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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (2)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 2: Vreden und Wesel


Inhalt : Vreden - Auftritt in der Stiftskirche - Ausgangssperre für Gefühle - Bettina Oehmen - Wesel

Vreden

(11.05.04) Im Pfarrhaus von Vreden war es recht gemütlich. Wir hatten die halbe obere Etage, in der wir uns ausruhen konnten, bevor in zwei Stunden der Auftritt begann. Ich saß auf dem Balkon, die Sonne schien, Vögel zwitscherten und von irgendwo hinter den Bäumen hörte man ein Wasser rauschen. Auf dem Platz zwischen dem Pfarrhaus und der Stiftskirche, in der wir gleich sein würden, spielten Kinder. Wir waren vom Rathaus herübergekommen, wo wir einen kleinen Empfang hatten, fünf Minuten von hier.

Vreden ist eine alte Stadt. Da war ein schöner Kontrast zwischen den vielen Kindern auf der einen Seite und der Kirche aus dem zehnten Jahrhundert auf der anderen. Jeder von uns bekam bei dem Empfang ein Buch und eine Pressemappe über Vreden geschenkt. Ein älterer Herr und eine ältere Dame von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) waren ebenso bei diesem Gespräch wie der Pfarrer, eine Frau aus dem Stadtrat und eine Frau, die für die Website von Vreden ein paar Fotos machte und die später auch beim Aufbau des DVD-Spielers in der Kirche half. In der Kirche dann trafen wir den Küster sowie einen Klavierstimmer bei der Arbeit.

Die Frau aus dem Stadtrat hatte uns als erste empfangen und mit zu sich genommen, zu Kaffee, Brötchen und Kuchen. Den Kuchen hatte die Dame von der DIG gemacht. Apfel. Recht lecker. Die Frau aus dem Stadtrat hatte uns mit ihrem Auto zu sich gelotst. Auf der Heckscheibe ihres Wagens stand groß: "Gib Nazi's keine Chance". Ich fand diese Abschreckparole etwas befremdlich. Jedesmal, wenn man auf das Schild sah, dachte man unwillkürlich an Nazis. Was, wenn jemand auf sein Auto schreibt: "Gib Mördern keine Chance". Klingt doch irgendwie seltsam. Aber gut, es gibt eine Meinungsfreiheit, und ich fand es auch nicht verwerflich. Es hatte mir nur zu denken gegeben. Als Ithay das Schild entdeckte, meinte er, dass wir also "bei den richtigen Leuten" seien. Das fand ich dann auch etwas seltsam. Offensichtlich hat er diese Bekundung mit einer anderen Botschaft verknüpft, als Zeichen erkannt.

Noch bevor es an den gedeckten Tisch ging, sagte die Frau, dass sie pro-israelisch sei. Ich fragte sie nicht, was sie damit meinte, weil es mich nicht interessiert hat. Sie betonte dann aber, dass ihr das Schicksal der Pals nicht gleichgültig sei. Dem Duo Rubin war es etwas unangenehm, dass sie "pro-israelisch" gesagt hatte und sie relativierten den Begriff, sprachen mich später auch kurz darauf an. Wieder bemerkenswert, denn wieder interpretierten wir unterschiedlich. Ich realisierte, dass diese Frau durch ihre Bekundungen eine Art von Rebellion auslebte, die mit ihrer eigenen Umgebung zu tun haben musste, denn ihre Bekundungen galten dieser Umgebung. Es waren neben einigen jüdischen viele christliche Symbole in ihrer Wohnung, auch ein Fisch auf ihrem Auto und die Kette an ihrem Hals. Sie hatte unter ihren zahlreichen Büchern auch eine Koranübersetzung. Ich könnte mir vorstellen, dass der christlich-jüdische Dialog in ihrer kirchlichen und sonstigen Umgebung nicht überall reibungslos verlaufen war und dass dieses "Pro-Israelische" (, das mich anscheinend doch interessierte,) damit zu tun hatte. Mit Deutschland zu tun hatte.

