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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (4)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 4: Düsseldorf und Bocholt


Inhalt : Thomaskirche Düsseldorf - Zuvor in Düsseldorf - Im Historischen Rathaus - Im Garten - Im Zug nach Berlin

Thomaskirche Düsseldorf

(13.05.04) Nach Düsseldorf zu kommen war kein Stress. Zwar ist die Bocholter Gegend an der niederländischen Grenze etwas völlig anderes als die NRW-Landeshauptstadt Düsseldorf, eine andere Kultur fast, doch geografisch liegen die beiden Städte nicht weit auseinander. Wir kamen entspannt am Nachmittag an der Thomaskirche an und hatten Zeit. Da der Techniker noch nicht da war, wurden wir zu einem Tee in einen kirchlichen Laden direkt an der Kirche eingeladen, wo wir den Gesprächen der Damen lauschten, die das Geschäft betrieben. Esoterik-Teestuben-Birkenstock-Atmosphäre. Meditativ, fast inspirativ. Es wurden Plätzchen gereicht. Der Techniker erschien und nahm uns mit in den Saal. Er erzählte uns, dass Elton John in diesem Konzertsaal bereits Aufnahmen gemacht hat. Es war ein recht großer Raum, dessen geräumige Frontseite aus der Bühne bestand, die gleichzeitig ein Altar war. Auf der gegenüberliegenden Seite war ein Raum, in dem wir uns umziehen konnten. Unsere Laune war ganz gut.

Michael Krebs kam, hatte aber mit vielen Leuten zu reden und ich sah ihn kaum. Der Beamer machte mal wieder Schwierigkeiten, es war aber noch Zeit. Der Maler Bernd Schwarzer hatte einige seiner Bilder ausgestellt, sie gefielen mir. Kurz vor Beginn der Vorstellung stellte sich heraus, dass der Film wegen technischer Probleme nicht gezeigt werden konnte. Auch die Begrüßungsreden der Veranstalter und Förderer waren eher fahrig, auch launig. Da wurde schon mal das Wort ergriffen, ob das unser Programm durcheinander brachte oder nicht. Ich meine, wir hatten uns ja etwas dabei gedacht, wie wir das Programm gestalteten. Außerdem gab es vor der Veranstaltung Absprachen, die von einigen spontan vergessen wurden. Insofern hatte ich schon bessere Tage auf der Bühne.

Der Saal war nicht ganz voll, aber es waren schon ein paar Leute gekommen. Zweihundert vielleicht. Eine Amerikanerin sprach mich nach der Veranstaltung an, die mit einem Palästinenser verheiratet ist. Es gab eine "Afterglow"-Party im selben Saal, mit Getränken verschiedener Art und Schnittchen. Die Party war eine gute Idee, und es war auch nett, dass der Heinrich-Heine-Freundeskreis sich daran beteiligt hat. Kerstin war da, eine Bekannte von mir aus Düsseldorf, sie ist Barock-Sängerin und konnte mit der Musik vom Duo Rubin viel anfangen. Auch über den Nahost-Konflikt weiß sie einiges. Und noch jemanden traf ich wieder: Britta von www.marhaba.de und ihren Mann Khalid. Sie hatten kurzfristig von der Sache gehört und wohnten nicht weit, so waren sie spontan vorbeigekommen. Das letzte Mal hatte ich sie ein Jahr oder zwei zuvor gesehen, ebenfalls in Düsseldorf, als ich mithalf, die Gründungsparty von Kulturattac im ZAKK auszurichten. Es tat mir leid, dass ich vergessen hatte, Britta Bescheid zu sagen.

Wir tranken Wein, aßen Schnittchen, unterhielten uns über Politik und Kultur, rauchten, na ja, was man so macht in einer Kirche. Dann lernte ich Bernd Schwarzer kennen, den Maler. Er ist außergewöhnlich. Zunächst hat er jedem von uns Künstlern einen circa zwölf Kilo schweren Bildband von sich geschenkt. Es ist ein großartiges Werk, die Bilder und Collagen von Schwarzer sind genialisch. Manchmal mit Van-Gogh-artiger Pürier-Technik, Tupfer, Wellen, aus dem Bild heraustretende Zipfel in gelb und blau. Thematisch engagiert: Europa, Israel, Weltfrieden. Aktiv. Ein schräger Künstler auch. Er wollte Autogramme von uns in sein Buch. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich habe also sein Buch signiert. Er wollte das. Warum sollte ich es ablehnen? Er redete auch, aber die Kommunikation war etwas surrealistisch. Er schien weit draußen zu sein mit seinen Gedanken. Hauptsache nett. Immens kreativ.

Michael konnte mit ihm besser reden, glaube ich. Musste er ja, weil er auch Agententätigkeiten für Bernd Schwarzer ausführte. Das ist eine von Michaels starken Seiten, dass er mit ungewöhnlichen Situationen und Menschen umgehen kann. Wir fuhren im Anschluss zu seinem Haus in Köln, wo wir übernachteten. Michael erzählte jede Menge Geschichten und war ständig unter Strom. Wir hatten nicht genug Zeit, um uns mit ihm und Petra und ihrem gemeinsamen Sohn länger unterhalten zu können, und so schlug Michael vor, dass wir in der Woche darauf einen Grillabend oder ähnliches machen könnten, wenn das Konzert in Köln stattfand.

Zuvor in Düsseldorf

(Flashback 06.05.04) Zum zweiten Mal betrat ich das Düsseldorfer Sterne-Hotel, in dem der Heinrich-Heine-Freundeskreis tagt. Dieses Mal war das Duo Rubin dabei. Ein weiteres Pressegespräch für Shalom-Salam in einem der Konferenzräume. Ich unterhielt mich mit Stephan Lorsbach, der bei den Vorbereitungen in Düsseldorf half und auch Musiker ist. Es kamen einige Journalisten, mehr als bei den anderen Gesprächen dieser Art zuvor. Von der lokalen Presse, aber auch jemand von der "Welt" war da. Draußen im Garten machten wir ein paar Fotos. Es war entspannt, eine gewisse Routine hatte sich bei uns inzwischen eingestellt. Ich hatte anlässlich der Tour eine CD kompiliert mit sechs meiner Lieder. Zehn Exemplare hatte ich gemacht, nur für die Beteiligten der Tour. Ich gab eine Herrn Theisen vom Freundeskreis, eine Stephan und Michael. Nach dem journalistischen Teil besprachen wir das bevorstehende Konzert in Düsseldorf.

Am Tag zuvor war ich mit Michael Krebs aus Halle gekommen. Er nahm mich mit auf eine Veranstaltung des Freundeskreises, inklusive Spargel-Essen in einem festlichen Saal. Eine eindrucksvolle Szene: Etwa hundert Leute - ausnahmslos Männer - saßen da an Tischen und lauschten einem Staatssekretär, der über verschiedene politische Themen sprach, die mit der Region verbunden waren. Erziehungswesen, Wirtschaft, und andere Themen. Es gab Zwischenfragen, Anmerkungen und Diskussionen. So etwas war für mich ganz neu. Als das Thema beendet war, wurde ich sogar öffentlich vorgestellt, als Repräsentant von Shalom-Salam, das vom Heinrich-Heine-Freundeskreis unterstützt wurde. Eine freundliche Geste.

Im Historischen Rathaus

(14.05.04) Am nächsten Tag ging es zurück nach Bocholt. Wieder gab es einen Empfang, wir bekamen Bildbände der Stadt und Umgebung geschenkt. Die Bürgermeisterin war dabei, und sie hat in ihrer Rede im kleinen Kreis deutlich gemacht, dass sie tatsächlich für Verständigung eintritt. Es war keine floskelhafte Rede, sie war echt. Bedauerlicherweise habe ich nichts davon aufgeschrieben. Es war kurz vor dem Konzert im Stockwerk unter dem Auftrittssaal. Wir saßen an einem langen antiken Tisch mit etwa zehn Leuten. Bettina Oehmen war auch gekommen und die Deutsch-Israelische Gesellschaft. Zwischen der DIG und mir hatte es kleinere Spannungen gegeben, die ich aber nicht als destruktiv empfand. Ein bisschen anstrengend für alle Beteiligten vielleicht. Aber wir waren nicht auf Wellness-Tour, sondern es ging um Annäherungen. Realen Konflikten sollte man nicht ausweichen, das bringt nix. So lernten wir jeweils, was vom anderen zu halten war, welche die konstruktiveren Anknüpfungspunkte waren und welche die destruktiveren.

