicherlich berechtigten) Attacken gegen Amerika und seine Mitstreiter. Krieg für Öl und Rüstung sei das. Ein Angriffskrieg. In den Ländern Osteuropas, so empört man sich, werde über die Opposition und die Friedensbewegungen kaum berichtet. Powells ‚historische Rede' ("Wir haben neue Beweise!") wurde zerrissen und drei Bundesminister nehmen heute an den Mega-Demonstrationen gegen den Krieg teil. (Ob auch Frau Däubler-Gmelin zu den Demos geht, wurde nicht gemeldet.)

Der Bundeskanzler ist auf einmal zum Pazifisten geworden, stellte sogar Markus Deggerich von Spiegel Online verblüfft fest. Und die Presse fragte sich, wie sie damit umgehen sollte. Was ist mit all den Tabus, die wir über Jahrzehnte mühselig erarbeitet und zementiert haben? fragten sich die Chefredakteure. Es war eine Umstellung, plötzlich für den Frieden zu argumentieren und den Falken ihren Autoritären-Bonus ohne Hinterfragen nicht mehr einfach so zu geben. Was genau hinterfragt man da eigentlich?

Für die deutsche Presse ist die Realität etwas, das ihr jemand erzählt hat, zu dem sie Vertrauen hat. Anders könnte man die Homogenität unserer Medienlandschaft weder erklären noch herstellen. Lange Zeit hat sie den Amerikanern vertraut, weil man davon ausging, dass die Dinge sowieso alle in New York, Washington oder Hollywood ihren Ursprung haben, und jetzt stehen die Journalisten etwas ratlos da. Dabei hätte die deutsche Presse eine Pause verdient, hat sie doch über Monate viele Energien aufgewendet, um Jürgen Möllemann und mit ihm alle antizionistischen Stimmen zu bekämpfen und aus dem Verkehr zu ziehen. Doch wird es ihr nicht gedankt. Schon wieder muss sie umdenken, denn der Wind weht jetzt amerika-kritisch.

Die viele öffentliche Kritik an den USA hat einen weiteren Effekt: Juden und Israelis wird dabei unwohl. Die USA - so die Israelis - bekämpfen die Terroristen, genau wie wir. Wenn ihr anti-amerikanisch seid, dann befürchten wir, dass auch der Antisemitismus wieder ausbricht wie eine eklige Krankheit. Aber nein, beruhigte da die deutsche Presse peinlich berührt, ihr wisst genau, dass wir niemals anti-israelisch sein würden, was immer Israel auch tun mag. Da sie bei den Juden und Israelis Vertrauen erwecken wollte und auch Schuldgefühle wegen den USA hatte, einigte sich die Presse darauf, zum Ausgleich für die Bush-Kritik die Sorgen und Ängste der Juden und Israelis ganz besonders zu berücksichtigen. Immerhin argumentierten die Amerikaner und die Israelis sehr ähnlich, da musste man mit der Kritik schon vorsichtig sein und zeigen, warum sie für die einen gilt und für die anderen nicht. Wir geben euch jede Woche zehn Antisemitismus-Artikel, sagte die Presse also abwägend, und lassen auch Scharon in Ruhe. Außerdem glauben wir inzwischen schon selbst, dass die Araber und die Muslime mit ihrem Antisemitismus zu weit gehen. H-a-b-e-n-d-i-e-d-e-n-n-n-i-c-h-t-s-a-u-s-d-e-m-K-r-i-e-g-g-e-l-e-r-n-t-? Das ist die Kuschel-Ecke der deutschen Presse.

In den letzten Wochen hat es relativ wenig palästinensische Gewalt gegeben, dafür nicht wenig israelische Gewalt. Man hört heute öfter, dass die Israelis wegen des andauernden Antisemitismus' eine endgültige Lösung für die Palästinenser anstreben. Manchmal ist Krieg unvermeidlich, sagt Paul Spiegel vom Zentralrat. Auch sein Premierminister, der völkerrechtlich umstrittene Ariel Scharon, fühlt sich mit Nuklearsprengköpfen einfach sicherer. Die Presse jedenfalls hat Wort und dicht gehalten. Was könnten wir stattdessen mal schreiben, fragten sie sich. Dass die EU den antisemitischen Terrorismus bezahlt, antwortete Ilka Schröder, eine militaristische Europa-Abgeordnete mit polemisch-ideologischem Vokabular, und sie forderte unter anderem, diese EU-Gelder an die israelische Armee zu bezahlen (www.ilka.org, Presseerklärung Nr. 03/2002). Also das geht uns nun doch etwas zu weit, lächelte die taz-Redaktion, aber den ersten Teil können wir wohl so bringen. Auch die anderen Zeitungen bemühen sich, die Ängste der Juden und der Israelis zu zerstreuen. Es wird darauf geachtet, dass nichts öffentlich wird, das dem ständig präsenten Nazi gefallen könnte, weil es von ihm als antisemitisch aufgefasst werden könnte. So sehr wird darauf geachtet, dass es ständig thematisiert und damit öffentlich wird, was genau diesem Nazi gefallen dürfte (z.B. SZ heute: "Antisemitischer Drohbrief an Ude").