A pros pos pro-israelisch: Ich weiß nicht, was in Vreden geschehen ist und geschieht. Ich weiß aber, wie die Situation meiner Verwandten in der Westbank ist. Die meisten der Jungs und Mädels haben keine vernünftige Arbeit. Sie sitzen herum, beschäftigen sich auf dem Grundstück und sind reichlich desillusioniert. Mein Vater hat sieben Geschwister, die meisten leben mit ihren Familien zusammen auf einem Gebiet, in einem Dorf bei Jenin, und bewirtschaften das Land - Erbe meiner verstorbenen Großeltern. Sie haben schlichte, meist einstöckige Häuser, und es ist nicht weit von Haus zu Haus. Die nächste Generation hat ebenfalls dort gebaut, ebenso wie mein Vater und mein in Hamburg lebender Onkel gebaut haben, vor wenigen Jahren, einem Wunsch nach Rückkehr zu den Wurzeln entsprungen. Die Außenwände selbst dieser neuen Häuser haben Risse, von den Vibrationen der Panzer. Wenn mir mein Cousin Modar eine Email schreibt (ich weiß nicht genau, wo er das eigentlich macht), dann weiß ich oft nicht, was ich ihm sagen soll. Also höre ich ihm zu. Sein Englisch ist ziemlich gut. Er schreibt von der Hoffnungslosigkeit und beklagt die Besatzung. Dann wieder ist er voller Pläne und Ideen. Sein Grundton ist bemerkenswert positiv, er lässt sich nicht unterkriegen. Von der Familie schreibt er meist nicht so viel, allerdings weiß ich, dass sie meine Arbeit inzwischen schätzen und unterstützen. Wenn Modar schreibt, dass er mich manchmal "palästinensischer als die Palästinenser" findet, dann gefällt mir das. Er meint damit, dass ich mich für die Freiheit der Palästinenser einsetze. Allerdings gefällt mir das nur, wenn meine Familie das sagt, weil es da eine persönliche Bedeutung für mich hat. Bei anderen würde ich misstrauisch werden, wenn sie es sagten. Mein Cousin kann meine Internet-News verfolgen, und er war stolz, als die ägyptische Presse kürzlich über mich geschrieben hat. Ich habe das Gefühl, meiner arabischen Familie dadurch etwas geben zu können. Ich weiß nicht, was ich ihnen sonst geben könnte.

Auftritt in der Stiftskirche

Der Auftritt und das ganze Drumherum in Vreden war ausgezeichnet, bis auf diese eine Sache. Zu Beginn des zweiten Teils der Aufführung sprach zunächst einer der Veranstalter ein kurzes Wort, so war es üblich. Danach kam mein Part, ein längerer Literaturblock, darunter jetzt auch das Stück "Ausgangssperre für Gefühle" sowie einige weitere Gedichte aus "Loving Jay". Es gab mir ein besseres Gefühl, wenn ich aus meinen eigenen Sachen las, ich konnte mich dann mehr einbringen und es war authentischer. Schon während des Vorlesens in dem halligen Raum spürte ich jedoch eine seltsame Distanz des Publikums. Seltsam deshalb, weil sie nicht echt war. Da war eine Mauer, Gabriella hat das später beim Abendessen bestätigt. Als ich jedenfalls zuende gelesen hatte, war Totenstille. Mir zog sich der Magen zusammen, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich hatte extra am Schluss "Vielen Dank" gesagt, damit das Publikum merkte, dass Finito war, es gab auch keinen Zwischenapplaus. Was hätte ich tun sollen? Später dachte ich, ich hätte sie vielleicht länger anschauen sollen, anstarren vielleicht, sodass sie sich nur durch den Applaus vor meinem Blick hätten retten können. Ein Teppich aus Blei senkte sich weitläufig auf mich, während ich unauffällig die kleine, und hauptsächlich vom Flügel ausgefüllte, Bühne verließ. Das Duo Rubin kam mir entgegen, um mich abzulösen. Sie sahen mir an, dass etwas nicht stimmte. Vorsichtig bewegte ich mich zu meinem Warteplatz, hoffend, dass das Duo Rubin nicht mit einem Applaus begrüßt würde, weil es mir dann wohl unmöglich wäre, das nicht persönlich zu nehmen. Auch wenn ich ahnte, dass ich hier nicht die ganze Realität erfasste, dass ich stattdessen in einen Atavismus zurückfiel, weil ich heftig an andere Situationen in meinem Leben erinnert wurde...

