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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (6)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 6: Berlin


Inhalt : Im Stefans - Über Kritik an der Tournee - Bei DaimlerChrysler - Das Finale - Das war die Tour

Im Stefans

(Dienstag 25.05.04) Ich stand auf dem kleinen Balkon im dritten Stock über dem Stefans, einem Kaffeehaus mit Konditorei, und sah auf die Straßenecke unter mir. Berlin. Inzwischen mag ich die Stadt. Früher fand ich sie fürchterlich, wegen der Insel-Atmosphäre, des Akzents und der schmutzigen Straßen. Seit ein zwei Jahren aber fahre ich immer öfter hierher. Erst war es Kulturattac, dann eine Palästina-Konferenz, bei der ich einige Berliner Araber traf. Dann Shalom-Salam, die Vorgespräche und Proben. Der erster Solo-Auftritt meines Lebens in Berlin fand heute Abend unten im Kaffeehaus statt: "Wolken im Kopf. Satiren und Songs". Gerade hatte ich einige Stunden lang Gitarre gespielt, um mich vorzubereiten. Schon lange hatte ich nicht mehr mit so viel Ausdauer gespielt und gesungen, es war befreiend. Nun schrieb ich Tagebuch. Angekommen war ich gestern schon. Stefan hatte mir freundlicherweise angeboten, für die Zeit meines Aufenthalts diese Wohnung zu beziehen. Das entlastete auch Gabriella und Ithay, zu denen ich sonst gegangen wäre. Morgen war das Finale der Tour, im Daimler-Chrysler-Gebäude am Potsdamer Platz. Obwohl ich hier mitten in der Stadt untergebracht war, am Olivaer Platz am Ku'damm, war eine angenehme Ruhe und Abgeschiedenheit in der Wohnung zu spüren.

Stefan, den ich nie nach seinem Nachnamen gefragt habe, ist ein unkomplizierter und stilvoller Mensch. Er hat seit einigen Jahren sein Kaffeehaus, und obwohl er viel zu tun hat und es nicht immer leicht ist, versteht er es, zu leben. Hin und wieder gibt es kulturelle Veranstaltungen im Stefans, so wie heute. Ich kam mit der Gitarre in den Raum. Es sind eigentlich zwei Räume. Ich saß so, dass mich die meisten der Leute sehen konnten. Ein Teil des Publikums saß hingegen über Eck und hörte nur meine Stimme über die Boxen. Es ist seltsam, wenn man sein Publikum nicht sehen und dennoch spüren kann. Viele kamen nicht zu dem Auftritt, aber die, die da waren, waren mir wichtig. Alex Elsohn von Givat Haviva hatte sich nämlich an diesem Tag ein Essen als Abschluss für die Tour gewünscht, weil er morgen schnell nach dem Konzert in den Flieger musste. Dieses Essen war im Anschluss an meinen Auftritt geplant. Also kamen fast alle Leute von der Tour zusammen: Dagmar Schmidt mit ihrem freundlichen Mitarbeiter, der Journalist Martin Forberg, Bettina Hildebrand vom Institut für Menschenrechte, Alex und Stefan, Michael Krebs war da und weitere Freunde. Es gab... Spargel. Ich weiß nicht, wie oft ich auf dieser Reise Spargel gegessen habe, aber ich konnte sowieso nicht genug davon bekommen. Es war Mai, der Spargelmonat. So schade, dass das Duo Rubin nicht dabei war! Aber sie hatten noch Termine, und sie haben auch einen Sohn. Und morgen noch das Finale. Es war schon ein volles Programm.

Nun war ich also wieder auf der Bühne. Zuerst musste ich mich an die Akustik und den Raum gewöhnen. Dann war es mir ein zunehmendes Vergnügen, vor gerade diesen Leuten zu lesen und zu singen. Ich hatte die Möglichkeit, die Palette meiner künstlerischen Arbeit zu zeigen, viel mehr als bei Shalom-Salam. Spielte ein paar Blues, las Satiren wie "Der Prinz auf der Melone" und "Der Affe mit dem Banjo". Irgendwann gingen mir die auswendigen Lieder aus, aber die Leute wollten noch mehr Songs hören. Da stimmte ich den Palästinenser-Song an, den ich erst nicht spielen wollte: "Ich bin Palästinenser, und ich suche den Bremser. Ich gehe auf die Straße, und ich sag es laut". Der Song hat nur zwei Akkorde und gehört zu den Joke-Liedern, die ich so habe. Die Melodie ist - ohne unmittelbar davon inspiriert zu sein - etwas ähnlich wie in einem Teil von "Coconut Woman" des von mir hoch geschätzten Harry Belafonte (etwa die Stelle: "Take some coconut water, it is good for your daughter"). "Ich stehe am Fenster und zähle Gespenster. Ich bin Palästinenser in meiner Haut." Als ich es sang, habe ich mich unwillkürlich auf Alex konzentriert, der Israeli ist. "Ich bin kein Israeli, und ich komm nicht aus Neu Delhi, ich bin Palästinenser, und ich sag es laut." Was er wohl dachte. Er grinste. Er hat auch danach noch mit mir geredet. "Ich war in Camp David und hielt es fürn Fortschritt. Ich war auch in Oslo und hab drauf vertraut." Ich hatte den Song noch nie vor Israelis oder Juden gesungen. Ich hatte auch nicht darüber nachgedacht, als ich ihn schrieb. "Rock'n'Roll Palästinenser, wo ist der Bremser? Wie sag ichs nur den Kindern, wie sag ichs meiner Braut?" Gerade arbeite ich an der englischen Übersetzung. I am Palestinian and I have an opinion...

