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Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub (7)
Erinnerungen an die Shalom-Salam-Tournee
von Anis Hamadeh
- August 2004 -

Kapitel: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Anhang
  Chapter: 0 - 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - Appendix


Kapitel 7: Haviva-Reik-Friedenspreis


Inhalt : Daniel Barenboim - Die Preisverleihung - Das Krokodil aus Kiel - Ideal und Realität - Kulturelle Identitäten - Falckenstein - Mit Jörn am Spreebogen

Daniel Barenboim

Daniel Barenboim begann seine musikalische Karriere etwa zeitgleich mit Elvis, im Sommer 1954. Im Grunde schon im August 1950, als er mit sieben Jahren sein erstes offizielles Konzert in Buenos Aires gab. Das Debüt als Pianist folgte 1952 in Wien und Rom. Die Worte des Dirigenten Wilhelm Furtwängler werden oft zitiert: "Der elfjährige Barenboim ist ein Phänomen...", und sie schienen eine ähnliche Initialzündung darzustellen wie die in der selben Zeit über Radio verbreiteten Worte eines jungen Künstlers aus Memphis, der da sang: "That's alright Mama, that's alright for you." Da lebten die Barenboims bereits seit zwei Jahren im frisch gegründeten Israel, und Daniel machte erste Plattenaufnahmen: Mozart, Beethoven, Brahms, Bartok. Einige Stationen: 1967 dirigierte Daniel Barenboim das New Philharmonia Orchestra in London, 1973 dirigierte er zum ersten Mal eine Oper, Don Giovanni. 1991 wurde er Musikdirektor beim Chicago Symphony Orchestra, seit 2000 ist er Chefdirigent der Staatskapelle Berlin. Die Musik Daniel Barenboims wird in der ganzen Welt geschätzt. Seine über die Musik hinausgehende Integrations-Arbeit auch. Sie zeigt sich zum Beispiel in seiner Zusammenarbeit mit deutschen Orchestern, die immer auch eine deutsch-israelische Zusammenarbeit bedeuten. In den frühen Neunziger Jahren traf er durch einen Zufall in einer Londoner Hotel-Lobby auf den palästinensischen Denker Edward Said, mit dem ihm fortan eine Freundschaft verband. Dies führte zur Gründung des "West-Östlichen Diwan", einem interkulturellen musikalischen Projekt, sowie zu seinem ersten Auftritt in der Westbank, an der Bir-Zeit-Universität im Februar 1999. Das musikalische Spektrum des Maestro und Pianisten ist breit und beInhalt et auch Jazz und Tango, afroamerikanische und brasilianische Musik. Im Herbst 2002 erschien die ergänzte Fassung seiner Autobiografie "Ein Leben in Musik" in englischer und spanischer Sprache. Auch sein Ideenaustausch mit Edward Said liegt in Buchform vor.

Daniel Barenboim hat viele Preise bekommen, so den "Prince of Asturias Concord Prize" (2002) für die Arbeit am West-Östlichen Diwan, gemeinsam mit Edward Said, den Toleranzpreis der Protestantischen Akademie von Tutzing (2002) für die Verständigungsarbeit zwischen Israelis und Palästinensern. Er ist Ehrenbürger Spaniens und Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes. Am neunten Mai dieses Jahres erhielt er in der Knesset den Wolf-Preis, eine sehr hohe Auszeichnung. Die Rede, die Herr Barenboim an diesem Tag hielt, und die Reaktionen auf diese Rede, wurden in der ganzen Welt mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Man kann sie auf Englisch nachlesen unter www.daniel-barenboim.com. Er spricht sich darin für pragmatische, humanitäre und sozial gerechte Lösungen aus und gegen Ideologien. Er hat auch einige Ausschnitte aus der israelischen Unabhängigkeitserklärung vorgelesen: "Der Staat Israel wird sich ganz der Entwicklung dieses Landes zum Wohle aller seiner Leute widmen; Er wird gegründet sein auf den Prinzipien von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, geleitet von den Visionen der Propheten Israels; Er wird all seinen Bürgern vollständig gleiche gesellschaftliche und politische Rechte geben, unbeachtet der Unterschiede in religiösem Glauben, Rasse (sic) oder Geschlecht; Er wird die Freiheit der Religion, des Gewissens, der Sprache, Erziehung und Kultur sicherstellen." Herr Barenboim las auch noch den Teil vor, in dem die Gründerväter des Staates Israel, die die Erklärung unterzeichnet hatten, davon sprachen, dass sie sich dafür einsetzten, "Frieden und gute Beziehungen zu allen Nachbarstaaten und -Völkern anzustreben." Der Preisträger fragte dann besorgt, ob man die Kluft zwischen der Idee und den Realitäten Israels denn ignorieren könne? Passt die Besatzung zu dieser Unabhängigkeitserklärung? fragte er. Ithay, Gabriella und mich erreichte diese Rede unterwegs auf der Tournee. Im Auto zwischen Halle und Vreden las ich den beiden vor, was die Zeitungen geschrieben hatten. Alle Zeitungen haben darüber berichtet.

Zum ersten Mal richtig aufgefallen ist mir Herr Barenboim in einem Spiegel-Interview vor nicht allzu langer Zeit. Ich sah ihn auch in Talkshows und fand es stets besonders gut, was er sagte. Oft wiederholt er, dass er nicht an eine militärische Lösung des Konflikts glaubt. Das ist für mich der Hauptansatzpunkt. Den Dialog zwischen Daniel Barenboim und Edward Said habe ich noch nicht gelesen, steht auf dem Programm. Sicher würde es dort Hinweise geben zu einem Punkt, der mich beschäftigt. Im Artikel "Ich habe einen Traum" für die Wochenzeitung Die Zeit im Oktober 1999 schrieb Daniel Barenboim nämlich: "Ich bin auch dafür, beiden Ländern die Waffen zu lassen. Israel muss wehrhaft gegenüber der arabischen Welt bleiben, Palästina, schon aus psychologischen Gründen, auch." In der Übersetzung auf der offiziellen Barenboim-Homepage wird daraus sogar aktive Aufrüstung: "Secondly, I am in favour of arming both nations. Israel must remain vigilant against the Arab world - but so should Palestine, (at least for her own peace of mind)." Es ist für mich schwer zu verstehen, wie man nicht an eine militärische Lösung glaubt, aber doch an Waffen. Wo ist da der Unterschied? Klar, man wird nicht von heute auf morgen alle Waffen zu Pflugscharen umfunktionieren können, aber Frieden? Zum Beispiel mit meinen Nachbarn habe ich Frieden. Das liegt aber nicht daran, dass wir bewaffnet sind. Ich glaube, wenn ich mich bewaffnen würde und mein Nachbar auch, dann würden wir uns voreinander fürchten. Die Gefahr eines Gewaltausbruchs stiege damit stark an. Ist es naiv, so zu denken, oder ist es naiv, anders zu denken? In seiner Dankesrede im Sorat sagte Herr Barenboim: "Eine militärische Lösung gibt es nicht, das wissen wir. Es gibt nur die Illusion von Stärke, die Illusion von Sicherheit." Ist militärische Sicherheit nun eine Illusion, oder ist sie es nicht?

Die Preisverleihung

(27.06.04) "Der Friedenspreis, der nach der Kibbuzaktivistin und Widerstandskämpferin Haviva Reik - sie wurde 1944 von deutschen Soldaten hingerichtet - benannt ist, wurde 2004 zum zehnten Mal verliehen. Viele der vorherigen Preisträgerinnen und Preisträger waren dabei im Berliner Sorat-Hotel anwesend. So die Schweizer Ellen Ringier, Professor Eduard Badeen und Peter Liatowitsch. Dahlia Rabin-Pelessof, ehemaliges Knesset-Mitglied und Vizeministerin, die 1997 mit dem Haviva-Reik-Friedenspreis geehrt wurde, hielt die Laudatio für den Dirigenten und Musiker Barenboim. Zu den 120 Gästen des Festaktes gehörten unter anderem Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und ARD-Moderatorin Sabine Christiansen. Die Gäste wurden von den arabisch-jüdischen Friedensköchen (Chefs for Peace) im Rahmen eines Benefiz-Gala-Diners köstlich bewirtet. Das israelisch-ungarische Duo Rubin und der deutsch-palästinensische Schriftsteller Anis Hamadeh, die ein Monat zuvor ihre erfolgreiche Benefiz-Konzertreihe 'Shalom - Salam' zugunsten von Givat Haviva beendet haben, sorgten für einen angenehmen musikalisch-literarischen Rahmen." So in der Pressemitteilung.

Das Duo Rubin und ich saßen mit anderen Gästen an einem der zehn oder zwölf Tische, und wir verfolgten das Geschehen. Es war ziemlich viel zu kucken. Neben mir saß Antje, die ich seit Schulzeiten kenne und die in Magdeburg wohnt. Es war eine Gelegenheit, sie wiederzusehen. Sabine Christiansen ging an unserem Tisch vorbei. Die Köche für den Frieden (Talli Inbal, Ibrahim Abu Seir, Joseph N.Asfour, Kevork Alemian) brachten eine Terrine von Humus und Aubergine auf Petersiliensauce gefolgt von Kürbissuppe mit Koriander. Vor der Veranstaltung hatte es eine Pressekonferenz gegeben, bei der die Köche gesagt haben: "Wir benutzen unsere Messer nur in der Küche, um damit köstliche Gerichte herzustellen." Während und nach der Preisverleihung gab es gefüllte Lammkoteletts mit Feigen auf Mujaddara und gefülltes Mittelmeerfischfilet mit rotem Pfeffer und Ingwer. Champagnersuppe mit Beeren, Blätterteig und Rosenwassersorbet, und zum Schluss Kaffee mit Guraybeh. Jemand vom anderen Tisch fragte mich, was Guraybeh sei, aber ich musste passen. Es war etwas mit Mandeln, glaube ich. In kulinarischen Dingen bin ich leider sehr dilettantisch, meine übliche Ernährung ist im Moment eine Katastrophe. Auch der Chefkoch des Sorat-Hotels und ARD-Fernsehkoch Rainer Strobel war an dem Menü beteiligt.

Herr Barenboim kam erst, als alle saßen und der erste Gang schon aufgetischt war. Ich las derweil "Das Krokodil aus Kiel". Als er hereinkam, standen die Leute auf und klatschten. Wie mag man sich fühlen, wenn alle um einen herum supernett zu einem sind und man nur in grinsende Gesichter und leuchtende Augen sieht? Der Erwartungsdruck ist sicher groß. Man wird in eine Rolle gebracht, der man entsprechen muss. Ich schätze aber, dass sich Herr Barenboim in dieser Gesellschaft wohl fühlte, denn er sagte in seiner Dankesrede: "Die Wichtigkeit für mich an diesem Preis ist, dass Givat Haviva ein Symbol für die Notwendigkeit ist, gegen die Ignoranz zu kämpfen." Seine Rede war übrigens deutlich die beste des Tages. Er sprach über die Musik und das Orchester als Beispiele für friedliche Strukturen. Schön war: "Kopf und Herz sind wirklich untrennbar, und man kann nicht Musik nur emotionell spielen, und man kann auch nicht Musik nur rationell spielen. Weil, wenn man zwischen den beiden trennt, ist es keine Musik mehr." Er war der einzige, der die Mauer erwähnte, beziehungsweise die Trenn-Applikatur oder wie das Ding sonst noch heißen mag. Das zentrale Zitat aus der Rede ist: "In Berlin wissen wir die Bedeutung von einer Mauer, und das darf man nicht vergessen. Und diese Mauer, die man jetzt in Israel gebaut hat und man weiterbaut, ist nicht nur eine Demütigung für die Palästinenser, sie ist wirklich die größte Gefahr für Israel. Und es ist Zeit, dass wir alle hören, wie verantwortliche Menschen über das sprechen, was wir für die Palästinenser tun müssen. Die Palästinenser brauchen uns nicht, sie werden Ihren Weg gehen. Mit oder ohne uns. Und Israel wird meines Erachtens die wirkliche Sicherheit und Stärke erhalten an dem Tag, wo der Mut da ist, um die erforderlichen Gesten und Tatsachen zu produzieren, die zu einer Akzeptanz von Seiten der Palästinenser führen. Die einzige Sicherheit und die einzige Stärke für Israel und für das jüdische Volk ist die Akzeptanz durch die Nachbarn. Wenn wir das nicht schaffen, sind nicht die Palästinenser in Gefahr, sondern wirklich die Zukunft des Staats Israel."

Genau so sah ich die Situation auch, weshalb ich an dieser Stelle klatschte. Nicht wenige andere klatschten auch. Da die Feier, die Reden, Grußworte und Danksagungen zweisprachig waren, deutsch und hebräisch, gab es einen Simultanübersetzer, Michael Sternheimer, der sprach leise und unauffällig in ein Mikrofon, das er mit einer Zeitung abdeckte. Über Kopfhörer konnte man die jeweilige Übersetzung hören. Daniel Barenboim hatte angekündigt, in zwei Sprachen zu sprechen, blieb dann aber beim Deutschen. Ihm wurde neben einer Urkunde ein Gemälde überreicht, das eigens für ihn gemalt worden war. Wie auf der Pressekonferenz erwähnt wurde, kenne der Maler Herrn Barenboim, und er hatte einige Elemente in das Bild eingebracht, deren Bedeutung sich nur dem Maestro erschließen würde. Überreicht wurde es von Dr. Sarah Osacky-Lazar, Leiterin der Forschungsabteilung von Givat Haviva, und Mohammad Darawshe, dem Sprecher von Givat Haviva. Der sagte in seiner Rede: "Der Preis wurde Maestro Barenboim gegeben für die viele, langjährige Arbeit, für die Friedensgespräche der Israelis als Partner, und er hat etwas verfolgt und hat gesehen: Es gibt eine Alternative zu dem Konflikt. Aus dem Verständnis für Frieden ist Maestro Barenboim Botschafter des Friedens geworden, Botschafter von Veränderung und Sprecher von Tausenden Menschen auf beiden Seiten des Grabens, die in einen Dialog treten und sich mit Frieden befassen. Unmöglich ist Frieden ohne Ende der Besatzung. Ohne echte Gleichheit ist er nicht möglich. Es ist nicht möglich, Frieden zu haben, ohne gute Absichten." Herr Darawshe - ein Araber - sprach hebräisch. Er kommt aus der Nähe von Afula. Wir haben gemeinsame Bekannte. Er war der einzige, der die Besatzung überhaupt erwähnt hat. Sarah Osacky-Lazar sagte in ihrem Beitrag: "Vielleicht ist es die Musik: die universale Sprache, die in alles Fantasievolle versunken ist und über die Alltagsschwierigkeiten hinweghilft. Ganz bestimmt ist die Persönlichkeit von Daniel Barenboim, sein Mut und seine Gradlinigkeit, seine Fähigkeit, alles zu sagen, was er möchte, ohne Angst, ohne political correctness, es ist der Geist der Freiheit des schaffenden, des schöpfenden Menschen. Das ist vielleicht der Grund dafür, dass Maestro Daniel Barenboim zusammen mit seinem Freund Eduard Saïd - den ich die Ehre gehabt habe, näher kennen zu lernen, als er in Israel war - sich die Hand zu reichen für die Zusammenarbeit in dieser zerrissenen, schmerzenden Region. Um Klänge fallen zu lassen zwischen der jüdischen und der palästinensischen Jugend in einer Zeit von Blut, um ihnen erst einmal Hoffnung zu geben."

Zu den weiteren Reden, die mir gefallen haben, gehörte die des Vertreters der Palästinensischen Generaldirektion in Deutschland, Abdullah Hijazi. Darin sagte er: "Ihnen, Herr Barenboim, wird heute der Haviva-Reik-Friedenspreis für Ihr Engagement zur Aussöhnung zwischen Palästinensern und Israelis, ja zwischen Arabern und Juden verliehen. Ich kann mir keinen würdigeren Preisträger vorstellen. Ich freue mich, dass ich Ihnen aus diesem Anlass als Palästinenser aus Nablus für das danken kann, was Sie in meiner Heimat Palästina durch die Arbeit mit jungen Palästinenserinnen und Palästinensern tun! Mit Ihrer Arbeit, mit dem Aufbau eines Jugendorchesters, pflanzen Sie ein junges Pflänzchen der Hoffnung. Den jungen Menschen, die traumatisiert und geprägt sind von Gewalt, die sie im Alltag erleben. Dafür, verehrter Herr Daniel Barenboim, möchte ich Ihnen heute ganz besonders und von Herzen Dank sagen." Und Dagmar Schmidt, die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende von Givat Haviva Deutschland: "Unermesslich in seiner Wirkung ist (...) das Engagement unseres Preisträgers Daniel Barenboim vor Ort. Er gibt uns ein Beispiel dafür, wie es sein muss, will man junge Menschen auf die richtige Bahn bringen. Nicht nur das Erlernen eines Musikinstrumentes, das Entdecken der eigenen Fähigkeiten, ja vielleicht Begabungen, sondern auch das Zusammenspiel in einem Ganzen, prägt junge Menschen, lässt sie selbstbewusst einen geraden Weg suchen. Wer seine Anerkennung im Applaus für Leistung findet, der sucht sie nicht in der Zerstörung." Auch die Grußbotschaft von Dr. Ellen Ringier aus der Schweiz - eine frühere Preisträgerin - war angenehm. Darin heißt es: "Givat Haviva lebt ohne Zweifel einen Traum: Frieden zwischen Israel und Palästina. Und Sie und ich und wir alle, wir leben diesen Traum ebenfalls. So wie Millionen von Arabern und Juden sich jeden Tag und jede Nacht einem Traum hingeben: Frieden zwischen Israel und Palästina." Frau Ringier zitierte das Gedicht eines Kindes und stellte sich den Frieden vor, visualisierte ihn. Das war zwar nicht so intellektuell wie anderes, aber es war nah am Boden, ohne Schnörkeleien.

Die übrigen Reden und Grußworte fand ich nicht so besonders, zum Teil sogar destruktiv. In der Laudatio der israelischen Politikerin Dalia Pelossof-Rabin ging es darum, den Weg von Oslo wieder aufzunehmen. Es blieb abstrakt. Ähnlich in der Grußrede von Gavri Bar-Gil, dem Generalsekretär der Kibbuzbewegung HaArzti. Er nennt Oslo eine Weltanschauung und sagt: "Mehr und mehr Israelis und mehr und mehr Palästinenser verstehen, dass es keinen anderen Weg (als Oslo) gibt, und darum haben wir viele Gründe, optimistisch zu sein, trotz aller Schwierigkeiten, die uns gegenüberstehen. Wir sind näher als irgendwann vorher an dem Ziel, für das wir alle kämpfen." Klang nach müden Durchhalteparolen und Verzweiflung.

