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SABINE MATTHES 2013
Inhalt:

Kant, Kolonialismus und Black Power. Spektrum | Ausstellung: Biko: The Quest for a True Humanity. Von Sabine Matthes. TITEL Kulturmagazin, 2.11.13.
Leugnen und lernen. Panafrikanismus in München als Kongreß. Von Sabine Matthes. junge Welt 26.10.2013 / Feuilleton / Seite 13
Leserbrief zu: "Freiheit? Welche Freiheit? Die FDP hat ein Wahldebakel erlebt, der Liberalismus steckt in einer tiefen Krise." SZ vom 28./29.9.2013, Seite V2/8
(Veröffentlichter) Leserbrief zu: "Bayerns Abgeordnete" Bayern-Teil SZ vom 19.9.2013, Seite R 18
"Marsmission mit Missionar", Cristina De Middles Fotoprojekt "The Afronauts" (PDF) Von Sabine Matthes. In: Afrikapost, Juni 2013
Die Erde öffnen. Spirituelle Landkarten als Besitzurkunde: Die Kunst der australischen Spinifex People im Münchner Völkerkundemuseum. Von Sabine Matthes. In: junge Welt, 06.05.2013 / Feuilleton / Seite 12
Ein Wasserloch, das Tuwan heißt. Spirituelle Landkarten als Besitzurkunde: die Kunst der australischen Spinifex People im Münchner Völkerkundemuseum. Von SABINE MATTHES. In: Titelblog, 03.05.2013
Spacegirl Matha auf dem Mars. In: TITELblog, 05.04.13
Eine eigene Geschichte. Cristina De Middels Fotoprojekt "The Afronauts" erinnert an das vergessene Raumfahrtprogramm von Sambia. Von Sabine Matthes junge Welt,02.04.2013 / Feuilleton / Seite 13
(Veröffentlichter) Leserbrief zu Chrismon 04.2013, Seite 12. Landesbischof a.D. Johannes Friedrich: "Hinfahren und reden!"
(Veröffentlichter) Leserbrief zu: "Flüchtlingsheim-Gegner formieren sich", SZ vom 8.2.2013, Münchner Teil, R7
"Zukunftsmarkt Afrika. Auma Obama wünscht sich bei der Jahresinvestmentkonferenz Afrika 2012 in München eine nachhaltige ökonomische Entwicklung". In "Africa Positive", Nr. 48, 2013, Jan. 2013 (JPG). Teil 1 Teil 2

Kant, Kolonialismus und Black Power
Spektrum | Ausstellung: Biko: The Quest for a True Humanity

Von Sabine Matthes. TITEL Kulturmagazin, 2.11.13. URL:
http://bit.ly/Ho9Lmr

Der 4.Panafrikanismus-Kongress München war dem südafrikanischen Bürgerrechtler Steve Biko gewidmet. SABINE MATTHES blickt zurück auf die Tagung und die noch laufende Ausstellung.

Optisch hatte die Inszenierung etwas vom Reiz eines Boxkampfes. Nur ging es hier um die Verhandlung blutiger historischer Fakten und den schmucken Rahmen der Nummern-Girls bildeten prachtvoll gekleidete Moderatorinnen in leuchtfeuerfarbenen, afrikanischen Stoffen. Inhaltlich folgte der 4.Panafrikanismus-Kongress München, der am 18. und 19.Oktober in der InitiativGruppe und der Muffathalle stattfand, dem Motto »Lernen aus der Vergangenheit«. Er wurde von zwei Ausstellungen begleitet, über das Leben des südafrikanischen Bürgerrechtlers Steve Biko und den Völkermord in Namibia.

Parlamentarische Vertreter aus Namibia mahnten, Deutschland solle seiner Verantwortung für den dortigen Völkermord nachkommen. Etwa 80 Prozent der Herero und 60 Prozent der Nama hatten 1904-1907 unter dem Befehl des Generalleutnants von Trotha ihr Leben verloren. Während Deutschland eine offizielle Entschuldigung bis heute verweigert, um keine Reparationen zahlen zu müssen, sieht man aus namibischer Sicht diese Leugnung als Verlängerung des Genozids und fragt, warum man nicht gleichberechtigt wie die jüdischen Opfer des Holocaust entschädigt wird.

Die Ordnung der Welt als hierarchische Stufenleiter

Um Kolonialismus und Sklaverei zusammenzubringen, sprach der Senegalese Eloi Coly von Goree Island, einer kleinen Insel vor Dakar, wo er der Leiter des Maison des Esclaves de Goree (Haus der Sklaven) ist. In drei Jahrhunderten sind von hier aus 15 bis 20 Millionen West Afrikaner Richtung Amerika verschifft worden. Sechs Millionen starben auf dem Weg. Häufig wurden ganze Familien auseinandergerissen. Entsprechend der potentiellen Abnehmer konnte der Vater nach Louisiana in die USA, die Mutter nach Brasilien oder Cuba und die Kinder nach Haiti verschickt werden. Heute ist Goree Weltkulturerbe, ein Symbol der Erinnerung und Versöhnung.

Den Bogen zur modernen Sklaverei des 21. Jahrhunderts spannte der mauretanische Menschenrechtler Biram Dah Abeid. Bis zu 600.000 Menschen sind in der Islamischen Republik Mauretanien trotz Verbot versklavt, was 20 Prozent der Gesamtbevölkerung entspräche. Es sind die Nachfahren von vor Generationen versklavten und bis heute nicht freigelassenen Menschen, die den »weißen Mauren« als Sklaven dienen. Durch sein Engagement konnte Abeid die Einleitung von Ermittlungen gegen mehrere Sklavenhalter bewirken, woraufhin Tausende Sklaven freigelassen und öffentliche Debatten zu Sklaverei und Diskriminierung von Schwarzafrikanern angeregt wurden.

