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Besuch bei Jamal
Reportage, 17.03.04

English Version

Zugegeben, ich hatte nicht gerade erwartet, einem Monster zu begegnen, nach der Lektüre seines Buches und den Beobachtungen, die ich seit längerem gemacht hatte. Dennoch überraschte mich Jamal Karsli, als ich ihm zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, in einem einfachen Reihenhaus irgendwo im Ruhrgebiet, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern lebt. Insgeheim hatte ich wohl ein leichtes Vorurteil und dachte, dieser Mann sei vielleicht arrogant, ein wenig zumindest. Meine Erfahrung mit ihm während dieser sechs Stunden, die er sich großzügigerweise für mich genommen hatte, war allerdings eine ganz andere.

Die Begrüßung war freundlich, da ich ihm auch bereits zu erkennen gegeben hatte, dass ich über die deutsche Presse so weit informiert bin, dass ich ihre Gefühle kenne. Sowieso steht meine Studie
"Der Antisemitismusvorwurf in kritischer Betrachtung" seit Februar im Raum. Wie geht es Jamal Karsli? Es geht ihm ganz gut. Er hätte sich ins Private zurückziehen können an dieser Stelle, so lang die Landtagsbezüge reichen, doch er wählte einen anderen Weg. Gründete eine Partei, die sich insbesondere - aber nicht nur - für die Belange von MigrantInnen einsetzt und für die Menschenrechte. Trinkst du Tee oder Kaffee, fragt er. Was du trinkst. Wir gehen in die Küche, weil ich da rauchen kann, und während er mir von seiner Türkeireise erzählt und ich ihm von meiner Ägyptenreise, stellt er nach und nach den runden Tisch zwischen uns voll mit Knabberkram. Rauchend und fahrig blättere ich durch einen Ordner mit gesammelten Zeitungsartikeln, öffentlichen Briefen und ähnlichem, völlig chaotisch, meinem chronologischen Ordnungssinn widersprechend; hier ein Artikel über das Monster, da ein Artikel über den Menschenrechtler, da wieder Monster, dort ein Foto von ihm mit dem Papst. "Für die einen bin ich ein Verräter, für andere ein Held."



Wir trinken Tee aus Gläsern. Ich muss aufs Klo, schon wieder. Er hat "Held" gesagt. Wenn er das in der Presse sagen würde, so denke ich bei mir und beim Plätschern des Wassers, dann wüsste ich schon, was passieren würde. Heldentum, die Nazis! Man kennt das ja. Neulich habe ich einen von diesen Freaks gelesen, der zu meinem Steckenpferd-Thema "E-Musik und U-Musik" geschrieben hat. Göbbels habe diese Unterscheidung auch aufheben wollen, wurde da argumentiert, die Liberalisierung dieses Sektors sei also latent, zumindest assoziativ, nazimäßig. Oh, Sie tragen Socken. Wussten Sie nicht, dass die Nazis auch Socken trugen?! Diese Nummer. Dann kommen die Leute und sagen zu sich: Nee, also wenn das irgendwas mit Nazis zu tun haben könnte, dann halte ich mich lieber mal fern.

"Wieso eigentlich Verräter?" frage ich ihn, zurück am Tisch, eine italienische frittierte Süßspeise aus kleinen gelben Kugeln probierend, die seine Frau gemacht hat. "Für einige der Grünen", antwortet er, ein Cigarillo öffnend, das er aus der Türkei mitgebracht hat. "Eigentlich rauche ich nicht. Manchmal Wasserpfeife, aber dies hier ist eine besondere Sorte." Ich seufze. Rauche zu viel. Wird Zeit, die Ersatzbefriedigung durch echte Befriedigung zu ersetzen... Oh ja, einige der Grünen, natürlich. Die habens nötig. Vertrauensfrage... Jugoslawien, Afghanistan, Palästina. Ist schon die Frage, wer sich hier treu geblieben ist, er oder einige der Grünen.

Ich sehe auf Jamal Karsli, der mir schnell das Du angeboten hatte, und muss grinsen. Wieviel Fantasie die doch so nüchterne deutsche Presse entwickeln kann! Wenn man sich überlegt, mit wie viel Energie und Leidenschaft sich da Dutzende, nein Hunderte, vielleicht Tausende Journalisten, Politiker, Fotografen, "Intellektuelle" und Institutionen betätigt haben, um diesen Mann mit ihren Farben anzumalen und mit Etiketten zu behängen, die so weit entfernt sind von Jamal Karsli, dass man wirklich überlegt, woher diese Monsterbilder eigentlich kommen und was sie anrichten. Diese ganzen Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen, Antisemitismus-"Forschungs"-Stellen. Eine unglaubliche Begebenheit. "Für meine Frau war es besonders schlimm. Sie ist Lehrerin und hört auf dem Weg zur Arbeit die Nachrichten. Ungefähr acht Wochen lang war es richtig hart." Inzwischen hat die FAZ einen Artikel über ihn gebracht, den er ganz gut fand. Ich lerne Franca kennen, eine schlanke Italienerin, die ihren Mann an Körperlänge um einiges übertrifft. Auch die Kinder kommen, um Guten Tag zu sagen. Sofia und Sami. Er spricht mit ihnen arabisch. Sie italienisch. Untereinander sprechen sie deutsch. Sami sagt zu seiner Mutter einen Satz, in dem das Wort "fumare" vorkommt, das hatte ich verstanden. Ich kenne das Wort, seit ich Zug fahre. Es stand dort auf einem Schild mit anderen Sprachen zusammen. So ähnlich wie auf der Rasierschaumdose, bloß mit anderem Text. Oder auf dem Stein von Rosetta.

Nach drei Tees und einem Kaffee gehen wir die schmale Wendeltreppe hoch in sein Büro. Ziemliches Chaos, meint er, aber stimmt nicht. Am PC zeigt er mir Fotos von den Reisen nach Israel, Palästina und Ägypten. Hier passt es dann mit dem Chaos, alles ist durcheinander. Einige ziemlich coole Fotos. Mit Amr Moussa, dem Generalsekretär der Arabischen Liga, oder dieses hier, mit Uri Davis und Ilan Pappe, zwei bekannten israelischen Menschenrechtlern (siehe unten). Jede Menge Fotos. Ich zeige Jamal die neue arabische Frontseite von Anis Online und ein paar Links. Mache auch ein paar Bilder.



"Wenn es ein Problem gibt, muss man darüber reden", sagt er. "Es nützt nichts, die Tür zuzumachen und den Dialog zu beenden." Ich denke ebenso. Einige denken so. Wahrscheinlich liegt hier auch das Problem. Wir leben in einer Gesellschaft, die Konflikt-Diskussionen vermeiden möchte, nicht in einer Streitkultur. Dafür setze auch ich mich ein, dass Konfliktparteien offen miteinander umgehen und sich nicht gegenseitig ausschließen, denn nur so kommen wir zu dem gesellschaftlichen Frieden, den wir vermissen. Alles andere bringt nix. Zum Beispiel könnten sich die Attac-Leute mit der FDP an einen Tisch setzen, um zu streiten. Aber da rümpft der Mainstream dann die Nase, obwohl die Debatte sehr effektiv sein könnte.

Wieder klingelt das Handy. Mal redet er arabisch, mal deutsch, mal türkisch. "Hast du eigentlich die Interviews und Treffen in der Türkei alle auf Türkisch gemacht?" frage ich ihn. "Meistens ja. Aber die ganz offiziellen Sachen habe ich auf Deutsch gemacht. Die Türken legen übrigens sehr viel Wert auf Protokoll. Ich brauche das eigentlich nicht. Aber es lief ganz gut. Ich bin als Vorsitzender der FAKT-Partei gereist und habe mit Menschenrechtlern, Politikern und Journalisten gesprochen." Es wird Abend. Ich möchte nicht länger seine Zeit in Anspruch nehmen, habe viel gehört und einige sehr interessante Stunden verbracht. "Wir könnten noch mal kurz zum türkischen Restaurant um die Ecke", sagt Jamal. Okay, klar. Der Abend war noch nicht zuende.

Mit dem Hut und dem Mantel sieht er anders aus, denke ich beim Herausgehen. Wir fahren ein paar Minuten in seinem Volvo. Kommen bei einem türkischen Imbiss-Restaurant an und setzen uns, nachdem der Wirt ihn begrüßt und ihm die Hürriyet von heute gezeigt hat, in der etwas über ihn steht. Die meiste Zeit erzählt Jamal dann von seiner Zeit im Petitionsausschuss. Er hat wirklich etwas bewegen können. Viele arabische, türkische und andere Familien hätten ohne ihn große Probleme gehabt. Jamal Karsli hat nicht resigniert. Er ist auch nicht verbittert. Enttäuscht schon, aber er macht weiter. Felicia Langer hat den Klappentext zu seinem Buch "Maulkorb für Deutschland" geschrieben, in dem er seine Sicht der Dinge darlegt und viele Quellentexte einbezieht.



Während wir auf den Grillteller warten, will ich wissen, ob er schon immer Politiker gewesen ist, zum Beispiel als Kind schon. Er lächelt. "Ja, in der Tat. Ich habe eine große Familie in Syrien. Ich bin der jüngste Sohn der ersten von zwei Frauen meines Vaters und habe elf Geschwister und Halbgeschwister. Die Kinder der zweiten Frau, besonders die Mädchen, habe ich manchmal in Schutz genommen, wenn es mir so vorkam, dass sie nicht gleichwertig behandelt wurden." Ich frage mich, wie der Westen mit dem Osten ins Reine kommen möchte, wenn auf Leute wie Jamal Karsli nicht zugegangen wird. Eine Absage an den Frieden im Land und in der Welt wäre das doch. Denn die Meinung Jamal Karslis trifft in vielem die Meinung eines erheblichen Teils der Bevölkerung im Im- und Ausland. Auch darin, dass die Besatzung Palästinas nicht zum Existenzrecht Israels gehört und auch nie gehört hat. Man kann nicht einfach alle Leute rauswerfen, die das Menschenrecht der PalästinenserInnen ernst nehmen, ob das dem Zentralrat nun gefällt oder nicht.

Über Jamal Karsli gibt es viele Legenden. Dass er etwas mit Nazis zu tun hat ist großer Quatsch. Im Gegenteil, Nazis sind definiert durch Ausländerfeindlichkeit, sie liegen also weit entfernt von dem, wofür Karsli in den letzten zwanzig Jahren gekämpft hat. Mit Islamisten hat er auch nichts zu tun, insofern seine Politik nicht vom Islam bestimmt ist, wiewohl er Muslim ist und dazu steht. Ähnlich wie ich ist Jamal bereit, mit Gruppen zu sprechen, für die das nicht gilt. Ähnlich wie sich unser Außenminister nicht scheut, auch mit rechtsradikalen Israelis zu sprechen. Denn am Schlimmsten ist es für die Gesellschaft, wenn Gruppen oder Individuen von der Kommunikation und der Demokratie ausgeschlossen werden.

Als ich die siebzig Kilometer zurückfahre, in Dads Auto, zu meinen Eltern, hat sich etwas verändert. Es war Samstag, der 13. März 2004.




Jamal Karsli visiting the ruins in Jenin, 2002

Jamal Karsli with Uri Davis and Ilan Pappe in Israel, 2002

Jamal Karsli and the General Secretary of the Arab League, Amr Moussa
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