Der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sagte in seiner Rede: "Berlin nimmt Anteil am Geschehen im Nahen Osten! Wir trauern um die vielen Menschen, die tagtäglich sterben, und ich sage auch, diese Selbstmordattentate sind so furchtbar, weil sie versuchen, ein öffentliches Leben zu zerstören. Israel ist es gewohnt, die Grenzen zu verteidigen, mit Militär sich auseinanderzusetzen. Aber dass Kinder, dass Frauen Selbstmordattentate begehen in dieser Art und Weise, ist eine riesige Gefahr für jedes öffentliche Leben und für jede öffentliche Freiheit. Und wir wissen als Deutsche gerade, und auch als Berliner, dass wir uns stets für das Existenzrecht Israels und für den Frieden im Nahen Osten einsetzen und werden dies auch mit allem Nachdruck tun." Mit dieser Rede hat der Bürgermeister von Berlin nicht nur mir vor den Kopf gestoßen, sondern auch einigen anderen, wie ich später in Gesprächen herausfand. Seine Aussage ist etwa so, als würde man über die britische Gesellschaft sprechen und sie einzig nach ihren Fußball-Hooligans beurteilen: "Solange es diese Hooligans gibt, wird es keinen Frieden mit England geben!" Das ist genau die Methode, mit der man sowohl die palästinensische (Pseudo-)Regierung, als auch und vor allem die palästinensische Zivilgesellschaft mundtot macht und den Frieden damit bereits im Ansatz verhindert, während der Krieg dadurch angestachelt wird. Über israelische Gewalt sagte Herr Wowereit kein Wort. Stattdessen nennt er das "Existenzrecht" (ganz offenbar inklusive der Menschenrechtsverletzungen) Israels, und erst danach den Frieden. Mir fiel spontan dazu ein, dass wir Deutschen aus bestimmten Gründen eine bestimmte Strophe unserer Nationalhymne abgeschafft haben und dass ich dies für eine richtige Entscheidung halte.

Das Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau erschien mir inhaltslos: "Ich habe vor zwei Wochen eine Konferenz der politischen Stiftungen in Berlin eröffnet, bei der Israelis und Palästinenser gemeinsam über den Weg zum Frieden nachgedacht und diskutiert haben. Auch diese Veranstaltung verlief nicht im Konsens - um es vorsichtig auszudrücken. Bei allen Teilnehmenden der Konferenz aber bestand Einigkeit darüber, dass Frieden nur dann möglich ist, wenn sich beide, Palästinenser und Israelis, wieder auf einen Dialog einlassen, wenn sie im anderen den Partner für Frieden erkennen. Diejenigen, die den Frieden wollen, brauchen Verbündete auf beiden Seiten. Dass es solche Menschen gibt, Mitstreiter und Kämpfer für den Frieden, das hat Daniel Barenboims Arbeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt." Sowieso schrieb Herr Rau noch: "Für die Tournee des Duos Rubin, das heute für Sie spielen wird, habe ich die Schirmherrschaft übernommen", was so klang, als wäre ich die Petersilie bei Shalom-Salam gewesen, oder die Staffage. Es hat mich verletzt. Vielleicht sollten wir uns für Shalom-Salam einfach Trio Smaragd nennen...

Die Worte der beiden Ministerpräsidenten und früheren Preisträger Sigmar Gabriel ("Noch immer dreht sich die Gewaltspirale in Israel, mal von der einen Seite, mal von der anderen Seite angestoßen, und hält dieses wunderschöne Land in Angst und Schrecken. Durch seinen Mut, seine Toleranz, Intellektualität und seine Unerschrockenheit ist Daniel Barenboim ein Vorbild für uns alle.") und Kurt Beck ("Respekt vor der menschlichen Freiheit und Bindung an unsere Grundwerte - das sind die Voraussetzungen für Toleranz. Und Toleranz ist eine Bedingung für Frieden. Sie erfährt und praktiziert man am besten in persönlichen Begegnungen. Sie, sehr geehrter Herr Barenboim, haben über die 'Weltsprache' der Musik viele solche Begegnungen ermöglicht.") waren zwar nett, ich empfand sie aber nicht als progressiv. Das rhetorische "Mal von der einen Seite, mal von der anderen Seite" geht von zwei gleichberechtigten Seiten aus, und die gibt es nicht.

Wir hatten im Anschluss an die Verleihung unseren gemeinsamen Auftritt. Zuvor spielte das Duo Rubin ein Stück für Klavier und Cello. Sie waren ziemlich aufgeregt, besonders Gabriella, die in ihrer Einleitung als erstes bemerkte, dass sie ziemlich aufgeregt war. Sie sprach Herrn Barenboim direkt an und erzählte ihm, wie sie in ihrer Studienzeit in Ungarn Aufnahmen von ihm gehört hatte, die schwer zu bekommen waren, und wie wichtig Daniel Barenboim für sie in ihrem Leben ist. Er hörte den beiden aufmerksam zu, und ich freute mich mit ihnen über diesen Höhepunkt. Unser gemeinsamer Auftritt bestand aus den drei Gedichten aus Loving Jay (Das Geheimnis der Zeit, Das torlose Tor und Amphibien), die von Bachsequenzen durchteilt waren. Leider war Herr Barenboim da schon weg. Die Lyrik ist ziemlich gut angekommen, zwei Leute fragten gleich nach Büchern, darunter eine von den Prominenten.

Das war aber nicht Sabine Christiansen. Frau Christiansen war kürzlich in Palästina und Israel. Sie hat dort neue Kenntnisse von der Situation am Ort erworben, und dies war auch der Grund, warum sie bei dem Barenboim-Event zugegen war. Ich fand, dass es eine stilvolle Geste war. Ich sah sie zum ersten Mal und auch nur aus der Entfernung, so wie ich auch nicht zu Herrn Barenboim gegangen bin, weil da schon viele Leute um ihn herum standen und ich ihm nichts Spezielles mitzuteilen hatte, außer meiner Anwesenheit und meinem Applaus.

Das Krokodil aus Kiel

Wenn mir jemand einen Monat zuvor gesagt hätte, dass ich an diesem Tag Daniel Barenboim sehen und das Krokodil aus Kiel für ihn lesen würde, hätte ich es kaum geglaubt. Aber es ergab sich wirklich so. Das Krokodil hatte ich gerade zu Ende geschrieben, sieben gereimte Folgen. Der Maestro wurde im Saal im Sorat-Hotel erwartet, die Leute saßen schon an den zehn oder zwölf Tischen, und der erste Gang kam gerade herein. Alex Elsohn, der die gesamte Veranstaltung koordiniert und organisiert hat, meinte, wenn ich Lust hätte, könnte ich jetzt das Krokodil lesen, dann würde keine Pause entstehen. So geschah es auch. Das Krokodil aus Kiel fraß ungeheuer viel. Das ließ sich leicht erklären: Es musste sich ernähren. Ich habe es in ein orangenes ZDF-Mikrofon gesprochen und noch ein blaues vom Bayerischen Rundfunk und noch ein drittes. Gefilmt wurde es auch. Was wohl die Kieler davon gehalten hätten, wenn sie daran Anteil gehabt hätten? In Kiel gabs niemals Krokodile, meinten viele. Andere verwiesen auf finanzielle Krisen... Es war eine weitere Kielerin am Nebentisch, Barbara, die mit einem der anwesenden Köche für den Frieden verschwägert ist und mitgefeiert hat. Daniel Barenboim hat das Krokodil aber nicht gehört. Obwohl, Alex erzählte mir später, dass er ihn am Eingang abgeholt hat, und dass Herr Barenboim gefragt haben soll, wer da lese. Als Alex es ihm sagte, meinte er angeblich, er hätte schon mal von mir gehört. Na gut, das konnte alles Mögliche bedeuten.

Is wieder Wind, is wieder Wind, das Krokodil liebt jedes Kind. Das grüne Krokodil mag gerne Eis am Stiel. Es kaut auch Petersil. Ich denk, ich glaub, ich schiel. Es hat nen großen Appetit auf alles, was nicht zeitig flieht. Es ist nicht mehr zu retten. Versteckt euch in den Betten. Beim Vorlesen hatte ich das Gefühl, dass die Anwesenden zum Teil erstaunt über die Wahl des Genres waren. Welches Genre ist das eigentlich? Ich fand es passend, weil es so schön grün schräg dazwischensauste. Wie schnell manchmal die Zeit verstreicht bei Lit'ratur und Spiel, dachte das Reptil. Ich sah links vor mir den Simultanübersetzer. Den hatte ich ganz vergessen. Ich hätte ihn vorwarnen sollen. Als ich fertig gelesen hatte, kam ich direkt an ihm vorbei auf dem Weg zu meinem Platz. Ich musste lachen, klopfte ihm auf die Schultern und sagte, dass ich es ihm wohl nicht gerade leicht gemacht habe. Er grinste mich an. Etwas später fragte er, ob ich so ein Krokodil für ihn hätte. Das war ein schönes Kompliment.

