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SILVIA'S ROOM

Gaza: "Wir haben nichts mehr zu verlieren"

Interview mit einem einfachen Palästinenser, geführt von Silvia Cattori am 27. Juni 2006.
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Silvia Cattori: Sofort nach der Gefangennahme des israelischen Soldaten durch eine Gruppe bewaffneter Palästinenser am 25. Juni 2006 haben die Kanzleien Druck auf Ihre Behörden ausgeübt. Von Seiten Palästinas haben sie in diesen zwei letzten Wochen den Tod von mehr als 50 Personen, mindestens 200 Verletzten, Hunderten von Verhaftungen ertragen, darunter zahlreiche Kinder. Es ist aufschlussreich festzustellen, dass, wenn es sich um palästinensische Opfer handelt, niemand Druck auf Israel ausübt!

M.M.- Ja. All das ist empörend. Palästinenser fallen nicht schwer ins Gewicht im Vergleich zu Israelis. Westliche Medien und Staaten haben eine sehr ungleiche Art und Weise, die Menschen zu behandeln. Sie üben keinen Druck auf Israel aus, wenn es sich um unschuldige Palästinenser handelt; aber für einen israelischen Soldaten, der gegen uns Krieg führt, wird sofort Druck auf unsere Behörden ausgeübt. Sobald nur ein einziger israelischer Soldat entführt wird, interessiert sich die ganze Weltgemeinschaft für ihn. Wenn die israelische Armee Tausende von palästinensischen Zivilisten gefangen nimmt und ermordet, gibt es keine Reaktion. Die arabischen Länder sind ähnlich und das ist noch verwerflicher. Sie haben sich mobilisiert, um den israelischen Soldaten zu befreien, während es in Gaza anderthalb Millionen von Palästinenser gibt, die gefangen gehalten werden und entsetzlich leiden. Ägypten hat sogar den Chef der Geheimdienste, Omar Souleiman, nach Gaza geschickt, um die Befreiung des Stabsgefreiten zu erreichen.

Silvia Cattori: "Wir geben ihnen den gefangen genommenen Soldaten zurück und sie geben uns unsere Gefangenen, die in Israel inhaftiert sind" skandierten die Familien der Gefangenen nach dieser Gefangennahme. Israel hat sofort geantwortet, dass ein Austausch nicht in Frage käme. Haben diese Familien zu viel verlangt?

M.M.- Sie haben wenig verlangt! Nur die Befreiung von Frauen und von jungen Gefangenen unter 18 Jahren, die Befreiung von 1000 Gefangenen von den 10 000, die Israel gefangen hält.

Silvia Cattori: Auf die Kritiken in Israel, warum die Operation am Kerem Shalon Übergang nicht verhindert wurde, antwortet der Shabak Geheimdienst, dass er über das Graben des Tunnels auf dem Laufenden war. Warum hat er es also nicht verhindern?

M.M.- Ich denke, dass sie nicht auf dem Laufenden waren und besonders nicht daran glaubten, dass die Palästinenser so einen starken Willen zum Widerstand haben . Sie besitzen eine Palette technologischer Systeme und Mengen von Sensoren, um die Tunnel zu entdecken. Wenn sie auf dem Laufenden gewesen wären, hätten sie den Tunnel während der Konstruktion zerstört. Man kann sagen, dass die Männer des palästinensischen Widerstandes durch ihre heldenhafte Aktion den Mythos dieser israelischen Armee, die nie einen Krieg verliert, zerstört haben. Der Widerstand hat bewiesen, dass der Shabak Geheimdienst besiegt werden und Israel so viele Mauern bauen kann wie es will, aber dass es damit nicht die Palästinenser zurückdrängen kann.

Silvia Cattori: Was bedeutet der Codename "Verscheuchte Illusion", der der Widerstandsoperation gegeben wurde?

M.M.- Er bedeutet, dass die israelischen Illusionen der Überlegenheit weggeputzt wurden, dass die Israelis einen Krieg verlieren können, wenn wir konsequent handeln. Es zeigt unseren arabischen Nachbarn, dass, wenn sie sich vereinigen würden, um eine Bewegung zu gründen, die israelische Armee durch einfache Operationen besiegt werden könnte. Es bedeutet auch für die Mitglieder vom Fatah und von anderen Parteien, die die Illusion gefördert haben, dass Frieden sich durch Verhandlung und Konzessionen ergibt, dass Israel nicht nachgeben will und dass dieser Weg uns bereits in eine Sackgasse geführt hat.

Silvia Cattori: Wenn der Stabsgefreite nicht freigelassen wird, werden Sie einem Militärangriff ohne Präzedenzfall trotzen müssen!

M.M.- Wir haben nichts mehr zu verlieren.

Silvia Cattori: Der israelische Minister Ben Eliezer hat mit dem Finger auf den Chef des politischen Büros der Hamas gezeigt, Khaled Mechaal, der in Syrien lebt. Der Botschafter der Vereinigten Staaten hat erklärt, dass die Lösung sich in Damaskus befindet. Wollen sie einen Vorwand finden, um den Konflikt zu erweitern?

