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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (1)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 1: Leipzig und Halle


Inhalt: Im Gewandhaus - Duo Rubin live - Shalom-Salam-Infos - Essen am Runden Tisch - Mittags in Halle - Konzerthalle Ulrichkirche, Halle

Im Gewandhaus

(09.05.04) Der Bahnhof in Leipzig war voller grölender Fußballfans. Kampf der Subkulturen. Ich rollte den Koffer hinter mir her und sah in die Menge der selbstmarkierten Jugendlichen. An den Ausgängen Polizei, nur Routine. Ich fragte nach dem Gewandhaus, aber die Polizisten kamen nicht von hier. Stau. Olee, olee olee olee. Gruppenidentität. Im Prinzip nichts Schlechtes. Außer man braucht einen Feind dafür.

Es war nicht weit. Das Wetter war schön. Ich kannte Leipzig von einem Orientalistentag kurz nach der Wende und mochte die Stadt. Das Duo Rubin hatte Hotelzimmer gemietet, praktischerweise direkt neben dem Gewandhaus. Dort im Hotel trafen wir uns auch. Sie hatten Benny, einen Freund, aus Berlin mitgebracht, um den Beamer, die Boxen und das Mischpult transportieren zu können. Gerade zu Beginn der Reise gab es eine Menge Organisatorisches zu tun. Wir waren im positiven Stress, wach, konzentriert. Würde alles klappen? Es waren kaum Plakate in der Stadt verklebt worden, die Werbung war nicht so besonders. Das gab uns einen kleinen Dämpfer. Doch wir wollten nun endlich anfangen, ein paar Bühnenerfahrungen zusammen machen. Nachdem wir uns frischgemacht und einen Kaffe getrunken hatten, gingen wir rüber zum Soundcheck.

Im Gewandhaus in Leipzig aufzutreten, war ein echtes Erlebnis. Es gehört zu den Wahrzeichen der Stadt. Neben unserem Garderobenraum waren einige Dokumente an der Flurwand ausgestellt, hinter Glas. Die Ankündigungen der allerersten Konzerte im Gewandhaus. Auf der rechten Hälfte sah man unter anderen Max Reger und Otto Klemperer, dann Wagner, dann auf der linken Seite ging es bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück. Das erste Konzert fand demnach 1789 statt, es war Mozart selbst. Das Gebäude besteht aus zwei Teilen, man könnte auch sagen: zwei Welten. Die repräsentative äußere, öffentliche Welt mit ihren Hallen, Leuchtern, Treppen, Fluren und Sälen; und auf der anderen Seite der umfangreiche Backstage-Bereich, funktional, aber nicht ohne Charme. Auf den schmucklosen Fluren, in deren vielen Ecken Geräte standen, begegnete man Musikern, Handwerkern und Technikern. Der freundliche Mitarbeiter, der unseren Auftritt technisch überwachte und uns während der letzten Stunden beim Aufbau zur Hand gegangen war, verwandelte sich kurz vor der Vorstellung in einen Anzugträger mit Krawatte: Die Vorbereitungsphase war vorbei, der elegante, öffentliche Teil des Abends begann.

Ich stand neben dem Gewandhaus-Helfer abseits der Bühne und sah auf den Fernsehbildschirm, der den Saal zeigte und die aktuelle Uhrzeit. Es war noch eine halbe Stunde Zeit. Inzwischen waren auch Michael Krebs aus Köln und Alex Elsohn, der Repräsentant von Givat Haviva, eingetroffen. Er ist für internationale Beziehungen zuständig und der Direktor für Europa. Auch ein Freund von ihm, Stefan, dem wir noch mehrmals begegnen würden. Gemeinsam hatten wir uns um die letzten Vorbereitungen gekümmert. Der Beamer funktionierte nicht, so konnten wir den geplanten Film nicht zeigen. Doch brachte uns das nicht besonders in Verlegenheit und wir beschlossen kurzerhand, dass Alex stattdessen ein paar Worte sagte. Michael Krebs hatte von Köln aus den Auftritt mitorganisiert. Ein Fotograf machte Bilder von uns im Gewandhaus-Ambiente. Er versuchte dauernd, Englisch mit mir zu sprechen, aber er konnte gar kein Englisch. Ich fragte ihn, ob er Deutscher sei, und er sagte Ja.

Während das Duo Rubin noch in der Garderobe war, unterhielt ich mich mit dem Mann, der hier seit sechseinhalb Jahren arbeitete. Er war von ruhigem, angenehmem Temperament. Ihm gefiel seine Arbeit, er strahlte Gelassenheit aus. Ich fragte ihn, wie viele Säle es im Gewandhaus gebe, er sagte zwei: den Mendelssohn-Saal, in dem wir gleich auftreten würden und in dem sich inzwischen die ersten Besucher eingefunden hatten, wie ich auf dem Bildschirm erkennen konnte. Und den großen Saal. Er drückte auf einen Knopf und ich sah auf dem Monitor vier oder fünf Leute auf einer anderen Bühne stehen. Jetzt schaltete er den Ton dazu. A cappella! Diese Leute sangen a cappella, und ich las in der Broschüre, die auf dem Tisch lag, dass es sich um ein Festival handelte mit vielen Bands. Ich war begeistert, hatte ich doch ein Faible für diese Art der Minimal-Kunst, sowohl passiv als auch aktiv. Wenn ich selbst a cappella sang, dann meist Bass oder Bariton. Damals in Hamburg hatte ich für eine kurze Zeit eine Band. Leider sind wir nicht bis in die Auftrittsphase gelangt. "Mister Sandman" haben wir gesungen, die Noten dazu gab es in der Musikbibliothek in Hamburg, in der Nähe vom Jungfernstieg. Meine Lieblingsgruppe war die erste Besetzung der Flying Pickets aus England, ich hörte aber auch die King Singers, Bobby McFarin, die Comedian Harmonists und einige Bands von dem Festival in New York vor zehn oder fünfzehn Jahren, von dem Spike Lee eine Fernseh-Dokumentation gemacht hat. Die Harmonien der Beach Boys und der Beatles nicht zu vergessen. Ursprünglich assoziiere ich a-cappella-Musik mit schwarzer Gospelmusik.

