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MOSTAFAS ROOM

(Anis, 21.12.04:) Diese Seite ist für Mostafa Elhady. Mostafa ist ägyptischer Doktorand in Deutschland und schreibt über den Freiheitsbegriff im Koran. Er ist auch für die Menschenrechte und für Gerechtigkeit im Nahen und Mittleren Osten aktiv. Er hat unter anderem Podiumsdiskussionen mitorganisiert. Mostafa Elhady besuchte mich Anfang des Jahres und ich traf ihn wieder auf der Buchmesse in Frankfurt. Dort erzählte er mir, dass die Heinrich-Böll-Stiftung sein Stipendium auflösen will wegen politischer Äußerungen bezüglich Deutschland, Palästina und Israel. Ich konnte einige Dokumente einsehen und merkte schnell, dass dieser Vorgang mit Demokratie wenig zu tun hatte. Die Art, wie hier Debatten und Argumente unterdrückt wurden, erinnerte mich an Erfahrungen, die ich kenne und beobachte. Am 18.12.2004 schrieb die Tageszeitung junge Welt aus Berlin über den Fall. Einige Personen des öffentlichen Lebens haben sich bereits zu den Vorfällen geäußert. Ohne Mostafa Elhady in jedem Punkt zustimmen zu müssen, setze ich mich hier für ihn ein. Er ist ein produktives Mitglied der Gesellschaft und seine Meinung darf er frei äußern. Auf dieser Seite werden Texte, Links und Kommentare zu diesen Vorfällen gesammelt.

Texte zum Fall Heinrich-Böll-Stiftung

18.12.2004: junge Welt, Inland: "Förderdespotie bei Böll. Kurzer Prozeß wegen Kritik an Israel: Grünen-nahe Stiftung verfügt Ausschluß eines ägyptischen Stipendiaten aus Promotionsförderung nach Denunziation durch 'Antideutsche'" von Klaus Hartmann, URL www.jungewelt.de/2004/12-18/016.php

18.12.2004: junge Welt, Inland: "'Nichts nachgewiesen, nicht angehört ...' jW dokumentiert Auszüge aus einem Brief an die Böll-Stiftung", URL www.jungewelt.de/2004/12-18/017.php

18.12.2004, Offener Brief an den Vorstand der Boell Stiftung von Dr. Hajo G. Meyer aus den Niederlanden, über Email: Betrifft: Antisemitismus-Vorwurf und Stipendienentzug. Sehr geehrte Damen und Herren, Durch eigene bittere Erfahrung - als Jude 12 Jahre unter Naziherrschaft - und durch ausführliches Studium, darf ich behaupten, mehr als viele von Antisemitismus zu verstehen. Die gewonnenen Einsichten, habe ich niedergelegt in einem Buch. Auf Grund von dieser Situation habe ich meine Zweifel überwunden und erlaube mir deswegen, mich zu dem von Ihnen gemachten Vorwurf antisemitischer Motive gegenüber Mostafa Elhady in dem beigefügten Brief zu äussern. Ich bitte Sie hiermit höflichst, vom Inhalt dieses Briefes Kenntnis zu nehmen. Mit vorzüglicher Hochachtung. Dr. Hajo G. Meyer. Autor des Buches "Das Ende des Judentums", das am 17. März 2005 in deutscher Übersetzung erscheinen wird. (Hier der Brief)

19.12.2004, Offener Brief an die Heinrich-Böll-Stiftung von Isam Kamel aus Berlin

20.12.2004, Reaktion von Günter Schenk aus Straßburg auf Dr. Hajo Meyer

(Dezember 2004) Siehe auch www.arendt-art.de


OFFENER BRIEF AN DIE HEINRICH BÖLL STIFTUNG.
Betrifft: Antisemitismus-Vorwurf und Stipendien-Entzug