Mit Alex hatte ich zum ersten Mal in einer Bäckerei in Halle länger gesprochen, bei einem Kaffee. Ich war interessiert daran, näheres über seine Einstellung zum Leben zu erfahren, seine Ansichten. Er ist ein diplomatischer Mensch, ansonsten könnte er auch nicht diesen Job machen. Im Stefans unterhielten wir uns auch einige Male. Es blieb aber noch immer viel Gesprächsstoff übrig. Er ist bestimmt ein tiefes Wasser, und nach den wenigen Begegnungen ist es schwer, ihn zu charakterisieren. Die Distanz zwischen uns war jedenfalls von Anfang an nicht groß, und ich hatte nie Anlass, ihm zu misstrauen. Er erzählte mir vom Haviva-Reik-Friedenspreis an Daniel Barenboim ende Juni und fragte mich, ob ich zusammen mit dem Duo Rubin im Kulturprogramm der Preisverleihung im Sorat-Hotel teilnehmen möchte. Daniel Barenboim! Das war eine große Ehre. Ich habe Alex Elsohn einiges zu verdanken.

Über Kritik an der Tournee

Gegen Ende der Tour leitete ich Alex Elsohn eine Mail von einer kritischen Zuschauerin aus Köln weiter. Diese bemängelte, dass das Vorwort vom Duo Rubin (siehe Kapitel 1) einseitig sei, weil es von palästinensischer Gewalt ausging. Auch dass wir uns von DaimlerChrysler sponsoren ließen, stieß dort auf Kritik, ebenso wie es Misstrauen gegenüber Givat Haviva gab. Ich hatte auf die Kritik am Vorwort des Duo Rubin geantwortet, dass das authentische Erlebnis am Vadi Ara sie überhaupt erst zu ihrer Initiative gebracht hat, und dass es also völlig legitim war, dass sie ihre Wahrnehmungen frei äußerten. Ich hatte es ja genauso getan und eine Pressemitteilung geschrieben, um meine eigenen Wahrnehmungen zu äußern, und jetzt dieses Buch als Nachbereitung, um mich innerlich auszugleichen. Da es in der Kritik auch um Givat Haviva ging und es sich um grundsätzliche Fragen handelte, leitete ich die Mail und meine Antwort also weiter, damit Alex Elsohn die Gelegenheit hatte, dazu Stellung zu nehmen. Er widmete sich dieser Mail ausführlich und schrieb unter anderem: "Die zentralen Aktivitäten Givat Havivas betreffen die pragmatische Arbeit mit der Zivilbevölkerung in vielen unterschiedlichen Bereichen der Erziehung und Bildung. Daraus ergeben sich automatisch engere Beziehungen mit Organisationen wie Chalonot, Reut/Sadaka usw. und eher freiere Kontakte unter dem Dach der 'Friedenskoalition' mit Organisationen wie Taayush, Women Link, Peace Now etc."

Was DaimlerChrysler anging, so war das für mich ein Präzedenzfall. Es gab dort Personen, besonders der vom Duo Rubin hoch geschätzte Shlomo Ben Hur, die sich für unser Projekt einsetzten. Michael Krebs hatte die kritische Dame vor dem Auftritt in Köln live erlebt. Er hatte ihr gesagt, dass die ganze Tournee ohne DaimlerChrysler nicht möglich gewesen wäre. Und dass es kaum eine bessere Investition als Shalom-Salam geben könne. Da war schon was dran. Als der Name DaimlerChrysler für mich zum ersten Mal fiel, fragte ich Jürgen Grässlin vom Rüstungsinformationsbüro e.V., denn ich wollte die Gewissheit haben, dass unser Sponsor kein Rüstungsgerät an eine der Konfliktbeteiligten lieferte, sei es unmittelbar oder mittelbar. Dies war ebenso notwendig wie die Bereitschaft meinerseits, DaimlerChrysler gegenüber dankbar und loyal zu sein, was diese Veranstaltung anging. Natürlich ohne mich dabei zu verleugnen. Als liberaler Mensch bin ich der Überzeugung, dass die verschiedenen Kräfte der Gesellschaft zusammenarbeiten und Kontakt haben sollten, damit der gesellschaftliche Frieden gewahrt beziehungsweise hergestellt werden kann. Das mag etwas geschraubt klingen, aber ich musste mich damit auseinandersetzen und Prinzipien entwickeln, um begründete Entscheidungen treffen zu können, was die kapitalistische Seite der Welt angeht. Während meiner Mitgliedschaft bei Kulturattac war die Rolle von Sponsoren im Kulturbereich ein zentrales Thema, und die Problematik beschäftigte mich schon länger. Ich hatte bei der Zusammenarbeit mit DaimlerChrysler kein schlechtes Gefühl, denn es wurden mir keinerlei Auflagen gemacht, was ich zu tun oder zu lassen hätte. Nach Abwägung aller Faktoren überwogen für mich eindeutig die positiven Impulse einer Zusammenarbeit.