Auf dem Weg zur Garderobe begegnete mir eine Gruppe von Bühnenfrauen. Hey, habt ihr da gerade a cappella gesungen, fragte ich. Wir wechselten ein paar Worte im Vorübergehen. Dann holte ich das Duo Rubin ab und wir gingen raus auf die Bühne.


Duo Rubin live

Das Duo Rubin so nah auf der Bühne zu erleben war etwas Besonderes. Die beiden sind sehr gut aufeinander eingespielt, weil sie sich lange kennen und ähnliche Begabungen haben. Piano und Cello klingt auch gut zusammen, da fehlt nichts. Ungefähr zwölf Mal habe ich insgesamt das Programm live gehört, ohne die Proben, und es ist mir nie langweilig geworden, obwohl ich ein ungeduldiger Mensch bin. Das mag auch daran liegen, dass wir ähnliche Stücke und Stile schön finden. Bach etwa ist für uns alle drei einer der, wenn nicht der wichtigste Komponist. Beim Soundcheck in Düsseldorf spielte Ithay einmal die Musette aus dem Notenheft von Anna Magdalena an. Er zeigte mir eine einfache Rhythmusbegleitung für die Gitarre. Es macht Spaß, mit einem Cello zusammenzuspielen. Mein hauptsächlicher Part war aber Literatur. Ich las aus dem aktuellen Jugend-Buch "Wir wollen beide hier leben" (herausgegeben von Sylke Tempel) und aus meinem Lyrikband "Loving Jay".

Das Duo Rubin probiert wie ich gern Neues aus. So haben sie einen israelischen Komponisten im Programm, Paul Ben Chaim, und einen arabischen, den Ägypter Alberto Hemsi. Wie sie erzählt haben, ist Hemsi kein bekannter Komponist. Vielmehr haben die beiden ihn in einer privaten Bibliothek gefunden und zu einer Welturaufführung gebracht. Ihr Programm ist bunt, das würde ich als Halblaie so sehen. Sie haben ernste und heitere Sachen, technisch schwierige Stücke wie die Variationen auf einer Saite von Paganini oder Piazzollas Grand Tango. Chopin war auch dabei (Polonaise Brillante Op.3), sowie die schnellen und eigentlich fast volkstümlichen Stücke "Csardas" (sprich: Tschardasch) von Monti und "Feuertanz " von de Falla (sprich: de Faiya), die ich am Liebsten hörte. Später kam noch Offenbachs "Schlittenfahrt" dazu. Ich mochte alle Stücke auf ihre Art, es war keins dabei, das mich nach einer Weile genervt hätte. Manchmal während der Tournee hatte ich das Gefühl, dass die beiden heute brillanter spielten als im Durchschnitt, aber ihre eigenen Einschätzungen waren meist ganz anders, so hielt ich mich mit Kommentaren dieser Art zurück.

Ich habe es jedenfalls genossen. Einmal während der Vorbereitungszeit in Berlin fing Ithay spät am Abend an, Cello zu üben für den nächsten Tag. Er spielt erstes Cello im Staatsorchester in Halle. Ithay übte oft nachts, in ihrem Haus in Berlin schien das zu funktionieren. Gabriella war schon zu Bett gegangen und ich stand im Garten, trank Rotwein, rauchte, sah dem kleinen weißen Hund nach, der zu keiner Tages- oder Nachtzeit zu schlafen schien und hörte dem Cello zu. Müde wie ich war, schaffte ich es noch bis auf die Wohnzimmer-Couch, wo ich erst einmal liegen blieb. Ich driftete weg, wenn ich diese Musik hörte, es träumte sich dabei so schön. Als ich dann irgendwann aufstand und mich verabschiedete, hörte Ithay auch mit dem Üben auf.

Vielleicht kann der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern und Deutschen hier in Ausschnitten von der äußeren Peripherie aus ein wenig genauer betrachtet werden. Denn politisch repräsentieren Ithay und ich durchaus in einer Weise Israel, Palästina und Deutschland. Was die Tournee interessant und authentisch machte, war die Tatsache, dass wir nicht von vornherein den Konflikt für uns gelöst hatten, sondern etwas ganz anderes machten: neue Erfahrungen. Es gibt durchaus Israelis und Juden, die mir in politischen Kontexten näher stehen als Ithay. So unterschiedliche Personen wie Felicia Langer, Uri Avnery, Abraham Melzer, Shraga Elam, Michel Warschawski, Moshe Zuckermann, Moshe Zimmermann, Uri Davis, Ilan Pappe, Paul Eisen, Avraham Burg, Noam Chomsky, Michael Neumann, Amira Hass oder Tom Segev, um ein paar Beispiele zu nennen. Ithay repräsentiert in erster Linie natürlich sich selbst, er kommt aber auch aus der Kibbuz-Bewegung und steht insofern - auch wenn Politik nicht sein Hauptfeld ist - für einen Teil der israelischen Linken. Im weitesten Sinne Arbeiterpartei, nicht Likud. Für zwei souveräne Staaten und gegen die Besatzung. Gegen Hubschrauberangriffe, gegen Terroranschläge und für die Menschenrechte. Gleichzeitig ist ihm die Sicherheit Israels wichtig und er ist loyal zu seinem Land und dem Judentum, so wie er es auffasst. Er war in der israelischen Armee, als Musiker.

