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"Integration
fängt im Kopf an"
Interview mit Jamal Karsli (23.11.2004)

Als einziger muslimischer Abgeordneter des Düsseldorfer Landtags nahmen Sie am Wochenende an der Demonstration in Köln teil, bei der sich Muslime vom Terror distanzierten. Wie war Ihr Eindruck von der Veranstaltung?
Jamal Karsli: "Diese Demonstration war gut und begrüßenswert. Es war vor allem ein wichtiges Signal dafür, dass es völlig falsch ist, alle Muslime über einen Kamm zu scheren. 25.000 Menschen haben daran teilgenommen und gezeigt, dass der Islam eine friedliche Religion ist, und dass Terror von Muslimen und Nicht-Muslimen gleichermaßen verurteilt wird. Es war vor allem wichtig, dass die Initiative von den Muslimen ausging und dass sich zahlreiche unterschiedliche Gruppen und gesellschaftliche Akteure daran beteiligten. Die Demonstration hat gezeigt, dass die Integrationsbereitschaft der Muslime vorhanden ist und alle ein harmonisches Miteinander anstreben."

Es scheint Leute zu geben, die nicht wissen, dass es deutsche Muslime gibt. Muslime, die Deutsche sind. So ähnlich wie deutsche Juden manchmal gefragt werden, wann sie "nach Hause" nach Israel fahren. Was ist Ihre Position in der so genannten Frage der Integration von Muslimen und der der Integration von Migranten?
Jamal Karsli: "Integration fängt im Kopf an und ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Wir müssen alle daran arbeiten, dass sich das Bild, das sich noch viele Menschen von den Muslimen oder vom Islam als Religion machen, ändert. Wir müssen dies tun, wenn wir nicht einen Keil in unsere Gesellschaft treiben wollen. Aber Integration ist keine Einbahnstraße: Die Integrationswilligkeit muss auf beiden Seiten vorhanden sein: bei der Gesellschaft und bei den Migranten. Der Islam ist per se eine friedliche Religion und Teil dieser Gesellschaft. Das müssen wir unterstützen und fördern. Wir müssen aber auch von den Muslimen fordern, dass sie sich an der Integration beteiligen, dass sie den Willen haben, sich in die gesellschaftlichen Strukturen integrieren zu lassen. Es muss sich auch in den Köpfen der Menschen und vor allem der Politiker festsetzen, dass eine Investition in die Integration eine Investition in die Zukunft ist. Wenn wir in Zukunft muslimischen Kindern einen Religionsunterricht anbieten wollen, der von Lehrerinnen geführt wird, die an deutschen Universitäten islamische Theologie gelernt haben, ist es egal, ob die Lehrerinnen Kopftuch tragen oder nicht. Wir müssen einfach die Voraussetzungen schaffen, damit die Menschen sich integrieren können. Warum geben wir nicht mehr Mittel für die Übersetzung von muslimischen Büchern aus? Wir müssen in die Fakultäten der Unis investieren, die sich mit dem Islam befassen. Wenn wir jetzt nicht darin investieren, werden wir dies in der Zukunft bereuen. Wir haben 40 Jahre damit gewartet. Wir sollten einfach anfangen."

Zur Außenpolitik: Die meisten Bush-Wähler denken, dass Saddam etwas mit al-Qaida zu tun hat. Sie haben auch Herrn Bush gewählt, obwohl der sie über Massenvernichtungsmittel belogen hat und obwohl er einen Krieg ausgerufen hat ("We are at war"). Wie schätzen Sie die Zukunft der USA ein?
Jamal Karsli: "Ich werde und kann mir kein Urteil über die Zukunft der Vereinigten Staaten von Amerika erlauben. Die Entscheidung für die Wahl George Bushs zum Präsidenten hat das amerikanische Volk getroffen. Und es ist ja auch gut, dass die Menschen ihren freien Willen bekunden, denjenigen zu ihrem Präsidenten zu wählen, von dem sie meinen, dass er sie und ihre Interessen am besten vertreten kann. Ob Amerikas Schicksal daran hängt, ist noch eine andere Frage.
Es wurde gelogen, das stimmt. Es wurde gelogen, dass sich die Balken biegen: Aus zwei ehemaligen Verbündeten der USA, Sadam Hussein und Osama Bin Laden wurden Erzfeinde gemacht. Zur besseren Abschreckung hat man die beiden auch noch unter einem Dach, El Kaida, zusammengefasst und eine ganze Religion unter Generalverdacht gestellt. Und alles um nationale, wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Dafür wurde das eigene Volk und die internationale Staatengemeinschaft belogen. Aber dennoch hat die Mehrheit der amerikanischen Wähler George W. Bush wiedergewählt. Den Umstand kann man bedauern oder nicht, aber so kann Demokratie nun mal auch sein."

