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SILVIA'S ROOM
Tsahal: Eine Armee von Barbaren
Von Silvia Cattori, Nablus, den 22. Juli 2006

In Nablus fühlt man noch gewaltsamer, bereits beim Einbruch der Dunkelheit, das erdrückende Terrorklima der Tsahal, dieser Armee von Vandalen, die mit einem beeindruckenden Arsenal ausgestattet ist.

Jede Nacht dringen zig Fahrzeuge, mit Soldaten besetzt, in die belagerte Stadt ein. In letzter Zeit wird die Bevölkerung von Nablus stärker erdrosselt und verfolgt als es generell üblich ist. In der Nacht vom 17. Juli, nach der Verhaftung von vier der ihren, haben Jugendliche eine Bombe gegen eine Patrouille geworfen, die einen israelischen Soldaten tötete. Seitdem wartete die Bevölkerung auf eine verstärkte, kollektive Repression.

Es kam auch so. In der darauf folgenden Nacht, vor Mitternacht, überflogen F- 16 und Drohnen die Stadt, dann sind Panzer und Jeeps eingefahren. Die Soldaten schossen von überall und die Kugeln, die gegen Türen und Mauern dröhnten, machten einen betäubenden Lärm. Es war sehr beängstigend. Die wenigen Kunden des Hotels und eine Handvoll Angestellte haben sich in einem Raum versammelt. In der Gegenwart solch einer Furcht erregenden Armee fällt das Leben all dieser Menschen, die unter israelischer Herrschaft gehalten werden, die dazu verurteilt sind, Schutz zu suchen und darauf zu warten, dass dieser Wahnsinn aufhört, nicht schwer ins Gewicht.

Am Unerträglichsten ist die Überlegenheit der Waffen, die im Besitz dieser brutalen Kolonisatoren sind, die aus Brooklyn, Buenos Aires, Marseille usw.... stammen, überzeugt sind von ihrer Vormachtstellung und Diener eines Staates, der eine Politik führt, die auf Verachtung des anderen, des Palästinensers, des Arabers basiert.

Wie können Menschen die Menschlichkeit der anderen auf diese Art und Weise mit den Füßen treten, unter ihnen Tausende von terrorisierten Kindern, ältere Menschen, Herzkranke, schwangere Frauen und so viele tapfere, zuvorkommende und großzügige Menschen wie nirgends auf der Welt; Menschen die wissen, dass sie zum Tode verurteilt sind, lediglich wegen der Tatsache, Palästinenser zu sein. Einer ganzen Nation wurden die Rechte und alles beraubt, was dafür sorgt, dass ein Leben erträglich ist. Sie kümmern sich nicht darum. Nur der anti-arabische Rassismus kann ihr Verhalten erklären.

Sie werden an all den fürchterlichen Checkpoints erniedrigt, in ein unvorstellbares Elend gestürzt, ihre Körper sind markiert durch vielfache Verletzungen, viele von diesen Palästinensern sind inhaftiert worden und sie werden von den Folterknechten des Shin Bet und von den Soldaten brutal behandelt, die in ihre Gassen eindringen, in Deckung hinter den Gittern ihrer Jeeps und die über Lautsprecher Beleidigungen von sexuellem oder religiösem Charakter auf Arabisch brüllen, die die Palästinenser uns auf Englisch übersetzt haben, wie: "Fucking Arabs" und hinsichtlich der Frauen "fucking mothers and sisters…". Frauen, die entgegen den Vorurteilen, die im Westen befördert werden, von den Männern der muslimischen Gesellschaft sehr respektiert werden. Sie bleiben jede Nacht bekleidet, weil sie sich nicht im Schlafanzug von diesen Soldaten überraschen lassen wollen, die sich Zugang schaffen, um "Terroristen" zu suchen, die die Intimität der Familien verletzen und sie zwingen, aus ihren Wohnungen auf die Straße zu gehen.

Die Palästinenser sind die Urbevölkerung eines Landes, das Palästina heißt. Israel hat davon die Quasitotalität geschluckt: 90%. Fünf Millionen Palästinenser sind Flüchtlinge. Vier weitere Millionen vegetieren auf immer ärmer und gettoisiert werdenden Landstreifen. Aber es gibt keinen Zweifel: Solange auch immer es nötig sein wird, werden sie kämpfen. Es sei ein für alle Mal gesagt: Derjenige, den Israel einen "Terrorist" nennt, "Wanted", "Fanatiker" und unsere entgegenkommenden Medien einen "Aktivist", ist in der Tat ein Zivilist, ein Unschuldiger, ein Familienvater, ein Kind. Wenn die ständige Brutalität der Besatzerarmee zu schwer zu ertragen ist, besteht die Würde und Ehre der Palästinenser manchmal darin, mit einer gewalttätigen Geste zu antworten.

