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Die einen können nicht vergessen, die anderen sich nicht erinnern
von Anis Hamadeh, April 2005
Englisch

Samirs Abenteuer

"Denk an die Kinder!" sagte Sarah von der anderen Seite des Tisches. Zwischen den Gläsern konnte Samir sehen, wie ihre Violinen-Finger mit dem Salzstreuer spielten. Er versuchte, sich daran zu erinnern, was "Denk an die Kinder!" bedeutete, doch schien es ihm in diesem Augenblick, als könne er sich an gar nichts mehr erinnern. Was tat er hier? Er schaute in die Runde. Da war Ari vor seinem leeren Nudelteller. Daneben Thomas, noch essend, aufblickend, grinsend. Sarah bestellte Espresso. In drei Stunden war der Auftritt. Ach ja, der Auftritt. Frieden in Israel und Palästina. Ein Zeichen setzen. Denk an die Kinder.

Samir rutschte auf seinem Stuhl herum und zündete sich fahrig eine Zigarette an. Am Anfang war es ja gut, dachte er bei sich, da war ein Potenzial. Aber wurde es nicht langsam zur Routine, zum Mechanismus? Einen Sommer lang waren sie durch Deutschland getourt, für den Frieden im Nahen Osten. Sie spielten klassische Musik und lasen Dichtung. Standen zusammen auf der Bühne, Palästina und Israel, zusammen, in Deutschland. Eine Begegnung. Es war gut. "War es nicht gut?" fragte Ari und Samir lächelte. Doch ja, es war gut.

Draußen nieselte es auf das Pflaster der Altstadt. Durch das Restaurantfenster sah Samir Passanten mit hochgeklappten Kragen in verschiedene Richtungen laufen. Er sehnte sich nach einem Spaziergang und begann ohne Hast, seine Sachen vom Tisch zu räumen und einzusammeln. Handy, Zigaretten, Feuerzeug, Kugelschreiber, den Flyer des heutigen Abends. "Ich will noch mal für eine Stunde ins Hotel, mich frisch machen", sagte er in die Runde. "Treffen wir uns dann hinter der Bühne?" Sarah und Ari nickten. Der Soundcheck lag bereits hinter ihnen und alles war vorbereitet. Die beiden waren mehr oder weniger froh darüber, dass zumindest die heutige Veranstaltung nicht in Frage stand. Ebenso Thomas. Den ganzen Tag über hatte er Samir davon zu überzeugen versucht, am Ball zu bleiben. Weiterzumachen. Die beiden hatten inzwischen so viel gesprochen, dass sie einander recht gut kannten. Samir grüßte, zahlte und ging durch die Tür.

Der feuchte Wind zog und riss sofort an seinem Mantel. Hatte er etwas übersehen? Warum fiel ihm die Entscheidung so schwer? Gleich zu Beginn hatten sie über die Situation gesprochen, Ari und er. Ari war loyal zu seinem Land Israel, jedoch gegen die Besatzung und gegen die gezielten Tötungen politischer Gegner. Er sprach vom friedlichen Nebeneinander, auch vom Sicherheitsbedürfnis und vom Terrorismus. Als Sarah und er vor einigen Jahren die Folgen eines Anschlags auf Israelis auf der Straße miterlebten, beschlossen sie, etwas für die Verständigung zu tun. So suchten sie, als sie zurück in Deutschland waren, nach einem Dichter, der die palästinensische Seite vertrat.

Samir lief durch die Straßen in Richtung des Hotels. Er kannte den Weg nur vage. Sollte er sich verlaufen, würde er ein Taxi rufen. Der Wind war nun so stark geworden, dass sich kein Regenschirm aufgespannt halten ließ. Das Jaulen und Pfeifen um ihn herum öffnete ihn; es brachte seine eigene Realität mit sich, zog ihm die Gedanken aus dem Kopf und schleuderte sie in den wirbelnden Äther. Ein Dutzend Mal hatten sie auf der Bühne gestanden, im festen Glauben, dass das Schicksal von Palästinensern und Israelis nur durch Begegnungen zum Frieden hin gelenkt werden konnte. Aber begegneten sie sich noch? Es schien, als sei alles gesagt. Man wusste, wo der jeweils andere empfindlich war, wo er tolerant war, wo er nett und wo er schwierig war. Man hatte die politische Lage diskutiert und konnte den Standpunkt des anderen referieren. War das nicht bereits viel? Man brachte Menschen zusammen, die sich ähnlich nach einem Frieden sehnten und die lange applaudierten, wenn sie das Bild der Verständigung auf der Bühne sahen. Es gab sogar Politiker und Journalisten, die sich für das Projekt einsetzten. Samir hatte nach der Sommer-Tournee einen hundertseitigen Erlebnisbericht geschrieben und zweisprachig im Internet veröffentlicht. Thomas konnte erreichen, dass Veranstalter und weitere Künstler auf das Projekt aufmerksam wurden. Insgesamt waren es Tausende, die dieses Projekt miterlebt oder zumindest davon gehört hatten.

Als er an einem Kiosk vorbeikam, verspürte Samir einen spontanen Drang nach dem Kauf eines alkoholischen Getränks, um sich aufzuwärmen und um dieses nagende Gefühl, das sich in seinen Eingeweiden festgesetzt hatte, wenigstens für einen Moment zu überwinden. Jedes Mal, wenn er darüber nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass er akzeptieren müsse, nicht verstanden zu werden, nicht wirklich verstanden zu werden. Er war kein Einzelfall, eher handelte es sich um eine Binsenweisheit. Verstand er denn die anderen? Der Kiosk verschwand hinter ihm. Verstand überhaupt irgendjemand irgendjemanden? Sätze stiegen aus seinem Inneren hoch, Sätze aus seinen vielen Nächten. Mach dir nicht so viele Gedanken, lautete einer davon. Man muss die Leute nehmen, wie sie sind, ein anderer. Was soll man denn noch tun, ein weiterer. Mit Aggression erreicht man gar nichts, ein vierter. Man muss nach vorn schauen, ein fünfter.

Samir dachte an die Kinder in Palästina und in Israel. Hatte sich irgendetwas für sie verändert, seit die drei zusammen unterwegs waren? Oder war es im Gegenteil so, dass sie den Konflikt nur zementierten, indem sie auf der Stelle traten genau wie der Konflikt selbst? Samir wollte der Welt vorwerfen, dass sie an einem echten Frieden gar nicht interessiert und dass das der einzig mögliche Grund für Krieg war, aber er wusste, dass das schwer zu beweisen war. Alle redeten doch vom Frieden. Niemand war gegen den Frieden. Es gab nur keinen Frieden, das war alles.

Immer wieder hatte er sich in den vergangenen Jahren gefragt, warum es keinen Frieden gab, wenn doch alle ihn wollten. Wie man ihn definieren und wie man ihn erreichen konnte. Dabei kam er sich vor wie ein Störenfried. Paradox. Hatte er nun den Krieg gestört oder den Frieden? Warum konnte er Deir Yassin nicht vergessen? Warum musste er wieder und wieder auf die Vergangenheit zu sprechen kommen, auf seine und die der Gesellschaft? Erneut drangen Sätze aus seinem Inneren: Du kannst die Vergangenheit nicht ändern. Komm drüber weg! Du musst es vergessen. Du musst akzeptieren, dass es nicht immer nach deinem Willen gehen kann.

Die Altstadt lag glitzernd vor ihm. Plakate kündigten Veranstaltungen zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes an. Deutschlands Vergangenheit. Sollte er die auch vergessen? Millionen Tote. Man konnte nichts mehr dagegen tun, es war passiert. Es war nun einmal passiert. Ari meinte, dies könne man überhaupt nicht vergleichen. Bei dem einen ging es um die industrielle Ermordung einer Gruppe, beim anderen um Schlachten, die das Existenzrecht Israels betrafen. Zwar seien bestimmt Fehler gemacht worden, doch insgesamt waren Maßnahmen nötig, um den Staat Israel zu gründen und zu sichern. Samir entgegnete, dass er hier nichts vergleiche, sondern dass der Satz richtig war, nach dem man den Genozid nicht rückgängig machen konnte. Dass man heute nichts mehr dagegen tun konnte. "Man kann verhindern, dass es wieder geschieht", widersprach Ari. "Was genau?" fragte Samir nach und erhielt zur Antwort: "Dass ein solcher Völkermord wieder geschieht."

Samir rekonstruierte das Gespräch aus dem Gedächtnis. Er hatte zu Bedenken gegeben, dass es viele Formen des Unrechts gibt. Dass Völkermord sicher die schlimmste Form sei, man darüber das andere Unrecht aber nicht aus den Augen verlieren dürfe. Zum Beispiel hat der deutsche Staat damals den Besitz von Jüdinnen und Juden beschlagnahmt und zu einem großen Teil versteigert. Genaues kann man darüber aber nicht sagen, weil die Akten zu diesem Thema vom Finanzministerium unter Verschluss gehalten und anonymisiert werden. So hatte er es kürzlich in der Zeitung gelesen und ein Professor der Politikwissenschaft hat es ihm bestätigt und auf einem Symposion thematisiert. Samir kam es so vor, als ob die deutsche Position in dieser Frage das Vergessen war. Was änderte es schon, wenn man sich zu sehr damit beschäftigte? Man riss doch nur alte Wunden wieder auf. Und selbst ultra-pro-israelische Gruppen wie "Honestly Good Guys", die die halbe Friedensbewegung wegen angeblicher Tendenzen verdächtigten, interessierten sich weder für die Versteigerungen noch für die Akten.

Und mit den Vergleichen war es auch so eine Sache. Wenn man ein riesig großes Unrecht gegen ein winzig kleines Unrecht stellte, dann gab es nach den Gesetzen der Logik ein gemeinsames Element, nämlich das Unrecht. Sonst könnte jemand kommen und sagen, dass neben dem Genozid an den Juden alles andere nicht zählt. Dann würde alles andere nicht zählen und gewitzte Kriegsherren könnten das ausnutzen und im Dunkeln agieren. Daran konnte eine Gesellschaft nicht interessiert sein.

Vergessen oder erinnern? Er war hin- und hergerissen. Seine eigene Vergangenheit hing wie ein Gewicht an seinem Bein. Ihm wurde beteuert, dass es keine schlimmen Dinge in der eigenen Vergangenheit gegeben habe und wenn doch, dass dies nur bedauerlich genannt werden könne. Doch bringe es nichts, an der Vergangenheit festzuhalten und sich im Kreis zu drehen. Nur in der Nacht, da kamen die Träume. Was war das für eine Zerrissenheit mitten in dieser Normalität? Eine Spannung, die ihn manchmal fast zum Bersten brachte. Die ihn schon in Schwierigkeiten gebracht hatte. Troublemaker. Die anderen waren nicht so.

Mit der Tournee kam es nicht voran. Diesen Eindruck jedenfalls hatte Samir. Da waren Gespräche gewesen, aber es ging nicht weiter. Wohin auch weiter? Sollte er sich einbilden, den Krieg zwischen Israelis und Arabern beenden zu können? Was für ein überzogener, lächerlicher Gedanke! Welche Anmaßung! Größenwahn! Samir fühlte sich schlecht. Er konnte das, was er sagen wollte und musste, nicht richtig formulieren. Er verletzte damit die Gefühle anderer. Wie kannst du für den Frieden sein, wenn du so wütend und aufgebracht bist, fragte er sich selbst und kam zu keiner Antwort. Der Konflikt regte ihn auf, die Stagnation machte ihn wütend. "Die Besatzung meiner Familie in Nablus macht mich wütend", hatte er einst zu Ari, Sarah und Thomas gesagt und dafür Verständnis geerntet. "Verständnis", fuhr er fort, "nützt meiner Familie faktisch nicht viel." Wieder Zustimmung. "Wir finden das ebenso", meinten sie, "und es ist auch zum wütend werden, dass es immer wieder Terror-Anschläge gibt. Der Krieg muss aufhören." Ende.

