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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (3)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 3: Bücher und Pressegespräche


Inhalt : Bücher - Meggle, Terror, Wittgenstein - Pressegespräche in Berlin, Leipzig und Halle - Die Presse - Unterwegs mit Michael Krebs - Paul Spiegel - Was ist die Ursache von Terror?

Bücher

Diese Reise war nicht nur eine von Konzertlesung zu Konzertlesung, mit eingearbeiteten Betrachtungen und Dokumenten. Da waren auch einige Bücher, die zum Thema gehörten und die in meinem Koffer lagen. Zum Beispiel Georg Meggle (Hg) (2003): "Terror und der Krieg gegen ihn. Öffentliche Reflexionen" (Mentis-Verlag), Sophia Deeg (2004): "Ich bin als Mensch gekommen. Internationale Aktivisten für einen Frieden von unten" (Aufbau-Verlag), Paul Spiegel (2001): "Wieder zu Hause? Erinnerungen" (Ullstein-Verlag), Rifa'i, Ainbinder, Tempel (2003): "Wir wollen beide hier leben. Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem" (Rowohlt-Berlin-Verlag).

Aus dem letztgenannten Buch las ich auf der Bühne. Was die Autobiografie von Paul Spiegel betrifft, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, so sah ich sie zuerst beim Pressegespräch in Halle. Da Herr Spiegel eine ganz andere politische Meinung vertritt als ich, war die Lektüre seiner Erinnerungen interessant. Von der Neuerscheinung der Journalistin Sophia Deeg hatte ich über Rundmails erfahren. Sie hatte im Oktober am Attac-Ratschlag in Aachen teilgenommen und ich wusste, dass sie an etwas schrieb. Ostern 2002 reisten sie und ihre Tochter Julia nach Palästina und Israel. Dort führten sie viele Gespräche, von denen in dem Buch erzählt wird. Der Aufbau-Verlag war so freundlich, mir kurzfristig ein Rezensionsexemplar zur Verfügung zu stellen, das ich parallel zur Reise lesen konnte.

Der Titel des Buches ist aus einem Zitat von Daniel Barenboim, dem bekannten Pianisten und Dirigenten eines israelisch-palästinensischen Orchesters, anlässlich eines Konzerts in Ramallah. Das ganze Zitat lautet: "Ich bin als Mensch gekommen, der sich der Lehren des zwanzigsten Jahrhunderts bewusst ist - dass nämlich jeder von uns über seine Verantwortung nachdenken muss und dass die Menschen als Individuen handeln und nicht auf die Politiker warten sollten." Diese Aussage, so der Klappentext zu Sophia Deegs Report, bringt die Haltung vieler internationaler Aktivisten auf den Punkt.

Dann die Aufsatzsammlung "Terror und der Krieg gegen ihn", die von Professor Georg Meggle herausgegeben wurde. Vom Sommersemester 2002 bis zum Wintersemester 2002/2003 wurde an der Uni Leipzig eine Ringvorlesung zu diesem Thema veranstaltet, in der Theoretiker und Praktiker aus der ganzen Welt Position bezogen. In dem Sammelband werden diese - etwa zwei Dutzend - Beiträge zusammengestellt und durch künstlerische Arbeiten ergänzt, die im Anhang abgebildet sind. Unter den Autoren ist Johan Galtung, ein Pionier der Soziologie, der die Begriffe "strukturelle Gewalt" und "kulturelle Gewalt" entwickelt hat, die heute weltweit Standard sind - in den Universitäten, nicht allerdings in der Rechtsprechung.

Als Feedback auf mein "Philo Forum" im Internet, wo es um den Gewaltbegriff geht, bekam ich eine Lesermail mit dem Hinweis auf Meggles Arbeit. So stieß ich auf den Artikel "Terror und Gegenterror", der auch in diesem Sammelband vorliegt, und schrieb auch eine Rezension dazu im Netz. Georg Meggle befasst sich systematisch mit dem Terror-Begriff. Seine Arbeit fällt auf, weil man seit dem Elften September allerorts von Terror und Terrorbekämpfung hört, man sogar durch Kriege geht wegen dieses Terrors, und wir uns doch kaum Gedanken darüber machen, was "Terror" eigentlich genau bedeutet. In den Zeitungen steht darüber höchst selten etwas und auch die Politiker sind bei diesem Thema wenig innovativ. Das Gescheiteste habe ich von Bundespräsident Johannes Rau gehört, kurz nach dem Elften September. Dem Terror den Boden entziehen - das war sein Credo. Nur durch Gerechtigkeit und damit Zufriedenheit der Akteure sei dies möglich. Diese Richtung wurde aber nicht konsequent verfolgt, stattdessen wird viel Geld in Rüstung, Kontrolle und Abschreckung investiert. Das ist das Gegenteil von dem, was wir eigentlich wollen.