Meine eigenen Werte sind spirituell, materielle Dinge nehme ich nicht als Maßstab. Für mich als Songwriter und Dichter spielt die Inspiration eine entscheidende Rolle. Die Erforschung von Trancen und Inspirationen lässt einen die Welt in alternativer Weise sehen und verstehen. Shalom-Salam ist für mich nicht materiell, auch wenn es an der Oberfläche um das Sammeln von materiellen Spenden ging. (Einen gewissen Betrag habe auch ich für die Tour bekommen. Dies war notwendig, weil ich sonst meinen Lebensunterhalt für diese Zeit nicht hätte bestreiten können. Auch wäre es übertrieben, wenn die Künstler nichts bekommen hätten. Man hätte uns weniger ernst genommen.) Während unser Hauptsponsor, also DC, für Ausgaben aufkam wie etwa Werbung und Mieten, floss das Eintrittsgeld direkt als Spende an Givat Haviva. Spirituell betrachtet ergab sich für mich folgender Gedankengang: Was tun sie mit dem Geld im Wesentlichen? Sie unterhalten eine Begegnungsstätte. Was ist der Hauptzweck dieser Begegnungsstätte? Die Verständigung zwischen Juden und Palästinensern. Kein materieller Zweck also. Zum Thema "Pop und Kommerz" hat die taz vor zwei Jahren einen Leserbrief von mir gebracht, in dem näher erläutert ist, was ich mit den unterschiedlichen Werten meine:

"'Pop und Kommerz', betr.: 'Die Zeichen der Revolte', taz vom 4. 5. 02. Die These, Pop sei ein profanes Wirtschaftsgut, finde ich interessant. Es scheint mir, als sei das eher die Sichtweise des nüchtern beobachtenden Journalisten. Als John 'Revolution' schrieb, schrieb er Popmusik, und er wusste das, weil er es fühlte. Der Song ist echt und inhärent als echt zu erkennen. Dass jemand später damit Kommerz machen würde, auch er selbst, hat nichts damit zu tun. Die materialistische Seite des Rock'n'Roll insgesamt scheint mir eher eine Art Kinderkrankheit zu sein, verursacht durch den Verlust früherer Werte wie Gehorsam und Zwang und den Gewinn von Freiheit und Spaß als neue Werte durch das Schaffen von Pop. Es ist schwer, Freiheit und Spaß vom Materiellen zu trennen, auch für inspirierte Popkünstler. Das Materielle verbindet den Künstler auch mit den Werten seiner Umwelt. Aber der Kommerz selbst ist in meiner Definition nicht Pop, er ist nur der materielle Beweis seiner Tauglichkeit in einer Welt, die andere Beweise nicht anerkennt."

Und was war nun mit Givat Haviva? Noch immer konnte ich mir kein genaues Bild machen. Wie gingen die Beteiligten dort mit dem Konflikt um? Hier lag eine Grundproblematik, über die ich viel nachdachte. Da gibt es die so genannten "zwei Narrative", die beiden historischen Sichten im Nahost-Konflikt. Ich halte das für einen guten Anknüpfpunkt, denn ich strebe die Synthese der beiden Narrative an, oder, in meinen eigenen Begrifflichkeiten aus der kognitiven Philosophie: der beiden Szenarios oder Frameworks. Denn was ist der Unterschied zwischen "zwei Narrativen" und "Krieg"? Ist nicht gerade das der Krieg, dass es zwei inkompatibel erscheinende historische Positionen gibt? Im Grunde kann man jeden Konflikt als Manifestation zweier Narrative beschreiben. Wir brauchen die Synthese.

Später las ich in der Zeitung über ein weiteres Projekt zwischen Juden und Arabern, das ebenfalls mit Givat Haviva verknüpft ist. Es heißt "Crossing Borders", und die Süddeutsche Zeitung hat am 10.07.04 auf Seite 3 davon berichtet (Marcus Jauer). Dabei handelt es sich um ein interkulturelles Zeitungsprojekt, im Zusammenhang mit einem "Berliner Nahost-Jugendgipfel". Jauer resümiert: "Wenn sie wieder zu Hause sind, wollen Hillel, Naama, Rawya und Amani erzählen, dass die anderen, die sie hier getroffen haben, auch Menschen sind, nicht nur Palästinenser oder Israelis." Dies ist sicherlich ein konstruktiver Ansatz. In einem zweiten Resümee heißt es: "Der israelische und der palästinensische Koordinator des Projekts hatten noch Änderungen, die den Text nun ausgewogener erscheinen lassen. Aber es ist noch ein gemeinsamer Text, und es gibt darin zwei Sichten auf ein und dieselbe Sache."

