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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (5)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 5: Oldenburg, RBB, Köln


Inhalt : Oldenburg - Ellen Rohlfs' Texte - Auftanken und Nachdenken - Radiotermin in Berlin - Köln, Wallraf-Richartz-Museum

Oldenburg

(18.05.04) Der Auftritt in Oldenburg war ein wenig schwerfällig. Wir haben während der Tour manchmal erlebt, dass es nicht leicht ist, Leute zu aktivieren. Dieses Mal allerdings wurde auch einigermaßen wenig Werbung gemacht. Die allermeisten Plakate sahen wir auf einem Stapel, sie waren nicht verwendet worden. Auch am Eingang des Konzertsaals von Oldenburg waren keine, nur ein einziges Poster hing verloren in der Halle. Der Veranstalter, die dortige Jüdische Gemeinde, meinte, dass die Stadt es Ihnen nicht erlauben würde, vorne am Haupteingang etwas hinzuhängen. Die betreffenden Leute wüssten schon, wo das Konzert zu finden sei. Das hat mich gewundert. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Stadt Oldenburg Shalom-Salam nicht unterstützt hätte, wenn sie davon erfahren hätte. Wir konnten auch unseren Bücher/CD-Tisch nicht adäquat aufstellen, weil die Veranstalter selbst einen Verkaufstisch hatten mit einer - recht hübschen - zweidimensionalen Harlekin-Figur aus bemaltem Metall, die ebenfalls mit Givat Haviva zu tun hatte und zu dessen Gunsten verkauft wurde. Die Situation war entsprechend nicht vollständig entspannt, und wir Künstler erinnerten einander daran, dass wir für das Publikum gekommen waren und dass das Publikum nichts mit diesen Irritationen zu tun hatte. Es kamen auch Leute, und sie hörten uns zu.

Wir waren zeitig in der Stadt angekommen. Ich ging noch etwas spazieren. Gabriella und Ithay hatten immer gern eine Stunde, um sich auf die Instrumente und die Akustik einzuspielen, und um die Finger warm zu machen. Bei mir ging es meist schneller: Ich prüfte das Mikro, legte die Texte am Pult ab und probte einmal das Schluss-Lied mit Ithay, das ging recht schnell. So genoss ich die Nachmittagssonne. Es war ein herrlicher Tag. Oldenburg hat schon etwas Nettes. Ich kannte es nur flüchtig, weil an der Uni dort ein paar progressive Wissenschaftler sind, wie ich mich dunkel erinnerte. Es gab da eine Oldenburger Reihe oder etwas ähnliches, ich hatte es vergessen. Eine Stadt zwischen Ems und Weser mit etwa 160.000 Einwohnern. Ich glaube, wir sind insgesamt nur in uralten Städten aufgetreten - sehr reizvoll -, denn auch Oldenburg hat eine superlange Tradition, die bis ins Jahr 1108 zurückgeht.

Kurz vor dem Auftritt die bekannte Szene im Garderobenraum: Gabriella und ich gingen auf und ab, Ithay befreite sich innerlich, indem er ein paar extra-schiefe Töne auf dem Cello spielte. Wir sprachen wenig. Plötzlich klopfte es. Wir dachten erst, dass wir zum Auftritt gerufen würden, aber es standen mir zwei unbekannte Personen gegenüber: eine freundlich blickende Dame, die mich unwillkürlich an die Detektivin Miss Marple erinnerte und ein junger Araber in ihrer Begleitung. Sie stellte sich vor als Ellen Rohlfs. Ach so!! Ich kannte sie aus dem Internet, freute mich. Ellen Rohlfs übersetzt regelmäßig die Texte von Uri Avnery ins Deutsche und schreibt auch selbst seit vielen Jahren, journalistisch sowie literarisch. Oft war sie in Palästina und Israel.