Schuld trägt nicht nur der europäische, sondern auch der arabische Rassismus und Imperialismus. Der nigerianische Historiker Michael Onyebuchi Eze sieht die Rolle von Boko Haram heute in Nigeria als arabischen Nationalismus übersetzt in Religion. Auch Darfur sei kein christlich-muslimischer Konflikt, sondern arabischer Rassismus gegen Schwarze. Eze beschrieb, wie der europäische Rassismus durch die Denker der Aufklärung – Hegel, Hume, Kant und Montesquieu – geprägt wurde. Sie verstanden die Ordnung der Welt als eine hierarchische Stufenleiter, wo die Affen als am höchsten stehende Tiere in die unmittelbare Nähe der »niedrigsten« Menschen gestellt wurden, als welche man meist die Schwarzen ansah. Sie konstruierten eine menschliche Identität, die den weißen Europäer an die Spitze der Vernunftbegabten stellte und den Afrikaner als ein Kind des Augenblicks sah, dem Rationalität, Geschichte, Kultur und Tradition fehle. Solche Afrikaner, die »noch keine Menschen« waren, »mussten« kolonialisiert und »zum Menschsein erzogen« werden.

»Landesverräterisches Treiben«

Als Reaktion auf diese Demütigungen entstand der Panafrikanismus und das »Black Consciousness«-Movement in Südafrika. Der Münchner Kongress war zwei seiner prominentesten Vertretern gewidmet: der politisch engagierten Sängerin Miriam Makeba, die 1963 den Fall der Apartheid vor die UNO brachte, sowie dem Anti-Apartheid-Kämpfer und Gründer der »Black Consciousness«-Bewegung, Steve Bantu Biko. Biko hatte die South African Students’ Organisation (SASO) mitgegründet, die ein »schwarzes Bewußtsein« und politische Eigenverantwortung propagierte. Nachdem 1963 im Rivonia-Prozess Nelson Mandela und andere ANC-Führer verhaftet wurden, entstand in diesem politischen Vakuum aus der SASO die von Biko geführte »Black Consciousness«-Bewegung. Während der ANC weiße Teilhabe in seinem Kampf für eine gemeinsame Zukunft befürwortete, lehnte die »Black Consciousness«-Bewegung dies aus Angst vor Bevormundung ab und war damit den Black Panthers in den USA näher. Neben Protesten und Streiks wurden Selbsthilfe-Gruppen organisiert, die in den schwarzen Gemeinden Schulen und Kliniken bauten. Da die Apartheidsregierung dies als »landesverräterisches« Treiben ansah und Bikos Heimatstadt King William’s Town zum Zentrum des gewaltlosen Widerstands avancierte, wurde Biko als Symbol der Bewegung 1977 verhaftet. Er starb, 30-jährig, in Polizeigewahrsam an den Folgen von Folter. Sein Credo, dass der eigene Tod ein politischer Akt sein könne, erfüllte sich. Durch seine Bekanntheit machte der Mord weltweit Schlagzeilen und öffnete vielen die Augen über die Brutalität des Apartheidsregimes.

Als Ehrengast war Steve Bikos Sohn eingeladen, Nkosinathi Biko. Er erinnerte daran, dass Hendrik Verwoerd, der als Architekt der Apartheid gilt, kurze Zeit vor dem Aufstieg der Nationalsozialisten zum Psychologiestudium in Deutschland war, wo er den Geist der Zeit aufnahm. Und dass für Steve Biko das gefährlichste Instrument des Unterdrückers die Seele des Unterdrückten war. Neben Frantz Fanon prägte der brasilianische Befreiungspädagoge Paulo Freire sein Denken. Als größter Erfolg von Bikos Bewegung gilt, das Minderwertigkeitsgefühl und die Furcht aus den Köpfen der Schwarzen vertrieben und durch ein neues Gefühl von Stolz, Selbstvertrauen und gegenseitigem Respekt ersetzt zu haben. Den selbstverantwortlichen Bürgersinn, mit dem sein Vater damals ohne staatliche Hilfe eine Klinik baute, wünscht er sich auch für das neue Südafrika, in dem zwar Gleichberechtigung, aber immer noch eine Konzentration von Armut in den schwarzen Gemeinden herrscht. Denn »das Wohlergehen des Nachbarn definiert, ob es uns gut geht, und wenn es der Peripherie nicht gut geht, dann geht es uns, Südafrika, nicht gut.«

Ausstellung
Biko: The quest for a true humanity
18.10.2013 – 17.11.2013
Karlsstr. 50, 80333 München


Leugnen und lernen. Panafrikanismus in München als Kongreß
junge Welt 26.10.2013 / Feuilleton / Seite 13
Von Sabine Matthes. URL: www.jungewelt.de/2013/10-26/011.php

Am vergangenen Wochenende fand in München der 4. Panafrikanismus-Kongreß statt. Er stand unter dem Motto »Lernen aus der Vergangenheit«. Parlamentarische Vertreter aus Namibia mahnten, Deutschland solle seiner Verantwortung für den Völkermord in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika nachkommen. Etwa 80 Prozent der Herero und 60 Prozent der Nama hatten 1904–1907 unter dem Befehl des Generalleutnants Lothar von Trotha ihr Leben verloren. Während Deutschland eine offizielle Entschuldigung bis heute verweigert, um keine Reparationen zahlen zu müssen, wird in Namibia diese Leugnung als Verlängerung des Genozids betrachtet und gefragt, warum man nicht gleichberechtigt mit den Überlebenden des Holocaust entschädigt wird.

Über den Zusammenhang von Kolonialismus und Sklaverei sprach der Senegalese Eloi Coly, der auf Goree Island, einer kleinen Insel vor Dakar, das »Maison des Esclaves de Goree« (Haus der Sklaven) leitet. In drei Jahrhunderten sind von hier aus 15 bis 20 Millionen Westafrikaner Richtung Amerika verschifft worden. Sechs Millionen starben auf dem Weg. Heute ist Goree Weltkulturerbe, ein Symbol der Erinnerung und Versöhnung.

Den Bogen zur modernen Sklaverei des 21. Jahrhunderts spannte der mauretanische Menschenrechtler Biram Dah Abeid. Bis zu 600000 Menschen seien in Mauretanien immer noch versklavt, was 20 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Es gebe einen arabischen Rassismus gegen Schwarze, führte der nigerianische Historiker Michael Onyebuchi aus, der unter dem Deckmantel der Religion propagiert würde. So sei beispielsweise der Darfur-Konflikt keiner zwischen Christen und Muslimen, sondern Ausdruck des arabischen Rassismus.

Der Kongreß war zwei Südafrikanern gewidmet: der politisch engagierten Sängerin Miriam Makeba (1932–2008), die 1963 in einer Rede vor der UNO erstmals Südafrika der Apartheid angeklagt hatte, und Steve Bantu Biko (1946–1977), dem Gründer der »Black Consciousness«-Bewegung. Während der ANC weiße Teilhabe an seinem Kampf für eine befreite Gesellschaft befürwortete, wurde dies von der »Black Consciousness«-Bewegung aus Angst vor Bevormundung abgelehnt. Damit war sie den Black Panthers in den USA näher. Neben Protesten und Streiks wurden Selbsthilfe-Gruppen organisiert, die Schulen und Kliniken bauten. Biko wurde verhaftet und zu Tode gefoltert. In München gibt es eine Ausstellung über ihn. Sein Sohn Nkosinathi Biko war Ehrengast auf dem Kongreß.

Ausstellung: »Biko: The Quest for a True Humanity«, in Kooperation mit der Steve Biko Foundation, bis zum 17.11.2013 in der InitiativGruppe, München


Leserbrief zu: "Freiheit? Welche Freiheit? Die FDP hat ein Wahldebakel erlebt, der Liberalismus steckt in einer tiefen Krise."
SZ vom 28./29.9.2013, Seite V2/8

Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,

Die FDP hat ein Wahldebakel erlebt und verschwindet nach 46 Jahren aus dem Bundestag. Detlef Esslinger erklärt dazu in seinem Artikel "Freiheit? Welche Freiheit?", dass es die Weltanschauung des Liberalismus im Vergleich zum Konservatismus und Sozialismus in Deutschland immer schon schwer hatte. Wenn Liberale, wie er schreibt, "von Natur aus Individualisten" sind, leidet Deutschland diesbezüglich unter einer gefährlichen Mangelerscheinung. Was besonders befremdlich ist, da gerade wir in der Nazi- und DDR-Zeit doch die denkbar schlechtesten Erfahrungen mit Staats- und Obrigkeitshörigkeit gemacht haben. Wieso trauen die Deutschen trotz dieser Totalitarismus Erfahrungen dem Staat mehr Menschlichkeit zu, als dem Einzelnen? Warum wollen sie mehr Staat anstatt weniger?

Ein Einwanderungsland wie die USA, und wie Deutschland es werden sollte, lebt vom Liberalismus. Darin liegt die Verheißung: so viel Freiheit wie möglich, so wenige Vorschriften wie nötig. Der soziale Kitt ist nicht die sozialstaatliche Hängematte, sondern eine generelle Offenheit und Vertrauen gegenüber dem Fremden. Die soziale Verantwortung - Arbeit und Lohn, Wohnung und Nestwärme zu geben - wird nicht an den Staat delegiert, sondern obliegt jedem einzelnen. Bereits die regulierte Anarchie der indianischen Gesellschaften war im Wesen herrschaftsfeindlich. Die neuen Einwanderer kamen häufig als Flüchtlinge mit ihren negativen Erfahrungen von repressiven Regimen. "Der Staat ist am besten, der am wenigsten regiert", befand der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau (1817-1862), ein Vordenker des Anarchismus, der in seinem berühmten Essay über den zivilen Ungehorsam das Gesetz des Gewissens über das Gesetz des Staates stellte und damit unter anderem auch Mahatma Gandhi inspirierte.

Aus eigener Erfahrung, als Fotografin in New York am Ende von Ronald Reagans Präsidentschaft und danach, habe ich erlebt, wie wunderbar befreiend und produktiv das Leben ohne die lähmende Diktatur der deutschen Bürokratie und Formalismen sein kann. Der Wegfall der FDP und die generelle Liberalismus-Feindlichkeit der Deutschen lassen befürchten, dass wir uns von einem solchen Lebensgefühl immer weiter entfernen.


(Veröffentlichter) Leserbrief zu: "Bayerns Abgeordnete"
Bayern-Teil SZ vom 19.9.2013, Seite R 18

Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,

Die SZ hat die 180 bayerischen Abgeordneten im neuen Landtag mit Namen und Gesicht gelistet. Knapp 30 Prozent davon sind Frauen. Warum aber haben nur ein oder zwei Abgeordnete einen erkennbaren Migrationshintergrund? Klare Mehrheit haben die 101 CSU Abgeordneten, davon sind nur 21 Prozent Frauen und anscheinend kein einziger mit Migrationshintergrund. Auf einem Wahl Flyer hatte die CSU für sich geworben, indem sie unter anderem vor einer Rot-Grünen Politik warnte, die Deutschland zu einem "Einwanderungsland" machen wolle - obwohl dies aus demographischer und wirtschaftlicher Notwendigkeit dringend forciert werden muss. Mit diesem bayerischen Kulturchauvinismus und einer rigiden Flüchtlingspolitik bekam die CSU jetzt sogar auch bundesweit gesehen prozentual doppelt so viel Zustimmung wie die liberale FDP. Dieser beunruhigende Rechtsruck ist kein gutes Aushängeschild für ein Land, das mit einer Willkommenskultur um Fachkräfte und andere Zuwanderer werben sollte.

Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Matthes
München


"Marsmission mit Missionar", Cristina De Middles Fotoprojekt "The Afronauts" (PDF)
Von Sabine Matthes. In: Afrikapost, Juni 2013

Die Erde öffnen. Spirituelle Landkarten als Besitzurkunde:
Die Kunst der australischen Spinifex People im Münchner Völkerkundemuseum

Von Sabine Matthes
junge Welt, 06.05.2013 / Feuilleton / Seite 12,
www.jungewelt.de/2013/05-06/029.php

Als Kapitän James Cook 1770 in der Botany Bay in Australien landete, erklärte er das Land zur leeren, unbewohnten Terra Nullius. Die Briten begründeten damit ihre Landnahme und unterwarfen die Bewohner einer kolonialistischen Routine nach dem Motto "Zivilisieren, Christianisieren, Ausrotten, um Vergebung bitten". Erst 1967 wurden die Aborigines Staatsbürger und eine starke Landrechtsbewegung begann. Der Fall "Mabo vs. Queensland" wurde 1992 zum bahnbrechenden Präzedenzfall: das Oberste Bundesgericht sprach Eddie Mabo und anderen indigenen Klägern das Besitzrecht an den von ihnen bewohnten Murray Islands zu. Dies war eine historische Wende, denn das britische Terra-Nullius-Prinzip wurde als fiktiv und illegal verworfen. Das Mabo-Urteil half anderen Aborigines-Gemeinden die Rückgabe ihres Landes (Native Title) zu fordern - sofern sie eine kontinuierliche traditionelle Verbindung dazu nachweisen konnten.

So wurde die Landrechtsbewegung zu einem enormen Stimulans für die zeitgenössische Aboriginal Art. Denn der Erfolg der Landansprüche hing auch von der bildlichen Darstellung dieser Beweisführung ab. Die Kunstwerke, verstanden als eine Art Schöpfungsgeschichte, erzählen von der Landschaft und ihren Bewohnern; davon, wie ihre Sitten, Gebräuche und Gesetze entstanden. Es sind spirituelle Landkarten, die zu Besitzurkunden werden. "Wenn ich diese Geschichte nicht male, kommt irgendein Weißer und stiehlt mir mein Land" - lautet häufig die Motivation zu malen.

Mit der überlieferten Bildsprache von Zeichen und Symbolen aus einer 50 000 Jahre alten Kulturtradition der Aborigines kommuniziert der initiierte Künstler seinen Geburtsort, dessen spezielle Verbindung zur Schöpfungsgeschichte und seine persönliche Verantwortung dafür. In den Bildern der Spinifex People, die gegenwärtig im Münchner Völkerkundemuseum zu sehen sind, sind die überlebenswichtigen Wasserlöcher vorherrschend. Die Kreise sind oft wichtige Versammlungsorte, um die sich gepunktete Linien und Wege ranken - Geschichten in Form von Emuspuren, menschlichen Sitzabdrücken, magischen Wasserschlangen oder dem Reiseweg des Pythonmannes Wati Tiru.

Die Spinifex People leben als Nomaden im südwestlichen Australien in der Abgeschiedenheit der Great Victoria Desert. Dort gibt es 500 heilige Stätten, zu denen Exkursionen unternommen werden. Man fegt den Sand beiseite und beginnt zu malen - oft gemeinschaftlich auf einer auf der Erde liegenden Leinwand, Frauen und Männer allerdings getrennt. Einem Ritual gleich, wird durch das Malen die Erdoberfläche sozusagen geöffnet und die Kraft der Ahnen angezapft. Die Aborigines glauben, daß diese die Welt erst erträumt und dann geschaffen haben. Als sie damit fertig waren, gingen die Ahnen ermüdet in die Erde, den Himmel, die Wolken und die Geschöpfe zurück, um als Kraft in allem, was sie geschaffen hatten, nachzuhallen. Das Malen soll diesen Schöpfungsakt regenerieren.

Einerseits müssen die Bilder diskret geheimes Wissen verbergen, andererseits sollen sie vor Gericht präzise Beweisstücke sein. Die Spinifex People mußten ihr Land in den 1950er Jahren wegen schwerer Dürren und den britischen Atombombentests in Maralinga verlassen. Viele wurden in sogenannte Missionen umgesiedelt, Hunderte Kilometer von ihrem Land entfernt. Während sie mit der australischen Regierung 1995 bis 2000 über ihre Landrechte verhandelten, wobei ihnen schließlich 55000 Quadratkilometer zuerkannt wurden, begann 1997 das Spinifex Arts Project. Die Stammesältesten malten zwei Gemälde, je ein Gemeinschaftswerk der Männer und der Frauen, die ihre Identifikation mit dem ganzen beanspruchten Land darstellten. Diese Bilder wurden offiziell in die Präambel der Native-Title-Vereinbarung aufgenommen. Erst dieser politische Erfolg ermunterte die Spinifex, auch für den Kunstmarkt weiter zu malen.

Ihre Bilder entfalten den Sog einer sich endlos abspulenden minimalistischen Wüstenoper. Ihre Farben und Muster vibrieren wie die flirrende Hitze, das Licht und der Sand. Die Spinifex Kunst ist roher und ursprünglicher als die bereits Ende der 1980er Jahre international gefeierte Central Desert Art. Dort, in der unerbittlichen Wüste Zentralaustraliens, fand 1971 die Initialzündung der zeitgenössischen Aboriginal Art statt. Der Lehrer Geoffrey Bardon arbeitete damals in einer Schule nahe der Regierungssiedlung Papunya, wo Aborigines lebten, die man von ihrem traditionellen Land vertrieben hatte. Er gab ihnen Farbe und ermunterte sie, ihre Geschichten zu malen. So entstand das Honigameisen-Dreaming als Wandbild auf einer Schulmauer - das erste Bild, das nicht mehr auf eine natürliche Oberfläche wie Haut, Holz, Felsen oder Erde gemalt war, sondern auf einen permanenten, vertikalen Untergrund nach westlichem Kunstverständnis. Acrylbilder auf Leinwand folgten. Die rasch wachsende Popularität der daraus sich entwickelnden Papunya-Tula-Kunst-Bewegung fiel mit der indigenen Landrechtsbewegung zusammen. Das Spinifex Arts Project folgte dem erfolgreichen Papunya-Modell. Aber die Spinifex-People gehörten zu den letzten Gemeinden, die ihre Geheimnisse, im Tausch gegen Landrechte, preisgeben wollten.

Spinifex Arts Project, Aboriginal Art aus der Great Victoria Desert, bis 12. Mai, Staatliches Museum für Völkerkunde München


Ein Wasserloch, das Tuwan heißt.
Spirituelle Landkarten als Besitzurkunde: die Kunst der australischen Spinifex People im Münchner Völkerkundemuseum. Von SABINE MATTHES
Titelblog, 03.05.2013,
http://iloapp.titelblog.de/blog/www?Home&post=187


Abbildung: Tjaruwa (Angelina Woods), Kamanti, 90 x 136 cm, 2012. Tjaruwa gehört zu den letzen sieben Nomaden der australischen Wüste, die erst 1986 ihren ersten Kontakt mit der "weißen" Welt hatte. © Spinifex Arts Project
Als Kapitän James Cook 1770 in der Botany Bay in Australien landete, erklärte er das Land zur leeren, unbewohnten Terra Nullius. Die Briten begründeten damit ihre Landnahme und unterwarfen die Ureinwohner einer erniedrigenden Routine nach dem Motto "Zivilisieren, Christianisieren, Ausrotten, um Vergebung bitten". 1967 wurden die Aborigines schließlich Staatsbürger und eine starke Landrechtsbewegung begann. Der Fall "Mabo vs. Queensland" wurde 1992 zum bahnbrechenden Präzedenzfall: das Oberste Bundesgericht sprach Eddie Mabo und anderen indigenen Klägern das Besitzrecht auf die von ihnen bewohnten Murray Islands zu. Dies war eine historische Wende, denn das britische Terra Nullius Prinzip wurde als fiktiv und illegal verworfen. Es hatte nicht zur Auslöschung von Mabos ursprünglichem Eigentumsrecht an seinem angestammten Land geführt. Das Mabo-Urteil half anderen Aborigines-Gemeinden die Rückgabe ihres Landes (Native Title) zu fordern - sofern sie eine kontinuierliche traditionelle Verbindung dazu nachweisen konnten.

So wurde die Landrechtsbewegung zu einem enormen Stimulans für die zeitgenössische Aboriginal Art. Denn der Erfolg der Landansprüche hing auch von der bildlichen Darstellung dieser Beweisführung ab. Die Kunstwerke erzählen von der Schöpfungszeit, in der Ahnenwesen die Landschaft, deren Bewohner, Sitten, Gebräuche und Gesetze erschaffen haben. Es sind spirituelle Landkarten, die zu Besitzurkunden werden. "Wenn ich diese Geschichte nicht male, kommt irgendein Weißer und stiehlt mir mein Land" - lautet häufig die Motivation zu malen.

Mit der überlieferten Bildsprache von Zeichen und Symbolen aus einer 50.000 Jahre alten Kulturtradition der Aborigines kommuniziert der initiierte Künstler seinen Geburtsort, dessen spezielle Verbindung zur Schöpfungsgeschichte und seine persönliche Verantwortung dafür. In den Bildern der Spinifex People, die als Nomaden im südwestlichen Australien in der Abgeschiedenheit der Great Victoria Desert leben, sind die überlebenswichtigen Wasserlöcher vorherrschend. Die Kreise sind oft wichtige Versammlungs- oder Kraftorte um die sich gepunktete Linien und Wege ranken - Geschichten in Form von Emuspuren, menschlichen Sitzabdrücken, magischen Wasserschlangen oder dem Reiseweg des Python-Mannes Wati Tiru. Lennard Walker malte sein Land und die Wasserlöcher seines Geburtsorts Kuru Ala, eine für Frauenrecht bedeutende Stätte der Sieben-Schwestern-Schöpfungsgeschichte, zu der er als Mann jedoch keinen Zugang hat.

Etwa 500 solcher heiligen Stätte liegen im Spinifex Country. Exkursionen werden dorthin unternommen. Man fegt den Sand beiseite und beginnt zu malen - oft gemeinschaftlich auf einer auf der Erde liegenden Leinwand, Frauen und Männer gemäß Geschlechtersegregation getrennt. Einem zeremoniellen Ritual gleich, wird durch das Malen die Erdoberfläche quasi geöffnet und die kreative Kraft der darunter immer noch wirksamen Schöpferahnen angezapft. Die Aborigines glauben, dass die Welt in der Epoche der Traumzeit von den Schöpferischen Ahnen geschaffen wurde. Bei ihren Wanderungen formten diese die topographische Landschaft und träumten im Schlaf die kommenden Abenteuer und Dinge die sie erschaffen würden. Als die Welt mit den Arten gefüllt war und sich alle gegenseitig ineinander verwandeln konnten, gingen die Ahnen ermüdet in die Erde, den Himmel, die Wolken und die Geschöpfe zurück, um als Kraft in allem, was sie geschaffen hatten, nachzuhallen. Das Malen regeneriert diesen Schöpfungsakt und den Kontakt mit den Ahnen.

Einerseits müssen die Bilder diskret geheimes Wissen verbergen, andererseits müssen sie vor Gericht präzise Beweisstücke sein. Die Rinden-Petitionen an das australische Parlament konnten 1963 zwar noch nicht die Schürfarbeiten im Arnhem-Land-Reservat verhindern, markierten aber den Beginn einer Phase, in der Aborigines immer häufiger mit Malerei Anspruch auf Land erhoben.
Die Spinifex People mussten ihr Land in den 1950er Jahren wegen schwerer Dürren und den britischen Atombombentests in Maralinga verlassen. Viele wurden in Missionen umgesiedelt, hunderte Kilometer von ihrem Land entfernt. Während sie mit der australischen Regierung 1995-2000 über ihre Landrechte verhandelten, wobei ihnen schließlich 55.000 Quadratkilometer zuerkannt wurden, begann 1997 das Spinifex Arts Project. Die Stammesältesten malten zwei wesentliche Gemälde, je ein Gemeinschaftswerk der Männer und der Frauen, die ihre Identifikation mit dem ganzen beanspruchten Land darstellten. Diese Bilder wurden offiziell in die Präambel der Native-Title-Vereinbarung aufgenommen. Erst dieser politische Erfolg ermunterte die Spinifex, auch für den Kunstmarkt weiter zu malen.

Die Bilder entfalten den Sog und die pulsierende Ruhe einer sich endlos abspulenden minimalistischen Wüsten Oper. Ihre Farben und Muster zittern und vibrieren wie die flirrende Hitze, das Licht und der Sand. Die Spinifex Kunst ist roher und ursprünglicher als die bereits Ende der 1980er Jahre international gefeierte Central Desert Art. Dort, in der unerbittlichen Wüste Zentralaustraliens, wo die Siedler das Land wegen seiner besonders zahmen Kaninchen Utopia nannten, fand 1971 die Initialzündung der zeitgenössischen Aboriginal Art statt. Der Lehrer Geoffrey Bardon arbeitete damals in der nahe Alice Springs gelegenen Regierungs-Siedlung Papunya, wo Aborigines lebten, die man von ihrem traditionellen Land vertrieben hatte. Er gab ihnen Farbe und ermunterte sie, ihre Geschichten zu malen. So entstand das Honigameisen-Dreaming als Wandbild auf der Schulmauer - das erste Bild, das nicht mehr auf eine natürliche Oberfläche wie Haut, Holz, Felsen oder Erde gemalt war, sondern auf einen permanenten, vertikalen Untergrund nach westlichem Kunstverständnis. Acrylbilder auf Leinwand folgten. Die rasch wachsende Popularität der daraus sich entwickelnden Papunya Tula Kunst Bewegung fiel mit der indigenen Landrechtsbewegung zusammen. Das Spinifex Arts Project folgte dem erfolgreichen Papunya Model. Aber die Spinifex People gehörten zu den letzten Gemeinden, die ihre Geheimnisse, im Tausch gegen Landrechte, preisgeben wollten.


Spacegirl Matha auf dem Mars
In: TITELblog, 05.04.13,
www.titelblog.de/#post153 (mit Fotos)

Als der Wettlauf zum Mond in den 1960er Jahren auf dem Höhepunkt war, triumphierte eine Zeitung mit der Überschrift: "We're going to Mars! With a Spacegirl, two Cats and a Missionary." Verfasser des Artikels war ein ambitionierter Exzentriker namens Edward Makuka Nkoloso, ehemaliger Aktivist für die Unabhängigkeit von Sambia, Lehrer und Direktor seiner eigenen Akademie der Wissenschaft, Weltraumforschung und Philosophie - Sambias inoffiziellem Raumfahrtprogramm. Von SABINE MATTHES

Wäre es nach seinen Wünschen gegangen und er Bürgermeister von Lusaka geworden, schwärmt Nkoloso, so wäre Sambia aus der Startschuss-Explosion seiner Rakete geboren. An einem geheimen Ort nahe der Hauptstadt wird die Mannschaft samt Katzen in Schwerelosigkeit trainiert. In Overalls und britische Uniformen gekleidet rollen sie in Öltonnen holprige Hügel hinab, während mit Teleskopen der Mars untersucht wird. Der Missionar wird instruiert, die Marsianer keinesfalls zwangszumissionieren. Alles scheint bereit, um den Wettlauf zwischen USA und Sowjetunion für Sambia zu entscheiden, wären da nicht die Spione der beiden Supermächte, die das Spacegirl Matha und ihre Katzen entführen wollen, um ihnen Geheimnisse zu entlocken. Vor allem aber weigert sich die UNESCO, die beantragten sieben Millionen Pfund zu zahlen und blockiert damit das tollkühne Projekt, ehe es erfolgreich abheben kann.

50 Jahre später hat die spanische Fotografin Cristina De Middel jetzt Sambias vergessenes Raumfahrtprogramm von 1964 wieder zum Leben erweckt. Ihre fiktive Dokumentation The Afronauts rekonstruiert und inszeniert diesen heroischen nationalen Traum in Farbfotos, Briefreproduktionen und Zeichnungen. Das 2011 im Eigenverlag erschienene Debüt-Fotobuch steht neben drei anderen Anwärtern auf der Shortlist des renommierten Deutsche Börse Photography Prize 2013, der am 10. Juni vergeben wird.

Cristina De Middel arbeitet für Zeitungen und NGOs wie Ärzte ohne Grenzen, stellt aber in ihrer eigenen Arbeit die Wahrhaftigkeit von Fotografie infrage, indem sie die Grenzen von Realität und Fiktion verwischt. Sie konstruiert Lügen, die jeder glaubt, oder verfolgt wahre Geschichten, wie bei den Afronauten, die unglaublich sind. Jenseits von Dokumentar- oder Kunstfotografie sollen die Bilder wie Worte eine Geschichte erzählen. Das Afronauten-Essay könnte die Standfoto Montage einer nigerianischen Nollywood B-Movie Version von Fritz Langs Stummfilm Frau im Mond (1929) sein, für den Lang den rückwärtsgezählten Countdown vor dem Raketenstart erfunden hat, der später von der realen Raumfahrt übernommen wurde. Cristina De Middel lässt ihre Afronauten mit Motorradhelmen Boogie-Woogie tanzen, Elefantenrüssel liebkosen, neben bügeleisenförmigen Raketenattrappen träumen und Schaltpulte bedienen. Die traumwandlerische Expedition führt durch ein Niemandsland unberechenbarer Naturgesetze und seltsamer Zeichen. Eine ufoartige Wolke, ein abgestürzter Vogel, Wrackteile unter bleiernem Himmel, eine wie durch Hitze geschmolzene Marsfrau im Krankenbett. Die Afronautenanzüge im Ethnolook sind von der Künstlerin und ihrer Großmutter selbst genäht, die Köpfe stecken in riesigen Christbaumkugeln. Ein Wolf lauscht der funkelnden Stille des nächtlichen Weltalls.

Ein ähnlich kreatives Spiel mit der Wahrheit betreibt das US-amerikanische Sensationsblatt Weekly World News. Es berichtete 1992 von einer geheimen NASA-Sonde, die im Weltraum die Stimmen singender Engel aus einem schwarzen Loch aufgenommen hat. Mit Vorliebe informiert das inzwischen online gegangene Blatt seine Leser über die neuesten Alienentführungen, Loch Ness- und Elvis Presley-Sichtungen, aber auch über "unglaublich, aber wahre" Geschichten und wurde mit seinen charakteristischen Schwarz-Weiß-Fotos Popkultur. Ist das sambische Raumfahrtprogramm womöglich dessen Erfindung? Beginnt der Schwindel bei den Fotos oder bereits bei der Geschichte? Orson Welles berühmte Radiosendung einer fiktiven Invasion von Marsmenschen konnte 1938 sogar eine Panik auslösen. Für kreative Denker scheint das Weltall eine Spielwiese unmöglicher Möglichkeiten und bizarrster Extravaganzen par excellence, so nah und unüberprüfbar fern liegen hier Dichtung und Wahrheit beisammen.

Seit der ersten bemannten Mondlandung 1969 übertrifft die Realität beinahe die Fantasie und provoziert ebenso verwegene Verschwörungstheorien. So hätte angeblich die NASA mit gestellten Fotos die Landung vorgetäuscht, um den Wettlauf zum Mond für die USA zu gewinnen. Der Filmemacher Stanley Kubrick hatte 1968 seinen Science-Fiction-Klassiker 2001 - Odyssee im Weltraum herausgebracht, der mit modernen Spezialeffekten realistisch eine fiktive Mondmission schildert. Kubrick wurde deswegen beschuldigt, mit Hollywood und Walt Disney Filmmaterial für Apollo 11 und 12 produziert zu haben. Es wurde behauptet, dass während 2001 Anfang 1968 in der Post-Produktion war, die NASA Kubrick heimlich angetragen hätte, die ersten drei Mondlandungen zu filmen. Die Verschwörungstheorie wurde in kubanischen Schulen gelehrt und wo immer kubanische Lehrer unterrichteten. Manche Hindus begründen sie mit ihrer Mythologie, dass der Mond weiter entfernt als die Sonne sei; und bei einer englischen Umfrage 2009 gab ein Viertel der Befragten an, sie glaubten nicht daran, dass Menschen auf dem Mond gelandet seien. Sind die Afronauten Teil eines Verschwörungskomplotts? Die ursprüngliche Heimat der Götter ist heute zur ultimativen Herausforderung für Wissenschaftler geworden. Weltraumtourismus-Pläne von Space Adventures bieten ab 2015 einen Blick auf die dunkle Seite des Mondes an, Hin- und Rückflug für 100 Millionen Dollar. Ein amerikanischer Motel-Tycoon will mit aufblasbaren Modulen ein Weltraumhotel im Erdorbit eröffnen und Virgin Galactic bietet Privatleuten Kurzflüge an die Grenze des Weltalls.