Die Angst vor Bedrohung, vor Angriff und vor Ablehnung... Ein Freund erzählte mir einmal, dass seine Mutter sich von ihm subjektiv bedroht fühlte. Um damit umzugehen, belog sie die Polizei und versuchte, ihn wegen angeblicher Gewalttätigkeit und Unzurechnungsfähigkeit aus der Gesellschaft herauszubringen. Dabei hätte sie im Inneren nur ein schlechtes Gewissen gehabt, meinte mein Freund, und Schwierigkeiten mit der Annahme von Kritik, egal von wem. Auch zu so etwas kann ein subjektives Bedrohungsgefühl führen. Auch zu Menschenrechtsverletzungen, zu Krieg und zum doppelten Maß. Es kann sogar zu einem Führerkult führen, wie bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt war: "Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es würde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr." Das sagte Hermann Göring 1946 in Nürnberg, der in allen Punkten der Anklage für schuldig befunden und zum Tod durch Erhängen verurteilt wurde, dem er sich durch Zyankali entzog.
(English version)


GERECHTIGKEIT WICHTIGER

(14.2.2003) Zum Scharon-Verfahren in Belgien schreibt Daniela Weingärtner im Kommentar "Dialog wäre wichtiger" heute in der taz, dass die Verfolgung der schweren Kriegsverbrechen Scharons aus politischen Gründen nicht opportun sei. Weingärtner ist besorgt um den "Flurschaden" und die "umstrittene Pauschalunterstützung der EU für die Autonomiebehörde", nicht aber um die Einhaltung der Menschenrechte. Sie separiert das voneinander und stützt so in exemplarischer Weise extrem-autoritäres und gewalttätiges Verhalten:

"(...) So wird auch das Scharon-Verfahren trotz des jetzt erreichten juristischen Zwischensieges ergebnislos bleiben. Für dieses magere Ergebnis ist der diplomatische Flurschaden unverhältnismäßig groß. Das eisige Schweigen zwischen Israel und Belgien hat jetzt schon Auswirkungen auf die Beziehungen Israels mit der gesamten Europäischen Union. Dabei gibt es viel zu besprechen - etwa muss geklärt werden, ob Israel seine Transferzahlungen an Palästina im alten Umfang wieder aufnimmt und damit die umstrittene Pauschalunterstützung der EU für die Autonomiebehörde gestoppt werden kann. Angesichts der explosiven Weltlage ist solch ein Dialog unverzichtbar. Klagedrohungen fördern die Gesprächsbereitschaft nicht."
(English version)


007 BASSAM TIBI

(09.02.03) Die preisgekrönte Wochenzeitung DIE ZEIT hat in der aktuellen Ausgabe wieder einmal einen ihrer berühmt-berüchtigten ganzseitigen Antisemitismus-Artikel gebracht. Teil 6 der "Zeit"-Serie "Der Islam und der Westen", an der sich auch namhafte Autoren wie Professor Nasr Abu Zayd und Dr. Navid Kermani beteiligt haben, trägt den Titel: "Der importierte Hass. Antisemitismus ist in der arabischen Welt weit verbreitet. Dabei widerspricht er islamischer Tradition." Geschrieben wurde das Oevre von dem bekannten Populitologen und Erfinder der "Leitkultur" Professor Bassam Tibi von der Universität Göttingen, dem es in seiner lukrativen Eigenschaft als gelehrtem Alibi-Muslim immer wieder mit verblüffender Leichtigkeit gelingt, alles Islamische zunächst zu beleidigen, dann zu denunzieren und schließlich zu belehren. Exakt wie in der Überschrift vorgeführt: Hass, Antisemitismus, Widerspruch.

Drei repräsentative Zitate werden auf der Seite hervorgehoben, erstens: "Islamisten und Neonazis eint der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Der ‚Antizionismus' radikaler Muslime unterscheidet sich in Wahrheit kaum von der NS-Ideologie." Im zweiten heißt es, dass früher im Mittelalter alles in Ordnung war: "Erst im 20. Jahrhundert lernten Muslime, die Juden als Feinde zu sehen - mit Nachhilfe aus Europa." Und drittens: "Seit dem 11. September warnen viele vor dem 'Feindbild Islam'. Aber das antisemitische Motiv der Anschläge geht in der Diskussion völlig unter."

Der Artikel beginnt mit dem Auftritt von NPD-Funktionären auf einer Tagung von gewalttätigen Islamisten und endet damit, dass in der Jüdischen Allgemeinen kürzlich ‚zu Recht' beklagt wurde, dass man in Deutschland von der ‚antisemitischen Dimension des 11. September' wenig sehen oder gar nichts wissen wolle. Dazwischen findet sich eine Aneinanderreihung von Sätzen, in denen - als handele es sich hier um reine Stimmungsmache - inhaltlich nichts weiter ausgesagt wird als im Titel. Dass nämlich die Araber und Muslime den Antisemitismus von den Nazis übernommen haben und dass sie den Nazis in zunehmendem Maße ähnlich werden.

Die Juden hingegen werden bei Tibi zu wahren Musterschülern, armen Opfern und verkannten Gönnern. Als Herausgeber einer Festschrift für den umstrittenen Professor der Islamwissenschaft Bernard Lewis erwähnt Tibi den in Tel Aviv lebenden Israeli Martin Kramer, der auf die Tatsache hinweist, "dass die außergewöhnlich hohe Wertschätzung des Islam ausschließlich auf den Forschungsergebnissen jüdischer Gelehrter basiert." :-) Im Grunde sollten die Araber also den Juden gegenüber Dankbarkeit zeigen, anstatt sich zu nazifizieren wie beim antisemitischen Elften September. Den Jerusalemer Politologen Schlomo Avineri zitiert Tibi so: "Jüdische Islamwissenschaftler wollten den Islam stets in ein besseres Licht rücken, weil sie angesichts des europäischen Antisemitismus Halt in einer orientalischen Identität suchten." Könnte ein solches Volk je Unterdrücker sein? Menschenrechtsverletzer? Ein Volk, das so gelitten hat etc.

Wenn ein Araber (oder Islamwissenschaftler) solch hanebüchene Behauptungen liest, sollte er oder sie allerdings nicht wütend werden, sondern gelassen reagieren, denn Wut auf alles, was entfernt mit Juden zu tun hat, ist bekanntlich antisemitisch und wird mit sozialem Ausschluss bestraft. Da seht Ihr mal, liebe deutsche Presse, was bei Eurem ganzen Philosemitismus für ein Quark herauskommt. Man hätte wenigstens einen richtigen PR-Menschen an diese Sache heranlassen sollen, dann wäre es nicht ganz so auffällig und plump geraten. Lest lieber die taz, die haben sich heute auch mit gewalttätigen Islamisten beschäftigt, allerdings journalistisch. ("Den Dialog nie gesucht" von Ralph Ghadban, taz 08.02.03, http://www.taz.de/pt/2003/02/08/a0109.nf/text) Jedenfalls finde ich es nicht fein, wenn die ZEIT international beachtete Persönlichkeiten, die ebenfalls an dieser Serie geschrieben haben, mit einem derartigen Product Placement in Verbindung bringt. Gruß in die ZEIT-Redaktion, viel Erfolg weiterhin beim Deckeldraufhalten!
(English version)

NB: "Der bekannte israelische Politologe und ehemalige Direktor des Aussenministeriums, Shlomo Avineri: 'Saddam heute steht in der Bilanz wesentlich schlechter da als Hitler 1936'. Dieser Vergleich ist offensichtlich erlaubt und verharmlost anscheinend Nazi-Deutschland nicht. Ein Vergleich zwischen der NS-Politik gegen die Juden und Jüdinnen in den 30er-Jahren mit der heutigen israelischen Politik gegen die PalästinenserInnen hingegen wird strikt abgelehnt." Shraga Elam in einer Email am 13.02.03


Islamische Emails
Anis Hamadeh 08.02.2003

Es gibt eine verblüffende Parallele zwischen der Kommunikation im islamischen Recht und der Kommunikation im Internet. Eine Parallele, bei der No-Tech auf High-Tech trifft. Man kann sie erkennen, wenn man die Struktur einer Email vergleicht mit der Struktur eines Hadith (betont auf dem langen "i"), das ist ein rechtsrelevantes Zitat des Propheten Muhammad. Beide dienen dem Zweck des Sendens einer autorisierten Botschaft. Aber wieso das Internet, werden Sie fragen, das ist doch bei jedem Brief auch so. Natürlich ist das bei jedem Brief auch so, aber Briefe sind etwas anderes, erstens weil sie normalerweise nur an je eine einzige Person oder Gruppe gerichtet sind, und zweitens weil sie keinen Isnad haben. Keinen was? Also gut, fangen wir am Anfang an:

Angefangen etwa im Jahre 610 n.Chr. empfing Muhammad den Koran und wurde Prophet. Im Laufe der Jahre wurde den Leuten in Medina und in Mekka klar, dass eine neue Ära begonnen hatte, mit einer neuen Kultur und Sprache und einem neuen Rechtssystem, und dass all dies sich im Propheten manifestierte. So fingen sie an, sich alles, was Muhammad gesagt und getan hat, zu merken und es aufzuschreiben, denn sie wussten, dass es eine wichtige Leitlinie und Legende für spätere Generationen sein würde. Doch wie sollten sie den Wortlaut dessen, was Muhammad sagte, bewahren? Sie müssen wissen, dass die Araber zu dieser Zeit sehr akkurat mit Texten und Wortlauten waren. Also erfanden und entwickelten sie die Systeme Hadith und Khabar, Hadith für die Informationen vom Propheten und Khabar für andere historische Informationen. Die Struktur war im Grunde dieselbe, nur dass man beim Hadith noch präziser sein musste, da es sich um die zweitwichtigste Quelle der Rechtsfindung und der Rechtsprechung handelte. Ein einzelnes Hadith besteht aus zwei Elementen: der Botschaft (matn) und der Überlieferer-Kette (Isnad, betont auf dem langen "a"). Ein Hadith hat also etwa folgende Form:

Yahya bin Sa'id al-Ansari sagte: Muhammad bin Ibrahim al-Taimi sagte: 'Alqamah sagte: 'Umar sagte: der Prophet sagte: "Taten sollen nach ihren Absichten beurteilt werden".

Hier sind fünf Personen in der Kette der Autoritäten, das ist der erste Teil, der Isnad, danach folgt die Botschaft. Wäre da nicht die Kette der Überlieferer, könnte man kaum von einer besonderen Parallele zwischen Hadith und Email-Post sprechen. Wenn man jedoch einem Freund eine Botschaft forwarded, also weiterleitet, und dieser Freund sie wiederum weiterleitet, stellt man damit eine Kette von Überlieferern bzw. Übermittlern her, die sogar noch präziser ist als im Hadith.

Netter Joke, mögen Sie jetzt denken, aber denken Sie noch einmal darüber nach. Es geht hier nicht um irgendwelche Anekdoten, hier geht es um die generelle Art und Weise, in der wir mit Informationen umgehen. Hier geht es um Epistemologie. Die Hadith-Technik lebt neu auf in der Email-Kommunikation. Der interessante Part ist die Authentizität der Kette. Wegen der technischen Umstände wird die Echtheit der Übermittler-Kette und ihrer Identitäten kaum bezweifelt. Natürlich sind Email-Identitäten nicht völlig sicher und können entführt werden, aber das gilt auch für Hadithe. Einige davon sind umstritten und einige wurden schlicht erfunden in späteren Zeiten. C'est la vie. Im allgemeinen Diskurs jedenfalls stellt das kein größeres Problem oder Hindernis dar. Auch haben wir die Erwartung, dass der Text einer weitergeleiteten Mail authentisch ist, und warum sollten wir nicht? Im Zweifelsfalle kann man sogar die Übermittler fragen, von denen er stammt. Hier ist ein Beispiel für so eine Kette von Übermittlern durch Forwarding:

Zeitung E sagte: Journalist D sagte: Politiker C sagte: Friedensaktivist B sagte: Meinungsführer A sagte: "Lasst uns dieses Statement unterschreiben."

Anders als beim Weiterleiten von Emails, besteht die Kette der Übermittler im Hadith normalerweise aus Personen, die aus verschiedenen Generationen stammen. Eine der Hauptmotivationen des Hadith war es, die Worte durch die Zeit zu bewahren. Daher hat es länger als hundert Jahre gedauert, bis die obige arabische Kette entstanden war. Beim Forwarding dagegen geht es bei der Übermittler-Kette - in den Fällen, in denen es überhaupt um etwas dabei geht - darum, die Botschaft zum ursprünglichen Sender zurückzuverfolgen und autorisierte Informationen blitzschnell weiterzuleiten.

Dies ist möglich, seit die virtuelle Öffentlichkeit erfunden wurde und Mailme-Personen. Mailme-Personen (oder sogar Mailme-Prominente) sind Leute, die Networking betreiben, wie etwa Journalisten, Politiker und Künstler, die eine öffentlich bekannte Email-Adresse haben und damit eine öffentliche Identität (inklusive einer Reputation etc.), so wie die Übermittler des Hadith damals. Natürlich teilen sie nicht alle denselben Diskurs, wie es die Hadith-Überlieferer taten, doch scheint die Analogie etwa beim Friedens-Networking einen Sinn zu ergeben, wo idealistische Beweggründe vorherrschen.

Es handelt sich um ein Erkennungs-System und einen Teil der erweiterten Öffentlichkeit, die wir die virtuelle Welt nennen. Homepage-Botschaften sind ähnlich: Man kann sie zitieren. Das ist No-Tech in einem High-Tech-Mantel. Willkommen, Internet, in der islamischen Epistemologie!
(English original)


Statement ASPEKTE auf der englischen Seite

ANTI-MUSLIM AUFKLEBER

(04.02.03) Seit einiger Zeit gibt es in den USA Autoaufkleber, auf denen "No Muslims - No terrorism" (siehe Bild 1 unten) steht. Die Washington Post berichtete am Freitag davon ("Sticker Shock" von Al Kamen, Seite A25), dass sie auf Veranstaltungen der konservativen Partei verkauft wurden (s. Bild 2), erst offen, dann unter der Hand. Der israelische Friedensaktivist Shraga Elam wies darauf hin, dass es sich hierbei offensichtlich um einen Import aus Israel handelt (s. Bild 3).