Es war der Jahrestag des Todes von Professor Ulrich Haarmann, dem Islamwissenschaftler und Mamluken-Spezialisten an der Universität Kiel. Ich wurde von der Sinologie-Professorin gefragt, ob ich zu diesem Anlass etwas auf der Gitarre spielen wollte, und ich spielte die "Aphasic Nights", ein etwa achtminütiges instrumentales Jazzstück, das ich 1994 geschrieben hatte. Die Veranstaltung fand statt im großen Seminarraum des Instituts. Ich unterrichtete damals Arabisch, jedoch führte meine sich aufbauende Kreativität zusammen mit dem Konflikt, den ich mit der deutschen Gesellschaft auszufechten hatte, dazu, dass ich 2001 gehen musste. Gehorchen oder gehen. Ich hatte der Gesellschaft vorgeworfen, dass sie bei Konflikten wegsieht und weghört und dass so Unterdrückung nicht geahndet wird. Dass diese Mentalität obrigkeitsstaatlich und autoritär sei. Ich hatte deutlich formuliert und über Jahre bekräftigt, dass mir dies ein wichtiges Anliegen war und ist. Aber die Gesellschaft hat mir nicht zugehört. Hatte ich ja auch so gesagt. Quod erat demonstrandum. Bei dieser bislang einzigen Aufführung der "Aphasic Nights" saßen hauptsächlich Dozenten der Uni Kiel im Publikum. Ich sagte in der Einleitung, dass es Herrn Haarmanns Bestreben gewesen war, Orient und Okzident zu verbinden, und dass die "Aphasic Nights" aus Stücken bestehen, in denen die Rhythmen und Melodien von Orient und Okzident ebenfalls verbunden werden. Das Stück kam gut an, ich spürte, wie sie es aufnahmen, aber es endete in diesem schweren Schweigen und dieser unerträglichen Stille. Ich nahm an, dass die Leute die Feierlichkeit der Trauerveranstaltung nicht durch einen Applaus profanisieren wollten. Gründe gibt es immer. Es sprach mich aber auch kaum jemand später darauf an und man konnte eigentlich damals schon sehen, dass ich aus diesem Umfeld heraus musste, wenn ich mich weiterentwickeln wollte. Paradox eigentlich, dass man die Universität verlassen muss, um kreativ und offen für Lernprozesse zu bleiben.

Es gab auch noch andere Situationen, an die ich erinnert wurde, frühere, eine Naht riss auf zum alten Schmerz. Für einen Moment. In der Stiftskirche in Vreden. Ich riss mich zusammen. Versuchte, nicht daran zu denken, mit welchem Beifall wir (beziehungsweise das Duo Rubin, denn ich stand nicht mehr auf der Bühne) in die Pause entlassen worden waren. Selbst der DIG-Mann, der vor mir gesprochen hatte, hat Beifall bekommen. Ich saß auf meinem Warteplatz, so, dass das Publikum in den ersten Reihen mich sehen konnte. Die Stiftskirche ist eine Kreuzkirche, der Innenraum also kreuzförmig angelegt. Nach vorn hin gab es die meisten Bänke. Einige auch in den kurzen Seitenstücken, die uns als Backstagebereich dienten. Sie waren größtenteils nicht vom langen Frontbereich aus einsehbar. Mein Gesichtsausdruck war nicht besonders fröhlich, während das Duo Rubin seine vier Stücke spielte, wie immer ein Genuss, trotz allem. Ich klatschte aber nicht mit, hatte sowieso genug von der ganzen Sache und überlegte sogar, ob ich nicht auf den Song am Schluss, "Wie oft wirst du es noch tun", ganz verzichten sollte. Vorher gab es bereits eine Art Schluss, bei dem das Duo Rubin mehrfach von der Bühne ging und wieder zurückkam zur Verbeugung. Normalerweise gönnte ich ihnen das, aber dieses Mal hatte ich Angst davor. In der Menge einsam zu sein, das gehört zu den schlimmsten Dingen, die ich mir überhaupt vorstellen kann. Ich spielte dann schließlich doch den Song, allerdings hielt ich meinen Blick vom Publikum fern, spielte auch nicht für sie, nur für mich selbst.

Das Erstaunliche war, dass an diesem Abend zehn Loving-Jay-Bücher verkauft wurden. Interessant, wie unterschiedlich man Stimmungen offensichtlich interpretieren kann. Nicht nur das: Der Pfarrer von Vreden, ein großgewachsener bärtiger Mann, fragte mich beim Abschied noch einmal nach dem Gedicht "Arten der Liebe 2" aus Loving Jay: "Herrschen will die menschliche Liebe. Heilen will die göttliche Liebe. Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub." Er sagte, er wolle das in seine nächste Sonntagspredigt einbauen. Das hat mich glücklich gemacht.