Da das Duo Rubin im Gegensatz zu mir nicht journalistisch tätig ist und auch nicht den Zeitungsdiskurs seit Jahren beobachtet, erwartete und forderte ich keine intellektuelle Herangehensweise. Zwar gab es ein paar Punkte zur Geschichte, über die wir sprechen wollten und mussten, ebenso wie über das Thema Gewalt. Aber schnell merkten wir alle drei, dass es in der Hauptsache darauf ankam, dass wir einander erst einmal zuhörten und einander kennen lernten. Durch ihre Initiative hatte das Duo Rubin bereits zu erkennen gegeben, dass es diese Begegnung wollte. Der Kibbuz, in dem Ithay aufgewachsen ist, liegt in der Nähe von Nazareth. Wenn ich an einem klaren Abend vom Berg aus, auf dem meine Großeltern gelebt haben, über die Terrasse zum Horizont schaute, konnte ich die Lichter von Nazareth sehen. Dazwischen liegt die grüne Grenze. Dazwischen liegt so vieles. In unserer gemeinsamen Aktion lag eine Chance, das ahnten wir recht schnell. Da war irgendetwas dran. Vielleicht einfach nur deshalb, weil wir in ähnlicher Weise tolerant waren, im Wesen friedliebend, und Musiker.

Es war das Ende des zweiten Teils der Premiere von Shalom-Salam. Ich erwachte aus dem Traum, den ich während des langen Parts vom Duo Rubin geträumt hatte. Das Publikum war ebenso zufrieden. Sie spürten, dass wir hier auf der Bühne für eine bestimmte Sache standen und sie wollten diese Sache. Nach mehreren Applausen kam ich am Schluss wieder auf die Bühne und packte die Gitarre aus, während sich Ithay auf das Schluss-Stück konzentrierte, das wir nun gemeinsam spielten. Ein Mikro brauchten wir nicht, die Akustik war perfekt. Gegen Ende der Tournee, als die Routine die Worte geschliffen hatte, sagte ich: "Meine sehr geehrten Damen und Herren, nachdem wir nun eine Grenze überschritten haben, die zwischen Palästina und Israel, möchten wir zum Schluss noch eine Grenze überschreiten, nämlich die zwischen E-Musik und U-Musik. Es folgt ein Stück, das ich geschrieben habe, mit dem Titel: Wie oft wirst du es noch tun". Ich liebte es, dieses Stück mit Ithay zu spielen. Dass Gabriella bei diesem Lied nicht mitgespielt hat, lag daran, dass wir nicht die Zeit und Möglichkeit hatten, um eine vollständige Partitur auszuarbeiten. Es gab also noch Potenzial, wir konnten uns noch steigern, wenn wir zum Beispiel eine Fortsetzung der Tournee erwogen. Nur selten hatte ich in letzter Zeit mit Leuten musikalische Nähe erreichen können. Mit Ithay konnte ich frei spielen. Er war tolerant, er ließ mich einfach sein. Ich brauchte keine Angst oder Hemmungen zu haben. Umgekehrt war es genauso.

Ich bin kein Virtuose auf der Gitarre und im Gesang. Jedenfalls meistens nicht. Ich übe auch meist nicht viel, weil ich beim Üben auf neue Stücke komme, die ich dann lieber komponiere als das Alte zu spielen. Außerdem kenne ich Phasen, in denen Stimme und Gitarrespiel optimiert waren. In diesen Phasen hatte ich allerdings negative Erfahrungen gemacht, die mich noch immer hemmten. Wenn ich nämlich gut spielte, brauchte ich ein Publikum. Und wenn das nicht zu erreichen war, bekam ich große Probleme mit der inneren Balance. Ich war froh, dass Ithay und Gabriella das Lied mochten. Eine Ballade, in einer Tradition geschrieben, die auch mal deutsch war, heute aber als Chanson meist mit Frankreich assoziiert wird.

Das Publikum freute sich in erster Linie darüber, dass wir es zusammen aufgeführt hatten, aber auch über das Lied habe ich im Lauf der Tour von einigen Leuten gehört, dass es sie berührt habe. Mehr kann sich ein Künstler nicht wünschen. Dafür ist der Song ja geschrieben und er hatte sich bei Freunden und in früheren Veranstaltungen bewährt. Michael Krebs, von dem ich später mehr erzähle, war jedes Mal begeistert, wenn wir es spielten. Den Text des Stücks füge ich hier ein, die Botschaft liegt aber eher in der Melodie, und in diesem Falle im Zusammenspiel. Im Internet kann man es sich anhören:

WIE OFT WIRST DU ES NOCH TUN?
Anis 2000, Song # 82, C-Moll

1. So viele Leute, Jäger und Beute, wie oft wirst du es noch tun?
Ein Mal? Zwei Mal? Wie oft wirst du es noch tun?
2. Einmal vor langer Zeit, da reisten wir um die Welt.
Du warst so schön, ich war schön, es hat uns keiner gefehlt.
3. Du hast gewonnen, du hast verloren, wie oft wirst du es noch tun?
Drei Mal? Vier Mal? Wie oft wirst du es noch tun?
Sleep my child, Daddy's here by your side.
4. (instrumental)
5. Du sagst ja, du sagst nein, wie oft wirst du es noch tun?
Ein Mal? Zwei Mal? Mit wem wirst du es noch tun?
Wir waren gefahren um die Welt, oh yeah.
Die ganze Welt, ja, die ganze Welt
Sleep my child, Daddy's here by your side.

