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Das strukturelle Tabu (2)
Anis Hamadeh, September 2005

Im Kommentar "Das strukturelle Tabu" habe ich argumentiert, dass sich der mangelnde Frieden im Nahen Osten auf ein strukturelles Tabu zurückführen lässt. Dem liegt der Gedanke zu Grunde, dass das Israel-Tabu strukturell das Eltern-Tabu ist, ebenso das Gottes-Tabu, das Lehrer-Tabu, das USA-Tabu etc. In diesem Artikel möchte ich den Gedanken vertiefen und um den Aspekt der Identität erweitern.

Über das Eltern-Tabu schreibt ausführlich Alice Miller in ihren Büchern, z.B. in "Das Drama des begabten Kindes" und "Am Anfang war Erziehung". Ihre Werke gehören mittlerweile unumstritten zu Standardwerken der Psychologie. Ihre Hauptthese ist, dass es eine Kette der Gewalt gibt, die von Eltern auf Kinder übertragen wird, wobei das Kind elterliche Gewalt verdrängen muss, weil es auf die Zuwendung angewiesen ist. Wenn es eigene Kinder hat und sich von der Idealisierung der Eltern nicht lösen kann, wird es unbewusst die erfahrene Gewalt als Normalität an die nächste Generation und/oder sonstige Schwächere weitergeben. Im Kapitel über die Presse in "Abbruch der Schweigemauer" macht Frau Miller deutlich, dass die Presse und damit die Öffentlichkeit dieses Phänomen zwar im Allgemeinen anerkennt, sie aber dennoch auf Distanz bleibt. Es wird deutlich, dass die Presse Frau Millers Thesen zwar nicht argumentativ widerlegen kann oder auch will, sie sie aber so hart und konsequent nicht hören will, weil dies eine Konfrontation mit dem eigenen Ich bedeutet. So kommt es zu Reaktionen wie der, dass ihre Thesen zuweilen als "zu einfach", ja sogar "zu überzeugend" abgetan werden.

Ich kann aus meiner Erfahrung bestätigen, dass die Gesellschaft mit dem Thema familiäre Gewalt trotz seiner Relevanz nach wie vor große Schwierigkeiten hat, sowohl auf der persönlichen als auch auf der politischen Ebene. Mir sind Dutzende von Fällen bekannt, in denen Leute ihre eigenen Kindheitstraumen verdrängen und somit auf diesem Auge blind sind. Typische Symptome sind das Weghören beim Thematisieren von familiärer Gewalt, Leugnung der eigenen Identität durch Überidentifizierung mit Beruf und umgebenden Gruppen, Leugnung bzw. Herunterspielen der Ähnlichkeiten zwischen familiären Strukturen und denen anderer Gruppen, Suchtverhalten oder Rationalisierungen durch stereotype Argumentationshülsen wie: "Sollte man nicht versuchen, den Eltern zu verzeihen?", "Es haben immer beide Seiten Schuld", "Man kann die Vergangenheit nicht ändern", "Schwarzweiß-Malerei hat keinen Sinn" etc. Das Überwinden von Kindheitstraumen, die in unseren Gesellschaften durchaus keine Ausnahme-Erscheinungen sind, macht es notwendig, den verdrängten Schmerz der Kindheit zu fühlen, ihn somit aus der Abspaltung zurückzuführen, zu erkennen und bewusst zu machen. Dies ist nur mit einer Begleitung möglich, die sich ganz auf die Seite des (damaligen) Kindes stellt und seine Realität voll anerkennt. In vielen Fällen ist eine professionelle Psycho-Therapie sinnvoll, wobei allerdings die Praxis zeigt, dass Wartezeiten von zwölf Monaten keine Seltenheit sind.

Der parallelen Ebene des Nahostproblems ist implizit, dass die Gewalt der Nazis an den Juden auf ähnliche Weise von der Opfergruppe verdrängt werden musste wie die Gewalt von Eltern an Kindern. Die Stereotypisierung von Juden als Opfer bis in die heutige Zeit legt nämlich nahe, dass es eine wirkliche Vergangenheitsbewältigung nicht gegeben hat. Obwohl der Staat Israel nicht in seiner Existenz bedroht ist, agiert er so und wird vom größten Teil der Weltöffentlichkeit in diesem Verhalten bestätigt. Die "ewige Opferschaft der Juden" wird sogar zunehmend in Ritualen, Schul-Curricula etc. gepflegt und als Erinnerung und Gedenken an den Genozid umgedeutet. Die tägliche Gewalt, die die Palästinenser in diesem Zusammenhang erfahren, wird folglich verdrängt und als Verteidigung konzeptionalisiert. In diesem Fall ist es nicht sinnvoll, das Leiden der Palästinenser durch eine Psycho-Therapie zu behandeln, da es sich um aktuelle und wiederkehrende Gewalt handelt.

Ebenso lässt sich argumentieren, dass ein Mensch, der ein Kindheitstrauma hat, dem aber weiterhin von der Familie Gewalt angetan wird, nur bedingt durch eine Psychotherapie geheilt werden kann. Er kann sich allerdings als erwachsener Mensch von der Familie trennen. Sofern er die Trennung von der Familie und die Ursachen dafür nicht verheimlicht, wird er aber auf neue Widerstände stoßen, besonders dann, wenn dieser Mensch die politische Dimension der Situation thematisiert. Um diesen Fall zu erläutern, sei im folgenden das fiktive Beispiel eines Künstlers herangezogen, der ein schweres Kindheitstrauma hat(te) und gleichzeitig palästinensische Wurzeln.