An den Wänden des Raumes waren Fotos der Bürgermeister von Bocholt in einer Reihe. Das fing in der Kaiserzeit an, bis heute. Ich sah mir die (Männer-)Gesichter an, eins nach dem anderen. Da bemerkte ich eine Lücke zwischen 1933 und 1945. Die Nazi-Bürgermeister fehlten. Mir gab das irgendwie zu denken. Logisch, das ist eine Zeit, an die man nicht gerne zurückdenkt. Man bildet ja auch zum Beispiel Hitler meist nicht in einer Reihe mit früheren und späteren deutschen Regierungschefs ab. Auch kennt man das Phänomen aus der Geschichte: Wenn eine ganz neue Kultur beginnt, wird die alte rausgeschmissen. Wären aber die Bürgermeister der Nazizeit abgebildet, könnte man das auch als Mahnung verstehen. Nach dem Motto: Achtung, so etwas hat es bei uns auch gegeben. Dies sind die Gesichter, die dahintersteckten. Sie sind real. Es war real. Man könnte einen entsprechenden Text am Foto anbringen. Warum gab mir das überhaupt zu denken? Ich glaube, weil man sonst vergessen kann, dass es sich bei den Nazis nicht um Geschichten aus den Medien handelt, oder um Außerirdische.

Der Auftritt begann pünktlich. Unsere Bocholter Gastgeber waren im Publikum, und auch meine Eltern, für die Bocholt der nächstliegende unserer Auftrittsorte war. Das war etwas Besonderes für mich. Ich glaube, sie hatten mich zuvor noch nie richtig auf einer Bühne gesehen. Besonders aufgeregt war ich deshalb nicht, es war nur schön. Auch, dass sie Ithay und Gabriella kennen lernten. Sicherlich einer der besten Auftritte. Nur als ich aus dem Fenster sah, wurde mir mulmig. Direkt vor dem Gebäude, mitten auf der Fußgängerzone, stand ein Polizeiauto. Ich glaube, es waren sogar zwei. Ich habe mich gefragt, ob die Bocholter vielleicht etwas ausgefressen hatten, dass sie sich so ängstlich zeigten. Zumindest waren keine Panzer oder Flugabwehrgeschütze aufgestellt, ich habe jedenfalls keine gesehen.

Meinen Eltern hat es gut gefallen. Wir gingen danach zusammen essen, Dad hat alle eingeladen. (Er wollte, aber die Stadt hatte bereits einen Betrag festgemacht, also spendete mein Vater denselben Betrag.) Herr Merschhemke von der DIG erzählte einige Witze. Die von Ithay waren aber besser. Es wäre ganz interessant, sie hier zu wiederholen, aber lieber nicht. Das muss man live erleben, sorry. Vielleicht einen Bratschenwitz. Ithay erzählte mir, dass die Bratsche sozusagen der Ostfriese unter den Musikinstrumenten ist. Man macht darüber Witze. Was ist der Unterschied zwischen einer Geige und einer Bratsche? Die Bratsche brennt länger. Was meinen Vater angeht, so merkte ich, dass er von der Shalom-Salam-Sache ehrlich angetan war. Das war keine Selbstverständlichkeit, denn er ist in Palästina aufgewachsen und hat die Israelis ganz anders kennen gelernt. Jedoch ist es ein Unterschied, ob man sich abstrakt Gedanken über Leute macht, oder ob man konkret welche trifft und mit ihnen redet.

Mein Vater sagte mir, dass Kontakte zwischen Palästinensern und Israelis heute in der palästinensischen Gesellschaft nicht mehr so verpönt seien wie früher. In den frühen Neunzigern habe es sogar eine Phase gegeben, in der eine tatsächliche Entspannung möglich gewesen wäre. Viele Palästinenser waren damals optimistisch. Ich musste an einen Film von Spiegel-TV denken, für den ich 1992 die O-Töne übersetzt hatte. Es ging um Kollaborateure auf der einen und die "Schwarzen Panther" auf der anderen Seite, bewaffnete Freischärler, die um Jenin herum ihr Zentrum hatten. Ich hatte zweieinhalb Stunden Material und übersetzte es mit einem Muttersprachler aus dem selben Studentenheim am Berliner Tor in Hamburg, wo ich zu dieser Zeit lebte. Spiegel-TV war damals gerade neu ins berühmte Chile-Haus gezogen. Es war ein informativer Film. Über Extremisten der israelischen Seite habe ich allerdings noch keinen Film im Fernsehen gesehen. Ein paar Monate später las ich in der Jerusalem Post, dass der "Hauptdarsteller" Ahmad, der Schwarze Panther, den ich mehrere Stunden lang auf Video erlebt hatte, getötet worden war. Es schockierte mich, als ich es las, aber ich fühlte kein Mitleid. Die Welt der Männer mit ihren Gewehren ist mir zu fremd.