Der Grund dafür liegt wohl in der Tatsache, dass diese Politik der Abschreckung durch Gewalt und Gewaltandrohung - ob richtig oder falsch - unsere Tradition ist. Das meint jedenfalls Professor Glenn D. Paige von www.globalnonviolence.org in Hawaii und nennt es eine "letale philosophische Tradition", in seinem (als online-PDF erhältlichen) Buch "Nonkilling Global Political Science" (X-Libris 2002), das derzeit in sechzehn Sprachen übersetzt wird. Paige ist Praktiker, so wie Meggle. Der eine ist Politologe, der andere Philosoph. Beide sehen in ihrer Profession die Verantwortung, in die Gesellschaft zu wirken. Bei Glenn Paige waren es die Erfahrungen des Korea-Krieges, die ihn zu der Erkenntnis brachten, dass Gewalt, und vor allem Tötungsgewalt, konsequent abzulehnen sei. Er stellte vielen seiner Kollegen in aller Welt die Frage, ob sie sich eine nichttötende Gesellschaft vorstellen können. Die meisten der Befragten gaben zu, sich mit dieser Frage nie wirklich beschäftigt zu haben. Also entwickelte Glenn Paige die Nonkilling-Thesen, in der Absicht, Politikern wie Politologen Möglichkeiten, Argumente und Anregungen zu bieten. Glenn Paiges Buch habe ich bereits vor einiger Zeit gelesen und besprochen. Ich halte es für wichtig, die Nonkilling-Idee in Deutschland und anderswo bekannter zu machen.

Meggle, Terror, Wittgenstein

(04.05.04, Flashback) Am Mittwoch vor der Premiere hatten das Duo Rubin und ich Pressegespräche in Leipzig und Halle. Dies war eine Gelegenheit, Georg Meggle endlich persönlich kennen zu lernen. Ich kam am Dienstag um 20 Uhr mit großem Koffer und Gitarre in Leipzig an. Georg Meggle wohnt nur ein paar Busstationen vom Bahnhof entfernt in einer gemütlichen Altbauwohnung. Gesprächsstoff hatten wir genug. Seit unserem ersten Kontakt hatten wir uns hin und wieder gemailt, entweder hatte ich einen neuen Artikel geschrieben oder er hatte von Veranstaltungen zu berichten. Meggle geht gesellschaftlichen Kontroversen nach. Wo denn sonst, wenn nicht in der Universität, soll darüber diskutiert werden? Für ihn ist die Sache klar: "Das Thema TERROR & DER KRIEG GEGEN IHN schreit nicht erst seit dem 11. September 2001, aber seitdem auch im Westen lauter als bisher nach mehr Rationalität. Je mehr also die sonstigen öffentlichen Meinungsbildungs-Institutionen (...) versagen, desto stärker ist die Institution Universität in der Pflicht. Einer ratlosen, desinformierten und durch Terror & Gegen-Terror zunehmend angstblockierten Öffentlichkeit Orientierungshilfen anzubieten gehört zu ihren wichtigsten Aufgaben. Dies ist ein Payoff, den eine Demokratie von ihren Universitäten zu Recht einfordert. Wozu sind Universitäten überhaupt da?" (Seite 12 seines Buches).

Bevor wir im Bistro gegenüber seiner Wohnung Spargel aßen, zeigte er mir sein Büro im Neubau der Uni. Die Innenarchitektur des Gebäudes erinnerte mich entfernt an die neue Bibliothek in Alexandria, in der ich im Februar aus meinem entstehenden Roman "Omega 5" gelesen hatte. Metall und Glas, hohe Räume. Allerdings ist die Bibliothek in Alex schöner, weil geräumiger und weniger eckig. Auch wurde dort viel mit Holz gearbeitet, der Innenarchitekt stammte aus Nordeuropa. Durch die Gitter an den Seiten der Treppen wirkte der Neubau der Uni Leipzig hingegen ein wenig wie eine Verwahranstalt. Georg Meggle holte einige Kopien aus seinem Büro, darunter seine Antrittsvorlesung zum Thema "Sinn des Lebens". Auch das Exposeè zu einer geplanten Ringvorlesung über Palästina-Israel. Meggle stammt aus Süddeutschland und hat bereits in Saarbrücken und in Münster gelehrt. Er ist analytischer Philosoph, der sich mit praktischer Ethik beschäftigt. Seine Magisterarbeit schrieb er über das Spätwerk von Ludwig Wittgenstein, der auch für mich wichtig war. Ich empfand Wittgenstein eher als einen Künstler und habe mich formal von ihm anregen lassen, von der Art, wie er dachte, seiner Systematik und seinem Stil. Inhalt lich komme ich eher von einer hermeneutischen und kognitiven Philosophie. Wo Wittgenstein sagt: "Die Welt ist alles, was der Fall ist", halte ich dagegen: "Die Welt ist alles, was bewusst oder nicht bewusst ist." Georg Meggle ist ein Freund von Wittgensteins Schüler und Nachfolger auf dessen Cambridge-Lehrstuhl, Georg Henrik von Wright gewesen, der lange Jahre Präsident der Akademie der Wissenschaften in Helsinki war und im März 03 verstarb. Er war einige Male auf der Insel seiner Familie, auf Valö, bei Ingoo, eine Stunde von Helsinki gen Westen. Für Georg Meggle der schönste Platz der Erde, wie er sagt.