Nehmen wir an, dass dieser Künstler etwa zwanzig Jahre gebraucht hat, um sein kreatives Potenzial aus dem Trauma heraus zurückzugewinnen. Dies ist ein durchaus realistischer Zeitrahmen. Als Künstler, zum Beispiel als Schriftsteller, Dichter, Musiker, Maler, wird er naturgemäß seine Erkenntnisse aus der Auseinandersetzung mit den Kindheitstraumen kreativ verarbeiten und - wie es sein Beruf natürlicherweise mit sich bringt - in die Gesellschaft tragen und nicht verheimlichen (können). Dabei wird er den politischen Aspekt familiärer Gewalt auf gesellschaftlicher Ebene ebenso sehen wie die Parallele in der deutsch-israelischen Geschichte und beides zu kommunizieren versuchen. Voraussichtlich wird er aber in diesem Versuch scheitern, egal, wie gut er sich auszudrücken vermag, denn wie oben bereits gesehen, geht die Kommunikation nur so weit, wie sie den jeweiligen Rezipienten zumutbar erscheint bzw. so weit, wie sie die Situation mit ihren eigenen Verdrängungen überhaupt zu sehen in der Lage sind.

Dies geschieht unabhängig von der Stichhaltigkeit der Argumentation im Falle von argumentativer Kunst wie Prosa/Essayistik und unabhängig von der Beweiskraft der inspirierten ästhetischen Wahrheit im Fall von Dichtung, Malerei, Musik etc. Da nun der Beruf des Künstlers per Definition mit der Identität des dahinter stehenden (Privat-)Menschen verbunden ist, wird er voraussagbar nur schwerlich in der Lage sein zu überleben. Die Möglichkeit der Verdrängung steht ihm nicht (mehr) zur Verfügung, sobald er sein Trauma verstanden hat, denn man kann nicht vom Zustand des Wissens zum Zustand des Nicht-Wissens zurückkehren. Außerdem ist die Verdrängung unnatürlich und der freien Inspirationssuche, also in der Kunst, also in seinem Beruf und in seiner Identität, hinderlich. Jede Verdrängung als Überlebens-Strategie zerstört auf mittlere bis lange Sicht die Identität des Künstlers und damit des dahinter stehenden Menschen. Es ist einzig möglich, den Schmerz durch Medikamente zu unterdrücken, aber auch dies kann nur über einen gewissen Zeitraum funktionieren.

Er ist nun ständig konfrontiert mit der Tatsache, dass seine Umwelt sowohl die individuellen Kindheitstraumen als auch die politische Dimension familiärer Gewalt als auch die außenpolitische Ebene im Nahen Osten und anderswo verdrängt und leugnet. Daran kann auch eine Therapie nichts Grundsätzliches ändern, weil es nur sehr bedingt um die Gewalt aus der Vergangenheit geht. Vielmehr sieht er die aktuelle Gewalt vor dem Hintergrund seines Wissens, wodurch auch die Realität des ehemaligen Traumas letztlich nicht anerkannt und in die Gegenwart zurückgeholt wird. Obwohl dieser Künstler also wichtige Impulse und Anhaltspunkte nach außen tragen mag, wird er nicht lange bestehen können und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass auch er und sein Werk verdrängt werden und er sich in einer Isolation wiederfindet, die er zwar deutlich formulieren können mag, die aber nicht leicht aufgelöst werden kann. Dazu kommt der Umstand, dass ein solcher Mensch hin- und hergerissen sein wird zwischen der Erhaltung der eigenen Existenz und der Schonung seiner Umwelt, da es ihm darum geht zu überleben und nicht darum, Schuldgefühle zu verursachen und sich zu isolieren. Er ist also, zugespitzt gesagt, in der Situation, etwas sagen zu müssen, was er nicht sagen darf.

Man könnte nun meinen, dass zumindest die Palästinenser in ihrer substanziell gefährdeten Situation ein echtes Interesse an den Ursachen der Gewalt haben müssten, der sie ausgesetzt sind, aber dies ist bislang nicht der Fall, weil das Familien-Ethos in Palästina noch stärker ist als in westlichen Gesellschaften. Unzählig sind die Fälle von Gewalt an Kindern und Schwachen innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Fast unbekannt ist dort Alice Miller. Vielmehr dient der strafende Gott aus Koran und Bibel sehr vielen Vätern und Autoritätspersonen als Vorbild für ihr eigenes nicht zu hinterfragendes gewalttätiges Verhalten. Der erwähnte nicht verdrängende, aber beteiligte Analyst wird also besonders dort auf Unverständnis stoßen, wo er am Nützlichsten wäre.

Dieses Phänomen der strukturellen Unverstandenheit, die leicht zum Ende der psychischen und physischen Existenz dieses Künstlers führen kann, kann von der Gesellschaft nicht ohne weiteres wahrgenommen werden. Eher wird es in der Wahrnehmung der Außenwelt so aussehen, dass der Künstler zu schwach war, um seine privaten Familienverhältnisse zu überwinden oder dass er sich aufgrund seines exzentrischen Künstler-Seins selbst von der Gesellschaft isoliert und damit a-sozial gemacht hat. Letzteres Argument wird begünstigt durch die ambivalente Kunst-Auffassung der Gesellschaft, manifest in Sätzen wie "Künstler leiden eben" oder "Künstler werden nun einmal meistens nicht verstanden", insbesondere sofern mit dieser Kunst kein Kapital als Beweismoment angeführt werden kann. Der physische Untergang eines solchen Menschen ist nur zu verhindern, wenn ein relevanter Teil der Gesellschaft ihn versteht und ihm einen Platz zugesteht, wo er wahrgenommen werden und ohne Selbstverleugnung leben kann. Dies ist in der jetzigen Situation zwar nicht unmöglich, aber kaum anzunehmen. Die Gründe des Untergangs mag er vielleicht vermitteln können.

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