Wir sprachen ein wenig im Freien, wo ich rauchen konnte. Sie lebte in der Nähe und hat es sich nicht nehmen lassen, die Veranstaltung zu besuchen. Leider musste ihr Begleiter früh gehen, sonst hätte er im Anschluss noch mit ins Restaurant kommen können. Bei einem Griechen fanden wir uns nach dem Auftritt ein, zu viert, das Duo Rubin und wir beide. Es war ein angenehmer Abend. Wir sprachen natürlich über Politik, aber nicht nur. Es ging auch um Reiseerinnerungen und Musik. Ellen Rohlfs hat in Israel Givat Haviva auch schon besucht. Ich fand es schön, dass wir in dieser Konstellation zusammen sein konnten. Es wurde schon deutlich, dass nicht alle am Tisch zu jeder Sache die gleichen Ansichten hatten, aber mit einem gemeinsamen Humanismus kann man schon gut zusammen Kirschen essen, bzw. griechisch.

Ellen Rohlfs' Texte

Von Ellen Rohlfs gibt es neben zahlreichen Artikeln, Übersetzungen und Gedichten die beiden Bücher "Die Kinder von Bethlehem. Dokumentation" (mit Muna Hamzeh-Muhaisen, 2000) und: "Sag, Mutter, wie sieht Frieden aus? Nachdenkliches und Frag-Würdiges zum Israel-Palästina-Konflikt" (Dura-Verlag 1993). Beides sind Textsammlungen. Im ersten kommen viele palästinensische Stimmen zu Wort. Sie erzählen von Erinnerungen und vom Alltag. In "Wie sieht Frieden aus?" stehen Texte zur palästinensischen Geschichte und Gegenwart von Ellen Rohlfs und aus Quellen, die sie gesammelt hat. "Wie sieht Frieden aus?" liegt ihr besonders am Herzen. Im Internet findet man einiges über sie. Ein neueres Gedicht von Ellen Rohlfs ist Daniel Barenboim gewidmet:

GEBT ihnen Geigen !

Nehmt ihnen nicht weg das Brot und das Wasser!
Das Land, die Ölbäume, Straßen, Häuser, Schulen und Werkstätten!
Nehmt ihnen nicht weg die Würde, Freiheit, Hoffnung und den Lebensmut,
Doch nehmt weg die Checkpoints und Straßensperren
Den scharfen Befehlston, die demütigende Bewegung,
die Undercovereinheiten, die Kollaborateure
die Gefängnislager mit ihren Folterern
die Panzer, Scharfschützen, Hubschrauber, Bulldozer
das Tränengas, den Lärm der Motoren,
das Monstrum der Apartheidmauer.
Nehmt all dies weg! und
Lasst das Verhaften, Zerstören, Verletzen, das gezielte Töten!

Sie nehmen sonst nicht nur Steine in die Hand, sondern Kalaschnikows,
Sie schmuggeln Waffen und basteln Raketen,
verstecken Minen am Straßenrand -
Ja, schnallen sich Sprengstoffgürtel um den Leib ....
- Haben sie denn noch was zu verlieren
- Außer der Angst vor dem Tod ?
und reißen so Unschuldige mit in den ihrigen.
Wer sind sie? Terroristen, Freiheitskämpfer ?
Wer Wind sät - wird Sturm ernten.
Wer Gewalt sät, wird mit Terror konfrontiert.

Drum: Gebt ihnen Geigen, Trompeten, Celli und Trommeln in die Hand -
Die Würde und Achtung vor dem anderen,
steckt sie mit Begeisterung an,
schenkt ihnen Liebe, Verständnis
und wahren Sinn fürs Leben in lohnender Zukunft.