Was sagen Sie zur Lage im Irak? Und Iran?
Jamal Karsli: "Die Lage in Irak wird Tag für Tag undurchsichtiger. Die Grenzlinie zwischen Widerstand gegen die amerikanische Besatzung und reinem Terror wird mehr und mehr verwischt. Meine Befürchtung ist, dass die Situation auf einen Bürgerkrieg hinausläuft, der für alle Beteiligten eine Katastrophe wäre. Man sollte alles daran setzen, dass dies nicht geschieht. Deswegen knüpfe ich meine Hoffnungen an die Konferenz von Sharm-al-Sheikh. Grundlage der Verhandlungen muss jedoch sein, dass alle Bevölkerungsgruppen an den Plänen für die Zukunft des Iraks beteiligt werden. Es darf keine Gruppe außen vor bleiben, sonst ist nichts gewonnen und die Besatzung wäre im Nachhinein legitimiert. Die Umsetzung des Plans muss dann nach Abzug der Amerikaner durch die Vereinten Nationen garantiert und kontrolliert werden.
Was den Iran betrifft, freut es mich, dass man nun zu einer Einigung im Streit über die Produktion waffenfähigen Urans gekommen ist. Nur die Drohgebärden von George Bush sind beunruhigend. Bush spielt mit dem Feuer und mit welcher Unbedachtheit er das tut, macht mir Angst. Nach den Lügen, die die amerikanische Administration über den Irak verbreitet hat, um ihr nationales Interesse durchzusetzen, ist das Vertrauen in die amerikanische Sichtweise gestört. Deutschland und die EU tun gut daran, auch weiterhin auf diplomatischem Wege den Konflikt zu entschärfen."

Michel Friedman schrieb in dem Artikel "Adieu Arafat, für mich sind Sie ein Mörder" am 12.11.04 in der Bildzeitung zum Tode Arafats, dass dieser "nichts anderes als ein Verbrecher" war. Er schrieb dort auch: "Ich weiß, daß das israelische und palästinensische Volk diesen Frieden erträumten. Die einzigen wirklichen und unumstößlichen Voraussetzungen: Kein Terror! Statt Gewalt Frieden! Statt antisemitischer Hetze Respekt!" Er sei ein Mörder, ruft Friedman ihm nach, und mit der zweiten Intifada "versündigten Sie sich endgültig an der palästinensischen Sache." Glauben Sie, dass angesichts des Niveaus seiner Aussagen Palästinenser für Herrn Friedman so etwas wie ein Ersatz sein könnten? Hat das etwas mit deutscher Geschichte zu tun? Wie schätzen Sie das ein?
Jamal Karsli: "Ich möchte mit einer Gegenfrage antworten: Wie viele Premierminister Israels wurden in der Vergangenheit von der internationalen Staatengemeinschaft als Kriegsverbrecher gesucht und auch in Abwesenheit angeklagt? Warum redet Herr Friedman nicht einmal darüber? Was mich an den Äußerungen Friedmans besonders stört ist, dass niemand in der Öffentlichkeit darauf reagiert hat. Immerhin war Arafat ebenso wie Perez und Rabin Friedensnobelpreisträger. Wenn jemand den Frieden in Palästina will, dann zieht er nicht in der Öffentlichkeit über einen Mann her, der eine Symbolfigur für diejenigen darstellt, die versuchen, Israel die Hölle heiß zu machen. Damit wird nur Öl aufs Feuer geschüttet. Dabei missbraucht Friedman noch die deutsche Geschichte und verhindert Aufklärung und Diskussion. Aber das scheint die deutsche Öffentlichkeit nicht zu stören, sonst wäre ein Aufschrei zu hören gewesen."