Gabriella kam wieder zurück auf die Bühne und wir standen zu dritt da. Die Leute standen auf und klatschten. So etwas kannte ich noch nicht. Dass welche aufstehen, meine ich. Es war also erfolgreich. Dann konnten wir ja weitermachen.



Shalom-Salam-Infos

Bevor es mit der Reise weitergeht, hier einige allgemeine Informationen über das Projekt Shalom-Salam, über das Projekt "Kinder lehren Kinder" von Givat Haviva, über das Duo Rubin und über mich. Kein Krieg hat ewig gedauert. Irgendwann wird auch dieser Krieg zuende sein und dafür wollen wir bereit sein. Die folgenden Pressemitteilungen sind auch zu finden unter www.anis-online.de/1/orient-online/salam-shalom.htm:

"Shalom - Salam", Benefiz-Konzerttournee vom Duo Rubin und Anis Hamadeh zugunsten des jüdisch-arabischen Friedenszentrums Givat Haviva

Am Sonntag, dem 9. Mai, beginnt im Leipziger Gewandhaus eine einmonatige Benefiz-Konzertreihe zu Gunsten des jüdisch-arabischen Begegnungsprojektes "Kinder lehren Kinder" des Friedenszentrums Givat Haviva in Israel. "Shalom - Salam", das hebräische und das arabische Wort für "Frieden" bilden den Tourneetitel, unter dem das in Berlin lebende israelisch-ungarische Duo Rubin und der deutsch-palästinensische Schriftsteller Anis Hamadeh in zahlreichen deutschen Städten auftreten werden.

In dem Projekt "Kinder lehren Kinder", dem der Reinerlös der Konzerte zukommen wird, treten jüdische und arabische Kinder oft erstmalig durch gemeinsame Aktivitäten in den Dialog. Weil diese Friedensbasis einen Hoffnungsschimmer im Nahostkonflikt darstellt hat Bundespräsident Johannes Rau die Schirmherrschaft für die Benefiztournee übernommen, um zu würdigen, wie Givat Haviva sich "vorbildlich für Frieden und Verständigung zwischen Juden und Arabern einsetzt." Givat Haviva wurde für seine Verständigungsarbeit 2001 mit dem UNESCO-Friedenspreis ausgezeichnet.

Verständigung ist auch das Anliegen der Künstler, die den Reinerlös der Tournee diesem Projekt zukommen lassen werden. Das international renommierte Duo Rubin - Ithay Khen, preisgekrönter israelischer Cellist und Stipendiat des Berliner Philharmonischen Orchesters und Gabriella Gonda-Khen, die erfolgreiche ungarische Konzertpianistin - nehmen ihre unterschiedliche Herkunft zum Anlass, den Gedanken der Völkerverständigung in ihre Arbeit einfließen zu lassen und die Musik als internationales Kommunikationsinstrument zu verwenden. Für Anis Hamadeh, den in Kiel lebenden Schriftsteller und Musiker, "gibt es keinen Konflikt, den man nicht lösen kann." Der Islamwissenschaftler hat sich nicht nur in Prosatexten mit dem Nahostkonflikt auseinandergesetzt, sondern ist durch seinen im Westjordanland geborenen Vater auch familiär mit der Region verbunden.

Um der kulturellen Vielfältigkeit der Region und der vielseitigen Friedenstätigkeit von Givat Haviva gerecht zu werden, wurde ein buntes Tourneeprogramm entworfen, das von DaimlerChrysler Services finanziell unterstützt wird. Im Programm werden selten gehörte arabische und israelische Kompositionen präsentiert. Unter anderem werden klassische Highlights von Paganini, Chopin und Piazzolla gespielt. Anis Hamadeh trägt neben eigener Prosa auch solche von jüdischen wie arabischen Schriftstellern vor. Und als visuelles Vorprogramm werden Ausschnitte aus "Mit den Augen des Anderen" gezeigt - einem Film, der nicht die üblichen gewaltdominierten Bilder zeigt, sondern davon zeugt, wie arabische und jüdische Jugendliche Hass und Vorurteile überwinden. In einem Kurs des Kunstzenrums von Givat Haviva lernen sie gemeinsam das Fotografieren und dabei sich gegenseitig in ihren jeweiligen Lebenswelten kennen.

Das Duo Rubin hat die deutschlandweite Friedenstournee initiiert, weil "dem ständig wachsenden Verlust an Vertrauen auf beiden Seiten Positives entgegengesetzt werden muss" - auf politischer und diplomatischer Ebene wie im täglichen Leben; nicht nur im Krisengebiet, sondern überall auf der Welt: auf Straßen und Plätzen, in Schulen und Sporthallen, in Theatern und in Konzertsälen."

Givat Haviva - Educational Institution

Givat Haviva ist eines der größten, ältesten und führenden Institute, das sich in Israel für jüdisch-arabische Verständigung einsetzt, den kulturellen und religiösen Pluralismus fördert, für demokratische Werte und Frieden wirkt und die Vergangenheit des jüdischen Volkes in erzieherischer Arbeit der Jugend von heute nahe bringt.