Pressegespräche in Berlin, Leipzig und Halle

(05.05.04) Weiter ging es am nächsten Morgen in die Stadtbibliothek in Leipzig, wo wir uns wegen des Pressetermins treffen wollten. Das Duo Rubin war schon da, als ich kam. Ich hörte das Klavier aus der Entfernung. Auch Michael Krebs aus Köln war bereits eingetroffen. Mit ihm würde ich die nächsten zwei Tage verbringen. Zu den Pressegesprächen allgemein kann man sagen, dass sich einige Leute wirklich Mühe bei den Vorbereitungen gemacht haben, wie der Journalist Martin Forberg und auch Michael Krebs. Ich bin vollständig ohne Erwartungen hingegangen. Das hatte ich mir von Anfang an vorgenommen: keine Erwartungen außer guten Konzerten, guter Friedensarbeit und Unterstützung von Givat Haviva. Ich hatte nicht vor, irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen, außer vielleicht von der Machbarkeit einer friedlichen Zukunft und der Tatsache, dass Palästinenser Menschen sind wie alle Menschen.

In Berlin hatten wir vor ein paar Tagen schon ein Pressegespräch, bei dem ich Frau Schmidt kennen lernte. Dagmar Schmidt ist Bundestagsabgeordnete der SPD, Vorsitzende von Givat Haviva Deutschland und in einigen Ausschüssen aktiv, die mit dem Nahen und Mittleren Osten zu tun haben. Sie zeigte mir ein Gedicht von Nazim Hikmet, das sie im Portemonnaie trägt. Sie redete gut und meinte auch, dass sie diese Arbeit nicht als einen Tropfen auf den heißen Stein sehe, der verpuffe, sondern als Teil einer Methode, um zur Schlichtung beizutragen. Sie hat es nicht wörtlich so gesagt, aber ich hatte den Eindruck, dass wir uns in dieser Frage durchaus ähnlich waren. So wie jetzt kann es politisch einfach nicht weitergehen. Das Treffen fand statt in der NRW-Landesvertretung in Berlin, unmittelbar neben der neuen Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate, die soeben aufwändig fertiggestellt worden war. Ich hatte am Vortag ein Interview mit dem Botschafter in einer Berliner Zeitung gelesen. Viele kamen aber nicht zu dem Pressetermin, vor allem weil die OSZE-Konferenz zu Antisemitismus parallel stattfand, zu der ich einen kritischen Artikel geschrieben hatte. Die Pressemappen waren jedenfalls verschickt worden, insofern hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Gesine Strempel war da, mit der wir später ein langes Radiointerview beim RBB machten, und einige andere Journalisten.

Zurück nach Leipzig: Als ich mich an den Tisch in der Bibliothek setzte und den Flyer der Tour betrachtete, Kaffee eingoss und der Dinge entgegensah, die da kommen mochten, bauten vorne beim Klavier ein paar Leute Scheinwerfer auf. Das MDR-Fernsehen war gekommen, um ein Feature zu machen. Gabriella, Ithay, Michael, die Bibliothekarin und ich unterhielten uns. Eine gute Basis beim Duo Rubin und mir war, dass wir uns in den wesentlichen Dingen aufeinander verlassen konnten. Vor der Generalprobe in Berlin hatten wir die potenziellen Konflikte bemerkt, einige auch ausgetragen, und danach klappte es sehr gut, weil wir alle uns auf das Fundamentale besonnen haben. Es ging um die Kinder und die Zukunft einer krisengeschüttelten Region.

Die Journalistin vom MDR gesellte sich zu uns, als das Duo Rubin und ich zusammen dastanden und es langsam losgehen sollte. Sie begann zu reden und sah dabei nur Gabriella und Ithay an. "Erst möchte ich, dass Sie ein Stück spielen, danach mache ich ein Interview mit Ihnen beiden." Ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber es war so. Sie behandelte mich wie Luft. Plötzlich wurde ich hellwach. Was tun? Sollte ich hier eine Szene machen? Nein. Schreib es später auf, dachte ich bei mir, das ist besser. Ich zog mich also zurück, während die drei auf die Bühne zugingen. Das Interview im Anschluss an die Musik führten sie auch dort, und es war laut genug, dass ich Ithays Antworten hören konnte. Er hat betont über mich gesprochen. Ich merkte von vornherein, dass auch das Duo Rubin von diesem Verhalten beleidigt war. Ein zweites Mal würde so etwas wahrscheinlich gar nicht erst passieren, denn wir würden solche Splittings ganz ablehnen. Wir waren dieses Mal davon überrascht worden. Wer rechnet denn mit so etwas? Die Journalistin vom Mitteldeutschen Rundfunk hatte dann noch den Nerv, nach der ganzen Sache zu mir zu kommen und zu sagen: "Über Sie sage ich natürlich auch etwas." Ich schätze, sie wollte mich provozieren. Hat aber nicht funktioniert. "Machen Sie mal, was Sie wollen", sagte ich, ohne sie dabei anzusehen. Ich wollte, dass sie ging.

Kurz nachdem die Fernsehfritzen weg waren, bemerkte Michael so ein seltsames Lederetui, schwer wie Blei. Wir fragten die freundliche Bibliothekarin, aber sie hatte das Ding noch nie gesehen. Vielleicht eine Bombe, meinte jemand. Die Bibliothekarin wurde blass. Plötzlich sagte keiner mehr was. Ich zog mich vorsichtig ins Erdgeschoss zurück. Das Teil sah schon ziemlich verdächtig aus. Wir standen kurz davor, die Polizei zu rufen, als jemand vorher noch die Fernsehleute anrief. Alles klar, sie hatten das Ding vergessen. Da kann man mal sehen, wie vergesslich die deutschen Medien sind.