Man fühlt sich inmitten von ihnen zermalmt von Machtlosigkeit, zornig auf all diese demokratischen Staaten, die von Frieden sprechen, Menschenrechten, Demokratie, und die zulassen, dass Israel auf diese Art und Weise handelt. Zornig auf die Journalisten, die die Propaganda von Israel wiedergeben oder bestenfalls kitschige Reportagen machen. Zornig auf die Persönlichkeiten, von denen wir die verfälschten Diskurse kennen und die, wie Bernard Ravenel, Dominique Vidal, Michel Warshavsky, Michele Sibony, Pierre Stambul, Richard Wagmann (1), um nur über Frankreich zu sprechen, die das Anathema des Antisemitismus benutzt haben, um die scharfsinnigen und aufrichtigen Menschen daran zu hindern, die Debatte klarzustellen und Strategien auszuarbeiten, die im Stande sind, wirklich den unterdrückten Palästinensern zu helfen. Sie zeigen diejenigen wegen Antisemitismus an, die wollen, dass der palästinensische Widerstand seinen Kampf gewinnt, während sie die palästinensische Elite unterstützen, die mit dem Besatzer zusammenarbeit. Sie machen jedes Mal, objektiv gesehen, nichts anderes als die Palästinenser anzuflennen, wenn die Brutalität Israels sie zu sehr in Verlegenheit bringt.

Man schämt sich. Man schämt sich dieser Gesellschaft anzugehören, die die Palästinenser irregeführt und sie verraten hat, die ihnen Almosen gibt und an ihrer Stelle weiterhin beschließt, was für sie gut ist.

Das traumatisierende Schießen hat zwei Stunden angedauert. "Es ist ihre Art und Weise, Beethoven zu spielen" kommentierte mein Nachbar mit einer erstaunlichen Gleichgültigkeit. M-16 und M-18 Maschinengewehre mit, für den Insider, Munition Modell 250 und 500, die Kanonen der Doska Panzer, die gewaltige Löcher in die Wände schlagen und die Leute entsetzlich verstümmeln.

Man muss es immer und immer wiederholen: Es ist eine Armee, die gerüstet wird, um eine Armee zu bekämpfen, aber das Gegenüber ist keine Armee mit echten Kombattanten, sondern es sind Zivilisten. Nach zwei Stunden hat sich der Lärm der Kriegswaffen gelegt und entgegen jedem Erwarten sind die Soldaten in aller Herrgottsfrühe weggegangen, ohne jemanden zu verhaften oder zu töten. Die Leute waren den ganzen Tag auf der Hut, denn sie fragten sich, was das alles bedeutete und welche bedrohende Maßnahme vorbereitet würde.

Die Soldaten sind in der folgenden Nacht zurückgekommen, Bataillonen. Sie bezogen dort Stellung, wo niemand sie erwartet hat: rund um ein Verwaltungsgebäude, nicht weit von der Altstadt, wohin, wie man sagte, sich etwa hundert gesuchte "Verdächtige" geflüchtet hatten, "die sich nirgends mehr verstecken konnten." Niemand konnte sich dieser Zone nähern und die Bevölkerung ist, seit dem 19. Juli morgens, in Ungewissheit über das, was sich dort abspielt. Zum Zeitpunkt wo ich schreibe, ist die Operation immer noch im Gange. Er ist nicht klar, ob dort, innerhalb des Gebäudes, das die Soldaten total zerstört haben, Hunderte von gesuchten Personen waren. Was sicher ist, ist, dass 150 Mitglieder der palästinensischen Sicherheitskräfte sich in den ersten Stunden der Belagerung ergeben haben. Und dass die benutzten Geschosse und die Sprengstoffe Opfer hervorbrachten: sechs Tote und 60 Verletzte. Unter ihnen ein Krankenpfleger.

Man könnte denken, dass all dieses lächerlich scheint, verglichen mit dem, was sich zurzeit an Entsetztlichem im Libanon ereignet. Aber diese Praxis hat seit dem Jahr 2000 bereits das Leben von tausend Kindern und von mehreren tausend Erwachsenen dahingerafft, ohne von den zig Tausend Verstümmelten zu sprechen. Und ihr Martyrium ist nicht beendet.

Der Krieg, den Israel auf den Libanon ausgeweitet hat, ist als ein Ganzes zu sehen. Es handelt sich darum, die Völker zu vernichten, die seiner Barbarei standhalten.

1) Leiter der AFPS* und der UJFP*, die die Realität besonders entstellt wiedergeben, indem sie über einen "gerechten Frieden in Israel-Palästina" sprechen, als ob es sich um zwei Parteien mit gleichgestellter Mitverantwortung handeln würde, während Israel der Henker ist und die Palästinenser seine Opfer.

*AFPS: Association France Palestine Solidarité
*UJFP: Union Juive Francaise pour la Paix

Originalversion:

www.ism-suisse.org/news/article.php?id=5127&type=temoignage&lesujet=Incursions

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler & Anis Hamadeh
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