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Das deutsche Friedenslager und israelische Gewalt
Von Anis Hamadeh, 31.08.2009

Es gibt kaum eine Friedensorganisation in Deutschland, die sich klar und konsequent zu den Menschenrechten und zu internationalem Recht bekennt, wenn es um Israel geht. Ich spreche hier nicht über die Mainstream-Medien und ihre fast vollständig fehlenden Erwähnungen von rechtlichen Aspekten im israelischen Krieg gegen Palästina. Liest man www.theheadlines.org, denkt man, man sei in einer anderen Welt. Und das ist wohl auch so ...

Nein, ich spreche über Gruppen wie Attac. Die meisten Mitglieder möchten, dass die Menschenrechte für alle gelten, selbst für Palästinenser, aber man wird immer einige Alphas finden, die die Antisemitismuskeule schwingen, um Leute zum Schweigen zu bringen. Im Fall von Attac habe ich die entscheidende Phase 2004 miterlebt und selbst erfahren, wie einige Leute mit rassistischen Vorurteilen pro Israel jegliche konsequente Kritik an Israel unmöglich machen. (1) Das Dogma von Israels "Existenzrecht" steht im Vordergrund, es ist eine Chiffre für unbeschränktes Handlungsrecht, inklusive Tötungen, Landdiebstahl etc., denn eine Verurteilung israelischer Handlungen kommt in größeren deutschen Gruppen NIEMALS vor.

Sogar in streng antimilitaristischen Kreisen findet man diese Topoi, die israelische Gewalt verharmlosen, tolerieren und unterstützen. So auch der Topos der "zwei Seiten": "Beide Seiten müssen die Gewalt beenden und sich für den Frieden einsetzen." Beide Seiten? Gemeint sind hier "die Terroristen" und Israel, aber die Terroristen zuerst. In Wirklichkeit gibt es nur eine Seite und das ist Israel mit seinen Soldaten. Sie haben die Waffen, sie haben eine Armee, Milliarden von Militärdollars und einen Hunger auf Land und Rohstoffe. (Deshalb ist die Mauer nicht auf der Grenze, sondern schneidet zum Teil tief in palästinensisches Territorium.) Auf der anderen "Seite" steht die palästinensische Bevölkerung, im Wesentlichen unbewaffnet. Jede Friedensorganisation weiß, dass Unterdrückung und Besatzung zu Widerstand und auch Terror führen. Es ist eine Binsenweisheit, die zum Beispiel im Irak und in Afghanistan deutlich ist. Nur bei Israel sind die Leute aus mysteriösen Gründen nicht bereit, diese einfache Wahrheit anzuerkennen. Oh nein, sagen sie, dieser Terror kommt vom Antisemitismus, nicht von der Besatzung. Und bevor die Israelis zuschlagen, gibt es da immer einen palästinensischen Angriff, sagen sie, ob dies nun wahr ist oder nicht (es ist nicht wahr).

Es erfordert enorm viel Energie, den Statur Quo aufrecht zu erhalten, weil so viele Fakten immer wieder neu verbogen werden müssen. Mit dem Topos "Man kann und darf die Toten und die Gewalt nicht gegeneinander aufrechnen" etwa verwischt man die Verhältnismäßigkeiten und die Schuldfrage völlig, ebenso wie mit "Beide Seiten leben in Angst." Oder das beliebte "Es hat nie einer allein Schuld", was ebenfalls jegliche Gewalt relativiert. Dann gibt es noch "Wir Deutsche können sowieso nichts machen" und einige weitere Dummschwätzereien, die den Diskurs bestimmen. Vieles stammt von Grünen-nahen Gruppen, die Krieg und Mord seit dem Kosovokrieg mit "Nie wieder Auschwitz" etc. rechtfertigen. Die meisten, die solche hohlen Phrasen äußern, waren nie in Palästina und haben keine Ahnung, wovon sie reden. Man projiziert Nazideutschland auf die Situation und spricht über diese Projektionen, anstatt die Augen aufzumachen. Das ist Deutschland: eine narzisstische Nation, die auf Kosten von Palästinensern, Muslimen und Arabern ihre Vergangenheit beäugt.

Nach dem Angriff auf Gaza haben Gruppen wie die Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen" (DFG-VK) die Tötungen relativiert. Ich spreche von der Gruppe Kleve und der Gruppe in der Stadt, in der ich lebe, Mainz. Sie posteten etwas, das "Solidarität? Natürlich! Aber mit wem?" heißt (2) und das noch immer online ist. Das Stück wird am Schluss als ein Zitat aus "Graswurzelrevolution Nr. 336, Februar 2009, www.graswurzel.net" identifiziert, einer renommierten Friedensplattform. Beide - DFG und Graswurzelrevolution - gehörten zu meinen bevorzugten Friedensgruppen.