M.M.- Israel hält sich für eine Militärmacht und will die Region beherrschen. Seine Taktik war schon immer, den Krieg auf seine Nachbarn zu erweitern und die Vereinigten Staaten in seiner Logik mitzuziehen. Seit 1967 spricht Israel über "arabische Terroristen". Israel arrangiert sich, um nie Frieden mit uns zu machen und um die Vereinigten Staaten zu drängen, in Syrien, im Irak, im Iran einzugreifen. Das Szenario ist bekannt. Israel und die Vereinigten Staaten führen eine große Propagandakampagne gegen Khaled Mechaal, der in Damaskus lebt, um Syrien mit dem, was sich in Gaza ereignet, in Verbindung zu bringen. So können sie Syrien anklagen, um den nächsten Krieg gegen dieses Land zu rechtfertigen. In Afghanistan haben die Vereinigten Staaten es genauso gemacht: Sie fingen an, die Taliban zu erpressen, indem sie sagten, sie würden ihnen den Krieg erklären, wenn sie Osama Ben Laden nicht an die USA ausliefern würden.

Silvia Cattori: Nach der Gefangennahme des israelischen Soldaten hat Ehud Olmert erklärt, dass Israel in der Lage sei, "die Hälfte der palästinensischen Hamas-Regierung" zu entführen Glauben Sie, dass sie es wagen würden?

M.M.- Vielleicht ja. Sie haben mehr Panzer als normalerweise geschickt. Wir sind paralysiert. Aber für uns ist diese Art von Bedrohung nichts neues. Wir leben seit langem unter dem israelischen Terror. Diese Präsenz ist ständig in unseren Köpfen. Haben sie nicht viele unserer Führungspersonnen bereits ermordet? Wir leben ständig mit der Bedrohung neuer Massaker. Natürlich befürchten wir, dass zum Beispiel eine Rakete IsmaŽl Hanyieh treffen wird. Wir haben Hoffnung. Wir hoffen, dass die Eintracht zwischen uns konsolidiert wird. Was Israel betrifft, haben wir nichts Gutes zu erhoffen. Die israelischen Behörden wollen uns loswerden. Wir wissen, dass wir den Krieg mit den Israelis gezwungenermaßen bis zum Weltuntergang fortzusetzen werden, denn niemals wird der israelische Zerstörungskrieg gegen unser Volk aufhören.

Silvia Cattori: Avy Pazner warf Ihnen auf einem französischen Radiosender vor, eine "Entführung auf israelischem, souveränem Territorium" begangen zu haben.

M.M.- Sie können selber diese Frechheit, die sie haben, feststellen! Wie können sie die Tatsachen so darstellen und uns beschuldigen, in das israelische Territorium einzudringen? Das, was die Israelis ihren "souveränen Boden" nennen, ist nichts anderes als der Boden, den sie uns gestohlen haben und den sie seitdem besetzen. Es sind die Israelis, die zu weit gehen. Wir als Palästinenser, selbst wenn wir Operationen mitten in Tel-Aviv machen würden, würden wir nicht zu weit gehen.

Silvia Cattori: Israel hat die Macht auf seiner Seite. Über Ihre Forderungen macht es sich keine Sorgen. Diese Entführung wird sehr folgenschwer für Sie sein!

M.M.- Für uns gibt es nie Aufschub. Sogar, wenn wir nichts machen, haben wir immer Dronen, Panzer, Helikopter, die uns bedrohen, uns überwachen, uns angreifen. Wir wissen, dass jede Widerstandaktion die Brutalität der israelischen Soldaten gegen uns verstärkt. Wir wissen, dass es dieses Mal noch grauenhafter sein wird als das vorhergehende Mal. Trotz der sehr großen Angst will die Mehrheit der Palästinenser nicht aufgeben, sich nicht einschüchtern lassen. Welches Volk kann sich ohne Reaktion erniedrigen lassen? Die Mütter der Gefangenen haben sich vor dem Roten Kreuz versammelt, um von den Widerstandskämpfern zu verlangen, den Soldaten nicht frei zu lassen, solange Israel ihre inhaftierten Kinder nicht frei lässt, selbst wenn die israelische Armee in Gaza ein Blutbad anrichten würde.

Silvia Cattori: Das ist eine sehr mutige Position!

M.M.- Wir haben keine andere Wahl. Die israelische Regierung ließ sehr deutlich hören, dass selbst wenn der Soldat befreit würde, alle die auf irgendeine Art und Weise an der Operation teilgenommen haben, ermordet würden.

Silvia Cattori: Befürchten Sie nicht, dass sie alle Häuser durchkämmen werden?

M.M.- Selbst wenn sie es hier in Gaza wollten, wäre es unmöglich. Andernfalls hätten sie es bereits gemacht. Sie haben Angst, sich in unsere Wohnviertel zu wagen.