Schon seit geraumer Zeit ist zu beobachten, dass Araber und Muslime im Westen zunehmend diskriminiert werden. In den USA bei www.campuswatch.org wurden Professoren und Universitäten auf eine Liste gesetzt, die eine zu sanfte Meinung zum Islam und eine zu kritische Haltung gegenüber Israel haben. Mitte November 2002 musste sich US-Präsident Bush von Äußerungen mehrerer konservativer christlicher Führer distanzieren, die den Islam als eine gewalttätige Religion charakterisiert haben. Dann die Schriften von Fallaci und Houellebecq, in denen es zum Teil recht polemisch und radikal zugeht.

Die Angst vor dem Muslim und dem Araber geht um. Gegen irgendjemanden muss der "monumentale Kampf zwischen Gut und Böse" ja auch geführt werden. Doch nicht die Terror-Angst und die Poesie George W. Bushs allein sind Ursache für diese Ausgrenzung: es ist auch arabische und muslimische Kritik am Westen. Die Araber werden oft so eingeschätzt, dass sie ständig Israel kritisieren, ohne Rücksicht auf den (nicht von Arabern oder Muslimen verursachten) Holocaust zu nehmen. Die explizite Rücksicht auf israelische Interessen teilt die Welt. Während die eine Hälfte sich vom Rassismus distanziert, distanziert sich die andere vom Antisemitismus und Rassismus. Das bedeutet: keine Diffammierungen, besonders von Juden oder Israelis. Es entsteht ein Ungleichgewicht, welches anti-arabischen und anti-islamischen Rassismus in der freien Meinungsäußerung begünstigt, der nicht durch einen eigenen Begriff erfasst wird.
(English version)

  
Bild 1: Anti-muslimischer Autoaufkleber

   Bild 2: Diese Autoaufkleber wurden verkauft bei der Conservative Political Action Conference. (David S. Holloway -- Für die Washington Post)

   Bild 3: Israelische Version: "Keine Araber -- Keine Terrortaten". Dieser Aufkleber wurde produziert von dem Rechtsradikalen Itamar Ben Gvir und wurde vor einigen Monaten von der Israel AG verboten. Jedoch ist ein T-Shirt mit demselben Slogan auf dem Markt. (s.e.)


Palästina, Israel und der autoritäre Staat
Anis Hamadeh, 30.01.03

Niemand scheint über den Ausgang der Wahl in Israel glücklich zu sein. Die Israelis nicht, die Palästinenser nicht, die Welt nicht, die Presse nicht, die Peaceniks nicht. Es war eine Antiwahl, schrieb die internationale Presse. Die Israelis seien verzweifelt und sind nach "rechts" gerückt, obwohl dies nicht war, was sie wollten, schrieben sie. Ein Drittel der Israelis hat überhaupt nicht gewählt, weil sie keine mögliche Veränderung sehen. Nur ein externer Faktor könne Veränderung bringen, schreibt die Presse, aber wer? Der Krieger USA? Das Quartett? Die UNO? Das alte Europa? Die Außerirdischen?

Was immer das für eine Verwirrung sein mag, über die die Israelis da reden, das Ergebnis ist ein politischer Ruck in Richtung einer noch autoritäreren und gewalttätiger kontrollierenden Regierung, ein Ergebnis, das - neben anderen Faktoren - durch die öffentliche Weltmeinung zu Stande kommen konnte, die besagt, dass diese ungeliebte Regierung in der Hauptsache die Schuld jener Palästinenser sei, die kein Wahlrecht haben, weil sie nicht jüdisch genug sind. Aber nein, diese Regierung wurde ganz allein von den Israelis gewählt, und sie wussten genau, was sie wählen würden, wenn sie Likud wählen. Denn kurz vor den Wahlen griff Scharon Gaza militärisch an und tötete Menschen ohne einen anderen dringenden Grund als den, den israelischen Wählern zu zeigen, dass es schwere Gewalt geben wird, wenn sie Likud wählen. Und sie haben Likud gewählt.

Führer gewalttätiger palästinensischer Gruppen trafen sich und diskutierten den Stopp von Selbstmordattentaten, aber Scharon selbst hat diese Blume der Hoffnung zerstört: Nein, sagte er den Israelis wie auch den Palästinensern, wir müssen weiter leiden und töten. Es gab ähnliche Konstellationen, als der saudi-arabische Kronprinz im Namen der Araber offiziell gesagt hat, dass der Staat Israel akzeptiert wird. Noch eine Hoffnungsblume. Wo sind die israelischen Gegenblumen? Es gibt keine Palästinenser, mit denen wir verhandeln können, sagen die Israelis, doch es gibt viele. Die Palästinenser haben ihre Chance unter Barak verpasst, wiederholen sie wieder und wieder, jedoch basierte die Oslo-Lösung noch immer auf dem Vorrang der Juden und ihrer nicht in Frage gestellten Kontrolle über die Palästinenser, inklusive der Militär-Checkpoints und einem fragmentierten Land. Zudem gelten die Menschenrechte sogar für Leute, die all ihre Chancen verpasst haben.