In der Einleitung ist die Rede von den "kriegführenden Parteien", was suggeriert, dass die Hamas die Absicht hatte oder sogar damit begonnen hat, einen groß angelegten Krieg mit Israel zu provozieren, was großer Unsinn ist. (3) Tatsächlich handelt es sich dabei um israelische Propaganda. Der Artikel fährt damit fort, meinen Freund Jamal Karsli zu denunzieren, der sich seit Jahrzehnten für die Menschenrechte einsetzt, viele Jahre in der Grünen Partei. Er wurde aus der deutschen Politik gemobbt, weil er Israel kritisiert hatte. In diesem Artikel wird er "bekennender Antisemit" genannt, weil er eine Demo organisiert hat, auf der er sagte, er sei solidarisch mit der gewählten Hamas insofern es sich dabei um einen Teil der palästinensischen Gesellschaft unter einem israelischen Angriff handelt. Man kann das diskutieren, was wir aber hier finden ist eine Verzerrung und einfache Denunziation: etwas, das JEDER erfährt, der in Deutschland Israel kritisiert (eine Tatsache, die vom Mainstream bestritten wird, die aber leicht nachzuprüfen ist. Vergleiche zum Beispiel die derzeitige "Debatte" über Felicia Langer).

Unter der Überschrift "Genaues Hinsehen ist notwendig" findet man dann: "Der israelische Kriegseinsatz ist der vorläufige grauenhafte Höhepunkt einer Eskalation ge­genseitiger Provokationen mit kalkuliertem Terror gegen die jeweilige Zivilbevölkerung (Ra­ketenbeschuss durch die Ha­mas auf israelische Siedlungen und Städte, israelische Blockade des Gazastreifens mit Unterbindung der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern für die palästinensische Bevölkerung). Wachsender Hass und Radikalisierung auf israelischer und palästinensischer Seite waren vorprogrammiert." - Das Raketenfeuer kommt vor der Blockade, das ist eine Regel des Dogmas, das besagt, dass Palästinenser immer mit dem Ärger anfangen. Es genügt, bis hierher zu lesen, die Tendenz wird klar. Derart unterstützt dieser Text israelische Gewalt, indem er nämlich über die Ursachen schweigt. Der Artikel fährt fort mit dem Mythos der "beiden Seiten" und schon gibt es keine klaren Täter mehr: Alle sind irgendwie schuldig, beide Seiten haben Fehler gemacht.

Kürzlich hat die DFG Hessen eine Email über Israel/Palästina herumgesandt, die Ankündigung einer Veranstaltungsreihe namens "Israel/Palästina - Barrieren überwinden" mit vielen "Friedensgruppen": der DFG, amnesty international und vielen anderen. Der Text beginnt mit: "Gazakrieg -- Kassam-Raketen ..." (eigentlich kann man hier bereits aufhören zu lesen, aber nur um sicher zu gehen:) "Gazakrieg -- Kassam-Raketen mit einem Dutzend Opfer in Israel, Einmarsch israelischer Truppen mit 1.400 Toten auf palästinensischer Seite: Immer wieder eskaliert der israelisch-palästinensische Konflikt. Kriege, Provokationen und Konfrontationen der Hardliner auf beiden Seiten sorgen für eine weitere Verschärfung und Polarisierung in den Gesellschaften Israels und Palästinas." Wer wenig über die Sache weiß wird das so verstehen, als ob da Raketen waren und danach eine Vergeltung. Die Palästinenser haben also angefangen. Es ist ein Dogma, es gibt keine Fakten, um zu dieser Folgerung zu kommen.

Wie wohl kann man sich in einem Land fühlen, in dem sogar die Friedensgruppen Tatsachen verzerren und damit eine brutale Armee unterstützen? Es handelt sich um Leute, die sagen, sie seien gegen Kriege. Aber nein, das sind sie nicht. Sie sind Teil der Kriegsmaschine, wenn es um Israel geht. Es ist nicht die gesamte Gruppe, es sind Einzelne, die toleriert werden, aber so ist es immer. Der Rest der Gruppe ist zu schwach oder zu feige, um sich dagegen zu stellen. Bei solchen Friedensorganisationen brauchen wir keine Kriegstreiber mehr.

1. Siehe "Der Antisemitismus-Vorwurf in kritischer Betrachtung. Darstellung und Auswertung von Pressequellen. Studie zum Attac-Workshop 'Semitismus/Nahost' am 14./15.02.2004 in Hannover." Von Anis Hamadeh, M.A., Kiel im Februar 2004, http://www.anis-online.de/1/essays/14/3.htm#3
2. http://www.dfg-vk-mainz.de/aktuell/krieg-im-gazastreifen-solidaritaet-sa-3109-duesseldorf/
3. Siehe die Gaza-Chronologie: http://www.anis-online.de/1/essays/gazachronologie.htm

The German Peace Camp and Israeli Violence
By Anis Hamadeh, August 31, 2009

There hardly is any peace organisation in Germany that takes a clear and coherent stand toward the Human Rights and international law when it comes to Israel. I am not talking about the mainstream media here with its almost complete lack of mentioning legal aspects in the Israeli war on Palestine. When you read www.theheadlines.org you will think it is a different world. And it is indeed ...