Nach diesen Ereignissen hinterfragte ich mein Programm. Natürlich, Musik erregte das Publikum physischer als Lyrik, daher war der Applaus nach den musikalischen Beiträgen normaler. Applaus hebt die Spannung auf, die nach der Darbietung eines Stücks in der Luft liegt, er wirkt befreiend auf alle Beteiligten, er löst die Trance auf, beendet die Reise. Ich beschloss, meine Sequenz zu Beginn des zweiten Teils mit dem Königs-Gedicht enden zu lassen. Das war pointiert und genau richtig für den Schluss. Auch Gabriella riet mir dazu. Tatsächlich stellte sich das als erfolgreich heraus.

Ausgangssperre für Gefühle

Nun las ich also doch "Ausgangssperre für Gefühle", das Stück, das ich im Januar geschrieben und im Februar in Ägypten gelesen hatte. Inzwischen hat die Literaturzeitschrift Akhbar al-Adab die arabische Übersetzung veröffentlicht. Es war gut für das Programm geeignet, weil es eine Art "Loving Jay" in Kurzversion ist. Der Lyrikband "Loving Jay" war deshalb passend für die Tour, weil es darin um grundsätzliche Gefühle und grundsätzliche Fragen der Menschlichkeit geht. Auch um Emanzipation von allem Unterdrückenden, selbst der eigene Liebe, wenn sie jemanden unterdrückt. Das schien mir die richtige Ebene zu sein. Hier ist das Gedicht im Wortlaut:

AUSGANGSSPERRE FÜR GEFÜHLE
bambus # 232 - anis 26.01.04

alarm ist ausgerufen worden - die checkpoints ihres herzens - sind sämtlich geschlossen - an den toren sicherheitsposten - nicht unfreundlich - doch streng - wer keine gültigen papiere hat - kommt hier nicht weiter -- es hatte tage gegeben - da war ich mehrere kilometer tief - in ihrem gebiet - fand dort spuren meines traums - und suchte das ohr - heute seit sonnenaufgang - sind alle wege abgeriegelt - keine eindringlinge können - durch die mauer - worte, gesten prallen ab - an berührung nicht zu denken - ausgangssperre für gefühle - keine infiltration - um der ruhe willen - mehr hat sie nicht verlangt - nur ruhe - aber wolltest du nicht etwas? - fragte ich - und sie sagte - sie habe es doch schon - aber hattest du nicht von einem traum erzählt - ganz zu beginn? - und sie sagte - das könne wohl sein - doch schaue sie nach vorn - ob denn etwas nicht in ordnung sei? - fragte sie und ich antwortete: - nein nein - das ist es nicht - nur diese mauer - sie ist sehr hoch - und die sicherheitsmaßnahmen - vorher war hier eine kleine wiese - nur für uns - da ließ sie mich - einen moment lang allein -- ich fuhr die hügeligen straßen ab - und versuchte an mehreren stellen - einen eingang zu finden - ich wollte mit ihr selbst sprechen - aber es ging nicht mehr - da war kein raum - dieses mal - hätte sie zuhören müssen - und ich hätte ebenfalls zuhören müssen -- die einzig verbleibende möglichkeit - jetzt noch zu ihr zu gelangen - war der affekt - das extrem - die verzweiflungstat - frontal auf den checkpoint zufahren - und beschleunigen - bis es kracht - denn wenn es kracht - muss da etwas wichtiges gewesen sein - etwas - worüber man nachdenkt - etwas - bei dem man sich fragt - warum es geschehen ist - so hatte ich es früher gemacht - bei einigen ihrer schwestern - allein es funktionierte nicht - am ende war da - immer nur ein trümmerfeld - wo vorher die wiese stand - schlechte träume - und kakerlaken - das war alles - von uns blieb jeweils gar nichts mehr -- nun ist die grenze also zu - ich steh hier in der eiseskälte - rauche eine zigarette - verabschiede mich von ihr - und recke meine knochen - drei panzer haben mich unterwegs - versehentlich überrollt - kollateral - das hatte ich in kauf genommen - ich wollte wissen - was dahintersteckt - und nun weiß ich's - es war da - den rest werde ich überleben -- hohe sicherheitsstufe - im kino wenig worte - wir starrten auf die leinwand - und ich verhielt mich unauffällig - fand mich in der ungeliebten rolle - eines under-cover-agenten - wir lächelten - während sie - mit dem ausbau der sperranlage - beschäftigt war - sie war immer wunderschön - ihre augen leuchteten - im abendland - ich konnte nur zusehen - denn ich kam gleich zu beginn - von der verkehrten seite -- nur kurz war ich heute der andere - der fremde - sah mich im spiegel der spiegelfrau - da war er wieder - ich kannte ihn schon lange - er hatte seinen platz - und schien ein wenig kümmerlich - ich mochte ihn nicht - er redete oft durcheinander - und war maßlos - dabei recht ungeschickt - ich verstand - dass sie ihm nicht zuhören mochte - ich mochte ihm selbst nicht zuhören - so waren wir uns - am ende fast einig - und ich brauchte mich nicht gehen zu lassen - sondern nur sie