Man konnte im Presse-Echo der Tournee - insgesamt etwa 20 Artikel und Features - zwei Gruppen unterscheiden: Da waren die, die verstanden hatten, dass das Duo Rubin und ich etwas ZUSAMMEN machten, um den Lagern von Israelis und Palästinensern positive Impulse zu geben. Und da waren die, die Shalom-Salam unter der Rubrik Israel verbuchten und also keine Palästinenser benötigten. Ziemlich krass war das in der Jüdischen Allgemeinen zu beobachten, die den längsten Artikel zu Shalom-Salam gebracht hat, auf der Seite drei. Das war am 06.05.04. Titel: "Schalom, Salam. Das israelisch-ungarische Duo Rubin geht für den Frieden in Nahost auf Deutschlandtournee." Nix Palästinenser. Die Jüdische Allgemeine war wohl der Ansicht, sie könne den Frieden alleine machen :-) Wobei das nicht an Ayala Goldmann lag, der Journalistin, die ein zweistündiges Telefoninterview mit mir geführt hatte. Die war fair genug. Zwar kam ich erst in der Mitte des Artikels überhaupt vor, dann aber charakterisierte sie meine Haltung angemessen und brachte zudem das ganze Gedicht "Amphibien" aus der Lesung. Die beiden Farbfotos, mit denen der Artikel abgerundet wurde, zeigen Ithay und Gabriella. Nix Palästinenser. Wiederum die Redaktion, nicht Ayala. Gesehen habe ich die Journalistin bei der Pressekonferenz zur Preisverleihung an Herrn Barenboim im Sorat-Hotel sechs Wochen später. Sie ist halb-israelisch und halb-deutsch, wie sie mir sagte, wir hatten dadurch etwas Gemeinsames. Im Hotel wechselten wir ein paar Worte, aber es war viel Hektik im Saal. Auch wollte ich mich ihr gegenüber noch nicht zu dem Artikel äußern.

Die Presse

Michael Krebs hat nach der Tour eine Mappe für uns gemacht, mit allen Zeitungsartikeln, vielen Fotos von den Auftritten und den Rednern, dem Grußwort von Bundespräsident Rau, den Terminen, Infos zum Programm etc. Er war die ganze Zeit Feuer und Flamme für das Projekt, hat Tausende von Kilometern abgerissen, Sponsoren aufgetrieben, Briefe geschrieben, Einladungen verschickt, Pressekontakte gemacht. Die meisten Sachen, die ich in der Presse gelesen habe, waren okay. Am Schönsten fand ich den Artikel "Plädoyer der Völkerverständigung. Duo Rubin und Anis Hamadeh bieten Musik und Lyrik in einem Konzert" von Vera Timotijevic in der Bocholter Zeitung vom 17.05.04. Auf dem Foto stehen wir gemeinsam auf der Bühne nach dem Konzert. Auch der Mini-Artikel "Drei Künstler für den Frieden" in der B.Z. (am 26.05., mit kleinem Farbfoto von uns dreien) war nett, weil auf derselben Seite ein Interview mit Yoko Ono war und ein riesiges Bild mit John beim Amsterdamer Bed Peace.

Anderes fanden ich und auch das Duo Rubin zweifelhaft. Die beiden verstanden, was mich genervt hat und warum. Es hat sie selbst genervt, dass die meisten Zeitungen nur sie auf dem Foto hatten, weil es sich eben um ein Gemeinschaftsprojekt handelte. Ich hatte ja nichts dagegen, wenn sie mit dem Foto in der Zeitung waren, ganz im Gegenteil, mögen sie oft erscheinen, aber diese Nummer sollte das Gemeinsame darstellen. In diesem Punkt waren wir uns einig. Auch wenn das Duo Rubin die Sache initiiert und viele Vorbereitungen getroffen hat, schon bevor sie mich gefunden hatten. Eine Ungenauigkeit, die wir selbst begangen hatten, lag sicher darin, dass wir kein gemeinsames Pressefoto hatten. Ich hätte früher daran gedacht, mir war aber lange nicht klar, dass es überhaupt organisierte Pressegespräche geben würde.

Ansonsten habe ich die Pressearbeit einfach als Teil der Aufgabe betrachtet und hingenommen. Ich gehe normalerweise ohne Vorurteile in ein Gespräch, erst mal kucken, weiß aber natürlich von der Gefahr, die von der deutschen Presse und der Presse allgemein ausgehen kann. Wenn die einen nicht mögen, können sie einem ganz schön schaden. Ich habe lange mit Jamal Karsli gesprochen, nachdem ich seine Geschichte mitverfolgt hatte. Er hat nichts mit dem Monsterbild gemein, das eine Zeit lang von ihm gemalt wurde. Er zeigte mir ein Foto, wo er mit den israelischen Intellektuellen Uri Davis und Ilan Pappe abgebildet ist. Außerdem studiere ich die Presse seit Jahren. Aus der Analyse von etwa 400 Zeitungsartikeln hauptsächlich aus dem Jahr 2003 entstand vor einem halben Jahr die 108-seitige Studie "Der Antisemitismusvorwurf in kritischer Betrachtung". Meine Kritik an der Presse als Trägerin öffentlichen Handelns ist vielschichtig und andernorts im Detail beschrieben, etwa in den Online-Essays und dem Online-Buch "Rock'n'Roll. Nachricht von Ozzy Balou".



