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Offener Brief an das Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg
Anis Hamadeh, 07.06.07

Betrifft: Ihre Stellenausschreibung

Sehr geehrter Herr Vahldieck,
Sehr geehrte Damen und Herren,

auch der muslimische Teil der deutschen Bevölkerung möchte, dass wir ohne Terror leben können und hat daher prinzipiell Verständnis für Ihre Arbeit in diesem Bereich. Nicht nur das, man kann davon ausgehen, dass Muslime und Migranten ihre aktive Hilfe anbieten, da es uns alle betrifft.

Beim Lesen Ihrer Stellenanzeige (siehe unten) kann einem dennoch mulmig werden. Sie beobachten "den Islam" im In- und Ausland und suchen jemanden, der Ihnen etwas über die "Auswirkungen des Islam auf die deutsche Gesellschaft" erzählt. Was mögen Sie da hören wollen? Ich frage mich das als ausgebildeter Islamwissenschaftler (Magister: Sehr Gut). Ihr Mitarbeiter soll, so schreiben Sie, "die Tätigkeit des Amtes fachwissenschaftlich untermauern", er soll Ihre Arbeit also bestätigen.

Nun ja, werden Sie sagen, "der Terror" kommt nun mal von "den Muslimen". Nicht von allen, aber eben doch von "denen". Deshalb müssen wir, gerade in Hamburg, wo es eine 9/11-Terrorzelle gegeben hat, in diese Richtung misstrauisch und wachsam sein. In diese Richtung ... Es steckt durchaus eine Logik hinter einer solchen Phänomenologie, aber vor allem - so sehe ich es - eine Gefahr, weil durch die "Wir-Nichtmuslime/Die-Muslime"-Dichotomie eine gesellschaftliche Trennung vollzogen wird, die künstlich ist und nicht den gesellschaftlichen Gegebenheiten entspricht.

In den letzten Jahren haben westliche Länder mit mehr oder weniger deutlicher offizieller deutscher Unterstützung und dem Argument der Terrorbekämpfung mehrere arabische und muslimische Länder (sowie Gruppen und Einzelpersonen) rechtswidrig angegriffen und zu ihrer Zerstörung beigetragen: Palästina, Irak, Afghanistan, Libanon. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ist gegen diese Gewalttaten und es scheint ihr offensichtlich, dass dadurch nur noch mehr Terror erzeugt wird, weil neue Ungerechtigkeiten vor allem gegen Zivilisten geschehen.

Noch weniger Verständnis für diese Politik haben logischerweise Araber und Muslime, die direkter davon betroffen sind. Das gilt selbst noch für Migranten in Deutschland, die Verwandte und Freunde in der Region haben. Fragt man diese Migranten, werden viele erklären, dass der Terror wohl aufhören wird, wenn die Ungerechtigkeiten aufhören. Die Besatzung in Palästina zum Beispiel. Jeden Tag werden bei uns Nachrichten verschwiegen und dann wundert man sich, wenn es Unruhe gibt. Heute ist es die Nachricht, dass 100 neue Wohnungen in den illegalen jüdischen Siedlungen in Palästina gebaut werden. Viele Deutsche, Muslime wie Nichtmuslime, unterstreichen diese gut nachvollziehbare Argumentation. Warum zum Beispiel darf Israel Atomwaffen haben, während der Iran, der im Gegensatz zu Israel den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hat, auf der Abschussliste steht? Und warum darf Herr Bush mit Gewalt internationale Gesetze brechen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden? Bis heute gibt es Guantanamo und die westlichen Länder protestieren nicht, als wollten sie die USA schützen anstatt das Gesetz zu schützen. Das verstehen wir nicht und sehen eine ungerechte Doppelmoral. Uns - und ich sage jetzt mal "uns", weil ich mich mit anderen angesprochen fühle - DESHALB misstrauisch zu beäugen, ist doch recht absurd.

Statt sich um einen sozialen Ausgleich zu bemühen und den Ursachen des Terrors den Boden zu entziehen scheinen die westlichen Staaten und Öffentlichkeiten eine Verschwörungstheorie zu bevorzugen, in der es ein Netzwerk böser Terroristen "aus dem Islam" gibt, das den Westen aus niederen Gründen in seiner Existenz zerstören will und das so mächtig ist, dass es ihm sogar gelingen kann. Ohne dabei Einzelpersonen und Gruppierungen zu verharmlosen, ist die Theorie nüchtern betrachtet nicht im Entferntesten haltbar.