Hier stehen zu bleiben bedeutet in meiner Einschätzung, den Konflikt nicht aufzulösen. Es bedeutet das Nebeneinander von sich Widersprechendem, es bedeutet Schizophrenie. Ich hatte bereits bei der globalisierungskritischen Bewegung Attac mit dieser Problematik zu tun gehabt. Natürlich gibt es verschiedene historische Sichten, aber es gibt nur ein Menschenrecht. Dafür ist Danton in der Französischen Revolution gestorben, für den einen Maßstab, der für alle gelten konnte. Daher schreibt der palästinensische Journalist Hakam Abdel-Hadi zum oben erwähnten Crossing-Borders-Projekt in einer Email folgende Anmerkungen: "Am 07. Juli 2004 hat der Axel Springer Verlag (Bild am Sonntag) zu einem so genannten Nahost-Jugend-Gipfel eingeladen, der in Berlin stattfand. An diesem 'Gipfel' nahmen 21 Jugendliche aus Palästina, Jordanien und Israel teil. Die Idee wird vom jüdisch-arabischen Friedenszentrum Givat Haviva und der internationalen Schülerzeitung CROSSING BORDERS (CB) unterstützt. Mit Hilfe der Mitarbeiter des Verlags und der CB, die von der International People`s College im Jahre 1994 in Dänemark gegründet wurde, sollen die jungen Leute innerhalb einer Woche eine neue Auflage der CB-Zeitung im Verlag erstellen. (...) Mir kam während der dreistündigen Debatte folgende Überlegung in den Sinn: Wie sinnvoll sind solche Veranstaltungen? Dienen sie in erster Linie als Werbung für die Sponsoren oder der Erleichterung des Gewissens der nicht wirklich friedensstiftenden deutschen bzw. europäischen Außenpolitik? Bringen solche Begegnungen den beiden Völkern den ersehnten Frieden ein Stückchen näher? (...) Nach meiner Auffassung würden solche Begegnungen und Bemühungen wenig bringen, wenn die Kardinalfrage nicht im Mittelpunkt aller Gespräche steht: Was müssen wir tun, damit die fast 40-jährige israelische Besatzung, die Hauptursache allen Übels, möglichst bald beendet wird? Auch in Deutschland und Europa muss diese Frage im Vordergrund stehen, wenn Berlin oder Brüssel aufrichtig zwischen beiden Seiten vermitteln wollen. Alles andere ist für mich Augenwischerei."

Hier geht es nicht um Szenarios oder Narrative. Das Ende der Besatzung ist kein Narrativ, sondern Herstellung internationalen Rechts. Ich glaube allerdings nicht, dass die Besatzung "Hauptursache", und schon gar nicht "allen Übels", ist. Die Besatzung ist bereits eine Konsequenz des Konflikts. Dennoch stimme ich Herrn Abdel-Hadi im Prinzip zu. Das Ende der Besatzung bedeutet heute den Anfang des Friedens, weil es einen israelischen Mentalitätswechsel impliziert. Es ist ein asymmetrischer Konflikt, bei dem es keine gleichberechtigt Beteiligten gibt. Die Palästinenser haben nicht die Macht, den Konflikt zu beenden, das können nur die Israelis und Juden tun. Deshalb zitiere ich in meiner Arbeit eher Juden und Israelis und nicht zum Beispiel die exzellenten palästinensischen Denker und Politiker Haidar Abdel Shafi, Hanan Ashrawi, Mustafa Barghouti, Azmi Bishara, Sumaya Farhat-Naser. Denen wird erfahrungsgemäß in der deutschen und internationalen Öffentlichkeit nicht in vergleichbarer Weise zugehört, weil das, was sie sagen, dem idealisierten Bild Israels widerspricht und daher auf maßgebliche Diskursbeteiligte irritierend und störend wirkt.

Die Ursache des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern/Arabern ist die Tatsache, dass Rechte von Juden über dem Menschenrecht stehen, was wiederum im Horror des Holocaust begründet ist. Arabische Aggressionen sind nicht die Ursache. Vielmehr misstraut der öffentliche Mainstream dem Einklagen der Menschenrechte, weil sich dahinter anti-Israelisches verbergen könnte. Das bedeutet eine Abwertung der Menschenrechte und der UNO. Hier ist ein Beispiel aus der Süddeutschen Zeitung vom selben Tag, an dem sie über "Crossing Borders" berichtet hat (10.07.04). Sie nennt dort die UN-Generalversammlung auf der Titelseite "tendenziell Palästinenser-freundlich". Um das Narrativ und das Lagerdenken aufrecht zu erhalten, entscheidet die SZ nach dem Maßstab von Gruppen, nicht nach dem Maßstab der Situation. Ein Narrativ erfordert eine Ego-Perspektive, das Menschenrecht erfordert eine allgemeingültige Perspektive. Stefan Ulrich schreibt am 22.07.04 in derselben Zeitung auf Seite vier im Artikel: "Fordernd, aber fair. Warum sich Israel im Mauerstreit einmal nicht über die Vereinten Nationen beklagen darf" die Worte: "Tatsächlich gefällt sich die Generalversammlung darin, das kleine Land rituell abzuwatschen. Mehrheiten dafür sind unter den 191 UN-Mitgliedstaaten leicht zu finden. Denn in der Schelte für Israel lassen sich so wunderschön antiamerikanische, antiwestliche, antikolonialistische und antikapitalistische Ressentiments bündeln." Es lässt sich gut beobachten, wer hier Ressentiments hat. Bei der SZ, immerhin der größten der anspruchsvollen Tageszeitungen in Deutschland mit täglich über einer Million Lesern, geht man offenbar von einer weltweiten diplomatischen Verschwörung oder Intrige gegen Israel und gegen den Westen mit seinem Kapitalismus aus. Solche Bewertungen wie von der SZ sind zwangsläufig, wenn man sich bei seinen Entscheidungen auf ein bestimmtes Lager stützt und nicht auf die demokratische Grundordnung und das internationale Recht.

Negative oder gar ablehnende Kritik an der Shalom-Salam-Tournee gab es ansonsten nur vereinzelt. Allerdings haben Gabriella und Ithay und die anderen Beteiligten in dieser Hinsicht möglicherweise mehr oder andere Erfahrungen gemacht als ich, bei den Vorbereitungen zum Beispiel. Ich bin sicher, dass es auch einige Araber gegeben haben wird, die andere Prioritäten für Spendengelder sehen als Givat Haviva, oder die weniger Vertrauen haben. Das ist immer so, man kann es nicht allen Recht machen. Wichtig ist, dass man sich dabei wohl fühlt, was man tut, und dass man es nicht unreflektiert tut.