In Berlin habe ich es geschrieben, bei Mahmoud in der Wohnung. Es war mein Abschied von Blume, eine traurige Situation. Ich hätte es ganz anders anfangen müssen, wenn überhaupt. Anders als durch dieses Gedicht wäre ich da jedenfalls nicht heil rausgekommen. Genauso wie ich ohne "Loving Jay" nicht aus einer anderen Sache herausgekommen wäre. Ich stellte "Ausgangssperre" online, kurz nach unserer letzten Begegnung in Berlin. Sie hat es bestimmt gelesen. Später erst erkannte ich die Vielschichtigkeit des Textes. Vielleicht erst, als ich bei Dr. Siegfried Steinmann in der Azhar-Universität in Kairo in der Deutsch-Klasse saß, den Text las und er anschließend diskutiert wurde. Wenn das Blume mitgekriegt hätte :-)

Ich habe oft Probleme mit Rollenzuweisungen. Als Künstler, der ich bin, komme ich häufiger in Konflikte etwa mit der Männerrolle, die hier und da erwartet wird. Das hat allerlei Hemmungen aufgebaut. Es ist kein Zufall, dass ich seit 1998, seit Beginn meines neuen Lebens als Künstler, nicht gerade von Frauen umringt bin. Beziehungsweise von Leuten überhaupt. Im Internet vielleicht. Ebenso ist anzunehmen, dass sich dies ändert, sobald ich mehr Geld verdiene. Rollenzuweisungen, sie beschränken die Entfaltung in unzulässiger Weise. Ich habe überhaupt nichts gegen Rollen, sie können im Gegenteil überaus reizvoll sein, aber ich bin gegen stereotype Zuweisungen, bei denen man nicht "Stopp" sagen kann. Es ist schön, dominant zu sein, auch, dominiert zu werden, sich hinzugeben und Hingabe zu erfahren. Wenn es bewusst ist. Aber nicht, wenn sich zum Beispiel die betreffenden Personen im Grunde für ihre Wünsche und Gefühle schämen und sie daher die Dominanz und den Zwang von außen brauchen, um sich ausleben zu können, oder, als Gegenstück, wenn sie rücksichtslos dominieren und strafen müssen. Das führt zu Schuld und Leid, was wiederum die Kreativität blockiert. Für mich ist das Mittelalter. Vielmehr zählt der Mensch, ob Mann oder Frau ist dabei schnurz-egal. Beide sind gleichermaßen verantwortlich und berechtigt. Diese ganzen Dichotomien, Rechts und Links, Mann und Frau, Israeli und Palästinenser, mir geht das voll auf die Nerven.

Bettina Oehmen

(12.05.04) Am nächsten Tag lernte ich Bettina Oehmen kennen, die Frau des Cellisten Christoph, der die Auftritte in Vreden, Wesel und Bocholt organisiert hat und ein Freund vom Duo Rubin ist. Bettina ist eine vielseitige, energetische Frau mit vier Kindern. Sie komponiert, schreibt, zeichnet, stellt Bachblüten-Extrakte her, kocht und ist ständig aktiv. Auf ihrer und Christophs Homepage www.oehmen-art.de kann man sich davon ein Bild machen. Die Begegnung mit ihr empfand ich als wichtig, denn Bettina war mir in vielem ähnlich, etwa was die spirituelle Mentalität betrifft. Sie drückt sich auch ähnlich wie ich in Wort, Bild und Ton öffentlich aus. Bestimmt gibt es einige Unterschiede zwischen uns, vielleicht auch gravierende, doch brauchte ich nur ihre und Christophs Bibliothek zu betrachten, um mich zu orientieren. Dort fand ich mindestens vier meiner Top-10-Bücher, darunter die Prophezeihungen von Celestine von James Redfield, Zur Quelle der Kraft von Jose und Lena Stevens, Der Traumfänger von Marlo Morgan. Kann sein, dass ich dort auch das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben von Sogyal Rinpoche gesehen habe. Das bedeutete, dass ich hier nicht fremd war.

