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Pilgrimage
for a Future without War


Review of the Book "GRACE"
by Sabine Lichtenfels (2006)

Pilgerschaft
für eine Zukunft ohne Krieg


Besprechung des Buches "GRACE"
von Sabine Lichtenfels (2006)

Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg. Besprechung des Buches "GRACE" von Sabine Lichtenfels (2006), Anis Hamadeh, 27.11.06.

Ein ungewöhnliches Buch eines ungewöhnlichen Menschen. Eine gelebte Vision. GRACE, so wird ein Zustand des Lebens bezeichnet, den Sabine Lichtenfels beschreibt. Es ist ein Zustand der Weihe, der wachsamen Politik, es ist eine Philosophie des Friedenswillens. Sabine Lichtenfels gehört zu den Menschen, die eine neue Welt bauen. Sie begnügt sich nicht damit, eine bessere Welt zu wünschen, sondern sie konkretisiert. In Tamera in Portugal existiert bereits ein solcher Ort, ein sogenanntes Heilungsbiotop, und sie gehört dazu, siehe www.tamera.org. Was in Tamera geschieht, ist ein Experiment, ebenso wie die Pilgerreise nach Palästina/Israel. Dort wütet einer der schlimmsten Konflikte der Welt.

In drei Kapiteln und auf 293 Seiten beschreibt Sabine Lichtenfels aus reflektiert naiver Sicht ihre innere und äußere Reise. Im Vorwort wird erklärt, was GRACE bedeutet. Kapitel Eins beschreibt die Vorbereitung und das Tamera-Projekt, die Pilgerschaft auf dem Jakobsweg und die Wanderung durch Europa, allein und ohne Geld. Im zweiten Kapitel geht es um die vielen Erlebnisse in Israel/Palästina. Die Gruppe von Pilgern, die sich im Land versammelt, besucht die unterschiedlichsten Orte auf beiden Seiten der Mauer. Auch Israelis sind darunter, auch Palästinenser. Die Schilderungen der Begegnungen sind authentisch und berührend. Die Gruppe führt das Theaterstück "Wir weigern uns, Feinde zu sein" auf und erfährt Interesse von Bewohnern aller Seiten, sogar von Soldaten. Die Fotos in der Mitte des Buches geben davon eine Vorstellung. Das Schlusskapitel, das den Titel "Den Krieg beenden" trägt, ist eine zusammenfassende Reflexion, in der es um die Schuldfrage geht, um Opfer, Täter, den Umgang mit und die Lösung von Konflikten

Es stellte sich als passend heraus, dieses Buch auf der Bahnfahrt von Mainz nach Kiel und zurück zu lesen. Im Rahmen der "Peace of Art"-Wochen war ich zu einer Lesung mit Musik nach Kiel eingeladen worden. Während der Waggon leise ratterte, zog mich das Buch schnell in seinen Bann, das Buch einer Pilgerreise. Monika Berghoff vom Verlag Meiga hatte mich in einer Email auf die Neuerscheinung aufmerksam gemacht. In Kiel ergab es sich, dass der Friedensaktivist Reuven Moskovitz die Veranstaltung besuchte. Als ich während der Lesung das Buch kurz vorstellte und herumreichte, erzählte er uns, dass er es kenne und empfehle. In der Tat war die Friedensoase Neve Shalom/Wahat al-Salam, die Reuven Moskovitz mitgegründet hatte, eine Station auf der Pilgerschaft von Sabine Lichtenfels und es bestehen Kontakte zwischen Tamera und der Oase zwischen Tel Aviv und Jerusalem. Juden und Araber leben hier zusammen in einem Dorf.

Man muss offen sein für individuelle Schilderungen, um diesen Erfahrungsbericht würdigen zu können. Offen für gläubige Menschen etwa, die sich zum liebenden und heilenden Gott bekennen und nicht zum strafenden. Offen auch für Menschen, die mit ihren Mythen leben. Offen für Gebete und Fügungen. Lichtenfels kann eine moderne Schamanin genannt werden. Ihr Leitsatz: "Handle so, als hättest du es schon" und ihre Kraftquelle der Trance deuten darauf hin. Selbst diejenigen, die sich noch nie mit Schamanismus beschäftigt haben, können die Ähnlichkeit mit manchen Popstars, vulkanisch Kreativen, inspirierten Politikern, Kindern und Einsiedlern erkennen, was die Ausstrahlung, die Lebensart und die Entscheidungsfindungen betrifft. Es sind Menschen, die dem Kern ihrer innersten Kraft begegnet sind und das Gefühl kennen, in einem allumfassenden Energiestrom aufzugehen. Die Methoden kennen, sich selbst zu reinigen und Informationen aus der Trance, von innen, zu holen. Viele der von uns verehrten kollektiven Ahnen waren von diesem Schlag...