Im Garten

(16.05.04) Ruhe. Vor mir eine Wiese, hinter mir das Haus von Annette und Willy, ihren Kindern Aino und Till sowie verschiedenen Haustieren, darunter eine elegante schwarze Katze. Ich hatte mich mit meinem Rucksack auf die Terrasse zurückgezogen. Es war Vormittag, und ich war allein. Willy unterrichtet Mathematik und Niederländisch, Annette Geschichte. Eine Lehrerfamilie wie aus dem Bilderbuch. Es waren Nachbarn von Bettina und Christoph. Das Duo Rubin war bei ihnen einquartiert, ich bei den Nachbarn. Eine Art heile Welt kam hier über mich, eine freundliche Normalität von Menschen. Mehr brauchte ich nicht, dachte ich. Den Garten vor mir atmete ich ein, während ich Tagebuch schrieb. Es sollte schön werden. Konnte ich das schaffen? Wenn ich an Willy und Annette dachte, konnte ich es vielleicht schaffen. Sie akzeptierten mich so, wie ich bin. Sie mochten mich sogar. Dass ich Schriftsteller und Musiker bin, kritisch dazu, das war hier ganz normal. Natürlich, es kommt immer darauf an, durch welche Tür man kommt. Unter anderen Umständen wären wir vielleicht aneinander vorbeigelaufen. Probleme liegen meistens nicht an den Leuten, sondern an den Situationen, in denen sie sich begegnen. Durch welche Tür kommst du? Wie lerne ich dich kennen?

Hier im Garten konnte ich etwas entspannen. Warum war das ein Problem? Wo lag mein Problem? Entspannen wovon, vom Stress der Aufführungen? So schlimm war der nicht. Nein, es war nicht dieser Stress. Es war der andere. In Rafah war gerade der Teufel los. Der Stress bestand in der Frage, was wir durch diese Tournee erreichen konnten und in der Sorge, meiner Verantwortung nicht gerecht werden zu können, ohne Leuten vor den Kopf zu stoßen. Wie sollte ich mich verhalten? Musste ich mich verstecken? Warum musste ich mich verstecken? Was genau musste ich verstecken?

Als ich mit Christoph am späten Abend im Auto von Vreden nach Bocholt mitgefahren war, unterhielten wir uns. Ich hatte das Gefühl, ganz gut mit ihm klarzukommen. Als wir über "die Sache" redeten, erwähnte Christoph die geläufige Ansicht, die Palästinenser hätten mit Oslo und Camp David, mit Barak und Clinton also, alle Möglichkeiten gehabt, zum Frieden zu kommen. Da merkte ich, dass wir aus zwei verschiedenen Welten kamen. Allerdings schien mir Christoph, wie auch Ithay, nicht wirklich ein politischer Mensch zu sein. Nicht im intellektuellen Sinne, meine ich. Natürlich war er politisch, wenn er das Shalom-Salam-Projekt unterstützte, und das hat er auf engagierte Weise getan. Eine politische Diskussion über Oslo/Camp David würde hier aber nicht den Kern treffen. Christoph hat Israel vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte kennen gelernt. Vielleicht war ich der erste Palästinenser beziehungsweise Palästinensischstämmige oder wie auch immer, jedenfalls von der anderen Seite, den er näher kennen lernte.