Im Laufe der drei Tage, in denen es mir vergönnt war, im Sorat zu logieren, habe ich ungefähr zwanzig Krokodilhefte verteilt. Sie waren druckfrisch und ganz neu, nur die Kieler Presse wusste bislang davon, und das Kulturamt und ein paar Leute in Kiel, die zufällig eins der Kroko-Logos an einer Ampel haben kleben sehen. Die Kieler Woche war noch im Gange und am Tag zuvor hatte ich "Das Krokodil auf der Kieler Woche" geschrieben, als ich noch in der Nacht der Fertigstellung des letzten Teils einen Spaziergang durch die Stadt machte und ein paar Krokodilhefte an die Kieler Szene verteilte. Es war ein Spaß. Solche Aktionen sah ich als eine angenehme Pflicht des Schriftstellers an. Für ein paar Stunden war es so, als würde ich dazugehören. Ich träumte schon immer davon, mal irgendwo dazuzugehören. Seit diesem, eigentlich schon seit dem letzten Jahr gelingt das zunehmend. Bei Shalom-Salam habe ich richtig dazugehört. Ohne mich verbiegen zu müssen. Ohne mein Wachstum bremsen zu müssen.

Am Vorabend der Preisverleihung saßen wir bereits an einem großen Tisch zusammen, die Köche für den Frieden, Alex Elsohn, Dagmar Schmidt, Martin Forberg, Michael Krebs und Petra, der Kulturmanager Rafael Brown, der ebenfalls an der Friedenspreis-Idee beteiligt war, Gavri Bar-Gil von der Kibbuzbewegung, Mohammad Darawshe und Sarah Osacky-Lazar von Givat Haviva, der Hotelmanager Michael Eiser und seine Frau, Reuven von der Golan Heights Winery, Rainer Strobel, der stets fröhliche Hotelchef, der ab und zu aus der Küche kam und mit seinen Kollegen Witze machte, und bestimmt habe ich noch welche vergessen. Ich glaube Stefan. Zwischendurch sind Alex, Talli Inbal und ich aufgestanden und zu einem anderen Hotel gefahren, wo Frau Ringier uns erwartete. Sie war mit Freunden aus der Schweiz gekommen. Wir kamen passend zum Dessert, einer Komposition aus Tiramisu mit großer Deko. Wir wurden vorgestellt und saßen am Kopfende des Tisches, wo für uns namentlich reserviert war. Ich hatte ehrlichgesagt keine Ahnung, was mich erwartete. Das Gespräch verlief auf Englisch, weil Talli kein Deutsch spricht. Sie ist Israelin und hat ein eigenes Fischrestaurant in der Nähe von Haifa. Schon im letzten Jahr war sie in Deutschland bei einer Veranstaltung in Niedersachsen. Es ist mutig von ihr, denn sie hat im Krieg Verwandte in Deutschland verloren. Aus dem Gespräch am Tisch von Frau Ringier hielt ich mich heraus. Ich habe auch nicht viel davon behalten, hatte genug damit zu tun, die Leute vor mir am Tisch wahrzunehmen. Es war eine noble Gesellschaft und ein großes Hotel. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen. Als wir wieder zurückmussten, schenkte ich Frau Ringier ein Krokodil und ihrer Freundin auch. Zurück im Sorat-Hotel aßen wir weiter. Man hatte uns unsere Portionen aufgehoben. Es war eine illustre Runde. Wieder merkte ich, dass ich ziemlich lange allein gewesen war, denn ich war so viele gleichzeitige Eindrücke nicht gewohnt. Ich verteilte die restlichen Krokodile und las Dagmar Schmidt den Schluss des letzten Teils vor: "So war der Abschied vom Reptil durchaus ambivalent: Die einen freuten sich in Kiel, die andern ham geflennt. Kroko wurde dann am Ende zur historischen Legende, so wie Jack the Ripper, Lassie oder Flipper."

Ich war wirklich froh, dass ich Kroko dabei hatte, denn es hatte erfrischend wenig mit dem Nahostkonflikt zu tun. Wenn man sich zu lange nur mit "der Sache" beschäftigt, wird man verrückt. Als wir am Abend nach der Preisverleihung bei Stefan zu Hause zusammen grillten, erzählte mir Alex, dass der Mann hinter dem Tresen ein echtes Krokodil besaß. Klar, dachte ich, wer nicht? Aber es stimmte tatsächlich. Der Mann trug einen Zwirbelbart. Er sagte, dass seine Frau und er Krokodile derart interessant finden, dass sie eines bei sich zu Hause halten, in einem eigenen Raum mit allen möglichen exotischen Sachen, damit es sich wohl fühlte. Seine Frau bestätigte diese Aussage. Ich händigte ihnen ein Exemplar aus und bekam dafür einen Absinth eingeschenkt.

Ideal und Realität

Eine Reihe von prominenten israelischen Beobachtern hat in den letzten Monaten und Jahren mit zum Teil scharfen Worten auf die negative Entwicklung des Landes aufmerksam gemacht, so Avraham Burg, Jossi Beilin, Moshe Zuckermann und andere. Die Diskrepanz zwischen dem klischeehaften "Asyl aller Juden" und dem realen, handelnden Staat ist durch die Jahre und Jahrzehnte größer geworden. Beide heißen Israel. Daniel Barenboim hatte gesagt: "Die einzige Sicherheit und die einzige Stärke für Israel und für das jüdische Volk ist die Akzeptanz durch die Nachbarn. Wenn wir das nicht schaffen, sind nicht die Palästinenser in Gefahr, sondern wirklich die Zukunft des Staats Israel." Ich fragte mich, wie viele Leute im Saal verstanden hatten, was er damit meinte. DASS er es so meinte. Dass es DIESEN Staat in dieser Form bald nicht mehr geben könnte, weil er sich selbst zerstört. In Gewaltfragen ist Israel stärker, das ist unbestritten. Sie haben Atombomben und eine hoch ausgerüstete Armee. Man muss das anerkennen. Es gibt keine militärische Kraft, die es mit Israel aufnehmen könnte. Man sollte vielmehr an dem Punkt ansetzen, dass die Israelis nicht glücklich sind. Das fällt mir bestimmt wesentlich leichter als Palästinensern, die nicht in einem sicheren Land wie Deutschland leben, sondern in Palästina oder Israel, im Kriegsgebiet.

Israelis und Juden tragen offensichtlich schwer am Klischee des wehrhaften Juden. Sich nichts gefallen lassen. Die eigene Existenz sichern. Es ist ein Stereotyp, eine Rolle. Es ist klar, wo es herkommt, aber es ist dennoch nie ein Erfolg, wenn Klischees durch Gegenklischees ersetzt werden. Man entfernt sich nur vom Menschen, der sich eben nicht in Schubladen pressen lässt. Außerdem bedarf die Rolle des wehrhaften Juden zwangsläufig einer Komplementärrolle, denn gegen jemanden müssen sie sich ja wehren. Die Existenz der Palästinenser muss die Israelis eigentlich komplett verwirren, denn die Palästinenser passen einerseits gut in die benötigte Komplementärrolle, andererseits kann sie niemand besser verstehen als Juden beziehungsweise Israelis. Denn wenn jemand um sein Existenzrecht kämpft, dann die Palästinenser. Es ist kaum bestritten, dass sie keine Souveränität besitzen und entweder unter Besatzung leben, im Exil oder im Staat Israel, wo sie aufgrund ihres Nichtjüdisch-Seins diskriminiert (=unterschieden) sind. Solange Juden in Klischees gesteckt werden oder sich selbst in solche hineinstecken, solange sind sie isoliert, andersartig, exklusiv. Damit scheitert auch die Identitätsfindung. Echte Identität braucht notwendig Freiheit, um zu wachsen, sie lässt sich nicht von oben bestimmen. Selbst dann nicht, wenn man Atombomben hat. Wenn das neue Israel (wie immer es auch heißen mag) einen jüdischen Charakter haben sollte, dann deshalb, weil dort freie Juden leben. Und nicht, weil es auf einem Stück Papier steht.

Es reicht aber nicht aus zu konstatieren, dass Israel wegen der Unvereinbarkeit von Ideal und Realität in sich zerbricht. Herr Barenboim betonte in seiner Rede, dass Veränderungen von uns selbst ausgehen müssen: "Vielleicht das Schlimmste in unserer Gesellschaft heute ist, dass wir ertragen, dass Menschen schweigen und das Menschen inaktiv bleiben. Immer mit der Begründung, es muss von irgendwo anders kommen. Es kommt nie von irgendwo anders. Es kam nie von Gott, es kam nie von den Königen, nie von den Präsidenten, es kam immer von den Menschen." Wenn dieser Wahnsinn vorbei ist, wird es endlich Sicherheit für Israelis/Juden im Land geben können, ebenso wie für alle anderen Menschen. Sicherheit kommt von innen, nicht von außen. Das haben mehrere Redner im Sorat-Hotel betont, Herr Barenboim und auch Frau Pelossof-Rabin. Die Palästinenser haben sich schon seit Jahren mit der Existenz des Staates Israel abgefunden, das ist bekannt. Selbst viele der Extremen, auf die die Kameras gerichtet sind. Aber vor allem die Zivilgesellschaft, auf die keine Kameras gerichtet sind, weil sie nicht dem (benötigten Gegen-)Klischee entspricht. Israels Existenzrecht steht beziehungsweise stand schon lange nicht mehr real in Frage. Die Israelis hatten es bereits geschafft, sich innerhalb der es umgebenden Länder durchzusetzen. Sie wussten aber danach nicht mehr weiter. Und jetzt? Wie macht man als wehrhafter Mensch eigentlich Frieden? Aus den Gräueln des Holocaust war ein starkes Sicherheitsbedürfnis entstanden, das mit der neuen Tugend der Wehrhaftigkeit einherging. Eine hinreichende Kommunikation zwischen Deutschen und Juden hat es nicht gegeben, weil die Gesellschaft bis heute nicht weiß, wie man mit Schuld umgeht. Sie lebt nach materiellen Maßstäben und versteht nicht viel von Heilung, kratzt stattdessen gern die alten Wunden auf, weil sie so jucken und erwartet noch Aufmerksamkeit dafür. Der deutsch-jüdische Konflikt ist lange nicht bewältigt. Er schwebt im Raum. Dieses Kontrolldrama hat sich längst auf die Palästinenser übertragen. Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, nein: Arabern, ist weitgehend ein Resultat der unbewältigten deutsch-jüdischen Vergangenheit. Es handelt sich in meiner Einschätzung (und natürlich mache ich mir Gedanken, denn ich will verstehen, warum meine Verwandten diskriminiert werden) um eine Fortführung des Zweiten Weltkriegs in Form eines Kontrolldramas und hat nichts mit irgendwelchen Palästinensern zu tun. Wäre der Judenstaat in Südamerika errichtet worden, was wäre dort anders gelaufen?