Ich kam von den Nachbarn, Annette und Willy, herüber, zwei sehr netten Leuten, bei denen ich für die Zeit in dieser Region untergebracht war. Obwohl wir uns nie zuvor gesehen hatten und ich in schlafender Nacht angekommen war, von Christoph ins Gästezimmer in die untere Etage gelotst, kam ich morgens zum Frühstück, als hätte ich das schon zehn Mal getan. Es fiel uns nicht schwer, Gesprächsthemen zu finden. Gegen Mittag ging ich dann zu den anderen rüber. Christoph war beim Unterricht, das Duo Rubin noch in ihrem Zimmer, und ich unterhielt mich in der Küche mit Bettina, während sie Stücke von Lammfleisch briet und einige ihrer Kinder hin und her durch die Räume sausten. Kitchen talk. Sie spielte mir etwas aus ihrer neuen CD vor, darunter einen Bossa Nova. Über "die Sache" sprachen wir nicht. Es hätte uns vielleicht daran gehindert, einander aus dem Leben heraus kennen zu lernen. Ich konnte mir schon ungefähr vorstellen, wie sie dachte. Es war wichtiger, ihren Humanismus zu betrachten und sich von abstrakten Dingen und Klischees fernzuhalten.

Auf dem Wohnzimmertisch hinter der Durchreiche lag ihr neues Buch, "Variationen über die Liebe (oder was wir daraus machen)", ein literarisches Werk. Bald schon hatte ich fünfzig Seiten gelesen und gemerkt, dass sich Bettina ebenfalls mit den Themen Liebe und Gewalt auseinandersetzte, mit der Frage von Energien und dem Bilden von Identitäten. Sie ist Erzählerin, sie erzählt von Beziehungen, ohne vor jedem Tabu unkritisch wegzulaufen. Sie sucht. Ihre Lyrik hingegen ist anarchischer, rebellischer in der Form. Das Gedicht "Schule" ist da zwar nicht ganz repräsentativ, aber es hat mich an etwas erinnert. Es lautet: "Ich gehe heute wieder / in die Denkfabrik. / Der Lehrer hat gesagt, / ich bekomme eine eins, / wenn ich mich nicht bewege, / nur denke, wenn er es will, / nur den Mund aufmache, / wenn er es sagt / und ihn schließe, / wenn er gesagt hat, / was ich sagen soll. // Ich mache das auch alles, / denn ich will doch nicht / als Roboter enden." Als ich es sah - Bettina und ich hatten unsere Produkte ausgetauscht - dachte ich an "Vom Machen und Tun" aus Loving Jay, das ich allerdings nicht auf der Bühne las: "Als man mich zur Bank führte, / um mir das Herz / zu entnehmen, / da fragte man mich / nach meinem letzten Wunsch. / Ich dachte nach. Sie fragten: / Willst du vielleicht / noch etwas machen / oder tun? / Aber ich wollte nicht. / Ich dachte nach / und stellte einige Fragen. / Man beantwortete sie mir. / Dann machte ich Beschuldigungen. / Man verzieh sie mir. / Dann hatte ich alles gesagt / und getan, / und man entnahm mir / das Herz."

Wesel

"Die Sache" war allgegenwärtig, wenn auch leise. Nach Vreden ging es nach Wesel, wo wir in der Musikschule auftraten. Wieder ein schönes Gebäude, von 1809, eine umgebaute Kaserne, langgezogener Backsteinbau mit einer Wiese davor. Zuerst aber fuhren wir ins Rathaus zu einem Empfang. Ich hatte gehört, dass man sich in Wesel bei den Vredenern informiert hatte wegen des Status' der offiziellen Begrüßung. Irgendwie süß. Man war im Besonderen davon angetan (vor allem in Vreden), dass man in einer Reihe mit dem Gewandhaus Leipzig stand. Plus natürlich Shalom-Salam. Da war schon ein ehrliches Interesse, kam jedenfalls so bei mir an. Es begrüßte uns nicht der sprichwörtliche Bürgermeister von Wesel, denn der war zur Kur, sondern sein Stellvertreter, ebenso wie einige weitere Vertreter der Stadt in offizieller Kleidung.