Zumindest drückte ich ihm Uris Artikel "Zwölf konventionelle Lügen" in die Hand, den ich eigentlich für Ithay ausgedruckt hatte, weil dieser Punkt zu unserem Problembündel gehörte. Avnery schrieb dort, dass Oslo und Camp David gar nicht zur palästinensischen Souveränität hätten führen können, weil zum Beispiel die Jerusalemfrage ausgeschlossen blieb, weil es keine Rückkehr zur Grenze von 1967 vorsah, weil 80 Prozent der Siedler da bleiben sollten, wo sie waren, keine Rückkehr eines einzigen Flüchtlings nach Israel, die Checkpoints wären nicht verschwunden und das Staatsgebiet bantustanisiert, also in lebensunfähiger Weise zersplittert. Oslo und Camp David waren keine realistischen, keine annehmbaren Optionen. Es ist nicht einmal notwendig, sich hier in Details zu verlieren, denn die israelischen Angebote waren bislang stets und ausnahmslos mit der Implikation der Kontrolle über die Palästinenser verbunden, und das wird auch kaum bestritten. "Wir müssen sie kontrollieren, weil sie eine Bedrohung für uns darstellen." Solange diese Mentalität - nicht Politik - herrscht, sehe ich keine Veränderung. Immerhin stellen die Israelis - und zwar die offiziellen, also Politiker, Beamte, Soldaten - ganz sicher eine Bedrohung für die palästinensische Bevölkerung dar, siehe Rafah und jeder andere Ort, an dem Palästinenser unter israelischer Willkür leben müssen. Aber niemand würde den Palästinensern deshalb zugestehen, die jüdische Bevölkerung zu kontrollieren und zu bestrafen. Hubschrauberangriffe der offiziellen palästinensischen Seite auf israelische Extremisten sind undenkbar. Oder Sippenhaft. Ach ja, jetzt fällt mir wieder ein, wo mein Problem auf dieser Tournee und mit dem Schreiben dieser Kapitel ist. Diese Sache.

Im Zug nach Berlin

(Sonntag 16.05.04) Das Wochenende hatte ich bei meinen Eltern verbracht. Sie waren über Nacht in Bocholt geblieben, und wir fuhren über die Dörfer zu ihnen nach Hause. Die Hälfte der Strecke bin ich gefahren. Diese herrliche westfälische Landschaft! Wir hörten Bettina Oehmens CDs im Auto, bei der wir einige Stunden zuvor gemeinsam am Tisch saßen. Sie hatte sogar spontan Bachblüten-Extrakte für uns alle hergestellt und uns gegeben. Nun saß ich schon wieder im Zug. Der nächste offizielle Auftritt war erst am Dienstag, in Oldenburg. Wir hatten aber noch ein Extra-Konzert in Berlin am Montag, in der Schule von Ithays und Gabriellas Sohn, daher machte ich diesen Umweg.

Zug fahren ist oft wirklich besser als Auto fahren. Man kann während der Zeit lesen. Zum Beispiel den Brief von Karl Merschhemke, dem Herrn von der DIG. Es war nicht hundertprozentig leicht zwischen uns gewesen, eher porzellan-mäßig. In seinem Brief, den er nach dem Konzert in Bocholt verfasst hat, gibt er uns einige Ratschläge das Programm betreffend. Wesentlich interessanter sind die beiden Episoden aus seinem Buch, die er zur Illustration seiner politischen Überzeugungen beigelegt hat und die ich hier wiedergeben möchte, da sie für ein breiteres Publikum gedacht sind und viel erklären, fast schon schlichten können. Der Titel des Buches wird in dem Brief nicht erwähnt, doch handelt es sich um Kriegserinnerungen. Karl Merschhemke schreibt:

1. Episode: Im Bereich unseres Arbeitsgebietes (als Student im Ferieneinsatz) arbeiteten auch russische Hilfskräfte, Zivilisten und Kriegsgefangene. Die russischen Kriegsgefangenen wurden streng bewacht; sie sahen ausgemergelt aus und mußten wohl einen gräßlichen Hunger haben, da sie alles Eßbare, das sie finden konnten, vom Boden aufnahmen und ungewaschen sofort gierig in den Mund steckten. Sie durften keine Pause bei der Arbeit machen. Wir durften uns ihnen nicht nähern. Einen Unterschied zu dieser besonders hart behandelten Gruppe machten die russischen Zivilkräfte. Eines Tages traf ich für wenige Minuten unbemerktmit einer jungen Russin zusammen, die leidlich Deutsch sprach. Sie erzählte mir, daß sie sich, die deutschen Soldaten als Befreier von der kommunistischen Gewaltherrschaft ansehend, in der Ukraine zum freiwilligen Dienst in Deutschland gemeldet hatte. Sie hatte dabei darauf vertraut, daß ihr Dienst dem Kampf gegen die Macht Stalins dienen würde. In Deutschland angekommen hatte man sie inhaftiert, notdürftig in Massenunterkünften untergebracht und bei schlechtester Verpflegung zum Dienst in der Munitionsfabrik gezwungen. Keiner dieser beiden Gruppen, weder den gefangenen Soldaten noch den ge- und enttäuschten Zivilkräften, konnte man irgendwie helfen. Die Gesamtaufsicht und die angedrohten Strafen schreckten jeden ab.