Unterwegs mit Michael Krebs

Wir fuhren weiter nach Halle, dort war ein zweites Pressegespräch in der Ulrichkirche, wo wir eine Woche später auftreten würden. Es kamen ein paar Journalisten, ich erinnere mich, auch in einen Kassettenrekorder gesprochen zu haben. Als wir in den Raum kamen, lag ein großer Stapel mit eingepackten Büchern auf dem Tisch. Ich ging hin und sah, dass es sich um Paul Spiegels Memoiren handelte. Der Mann sollte uns im Laufe der Tour noch mehrfach über den Weg laufen, wenn auch nicht persönlich. Wie es sich nämlich ergab, kannte Michael Krebs Herrn Spiegel über den Düsseldorfer Heinrich-Heine-Freundeskreis, der auch unser Projekt unterstützte.

Mit Michael Krebs aus Köln bin ich von Anfang an gut zurecht kommen, so wie mit den meisten Leuten, die ich auf der Tour traf. Es waren überwiegend herzliche, bis zu einem weiten Grad tolerante Menschen. Das hatte mit dem Zauber von Ithay und Gabi zu tun, das war klar. Nachdem Michael und ich an einem chinesischen Imbiss auf der Fußgängerzone in Halle gegessen hatten, fuhren wir noch bei der Zeitung vorbei, die nicht am Gespräch teilgenommen hatte, und gaben eine Pressemappe ab. In solchen Sachen ist Michael ziemlich gut. Er hat eine offene, fröhliche, energische Art, die ihn schnell zum Ziel führt. Er ist ein Original. Wir haben einige Male zusammen gelacht.

Wir fuhren in seinem Rover nach Düsseldorf. Seine Hauptbeschäftigung ist Hyperthermie-Forschung, bzw. PR dafür zu machen. Hyperthermie bedeutet Überhitzung des Körpers für etwa eine Stunde, als Krebstherapie. Später im Stefans, in Berlin, zeigte er mir einen Doku-Film auf seinem Laptop. (Das war ein fast künstlerischer Kontrast, solch ein Thema in einem feinen Café.) Wie es aussieht, handelt es sich um eine alternative Therapie, die von Seiten der Schulmedizin langsam auf größere Akzeptanz stößt. Es sei keine Wundertherapie, meinte Michael auf der Autobahn, aber manchmal heile es und oft lindere es den Schmerz oder verzögere die Krankheit. Er verbindet diese Arbeit unter dem Namen MedizinMalereiMusik mit künstlerischen Veranstaltungen. So bringt er Leute zusammen wie den Maler Bernd Schwarzer, den wir später noch sahen, das Duo Rubin und den Dirigenten Julius Ruedell vom Ensemble Ars Millennium. In diesen Tagen erzählte Michael ganz begeistert vom Grönemeyer-Institut, das er offenbar sehr schätzte. Herbert? fragte ich. Nein, sein Bruder. Der Medizin-Professor. Ah so.

Auf so einer langen Autofahrt kann man schon etwas übereinander erfahren. Michael ist nicht wirklich ein politischer Mensch, es zieht ihn zur Kunst. Er sagt das auch so und es ist bei ihm kein Mangel, da er in meiner Einschätzung gesellschaftlich etwas Gutes tut, und das ist politisch genug. Uns war beiden klar, dass wir unterschiedliche Ansichten haben mochten über Israel und so. Jedoch war da von Anfang an Respekt und Neugier zwischen uns, und wir lebten beide nach spirituellen Maßgaben. Später erfuhr ich, dass er bereits einige Sterbende gesehen hat. Er hat eine ganz eindeutig lebensbejahende Mentalität daraus entwickelt.

Wir sprachen über Vertreibungen und Michael meinte, dass so etwas schlimm sei, aber dass die deutschen Vertriebenen auch damit leben müssten. Ich antwortete, dass die Palästinenser weder die Schoah angerichtet noch Polen angegriffen haben. Michael meinte, haarscharf dasselbe habe ihm ein anderer Palästinenser zu diesem Thema auch schon gesagt. Er lachte lange. Ich meinte, natürlich hat er dasselbe gesagt. Was sollte er denn sonst dazu sagen?