Aus den Wahlen wurde klar, dass die Israelis, die bestimmt Wege haben, um Frieden zu machen, Krieg wählen. Der einzige plausible Grund dafür, den ich mir vorstellen kann, ist das Trauma des Zweiten Weltkriegs. Die Stereotypen über die Palästinenser, d e r e n Gewalt und d e r e n korrupte Führung, legen den Schluss nahe, dass die Palästinenser nicht der wirkliche Feind sind. Sie dienen den kontrollierenden Israelis als Projektionsfläche und als Spiegel. Die Amerikaner haben 1945 die Körper der Menschen befreit, aber nicht ihren Geist, das ist ein Weltproblem. "Die Konzentrationslager sind nicht von Demonstranten befreit worden", sagen die deutschen Juden, die offiziell vom Zentralrat der Juden repräsentiert werden, und sie zeigen oft gewalttätige Einstellungen wie diese, in der sie zwischen guter Gewalt und schlechter Gewalt unterscheiden.

Bei gewaltsamem Krieg geht es im Grunde nicht um territoriale Gebiete, um Öl, Waffenlobbys oder Geld. Gewaltsamer Krieg ist immer eine Sache des G e i s t e s. Die kontrollierende Instanz in diesem Krieg ist Israel und nicht die Palästinenser. Also müssen die Israelis gefragt werden, warum sie all diese Gewalt wollen. Selbst die internationale Presse und die Politiker können israelische Gewalt nicht mehr lange kaschieren, denn es ist zu offenkundig, dass dafür die Menschenrechte und die Genfer Konventionen nicht gemacht worden sind. Warum wählen die Israelis Gewalt? Wollen sie die deutsche Situation wiederherstellen, um zu verstehen, was unter den Nazis geschehen war? Ich sehe keinen anderen plausiblen Grund. Ich denke, dass vieles der Aggression ursprünglich gegen Deutschland gerichtet ist, nur dass sich traditionell Juden nicht mit Deutschen anlegen. Es hatte während des Nazi-Regimes kaum Widerstand unter den Juden gegeben. Es scheint viel leichter für die Israelis zu sein, mit den Palästinensern Streit zu machen.

Mit dieser Einstellung Erfolg zu haben, ist allerdings eine Fantasie. Niemand kann nachträglich den Zweiten Weltkrieg gewinnen, weil der Zweite Weltkrieg vorbei ist. All die fürchterlichen Dinge, die geschehen sind, können nicht rückgängig gemacht werden. Damit müssen wir alle uns auseinandersetzen. Wir müssen uns auch damit auseinandersetzen, dass Juden keine besseren Menschen sind als andere Völker, weil sie gelitten haben oder aus irgendwelchen anderen Gründen. Das ist Quatsch. Es stimmt, dass sie gelitten haben, doch ist das weder eine Ruhmestat, noch führt es zu Sonderrechten, die gegen Dritte gerichtet sind.

Wer auch immer sagt, es gebe keine Hoffnung, spricht nur für sich selbst. Die Presse glaubt, dass es Regierungspolitiker sein müssen, die den Konflikt lösen, doch wird der Konflikt nicht durch irgendeine Kontroll-Instanz gelöst. Er wird gelöst, wenn die Friedensleute von allen Seiten miteinander arbeiten. Er wird gelöst, wenn die Journalisten realisieren, dass sie ein konstruktiver Teil der Gesellschaft sein können, indem sie die wirklichen Konfliktpunkte zeigen und unabhängig positive Ansätze sammeln, anstatt am Excitement des Krieges teilzunehmen. Frieden ist möglich, wenn die Israelis aufhören, "Ani lo mitaarev" ("Ich mische mich nicht ein") zu sagen.