Schlimmer noch als diese Begegnungen und die Erfahrungen völliger Hilflosigkeit war folgendes Erlebnis. Vom Güterzug aus, auf dem ich Dienst tat, beobachtete ich, als der Zug gerade anhielt, einen Posten, der mit scharf geladenem Gewehr einen kleinen Trupp Russen bewachte. Ein junger Russe stützte sich offensichtlich in einem Moment unkontrollierbarer Schwäche für einen kurzen Moment mit dem Kinn auf das Ende seines Spatens. Der Posten sah es, ließ ihn zu sich herankommen, stellte sein Gewehr zur Seite, ließ den Russen die Hände an die Hosennaht legen und drosch auf ihn ein, bis er umfiel und den Bahndamm hinunterrollte. Ich konnte nicht glauben, daß das, was ich hier mit eigenen Augen sah, Wirklichkeit sein könne. Jedenfalls war es mehr, als ich verkraften konnte oder trotz aller Gefahr hinzunehmen bereit war. Ich schlenderte in der nächsten Arbeitspause, die wir einlegen durften, scheinbar absichtslos zu dem Posten, einem Mann von etwa 45 Jahren zu und verwickelte ihn unter anderem in ein unverfängliches Gespräch über seine Familie, wobei ich ihn auch fragte, ob er Kinder habe. Er sprach frei und begeistert von seinen Angehörigen und zeigte mir bereitwillig und stolz ein Bild von seinem 15jährigen Sohn. Als ich es in der Hand hielt, sagte ich mit leiser Stimme: 'Ich wünschte, der hätte Sie vor 15 Minuten beobachten können.' Der Posten wurde bleich; mit vor Wut zittriger Stimme rasselte es aus ihm heraus, er habe noch ganz andere Dinge gemacht, er habe schon im KZ Dienst getan, da habe er sogar katholische und evangelische Geistliche zu bewachen gehabt. Die habe er auch klein gekriegt, er habe sie jeden Morgen an der Stubenwand entlang in strammer Haltung antreten lassen und ihnen dann allen der Reihe nach 'einen in die Fresse gehauen', dann seien sie 'den ganzen Tag ganz lieb gewesen', um dann fortzufahren: 'Und Leute wie dich kriegen wir auch noch klein, wenn du dich weiterhin in Dinge einmischst, die du nicht verstehst und die dich nichts angehen.' Für den Rest des Tages drehten sich meine Gedanken in ganz kleinen Kreisen, ich fühlte mich äußerst hilflos, konnte dies Erlebnis weder in meine bisherige Welt einordnen, noch wußte ich, was hätte getan werden können. Mit pfadfinderhaften Geländespielen war dieser Welt wohl nicht mehr beizukommen. Ich fühlte mich irgendwie schmutzig, war deprimiert und traurig. - Diese unmittelbare Begegnung mit der groben Brutalität, dem offensichtlich wirklich Bösen, dessen der Mensch fähig zu sein schien, hat mich tagelang ins Grübeln gebracht und noch lange, eigentlich ein ganzes Leben lang, beschäftigt. Ich war 18 Jahre alt. Bis dahin hätte ich geschworen, daß Menschen zu absoluten, persönlich begangenen und gewollten Grausamkeit nicht fähig sein könnten. Nun wurden wir Zeugen von Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, denen wir völlig hilflos gegenüberstanden. Der harmlosere Teil unseres Lebens, die Kindheit, die Jugend und die behütete Schulzeit, alles Zeiten, die uns nie so besonders behütet vorgekommen waren, würden wohl endgültig Vergangenheit bleiben, unwiederbringliche Jahre, zu denen wir uns unerwartet bald zurückzusehnen begannen.