Givat Haviva wurde im Jahre 1949 als das nationale Erziehungszentrum des Kibbuz Artzi Verbandes gegründet. Der zentrale Campus von Givat Haviva umfasst 15 ha und liegt in der Scharon-Ebene, ziemlich genau in der Mitte zwischen Haifa und Tel Aviv.

Heute bietet Givat Haviva einer vielfältigen Bevölkerung formelle und nicht formelle Erziehungsprogramme an. Givat Haviva gewann unter anderen die Anerkennung von Akademikern, Lehrer, Pädagogen und Sozialarbeitern auf Grund der erzieherischen Arbeit die hier geleistet wird. Im Besonderen wird Givat Haviva für den Einsatz der Mitarbeiter und deren Verpflichtung Wissen und kulturellen Pluralismus zu vermitteln, geachtet. Zehntausende Menschen nehmen jährlich an den verschiedenen Seminaren, Kursen und Workshops, die in Givat Haviva abgehalten werden, teil. Manche kommen nur für einen Tag, andere bleiben ein volles, intensives Studienjahr.

Die Themen, auf die sich das Institut spezialisiert, reichen von jüdisch-arabischer Koexistenz bis zur Geschichte des Nahen Ostens, die Wurzeln des Zionismus, arabische Sprache und Kultur, die Geschichte des Holocausts und des jüdischen Widerstandes bis zur Geschichte der Kibbuz- und Arbeiterbewegung in Israel. Die im Januar 2001 eröffnete Friedensbibliothek in Givat Haviva enthält Millionen von Dokumenten und bietet über 120.000 Bände in 5 Sprachen an. Das Archiv und die Bibliothek dienen nicht nur den Studenten und Lehrern des Campus, sondern auch Forschern und Doktoranden aus der ganzen Welt.

Givat Haviva - eine Brücke zwischen zwei Völkern

Seit dem Ausbruch der zweiten Intifada im Oktober 2000 haben sich viele die Frage gestellt, wie es mit dem Friedensprozess weitergeht. Israel und Palästina stecken heute - und wohl nicht zum letzten Mal - in einer Sackgasse. Trotzdem sind sich die Friedensinstitute wie Givat Haviva einig, dass der Frieden vor allem von unten wachsen muss. Erst, wenn die Menschen in der Region sich begegnen wollen, fängt der Prozess der Verständigung und des Vertrauens zueinander langsam an. Dies erfordert eine geduldige Erziehungsarbeit, die auch im Oslo-B Abkommen vertraglich vereinbart wurde. Nur: Diese Forderungen müssen dann auch in die Praxis umgesetzt werden, wenn auf beiden Seiten geschossen wird, wenn sich das politische Klima verschlechtert, und es scheint, dass frühere Versuche der Annäherung keine Resultate eingebracht haben.

Krisenzeiten können auch Gelegenheiten für bessere und intensivere Zusammenarbeit bieten. So hat sich gerade die langjährige Zusammenarbeit mit den israelischen Palästinensern in Givat Haviva bewährt und bewiesen, dass die tägliche Friedensarbeit, die Zivilgesellschaft in Israel zu stärken und Brücken zwischen Juden und Arabern zu bauen, stärker ist als die wechselnde politische Lage. In all den 40 Jahren seit der Gründung des jüdisch-arbischen Zentrums für den Frieden in Givat Haviva hat diese Zusammenarbeit nicht einen Tag geruht und geht auch heute weiter.


Über das Duo Rubin

Der brillante israelische Cellist Ithay Khen war Stipendiat der berühmten Karajan-Akademie des Berliner Philharmonischen Orchesters und musizierte unter den Dirigenten Claudio Abbado, Georg Solti, Daniel Barenboim und Sir Simon Rattle. Mit der erfolgreichen Konzertpianistin Gabriella Gonda-Khen unternahm er Konzerttourneen durch ganz Europa, in die USA und nach Asien. Damit begründete das Duo Rubin sein internationales Renommee. Die beiden Künstler nehmen ihre unterschiedliche Herkunft zum Anlass, den Gedanken der Völkerverständigung in ihre Arbeit einfließen zu lassen und die Musik als internationales Kommunikationsinstrument zu verwenden. Mehr über das Duo Rubin auf der Homepage www.duorubin.de.

Über Anis

Anis Hamadeh ist Musiker, Schriftsteller und Essayist und lebt in Kiel. Den Nahen Osten kennt der deutsch-palästinensische Islamwissenschaftler seit vielen Jahren unter anderem durch intensive Reisen. Im Februar war er auf einer Lesereise durch Ägypten. Die Freiheit und Selbstbestimmung der Palästinenser ist ihm ein wichtiges Anliegen, das er auch literarisch umsetzt. Er ist engagiert und streitbar; für ihn gibt es keinen Konflikt, den man nicht lösen kann. Anis Hamadeh hat circa zehn Bücher geschrieben und einhundert Lieder. Er ist Redakteur der Seiten www.anis-online.de und www.virtual-palestine.org.

Wir haben zwar unterschiedliche Geschichtsbücher...
Pressemitteilung zur Shalom-Salam-Tournee, Anis Hamadeh, 12.04.04

Als mich das Duo Rubin vor einem halben Jahr gefragt hat, ob ich bereit sei, den palästinensischen Part für eine Benefizveranstaltung zu Gunsten palästinensischer und israelischer Kinder im Rahmen der Friedens- und Dialogarbeit von Givat Haviva zu übernehmen, habe ich natürlich Ja gesagt. Denn zwei Dingen - so sie wirklich ernsthaft gewünscht werden - darf man sich nicht verweigern: dem Frieden und dem Wohl der Kinder. So lernte ich Ithay Khen und Gabriella Gonda-Khen kennen. Nermin Sharkawi aus Berlin hatte das vermittelt.