Die Atmosphäre war nett, interessiert, spannend. Im Verlauf des Gesprächs dann sagte jemand von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, dem gleichzeitig unsere Veranstaltung sehr sympathisch war, etwas über Antisemitismus und darüber, dass er angesichts des steigenden Antisemitismus' irgendwelche Bemühungen angestellt habe. Ich konnte mich dabei beobachten, wie mein Blut in Wallung geriet, in einer eskalierenden Phase von etwa zehn Sekunden, innerhalb derer ich mehrfach tief Luft holte und mich an meine autogenen Fähigkeiten erinnerte. Ein geflüstertes, gepresstes "Fürchterlich" konnte ich mir dennoch nicht verkneifen. Daran muss ich noch arbeiten, es war unpräzise. Der stellvertretende Bürgermeister zeigte in dieser Situation Größe, weil er nicht darüber hinwegging - was auf Grund meiner mangelnden Präzision möglich gewesen wäre -, sondern mich ruhig fragte, was ich zu sagen hätte.

Ich sagte es. Dass Islamophobie genau so schlimm sei wie Antisemitismus. Dass ich die Presse über die kürzliche OSZE-Konferenz zu dem Thema wohl gelesen und mir meine Gedanken dazu gemacht hatte. Es blieb im Rahmen, schon weil ich mich hier respektiert fühlte. Zwei Leute von der DIG äußerten daraufhin ihrerseits in gewählten Worten ihre Meinung. Das war akzeptabel. Ich wusste sowieso, dass wir politische Differenzen hatten, also lieber offen.

Wir kamen um siebzehn Uhr in der Musikschule an und trafen auf den Tross. Es waren Herr Merschhemke von der DIG darunter, die Schulleiterin, Christoph natürlich, der die ganze Sache organisiert hatte und der selbst Cello dort unterrichtet, sowie zwei Herren von der Polizei. Man hatte darauf bestanden, von Seiten der Polizei, nicht von Seiten der Veranstalter oder der Künstler.

Ich hatte mir bislang über Sicherheitsfragen keine Gedanken gemacht, denn ich fühlte mich sicher. Ich wüsste nicht, vor wem ich Angst haben müsste. Selbst meine politischen Gegner nahm ich ernst, und ich lebte Gewaltlosigkeit. Dadurch fühlte ich mich ziemlich sicher. Auch wegen des Duo Rubin machte ich mir keine Sorgen. Ich halte nicht viel von der These, dass Juden prinzipiell besonders geschützt werden müssen. Alle Menschen brauchen Sicherheit. Ein Problem ist, dass das offizielle Israel im Namen "der Juden" spricht, wodurch die offizielle israelische Politik, die bekanntermaßen vorherrschend mit repressiven Mitteln arbeitet, mit dem Judentum in Verbindung gebracht wird. Das halte ich für reichlich verantwortungslos vom Staat Israel. Rassismus gegen Juden ist schlimm, genauso wie jeder andere Rassismus.

Ithay und Gabriella jedenfalls fanden die Polizeipräsenz in diesem Falle auch überflüssig. Während sie aus ihrer Umgebung öfter die Frage hörten, ob diese Tournee nicht auch gefährlich sei, fühlten sie sich sicher, wie sie sagten. Natürlich, es gab immer Spinner oder Leute, die die Sache falsch verstanden. Ich bin auch nicht prinzipiell gegen Personenschutz. Er hat seinen Sinn, wo er seinen Sinn hat. Ich glaube nicht, dass er in Wesel einen Sinn hatte, aber was solls. Es war eine Erfahrung. Die Herren waren in Zivil, und der Wortführer machte einen seriösen, offiziellen Bodyguard-Eindruck. Mit seiner Ausstrahlung und Telegenität, so dachte ich zwischendurch, könnte er auch für den BK Personenschutz machen. Er blieb zurückhaltend, soll sogar, wie ich nach dem Konzert hörte, von der Vorstellung emotional berührt gewesen sein. Als ich mich kurz vor dem Auftritt auf die Wiese vor dem Gebäude zurückzog, um ein paar Worte ins Tagebuch zu schreiben, sah ich wieder spielende Kinder auf dem Hof, wie in Vreden. Dieses Mal fragte ich mich, ob es sich nicht vielleicht um gut getarnte Terroristen handelte, die unser Friedensteil sabotieren wollten...

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