Dr. Hajo G. Meyer, Heiloo, Niederlande,18.12 2004

Sehr geehrte Damen und Herren,

Dass ich diesen Brief aus Holland schreibe und nicht aus Deutschland und schon gar nicht aus dem Himmel, hat so viele Gründe komplexester Art, dass ich mich hier auf die wichtigsten Essentialia beschränken muss.
Nach Holland kam ich als 14 jähriger Bub alleine! Warum? Weil die Nazis nicht länger erlaubten, dass der Judenjunge noch länger ein deutsches Gymnasium besuchen durfte. Die Familie Meyer, inklusive dem jungen Hajo, geriet in Panik. Wer nichts mehr lernen kann oder darf, kommt in eine Gefahrenzone: er könnte eine "verkrachte Existenz" werden, wie das damals hieß. Also keine Zeit verlieren, so schnell wie möglich raus! Nicht etwa warten, bis vielleicht auch ein Kindertransport nach England kommt, der erwartet wurde, aber nocht nicht definitiv angekündigt war. Eine panische, folgenschwere Entscheidung, die mir letztlich 10 Monate Auschwitz bringen sollte. Dieser Entschluss zeigt, dass meine Eltern trotz ausführlicher geschichtlicher und politischer Bildung ein großes Risiko auf sich nahmen, weil sie eine abgeschlossene Ausbildung für einen lernbegierigen Menschen so äußerst wichtig fanden. Auch ich finde noch heute, dass die Entziehung der Möglichkeit, eine gewünschte Ausbildung zu erhalten, schon nahe daran kommt dem betroffenen Menschen das Leben zu entziehen. Ich habe das persönlich so erfahren.
Einen Tag nach meinem Staats-Abitur, worauf ich mich durch Privatunterricht vorbereitet hatte, ging ich in die Illegalität, wurde aber Ende März 1944 durch Verrat geschnappt und verhaftet. Dass ich so lang überleben konnte hat, neben einer unglaublichen Menge von Glück, auch viele viele Gründe, von denen ich zwei nennen werde. Der erste ist, dass ich in meiner Flüchtlingszeit auch eine Ausbildung als Schlosser erhielt. So wurde es möglich, dass ich nach ein paar Monaten Schwerarbeit draußen, in einer Reparaturwerkstatt der damaligen Reichsbahn landete. Wieder zeigte sich die Wahrheit des Spruches: Was Du mal gelernt hast, kann dir keiner nehmen. Der zweite Grund, in diesem Fall für mein psychisches Überleben, liegt in einem Schlüsselerlebnis. Ein SS-Mann der Bewachung stopfte mir, wie gerade niemand anders in der Nähe war, aus reinem Mitleid ein Paket Butterbrote in die Hand und sagte dabei: "Abhauen!" Das hat mich für immer gelehrt, dass man sich gründlichst hüten sollte vor pauschalen Urteilen über zu gewissen Gruppen gehörende Individuen. In einer Paraphrase auf ein Nietzsche-Wort drücke ich das aus [hierbei Nietzsches Umformung des Wortes Uniform in Einform beibehaltend]: "Einform nennen sie's, was sie tragen, es ist aber nicht immer Einform, was sie dahinter verbergen. Die Frage, warum ich das hier erzähle, ist berechtigt. Ich tue es, um deutlich zu machen, dass ich zu der kleinen Gruppe noch lebender Juden gehöre, die volle 12 Jahre unter dem schlimmsten und bedrohendsten Antisemitismus der Geschichte gelebt haben. Über diese persönliche Erfahrung mit dem Antisemitismus hinaus habe ich mich auch ausführlich mit der Geschichte und der Soziologie dieser mentalen Pest befasst.
Das Resultat dieser Studien in Kombination mit den eigenen Erfahrungen habe ich im vorigen Jahr in einem Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel: "Das Ende des Judentums." Im Augenblick ist vorgesehen, dass es am 17. März 2005 auch in deutscher Sprache erscheinen wird.
Wir kommen jetzt zum Kern meiner Ausführungen. Einer der wichtigsten Schlussfolgerungen meines Buches ist, dass aus verschiedenen Gründen große Vorsicht geübt werden muss mit dem Gebrauch des Wortes ‚Antisemitismus'. Vor allem jedoch sollte man äußerst vorsichtig sein mit dem Vorwurf, dass jemand aus antisemitischen Motiven heraus gewisse Taten tut oder Äußerungen von sich gibt. Der Grund ist einfach. Es ist der Antisemitismus, und nur und ausschließlich der Antisemitismus, der zu einem Massenmord geführt hat, der, was die Zahl der Opfer pro Monat oder auch pro Quadratkilometer anbelangt, in der Geschichte der Menschheit unübertroffen ist. An diesem Wort klebt dadurch für alle Zeiten das Gift von Auschwitz. Mit dem Vorwurf also, dass jemand Antisemit sei, oder auch nur, dass er durch antisemitische Gefühle zu gewissen Taten oder Aussagen motiviert wird, beschuldigt man ihn implizit, fähig zu sein, Massenmord zu verüben. Hierdurch ist eine derartige Beschuldigung so unglaublich schwer, dass wenn man sie ohne genügenden und überzeugenden Beweis erbringt, man sich des Rufmordes schuldig macht. Nach jüdischem ethischen Verstehen ist ein derartiger Rufmord einem wirklichen Mord gleich zu setzen.
Hiermit bitte ich Sie, bemerken zu wollen, dass die rechtstaatliche Position eines Stipendiaten Ihrer Stiftung, auch wenn er Araber und/oder Muslim ist - nein vor allem dann! -, nicht ohne überzeugenden Beweis so schwer beschuldigt werden darf wie Sie es deutlich getan haben. Sollten Sie nicht im Stande sein, diesen Beweis zu erbringen, dann fordere ich Sie in erster Linie auf, sich bei dem Herrn Mostafa Elhady öffentlich zu entschuldigen und ihm sein Stipendium wieder zu gewähren. Sollten Sie den geforderten Beweis nicht liefern können und Herrn Elhady's Namen trotzdem nicht von allem Vorwurf und Schaden säubern, dann beschuldige ich Sie meinerseits in dieser Öffentlichkeitich des Rufmordes an diesem Herren. Wie schwer eine derartige Beschuldigung meinerseits ist, vor allem aus jüdischer Sicht, bin ich mir völlig bewusst. Ein Rufmord, der bemerkenswerterweise noch der Entziehung der Möglichkeit, die gewünschte Ausbildung zu erlangen, - auch wie schon gesagt einem Mord ähnlich -, hinzugefügt wird.
Im übrigen bin ich der Meinung, dass man in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen aus einem zu Recht bestehenden, aber falsch interpretierten Schuldgefühl den Juden der Welt gegenüber, die Leiden der Palästinenser bagatellisiert. Dies stimmt wohl in etwa mit dem überein, was meiner Information nach Herr Elhady geäußert haben soll. Ich nehme an, dass Sie nicht so weit gehen werden, auch mich und all die jüdischen Israelis, die sich der Meinung der Friedensgruppe Gush Shalom anschließen, des Antisemitismus beschuldigen zu wollen. Zum Schluss möchte ich Ihnen eine kürzlich von mir, - in einem Vortrag Im Haager Friedenspalast - vorgetragene Meinung nicht vorenthalten. Ich habe dort vor einem Publikum von u.a. Politikern und vormaligen aktiven Diplomaten geäußert: Die heutigen wirklichen Opfer des nazistischen Antisemitismus sind in erster Linie die Palästinenser. Die büßen heute für die von den Nazis begangenen und von der westlichen Welt geduldeten Verbrechen an den Juden.