So wurde aus Ramzi, dem Steinewerfer - Ramzi, der Geiger.
Aus Samir, dem Intifadajungen - Samir, der Architekt.
Aus Majid, dem Frustrierten - Majid, der Arzt.
Aus Nazmi, dem Geschlagenen - Nazmi, der Archäologe.
Aus Mahmud, dem Beraubten - Mahmud, der Dichter.
Aus Sliman, dem Gedemütigten - Sliman, der Maler.
Aus Noah, dem Traumatisierten --- Noah, der Friedenskämpfer.
Aus Ahmed, dem Gefolterten - wird dann hoffentlich ein ganz normaler Familienvater.

Ja, gebt ihnen Geigen in die Hand, den Pinsel, das Buch oder ein Werkzeug,
Gebt zurück die menschliche Würde, Hoffnung und den Augen ein Ziel.
Und natürlich das Brot und das Wasser,
Das Haus, das Land mit seinen Früchten,
Gebt zurück die Ehre dem einzelnen und den Familien,
Die Freiheit und Sicherheit im eigenen Land!

Gebt ihnen Geigen in die Hand! - dann werden sie beweisen,
ihre Gene* sind nicht anders als die ganz normaler Menschen.
Sie werden leben in Frieden mit sich und ihren jüdischen Nachbarn.
Nach Martin Buber , Yeshayahu Leibowitz und Yehudi Menuhin
Wär' es nie anders gewesen.
Doch nun muss der Geist des Versöhnens und Verzeihens wachsen.
Drum, gebt ihnen Geigen in die Hand und Hoffnung ins Herz!

(* Ein israelischer General behauptete 2003, die Palästinenser hätten Gene der Gewalt und seien deshalb Terroristen.)

Ellen Rohlfs wird in der jüdisch-israelischen Öffentlichkeit wahrscheinlich ähnlich wie Uri Avnery eingeschätzt, der das Vorwort von "Wie sieht Frieden aus?" geschrieben hat. Dieser ist ein Phänomen. Zwar hat er scharfe Kritiker, doch haben seine Taten ihm Respekt auf allen Seiten eingebracht. Kürzlich wurde er 80 und noch immer ist er aktiv wie ein junger Mann, das ist ganz erstaunlich. Er könnte sich zurückziehen, weniger stressvoll leben, aber der Mann bricht alle Rekorde. Nicht in allen Punkten stimme ich ihm zu, er ist für zwei Staaten, ich glaube nicht an die Zwei-Staaten-Lösung, er ist Zionist, ich glaube nicht an den Zionismus, aber seine Mentalität und auch das meiste, was er schreibt, das gefällt mir wohl. Seine Vision ist die Versöhnung der Kinder Abrahams. Da stimmen wir voll überein. Ich sage sogar: Judentum, Christentum und Islam, das ist im Kern dieselbe Sache. Es ist dieselbe Sache.

Ich fragte später jemanden aus dem (so genannten) linken israelischen Spektrum nach Ellen Rohlfs. Ja, die sei wohl bekannt, meinte er. Sie schreibe aber manchmal etwas zu emotional. Die Sache mit der Emotionalität ist bemerkenswert, weil es um die Frage geht, ob Gefühle in der Öffentlichkeit etwas zu suchen haben. Sachlichkeit wird oft gefordert. Nicht immer zu Unrecht, nicht immer zu Recht. Immerhin handelt der gesamte Menschenrechtskatalog letztlich von Emotionen. Kann man jedenfalls so sehen. Ich finde, man darf den Bodenkontakt nicht verlieren, nicht zu abstrakt werden. Diese Gefahr sehe ich bei der "Versachlichung" von Krieg. Die Gegengefahr ist, dass die Emotionalität von journalistischen Texten assoziieren kann, dass es um Unterstützung für bestimmte Gruppen geht, auch wenn es in Wirklichkeit um Unterstützung für die Menschenrechte gehen mag. An Ellen Rohlfs jedenfalls hatte ich auch sachlich gesehen in Oldenburg die besten Erinnerungen.