Bei DaimlerChrysler

(26.05.04) Michael Krebs und ich frühstückten im Stefans und spazierten dann über den Ku'damm gleich um die Ecke. Ich kaufte Zeitungen, denn heute wurde in mehreren Blättern über uns geschrieben. Ein aufregendes Leben. Nun also DaimlerChrysler. Erst mal finden! Wir bemerkten in einer Tiefgarage am Potsdamer Platz, dass es hier diverse Daimler-Chrysler-Gebäude gab. Ich dachte an den Film "Der Himmel über Berlin", an den Monolog am Potsdamer Platz. Es ist einer meiner Lieblingsfilme. Wie eine Filmkulisse kam mir auch das ganze Viertel vor. Ich war noch nie hier. Es schien ein reines Arbeits- und Vergnügungsviertel zu sein. Unbewohnt, aber voller Leute. Nach einigen Straßen hatten wir es dann gefunden.

Wir kamen in ein repräsentatives, hohes Atrium mit einer Bühne, hinter der eine große Leinwand hing. Techniker liefen an uns vorbei. Gabriella spielte schon auf dem Piano. Unverkennbar. Hinter dem Klavier waren drei Flaggen aufgestellt: die israelische, die palästinensische, und in der Mitte die von DaimlerChrysler. Das fand ich gut. Ich sah die schwarz-weiß-grüne Flagge mit dem roten Dreieck an der linken Seite, es war die palästinensische Fahne. Die hatte ich während der ganzen Tour nicht gesehen. Überhaupt sah ich zum ersten Mal diese beiden Flaggen nebeneinander. Es war erstaunlich: Ich akzeptierte die israelische. Normalerweise ist das Blau-Weiß der israelischen Flagge für mich kein positives Symbol, weil ich damit Vertreibung und Besatzung assoziiere. Hier aber wurde die negative Assoziation neutralisiert durch die andere Flagge. Mein erster Eindruck war positiv.

Einige Männer in teuren Anzügen liefen an uns vorbei. Kameras wurden aufgebaut. Ich begrüßte Gabriella und Ithay herzlich, und wir erzählten einander, was in den letzten Tagen alles passiert war. Dann bauten wir den CD- und Büchertisch auf. Man kann alle Stücke vom Duo Rubin, die während der Tour gespielt wurden, auf einer CD kaufen, natürlich auch jetzt noch, nach der Tournee. Die CD heißt "On Tour" und ist kurz vor der Tournee beim Label Genuin erschienen. Im Saal schien alles hervorragend organisiert zu sein. Wir machten einen Soundcheck. Mehrere Techniker koordinierten das. Ich redete Blödsinn ins Mikrofon, bis die Akustik stimmte. Michael ging durch den Korridor in der Mitte zwischen den Stuhlreihen nach hinten in den Saal und lauschte, um die Lautsprecher zu testen. Festliche Atmosphäre. Junge Security-Männer mit junge-Security-Männer-Haarschnitten standen hinter der Bühne und der Leinwand. Ithay und ich spielten "Wie oft" einmal durch. Eine junge Frau von DC brachte uns in die Garderobe im ersten oder zweiten Stock. Wir tranken Kaffee und lasen die Zeitungen.

Durch ein Fenster konnten wir vom Flur aus auf den Saal hinuntersehen, der sich langsam füllte. Ich beobachtete das Publikum, das uns im Prinzip auch sehen konnte, wenn es nach oben schaute und genau hinsah. Ich sah Alex Elsohn und Dagmar Schmidt, die Leute, die am Tag zuvor auch im Stefans dabei waren, und da war Jörn! Mein Kumpel Jörn. Ich war froh, dass er kam. Ich habe ihn bei Kulturattac kennen gelernt und ihn schon öfter besucht, wenn ich in Berlin war. Man kann mit ihm über die drei wichtigen Dinge des Lebens sprechen: Kunst, Politik und Frauen. Jetzt hatte er uns entdeckt und winkte zurück. Gabriella zeigte mir Shlomo Ben-Hur und seine Frau Robin, die bereits Platz genommen hatten. Sie waren diejenigen, die sich bei DC für Shalom-Salam stark gemacht hatten. Ohne Herrn Ben-Hur (, den ich nur flüchtig kennen lernte, wie ich anschließend mit Bedauern feststellte,) wäre all dies nicht möglich gewesen.

Das war nun doch alles so aufregend, dass ich etwas nervös wurde. Ich trippelte also wie üblich im Garderobenraum auf und ab, während Gabriella dasselbe auf der anderen Seite des Zimmers tat. Ithay spielte seine extra-schiefen Noten zur Entspannung, Gabriella sagte: "Lass das jetzt", woraufhin Ithay einen besonders schrägen Ton spielte. Alles ganz normal. Zwischendurch bekamen wir Besuch, auch von Herrn Ben-Hur, und die junge Koordinatorin von Daimler kam ab und zu, um letzte Details zu besprechen. Dann gingen wir runter. Meine Gitarre lag im Koffer hinter der Bühne bereit. Man würde sie zur Bühne bringen, wenn es soweit war. Ithay hatte sein Cello immer bei sich. So, nun noch mal tief durchatmen, und raus....