In der Zeit unserer Vorbereitungen und Proben lernten wir mehr voneinander; ich besuchte sie einige Male in Berlin und übernachtete auch in ihrem Haus. Ithay ist als Israeli geboren und hat Verwandte in Israel, Gabriella ist Jüdin mit ungarischem Hintergrund. Ich bin Deutscher mit einem Vater, der in der Westbank nahe Jenin geboren und aufgewachsen ist und habe mich so lange und so intensiv mit diesen Wurzeln beschäftigt, dass ich Begriffe wie "Deutsch-Palästinenser" oder "arabischer Deutscher" nicht als falsch empfinde. In arabischen Ländern werde ich meist als Araber identifiziert, auch das stört mich nicht. Ich bin auch Araber. Sowieso Weltbürger.

Durch meine Network-Arbeit habe ich bereits einige Israelis und Juden (Anm.: Da sich jüdische Identität sehr häufig in einem Bekenntnis zu Israel äußert, sehe ich hier fließende Grenzen) kennen gelernt, nette und weniger nette, doch dieses Projekt ist auch für mich etwas Neues. Über Politik haben wir anfangs fast gar nicht gesprochen. Vielmehr habe ich meinem Instinkt vertraut, da Ithay in Kenntnis auch meiner kritischen Schriften auf mich zugekommen war. Im Verlauf unserer Begegnung geschah etwas Seltsames: Wir merkten einerseits, dass wir ohne viele Probleme miteinander umgehen können, und andererseits, dass unsere politischen Vorstellungen durchaus voneinander abweichen.

So haben wir recht unterschiedliche Geschichtsbücher und auch unsere Einstellungen gegenüber staatlichen Ordnungen und Maßnahmen - nicht nur in Bezug auf Israel - sind nicht kongruent. Angesichts der extremen Situation in Palästina/Israel und der Welt könnte das zu einer unversöhnlichen Distanz führen. Diese spüren wir aber nicht. Es ist, als würde uns etwas trennen, das nicht zu uns gehört, das wir also nicht ins Zentrum unseres Verhältnisses stellen müssen.

Die Musik des Duo Rubin finde ich wunderschön, ebenso wie auch meine Kunst von den Beiden respektiert und geschätzt wird. Die Motivationen ihres persönlichen Lebens teile ich in vielen, wichtigen Dingen. Kulturelle Unterschiede halten wir alle drei nicht für problematisch, oft sogar für anregend. Und der Wille zum Frieden und zur Verständigung eint uns.

Dabei ignorieren wir die politische Lage keineswegs, das Gespräch darüber bricht nicht ab. Ich bin mit den Einstellungen des Spektrums der israelischen Linken einigermaßen vertraut und kenne auch den Unterschied zu anderen Spektren der israelischen Gesellschaft. In einer Weise beruhigen mich Ithay und Gabriella und geben mir Hoffnung, weil sie offen sind, neugierig, kreativ und frei. Manches, was ich hörte, tat mir auch Weh, weil ich andere Informationen habe und bekomme, umgekehrt mag es ähnlich sein. Diese Punkte könnte ich an dieser Stelle ausformulieren und auf den Punkt bringen, aber ich habe kein Bedürfnis danach. Es geht hier um etwas anderes.

Wenn wir ein gemeinsames Geschichtsbuch hätten, dann wäre diese Grauzone verschwunden. Es wird eines Tages ein solches Buch geben. Und es wird eines Tages Frieden geben.

Vorwort vom Duo Rubin:

"Israel - Vadi Ara - September 2000, wir sind unterwegs, um Verwandte zu besuchen. Uns bietet sich ein erschütternder Anblick: überall verbrannte Autoreifen, Bushaltestellen und Straßenlaternen sind zertrümmert, die Fahrbahn ist beschädigt, das Tal ist unpassierbar. Wir sind schockiert, diese Strecke ist uns seit Jahren vertraut, wir kennen das Vadi Ara als ruhige, friedliche, geradezu idyllische Gegend. Niemals hätten wir geglaubt, dass bei der hier überwiegend arabischen Bevölkerung eine derart große Wut herrschen könnte, die - als Ausdruck ihrer Solidarität mit den Palästinensern - ein solches Ausmaß an Zerstörung hervorrufen würde.

Der Schock sitzt tief, die Eindrücke lassen uns nicht in Ruhe, auch als wir wieder in Berlin sind. Uns ist klar: dem ständig wachsenden Verlust an Vertrauen auf beiden Seiten muss begegnet werden - und zwar weltweit: sowohl auf politischer Ebene als auch im täglichen Leben. Es liegt nahe, unsere Musik als Kommunikationsmittel zu nutzen. So initiieren wir die deutschlandweite Friedenstournee Shalom-Salam. Wir freuen uns, den deutsch-palästinensischen Schriftsteller Anis Hamadeh für unser Projekt gewonnen zu haben. Glücklich sind wir auch über die Schirmherrschaft von Bundespräsident Johannes Rau."