Kulturelle Identitäten

Am Abend nach der Preisverleihung trafen wir uns in der Lobby vom Sorat-Hotel und warteten auf die Autos, die uns zu Stefan nach Haus brachten, außerhalb von Berlin, wo es eine Grillparty gab. Die Chefs for Peace waren sehr müde, meinten aber, dass sie später wieder wach würden. Wir fuhren eine knappe Stunde. Die Party war gelungen, viele Leute aus unterschiedlichen Kulturen waren dabei. Sie aßen zusammen und unterhielten sich. Ich sprach mit einigen Leuten, darunter Frau Osacky-Lazar, die gutes Arabisch spricht. Sie ist Historikerin und erzählte mir, dass sie darüber nachdachte, über ihre eigene Geschichte zu schreiben. Ich versuchte sie dazu zu ermutigen. Bestimmt hatte sie viel zu erzählen. Ich sagte ihr, dass ich es lesen würde. Während vor der Tür zum Garten das Barbecue im Gange war und sich die Teller füllten, kamen wir auf das Thema Musik, und als sie erfuhr, dass ich Songwriter bin, wollte sie einen Song hören. Stefan besorgte eine Gitarre von seinem Nachbarn und drückte sie mir in die Hand. Ich war nicht sicher, ob es eine gute Idee war, aber was sollte ich machen? Ich spielte "Wie oft wirst du es noch tun". Leider hatte ich die Gitarre nicht richtig gestimmt, was ich erst bemerkte, als es zu spät war. Ich hielt durch, aber es war mir doch etwas peinlich. Neben mir saß ein lustiger Niederländer, der mich fragte, ob ich "Proud Mary" von Creedence Clearwater Revival /Ike und Tina Turner spielen könne. Natürlich kann ich "Proud Mary" spielen. Ich stimmte kurz durch, diesmal richtig, und fing mit dem Intro an. Der Holländer sang ganz gut, ich sang mit ihm und beim Refrain die zweite Stimme. Ich habe keine Ahnung, wie dieser Mann zu uns gestoßen war, ich glaube, das wusste keiner. Aber es war gut, auch jemanden aus den Niederlanden dabei zu haben. Während der Tour war es das zweite Mal. In Wesel war auch einer, der kam kurz vor der Aufführung in unsere Garderobe und hat uns vollgetextet. Er hatte irgendwelche Pläne mit uns, konnte sie aber nicht genau beschreiben.

Mit "Proud Mary" wurde der kulturelle Unterschied zwischen Ost und West innerhalb der Gruppe klar, denn es gab einige, für die dieser Song zum Kollektivgedächtnis gehörte, und andere, die ihn nicht kannten und sich wunderten, dass wir den Text auswendig wussten, der Niederländer und ich. Währenddessen saß Mohammad Darawshe im Nebenzimmer und sah sich die Fußballergebnisse an. Gegen Ende tanzte ich mit Barbara aus Kiel. Ich hatte schon seit Jahren nicht mehr getanzt, nur alleine. Mit Martin Forberg sprach ich am längsten. Mit ihm konnte ich mich richtig festquatschen, das passierte auch öfters. Wir stimmen politisch nicht überall überein, aber in den wesentlichen Dingen schon. Wir sprachen über Politik, ich fragte ihn auch nach seiner bevorzugten Musik. Auf der Rückfahrt nach Berlin redeten wir die ganze Zeit. Mir war der Punkt wichtig, dass die im öffentlichen Diskurs unterschwellige Definition von Juden als potenziellen Opfern von Antisemitismus eine negative und abgrenzende Definition ist, die sich nicht positiv auf jüdische Identität auswirken kann. Er erzählte mir, dass er im Sorat-Hotel an diesem Tag im Vorübergehen Fatima Mernissi gesehen habe. Er erinnerte mich daran, dass in der Stadt gerade eine Konferenz über arabische Medien stattgefunden hatte. Dann war es also doch Kai Hafez, den ich in der Lobby des Sorat gesehen hatte, ein Islamwissenschaftler. Ich war mir erst nicht sicher. Zufälle gibts...

Während der Tournee hatte ich so häufig und intensiv mit Juden und Israelis zu tun wie selten zuvor. Nach all diesen Erfahrungen hatte ich neue Assoziationen zum Begriff "jüdisch". Es gab Dinge, die zum Beispiel Ithay und Herr Eiser vom Sorat und Herr Ben Hur von Daimler gemeinsam zu haben schienen. Es ist kaum in Worte zu fassen, ich kann es jedenfalls nicht. Vielleicht später. Es ist aber bestimmt etwas anderes als das, was zum Beispiel die jüdische Zeitung Hagalil unter "jüdisch" versteht. In einem ihrer Newsletter las ich im August 2004: "Was gibt es Jüdischeres als den Diskurs, die dialektische Diskussion, das ständige sich und alles andere, die eigenen Positionen in Frage stellen, die unentwegte Reflexion, das Streitgespräch, das in Worten Grenzen überschreiten lässt, die Herausforderung durch das unsanktionierte Reden, welches die Antennen für Gefahren und Chancen schärft?... Dialog, Diskurs. Dialektik... Ein ständiges Streiten und Argumentieren, das trotz aller Vorwürfe die gemeinsame Basis nie in Frage stellt..." Das ist ein Klischee, das Klischee vom dialektischen Juden. Paul Spiegel verwendet es auch, wenn er die Juden "ein demokratisches Völkchen" nennt (siehe Kapitel 3). Dieses Klischee geht einher mit der Vorstellung von Israel als "einziger Demokratie im Nahen Osten". Tatsächlich gibt es in Israel demokratische Elemente wie Wahlen und Pluralismus sowie antidemokratische wie Besatzung, Kriegsrecht, Sippenhaft, Folter, Tötungen, Missachtung von UN-Resolutionen, Diebstahl, Willkür und Segregation.

Es gibt Charakteristika, bei denen ich manchmal denke: Typisch arabisch! Typisch deutsch! Typisch amerikanisch! Typisch israelisch/jüdisch. Typisch palästinensisch! Typisch englisch! Das sind Verallgemeinerungen und Typisierungen, wie sie wohl jeder kennt. Wenn es um negative Charakteristika geht, hinterfrage ich sie prinzipiell: Wie komme ich darauf? Welche Spezifika aus welchen Situationen extrapoliere ich hier und warum? Welcher Teil aus meiner individuellen Persönlichkeit wird hier angesprochen? Dies ist Teil der Auseinandersetzung mit Kulturen. Das "Typische" ist ein zweischneidiges Schwert. Einmal war ich für kurze Zeit verletzt, weil ich zu einer Sache eingeladen wurde "und dazu ein waschechter Palästinenser aus Ramallah". Ich fühlte mich plötzlich minderwertig. Ebenso zweischneidig ist das Wort "palästinensischer als die Palästinenser", von dem ich eingangs erwähnte, dass ich es nur als schön empfand, wenn es aus der eigenen Familie kam, und auch das nur, weil es mir das Gefühl von Akzeptiertheit gibt. Am Vergleich "Deutscher als die Deutschen" merke ich, dass solche Begriffe nicht funktionieren. Gleichzeitig braucht man gewisse Klischees, um die Komplexität von kulturellen Identitäten begreifen zu können.

Was hat es auf sich mit kulturellen und landesbezogenen Kollektiv-Identitäten? Mit dieser Frage beschäftige ich mich schon lange. Ich trage einen Namen, der in meiner Umgebung auffällt. Den viele nicht aussprechen können. Ich bin Deutscher, denn ich bin in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert, vom Kindergarten über Schule und Zivildienst bis zum Magister. Mein Blick geht aber über Deutschland hinaus, weil mein Vater in Palästina aufgewachsen ist und meine Mutter in Königsberg geboren. Weil ich mit der Musik aus New Orleans und aus Memphis groß geworden bin. Weil ich meinen Humor an britischen Comedy-Kassetten geschult und auch eine Sehnsucht nach Frankreich habe. Weil ich Alexandria liebe und in Bagdad am Tigris Schach gespielt habe. Weil die Welt so unglaublich reich ist, voller Wunder und liebenswerter Menschen und Dinge.