Das Finale

Am Begrüßungsapplaus merkten wir schon, dass sich hier ein zahlreiches Publikum versammelt hatte. Wir blickten von der Bühne auf die Zuschauer. Es waren über dreihundert, und kaum noch Stühle frei. Einige Besucher waren festlich gekleidet, manche sogar super-seriös. Auch ich trug stets einen Anzug auf der Bühne, es war angemessen. Gabriella machte die Begrüßung und die Überleitung zum Film, während Ithay und ich unsere Plätze in der ersten Reihe einnahmen. Es war eine Erleichterung gewesen, dass die Technik perfekt organisiert war, man konnte sich einfach fallen lassen in die Aufführung und musste sich über nichts anderes Gedanken machen. Die Leinwand war groß, der Ton ausgezeichnet. Nun sehe ich Euch vorerst zum letzten Mal, dachte ich, an die Jugendlichen in dem Film gerichtet. Ob diese jungen Leute einen Bezug dazu hatten, was wir hier taten? Hätten sie Fragen an uns, wenn sie uns begegnen würden? Hätten wir Fragen? Wenn sie zusammen feierten wie in diesem Film, konnte ich da mitfeiern? Ja, ich glaube schon. Irgendwann.

Der Film ging zuende, Ithay kam auf die Bühne. Das Duo Rubin spielte die Meditation von Alberto Hemsi. Sie waren gut. Ithay hat einen erstaunlichen Ehrgeiz. Beide haben ihn, Gabriella auch. Von Ithay aber weiß ich, dass er auch einmal professioneller Sportler war, Schwimmer, und er hat es in dieser Disziplin in Israel weit gebracht. Für die Musik hat er sich regelrecht entschieden. Sein Vater ist auch Cellist, und die beiden verstehen sich gut. Trotzdem oder gerade deswegen, ich weiß nicht. Ich glaube, dass er ein ähnlich starkes Bedürfnis hat wie ich, zur Entfaltung zu kommen, und dass er gesucht hat, bis er die Disziplin fand, die ihn am Stärksten erfüllte. Ähnlich wie ich es zuerst im Schachspiel versucht hatte, dann im Carambolage-Billard, dann in der Islamwissenschaft und schließlich in der Kunst, wo ich angekommen bin. Auch Gabriella macht noch etwas anderes, sie zeichnet und malt. Das Medium ist bei der Entfaltung eigentlich zweitrangig. Man kann sie sogar in eine schlichte Tee-Zeremonie legen wie im Zen. Ich glaube, Zen wäre etwas für Ithay.

Nach dem Musikstück kam ich auf die Bühne, machte meine Einleitung und las dann aus "Wir wollen beide hier leben". Ich hatte mir für die Vorbereitung der Tour einige aktuelle Bücher zum Thema besorgt und dieses ausgesucht, weil es nah am Leben ist und den Konflikt authentisch zeigt. Es ging um die junge Generation und ihre Gedanken- und Gefühlswelten. Es waren recht offene Meinungen, reflektiert, mit einer guten Portion authentischer Unschuld darin, und doch in einer Art, die potenziell angreifbar bleibt, ohne diplomatische Verrenkungen. Ein paar Sachen gefielen Ithay nicht, die habe ich im Laufe der Tour herausgenommen, denn es sollten sich schon alle mit dem Text wohlfühlen können. Genau genommen hatte ich noch eine zusätzliche Stelle beim Lesen ausgelassen, die Ithay zwar nicht genannt hatte, von der ich aber überzeugt war, dass, wenn er die andere Stelle nicht wollte, er diese schon gar nicht wollen konnte. Es war die Stelle, an der Odelia sagt: "Ein Rassist ist das Letzte, was ich sein will. Aber wenn man wirklich Angst hat, dann denkt man nicht darüber nach, ob man 'intolerant' fühlt und handelt; man fürchtet um sein Leben." Ich hatte zunächst nicht weiter darüber nachgedacht, weil dieser Ausschnitt sogar zu den Zitaten auf dem Klappentext gehört. Im Verlauf aber fand ich es dem Ereignis gegenüber nicht mehr angemessen. Wichtig ist das Zitat wohl, aber nicht in diesem Zusammenhang auf der Bühne.