Paul Spiegel

Viele sehen in Paul Spiegel eher einen Aufklärer und jemanden, an dessen Schicksal man die deutsche Geschichte erkennen kann. Jemanden, der emanzipiert über das Unrecht der Nazizeit spricht und für die Toleranz eintritt, die es damals in Deutschland nicht gegeben hat, was zu schrecklichen Konsequenzen geführt hat. Andere bemerken, dass Paul Spiegel regelmäßig repressive und gewalttätige Konfliktlösungen befürwortet, wenn es um Juden oder Israel geht, sei es gegen "die Antisemiten", "die Terroristen" oder die Irakis. Auch im aktuellen inneren Konflikt zwischen dem Zentralrat und den liberalen Juden hat er weitgehend repressiv reagiert. Er hat mich schon öfters mit seinen Äußerungen erschreckt. In einer Rede, die er zum 60. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Getto in Berlin hielt und die die Tageszeitung die Welt in gekürzter Fassung am 30.04.03 gedruckt hat, spricht Paul Spiegel von einer Neuinterpretation der Zehn Gebote und einem "göttlichen Auftrag" der Juden, die Würde des Menschen auch in dunkelsten Zeiten zu bewahren und sich zu wehren, "notfalls selbst mit Waffengewalt". Schon der Titel: "Wer sich den Tod erkämpft" hat martialischen Charakter. Hier ein Zitat daraus:

"(...) Der junge israelische Pionier, der mit braun gebrannter muskulöser und stolzgeschwellter Brust sein Land bestellt und dieses mit der Waffe verteidigt - das war ja einst das Ideal, das der Zionismus schuf, um eine Gegenwelt aufzubauen zu der des bleichen Gettojuden, der sich über die heiligen Schriften beugt und jeden Schicksalsschlag geduldig hinnimmt. (...) Im Getto-Aufstand wird ein altes, uraltes jüdisches Motiv sichtbar. Um in religiösen Begriffen zu sprechen: In dem versinkenden Chaos des Judengettos von Warschau wird der Auftrag vom Berg Sinai auf moderne Weise wieder sichtbar: Wir Juden sind es, die das Wort Gottes und die Würde des Menschen auch in dunkelsten Zeiten bewahren müssen. Die Widerstandskämpfer von Warschau haben bewusst oder unbewusst Gottes moralisches Gebot vom Berg Sinai auf ihre Weise neu interpretiert und in eine neue Form gegossen, die für die nichtjüdische Umwelt, in der wir seither leben, wohl die einzig verständliche Antwort auf ein uraltes Problem ist: Indem wir uns mit aller Kraft wehren, notfalls selbst mit Waffengewalt, halten wir an unserem göttlichen Auftrag, an unserer Bestimmung fest."

Was hat es mit dem "göttlichen Auftrag" und der Waffengewalt auf sich? Ich hatte zunächst nicht die Absicht, mich damit noch einmal näher zu beschäftigen, aber ich kam wohl im Rahmen dieser Tournee nicht darum herum, wurde damit konfrontiert. So fragte ich Michael, ob er mir nicht ein Exemplar dieses Buches von Paul Spiegel organisieren könne, damit ich mir ein Bild darüber machen konnte, was er da schreibt. So geschah es auch.

Ich kam erst nach der Tournee dazu, das Buch zu lesen. Es war interessant für mich, weil Spiegels Heimatstadt Warendorf nicht weit von Neubeckum liegt, wo ich aufgewachsen bin und wo die Autos ein WAF für Warendorf auf dem Nummernschild haben. (Um einiges näher allerdings liegt Beckum, die Stadt, aus der Uri Avnery kommt.) Paul Spiegel, "Wieder zu Hause? Erinnerungen" (Ullstein 2003) ist zum ersten Mal 2001 erschienen. Das Taschenbuch hat knapp 300 Seiten und einige Fotos. Während das Schicksal dieses Mannes hier auf eine Weise nachgezeichnet wird, die als historisches Zeugnis von Belang ist, kann man auch einigen Irritationen nachspüren, die von Spiegel ausgehen.

So erscheint es zwar plausibel und richtig, wenn sich Paul Spiegel auf Grund der Judenverfolgung in der Nazidiktatur mit jüdischer Identität beschäftigt und das Judentum in Deutschland fördert. Zweifelhaft dabei ist nur, dass diese von ihm gefundene Identität, von der er in seiner Autobiografie schreibt, hauptsächlich aus Klischees und Verallgemeinerungen besteht wie: "Die Juden wollen angenommen werden." (S. 170) oder: "Wir Juden sind keine aufdringlichen Gäste oder gar Schnorrer." (S. 276) oder: "Wir Juden haben trotz Antisemitismus Vertrauen zu Deutschland und seinen Menschen." (S. 248) oder: "Was nur ließ, was lässt uns Juden unbeirrt um Deutschland werben? Was lieben wir an diesem Land und seinen Menschen?" (S. 84 f) oder: "Wir Juden sind ja ein demokratisches Völkchen" (S. 184). Er schreibt über "eine Kraft, die mich zunehmend faszinierte und beschäftigte: das Judentum" (S. 110), "die jüdische Sache" (S. 269 und 271). Spiegel nennt Personen, die nicht dem "Klischee vom schmächtigen, ängstlichen Juden" (S. 185) entsprechen und sagt: "Manche werfen uns Juden Hysterie oder Verfolgungswahn vor. (...) Ich glaube, dass wir Juden sensibel reagieren, und das ist nun einmal die Aufgabe von guten Seismographen." (S. 251) Für wen spricht Paul Spiegel da? Auffällig ist, dass fast alle dieser Klischees passiv sind: Die Juden reagieren auf etwas, sie agieren nicht. Sobald es aber brenzlig werden kann, gibt es "uns Juden" plötzlich nicht mehr: "Ich gehe auf diese Shows der Eitelkeiten nicht ein, auch nicht auf pseudoreligiöse Erörterungen wie die der Einstellung 'des Judentums' zur Homosexualität. Ich nehme an, die Haltung 'der' Juden differiert hier von Mensch zu Mensch wie auch sonst in der Gesellschaft." (S. 278)