In der Hoffnung Sie durch diesen Brief zu einem weiteren Nachdenken stimuliert zu haben,
Hochachtungsvoll
Dr. Hajo G. Meyer


19.12.2004, Offener Brief an die Heinrich-Böll-Stiftung von Isam Kamel aus Berlin, über Email, Auszüge: Sehr geehrter Herr Füchs, sehr geehrte Frau Siebert, auf Ihrer Website steht im Grundsatz geschrieben: § 2 Zweck des Vereins: "... zur Förderung der demokratischen Willensbildung, des gesellschaftspolitischen Engagements und der Völkerverständigung." Da Ihre Entscheidung im Falle von Herrn Mostafa Elhady eine offizielle Handlung der Böll-Stiftung darstellt, stellt sich die Frage, wie Ihr Verständnis für Demokratie aussieht. Ist Demokratie für die Böll-Stiftung eine Variable, die beliebig zu handhaben ist? Wenn ja, dann ist die untere Handlung nachvollziehbar, steht jedoch im Widerspruch zur eigenen Satzung. In diesem Fall wäre Handlungsbedarf dringend notwendig. (...) Folgender Artikel beschreibt Ihre Entscheidungsfindung im Falle von Herrn Elhady: www.jungewelt.ipn.de/2004/12-18/016.php. (...) Daher frage ich Sie nach einer Stellungnahme, wenn Sie glauben, Ihre Entscheidung stehe nicht in Widerspruch zur Satzung. Was sind die genauen Fakten im Falle von Herrn Elhady? (...) Mit freundlichem Gruß, Isam Kamel, (Alternative-Media-Watch)


20.12.2004, Reaktion von Günter Schenk auf Hajo Meyer, Auszug: Danke für Ihren uneigennützigen Einsatz für den beleidigten Ex-Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung, Herrn Mustafa Elhady. Ich hoffe sehr, dass Ihre Intervention zur Wiederherstellung nicht nur seiner zu Unrecht verletzten Ehre, sondern auch zur Wiedereinsetzung in das Stipendiat dient. Gern hätte auch ich einen Brief an die Heinrich-Böll-Stiftung geschrieben. Jedoch: Ihrem Brief könnte ich nur wenig hinzufügen, auch hätte ich, 1940 geboren, nie die Autorität Ihrer Worte. Ich danke Ihnen für Ihr Engagement für Ehrlichkeit, Ethik und Solidarität, Guenter Schenk, Membre du "Collectif Judeo-arab et citoyen pour la Paix" Strasbourg.