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New York 1994 © Sabine Matthes

Eines Tages fand ich in New York auf dem Flohmarkt der 6. Avenue ein altes Schild: "Streetgirls bringing sailors into Hotel must pay for room in advance", gezeichnet "Palace Hotel, NorfoIk, Virginia". Ich wollte die Sache überprüfen, willkommener Anlass dem heißen Sommer ans Meer zu entfliehen. Leider war das Hotel telefonisch nicht mehr recherchierbar und somit die Reise vorzeitig beendet. Erweckt aber war eine unbestimmte Sehnsucht.

Kurz darauf wurden die alljährlichen D-Day Feiern abgehalten, zur Landung der Alliierten in der Normandie. Amerikanische Matrosen flanierten im bunten Taumel des Times Square und strahlten mit ihren weißen Uniformen und blitzendem Lachen um die Wette. Wie ferne Engel schienen sie durch das staubige Diesseits zu schweben, so heiter und flüchtig, dass man sich an sie heften mochte. Weit realistischer hingegen all ihre martialischen Gerätschaften auf dem Flugzeugträger, den man am Pier 47 besichtigen konnte. Fred Alvarado, von den U.S. Marines, führte mich durch die labyrinthischen Gänge seiner schwimmenden Stadt. Alle südamerikanischen Länder hatte er gesehen, alle möglichen Farben, Düfte und Abenteuer sprühten aus seinen Augen. Danach schillerten seine Briefe, mit dem Stempel der jeweiligen Schiffe, wie Sternschnuppen in meinem Briefkasten und lockten mich Jahre später zu einem Wiedersehen in den Hafen von Marseille. Fred Alvarado war inzwischen zu einem Mythos geworden, für meine Freunde und mich, die ich mit Stolz teilnehmen ließ, an seinen Briefen. Aber jetzt schien er müde und resigniert und wollte in Zukunft bedrohte Meeresschildkröten beschützen auf ihrem Landgang. Er war nicht mehr das "fantastische wilde Tier, das gerade triefendnass aus dem Meer gekommen ist", sondern hatte, wie in Yukio Mishimas Roman "Der Seemann, der die See verriet", die Metamorphose zum Landbewohner vollzogen. ln seinen Briefen hatten die Visionen von Meer, Schiffen und strahlender Freiheit geglitzert, jetzt aber haftete der Geruch von Familie und Möbeln an ihm, "kurz, jener Leichengestank, der stärker oder schwächer jedem Bewohner des Festlandes eigen ist" (Mishima).

Der Matrose, als Fetisch einer Sehnsucht nach Ferne und Abenteuer, Intensität und Poesie, verkörpert einen wunderbaren vierten Aggregatzustand: fest, flüssig und flüchtig in einem, ist er, der personifizierte Augenblick, mit dem Reiz der Verfügbarkeit, der Melancholie der Vergänglichkeit und der Faszination des Abschieds, die die Sinne für die Gegenwart schärfen. Wie ein Partikel des Meeres ist er im Zustand der Schwerelosigkeit, an den man sich heften möchte, die Fesseln des Daseins lösen, dahingleiten und die Spuren der Vergangenheit und Grenzen des Ichs auflösen, in den Partikeln des Meeres sich mischen mit allen Zeiten und Orten. So gewinnt die Stadtbesichtigung in Begleitung eines oder mehrerer Matrosen einen besonderen, bezaubernden, Aspekt. In vielen Hafenstädten gibt es das Angebot "Adopt a sailor", damit der Matrose fern der Heimat z. B. Weihnachten in einer Gastfamilie feiern kann. Oder ihm eine persönliche sightseeing-tour zuteil wird. Eine solche schlug ich vor, als drei französische Matrosen der "Jeanne d'Arc" meinen Weg in New York kreuzten. Neben ihnen wirkten die riesigen getrockneten Fische in Chinatown noch surrealer, die Konturen der Realität schienen schwankend sich dem Rhythmus ihres Landgangs anzupassen und im nächtlich regennassen Glitzer des Times Square fühlte man sich endgültig als Teil eines Musicals. Süchtig folgte ich dem Schiff mit den 300 roten PomPoms nach Miami, wo es zwischen "Ecstasy" und "Imagination" lag, nach Istanbul und Haifa. Im Bus Richtung Golan wirkte der Matrose wie unschuldiges Spielzeug, verloren unter israelischen Soldaten, die einge nickt ihr Maschinengewehr zwischen den Schenkeln hielten, dem alten Palästinenser mit seiner Lage roher Eier im Schoß und der jüdischen Skilehrerin, die uns ihr Fotoalbum zeigte. Zurück nach Haifa mussten wir trampen, der Sonnenuntergang spiegelte den See Genezareth in die Augen des Matrosen. Das Hotel mussten wir nicht im voraus bezahlen, aber wegen verspäteter Rückkehr an Bord wurde der nächste Landgang gestrichen. Wir begannen ein Schachspiel, brieflich, zwischen Festland und Meer, dessen ungewisser Ausgang sich leider irgendwo am Horizont verloren hat.

Sabine Matthes



Haifa 1996 © Sabine Matthes