Nach dem arabischen Komponisten folgte der israelische, Paul Ben Haim. Es war ein Feuerwerk für die Sinne. Auf der Leinwand sah man nicht einfach nur das Geschehen auf der Bühne in Vergrößerung, sondern visuelle Überblendungen von verschiedenen Kameras, Doppelbilder, Großaufnahmen, es war wie im Fernsehen, wirklich beeindruckend. Leider gibt es kein Video davon. Gabriella hat alles versucht, um eine Aufzeichnung als Erinnerung zu bekommen, aber es ging leider nicht. Es gibt aber einige Fotos. Dann stieg ich wieder auf die Bühne und las "Das Geheimnis der Zeit" aus "Loving Jay": "Wo du stehen bleibst, bleibt / die Zeit stehen. Du bestimmst / den Ort. Du bestimmst / die Situation. Wo du stehen bleibst. // Wo du weitergehst, zerfällt / die Vergangenheit. Ein neuer Ort / entsteht, eine andere / Situation. Das bist nicht mehr du. / Wo du weitergehst. // Wo du fliegen kannst, zerfällt / die Zukunft. In diesem Garten / werden wir dich treffen. / Wo du stehen bleibst." Ich trat ein paar Schritte zurück vom Lesepult. Das Duo Rubin spielte einige Takte Bach. Dann ging es weiter mit dem torlosen Tor, dem Stück, auf das ich am Häufigsten angesprochen wurde: "Am Leiden litten wir und schämten uns / der Scham. Wir brauchten das Brauchen. Die Suche / suchten wir. // Wir mussten erst / das Vergessen vergessen, / um uns ans Erinnern / zu erinnern. // Den Zweifel bezweifeln / mussten wir / und dem Widerspruch / widersprechen, / um die Liebe zu lieben / und die Geduld / auszusitzen. // Das Lassen lassen und mit dem / Brechen brechen mussten wir, / widerstehen / dem Widerstand, / um das Verstehen / zu verstehen. // Wir ignorierten / die Ignoranz und zerstörten / die Zerstörung. // Bald waren wir schneller / als die Geschwindigkeit und herrschten / über die Herrschaft." Ich war froh, dass ich mich selbst nicht auf der Leinwand sehen konnte, das hätte mich sicher irritiert. Wieder folgte Bach, dann "Amphibien", mit dem mein Part endete: "Unter Wasser / leben wir. Über Wasser / leben wir. Wie des Eisbergs / Spitze. Sprich / ein Wort! Sprich noch / ein Wort! Zieh es / aus dem Wasser! // Die Luft ist hoch. / Wir können einander sehen / einander können wir. / Die Luft ist hoch. // Aus dem Wasser / zieh es! Ein Wort noch, sprich / ein Wort! Sprich von der Spitze / des Eisbergs! Wie / wir leben / über Wasser, wir leben / unter Wasser." Ich setzte mich wieder und lauschte den beiden. Das Duo Rubin hatte gegen Ende der Tournee den Feuertanz von de Falla vorgezogen, um den ersten Teil des Konzerts mit einem stimmungsvollen schnellen Stück zu beenden. Wir verbeugten uns und gingen in die Pause.

Auch Giora war da, Gabriellas und Ithays Sohn, und Gabriellas Mutter mit ihrem Lebenspartner. Die Pause war schnell zuende, es folgten Grußbotschaften und Reden, die mich mal wieder positiv überraschten. Es gab wirklich ein Interesse am Frieden. Die Redner und all das Publikum, sie wären nicht gekommen, wenn es nicht ein gesellschaftlich übergreifendes Bedürfnis nach einer positiven Veränderung der Verhältnisse geben würde. Es sprachen Michael Averhoff, Director of Corporate Protocol Daimler Chrysler, Dagmar Schmidt MdB, Vorsitzende von Givat Haviva Deutschland und Matthias Mumenstädt vom Bundespräsidialamt, der Grüße von Bundespräsident Johannes Rau verlas, dem Schirmherrn unserer Veranstaltung. In seinem Grußwort sagte Herr Rau, dass er die Schirmherrschaft für unsere und auch andere Initiativen übernommen hat und übernimmt, "weil ich Menschen wie das Ehepaar Khen und den Schriftsteller Hamadeh ermutigen will, nicht abzulassen von ihren Bemühungen um Frieden und Verständigung. (...) Ich wünsche allen, die daran arbeiten, den Friedensprozess neu zu beleben, Ausdauer, Geduld und die Entschlossenheit, den Dialog nicht abreißen zu lassen. Ich wünsche Ihnen, dass wieder Vertrauen wächst. Sie sollen aber auch wissen, dass Sie verlässliche Freunde haben, die Sie auf dem Weg zum Frieden begleiten. Ihr Johannes Rau". Das war sehr bewegend. Jeder von uns bekam das viersprachige Buch "Kinder schreiben für den Frieden" von Givat Haviva mit einem Autogramm des Bundespräsidenten.

Da ich in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen bin, habe ich seit Jahrzehnten ein Bild von Herrn Rau. Bevor er Bundespräsident wurde, war er ja lange Ministerpräsident bei uns. Ich hielt ihn immer schon für einen der kompetentesten, glaubwürdigsten und sympathischsten Politiker, vor allem deshalb, weil er ein gläubiger Mensch ist. Des öfteren habe ich mit großem Interesse Interviews mit ihm und Sendungen über ihn im Fernsehen gesehen, auch die über seinen Abschied vom Bundespräsidialamt. Ich verstehe seine Werte. Dieses Bild ist aber so nicht vollständig. Es gibt auch eine andere Seite, ich habe auch Aggressionen, mit denen ich umgehen muss. Manchmal erinnere ich mich an die Farbfotoserie von der OSZE-Konferenz gegen Antisemitismus, in der man Herrn Rau und Herrn Spiegel zusammen lächeln und scherzen sieht, kurz nach den Hubschrauberangriffen auf Menschen, während des Mauerbaus, während der staatlichen Zerstörung menschlichen Lebens und privater Häuser in Rafah. Da machen die eine Antisemitismuskonferenz. Es war, glaube ich, die Jüdische Allgemeine, die diese Fotoserie gebracht hat. Ich hatte die Seite irgendwo unterwegs aufgeschlagen gesehen, musste aber meinen Blick abwenden, weil mir schwindelig wurde. Ich konnte es jedoch nicht ignorieren, es gehörte dazu. Ich verdrängte es meist, aber was sollte das bringen? Ich musste mir doch ein Urteil bilden. Außerdem lesen meine arabischen Freunde auch Zeitung, und sie werden mich fragen, wie ich zu Herrn Rau stehe. Es ist zudem ein Politikum, wenn das Grußwort "für das Konzert des Duos Rubin am 26. Mai 2004" verfasst wurde, auch wenn ich dann in der Anrede direkt angesprochen wurde. Ein Freund sah das Grußwort in der Mappe, die Michael Krebs für uns nach der Tour zusammengestellt hatte, und meinte: "Du wirst unter Duo Rubin subsumiert, so wie die Westbank unter Israel subsumiert wird. Nix Palästinenser. Hegemonie. Keine Veränderung." Mit solchen Dingen muss ich mich natürlich ernsthaft auseinandersetzen, denn es geht um Gleichberechtigung. Sah uns Herr Rau als gleichberechtigt an? Würde er auch in der Kontroverse ein verlässlicher Freund bleiben? Wenn ich so viele Tage mit diesen Fragen beschäftigt war, durfte ich sie nicht verschweigen, wenn ich den inneren Ausgleich suchte.

Von all dem war auf der Bühne nichts zu spüren. Ich freute mich aufrichtig über das Interesse und das Buch und war stolz auf das Autogramm. Auch die Rede des Daimler-Chrysler-Sprechers fand ich gut, und die von Dagmar Schmidt. Ich konnte mich zwar mitten im Auftritt nicht richtig darauf konzentrieren, aber mein Unterbewusstsein hörte mit und vermittelte mir ein positives Gefühl. So ging es mit Kraft durch den zweiten Teil der Veranstaltung, mit "Ausgangssperre für Gefühle" und dem Königsgedicht, dem langen musikalischen Teil des Duo Rubin und "unserem Lied" - wie Michael Krebs es nennt - ganz am Schluss. Michael hat ein Foto in unsere Mappe eingefügt, auf dem man uns drei Hand in Hand bei der Schlussverbeugung sehen kann: links im Bild Ithay mit Cello und Bogen in der rechten Hand, zu uns herübersehend, rechts vor dem Klavier eine aufgeräumt lächelnde, schöne Gabriella, und ich in der Mitte, den Blick zur Verbeugung geneigt, konzentriert, als würde ich gleich vom Zehn-Meter-Brett springen. Dahinter ist ein Stück der Leinwand zu sehen. Der Applaus war lang. Die Leute sind aufgestanden. Es war ein ergreifender Augenblick.

Das war die Tour

Im Anschluss wurde im vorderen Bereich des enormen Atriums Sekt ausgeschenkt. Es waren viele Eindrücke. Schade allein, dass die überregionale Presse nicht dabei war. Jemand kam auf mich zu, grüßte mich und stellte sich als Michael Eiser vor. Er ist der Direktor des Sorat-Hotels am Spree-Bogen, wo in einem Monat die Preisverleihung an Maestro Barenboim stattfinden würde. Mit Jörn ging ich an einen Tisch, an dem auch Martin Forberg stand. Das Duo Rubin zog sich noch um und kam später dazu. Wir realisierten erst langsam, dass wir nun entspannt aufatmen konnten. Nach einigen Gesprächen im Atrium gingen wir in einer kleinen Gruppe zum Restaurant herüber, das wir nicht gleich fanden. Ich machte mir klar, dass wir es geschafft hatten, war aber in Gedanken noch bei den Ereignissen der letzten Stunden. Als wir das gut gefüllte Restaurant betraten, wurden wir davon überwältigt, dass sich die Leute erhoben und lange klatschten. Es waren Besucher unserer Veranstaltung. So etwas habe ich noch nie erlebt, es war unglaublich, wie in einem Märchen. Ich konnte das nicht mit meiner Person in Verbindung bringen. Zuerst irritierte es mich, während ich einen Platz fand neben Frau Robin Ben-Hur, dann freute ich mich, denn dies waren Leute, die unser Anliegen unterstützten. Sie klatschten für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Wir hatten unsere Aufgabe erfüllt. Wir hatten Tausende von Menschen auf der Bühne und über die Medien erreicht. Wir hatten Politiker, Veranstalter und andere Künstler mobilisiert. Wir waren uns am Ende der Tournee nähergekommen und hatten uns nicht voneinander entfernt. Wir hatten ein Muster vorgegeben, eine Art der Begegnung. Wir hatten uns verändert.

Ithay und Gabriella brachten mich nachts zurück zur Wohnung über dem Stefans, und wir verabschiedeten uns als Freunde. Wir waren stolz darauf, dass wir es gemeinsam geschafft hatten. Gleichzeitig wussten wir, dass es noch immer sehr viel beim jeweils anderen gab, was wir nicht kannten. Dass die Welt noch viel größer und komplexer war, als wir Könige mit Flügeln aus Staub je erfassen würden. Aber was immer auch geschehen würde, diese Tournee steht da. Sie hat existiert.

Am nächsten Morgen beziehungsweise Mittag räumte ich das Zimmer auf und meine Sachen zusammen. Den gigantischen Blumenstrauß vom Vorabend ließ ich in der Wohnung, den konnte ich nicht transportieren. Alles war super. Zu super. Als ich den Koffer und die Gitarre in den Flur geschoben und die Tür hinter mir zugezogen hatte, suchte ich den Schlüssel, um abzuschließen. Ich hatte ihn innen stecken lassen. Zu blöd. Stefan nahm es gelassen. Er brachte mich noch zum Bahnhof. Abends in Kiel verstand ich allmählich, dass all diese Ereignisse tatsächlich passiert waren.

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