Im Hotelzimmer angekommen wärmte sich Samir einige Minuten lang auf und legte die klammen Sachen ab. Im Spiegel entdeckte er ein paar überflüssige Gesichtshaare und entfernte sie mit seiner Friseur-Schere. Er sah sich vor seinen Leuten stehen, sagend, dass er glücklich sein wolle, Verständnis erntend. Und ja, sie hatten im Rahmen ihrer Welt wirklich Verständnis. Das war nicht gespielt. Es war sinnlos, sie zu enttäuschen wegen Dingen, die er nicht erklären konnte. Wegen Parallelen, die er so sah, die anderen aber abwegig schienen oder übertrieben. Wegen Kausalitäten, die andere nicht für plausibel hielten. Er machte sich - das konnte er nicht abschalten - Vorwürfe, weil er dachte, er hätte es vielleicht besser formulieren, besser vorleben, besser machen können. An diesem Punkt ging es nicht weiter, nicht im Kleinen und nicht im Großen. So hatte er derzeit weitgehend damit aufgehört, kritisch von der Vergangenheit zu sprechen. Es war ohnehin alles gesagt, man musste sich nicht ständig wiederholen. Die Phase, die darauf folgte, war ähnlich der Phase, die er in Kürze mit Sarah, Ari und Thomas erleben würde, wenn er dieselbe Strategie verfolgte. Und das würde er tun, denn er war das sinnlose Anecken leid.

Im Grunde, so dachte er, während er sich auf das Hotelbett fallen ließ, ging es sowieso nicht um die Vergangenheit. Niemand würde etwas dagegen haben, wenn jemand von seiner schönen Kindheit erzählt oder von der Vergangenheit seines Landes. Im Grunde ging es lediglich um die Kritik, wenn man aneckte.

Er wollte Sarah und Ari nicht vor den Kopf stoßen, Thomas nicht, seinen Leuten nicht, den Deutschen, Israelis und Palästinensern nicht. Gleichzeitig fühlte er die Verantwortung, Dinge zu sagen und auch zu tun, die andere nicht gerne hörten.

Und was wäre, wenn man den Leuten den Nahost-Krieg wegnehmen würde? Man würde Millionen Menschen den Feind nehmen. Diesen Anderen, der genau so war, wie wir ihn hassten. Unser Schild, mit dem wir alles Übel von uns weg projizieren konnten. Nicht wir sind das, die sind das! Man würde eine Rechtstaatlichkeit einführen und damit Millionen von Menschen lieb gewonnene Privilegien nehmen. Rassismus würde es nicht mehr geben und die Debatte um den jüdischen Charakter des Landes würde neu aufflammen, denn zwanzig Prozent der Einwohner Israels sind nicht jüdisch. Die Flüchtlingsproblematik würde wieder aufkommen. Die Besatzung würde aufgehoben und damit wären Kontakte zwischen den Gesellschaften möglich, die den Charakter des ganzen Landes neu gestalten würden. Intellektuelle von allen Seiten würden gute Gründe für die Ein-Staat-Lösung nennen. Sämtliche militärischen Allianzen müssten hinterfragt werden, die Geschichte neu geschrieben, alle würden sich verletzlich machen und niemand könnte sich mehr auf die fürchterliche Situation berufen, wenn er aggressiv wird. Auch andere Staaten nicht. Die deutsche Vergangenheit würde wieder diskutiert werden und nicht mehr gepredigt, weil man neue Antworten brauchen würde. Die ganze Infrastruktur und Verteilung, alles würde sich ändern, wenn es im Nahen Osten zur Etablierung von Völkerrecht und Menschenrecht käme. Frieden wäre eine Katastrophe!