Die Israelis haben mit dieser katastrophalen Wahl gezeigt, dass sie ohne Orientierung sind und dass sie Hilfe brauchen. Sogar Big Scharon ist nicht glücklich. Also lasst uns ihnen helfen! Lasst uns ihnen die Kritik geben, die sie brauchen, um vom Zweiten Weltkrieg wegzukommen. Sie wollen es ja. Sie wollen nicht so weiterleben, das wäre nicht glaubwürdig. Das Image Israels in der Welt ist nicht gerade schmeichelhaft für den autoritären jüdischen Staat. Und das Image Deutschlands in der Welt wird nachhaltig beschädigt, wenn Deutschland über die Gewalt eines autoritären Staates schweigt oder wenn es Geld an gewalttätige Gruppen vergibt. Natürlich gibt es Wege, ohne ethnische Säuberungen Frieden zu machen. Auch jetzt. Natürlich.
(English version)


DOPPELTER SCHMITZ

(21.01.03) Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG druckte heute einen Text von Thorsten Schmitz mit dem Titel "Der doppelte Scharon" auf Seite 4, der wie folgt beginnt: "Der Versuch der Palästinenser, mit Gewalt einen Staat zu erlangen, hat Israel einen Premierminister beschert, der ohne diese Gewalt nie an die Macht gelangt wäre. Das Nein der Palästinenser zu Ehud Baraks weit reichendem Friedensangebot ist das Fundament für Ariel Scharons Macht." In dem Artikel geht es dann hauptsächlich darum, wie Scharon derzeit erfolgreich sein Image aufpoliert, weg vom "Bulldozer" und Sabra- und Schatila-Täter, hin zum Großvater der Nation. Kritiklos bzw. sachlich vermerkt Thorsten Schmitz, wie es Scharon gelungen ist, einige palästinensische Gruppen unter die "Achse des Bösen" zu subsumieren und von den USA für die andauernden israelischen Menschenrechtsverletzungen nicht mehr gerügt zu werden. Um Logik gehe es im Nahost-Konflikt nicht, endet Thorsten Schmitz gelangweilt, sondern darum, dass die Israelis Angst um ihre Heimat haben und daher einem Premier vertrauen, der Stärke suggeriert.

Thorsten Schmitz suggeriert hier, dass nicht die Israelis für die Wahl von Scharon verantwortlich sind, sondern diejenigen Palästinenser, die zur Wahl nicht zugelassen wurden :-) Die widerrechtliche Besatzung und sogar die gezielten staatlichen Tötungen, die von Schmitz verharmlosend "Liquidierungen" genannt werden, werden zu neutralen Topoi; bewertet werden in diesem langen Kommentar einzig die gewalttätigen Gruppen der Palästinenser. Kein Wort davon, dass Millionen Scharon vor ein Kriegsverbrechertribunal bringen wollen, kein Wort über die Verfolgung israelischer Friedensaktivisten und keine Kritik an den Kriegsverbrechen außer durch die Verwendung des subjektlosen Passivs: "Die Palästinenser töten fast jeden Tag und werden fast jeden Tag getötet." Getötet von wem? Die zweite "israelkritische" Passage ist die, dass trotz Liquidierungen, Affären, Häuserzerstörungen und Olivenhain-Vernichtungen Scharon seine Popularität nicht verloren hat. Es geht also um Scharons Popularität und nicht um seine Verbrechen.

Von einer Bewertung der gewalttätigen Israelis wird im öffentlichen Diskurs meist deshalb abgesehen, weil im Zweiten Weltkrieg sechs Millionen Juden von den Deutschen (sic!) umgebracht wurden. Deshalb kann die Süddeutsche Zeitung Israel nicht, die Palästinenser hingegen schon kritisieren. Und doch, Monsieur Schmitz hat nichts gesagt, was Scharon in Schutz nehmen oder ihm gar den Wahlkampf versüßen würde. Wo denken Sie hin! Die Amerikaner haben es gesagt, Thorsten Schmitz hat es nur widergegeben. (Nicht Schmitz also hat erfolgreich Scharons Image aufpoliert.) Das ist gerade Mode in der deutschen Presse: die Doppelmenschen. Halten ihre eigene Meinung heraus und geben den Autoritären Raum, ohne zu widersprechen. Dabei projizieren sie sich selbst in die Schlimmsten der Autoritären hinein, das gibt ihnen einen Kick :-) Gruß in die SZ-Redaktion!
(English version)


ELIAS, DÜRR, ZIVILISATION

"Mit den 'Tatsachen des Lebens' holt Hans-Peter Dürr zum entscheidenden Schlag gegen die Zivilisationskritik von Norbert Elias aus", jubiliert Magnus Schlette in der Frankfurter Rundschau heute in einer Buchbesprechung im Feuilleton. "Keinesfalls zeichnet sich die Moderne durch eine Verschärfung der Affektkontrolle aus". Besonders auf dem Gebiet der Sexualität sei das so. Auf Grund des "Bedeutungsverlustes der Sexualität" gäbe es im Gegenteil eine "neue sexuelle Freizügigkeit", besonders im Vergleich zu dörflichen oder weniger zivilisierten Gruppen. Dürr habe das in seiner vieltausendseitigen Schrift bewiesen. Zwar leugne Dürr nicht "die historische Formung des Menschen" und damit "Triebmodellierungen", sein Credo sei jedoch, dass der moderne Mensch aufgrund des allgemeinen Bedeutungs- und Identitätsverlustes viel ungehemmter sein darf als in traditionellen werteorientierten Gesellschaften. Der Primat der Theorie, so Dürr in der Analyse von Magnus Schlette, sei out, und ausgerechnet das Pathos des Wissens darum, "wie es wirklich gewesen ist", sei angesagt, wie es damals von dem keineswegs theoriefreien Historiker Leopold von Ranke formuliert wurde.