Auftanken und Nachdenken

(Mittwoch, 19.05.04) Acht Auftritte lagen jetzt hinter uns. Eigentlich neun, wenn man die Generalprobe im Jüdischen Gymnasium mitzählte. Zwei Wochen lang waren wir zusammen unterwegs. Als ich am nächsten Morgen oder Mittag im Hotel aufwachte, war ich ziemlich groggy. Wir verabschiedeten uns jetzt vorerst, das Duo Rubin und ich. Sie fuhren zurück nach Berlin, es waren fünf Tage frei bis zum Auftritt in Köln. Allerdings mussten wir erst einmal nach Hause kommen, und wir hatten zudem am Köln-Tag mittags noch ein Radio-Interview beim Rundfunk Berlin Brandenburg, sodass die freie Zeit zu drei Tagen zusammenschmolz. Am Frühstücksbüffet war ich der Letzte, im Anschluss schnorkelte ich zum nahen Bahnhof herüber. Die Gitarre hatte ich beim Duo Rubin gelassen. Nach Kiel ist es von Oldenburg nicht allzu weit, irgendwann am Nachmittag bin ich dann zu Hause ins Bett gefallen und wollte am Liebsten vier Wochen durchschlafen.

Habe ich aber nicht. Ich ging im Geiste die Erlebnisse durch und nahm mir Sophias Buch wieder vor, "Ich bin als Mensch gekommen", das ich inzwischen fast durchgelesen hatte. Die ganze Zeit über hatte ich es im Rucksack. Wir reisten parallel und zeitverschoben. Während ich im Jahr 2004 mit dem Duo Rubin durch Deutschland zog, an der Peripherie des Nahostkonflikts, reiste sie im Jahr 2002 mit ihrer Tochter Julia durch Palästina und Israel, im Zentrum des Konflikts. Julia saß im letzten Jahr neben mir bei einer Veranstaltung in Berlin. Sie hatte zwei Hunde dabei, die so groß wie Elefanten waren. Ich musste aufpassen, wenn sie den Kopf drehte, denn sie trug eine mächtige Feder im Haar. Es ist ein Aufsatz von ihr im neuen Buch ihrer Mutter. Dort berichtet sie von einer abenteuerlichen Fahrt in einem palästinensischen Ambulanzwagen.

Ich spürte förmlich den Matsch unter den Füßen der Friedensaktivisten, die durch das besetzte Ramallah zogen, dicht beieinander, auf die Soldaten und Panzer zu. Stellte mir die Gesichter vor wie in einem Film, sah sie in ihren Quartieren auf einem Stuhl stehend ins Handy sprechen, in den unmöglichsten Positionen - wegen des Empfangs. Diese Leute waren nicht gegen Israel, im Gegenteil. Wenn jemand etwas für die Sicherheit des realen Israels tat, dann sie. Die Verfechter der Menschenrechte. Rachel Corrie ist dafür gestorben. Ein Panzer hat sie totgefahren, als sie gegen Gewalt demonstrierte. Ich las später einen Brief ihrer Eltern, die aus den USA nach Israel kamen, um Rachels letzte Stationen nachzuvollziehen. Ihr Brief hat mich tief berührt. Er war ganz ohne Hass und Rachegefühle, er war mitfühlend und konstruktiv. Ich bewunderte Rachel Corries Eltern.

Auch Sophia Deeg ist für mich eine progressive mutige Frau, an der ich mir ein Beispiel nehme. Sie weicht dem Konflikt nicht aus, sondern tut ihr Möglichstes, um das globale Netzwerk für einen gleichberechtigten Frieden zwischen allen Menschen zu unterstützen. Diese Einstellung hat sie auch in dem Fernseh-Interview bei Alfred Biolek gezeigt. Ich freute mich bereits darauf, sie im Oktober während der Frankfurter Buchmesse zu sehen.