Kulturelle Identitäten kann man sich aneignen, so wie sich Schauspieler eine Rolle aneignen. Natürlich muss die Rolle passen und authentisch sein, sonst macht es keinen Spaß. Normalerweise lernt man solche Identitäten aber im täglichen Leben. Durch das Studium und zahlreiche Erfahrungen in arabischen Ländern und mit Arabern habe ich eine arabische Identität sozusagen nachgeholt. Mein erstes Arabisch habe ich mit sechzehn gelernt, in der (von den Amerikanern 2003 teilweise oder ganz zerbombten) Mustansiriya-Universität. Die Dozenten haben nur Arabisch gesprochen, von Anfang an, und uns die Vokabeln zunächst vorgespielt, weil wir noch keinen Wortschatz hatten. Wir waren eine Klasse von Ausländern, die Arabisch lernten, darunter Studenten verschiedener Altersgruppen und von fünf Kontinenten. Es ist keine einfache Identität für mich, denn ich brauche eine andere Freiheit als sie in arabischen Gesellschaften üblich ist. Ich habe viel Kritik am Osten. Besonders in der Frage der Gewalt und Obrigkeit habe ich häufiger Schwierigkeiten mit der Mainstream-Meinung von Arabern und Muslimen. Auch ist es - wie wohl in allen Kulturen - so, dass man teilweise eher akzeptiert wird, wenn man nur ein paar Brocken der Sprache kann. Spricht man hingegen gut, fallen plötzlich die Fehler auf. Seit mein Vater und ich unseren Konflikt überwunden haben, fällt es mir allerdings wieder leichter. Manchmal fühle ich mich wohler mit Arabern als mit Deutschen, weil ich Araber auf bestimmten Ebenen als kommunikationsfreudiger und spiritueller empfinde als Deutsche. Sie verstehen meine religiösen Gefühle meist besser, egal ob es Muslime, Christen oder Juden sind. Den historischen Bezug allerdings habe ich mir selbst angeeignet. Das arabisch-islamische Mittelalter zum Beispiel mit seinen Denkern und Dichtern, das ist Teil meiner eigenen Kollektiv-Geschichte geworden, ebenso wie das europäische. Im Grunde bin ich ein Eroberer.

Ich habe auch eine amerikanische, eine englische, eine französische Identität. Auch eine israelische Identität. Vor einigen Jahren las ich auf dem Hagalil-Board im Internet einen Appell an Außenminister Fischer, sich stärker für den Frieden in Israel/Palästina einzusetzen. Hagalil ist eine jüdisch-deutsche Zeitung aus München, die oft mit der taz zusammenarbeitet. Es sind bei Hagalil schon viele Sachen veröffentlicht worden, die mich abgeschreckt haben. Dieser Appell machte mich aber neugierig, und ich las mir die Beiträge der Mailing-List durch, wollte wissen, was das für Leute waren. Ich las in einem Gemisch aus gutem Willen, Intelligenz und auch Aggression. Einige der Beiträge waren diskriminierend, also bin ich in die Mailing-List eingestiegen und habe einige Tage lang meinen Senf dazugegeben. Schnell bekam ich Feedback, sowohl öffentlich, als auch hinter den Kulissen. Schön, dass du da bist! schrieben mir zwei oder drei Leute, dann wird die Diskussion ausgeglichener. Lange wirst du es hier wahrscheinlich nicht aushalten, meinten andere. Offenbar hatten es schon vor mir Palästinenser "versucht". Mein Anliegen war, zu zeigen, dass es Palästinenser gibt und dass sie Menschen sind, genauso wie Juden und Israelis. Es war ziemlich anstrengend und erforderte hohe Konzentration und Aufmerksamkeit. Schon bald hatten ein paar Spezialisten kritische Zitate über den Zentralrat aus meiner Homepage über den Sender gejagt: "Hier, das ist der." Ich musste also einen diskursiven Schutzwall errichten. Super-anstrengend. Ich postete dann "Worte für Beide", ein Stück, zu dem mich diese Öffentlichkeit inspiriert hat. Jemand meinte, ich könne ja zu Uri (Avnery) gehen.

In diesem Moment geschah etwas Sonderbares: eine neue Identität erschien in mir. Mein Bewusstsein veränderte sich. Ich hatte dieses Kollektiv absorbiert und mich ihm formal angepasst. Ich empfand die Schrift der Mailing-List als stilvoll. Ich erkannte in diesem Kollektiv einen Stil, eine Kultur, die ich mir aneignen konnte. Man kann das mit Worten nicht gut beschreiben, es ist kein intellektueller Prozess gewesen. Als hätten sich einige Synapsen in meinem Hirn neu verbunden, als wären Straßen in meinem Bewusstsein entstanden. Ich war jetzt Israeli. Der Gedanke machte mir zunächst Angst. Ich rationalisierte diese Angst, und sie hatte keinen Bestand. Meine Persönlichkeit war gefestigt, ich brauchte keine Angst davor zu haben, korrumpiert zu werden. Ich bemerkte, dass ich als Israeli Jude war, dass "Israeli" kaum etwas erklärte. Es war nur eine Form, um das so schwer fassbare Judentum in Strukturen zu bringen, es war ein Versuch, ein Entwurf, eine Soll-Identitätsfindungs-Stelle. Meine Grundsätze und Ansichten haben sich dadurch nicht im Mindesten verändert, im Gegenteil, sie wurden nur gestärkt. Aus der Mailing-List bin ich aber bald schon wieder ausgestiegen, denn es war zu anstrengend, und es gab auch keine Entwicklung der Diskussion. Mit einem Stück Literatur bin ich wieder herausgekommen, es gab dort nichts mehr zu tun. Ich bekomme allerdings bis heute unaufgefordert die Hagalil-Newsletter per Email zugeschickt, wahrscheinlich vermissen die mich.

Falckenstein

(06.08.2004) Während der letzten Wochen war ich damit beschäftigt, die Tour-Erinnerungen aufzuschreiben. Nun war das Buch fast fertig. Das Manuskript lag neben mir in der Sonne. Eine einlaufende Fähre tutete laut den Schwimmern zu, die sich in der Nähe des Stegs im Wasser aufhielten. Es war hell. Ein kühler Wind flog über den Strand, ich zog mein schwarzes T-Shirt wieder an. Falckenstein. Es war die richtige Entscheidung, heute noch einmal herzukommen, nachdem ich gestern einen Auftritt im Sommercamp der "Föderation der demokratischen Arbeitervereine" (DIDF) hatte. Dieser Dachverband wurde vor 25 Jahren gegründet, um die Interessen der türkischen Arbeiter in Deutschland organisiert zu vertreten. Ungefähr 300 Jugendliche aus ganz Deutschland waren für eine lange Woche nach Kiel/Falckenstein gekommen. Es gab ein kulturelles und akademisches Programm, darunter Musik am Lagerfeuer, und ich wurde von Attac-Kreisen eingeladen. (Wobei, wenn ich "Attac" sage, ich das Netzwerk meine, nicht den Kader.) Es war mir ein Vergnügen, und ich brauchte auch Praxis. Auch den brandneuen Song spielte ich, "Give Your Lonely Heart Away", von dem Björn gesagt hat, er sei einer meiner besten. Mit Björn Högsdal von AssembleArt nahm ich gerade den Krokodil-Jingle auf, er ist Rapper und Schriftsteller und organisiert mit zunehmendem Erfolg kulturelle Veranstaltungen in Kiel.

Es ist schon eine seltsame Sache mit der Inspiration: Am Freitag bekam ich nach fünf Jahren eine Mail von Nina (Name von der Redaktion geändert). Am Samstag zog es mich zur Gitarre, gegen Abend hatte ich ein paar neue Motive gefunden und um zwei Uhr morgens war der Song fertig, ohne dass ich die Absicht gehabt hatte, etwas zu schreiben. Wie in alten Zeiten. Seit zwei Jahren hatte ich keinen Song geschrieben. Nina ist in diesem Buch nicht ganz fehl am Platz, weil sie auch an der Entstehung von "Wie oft wirst du es noch tun" beteiligt war. Wie macht sie das nur? Wir sollten einen Laden zusammen aufmachen und uns die Kohle teilen. Aber darüber durfte und wollte ich nicht weiter nachdenken. Ich analysierte mich. Fühlte mich nicht hundertprozentig wohl. Mir lag einiges auf der Seele, vor allem dieses Manuskript. Konnte ich es jetzt abschließen? Über mir krächzte eine Möwe. Vor mir die Wellen, hinten der bewaldete Hügel, mit dem Areal des Sommercamps. Ich legte meine Hand auf das Deckblatt des Manuskripts und schloss die Augen. Hatte ich noch etwas zu ergänzen? Hatte ich nichts verschwiegen, war ich in den kritischeren Passagen gerecht?

Im Geiste ging ich alles noch einmal durch. Ich wollte eigentlich mehr über Konfliktlösungen geschrieben haben. Das hieße aber, über die Familie zu schreiben, denn letztlich war die Schlichtung mit meinen Eltern nach fünf Jahren des substanziellen Konflikts das wesentliche Ereignis, das mir seitdem Hoffnung macht und mich zu der Überzeugung gebracht hat, dass jeder Konflikt lösbar ist. Dann aber hätte ich auch über meine Schwestern schreiben müssen und die deutsche Verwandtschaft, und das wollte ich nicht. Gerechterweise muss man sagen, dass "Jeder Konflikt kann gelöst werden" nicht gleich bedeutet, dass jeder Konflikt tatsächlich gelöst wird, nicht einmal, dass jeder Konflikt gelöst werden sollte.