Insgesamt ist es erfreulich, wenn die Forschung auf diesem Gebiet weitergeht, wenn neue Quellen ausgewertet und neue Aspekte diskutiert werden. Elias aber vorzuwerfen, er hätte seine Quellen missbraucht und seine Beispiele willkürlich gesetzt, scheint mir übertrieben ablehnend. Die Gegenbeispiele zumindest in dem FR-Artikel lassen sich durchaus auch als willkürlich bezeichnen. Mal wird mit den Bewohnern der Gazelle-Halbinsel in Neubritannien argumentiert, mal mit Kapitän Cook und Neuguinea, dann ist von einem Kriegsschiff vor Honolulu 1849 die Rede. Was übrig bleibt, ist eine allgemeine Rund-um-Relativierung: Elias wird abgelehnt, seine Begrifflichkeiten aber werden übernommen. Die wesentlichen Thesen Dürrs, dass sich die Menschen in der modernen Gesellschaft "zumeist nicht als 'ganze' Personen, sondern nur als Rolleninhaber in unpersönlichen Reziprozitätsverhältnissen" begegnen, und dass der Unterschied zwischen persönlichen und unpersönlichen Bindungen stärkere Aufmerksamkeit verdiene, verweisen auf Phänomene, die Elias konstruktiv ergänzen und weiterdenken. Ansonsten handelt es sich hier offenbar eher um eine sportliche als um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. (19.01.03)
(English version)

Dieses Statement erschien als Leserbrief in der Frankfurter Rundschau am 24.01.03


DER SPIEGEL

Neuigkeiten von Seiner Majestät dem SPIEGEL! In Ausgabe 51/2002 steht der unscheinbare Artikel "Absturz der Netz-Poeten" von Anne Petersen und Johannes Saltzwedel. Darin wird erklärt, warum die Netz-Euphorie nun endlich ein Ende haben muss: Alle Erfolg versprechenden Netz-Autorinnen und Autoren sind nämlich gnadenlos abgestürzt. Der Grund für die 'schwindsüchtige Szene' sei zum einen die fehlende Leseerfahrung der Deutschen (S.180), also im Prinzip
PISA, zum anderen die Tatsache, dass man online 'ohne Lektor und Verlagshürden schreibt', also ein 'universelles Gestammel' produziert. Anders als etwa Redakteure eines Printmediums, was allerdings aus Gründen der Bescheidenheit unerwähnt bleibt. Die Internet-Künstler würden vor der 'Frage Hamlets' stehen, da sie brotlos seien und auf Grund von 'ästhetischen Pioniertaten' eine 'stolze Scheu vor dem Profit' und also nach materialistischen Maßstäben keinen Erfolg hätten. Wenn aber jemand bereits viel Geld habe, wie z.B. Stephen King, dann würde man ihm solche Netzkünste durchgehen lassen. Daher mag jetzt kaum noch jemand im Internet publizieren. Traurig, traurig.

Übrigens ist ja auf dem Titelblatt wieder mal ein Foto von Adolf Hitler. Diesmal zum Thema Stalingrad. Also ich finde, dass kein anderes Medium in Deutschland die Nazi-Romantik so gut reproduzieren kann wie DER SPIEGEL. Es liegt auch an der Farbeinstellung, diese Rot- und Braun-Töne strahlen etwas Heimeliges aus, da haben die vom SPIEGEL wahrscheinlich Recht. Und diese schicken Uniformen! Ein sinnierender, kerngesunder Hitler im Kreise seiner gut gelaunten Offiziere ist da zu sehen, bei Sonnenschein. Das Bild kann man ausschneiden und sich ins Poesie-Album kleben... DER SPIEGEL hat ja den Hitler ziemlich oft auf Seiner Titelseite. Aber Hitler war auch eine charismatische Person, die viele Leser, äh, Leute angezogen hat. Das letzte Mal auf der Titelseite war er, als der SPIEGEL vor Herrn Möllemann warnte. Thema: Das Spiel mit dem Feuer. Immerhin warnen die vom SPIEGEL auch zwischendurch mal, damit klar ist, dass sie selbst nichts damit zu tun haben. Gruß in die SPIEGEL-Redaktion. (17.12.02) (English version)

Zu diesem Thema in der Frankfurter Rundschau am 13.01.03 in Marc Schürmanns Artikel "Akten, Akten, Akten", S. 14: "(...) Der Spiegel müsste nicht ständig Fotos von Hitler auf der Titelseite bringen, das wird ja ohnehin allmählich langweilig."

                                  hoch