Erst einmal die Tournee zu Ende bringen. Köln und Berlin lagen noch vor uns. Beides im größeren Rahmen. Ich war besonders gespannt auf Berlin, auf das Finale. Wie würde es im DaimlerChrysler-Gebäude sein? Ich hatte schon vom Duo Rubin gehört, dass DC sich mächtig ins Zeug legen würde. Für mich war es das erste Mal, an einer derart gesponsorten Veranstaltung teilzunehmen.



Radiotermin in Berlin

(23.05.04) Im Gebäude des Rundfunk Berlin Brandenburg trafen wir Dagmar Schmidt wieder, die Bundestagsabgeordnete, und die Journalistin Gesine Strempel. Wir saßen um einen runden Tisch herum, in einem kleinen Aufnahmeraum. Das Gespräch wurde wenige Stunden später gesendet. Barbara Fuchs, eine Bekannte von mir aus Attac-Kreisen, die auch Öffentlichkeitsarbeit macht, schrieb mir später, sie habe es im Radio gehört. Wir hatten uns vorher kaum abgesprochen, das Duo Rubin und ich, nur kurz über die Grundaussage geredet. Wir waren bereits aufeinander eingespielt und konnten einschätzen, was geschieht. Es muss Raum für Spontaneität bleiben. Mit Dagmar Schmidt haben wir uns gar nicht besprochen, das war eigentlich alles kein Problem. Ich betone das, weil es nicht selbstverständlich ist. Hier ist das Gespräch im Wortlaut:

Link zu Rundfunk Berlin Brandenburg: Gespräch mit dem Duo Rubin, Anis und Dagmar Schmidt über die Benefiztournee "Shalom-Salam" zugunsten von Givat Haviva. Sendung "Zeitpunkte" am 23.05.2004, 17.05-18.00 h, Redaktion: Birgit Ludwig, Moderation: Gesine Strempel, Technik: Annette Kruschke

Wir standen nach der Aufzeichnung noch eine Weile zu viert vor dem Rundfunk-Gebäude, so lange Dagmar Schmidt auf ihr Taxi wartete. In Gedanken war ich noch bei der Einleitung von Gesine Strempel. "Täglich neue Meldungen vom Konflikt zwischen Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten, und immer wieder Selbstmord- und Mordanschläge in Israel. Die Auseinandersetzungen zwischen israelischen Soldaten und bewaffneten Palästinensern eskalierten in den letzten Tagen im Gazastreifen." War es so? Was war mit den Auseinandersetzungen zwischen israelischen Soldaten und der palästinensischen Zivilbevölkerung? Was war mit den Siedlern? Mit den Dingen, über die zum Beispiel Sophia Deeg in ihrem Buch berichtet. Auch hatte es, so weit ich mich erinnern konnte, aktuell keine Selbstmord- und Mordanschläge von palästinensischer Seite gegeben, obwohl die israelische Politik, etwa in Gaza, überaus gewalttätig gewesen ist.

Im Interview sprach ich das nicht an, es hätte zu Grundsatzdiskussionen geführt, die den Rahmen einer solchen kulturellen Sendung gesprengt hätten. Damit wäre nichts Konstruktives erreicht. Vielleicht gegen Ende, wo Gesine noch einmal nachgehakt hat. Sie wollte unsere Meinung ja hören. Ich fühlte mich aber zudem Tagesform-abhängig rhetorisch nicht sicher genug. Positiv überrascht war ich insofern, als Gesine Strempel richtig zugehört hatte, auch mir zugehört hatte, mit einer Aufmerksamkeit, die nicht oberflächlich war.

Im Auto nach Köln schlug ich mir plötzlich lachend auf die Stirn. Die Flügel aus Staub! Ich erzählte Gabriella und Ithay, dass es im Buch "Loving Jay" ein Interview mit dem Dichter gibt, in dem er gefragt wird, warum er schreibe. Seine Antwort ist: "Weil ich es muss. Es geht darum, die Wahrheit des Augenblicks festzuhalten. Das, was nicht in den Nachrichten steht. 'Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub' zum Beispiel wurde noch nicht in den Nachrichten gesendet." Nun hatte ich es also schon fast geschafft: "Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub" war im Radio gesendet worden.