Die Gefahr des GRACE-Buches liegt darin, dass man nach der Lektüre geneigt sein könnte, dem Tamera-Impuls zu folgen. Dass man ein Gefühl der Hoffnung auf Normalität bekommt. Die Leitlinien des Projekts sind unter anderem von Dieter Duhm zusammengestellt worden, in seinem ebenfalls im Verlag Meiga neu erschienenen "Zukunft ohne Krieg. Theorie der globalen Heilung". Die beiden Bücher zitieren einander. Duhm referiert über praktische Wege der Gewaltlosigkeit in der Gesellschaft, auch er in Aufbruchstimmung. In Tamera finden Kurse und Meditationen

statt, in denen neue Verhaltensmuster geprobt werden, solche, die die Gewalt in Beziehungen aller Art überwinden. Wie angenehm es wohl ist, in einer solchen Atmospäre zu leben... Endlich eine normale Welt, in der man sich zu dem besten entwickeln kann, das in einem steckt, ohne dass die Gesellschaft dies behindert, verhindert, einem misstraut. So könnte man diese Hoffnung formulieren. Ob es so funktioniert, kann man nicht wissen, aber man möchte es erfahren. Insofern ist GRACE wohltuend subversiv.

In GRACE, besonders im letzten Kapitel, werden Grundfragen aufgeworfen, die eine eigene Beschäftigung mit der Thematik notwendig machen. Zentral ist die Schlüssel-Frage der Schuld und der Strafe, die man von zwei Seiten betrachten muss: vom Punkt des Neubeginns und vom Punkt der real geschehenden Unterdrückungssituationen in der Welt. Der Neubeginn, das ist zum Beispiel Tamera, ein Ort, an dem man lernt, seine Ego-Kämpfe zu verstehen und zu überwinden. Eine Gemeinschaft, die im Fall des Erfolgs eine gewaltlose Gegenwart und Zukunft ermöglicht und damit Muster schafft, die sich verbreiten können. Bei diesem Ansatz ist es nicht notwendig, existierende Konflikte zu berühren, außer von der psycho-analytischen Perspektive, in der es unter anderem darum geht, die Gefühle von Opferschaft zu überwinden: "Du konntest deine Wahrheit erkennen und mit der Enttarnung beginnen. Ist das nicht ein umfassenderer Sieg? Jede Entdeckung der Egostrukturen in dir selbst ist ein Schritt zum Erwachen. Auf diesem Weg wirst du deinen Feind zu deinem Freund machen. Das ist der Ausweg." (S. 279) Diese Philosophie deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen und Folgerungen in acht Jahren des Schaffens. Ebenso stimme ich zu, dass der Geschlechterkampf und das Patriarchat wesentlich dazu beigetragen haben, die Gesellschaften vom Weg abzubringen und dass wir etwas Neues brauchen. Was für Sabine Lichtenfels Tamera ist, ist für mich die Welt von Omega 5 (www.anis-online.de/2/literatur/omega5/0.htm), eine Welt, in der es eine Tradition der Gewaltlosigkeit gibt und des Friedens unter den Geschlechtern. So etwa in der Geschichte von Nuuris, die allerdings derzeit nicht online steht. Es sind genau die Tamera-Fragen, die in diesem Roman spielerisch untersucht werden.
Auf der anderen Seite steht das Problem, wie mit Schuld umgegangen werden soll. Das Prinzip: "Es haben immer beide Seiten Schuld", passt eben nicht überall. Das Kleinkind zum Beispiel, das von seinen Eltern unterdrückt wird, ist unschuldig. Auch bei Gesellschaften, die von anderen Gesellschaften unter Besatzung gehalten werden, ist das Prinzip irreführend und wird sogar missbraucht, um Gewalt zu relativieren. Lichtenfels und Duhm entziehen sich dieser Problematik nicht. Zwar verurteilen sie im Zustand von GRACE aus Prinzip nicht, jedoch benennen sie die Dinge, sie benennen auch Gewalt. Das macht sie glaubwürdig und konsequent. Auch im Roman Omega 5 gibt es diese Dualität: Neben der Seite der Selbsterfahrung und -läuterung existiert dort eine regulierende Öffentlichkeit. Gewaltsituationen werden in dieser literarischen Welt zum einen durch die Mentalität verhindert - die Omeganer glauben traditionell nicht an Gewalt und folgen ihr daher nicht - und zum anderen durch eine starke und verantwortungsvolle Öffentlichkeit, in der die Dinge beim Namen genannt werden und in der öffentliche Diskussionen zwischen Konfliktparteien eine Normalität darstellen. Wer sich dem entzieht, macht sich auf Omega 5 unglaubwürdig und verdächtig. Von solchen Zuständen sind wir auf der Erde weit entfernt. In unserer Welt ist es eine traurige Selbstverständlichkeit, dass jemand sagt: "Sieh, was mein Feind getan hat!", und dann zuschlägt, ohne dass es eine größere öffentliche Empörung gibt. Das berühmte "Seit 5:45 Uhr wird zurückgeschossen" geschieht noch immer, und zwar täglich, an vielen Stellen auf der Welt. Dabei gibt es spätestens seit der Breitenwirkung des Internets Möglichkeiten, Konflikte auf einer höheren Ebene darzustellen und zu lösen. Hier auf dieser Website ist das beste Beispiel für eine solche Herangehensweise vielleicht die Debatte um einen Punksong, siehe www.anis-online.de/2/artclub/slime.htm. So stelle ich mir Friedensjournalismus vor.