Hinter dem verführerischen Exotismus des Afronauten-Projekts und dem Hinterfragen von Authentizität verbirgt sich auch eine subtile Kritik unserer Haltung zu Afrika, dem wir eine echte Weltraummission nicht zutrauen. Tatsächlich wurde Edward Makuka Nkolosos Vision einer afrikanischen Marsmission von einem prominenten Nachfolger beinahe verwirklicht. Cheick Modibo Diarra, bis letzten Dezember Premierminister von Malis Übergangsregierung, kam 1988 als erster afrikanischer Forscher zur NASA. Als interplanetarischer Nautiker arbeitete er an fünf NASA-Projekten: der Magellan Mission zur Venus, der Ulysses Sonde zu den Polen der Sonne, dem Galileo Raumschiff zum Jupiter, am Mars Observer und Mars Pathfinder. Sicher war Nkoloso im Himmel mit dabei.


Eine eigene Geschichte.
Cristina De Middels Fotoprojekt "The Afronauts" erinnert an das vergessene Raumfahrtprogramm von Sambia.
Von Sabine Matthes
junge Welt, 02.04.2013 / Feuilleton / Seite 13,
www.jungewelt.de/2013/04-02/012.php


Hörst du die Stimmen, singender Engel?
Foto: Cristina de Middel
Als der Wettlauf zum Mond in den 1960er Jahren auf dem Höhepunkt war, triumphierte eine sambische Zeitung mit der Überschrift: "We're going to Mars! With a Spacegirl, two Cats and a Missionary." Verfasser des Artikels war ein ambitionierter Exzentriker namens Edward Makuka Nkoloso, ehemaliger Aktivist für die Unabhängigkeit von Sambia, Lehrer und Direktor seiner eigenen "Akademie der Wissenschaft, Weltraumforschung und Philosophie" - Sambias inoffiziellem Raumfahrtprogramm. Wäre es nach seinen Wünschen gegangen und er Bürgermeister von Lusaka geworden, schwärmt er, so wäre Sambia aus der Startschuß-Explosion seiner Rakete geboren worden.
Wie hatte man sich das vorzutellen? An einem geheimen Ort nahe der Hauptstadt wird die Mannschaft samt Katzen in Schwerelosigkeit trainiert. In Overalls und britische Uniformen gekleidet rollen sie in Öltonnen holprige Hügel hinab, während mit Teleskopen der Mars untersucht wird. Ein Missionar wird instruiert, die Marsianer keinesfalls zwangszumissionieren. Alles scheint bereit, um den Wettlauf zwischen USA und Sowjetunion dann doch für Sambia zu entscheiden, wären da nicht die Spione der beiden Supermächte, die das Spacegirl Matha und ihre Katzen entführen wollen, um ihnen Geheimnisse zu entlocken. Vor allem aber weigerte sich die UNESCO, die beantragten sieben Millionen Pfund zu zahlen und blockierte damit das tollkühne Projekt, ehe es erfolgreich abheben kann.
50 Jahre später hat die spanische Fotografin Cristina De Middel nun Sambias vergessenes Raumfahrtprogramm von 1964 wieder zum Leben erweckt. Ihre fiktive Dokumentation "The Afronauts" rekonstruiert und inszeniert diesen heroischen nationalen Traum in Farbfotos, Briefreproduktionen und Zeichnungen. Ihr 2011 im Eigenverlag erschienene Künstlerbuch, das Produkt einer Madrider Ausstellung, steht auf der Shortlist des renommierten "Deutsche Börse Photography Prize 2013", der am 10. Juni von der Bankenlobby vergeben wird.
Cristina De Middel arbeitet für verschiedene Medien und NGOs wie "Ärzte ohne Grenzen", stellt aber in ihrer künstlerischen Arbeit den Anspruch auf Wahrhaftigkeit der Fotografie in Frage, indem sie die Grenzen von Realität und Fiktion verwischt. Sie konstruiert Lügen, die jeder glaubt, oder verfolgt wahre Geschichten, wie bei den Afronauten, die unglaublich sind.
Jenseits von Dokumentar- oder Kunstfotografie sollen ihre Bilder eine eigene Geschichte erzählen. So könnte ihr fotografischer Afronauten-Essay die Standfoto-Montage einer nigerianischen Nollywood B-Movie Version von Fritz Langs Stummfilm "Frau im Mond" (1929) sein, für den Lang übrigens den rückwärtsgezählten Countdown vor dem Raketenstart erfunden hat, der später von der realen Raumfahrt übernommen wurde. Cristina De Middel läßt ihre Afronauten mit Motorradhelmen Boogie-Woogie tanzen, Elefantenrüssel liebkosen, neben bügeleisenförmigen Raketenattrappen träumen und Schaltpulte bedienen. Die traumwandlerische Expedition führt durch ein Niemandsland unberechenbarer Naturgesetze und seltsamer Zeichen. Eine ufoartige Wolke, ein abgestürzter Vogel, Wrackteile unter bleiernem Himmel, eine wie durch Hitze geschmolzene Marsfrau im Krankenbett. Die Afronautenanzüge im Ethnolook sind von der Künstlerin und ihrer Großmutter selbst genäht, die Köpfe stecken in riesigen Christbaumkugeln. Ein Wolf lauscht der funkelnden Stille des nächtlichen Weltalls.
Ist das eine Geschichte, die auch im US-amerikanischen Sensationsblatts Weekly World News stehen könnte? 1992 war dort beispielsweise von einer geheimen NASA-Sonde zu lesen, die im Weltraum die Stimmen singender Engel aus einem schwarzen Loch aufgenommen haben sollte. Für kreative Denker scheint das Weltall eine Spielwiese unmöglicher Möglichkeiten und bizarrster Extravaganzen. Man muß nur einmal die Verschwörungstheorien Revue passieren lassen, die seit der ersten bemannten Mondlandung 1969 im Umlauf sind. Beispielsweise die Behauptung, die NASA habe mit gestellten Fotos die Landung vorgetäuscht, um den Wettlauf zum Mond für die USA zu gewinnen. Und weil der Filmemacher Stanley Kubrick 1968 seinen Science-Fiction-Klassiker "2001 - Odyssee im Weltraum" herausgebracht hatte, wurde er beschuldigt, für Hollywood und Walt Disney Filmmaterial für Apollo 11 und 12 produziert zu haben. Manche Hindus glauben auch daran, daß der Mond weiter entfernt als die Sonne sei, so wie einer britischen Umfrage 2009 zufolge jeder vierte versicherte, daß noch nie Menschen auf dem Mond gelandet seien. Sind also die "Afronauten" Teil eines Verschwörungskomplotts?
Hinter deren verführerischem Exotismus steckt allerdings eine subtile Kritik an der westlichen Arroganz, eine afrikanische Weltraummission für unmöglich zu halten. Tatsächlich wurde die Vision einer Mars-Mission von Edward Makuka Nkolosos von einem prominenten Nachfolger beinahe verwirklicht. Cheick Modibo Diarra, der 2012 von Malis putschistischer Militärregierung erst zum Premierminister ernannt und dann verhaftet wurde, kam 1988 als erster afrikanischer Forscher zur NASA. Als interplanetarischer Nautiker arbeitete er an fünf NASA-Missionen: der "Magellan Mission" zur Venus, der "Ulysses Sonde" zu den Polen der Sonne, dem "Galileo"-Raumschiff zum Jupiter, am "Mars Observer" und "Mars Pathfinder".
The Afronauts. A Zambian Space Program by Cristina De Middel, Eigenverlag, Madrid 2011. vergriffen