Ich wollte auch noch etwas schreiben über den Umgang mit Aggressionen, aber das lasse ich jetzt. Ebenso wie die Geschichte eines amerikanischen Freundes, der sich seit dem Elften September stark verändert und einen befremdlichen Nationalismus gepaart mit Feinddenken entwickelt hat. Ich sah Parallelen zu einigen Themen der Tour-Erinnerungen, wo es um die Verklärung von wehrhaften Staaten geht. Den Sudan wollte ich zumindest erwähnen, denn seit Monaten schockiert mich die Tatsache, dass die UNO und die Welt so komplett versagen, nachdem sie doch gelernt haben könnten. So viele Menschen sterben jeden Tag, das kann man nicht mit ansehen! Ich bin davon überzeugt, dass es auch bei solch schwierigen Konflikten gewaltlose Lösungen gibt. Wenn sich die Leute nur zu gemeinsamen Werten bekennen würden. Das ist die Voraussetzung, und sie ist nach meinen Erfahrungen sehr realistisch. Dafür brauchen wir Dialoge und Signale des Vertrauens. Bei diesen Gedanken spürte ich ein Drängen, "Omega 5" zu Ende zu schreiben, den Roman, in dem es um eine alternative Gesellschaftsform mit einer gewaltlosen Tradition geht.

Hatte ich noch Ereignisse von der Tour nachzutragen? Vielleicht, dass wir von Babel-TV aufgenommen worden sind, bei der Sonderveranstaltung im Jüdischen Gymnasium in Berlin. Ich unterhielt mich mit dem Babel-TV-Mann, der mir erzählte, dass es sich um einen jüdischen Sender handelt, der Veranstaltungen überträgt und ähnliches. Bei dieser Veranstaltung in Berlin hatte ich ein kleines Presse-Erlebnis, von dem ich nicht erzählt habe. Wir wurden vorher interviewt und fotografiert. Die Fotografin hat uns in Posen dirigiert, noch mal so, jetzt wieder so. Und Sie jetzt mal bitte mit dem Kinn hier rüber usw. Nach etwa 20 Fotos konnte ich nicht mehr. Ich entschuldigte mich und ging vor die Tür, wo ich mehrfach tief durchatmete. Dann kam ich - zur Erleichterung des Duo Rubin - wieder herein. Ich murmelte etwas davon, dass ich mit den Zeiten der Herumkommandiererer im Grunde abgeschlossen hatte, dass ich aber schon darum bemüht war, konstruktiv zu sein. Es ging dann auch wieder. Über das Duo Rubin habe ich nicht alles geschrieben, was ich erlebt habe, sondern nur thematisch Relevantes und einige menschliche Eindrücke. Das muss man beim Lesen berücksichtigen, falls etwas distanziert klingt. Ach so, folgendes habe ich vergessen: Als ich Ithay und Gabriella in Berlin eines Abends Gute Nacht gesagt hatte und mich ins Zimmer zurückziehen wollte, fragte ich Ithay, ob ich die halbe Wasserflasche für die Nacht mitnehmen könne. Da meinte Ithay: "Natürlich, ich gehöre doch nicht zu den Leuten, die den Palästinensern das Wasser wegnehmen." Das fand ich bemerkenswert lustig.

Was noch? Sollte das Chefs-for-Peace-Interview, das ich gerade geführt hatte, mit in das Buch? Ach nein, es steht bereits auf Anis Online. Reuven von der Golan Heights Winery, das war eine interessante Begegnung, immerhin arbeitet er auf besetztem Gebiet. Er sagte, wenn sich die Verhältnisse im Golan ändern, habe er kein Problem damit, nach Israel fortzugehen, wenn es dem Frieden diente. Das war akzeptabel. Zu dem Projekt "Kinder lehren Kinder" von Givat Haviva habe ich die Anmerkung vergessen, dass "Kinder lernen von Kindern" mir besser gefallen würde, weil es nicht so didaktisch klingt. Ich glaube nicht wirklich an Didaktik, sie ist oft nah an Obrigkeitsdenken. Wer lehrt, bestimmt, wer lernt, gehorcht. Das muss nicht so sein, wird aber in der Praxis häufig so ausgenutzt, manchmal bewusst, manchmal unbewusst. Dabei schließe ich mich selbst nicht aus, ein Grund, warum ich am Liebsten künstlerisch arbeite. Soviel zu den Nachträgen. Was war mit den politisch relevanten Stellen des Manuskripts? Wieder ging ich im Geiste das Buch von vorn bis hinten durch. Ich hatte einige Passagen bereits mehrfach überarbeitet. Ich wollte es so schreiben, dass ich die Öffentlichkeit damit erreichen konnte und gleichzeitig mit meiner Meinung und Analyse nicht hinter dem Berg halten. Ging das überhaupt? Ich wusste es nicht. Das Rad würde sich bestimmt drehen. Mein Karma würde sich mit der Veröffentlichung des Manuskripts verändern. Wohin? Ich wusste es nicht. Eine Vertraute, Sabine Yacoub, las die letzten Kapitel jetzt, bevor ich sie an die Hauptbeteiligten der Tour mailte. Ich nahm mir vor, das Manuskript danach eine Woche ruhen zu lassen und an Elvis' Todestag, am 16. August, ins Netz zu stellen. Es sollte endlich raus. Ich wollte weiter.

Ich packte das Manuskript in den Rucksack, nahm einen Schluck Cola, klopfte den Sand von der Decke und rollte sie ein. War gut aufgetankt nach diesem Sonnenbad. Zehn Minuten später stand ich im Camp und sah mich um. Zwischen den Zwölf-Leute-Bungalows standen Tische und Stühle. Es gab einen Imbiss, und ein Professor hielt mitten auf dem Platz einen Vortrag auf Türkisch über griechische Mythologie. Am Ende des Korridors zwischen den Wohnhäusern waren Bilder ausgestellt, ein paar Leute malten an einem großen Tisch. Da war auch der Maler, der gestern Abend bis zum Schluss gegen zwei Uhr mit dabei war. Mit Andrea und Uwe von der Folklore-Gruppe Colibri, bei denen ich einige Male mitgesungen hatte, hatten wir noch eine ganze Weile neben der Bühne gespielt und gesungen. Gregor war auch dabei, Andreas Mann, und ein paar Jugendliche, die nach dem Konzert übrig geblieben waren. Ich hatte zuvor auf der Bühne ein paar Lieder mit Andrea zusammen gespielt, wo sie schon mal da war. Nun fand ich also den Maler wieder, er pinselte gerade einen Che Guevara auf einen Oberarm. Das Camp war an manchen Punkten deutlich sozialistisch. Ich fragte mich, was die Kids über Che Guevara wussten. Das war doch für sie Inhalt lich weit weg, da blieb fast nur die Ikone. Würde sie Che zu Freiheit und Entfaltung bringen? Als ich die vielen jungen Leute sah, dachte ich an Givat Haviva. Die Jugendlichen waren doch eigentlich überall auf der Welt sehr ähnlich. Hatten ähnliche Wünsche, Ängste, Fähigkeiten, Fragen, Bedürfnisse. Es ist wohl der Idealismus und das Solidaritätsprinzip, die mich öfter mit dem so genannten linken Spektrum verbinden. Ich bin aber kein Linker, weil ich nicht an den Klassenkampf glaube. Nicht in dieser Art jedenfalls. Meine politische Richtung heißt gewaltloser egalitärer Liberalismus, ich habe dazu die "Neuen Blätter" geschrieben, sie stehen online.

Peter Gingold auf dem Jugendcamp der DIDF-Jugend in Kiel 2004, foto de.indymedia.org
(Das Foto bezieht sich nicht unmittelbar auf den Text.)
Ich setzte mich neben den Maler mit den langen Haaren. Er war um die 50 und gab den jungen Leuten Tipps, die am Tisch malten. Da saß auch Selvi, sie war gestern ebenfalls bis zum Schluss dabei gewesen. Sie war aus Frankfurt, Schülerin wahrscheinlich, und schien gerade Langeweile zu haben. Ich fragte sie nach ihren Sprachen. Unter den Campteilnehmern waren die meisten türkisch-stämmig, die Muttersprachen variierten aber je nach dem, ob die Leute in Deutschland geboren oder aber in der Türkei zur Schule gegangen sind, so wie Selvi, deren Deutsch inzwischen aber die Hauptsprache ist. Sie war perfekt für den Gedanken, den ich gerade hatte. "Kannst du etwas Kurzes für mich ins Türkische übersetzen?" fragte ich sie, und sie meinte: "Klar". Ich nahm mein Klemmbrett aus dem Rucksack und schrieb: "Arten der Liebe: Herrschen will die menschliche Liebe. Heilen will die göttliche Liebe. Könige sind wir, mit Flügeln aus Staub." Sie dachte eine Weile nach und schrieb dann darunter: "Sevginin Türleri: Hüküm etmek istiyor insanlik sevgisi. Yaralari sarmak istiyor tanrilik sevgisi. Krallariz biz, kanatlari tozdan olan." (Es ist ein "i" ohne Punkt darin, das ich auf der Tastatur nicht reproduzieren kann.)