Aus diesen Gründen wird die politische Einteilung der Gesellschaft in Muslime und Nichtmuslime zu einer Mauer, ähnlich der in Palästina. Diese politische Einteilung kommt von der Seite der westlichen Staaten und Öffentlichkeiten, sie kommt nicht von den Migranten-Verbänden. Es gibt, so glaube ich, tatsächlich Parallelgesellschaften, worüber zu sprechen ist, doch bleiben die weitgehend in der Subkultur und sie haben nicht den politischen Anspruch, die allgemeine Ordnung zu bestimmen.

Mir ist klar, dass Sie meinen Worten nicht allzu viel Beachtung schenken werden, weil sie mit den "Fakten des Terrors" beschäftigt sind und nicht mit langweiligen Diskussionen. Dennoch möchte ich Ihnen mitteilen, dass Sie durch Ihr Anliegen Bürger wie mich abschrecken. Sie werden für Ihren neuen Mitarbeiter und sein Umfeld Sicherheitschecks durchführen, weil sie misstrauisch sind, und betonen das in Ihrer Annonce. Haben Sie einmal darüber nachgedacht, dass Sie selbst Misstrauen erwecken könnten? Geht es Ihnen wirklich darum, Gewalt zu verhindern oder wollen Sie nur Ruhe im Karton, damit alles so bleibt, wie es ist? Fühlen Sie sich der Verfassung verpflichtet oder politisch-ökonomischen Interessengruppen?

Es ist eine bedauerliche Entwicklung zunehmender Intoleranz und der Aushöhlung der Bürgerrechte im Gang in unserem Land. Dass das zu Frieden und Sicherheit führt, glauben die wenigsten. Der Verfassungsschutz ist jedenfalls nicht die einzige Instanz, die sich Frieden und Sicherheit wünscht, das möchte ich in diesem Brief ausgedrückt wissen. Keine Gegnerschaft, denn es ist auch mein Land und mein Verfassungsschutz.

Mit freundlichen Grüßen,
Anis Hamadeh

PS: Für fachliche Einzelfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich jederzeit zur Verfügung.

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Stellenausschreibung: Islamwissenschaftler (m/w), Landesamt für Verfassungsschutz, Hamburg

Freie und Hansestadt Hamburg, Behörde für Inneres, Landesamt für Verfassungsschutz sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen Islamwissenschaftler (m/w)

Ihre Aufgaben:
* Auswerten von Informationen über "Beobachtungsobjekte" des Verfassungsschutzes, unter Anwendung der fachspezifischen Auswertungsmethodik
* die operative Tätigkeit des Amtes fachwissenschaftlich untermauern
* die ideologischen und politischen Entwicklungen in islamischen Ländern beobachten
* Auswirkungen des Islam und des Islamismus auf die deutsche Gesellschaft analysieren
* Mitarbeit in verschiedenen Projekten (z.B. Radikalisierungsprozesse in HH, in nationalen und internationalen Netzwerkstrukturen)
* fachbezogene Vorträge und Schulungen vorbereiten und durchführen

Ihre Qualifikation:
* abgeschlossenes Studium der Islamwissenschaften, möglichst mit Berufserfahrung in einer Sicherheitsbehörde oder einer anderen öffentlichen Verwaltung
* fundierter Überblick über diverse Strömungen im Islam und insbes. im Islamismus
* Kenntnisse der historischen, religiösen und gegenwärtigen politischen Situation in den islamischen Ländern
* gute Kenntnisse der arabischen Sprache in Wort und Schrift
* gute Kenntnisse der englischen Sprache
* Teamfähigkeit, ausgeprägtes analytisch-konzeptionelles Denken und Urteilen, differenziertes mündliches und schriftliches Ausdrucksvermögen

Wir bieten Ihnen:
* einen interessanten, abwechslungsreichen und dauerhaften Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst
* Bezahlung nach Entgeltgr. 12 (bzw. III BAT), mit der Perspektive der Eingruppierung nach E 13 (bzw. IIa BAT)

Voraussetzung für die Einstellung ist der positive Verlauf einer Sicherheitsüberprüfung, unter Einbeziehung einer evtl. vorhandenen Lebenspartnerin bzw. eines Lebenspartners.

Weitere Auskünfte erhalten Sie unter der Tel.-Nr: ... Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen senden Sie bitte bis 26.06.07 an das Landesamt für Verfassungsschutz, Personalreferat, ... Hamburg.

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