Es scheint mir wichtig zu sein, festzustellen, daß ich niemals, weder im nachhinein, noch zur Zeit des Erlebens, den Eindruck erwecken möchte oder gar könnte, ein aktiver, gar heldenhafter Anti-Nazi gewesen zu sein. Wir haben nach dem Erbe unserer Geburt, den vielen Einflüssen der Kindheit und der gesamten Erziehung einfach nur nicht bei Gewalt und Grausamkeit mitmachen können. Sie widerten uns an, aber es machte uns nicht zu Revolutionären. Wir sind ohne eigene Verdienste vor aktiver Grausamkeit bewahrt geblieben. Wie ich mich verhalten oder bewährt hätte, wenn der Zufall oder die Fügung mich in eine Lage wie die der Geschwister Scholl gebracht hätte, die vervielfältigte Anti-Hitler-Schriften in das Treppenhaus der Universität München geworfen haben und lediglich durch einen dummen Zufall vom Hausmeister dabei beobachtet worden waren, vermag ich unmöglich zu sagen. Ein Held war ich jedenfalls nie, wenn ich auch immer wieder versucht habe, mit List und Tücke, aber auch Vorsicht, Sand ins Räderwerk der örtlichen und überörtlichen Geschichte zu streuen, ohne dazu auch nur im entferntesten größere Zusammenhänge verstehen zu können. Es war eigentlich nie mehr als der Versuch des Kindes, sich möglichst gegen die Macht der Großen zu wehren, ohne zum Ende der Jugendzeit bereits den Durchblick zu haben, der notwendig gewesen wäre, den Kern der Dinge einigermaßen zu durchschauen. Im Alter ist es schwer, zu rekonstruieren...

2. Episode: Unser Zug (als Rekrut auf dem Weg in die Kaserne) kam nur sehr langsam vorwärts. In der kriegsbedingt totalen Dunkelheit des späten Abends hielt er auf dem weit abgelegenen Nebengleis eines Berliner Bahnhofs. Wir waren in einem Zustand schläfriger Unbekümmertheit, etwa wie im nächtlichen Garten Eden. Aus dem wurden wir plötzlich und ohne Vorwarnung vertrieben. Die unausweichliche Härte dieser Zeit stand erschütternd vor uns. Auf einem Nebengleis, nur drei Meter von uns entfernt, hielt unmittelbar neben unserem Abteil ein Güterzug. Auf der Seitenwand des geschlossenen Waggons, dessen große Schiebetür mit Brettern kreuzweise zugenagelt war, stand in weißer Schrift: '8 Pferde oder 40 Mann.' Die Bretter wurden von Männern in schwarzen Uniformen aufgebrochen, einer von ihnen brüllte: 'Kaputte raus!' Einige Tuchbündel flogen aus der weit geöffneten Waggontür. - Was ich zu sehen gezwungen war, ging weit über meine damalige Begriffsmöglichkeit, die noch von dem Behütetsein der Kindheit geprägt war, hinaus. Erst nach einigen Sekunden merkte ich, daß es Leichen waren, die auf dem kalten Schotter des Bahngeländes landeten. Im Gepäcknetz oben im Abteil liegend, fiel mir gleichzeitig auf, dass mein Kopf in gleicher Höhe mit einem kleinen Guckloch im Güterwagen war. Und plötzlich bemerkte ich in der Dunkelheit dieses Gucklochs drei oder vier Gesichter, die mich aus tiefen, schwarz in ihren Höhlen liegenden Augen in einer hoffnungslosen Ausdruckslosigkeit ansahen. Es mußten Juden oder andere NS-Opfer sein, die sicherlich wußten, daß sie auf dem Weg 'ins Gas' waren und die sicherlich annehmen mußten, daß wir zu den bewaffneten Feinden gehörten, die - selbst in Sicherheit - sie in einen gewaltsamen Tod schickten. Sie konnten nicht wissen, daß ich im Moment der Begegnung unserer Augen zwar blitzhaft überlegte, was man machen könne, aber ebensoschnell wußte, daß man vollkommen machtlos war. Dann ruckte unser Zug an, wir fuhren weiter. Ich kann und werde die stumpf gewordenen Blicke abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit nie vergessen. Die Vertreibung aus dem Paradies der Kindheit und Jugendzeit war entsetzliche Wirklichkeit geworden.