(Veröffentlichter) Leserbrief zu Chrismon 04.2013, Seite 12
Landesbischof a.D. Johannes Friedrich: "Hinfahren und reden!"

Sehr geehrte Leserbrief Redaktion,
Landesbischof a.D. Johannes Friedrich beklagt in seinem Artikel "Hinfahren und reden!" den dramatischen Rückgang der Christen im Heiligen Land innerhalb der letzten 30 Jahre, die dort, wie in anderen arabischen Ländern, unter einem wachsenden Extremismus litten. Unerwähnt bleibt, dass die palästinensischen Christen heute mehr oder weniger freiwillig emigrieren, während die meissten bereits 1948 im Zuge der israelischen Staatsgründung zwangsweise zu Flüchtlingen wurden. Insgesamt sind damals 750.000 palästinensische Muslime und Christen vertrieben, enteignet und ausgebürgert worden, nur 150.000 blieben. So sind zwei der offiziell zwölf palästinensischen UNRWA-Flüchtlingslager im Libanon, Dubayeh und Mar Elias, christlich. Ihre über 5.000 Bewohner kamen größtenteils ursprünglich aus christlichen Dörfern in Galiläa. Auch sie würden gerne ins Heilige Land "hinfahren und reden", Israel verbietet ihnen aber ihre Heimat zu besuchen oder zurückzuziehen - obwohl UNO-Resolution 194 ihnen das Recht dazu gibt. Die Deutschen haben den Holocaust begangen, nicht die Palästinenser. Trotzdem hat ein deutscher Christ wie Johannes Friedrich, der sechs Jahre als evangelischer Probst in Jerusalem lebte, mehr Rechte in der Heimat der palästinensischen Christen, als diese selbst. Für dieses Unrecht und unsere historische Mitschuld am Exodus der Christen mutet Friedrichs Statement, unsere wichtigste Aufgabe sei es zu "beten", allzu bequem und zynisch an.

Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Matthes
München


(Veröffentlichter) Leserbrief zu: "Flüchtlingsheim-Gegner formieren sich"
SZ vom 8.2.2013, Münchner Teil, R7

Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,

Wie bereits andernorts im Münchner Umland formiert sich jetzt auch in Putzbrunn der Widerstand gegen eine geplante Asylbewerberunterkunft für 120 Flüchtlinge. Warum stellen heute, in einem reichen Land das dringend Zuwanderung braucht, ein paar wenige (ausländische) Flüchtlinge eine Zumutung dar, wo sogar das zerstörte Nachkriegsdeutschland zig Millionen (deutschstämmiger) Flüchtlinge integrieren konnte? Würde der Staat den heutigen Flüchtlingen die gleichen Rechte und Pflichten geben, wie den damaligen, wäre deren Integration leichter und die Ressentiments der Bevölkerung geringer. Die Senioren der benachbarten Theodor-Heuss-Wohnanlage könnten profitieren: gegen kleine Handwerks- oder Einkaufsdienstleistungen könnten sie den Flüchtlingen beim Deutschlernen helfen. Ebenso ließe sich mit den benachbarten Kinderheimen eine Zusammenarbeit organisieren. Da sich die Putzbrunner aber hauptsächlich an der "riesigen Zahl" der Flüchtlinge und deren Unterbringung in "Gemeinschaftsunterkünften" stören, fragt man sich, ob sie zukünftig auch gegen "Gemeinschaftsunterkünfte" für Senioren (Seniorenheime) oder Kinder (Kinderheime) protestieren. Und das berühmte Statement des Nazi-Widerstands-Theologen Martin Niemöller scheint erschreckend aktuell:

"Zuerst kamen sie wegen der Kommunisten,
und ich schwieg weil ich kein Kommunist war ...
Dann kamen sie wegen der Juden,
und ich schwieg weil ich kein Jude war.
Dann kamen sie wegen der Katholiken,
und ich schwieg weil ich kein Katholik war.
Dann kamen sie um mich zu holen,
und keiner war mehr da um seine Stimme für mich zu erheben."

Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Matthes
München



"Zukunftsmarkt Afrika. Auma Obama wünscht sich bei der Jahresinvestmentkonferenz Afrika 2012 in München eine nachhaltige ökonomische Entwicklung". In "Africa Positive", Nr. 48, 2013, Jan. 2013 (JPG).
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