Bundeskanzler Schröder hat am Sonnabend im Jüdischen Museum Berlin darüber gesprochen, dass eine Demokratie keine Parallelgesellschaften dulden dürfe. Würden Sie sagen, dass er damit die Verkäufer von U-Booten in Krisengebiete meinte und Sympathisanten gewählter Regierungen, die sich außerhalb des Völkerrechts und des Menschenrechts bewegen? Ist die politisch-ökonomische Kaste gemeint? Oder die Presse? Was denken Sie?
Jamal Karsli: Natürlich müssen wir Parallelgesellschaften verhindern, egal welche. Doch der Kanzler hat ein paar Tatsachen miteinander vermischt. Denn hier werden Opfer zu Tätern gemacht. Die Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um hier zu arbeiten, wurden jahrzehntelang als Gastarbeiter angesehen, die irgendwann wieder nach Hause gehen. Mittlerweile leben hier 3,5 Millionen Muslime (ca. 200.000 deutschstämmig), die hier die dritte Religionsgemeinschaft bilden und Teil unserer Gesellschaft sind. Die Integration dieser Menschen in die Gesellschaft wurde über 40 Jahre lang verschleppt. Nun macht man diesen Menschen den Vorwurf, sich nicht integriert zu haben und Parallelgesellschaften aufgebaut zu haben. Das ist kein guter Stil. Statt zu lamentieren sollte man jetzt schleunigst beginnen die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Integration nicht noch weiter verschleppt wird. Das, was wir heute für die Integration machen können, sollten wir tun, damit wir es später nicht bedauern, dass wir die Chance verpasst haben.

(Die Fragen stellte Anis)

Jamal Karsli ist deutscher Politiker mit syrischen Wurzeln.

"Integration
starts in the Mind"

Interview with Jamal Karsli (Nov. 23, 2004)

As the only Muslim legislator of the Duesseldorf federal Parliament you participated in a rally in Cologne on which Muslims demonstrated against terror this weekend. What was your impression of the gathering?
Jamal Karsli: "This demonstration was good and to be appreciated. Most of all, it was an important signal for the fact that it is completely wrong to stereotype Muslims. 25.000 have participated and showed that Islam is a peaceful religion and terror is condemned by Muslims and non-Muslims in the same way. It was primarily important that the initiative came from the Muslims and that numerous and divers groups and social actors participated in it. The demonstration showed that the readiness for integration is there in the Muslims and that all strain after a togetherness in harmony."


There seem to be people who do not know about the existance of German Muslims. Muslims who are Germans. A bit like German Jews when they are sometimes asked when they want to go "back home" to Israel. What is your position in the issue of the so-called integration of Muslims and the one of the integration of migrants?
Jamal Karsli: "Integration starts in the mind and is a social task. We all must work for the image, which many people still have of Muslims or of Islam as a religion, to change. We must do that if we don't want to drive a wedge into society. But integration is not a one-way street: the will for integration must be present on both sides, the society and the migrants. Islam per se is a peaceful religion and part of this society. We have to support and promote that. But we also have to demand from the Muslims to participate in the integration, that they have the will to be integrated in the social structures. It has to be established in the minds of the people and most of all the politicians that an investment in integration is an investment in the future. When in the future we want to offer religion lessons to Muslim children, given by female teachers who learned Islamic theology at German universities, then it does not matter if those teachers wear head-scarfs or not. We just have to prepare the necessary presuppositions for the people to integrate themselves. Why do we not spend more means on the translation of Muslim books? We got to invest in the faculties of the universities which are concerned with Islam. If we do not invest in it now we will regret it in the future. We have waited for 40 years. We should just start."




