home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   my journalism   the other news
Das Argument der Unvergleichbarkeit
Anis Hamadeh, 20.06.2006

Wenn es um Palästina geht, habe ich schon manches Mal von gut meinenden Mitbürgern ein Kopfschütteln bekommen. Ich solle mich da nicht so reinsteigern... Man könne doch nichts ändern... Ich solle an meine Gesundheit und an meine Karriere denken. In Deutschland werde es erst in vielen Jahren möglich sein, über bestimmte Dinge zu sprechen.

Schwer zu vermitteln ist die Verantwortung, die Menschen fühlen, denn Gefühle sind allgemein schwer zu vermitteln. Wenn ich über Palästina spreche, dann nicht in erster Linie, weil ich palästinensische Wurzeln habe, sondern weil ich Deutscher bin. Es gibt für mich keine Möglichkeit, den autoritären Staat zu dulden, weil ich Deutscher bin. Der autoritäre Staat führt zu Leid und Elend, er hat im Extrem den deutschen Faschismus hervorgebracht. Alice Miller hat in Ihren Büchern plausibel analysiert, dass es menschliche Mechanismen sind, die den Faschismus gebären. Die Verleugnung des Individuums, die Hierarchie, der Rassismus, Militarisierung, Ausbeutung, die traumatische Übertragung von Gewalt.

Noch immer wird hier zu Lande argumentiert, dass man die Nazigräuel mit nichts vergleichen kann. Der industrielle Massenmord, das war unvergleichlich deutsch. Wie vermessen und eigensüchtig, so etwas zu behaupten! Die Wannsee-Konferenz war 1942, nicht 1933 oder noch früher. Irgendwo hat es angefangen, bis es zur Entscheidung kam, die Juden systematisch zu vergasen. 1942 war die Nazimacht bereits sehr groß. Die Behauptung, dass der deutsche Massenmord an den Juden unvergleichlich war, schützt also die damalige Gesellschaft. Sie hätte es niemals ahnen können, wenn es sich um etwas handelt, das mit nichts zu vergleichen ist. So leicht wollen wir es uns aber nicht machen.

Der offene Rassismus gegen Juden war früher deutlich, lange vor der Reichskristallnacht 1938. Wikipedia sagt, die Reichskristallnacht stelle den Übergang dar "von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, die knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden mündete." Es ist notwendig zu verstehen, dass dies gesellschaftliche Mechanismen sind, und nicht nationale Eigenarten oder solche von bestimmten Gruppen.

Die Ausblendung des palästinensischen Leids in meiner deutschen Gesellschaft erinnert mich frappierend an die Verdrängung des jüdischen Leids in Deutschland während des Faschismus. Ich denke zum Beispiel an den Film "Aus einem deutschen Leben" (1977) mit Götz George, in dem diese bedrückende tägliche Wohnzimmer-Normalität stattfindet, während nebenan Menschen gequält werden. Auch jetzt während der Fußball-Weltmeisterschaft denke ich: Die Deutschen (können ohne weiteres) wissen, dass in Palästina Menschen unterdrückt und getötet werden und sie können sich schon zusammenreimen, dass da auch Rache an Hitler eine Rolle spielt. Immerhin wurden bislang sämtliche palästinensische Führungen mit Hitler verglichen und die palästinensische Gesellschaft mit den Nazis. (Da hört die Unvergleichbarkeit erstaunlicherweise auf.)

Die deutsche Öffentlichkeit sagt aber nichts dazu. Sie sagt nicht: Moment mal, die Nazis, das waren wir. Lasst doch die Palästinenser in Ruhe. Nein, die deutsche Öffentlichkeit ist froh, dass sie so ein gutes Verhältnis zu Israel hat. Der offene Rassismus der Zionisten stört dabei überhaupt nicht. Die Gaskammern, das war schlimm, alles andere ist egal. Der letzte Politiker, der bei uns Israel kritisiert hat, war Herr Möllemann. Bis heute ist sein Name noch stärker tabu als das Wort "Zionismus".

Der Journalist einer konservativen Zeitung hat mir einmal geschrieben, dass es in Deutschland gar nicht mehr zum Faschismus kommen könne, weil wir ja eine freie Presse haben. Er vergaß zu erwähnen, dass die Presse gleichzeitig eine Verantwortung gegenüber unseren Bündnispartnern zu erfüllen hat.

Niemand in Deutschland oder in Israel wird sagen können, er habe nichts gewusst. Die täglichen und eskalierenden Menschenrechtsverletzungen der Israelis gegenüber den Palästinensern sind seit Jahren und Jahrzehnten offensichtlich. Wenn es zu dem Punkt kommt, an dem die Situation von der Diskriminierung und Ausgrenzung zur systematischen Verfolgung einer Gesellschaft übergeht, dann wird niemand glaubwürdig sagen können, er habe nichts gewusst. Trotz aller Desinformation der Medien und der Politiker, die "Israel beschützen" wollen und sich mit dem Terrorismus-Argument und dem Islam-Argument lächerlich machen. Sie bestätigen nur, dass der Zweite Weltkrieg in den Köpfen andauert und von denselben Köpfen übertragen und weitergeführt wird. Gelernt? Warum lernen aus dem Unvergleichlichen? Es kommt ja sowieso nicht wieder.

Niemand kann mit dem Argument der Unvergleichbarkeit der Nazigräuel seine Mitschuld an der palästinensischen Tragödie verringern. Niemand in Deutschland wird sagen können: Wir haben so eine große Schuld auf uns genommen, da ist die kleinere nicht der Rede wert.