Köln, Wallraf-Richartz-Museum

(23.05.04) Jemand sagte mir nach dem Auftritt in Köln, ich hätte auf der Bühne "Richard-Wagner-Museum" gesagt anstatt "Wallraf-Richartz-Museum". Ich konnte mir das zwar nicht vorstellen, aber passieren kann so etwas natürlich in einer Live-Situation. Normalerweise vergaß ich immer nur den Vornamen des Komponisten Hemsi und blickte dann fragend auf Ithay. - Ausgerechnet Wagner. Wobei mir seine Musik gefällt, sie ist groß. Es handelt sich beim Wallraf-Richartz-Museum, das in der Nähe des Kölner Doms steht, um ein architektonisch bemerkenswertes Gebäude, in dem hauptsächlich historische Gemälde und Grafiken ausgestellt werden. Es ist aber auch ein Veranstaltungsort, und wir spielten im Stiftersaal. Ich bin wirklich dankbar dafür, an so vielen schönen Orten aufgetreten zu sein.

Wir hatten wieder Besuch. Der Friedenskoch Jalil Schwarz war gekommen und hat in der Pause arabischen Kaffe ausgeschenkt. Er stammt ursprünglich aus der Stadt Ramle bei Jafa und hat bereits viele Spenden gesammelt für verschiedene Projekte. Für sein Engagement zur Verständigung hat er das Bundesverdienstkreuz bekommen. Er wohnt in der Umgebung, in Köln Ehrenfeld, und Michael Krebs hat ihn zu uns eingeladen, was wir sehr passend fanden. Unter www.friedenskoch.de kann man mehr über Jalil Schwarz und seine Arbeit erfahren.

Der Saal war stilvoll schlicht, hatte eine hohe Decke und hölzerne Gittermuster an den Wänden. Ich assoziierte ihn mit Zen und mit Japan. Genau mein Geschmack. Aus dem Panoramafenster hinter der Bühne hatte man einen überwältigenden Ausblick auf altes Gemäuer, das bei richtigem Licht eine märchenhafte Ausstrahlung bekam. Schade, dass ich optische Eindrücke nicht so gut beschreiben kann, denn von der Architektur gefiel mir dieser Auftrittsort am Besten. Die klaren Formen, die klaren Baustoffe, die herrlichen schwarzen Treppen. Nicht protzig, sondern erhaben. Wir hatten einen Raum nahe dem Eingang, im ersten Stock, wo wir uns umziehen konnten. Durch ein langes Schlitz-Fenster sah ich nach unten in die Eingangshalle, wo die Besucher jetzt in Richtung Saal schlenderten. Das Duo Rubin war noch nicht da, sie brachten den Wagen ins Parkhaus. Ich zog mich um und ging schon in den Saal, denn ich wollte den Friedenskoch sehen, der mit Freunden seinen Stand aufgebaut hatte.

Ich roch im Vorübergehen Tabak und bemerkte einige junge Leute, Angestellte vom Museum, in offizieller Kleidung in einem halboffenen Raum, in dessen Mitte ein Arbeitstisch mit Tresen war, um den herum sie standen und sich unterhielten. Ich fragte, ob ich hier mal eine rauchen könnte. Klar. Ich setzte mich, ohne dem Gespräch zu folgen, nahm die Szene in mich auf. Es war eine Jaques-Tati-Atmosphäre. Dieser geniale französische Filmemacher mit den blitzblanken Fluren und den langen Einstellungen. Wunderbarer Ort.