Diese Fixierung auf Juden und jüdische Substanz geht zuweilen an Grenzen. Soll man russische Juden nach Deutschland bringen, um die deutschen Gemeinden zahlenmäßig aufzustocken? Sollten Juden aus Gründen der ... (ich kann das gar nicht aussprechen) unter sich heiraten? "Wir dürfen unser Judentum nicht zur Formalie der Abkunft von einer jüdischen Mutter reduzieren. Das wäre ein später Erfolg der Nazis. (...) Ein weiterer Punkt kommt hinzu: Um Juden zu machen, braucht es Juden. (...) Der Sinn meiner Arbeit in der Gemeinde war, kurz gesagt, unserer Jugend die Möglichkeit zu geben - wie Gisèle und ich es erlebt hatten -, andere Juden kennen zu lernen: mit den bekannten glücklichen Folgen." (S. 150 f).

Auch über Israel spricht Paul Spiegel in seinem Buch nur in Klischees. Er nennt Israel die "Lebensversicherung des jüdischen Volkes." (S. 47 und 279). Angesichts der Gewalt in Israel und Palästina ist das eine deutliche Verklärung der Realität. "Wir waren dem Staat unsere Unterstützung schuldig, denn schließlich ist Israel die Urheimat und das Asyl aller Juden." (S. 219) - eine Verklärung des Staates. Diese absolute Loyalität wird an wenigen Stellen scheinrelativiert wie: "Dies bedeutet aber nicht, dass ich jede politische Maßnahme Israels billige" (S. 279). Solche Floskeln werden aber an keiner Stelle mit Substanz oder Beispielen gefüllt. Über reale Politik und reale Verhältnisse im realen Israel wird nichts ausgesagt. Ein ähnlicher unbedingt gefolgstreuer Pathos zeigte sich bei Vorgesetzten: Der Herausgeber der Allgemeinen Wochenzeitung, Karl Marx, der Spiegel einstellte, fragte ihn "eine einzige Frage: 'Sind Sie bereit, alles andere dem Journalismus unterzuordnen?' Mein enthusiastisches 'Selbstverständlich!' kommentierte er trocken: 'Etwas anderes habe ich nicht erwartet.'" (S. 123).

Vielleicht wäre das alles nicht so schlimm, wenn da nicht diese latenten Aggressionen wären, die nicht hinterfragt werden. "Mein Vater hat mir beigebracht: Lass dir nichts gefallen. Von niemandem. Wir Juden haben genug durchgemacht. Wir müssen uns rechtzeitig und energisch zur Wehr setzen." (S. 96). Als sein Vater aus dem KZ zurück nach Warendorf kam und jemand meinte: "Ach, der Jude ist auch wieder da?", passierte folgendes: "Mein Vater ließ sich gar nicht erst auf die üblichen Floskeln (...) ein. Stattdessen verdrosch er den antisemitischen Lästerer nach Strich und Faden. Die Umstehenden riefen die englische MP herbei, der Streifenführer ließ sich den Vorfall schildern und fragte anschließend meinen Vater lakonisch: 'Warum haben Sie den Kerl nicht totgeschlagen?'" (S. 97). Damit endet der Absatz und das Thema ist abgeschlossen, wodurch suggeriert wird, dass die Tötung eines Menschen, der "Ach, der Jude ist auch wieder da?" sagt, akzeptabel sei.

Über seinen Vater schreibt Spiegel: "Mein Vater war stets er selbst. Er hatte es nicht nötig, seine Gefühle zur Schau zu stellen. (...) Vater begnügte sich damit, mir die Hand zu schütteln." (S. 90 f). Diese Episode hat mich am meisten irritiert. Der Vater hatte Auschwitz überlebt, war zurück nach Warendorf gekommen und hat Frau und Bub nach Jahren wiedergesehen. Dass bei solchen Extremsituationen körperliche Distanzierungen oder andere Belastungen vorkommen, glaube ich. Und doch würde sich jemand in einer solchen Situation wünschen, in den Arm zu nehmen und genommen zu werden, zu berühren und berührt zu werden. Sie lebten noch! Die Familie kam nach Jahren des höchsten Schmerzes und großer Verluste wieder zusammen! Ist es da notwendig, die Schwächen des Vaters (nach dem zu Recht eine Straße in Warendorf benannt wurde) zu innerer Größe umzudeuten? Gefühle nicht zur Schau stellen, ganz er selbst sein. Das stimmte doch offensichtlich so nicht. Wozu die Verklärung? Dadurch entfernt man sich doch von der Sache und kommt ihr nicht näher.

