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Datenbank zum Diskurs Palästina/Israel/Deutschland/Arabische Welt/Islam. Seit 2001 - Database on the discourse Palestine/Israel/Germany/Arab World/Islam. Since 2001
Pressezeit (6): Jüdische Zeitung
Online-Studie von Anis Hamadeh, 2008
Inhalt:

Kapitel 1: Einleitung - Erste Annäherung - "Hier ist der Geist all jener, die einst hier lebten" - Task Force - Existenzrecht - Was gut war - Merkel, Ratzinger und Zeruya - Zochrot - "Antisemitismus" & Co.

Kapitel 2: Neues von der deutschen Presse - Licht am Ende des Tunnels - Die Jüdische Zeitung - Ausgrenzung von Kritikern

Kapitel 3: Ein Wortbruch - Ein Ende mit Schrecken


- Einleitung -

(12.03.2008) Heute morgen im Bahnhof war noch Zeit, um die Zeitungsüberschriften in der Buchhandlung anzusehen. Die S-Bahn von Mainz nach Wiesbaden ist meistens verspätet, weil Wiesbaden am Ende der Strecke liegt. Beide Städte sind Landeshauptstädte, daher ist die Vielfalt der Zeitungen größer als anderswo. Mir fiel das farbige Titelfoto eines israelischen Soldaten auf, der eine Tränengasgranate oder etwas ähnliches in Richtung eines qualmenden Feuers auf die Straße warf. Es ging um Gaza. Überschrift: "Keine Gewinner". Die Jüdische Zeitung titelte das; ich trat näher heran, nahm das Blatt aus dem Ständer und las den Artikel.

Wenn ich einen Zeitungsartikel über Nahost lese, nehme ich zum einen den Inhalt auf, zum anderen beobachte ich, ob, wie stark, und wenn ja, warum mein Blut in Wallung gerät. In diesem Fall hätte ich mir Schlimmeres vorstellen können. Die Zeitung vertrat hier nicht die Meinung der israelischen Regierung, sondern erwähnte unter anderem, dass unter den vielen Toten hauptsächlich palästinensische Zivilisten waren. Auch von der "Verurteilung" der internationalen Gemeinschaft war die Rede und den trotzigen Eskalationsdrohung des israelischen Verteidigungs/Kriegsministers Ehud Barak. Die Perspektive des Artikels - genauer: des ersten Teils, er ist auf Seite 7 fortgesetzt - war dennoch eindeutig, nämlich bei der Beschreibung der Gewalttaten: "Die Lage im Nahen Osten scheint gespannt wie selten zuvor. Währenddessen feuern militante Palästinenser einen wahren Raketenregen nach Richtung Israel und setzen die Bevölkerung in Angst und Schrecken."

Ob vielleicht die Bewohner von Gaza unverhältnismäßig stärker in Angst und Schrecken leben, diese Frage wird hier ganz ausgeblendet. Und was machte die israelische Armee "währenddessen"? Aber das war ich vom Mainstrem der deutschen Presse bereits gewohnt. Was mich irritierte, war vielmehr der Schlusssatz, in dem es um die Reaktionen auf die Aussage von Baraks Vize ging, nach der "die Palästinenser" einen Holocaust über sich heraufbeschwören. Da las ich nämlich: "Palästinenserorganisationen sowie zahlreiche arabische Staaten, die den Holocaust gemeinhin leugnen, griffen die Äußerung Vilnais auf, um Israels Vorgehen im Gazastreifen zu kritisieren."

Gemeinhin leugnen, das war schon eine recht heftige Attacke. Ich kaufte die Zeitung. Zahlreiche arabische Staaten leugneten demnach den Genozid an den Juden in der Nazizeit. Das war mir neu. Welche Staaten mochten das sein? Vielleicht würde Seite 7 darüber Aufschluss geben. Weil der erste Teil des Artikels allerdings mit dieser kollektiven Unterstellung endet, die offenbar längerfristige Emotionen widerspiegelt, denkt man schon nicht mehr an die Toten: Was solls, es waren wahrscheinlich sowieso mal wieder alles Holocaust-Leugner. Außerdem bekommt man den irreführenden Eindruck, als gäbe es an Israels "Vorgehen" in Gaza ohne die Äußerung Vilnais nichts zu kritisieren.

Ich setzte mich in die S-Bahn. Auf der Unterseite des Titelblatts fand ich den Artikel "Deutsche Juden als Spalter?" über die ruhende Mitgliedschaft Deutschlands im European Jewish Congress. Es handelte sich dabei um eine Auseinandersetzung der eher liberalen Juden mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich nach Ignatz Bubis mehr und mehr zum Sprachrohr der israelischen Regierung entwickelt hat. Unter den weiteren Beiträgen, die auf der Titelseite jeweils mit kleinem Foto vorgestellt wurden, lautete ein Titel: "Es gibt keinen Ersatz für Israel", zur Internationalen Tourismusbörse. Obamas zweiter Vorname Hussein wurde zum Thema gemacht und über Michel Friedman gab es auch etwas. Dazu drei Porträts, eines der Keramikerin Hedwig Bollhagen, eines der Berliner Fotografin Helga Simon und eins von Löffelverbieger Uri Geller.

Mich interessierte die Jüdische Zeitung und ich beschloss, sie für ein paar Monate zu begleiten.

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