Als ich die Fotos von Tamera auf der Website sah, dachte ich an den Künstler Erhard Arendt und seine Lichtobjekte, Reliefs und Bilder. Neue Muster. Seine halb-abstrakte meditative Kunst würde gut in die Umgebung passen. Tamera entwickelt sich ja in einen Raum der Kunst, denn Kunst, insbesondere im Sinne einer Tätigkeit, gehört zu den wichtigsten Elementen der Friedenskultur. Ich rief Erhard sogar an und erzählte ihm davon. Dies ist eben der Unterschied zwischen GRACE und anderen Büchern: Der spannende Aspekt ist nicht, was die Autorin als nächstes schreiben und machen wird, sondern was man selbst als nächstes schreiben und machen wird.

Sabine Lichtenfels: "GRACE. Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg." Verlag Meiga, 1. Auflage 2006, 293 S., mit Fotos, Glossar und Bibliografie, 17,80 €

Ebenfalls auf Anis Online: Die GRACE-Pilger. Ein Miniblog (2007)"

Die englische Version dieser Besprechung auch bei "The American Muslim":
http://theamericanmuslim.org/tam.php/features/articles/book_review_pilgrimage_ for_a_future_without_war_grace_by_sabine_lichtenfels/0012105

Pilgrimage for a Future without War. Review of the Book "GRACE" by Sabine Lichtenfels (2006), Anis Hamadeh, 27.11.06.

An extraordinary book by an extraordinary individual. A vision brought to life. GRACE is a state of life, described by Sabine Lichtenfels. It is a state of consecration, of vigilant politics, it is a philosophy of the will for peace. Sabine Lichtenfels belongs to those people who are building a new world. She is not content with wishing a new world, she substantiates. In Tamera in Portugal there already exists such a place, a so-called healing biotope, and she belongs to it, see www.tamera.org. What is happening in Tamera is an experiment, as was the pilgrimage to Palestine/Israel. One of the worst conflicts of the world is raging there.

In three chapters and on 293 pages Sabine Lichtenfels describes her inner and outer journey from a deliberately naive point of view. The meaning of the concept GRACE is explained in the introduction. Chapter one describes the preparations and the Tamera project, the pilgrimage along Jacob's Way and the journey through Europe, alone and without money. The second chapter is about the many experiences in Israel/Palestine. The group of pilgrims, that is gathering in the country, visits the most different places on both sides of the wall. There also are Israelis among them, and also Palestinians. The portrayals of the encounters are authentic and touching. The group performs the play "We Refuse to be Enemies" and receives interest by inhabitants of all sides, even by soldiers. The photos in the middle of the book provide an idea of how this worked. The final chapter, entitled "Ending the War", is a summarizing reflection. It deals with the guilt issue, with victims, perpetrators, and the management and solution of conflicts.

It turned out to be appropriate to read this book on the train from Mainz to Kiel and back. In the framework of the "Peace of Art" weeks I was invited to Kiel for a reading with music. While the car gently clattered the book quickly fascinated and absorbed me, the book of a pilgrimage. Monika Berghoff from the Meiga publishing house had informed me about the new publication in an email. As it happened, peace activist Reuven Moskovitz visited the performance in Kiel. When I introduced the book during the reading and showed it around he told us that he knows and recommends it. Indeed was the peace oasis Neve Shalom/Wahat al-Salam, co-founded by Reuven Moskovitz, one of Sabine Lichtenfels's pilgrimage stations and there are contacts between Tamera and the oasis between Tel Aviv and Jerusalem. There, Jews and Arabs are living together in a village.

