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AO Collected Reviews / AO gesammelte Rezensionen
Rezension von:
Sarah Stooß: Hinter der Mauer leben
Anis Hamadeh, 23.09.2012

Hinter der Mauer leben Menschen, von denen wir in Deutschland nicht viel wissen. Wir verbinden sie mit den Problemen im Nahen Osten und manch einer mag ein wenig ein schlechtes Gewissen haben, wenn er an die Menschen in der Westbank denkt, in Jerusalem und auch in Gaza. Denn wie auch immer man politisch denken mag: Dass die israelische Armee nicht zimperlich ist, ist bekannt. Auch von den Siedlern hört man nicht viel Gutes. Und die Politiker? Auch sie geben nicht gerade zur Hoffnung Anlass. Da sind viele Hemmungen und Ängste bei Deutschen, wenn sie an Palästina denken. Der Autorin des vorliegenden Bandes gelingt es, diese Hindernisse wie einen gordischen Knoten zu überwinden, indem sie frei heraus und ohne viel Abstraktion über ihre Alltagserlebnisse berichtet.

Sarah Stooß ist dort gewesen, in Palästina. Sie ist eine abenteuerlustige Studentin, die bei unseren Begegnungen oft ein keckes Lächeln im Gesicht trug, und die in relativ kurzer Zeit gelernt hat, passables Arabisch zu sprechen. Ihr Büchlein "Hinter der Mauer leben" ist das redigierte Tagebuch eines Jahres, das sie mit Palästinenserinnen und Palästinensern verbracht hat. Sie unterrichtete Jugendliche, traf Menschen aus allen Bereichen des Lebens und erkundete Sitten und Gebräuche ihres Gastlandes. In kurzen Abschnitten erzählt die Autorin von einzelnen, chronologisch geordneten, Episoden.

Als Sarah Stooß vor der Rückkehr nach Deutschland steht, schreibt sie: "Ich kann nicht leugnen, dass mein Herz hinter der Mauer schlägt, dennoch habe ich immer wieder eines festgestellt: Auf beiden Seiten leben Menschen. Mit einer Nase, zwei Augen und einem Mund im Gesicht. So wie du und ich. Araber und Israeli, Jude, Moslem, Christ. Äußerliche Bezeichnungen, die eigentlich nicht wichtig sind. Was wichtig ist, ist innen drin. Doch leider sieht der Mensch viel zu oft nur, was er direkt vor Augen hat." (S. 142)
Was das Buch so wertvoll macht, ist die Authentizität und Lebendigkeit, mit der es die inneren und äußeren Erlebnisse der jungen Frau schildert. Man spürt ihre Jugend, aber auch ihre Feinfühligkeit und die Fähigkeit, Hintergründe zu erkennen. Mit Witz und mit Nachdenklichkeit begleitet Sarah Stooß ihre palästinensische Umgebung beobachtend und lässt uns Leser teilhaben, auch mit den Fotos, die in das Buch integriert sind. Wir reisen mit ihr und schauen für einen Abend in den Kopf und in das Herz einer Autorin, von der die Älteren unter uns unwillkürlich wünschen, dass die heranwachsende Generation mehr von dieser Sorte hervorbringen möge. Veranstaltern sei gesagt, dass die Autorin Lesungen anbietet.

Sarah Stooß: Hinter der Mauer leben. Ein Jahr Freiwilligendienst in Palästina. 144 Seiten, Evangelische Gesellschaft (www.verlag-eva.de), 2011. (Amazon-Link). Das Buch wurde gefördert von "weltwärts", dem Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung