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SABINE MATTHES' ROOM (3)
(Gedruckter) Leserbrief zu "Streit um Moschee eskaliert"
SZ vom 6.5.2005, S. 51, Münchner Teil

Sehr geehrte Leserbrief Redaktion Münchner Teil,
Beschämende Ironie: während im münchner Norden bei der jüdischen Gedenkfeier zum 60.Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau die Warnung "Wehret den Anfängen" bekräftigt wurde, geschah bei einer Diskussionsveranstaltung der CSU zu einem geplanten Moschee Bau im münchner Süden genau das Gegenteil. Offen agressiv und mit vereinter Überzeugung von CSU und NPD wurde die Minderheit der Moschee-Befürworter mundtot gebuht. Besonders irritierend ist, daß der CSU, eifrige Hüterin bayerischer Provinzialität wo sich Pluralismus in der Vielzahl von Biergärten erschöpft, die Komplizenschaft der NPD sichtlich gelegen kam, um ihrem eigenen anti-islamischen Stimmungsbild publikumswirksam Nachdruck zu verleihen. Ob man künftig Synagogen-Befürworter ebenso hemmungslos gehässig behandeln wird?


(Gedruckter) Leserbrief zu "Israel lehnt Friedensplan aus Algier ab"
24./25.3.2005, Süddeutsche Zeitung

(Email vom 01.04.05)

From: "Sabine Matthes"
To: leserbriefe at sueddeutsche.de
Subject: "Israel lehnt Friedensplan aus Algier ab", Süddeutsche Zeitung 24./25.3.2005, Seite 9

Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,

beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga in Algier wurden die Äußerungen des libyschen Staatschefs Muammar el Gaddafi über die Unfähigkeit der Israelis und Palästinenser zur Lösung ihres Konflikts mit Gelächter quittiert. Dabei liegt Gaddafis eigener Friedensvorschlag (den die SZ leider nicht erwähnte) eines gemeinsamen jüdisch-palästinensischen Staates, wie er ihn in seinem Weißen Buch "Isratine" (Israel+Palestine=Isratine) beschreibt, durchaus im Trend eines wachsenden Bewußtseins, daß es für eine Zwei-Staaten-Lösung zu spät ist.

Für Meron Benvenisti, ehemaliger stellvertretender Bürgermeister von Jerusalem, ergibt sich die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in Richtung binationaler Staat aus der Realität. Für ihn ist der politische Zionismus das Opfer seiner Siege geworden, weil er den Traum eines mehrheitlich jüdischen Staates durch die fortgesetzte Besiedelung seit 1967 nicht mehr verwirklichen kann.

Gaddafis Friedensplan gibt sowohl jüdischen Siedlern das Recht, in dem von ihnen als heilig betrachteten Judäa und Samaria zu leben, als auch palästinensischen Flüchtlingen innerhalb Israels frei ihren Wohnsitz zu wählen. Mit einer gemeinsamen jüdisch-palästinensischen Armee wäre "Isratine" nicht länger Feindesland seiner arabischen Nachbarn, sondern könnte, laut Gaddafi, der Arabischen Liga beitreten, und zur Abrüstung aller Massenvernichtungswaffen des Nahen Osten führen.

Auch das israelische "Olga Document", das letzten Sommer von hunderten israelischen Intellektuellen wie Meron Benvenisti, Moshe Zimmermann und Moshe Zuckermann, unterzeichnet wurde, vertritt anstelle von Trennung und Teilung eine alternative Vision von jüdisch-palästinensischer Gemeinsamkeit, Gleichheit und Partnerschaft in ihrer gemeinsamen Heimat.


(Gedruckter) Leserbrief zu Titelthema "Spielball der Interessen"
von Helmut Frank, Sonntagsblatt Nr.4

(Email vom 22.01.05)

Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,

Ob der neue palästinensische Präsident Mahmoud Abbas ein "Hoffnungsträger" im Heiligen Land werden kann, liegt nicht an einer "möglichen Anerkennung Israels" von Seiten der Palästinenser, denn diese ist längst geschehen. Viel mehr geht es um die Frage: welches Israel? Israel selbst definiert sich im Sinne des politischen Zionismus als mehrheitlich jüdischer Staat, ohne endgültige Grenzen. Die Verwirklichung dieser Vision im mehrheitlich arabischen Palästina mußte unweigerlich, in Praxis und per Gesetz, zu Vertreibung, Enteignung und Entrechtung der arabischen einheimischen Bevölkerung führen. Dies widerspricht den, an die Entstehung Israels geknüpften, UNO-Resolutionen 181, 194 und 242. Bis jetzt verweigern apartheid-ähnliche Gesetze wie das Absentee Property Law von 1950 (das seit Juli letzten Jahres auch für Ost Jerusalem gilt, wodurch Tausende in der West Bank lebende Palästinenser ihren Besitz in Ost Jerusalem verlieren werden) den inzwischen vier Millionen palästinensischen Flüchtlingen von 1948 das Recht auf ihr Land und Eigentum in Israel, und auf die israelische Staatsbürgerschaft. Ein Viertel, etwa 250.000, der innerhalb Israel verbliebenen Palästinenser werden durch besagtes Gesetz als "anwesende Abwesende" klassifiziert, die zwar als Steuerzahler und Wähler anwesend sind, aber ebenfalls das Recht auf ihr Land und Eigentum von vor 1948 verloren haben. Die Palästinenser, Arafat wie Abbas, fordern nichts weiter, als ein demokratisches Israel in festen Grenzen, das gemäß UNO-Resolutionen und Völkerrecht für all seine Bürger und Flüchtlinge die gleichen Rechte gewährt. Ein demokratisches Israel wäre allerdings nicht länger ein mehrheitlich jüdisches Israel.

Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Matthes


(Gedruckter) Leserbrief zu "Damals"
Jan. 2005, Seite 8: Dr. Michael Tilly: "Ewig und unteilbar?"

(Email vom 19.12.2004)

Sehr geehrte Redaktion Leserbriefe,

In seinem interessanten Jerusalem Artikel "Ewig und unteilbar?" schreibt der Autor Dr. Michael Tilly über die israelische Staatsgründung fälschlicherweise: "Zehntausende muslimische und christliche Palästinenser mußten die von Israel annektierten Gebiete im Westjordanland "aus strategischen Gründen" verlassen." Israelische "Neue Historiker" wie Ilan Pappe sprechen von ethnischer Säuberung, denn von insgesamt etwa 900.000 im zukünftigen Staat Israel lebenden Palästinensern verloren 750.000 durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat, über 400 ihrer Dörfer wurden von der israelischen Armee dem Erdboden gleichgemacht, Gesetze enteigneten die "abwesenden" Palästinenser und machen sie, bis heute, zu einem Volk mit über vier Millionen Flüchtlingen, denen Israel ihr, gemäß UNO-Resolution 194 bestätigtes, Rückkehrrecht verweigert. Dies geschah nicht "aus strategischen Gründen", sondern aus demographischen, weil nur durch die Vertreibung der Palästinenser aus einem mehrheitlich arabischen Land ein mehrheitlich jüdischer Staat, im Sinne des politischen Zionismus (Theodor Herzl), entstehen konnte. Schon damals hatte der amerikanische Rabbiner Judah Magnes, wie Martin Buber Vertreter eines humanistischen Zionismus, gewarnt, daß eine solchermaßen "notwendige" Vertreibung dem zionistischen Bestreben widersprechen würde, das jüdische Leben in einem Geist brüderlicher Solidarität zu rekonstruieren. So hatte Magnes 1948 dem amerikanischen Präsidenten Truman empfohlen, dem gerade gegründeten Staat Israel die Anerkennung zu verweigern. Um eine Teilung Palästinas zu verhindern, hatte sich Magnes für eine amerikanische Militärpräsenz in Jerusalem ausgesprochen. Vielleicht wären dadurch die Vorhersagen von Martin Buber und Hannah Arendt über die Entstehung eines jüdischen Sparta unerfüllt geblieben.

Mit freundlichen Grüßen,

Sabine Matthes


(Gedruckter) Leserbrief zu SZ 28.10. S.2
Scharons Rückzugsplan

(Email vom 11.11.2004)

Sehr geehrte Leserbrief-Redaktion,

Zwei Koordinaten israelischen Selbstverständnisses haben sich mittlerweile als Fata Morgana erwiesen. Erstens hat Israel selbst sich durch seinen, von Thorsten Schmitz richtig analysierten, kontinuierlichen und irreversiblen Siedlungsbau von einer realen "Zwei-Staaten-Lösung" längst verabschiedet. Daran ändert auch der hypothetische Umzug aus Gaza nichts. Zweitens hat sich "jüdische Identität" als Definition für eine multinationale, säkulare Mosaikgesellschaft wie Israel als Illusion erwiesen, unabhängig davon, wo man die Grenzen zieht. Denn inzwischen stellen die arabischen Juden fast die Hälfte der jüdischen Bevölkerung, sie stehen den Palästinensern in Kultur und Geschichte weit näher als den europäischen Juden (weswegen sie von diesen ähnlich diskriminiert werden), und beweisen, daß sich jüdische und arabische Identität nicht ausschließen, sondern gemeinsam existieren können, so wie sie es in der arabischen Welt vor der Existenz Israels schon taten. Antisemitismus war kein arabisches Problem.