Samir räkelte sich im Bett und sah kurz auf die Uhr. Noch Zeit. Seit ein paar Wochen hatte er einen neuen Job, er baute eine Textabteilung in dem kleinen Betrieb eines Freundes auf. Gesellschaftlich veränderte das viel für ihn. Er war wieder in den Kapitalismus integriert und fand das einen Versuch wert. Die Leute waren nicht so schnell abgeschreckt, wenn man eine Arbeit hatte, die sie verstehen konnten. Das war viel wert. Wenn ein Armer für den Frieden in Nahost wirbt, hören ihm viel weniger zu als wenn ein Reicher das tut. Natürlich, Qualität setzt sich irgendwann durch, das ist klar, aber Werbung kostet Geld und ohne Werbung in der einen oder anderen Form glaubt es sowieso keiner. Ohne Geld glaubt es keiner. Kein Glaube ohne Geld. Wir glauben an Geld. Für die Veranstaltung heute Abend gab es eine Gage, das hatte Thomas ihm vorhin erzählt. Durfte man als Friedenskünstler Gagen nehmen? Wovon soll so einer leben? Wie wichtig ist der? Und wie wichtig wird er genommen, wenn er kein Geld hat, um sich ein anständiges Auto zu kaufen?

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Samir konnte nicht davon lassen, weil er im Kleinen das Große sah. Das Kleine, das waren all die Familienkonflikte, die individuellen Kontrolldramen. Jahrelang hatte er das studiert, denn er wollte es verstehen. Tief ins Unterbewusste war er dabei gereist. Das Große war im Land mit der Hauptstadt Jerusalem. Seit Jahrzehnten. Das Große war auch in der ganzen Welt, es war überall gleich, immer derselbe Konflikt. Dieselben Muster, dieselben Ursachen und Wirkungen auf unterschiedlichen Ebenen. Nicht überall mit Blut, nicht überall mit Toten. Aber überall mit Verdrängung und Vergessen, mit Sprachlosigkeit und Träumen, der Unfähigkeit, mit Schuld und überhaupt mit Gefühlen umzugehen, mit Rechtfertigungsstrategien und Bewusstseinsblockaden, mit reflexhafter Negation von Alternativen, mit methodischen Mechanismen und dogmatischen Normalitäten.

Andererseits: Was, wenn man den Leuten all dies nehmen würde? Samir lachte. Sicherlich würden einige Dinge aus den Fugen geraten. Die Familien würden ihre Struktur verändern. Freiwillige vor! Das Wort "Realität" würde keinen Deutungsmonopolen mehr zum Opfer fallen. Ebenso das Wort "Normalität". Samir lachte wieder. Er stellte sich die Verwirrung vor, wenn einiges von dem, was als normal galt, nicht mehr normal war. Er grübelte nach einem völlig unnormalen Satz. "Um das Nahostproblem zu lösen, brauchen wir ein neues, ein zeitgemäßes Familienbild." Irreal, surreal.

Für seine eigene Situation fand er keine Lösung. Sollte er zum Beispiel weiterhin mit den beiden auf der Bühne stehen? Bedeutete das etwas? Bedeutete ihm das etwas? Zu einem Nein konnte er sich nicht durchringen, zu einem überzeugten Ja auch nicht. Er nahm das Handy und rief Halima an. Halima war Ärztin und brachte unter anderem israelische und palästinensische Kinder in Deutschland zusammen. "Bleib dabei!" Er hörte die sanfte Frauenstimme mit dem palästinensischen Akzent. "Wir müssen präsent sein und zeigen, dass ein Boden für Begegnungen da ist." Sie klang unbeirrt. Samir zweifelte. Er wusste zwar, dass man die Veränderungen, die man sich wünschte, selbst herbeiführen musste, doch tat er das? Und was konnte er anderes tun? Warten? "Warten ist nicht immer falsch" sagte Halima, bevor sie auflegte.

Hinter der Bühne stand Ari, der israelische Pianist. Stimmen aus dem Publikum drangen gedämpft durch den Vorhang. Samir verzog das Gesicht. "Also, ich bin bereit, in der nächsten Zeit bei dem Projekt zu bleiben. Du kannst die entsprechenden Zusagen machen." Ari schaute ihn an und deutete eine Bewegung an, die man normalerweise auf dem Fußballfeld nach einem gewonnenen Spiel machte. "Kennst du den Spruch: Handeln ohne Streit?" fragte Samir. "Glaubst du das geht?" Ari wusste es nicht. Samir auch nicht. Vielleicht würden sie die Leute auf der anderen Seite des Vorhangs fragen.

ENDE DES ERSTEN TEILS


Weiter in Teil 2: "Opfer, die zu Tštern wurden"

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