Vor dem Auftritt bereits in den Saal zu kommen, gehört sich für Künstler eigentlich nicht. Es ist ein seltsames Gefühl, weil man nicht genau weiß, wohin man kucken soll und wie man kucken soll. Aber egal. Ich traf im Vorraum bereits einen arabischen Journalisten von der Deutschen Welle, der mich begrüßte. Wir sprachen eine Weile. Er entschuldigte sich, dass er mich vorher nicht gekannt hatte. Ich musste lachen. Ja, meinte er, er habe zufällig meine Mutter auf der Domplatte kennen gelernt, jetzt eben, und die habe ihm von mir erzählt. Mom also! Lustig. Auch ich kam von der Domplatte zurück, musste mir vor dem Auftritt noch einen Burger ziehen, hatte sie aber nicht getroffen. Meine Mom war mit ihrer syrischen Freundin Nahla gekommen und zum zweiten Mal dabei.

Im Saal traf ich einen weiteren arabischen Journalisten von der Deutschen Welle, der mit seinem Sohn da war, und wir stellten uns vor. Michael Krebs lief gedankenverloren von einer Seite des Saals zur anderen. Es waren blau-gelbe Bilder von Bernd Schwarzer vor der Bühne ausgestellt, der mir aus Düsseldorf noch lebhaft im Gedächtnis geblieben war. Der schräg-geniale Maler selbst war dieses Mal aber nicht dabei. Michael hatte sich erfolgreich Mühe gegeben, in seiner Stadt Köln Leute zu mobilisieren, der Saal war ganz gut gefüllt. Auch in Köln hatten wir zuvor ein Pressegespräch gehabt, das war sogar angenehm entspannend gewesen.

Grußworte sprachen die Bürgermeisterin Renate Canisius und Staatssekretär Hartmut Krebs, der Grüße vom NRW-Ministerpräsidenten Peer Steinbrück übermittelte und von dessen kürzlicher Israelreise berichtete, an der er teilgenommen hatte. Ich lauschte dem mit den Ohren eines Nachrichtendienstes, denn ich hatte in der Presse gelesen, was Herr Steinbrück bei seinem Israelbesuch gesagt hat, und es hatte mir nicht gefallen. Er hat eine Rundum-Israelsolidarität beschworen, was mir in Zeiten von Hubschrauber-Beschießungen und routinemäßiger Missachtung von Menschen- und Völkerrecht nicht angemessen erschien. Es klang ähnlich Angela Merkels "Im Zweifel für Israel". Ich frage mich: In welchem Zweifel? Im Zweifel zwischen Israel und Menschenrecht? Und überhaupt: Welches Israel? Das reale oder das abstrakte, das verklärte?

Was Staatssekretär Krebs sagte, war jedoch konstruktiv. Er machte insgesamt einen wachen Eindruck und schien ein interessanter Mensch zu sein. Wenn doch dieser Konflikt nicht so leicht zu Misstrauen und Disharmonie führen würde! Als nach der Pause auch die Bürgermeisterin einige Worte gesprochen hatte und ich an der Reihe war, um mit Lyrik fortzufahren, hielt ich mich zurück. Auch gab mir die Rede des Staatssekretärs keinen Anlass, den Konflikt zu öffnen. Vielmehr wies ich vor dem Publikum darauf hin, dass wir Künstler die Aufmerksamkeit aus der Politik durchaus wahrnahmen und zu schätzen wussten, denn es ist nicht alltäglich, dass man Politiker mit diesem Thema mobilisieren kann. Dafür gab es einen Applaus. Keine politischen Diskussionen an dieser Stelle. Darüber sprechen muss man. An anderer Stelle.

Als ich später ein Lob von diesem Mann für meine Lyrik bekam, war ich berührt. Das hat mir etwas bedeutet. Der ganze Auftritt war angenehm. Wir gingen im Anschluss mit ein paar Leuten in ein ur-kölsches Restaurant um die Ecke, das Sion hieß. Man saß dort ausgezeichnet, aber das Essen war nicht so besonders. Dafür war die Kölner Presse nach dem Auftritt gut.

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