Interessant und verblüffend logisch weden dadurch die Argumente des palästinensischen Autors Salman Abu-Sitta. Für ihn sind nicht die 400.000 israelischen Siedler in Westbank, Ostjerusalem und Gaza ein Friedenshinderniss, sondern die 200.000 jüdische Landbevölkerung, die, häufig ineffektiv, in Kibbuzim und privaten Farmen, die israelische Landwirtschaft betreiben und damit das Land der vier Millionen palästinensischen Flüchtlinge nutzen und Kontrollieren, die oft nur wenige Kilometer entfernt in engen Flüchtlingslagern leben. Die 850.000 Flüchtlinge in Gaza leben zusammengedrängt bei einer Dichte von 4.200 Personen pro Quadratkilometer, jenseits des Stacheldrahts sehen sie ihr Land in Israel, von dem sie 1948 vertrieben wurden, beinahe leer, mit einer Dichte von fünf Personen pro Quadratkilometer. Damit widerlegt Abu-Sitta das Argument, die palästinensischen Flüchtlinge hätten "keinen Platz" in Israel, denn 78 Prozent aller israelischen Juden leben in nur 14 Prozent des Landes (hauptsächlich um Tel Aviv, Haifa und Jerusalem), der riesige Rest ist von ländlicher Bevölkerung besiedelt (etwa 200.000).

Für einen gerechten Frieden, aus Sicht der palästinensischen Flüchtlinge, ist die Unterscheidung zwischen "legalen" Siedlern innerhalb Israels, und "illegalen" Siedlern außerhalb, letztlich unerheblich.

(Sabine Matthes)


(Gedruckter) Leserbrief zu "Ein Leben in Sackgassen"
FAS Nr. 45, Politik, S. 3 (Barry Rubin)

11.11.2004

Sehr geehrte Leserbriefredaktion,

Wie kritisch man Jassir Arafat auch betrachtet, einige Vorwürfe, die Barry Rubin in seinem Artikel "Ein Leben in Sackgassen" gegen ihn vorbringt, widersprechen historischen Fakten und delegitimieren dadurch die Rechte aller Palästinenser. Rubins ungeheuerliche Anschuldigung "Im Kern war Arafats Projekt eines des Völkermords: die Vernichtung Israels und seiner Menschen" ist ebenso absurd, als würde man den Indianern unterstellen, sie hätten "die Vernichtung Amerikas" im Sinn gehabt. Indianer, wie Palästinenser, wehrten sich gegen Kolonisierung, Vertreibung, Entrechtung und Enteignung ihres Landes. Der israelische "Unabhängigkeitskrieg" und die Staatsgründung 1948 kamen für die Palästinenser einer ethnischen Säuberung gleich, von insgesamt etwa 900.000 verloren 750.000 durch Flucht und Vertreibung ihre Heimat, 400 ihrer Dörfer wurden von der israelischen Armee dem Erdboden gleichgemacht und apartheid-ähnliche Gesetze, wie das israelische "Absentee Property Law" von 1950, enteigneten die "abwesenden" Palästinenser und machten sie, bis heute, zu einem Volk von Flüchtlingen, denen Israel die Rückkehr verweigert.

Die Deutschen haben den Holocaust begangen, nicht die Palästinenser, trotzdem hat Arafat den Palästinensern im Osloer Abkommen einen historischen "Kompromiss" abverlangt, auf 78% ihres Landes zu verzichten und dort Israel anzuerkennen. Den Friedensplan in Camp David mußte Arafat aussschlagen, da er nicht auf der vollen Umsetzung der UNO-Resolutionen 194 und 242 beruhte - die in Rubins Artikel bezeichnenderweise unerwähnt bleiben. Mit der 2.Intifada zettelte nicht Arafat "einen weiteren Krieg" an, sondern sie war die Reaktion auf Scharons provokativen Tempelberg Besuch und den fortgesetzten israelischen Siedlungsbau in Gaza, Westbank und Ost Jerusalem, der die palästinensische Hoffnung auf einen eigenen Staat in 22% Rest-Palästina zunehmend begrub.

(Sabine Matthes)
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