Essen am Runden Tisch

Wir gingen nach der Premiere über die Fußgängerzone, wo große Bilder von Daniel Barenboim hingen, der im Juli hier spielen würde. Ich grüßte den Maestro. Ithay und Gabriella haben schon mit ihm gespielt, sie kannten ihn. Mir fiel auf, dass er eine gute Klammer bildete, weil wir ihn gemeinsam hoch schätzten. Georg Meggle führte uns zu einer historischen Wirtschaft. Professor Meggle war der einzige in der Runde, der sozusagen von meiner Seite dazukam, die anderen, Alex Elsohn, Stefan, Benny und Michael Krebs, sie kamen im weitesten Sinne über das Duo Rubin dazu. Meggle lehrt Philosophie an der Uni in Leipzig und arbeitet unter anderem zum Thema "Terror", wovon später ausführlicher erzählt wird. Ich war froh, dass diese erste größere Runde während der Tour so harmonisch war. Im Verlauf der Wochen fiel mir das immer wieder auf: Wir kamen mit den Leuten des jeweils anderen gut zurecht.

An einem runden Holztisch saßen wir in mittelalterlicher Atmosphäre, sprachen über das Konzert und lernten einander kennen. Alex erzählte von seinen derzeitigen Reisen zwischen der Schweiz, Tel Aviv und Deutschland. Er war für ganz Europa zuständig und organisierte Treffen, fand Sponsoren, machte Givat Haviva bekannt. Ein gewisses Misstrauen Konfliktbeteiligten gegenüber habe ich immer, auch mir selbst gegenüber, und gerade, was Givat Haviva betraf, so konnte ich das zu Beginn noch nicht ganz abschätzen. Sie bekamen kein Geld von der derzeitigen israelischen Regierung, das war in meinen Augen ein wichtiger Punkt. Während der Regierungszeit der Arbeiterpartei wurde es staatlich gefördert. Aus Networkerkreisen hörte ich vereinzelt, dass Givat Haviva eine israelische Sache sei und keine palästinensische. In der Tat stammen die meisten Beteiligten aus dem 48er-Gebiet, also aus dem heutigen Staatsgebiet von Israel. Kontakte zu Palästinensern der Westbank sind aber da. Ich hatte die mir zur Verfügung stehenden Newsletter und Broschüren aus der Pressemappe studiert und war gewillt, konstruktiv zu der Sache beizutragen, um herauszufinden, ob hier eine Zusammenarbeit sinnvoll war. So etwas konnte man nicht aus Büchern oder Texten erkennen. Ausprobieren. Bis jetzt war es schon mal gut gegangen.

Georg Meggle erzählte uns von Leipzig und den Ereignissen von 1989. Den Versammlungen in der Kirche nebenan, und dass man diese Mentalität in Leipzig schon noch spüren könne. "Sie kamen dann aus der Kirche und setzten sich vermutlich hier an diesen Runden Tisch, um weiterzureden." Geschichte atmen. An der Revolution schnuppern. Erst gegen zwei Uhr morgens bin ich im Hotelbett eingeschlafen.


Mittags in Halle

(10.05.04) Am Vormittag brachte mich Michael das kurze Stück nach Halle. Er fuhr zu einer parallelen Lesung weiter, bei der aus den Memoiren des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, gelesen wurde. Wir holten eine professionelle Schauspielerin ab, die den Text lesen würde. Das Duo Rubin war bei diesem Event auch dabei und spielte, ich verzichtete und ruhte mich ein paar Stunden im Hotel aus. Es waren viele Eindrücke zu verarbeiten. Zum späten Mittagessen trafen wir uns im Hotelrestaurant und besprachen die Lage. Wir fühlten uns wohl, wenn wir auch ausgepowert waren. Wir kamen überein, dass wir in der zweiten Hälfte des Programms den Ausschnitt aus dem Jugendroman "Samir und Jonathan" von Daniella Carmi (Hansa-Verlag, 1994) ersetzen wollten, da ein langer Text reichte. Im ersten Teil las ich nämlich Ausschnitte aus: "Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem" von Amal Rifa'i und Odelia Ainbinder (mit Sylke Tempel, Rowohlt Berlin, 2003), der Sammlung eines authentischen Briefwechsels zwischen einer jungen Israelin und einer jungen Palästinenserin, beide aus Jerusalem. Dieser Text hatte viele im Publikum beeindruckt und er zeigt den Konflikt, zu dessen Lösung wir beitragen wollten. Die Presse hat zuweilen leider geschrieben, dass dieses Buch von mir sei. Das ist nicht der Fall, ich habe daraus nur vorgelesen, das hatte ich aber auf der Bühne auch deutlich gesagt.

Weil mir der verbale Part der Veranstaltungen oblag, machte ich mir Gedanken über die Verantwortung. Zwar begann Gabriella mit ein paar Worten, doch Ithay zum Beispiel sagte eigentlich gar nichts, wollte sich nur als Musiker und Teil des Projekts zeigen, was völlig legitim war. Ich wollte und durfte also nicht in einer Weise sprechen, die meine individuelle Meinung widerspiegelte, sondern unsere Meinung. Das war manchmal eine Gratwanderung. Aber es funktionierte und es gab niemals Streit wegen der Worte. Darauf war ich stolz, denn ich hatte mich nie verleugnen müssen.