Wir redeten eine Weile über die Übersetzung; ich kann ein bisschen Türkisch, nicht viel. Wir sprachen auch über den Inhalt des Gedichts und sie verstand, was ich ihr über die Flügel aus Staub erklärte. Selvi meinte, dass es hier auch viele Kurden gebe, und dass wir noch eine kurdische Übersetzung versuchen könnten. Mir fiel dazu ein, dass wir dann auch gleich durch das Camp ziehen konnten und sehen, wie viele Sprachen wir zusammenbekamen. So machten wir es auch. Zuerst trafen wir auf Niederländer, die offenbar überall dabei waren: "Soorten Liefde: Heersen wil de menselijke liefte. Helen wil de goddelijke liefte. Koningen zijn wij, met vleugels van stof."
Auf einer steinernen Bank-Tisch-Kombination sahen wir zwei Frauen, die eine war Spanierin: "Las Formas del Amor: Dominar quiere el amor humano. Curar quiere el amor divino. Reyes somos nosotros, con alas de polvo." Die andere Französin: "Les Arts de l'Amour: C'est régner que veut l'amour humain. C'est guérir que veut l'amour divin. Nous sommes des rois, aux ailes de poussière." Ich fragte sie, ob es einen Weg gebe, die Könige in der französischen Übersetzung an den Anfang der Zeile zu bekommen, aber es ging nicht. Inzwischen standen einige Leute um uns herum, die mitbekommen wollten, was wir da machten. Es kamen Anwärter für Vietnamesisch, Kurdisch und Russisch, aber sie mussten passen. Die Spanierin fragte mich, woher sie mich kenne. Da musste ich passen. "Hast du nicht damals immer beim Poetry-Slam in Kiel teilgenommen?" Ja, hatte ich. "Ich habe deine Stimme erkannt", sagte sie. Ein Afrikaner mit einer coolen Sonnenbrille kam auf uns zu. Man hatte ihn herangerufen, weil er eine exotische Sprache konnte. Er schrieb es zunächst auf Portugiesisch, wobei er sich mit der Spanierin und der Französin beriet: "Maneras du Amor: Dominar quero a amor humana. Curar quero a amor du deus. Nos somus reies con alas polvu." Dann fügte er zögernd eine Version in der Sprache Lingala dazu: "Ba ndenge ya bolingo: Bolingo na biso ya batu ya mokili elingi ko domine. Bolingo ya nzambe elingi ko sekua biso. Biso tosali ba rois na mapapu ya poussiére." Ich glaube, man spricht das im Kongo, ich habe es mir nicht genau gemerkt. Er habe Verwandte in Zaire, die Portugiesisch sprechen, sagte er. Was es so alles gibt... Selvi und ich zogen weiter, suchten Kurdisch und Polnisch. Ich ergänzte das Englische: "Kinds of Love: To rule wants human love. To heal wants divine love. Kings we are, with wings of dust." Auch eine arabische Version schrieb ich in die Liste:

"أنواع الحب: الحكم هو مراد الحب البشري. الشفاء هو مراد الحب الإلهي. إننا ملوك بأجنحة من تراب."

Vor dem Imbiss-Stand fanden wir den Kurdisch-Experten, den wir die ganze Zeit gesucht hatten, weil er uns von mehreren Personen empfohlen worden war. Wir zeigten ihm die Liste mit den inzwischen neun Versionen, und er meinte, er könne nur Zaza, einen dem Kurdischen verwandten Dialekt, der von den beiden kurdischen Sprachen/Dialekten Kurmanci und Sorani abwich. Schön, sagte ich, mach es auf Zaza. Er runzelte die Stirn ein wenig und beriet sich mit einem Freund. Sie nahmen die türkische Übersetzung als Grundlage. Ich holte den beiden Stühle und schob sie ihnen in die Kniekehlen. Im Sitzen sprachen sie weiter. Es standen plötzlich allerhand Leute um uns herum, darunter einer, den ich vorher gesehen hatte, wie er den Backgammonspielern zusah und sie mit Worten und Gesten beriet. Jetzt stand er mit demselben Gesichtsausdruck über dem Papier gebeugt und brachte sich genauso ein. Heraus kam das Gedicht auf Zaza: "Eschke Rengan: Najeno hüküm bikero êschkê insanan. Najeno birinan bipeso êschkê heke. Ma kralime, puru ma nelerao." (Das "sch" ist eigentlich ein "s" mit einer Schlange darunter). Sie versuchten es noch eine Weile auf Kurdisch, konnten sich aber nicht zu einer Übersetzung durchringen. Jemand versuchte Griechisch, konnte aber nur den mittleren Satz: "To kalo theli i agapi ton theon." Immerhin. Ich dankte Selvi, der die Sache Spaß gemacht hat und deren Name "Zypresse" bedeutet, dann erklärte ich die Mission für erfolgreich beendet.

Zurück zu Hause überlegte ich, wie ich das Buch nun enden lassen sollte. Und wo? Doch nicht hier in Kiel. Ich war doch im Buch noch im Sorat-Hotel in Berlin. Die letzten Stunden dort verbrachte ich mit Jörn. Jörn! Natürlich. Also, das war so:

Mit Jörn am Spreebogen

(28.06.04) Der nächste Morgen fing spät an, ich ließ mir Zeit und checkte dann aus. Eine Rechnung wegen der Minibar, oh. Ich dachte, das würde nichts kosten. Beim Frühstücksbuffet war ich mal wieder der Letzte. Ich traf die Chefs for Peace kurz in der Lobby, sie wollten gleich eine Stadtrundfahrt machen. Auch Michael Eiser, den Hotelmanager, traf ich im Vorübergehen noch und ich verabschiedete mich von ihm, da ich nicht annahm, ihm vor der Abreise noch einmal zu begegnen. Alex Elsohn saß am Rechner in der Lobby und zeigte mir erste Fotos vom Barenboim-Event. Ich hatte den Zug nach Kiel um halb drei gebucht, ohne Hektik. Jörn hatte schon durchgerufen, dass er unterwegs sei. Ich wollte draußen am Spreebogen auf ihn warten. Es war sonnig mit windigen Abschnitten. Als guter Demokrat grüßte ich in Richtung unseres Innenministeriums, das direkt gegenüber des Sorat liegt. Ich spazierte an der Spree entlang, rauchte, und es dauerte anscheinend länger, bis Jörn eintraf. Da bemerkte ich ein Denkmal, zwischen Hotel und Ministerium, die Büste eines Mannes. Albrecht Haushofer (1903 - 1945), Professor für politische Geografie, Autor, so las ich auf der Tafel unter seinem Konterfei. Er wurde von den Nazis kurz vor Kriegsende in Moabit ermordet. Haushofer schrieb die Moabiter Sonette. Drei davon sind rings um das Denkmal in Metalltafeln gegossen. Im einen geht es um braune Ratten im Fluss, im anderen um Heimat. Das dritte habe ich abgeschrieben. Ich hatte mir am Schluss der Veranstaltung von Daniel Barenboims Tisch sein Namensschild mitgenommen, weil ich kein Papier hatte und weil es eine Reliquie war. Auf die Rückseite schrieb ich nun Haushofers Gedicht:

Schuld

Ich trage leicht an dem, was das Gericht
Mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen
Verbrecher wär ich, hätt ich für das Morgen
des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht

Doch schuldig bin ich. Anders als ihr denkt!
Ich musste früher meine Pflicht erkennen,
Ich musste schärfer Unheil Unheil nennen,
Mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt...

Ich klage mich in meinem Herzen an:
Ich habe mein Gewissen lang betrogen,
Ich hab mich selbst und andere belogen -

Ich kannte früh des Jammers ganze Bahn.
Ich hab gewarnt - nicht hart genug und klar!
Und heute weiß ich, was ich schuldig war.

Das war schon starker Tobak. Ich las es Jörn vor, als wir kurz darauf im Park auf der anderen Straßenseite spazieren gingen. Jörn fand es ziemlich erstaunlich, dass jemand in einer solchen Situation Sonette schrieb und eine feste, traditionelle Form wählte, in all diesem Chaos. Mir war in dem anderen, dem Heimatgedicht, aufgefallen, dass dort ein (Natur-)Patriotismus auftrat, der heute nicht mehr üblich ist, und ich sinnierte über Nationalismus, Patriotismus, Heimatverbundenheit und landesbezogene Identität. Es war gut, Jörn wiederzusehen. Er erzählte von Reisen und Begegnungen, die er gerade erlebt hatte, Gemeinschaftserlebnissen, Fußballspielen. Wir saßen auf dem Kinderspielplatz im Park und tranken Cola. Jörn Hagenloch ist für mich einer der größten lebenden Lyriker Deutschlands. Zwar hat er laut gelacht, als ich ihm das gesagt habe, aber darauf habe ich geantwortet, dass er ja wohl das präziseste Liebespoem aller Zeiten geschrieben hat. Und in der Tat, dem konnte er kaum etwas entgegensetzen. Es ist ein Juwel der Literaturgeschichte und ich bin glücklich darüber, dass ich es hier präsentieren kann. In diesem Gedicht ist alles drin: Sehnsucht, Leidenschaft, Hoffnung, Unschuld, Humor, Philosophie, Beziehungsdrama. Dabei besteht es aus nur sechs kurzen Wörtern. Das ist dicht. Das ist Dichtung:

"Ich und du,
dann wär Ruh."



ENDE


Anhang

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