Spiegel schreibt, dass er nicht den Judenhass für die primäre Ursache der fanatischen Gefolgschaft Hitlers hält, sondern tiefe Verunsicherung, Schutz- und Sicherheitsbedürfnis. Er nennt den Hitlerismus eine Angstbewegung (S. 171). Die Verunsicherung und das starke Schutz- und Sicherheitsbedürfnis in Israel und auch bei den deutschen Juden kann er jedoch nicht als Quelle von Ideologisierung erkennen. Er schreibt, dass das Wegsehen der Bevölkerung Voraussetzung für Entfaltung krimineller Energie war (S. 30), und genau dieses Wegsehen kritisieren Menschenrechtler, wenn zum Beispiel die frontalen Medien Nachrichten über Israel selektieren und Dinge routinemäßig so darstellen, dass "die Existenz Israels" nicht gefährdet ist, wodurch die Existenz anderer automatisch abgewertet wird.

Was ist die Ursache von Terror?

(11.05.04) "Was ist die Ursache von Terror?" An dieser Frage scheiden sich zwei Welten. Auf der Autofahrt von Halle nach Vreden, circa 470 Kilometer, sprach ich mit Ithay darüber, nachdem wir eine Weile lang über "die Sache" geredet hatten. Ich erzählte ihm meine These: Es gibt Leute, die meinen, dass Terror aus Unterdrückungssituationen heraus geschieht, und es gibt Leute, die verschiedene Ursachen des Terrors annehmen. Radikalisierung etwa könne zu Terror führen, oder Feindschaft. Das Streben nach Macht vielleicht. Übertriebene Religiosität oder Ideologie. Für die These, dass Terror im Allgemeinen Unterdrückung zur Ursache hat, spricht zum Beispiel, dass Selbstmordanschläge empirisch sichtbar regelmäßig aus Unterdrückungssituationen erwachsen, etwa aus Besatzung. In Palästina, im Irak, in Tschetschenien. Solche Attentate sollen auf eine hoffnungslose Lage aufmerksam machen. Das rechtfertigt sie nicht, aber man kann diesen Aspekt nicht ignorieren, wenn man die Situation verstehen will. Das schreibt selbst Paul Spiegel, freilich bezogen auf die eigene Gruppe: Zu dem Attentat von Herschel Grynszpan am 7.11.1938 anlässlich der Deportation der polnischen Juden analysiert Spiegel, dass Grynszpan versuchte, "durch ein spektakuläres Attentat auf das Schicksal der Verschleppten aufmerksam zu machen. (...) Die Nazis hatten auf einen solchen Vorwand (...) nur gewartet." (Wieder zu Hause, S. 28).

Lässt sich Terror rechtfertigen? Diese provokative Frage stellte und stellt Georg Meggle öffentlich, in seinem erwähnten Artikel und in der Diskussion mit Ted Honderich in den Leipziger Sonntags-Gesprächen. Eine empörende Frage, denken einige auf den ersten Blick. Dahinter verbirgt sich aber das Problem des gerechten Krieges. Meggle fragt nämlich nach der Rechtfertigung etwa von UN- (auch US-) Interventionen. Denn Kriege fallen teilweise in seinen Begriff von Terror, in dem es verschiedene Elemente gibt: den Akt (z.B. Aktivieren einer Bombe), einen Akteur (Terrorist), einen Gewalt-Adressaten (z.B. Cafèhausbesucher), einen Terror-Adressaten (z.B. Zivilbevölkerung), einen finalen Adressaten (Regierung) und eine bezweckte Wirkung (z.B. Freilassung von Gefangenen) (Siehe den Aufsatz "Terror& Gegen-Terror, S. 34). Meggle schreibt: "Die Ethik des Terrors ist ein Spezialfall der Gewalt- & Kriegs-Ethik." (S.35). Üblicherweise denkt man bei Terror an eine bestimmte Konstellation: übermäßige und gegen Unschuldige, letztlich gegen eine staatliche Ordnung gerichtete Gewalt, die vom Staat bekämpft wird, der das Gewaltmonopol innehat. Der Begriff "Staatsterrorismus" jedoch, der im internationalen öffentlichen Diskurs eine Berechtigung hat, macht deutlich, dass eine übermäßige und (auch) gegen Unschuldige gerichtete Gewalt auch von staatlichen Ordnungen ausgehen kann. Werden aber Staaten auch unterdrückt, dass sie Terror machen? Ich glaube ja. Es ist eine andere Art der Unterdrückung, eine Unfreiheit der Mächtigen wegen ihrer Verlust-Ängste.

Das alles ist Theorie. Keine graue Theorie, aber Theorie. Wir brauchen sie bestimmt, um uns an die universalen Werte des 21sten Jahrhunderts heranzuarbeiten. Das Duo Rubin und ich brauchten sie jedoch nicht unmittelbar für die Shalom-Salam-Tournee. Wir machten unsere Verständigungsarbeit praxisbezogen. Unwillkürlich fragte ich Ithay: "Was denkst du: Wenn du Präsident von Israel wärst und ich von Palästina, würde es dann Frieden geben?" Nicht, dass wir irgendwelche realen Ambitionen dahingehend hätten, das war sicherlich nicht der Fall. Ich meinte etwas anderes, etwas Prinzipielles. Ithay überlegte eine Weile, nicht lange, dann sagte er Ja. Ohne das weiter auszuführen. Einfach Ja. Ich sah aus dem Autofenster auf die Landschaft und dachte, dass er Recht hatte. Wir hätten uns im Grunde sonst die Tournee auch sparen können.

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