One has to be open for individual presentations to be able to appreciate this field report. Open for believers, for example, who embrace the loving and healing God, rather than the punishing one. Open also for people who live with their myths. Open for prayers and coincidences. Lichtenfels can be called a modern shaman. Her motto: "Act as if you already achieved it." and her power source the trance are indications. Even those, who never have dealt with shamanism, are able to recognize the similarity with some popstars, vulcanically creative people, inspired politicians, children and anchorites, concerning their charisma, ways of life, and their methods of decision-making. They are people who met the core of their most inner power and who are familiar with the feeling of merging in an all-embracing flow of energy. People who know methods of clearing themselves and who bring information out of the trance, from within. Many of our admired collective ancestors were of this kind...

The danger of the GRACE books lies in the fact that after the reading one might be tempted to follow the Tamera impulse. One might get a feeling of hope for normality. The guidelines of the project were, among others, collected by Dieter Duhm, in his book "Future without War. Theory of Global Healing", another new publication of the Meiga publishing house. The two books quote each other. Duhm reports about practical ways of nonviolence in the society, in the same kind of atmosphere of departure. In Tamera courses and meditations are carried out in which new

patterns of behavior are being examined, ones that overcome violence in relationships of all sorts. How pleasant might it be to live in such an atmosphere... A normal world at last, a world in which one is able to develop into the best that one has, without having the society obstructing and preventing it, without the suspicion. This is how this hope can be formulated. One cannot know whether it works like that, but one becomes eager to learn it. In this respect GRACE is subversive in a relieving way.

In GRACE, especially in the last chapter, basic questions are raised that make a personal treatment of the matter necessary. In the center there is the key question of guilt and punishment, a matter that has to be viewed from two different angles: from the angle of the new start and from the angle of factual situations of oppression in the world. The new start is, for example, Tamera, a place where one learns to understand and overcome one's ego battles. A community which in case of success can lead to a nonviolent present and future, creating patterns that can multiply. In this approach it is not necessary to touch existing conflicts, only from the psycho-analytical perspective, for one of the main concerns is to master the feelings of victimhood: "You were able to recognize your truth and start with the uncovering. Isn't this a more comprehensive victory? Every discovery of the ego structures within yourself is a step toward awakening. On this path you will make your enemy your friend. This is the loophole." (p 279) This philosophy aligns with my own experiences and conclusions in eight years of creative work. I also agree that the battle of the sexes and the patriarchy have played a major in role in leading the societies astray and that we need something new. What Tamera is to Sabine Lichtenfels, to me is the world of Omega 5 (www.anis-online.de/2/literatur/omega5/0e.htm), a world in which there is a tradition of nonviolence and of peace between the sexes. For example in the story of Nuuris (not online at the moment). They are exactly the Tamera issues which are examined in this novel in a playful way.
Then there is the other side and the problem of how to deal with guilt. The principle: "Always both parties are guilty" does, as a matter of fact, not fit everywhere. The small child, for instance, that is being oppressed by its parents, is innocent. Also in societies, which are kept under occupation by other societies, the principle is misleading and even abused sometimes, in order to relativize violence. Lichtenfels and Duhm do not escape this complex of problems. It is true that they do not condemn things by principle in the state of GRACE, but they name things and they do name violence which makes their creed credible and consistent. In the novel Omega 5 there also is this duality: next to the aspect of self-awareness and catharsis there exists a regulating public. In this literary world, violent situations are prevented by the mentality - the Omegans traditionally do not believe in violence and thus do not follow it - on the one hand, and they have a strong and responsible public, on the other, where things are called by their names and where public discussions between conflicting parties are a normality. Those, who escape discussions, become uncredible and suspicious on Omega 5. Here on earth we are far apart from such conditions. In our world it is a sad matter of course that someone says: "Look, what my enemy has done!" and that he then uses violence without much public outrage as a reaction. The famous "Since 5:45 a.m. fire has been returned" is still happening on a daily basis in many places in the world, despite the fact that at the latest since the mass effect of the internet there are possibilities available to map and solve conflicts on a higher-ranking level. Here on this website, the best example for such an approach might be the debate about a punk song, see www.anis-online.de/2/artclub/slime-e.htm. This is my conception of peace journalism.

When I saw the photos of Tamera on the website I had to think of the artist Erhard Arendt and his light designs, reliefs and pictures. New patterns. His semi-abstract meditative art would fit well into the surroundings. Tamera is necessarily developing into a space of art, as art, especially in the sense of an action, belongs to the major elements of the culture of peace. I even rang Erhard up and told him about it. For this is the difference between GRACE and other books: the interesting aspect is not, what the author will write and do next, but what one will write and do next oneself.

Sabine Lichtenfels: "GRACE. Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg." Verlag Meiga, 1st edition 2006, 293 pp, with photos, glossary and bibliography, 17,80 €

This review can also be read at "The American Muslim":
http://theamericanmuslim.org/tam.php/features/articles/book_review_pilgrimage_ for_a_future_without_war_grace_by_sabine_lichtenfels/0012105<

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