For foreign politics: most of the Bush voters think that Saddam has something to do with al-Qaida. They also voted Mister Bush although he had lied to them about weapons of mass destruction and although he declared a war ("We are at war"). How do you assess the future of the USA?
Jamal Karsli: "I will not and cannot allow myself a judgement on the future of the United States of America. The decision for the election of George Bush to be president has met the American people. And it is a good thing that the people have declared their free will to elect the one for president who they suppose to be the best representative for them and their interests. Whether or not America's fate is dependent on that is another question.
There were lies, this is true. There were really heavy lies: two ex-allies of the USA, Sadam Hussein and Osama Bin Laden, were made arch-enemies. For better deterrance they have also put them together under one roof and put a whole religion under general suspicion. And all that in order to bring through economic interests. For this the own people and the international community of states was lied at. But despite this the majority of the American voters re-elected George W. Bush. This is a circumstance one can regret or not, but this is how democracy can be."




What do you say regarding the situation in Iraq? And Iran?
Jamal Karsli: "The situation in Iraq is getting more and more obscure every day. The border-line between resistance against the American occupation and pure terror is being wiped away more and more. My fear is that the situation tapers off to a civil war which would be a catastrophe for all the involved. One should do everything for this to not happen. Therefore I set my hopes in the Sharm al-Sheikh conference. Yet, basis of the negotiations must be that all the population groups are partners in the plans for the future of Iraq. No group must be excluded, otherwise nothing would be won and the occupation would be justified a posteriori. After the departure of the Americans the implementation of the plan must be guaranteed and controlled by the United Nations.
Concerning Iran I appreciate that people have reached an agreement in the conflict about the production of uranium capable of being transformed into arms. Only the gestures of threat by George Bush are troubling. Bush is playing with fire and the degree of his carelessness is what is frightening me. After the lies the American administration has spread about Iraq in order to push forward its national interest the confidence in the American point-of-view is disturbed. Germany and the EC are well advised to continue de-escalations of the conflict in a diplomatic way."


Michel Friedman (German talkshow host) wrote in the article "Adieu Arafat, for me you are a killer" on Nov. 12, 2004 in the German tabloid "Bild" on the occasion of Arafat's death that the latter was "nothing but a criminal". He also wrote there: "I know that the Israeli and the Palestinian peoples have been dreaming of this peace. The only real and irrefutable premise: no terror! Peace instead of violence! Respect instead of anti-Semitic agitation!" He would be a killer, Friedman shouts to him, and with the second Intifada "you ultimately sinned against the Palestinian cause." Do you think that - in view of the level of his utterances - Palestinians for Herr Friedman could be something like a substitute? Might it have anything to do with German history? How do you assess that?
Jamal Karsli: "I would like to answer with a counter-question: how many Prime Ministers of Israel have in the past been wanted as war criminals by the international community of states and also accused in absence? Why doesn't Herr Friedman talk about this for a change? What disturbs me most of all about the utterances by Friedman is that nobody in the public has reacted on that. After all, Arafat was a bearer of the Nobel Peace Prize just like Perez and Rabin. If somebody wants peace in Palestine he will not publically slander a man who is a symbolic figure for those who try to terrify Israel. This is only pouring oil on the flames. Besides Friedman is abusing the German history and preventing awareness and discussion. But this does not seem to bother the German public, otherwise a scream would have been heard."



Federal Chancelor Schröder on Saturday in the Jewish Museum in Berlin said that a democracy must not tolerate parallel societies. Would you say that he meant the sellers of submarines into regions of crisis and sympathizers with elected governments moving beyond international law and the human rights? Did he talk about the political-economic caste? Or the press? What do you think?
Jamal Karsli: Of course we have to prevent parallel societes to come into being, no matter which. But the chancelor mixed up a couple of facts. For here victims are being turned to perpetrators. The people, who left their homelands in order to work here, had for decades been regarded as guest workers ("Gastarbeiter") who would return back home some time. Meanwhile, 3.5 million Muslims live here (ca. 200.000 of German origin) who constitute the third religious community here and who are part of our society. The integration of these people in the society has been delayed for forty years. Now these people are accused of not having integrated and of having built parallel societies. This is no good style. Instead of lamenting one should now with the utmost dispatch start to prepare the presuppositions for integration not to be delayed any further. What we can do today for integration we should do so that we do not have to be sorry for having missed the chance.



(Questions and translation by Anis)

Jamal Karsli is a German politician with Syrian roots.

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