Das Duo Rubin hatte heute zwei Auftritte, das war anstrengend. Live-Musiker müssen sich stärker konzentrieren als Vorleser, sie müssen mehr auswendig drauf haben, die Finger müssen aktiviert sein. Die einzige Nervosität, die ich selbst gelegentlich spürte, war wegen des Songs am Ende. Alles andere war locker. Deshalb nahm ich auch insgesamt Rücksicht darauf, wenn die beiden mal nervöser waren oder genervt. Sie hatten die ganze Vorbereitung an der Backe, ich hatte insgesamt weniger Arbeit. Die ganze Sache war ihre Initiative, das durfte man nie vergessen. Aus Respekt vor dieser Tatsache half ich, wo ich konnte, auf meinem Gebiet, stellte etwa eine Webpage her mit allen Infos der Tour. Hatte auch die Internet-Gemeinde informiert, wenngleich ich mit meinen Ergebnissen in puncto PR nicht immer zufrieden war. Es kamen zu wenig Leute aus palästinensischen und arabischen Kreisen, ich hätte es besser vorbereiten und ein paar Leute anrufen können. Andererseits ist es immer problematisch, für eigene Sachen selbst Werbung zu machen. Immerhin, die Reaktionen, die ich zum Beispiel über Emails bekam, waren insgesamt positiv. Der Impuls war angekommen.

Gabriella und Ithay teilten sich einen Eisbecher zum Nachtisch. Vielleicht sollte ich doch "Ausgangssperre für Gefühle" lesen, mein aktuelles Gedicht, das bereits in Ägypten erfolgreich war und in drei Sprachen vorlag. Warum nicht, meinten die beiden, hast du es denn dabei? Hatte ich nicht. Vielleicht kannst du es hier im Hotel aus dem Internet ausdrucken, schlug Gabriella vor. Ah! Es lebe das Internet! Am Tresen erfuhr ich, dass nur die Hotelmanagerin einen Internetanschluss und Drucker hatte, man rief sie aber gleich an und ein paar Minuten später kam sie die Treppen herunter. Ich erklärte ihr in wenigen Worten, worum es ging, dass ich eine Seite ausgedruckt brauchte, und sie reagierte freundlich. In ihrem Büro klickte ich meine Homepage an und sie sagte: "Oh, das sind ja Sie", als sie mein Foto sah. Als ich das Gedicht ausdruckte, meinte sie: "Das ist aber kein gewöhnliches Gedicht." Ich grinste. Sie war eine attraktive Frau. So wenig Zeit und so viele schöne Frauen... Aber ich war ohnehin eher schüchtern und so blieb es dabei.


Konzerthalle Ulrichkirche, Halle

Ithay war etwas angespannt, weil einige seiner Kollegen aus dem Orchester von Halle im Publikum saßen. Es klappte aber alles gut. Auch der Film funktionierte dieses Mal. Gabriella kam auf die Bühne und kündigte ihn an. Er dauerte nur ein paar Minuten und zeigte die Arbeit von Givat Haviva. Man sah Jugendliche, die sich gegenseitig fotografierten. Man konnte nicht genau sagen, wer von ihnen Israelis, nein: Juden waren, und welche ursprünglich Arabisch sprachen und palästinensisch waren. Es waren einfach junge Leute, die einander begegneten. Es gab mehr Neugier als Spannung. Sie gingen auch über die Grenzen in die Häuser der jeweils anderen. Sahen sich dort um, fotografierten, was im Kühlschrank und im Kleiderschrank war, waren ausgelassen.

Ich sah diesen Film zum wiederholten Mal. Irgendwann werde ich die mal besuchen, dachte ich. Wollte es aus der Nähe sehen. Wie mochten die drauf sein? Wie gingen sie mit dem Konflikt um? Das konnte man in den paar Minuten nicht erkennen. Auch war die kurze Bühnenversion nur mit Musik unterlegt, ohne O-Töne. In der Langfassung des Films hörte man sie sprechen. Später in Bocholt hatten wir versehentlich einmal die Langfassung dabei, da wurde mir klar, dass sie alle Hebräisch sprachen. Ich fand das etwas problematisch, weil es eine gewisse Hegemonie bedeutete. Doch wandelte ich das insofern konstruktiv um, als ich mir vornahm, durch meine eigene Partizipation das Arabische einzubringen, das mir fehlte. Als ich schließlich am Ende der Tour in Berlin den palästinensischen Pressesprecher von Givat Haviva, Mohammad Darawshe, sowie Sarah Ozacky-Lazar kennen lernte, die Leiterin der Forschungsabteilung von Givat Haviva, eine jüdisch-israelische Historikerin, die sehr gut Arabisch spricht, waren meine Bedenken zerstreut. Das waren auf jeden Fall Leute, mit denen man reden konnte. Inklusive Alex Elsohn natürlich, der heute in Halle vorerst das letzte Mal bei uns war und erst in Berlin wieder zu uns stoßen würde.

Auch dieser zweite Auftritt der Tour war noch Neuland. Routine stellte sich erst später ein, eigentlich erst ganz am Ende. Ein palästinensischer Student kam nach dem Auftritt hinter die Bühne und wir unterhielten uns eine Weile. Er war wie viele: wollte sich gern engagieren, wusste aber nicht genau wie. Es gab viel Potenzial in der Gesellschaft, das wir erreichen konnten. Der Veranstalter in der Ulrichkirche, Dr. Haupt, hatte ein Grußwort gesprochen und uns etwas über die Geschichte der Kirche erzählt, die heute nur noch als Konzerthalle genutzt wird. Die Fahnen an der Wand zum Beispiel, so erklärte er, sind reine Fantasiefahnen. Sie haben den einzigen Zweck, die richtige Akustik herzustellen.

Mit Michael Krebs aßen wir zu Abend, der danach glatt noch den ganzen Weg zurück nach Köln gefahren ist. Ganz schöne Kondition. Wir würden uns schon bald wiedersehen. Für das Duo Rubin und mich ging es am nächsten Tag zeitig nach Vreden in Westfalen weiter, an die niederländische Grenze, zur zweiten Etappe.

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