Silvia Cattori: Hat diese neue, schwere Prüfung Ihnen erlaubt, den Streit zwischen Fatah und Hamas zu überwinden?

M.M.- Ich danke Gott, denn wir fühlen uns jetzt sehr verwurzelt, sehr besorgt, eine geschlossene Front gegen Israel zu bilden. Man kann erhoffen, dass die Formation einer vereinigten, nationalen Regierung mit der Teilnahme der Fatah möglich ist. Diese Perspektive beruhigt uns ein wenig.

Silvia Cattori: Sie haben keinen Staat, Sie sind Gefangene des Besatzers. Müsste Israel nicht die Verantwortung übernehmen, die Territorien, die es besetzt, zu verwalten? Denken Sie nicht, dass es für Hamas unmöglich ist zu regieren, genauso wie vorher für Fatah? Sollte die Bevölkerung nicht nach der Auflösung dieser Autorität verlangen, die im derzeitigen Zusammenhang eine Absurdität ist?

M.M.- Die Hamas-Mitglieder haben bei der Wahl kandidiert. Sie haben sie gewonnen. Sie haben die Verantwortung in einer blockierten und extrem schwierigen Situation übernommen. Ihre Hauptzielsetzung besteht darin, ihrem Volk ehrlich zu helfen. Sie haben sich dafür engagiert, sie opfern ihr Leben. Ihren Rücktritt zu verlangen wird unsere Situation nicht verbessern, denn dann werden die korrumpierten und verabscheuten Fatah-Mitglieder wieder die Macht übernehmen. Wenn Fatah wieder an die Macht kommt sind wir davon überzeugt, dass sie sich nicht darauf beschränken wird, die Hamas- und Djihad-Mitglieder festzunehmen und zu foltern, wie sie es bereits in der Vergangenheit gemacht haben, sondern sie dieses Mal alle liquidieren wird. Denn Israel erwartet es von ihnen und deshalb hat Israel kürzlich an Abu Mazen und Mohammed Dahlan Nachschub von Waffen und Munition geliefert.2

Silvia Cattori: Glauben Sie wirklich, nachdem, was Sie soeben gesagt haben, dass eine aufrichtige Vereinigung zwischen Fatah und der Hamas-Regierung heute möglich ist?

M.M.- Ich gehöre weder Hamas noch Fatah an. Ich bin ein gewöhnlicher Bürger, der wie die Mehrheit von uns unter dem Fatah-Regime gelitten hat. Aus diesem Grund wird Hamas von den Palästinensern als Autorität angesehen, die die korrumpierten Fatah-Mitglieder, die gezwungen sind wieder an die Macht zu kommen, abwehren können. Ich hoffe, dass es Hamas schaffen wird, uns ehrlich zu regieren und die Fatah-Mitglieder zu überzeugen sich zu vereinigen, um die Erwartungen des Volkes zu erfüllen. Was mich interessiert ist, dass beide Parteien sich einigen, dass Fatah sich in vollem Umfang mit dieser nationalen Vereinigung verbindet, um den Bürgerkrieg zu vermeiden. Genau den versucht Israel zu provozieren, indem es Fatah Gelegenheiten gibt, das Volk zu spalten, damit es sich danach gegenseitig umbringt. Wir müssen alles tun, um diese Falle, die uns Israel stellt, um jeden Preis zu vermeiden.

Silvia Cattori: Ist es nicht beängstigend, nicht zu wissen, wohin all das Sie führen wird? Alles ist zurzeit blockiert.

M.M.- Unser grünes Licht ist der nationale Dialog. Wenn nach einem Monat Verhandlungen Abu Mazen das so genannte Dokument der "nationalen Vereinigung" unterzeichnet und dann aufrichtig und mit voller Zustimmung mit der Hamas-Regierung zusammenarbeitet, wird es keine Gefahr mehr für uns geben. Vereint können wir besser gegen den Besatzer standhalten.

Das Interview wurde am 27. Juni 2006 aufgenommen.

Französische Originalversion:
www.ism-suisse.org/news/article.php?id=4990&type=analyse

Englische Version:
http://signs-of-the-times.org/signs/editorials/signs20060630_Gaza22Wehavenothinglefttolose22.php

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler


Anmerkungen:
1: Angesichts der Umstände respektieren wir den Wunsch von MM nach Anonymität. (back)
2: Mohammed Dahlan ist der ehemalige Minister für Innere Sicherheit. Er unterhält intensive Beziehungen mit der CIA. Er stammt aus einer armen Familie und hat seinen Reichtum auf unedle Art und Weise erworben. Insbesondere durch den Bau der so genannten "Umgehungsstraßen". Diese Straßen, die von Israel finanziert wurden, dienen dazu, die israelischen Kolonien untereinander zu verbinden, sind aber für die Palästinenser verboten. Dahlan ist ein wichtiges Element der Macht und steht dem Präsidenten Abu Mazen bei. (back)
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