Natürlich konnte ich diese schrecklichen Augenblicke in jenem kurzen Moment nur sehr bedingt in mein bisheriges Leben einordnen. Erst nach und nach, lange nachdem unser Zug weitergefahren war, dämmerte es mir, von welch unglaublicher Rohheit und Unmenschlichkeit ich zufällig hatte Zeuge sein müssen, und es dauerte noch eine lange Zeit, bis ich begriff, daß das, was wir im Heimatdorf nur als höchst unbestimmtes Gerücht gelegentlich gehört hatten, sich als eine unausweichliche Manifestation des Bösen schlechthin vor meinen Augen abgespielt hatte. Alles daran, vor allem das schicksalhaft Unausweichliche, war grauenhaft; ich glaube, ich habe kaum jemals wieder etwas ähnlich Schlimmes erlebt und gespürt, und bin diesen Augenblick nie wieder losgeworden. Die Erfahrung der totalen Machtlosigkeit dem uneingeschränkten Bösen gegenüber machte einen benommen. Wir konnten überhaupt nichts, wirklich gar nichts, dagegen unternehmen. Wo war der Gott, der "dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält" (R.M.Rilke)?"


Herr Merschhemke schreibt in seinem Brief noch, dass er sich unserem Bemühen zutiefst verbunden fühle, mehr Menschlichkeit in eine von Unmenschlichkeit geprägte Welt zu bringen. Er hofft, dass jüngere Kräfte wie wir drei die unsichtbare Flagge der Humanitas ergreifen und weitertragen. Okay. Das war ein guter Beitrag. Ich reckte den Hals und sah durch das Zugfenster in den dunklen Abend. Merschhemke... Was mag dieser Mann noch alles erlebt haben? Was er schreibt und wie er es schreibt, kommt mir nicht fremd vor. Eine andere Generation, klar, aber das kann man herausrechnen. Humanitas, das reicht schon. Es gab an diesen Buchausschnitten nichts, was mich gestört hätte. Na gut, vielleicht die wiederholten Rekurse auf "das Böse" und die Unausweichlichkeit der Geschehnisse, aber das wäre eine Goldwaage, die hier fehl am Platz wäre. Dieser Mann hat Erfahrungen gemacht, die ihn nie mehr losgelassen haben. Die ihn beschäftigen bis heute. Ich wünschte, mein Opa hätte auch so geschrieben, dann wären wir uns näher gekommen. Er wäre überhaupt den Leuten nähergekommen.

Seltsam, wie nah Herr Merschhemke durch diese Lektüre plötzlich herangerückt war. Zwischen uns waren doch leichte Aggressionen, die mit politischen Zusammenhängen zu tun hatten, aber hier? Was tat er hier anderes als was ich selbst tue? Nicht Zug fahren. Nein, schreiben über das, was geschieht, was man wichtig findet, was man teilen will, mitteilen will, suchen. Mit sich selbst ins Reinere kommen durch reflektiertes Schreiben. Und wenn uns auch noch die Humanitas verband, warum war dann nicht alles gut?

Um das zu erklären, könnte ich hier ein Gedicht von Erich Fried einfügen. Ich könnte auch erwähnen, dass ich täglich Mails bekomme aus Palästina/Israel, in denen von Grausamkeiten berichtet wird wie Ermordungen von Zivilisten, Sippenhaft, Zerstörung von privaten Häusern, Brutalität am Checkpoint, Landraub durch Mauerbau, Olivendiebstahl, rassistische Heirats-Gesetze und Dinge, die ich nicht einmal weiterzuerzählen wage, weil... Der Ton der Verzweiflung und Dringlichkeit ist jedenfalls ganz ähnlich dem aus den Erinnerungen von Herrn Merschhemke. Wenn mein Vater obiges liest, wird auch er an Palästina denken, viele tun das. Selbst Lapid aus der israelischen Regierung assoziierte so, als er das Bild seiner Großmutter sah hinter einer alten, vom Schmerz gezeichneten Palästinenserin. Es geht dabei nicht um einen Vergleich mit der Schwere der Nazidiktatur, sondern um Regelmäßigkeiten der Gefühle von Opfern in Unterdrückungssituationen. Wann wird das Menschenrecht endlich für alle Menschen gelten? Gerade weil ich mich dem Humanismus verpflichtet fühle, kann ich darüber nicht hinweggehen. Ich kann es kaum tolerieren, wenn andere darüber hinweggehen. Und der Mainstream geht darüber hinweg. Das ist der Konflikt, in dem ich lebe. Ich darf nicht schweigen, aber auch nicht wirklich sprechen.

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