No, I am talking about groups like Attac. Most of the members want the Human Rights applied to everybody, even to Palestinians, but you will always find some alphas who come up with the anti-Semitism club to silence people. In the case of Attac I witnessed the crucial phase in 2004 and saw for myself how a few people with racist prejudices in favor of Israel make any coherent criticism of Israel impossible. (1) The dogma of Israel's "right of existence" rules, it is a code for the unlimited right to act at will, including killings, land-theft etc., for a condemnation of Israeli acts NEVER happens in larger German groups.

Even in strongly anti-militarist circles you will find these topoi that belittle, tolerate and support Israeli violence, like the topos of the "two sides": "Both sides must stop violence and engage in peace". Both sides? What is meant here is "the terrorists" and Israel, but the terrorists have to start. In reality there is only one side and that is Israel and its soldiers. They have the weapons, they have an army, billions of military dollars, and a hunger for land and resources. (This is why the wall is not on the border, but cuts deep into Palestinian territory.) On the other "side" there is the Palestinian population, mostly unarmed. Every peace organization knows that oppression and occupation will lead to resistance and also terror. It is a truism, we can see it in Iraq and Afghanistan, but for some strange reason people are unwilling to acknowledge this simple truth for Israel. Oh no, they say, this terror comes from anti-Semitism, not from the occupation. And before the Israelis strike there always is a Palestinian attack, they say, whether this is true or not (it isn't true, actually).

It takes an enormous lot of energy to keep up the status quo, because so many facts have regularly to be distortet. For example, the topos "you cannot and must not set the dead and violence of one side off against the other" completely blurs the proportions and the question of guilt, just like: "both sides live in fear". Or the popular "There is never only one party guilty" which relativizes every kind of violence. Furthermore we have "We Germans cannot do anything, anyway" and some more blithering stupidities that determine the discourse. A lot of that comes from groups who are close to the Greens who justify war and murder with the slogan "Never again Auschwitz" since the Kosovo War. Most of the people who utter these hollow phrases have never been to Palestine and have no idea what they are talking about. Nazi Germany is projected on the situation and people talk about these projections instead of opening their eyes. This is Germany: a narcissistic nation watching its past on the expense of Palestinians, Muslims and Arabs.

After the attack on Gaza, groups like the "Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen" (DFG - German Peace Society - United War Resisters) came up with relativizations of the killings. I am talking about the "Kleve Chapter" and the chapter in the city I live in, Mainz. They posted a thing called "Solidarity? Of course! But with whom?" (2) which is still online. The piece is quoted on the bottom as an article from "Graswurzelrevolution Nr. 336, Februar 2009, www.graswurzel.net", a renowned peace work platform. Both - DFG and Graswurzelrevolution - used to be my favorite peace groups.

In the introduction they talk about "the war leading parties" and give a picture as if Hamas had intended or even started a large-scale war with Israel which is complete and utter nonsense. (3) It is, in fact, Israeli propaganda. The article continues with a denunciation of my friend Jamal Karsli, who has been a human rights worker for decades, long years with the Green Party. He was mobbed out of German politics because he criticized Israel. In this article he is called an "avowed anti-Semite", because he organized a demo in which he said he is in solidarity with the elected Hamas as far as it is part of the Palestinian society under Israeli attack. You can discuss that, but what we find is a distortion and plain denunciation: something EVERYBODY gets who criticizes Israel in Germany (a fact that is denied by the mainstream, but you can easily trace it. See, e.g. the current "debate" on Felicia Langer).

Under the heading "An exact view is necessary" we then find: "The Israeli war action is the preliminary horrible peak of an escalation of mutual provocations with calculated terror against the respective civil population (rocket fire by Hamas on Israeli settlements and cities, Israeli blockage of the Gaza Strip with prevention of supply of vital goods for the Palestinian population). Growing hatred and radicalization on the Israeli and on the Palestinian side were programmed." - They bring the rocket fire before the siege, because it is a rule of the dogma that Palestinians always start the trouble. It is enough to read this to see the bias. This is how the article supports Israeli violence: by being silent about the causes. The article continues with the myth of "both sides" and thus we have no perpetrators anymore: they are all guilty in a way, it is both sides' fault.

Recently, the Hessen Chapter of the DFG sent an email on an Israel/Palestine series of events called "Israel/Palestine - overcoming barriers" with many "peace groups": the DFG, amnesty international and many more. The text starts with: "Gaza War - Kassam rockets ..." (one can basically stop reading here, but let's make sure:) "Gaza War - Kassam rockets with a dozen victims in Israel, invasion of Israeli troups with 1400 dead on the Palestinian side: again and again the Israeli-Palestinian conflict escalates. Wars, provocations and confrontations of the hardliners on both sides accentuate and polarize the societies of Israel and Palestine." Anyone with little knowledge will understand that there were rockets and afterwards a retaliation. So the Palestinians basically started it. It is a dogma, there are no facts to come to this conclusion.

How well can you feel in a country where even the peace groups distort facts in favor of a brutal army? These are people who say they are against wars. But no, they are not. They are part of the war machine when it comes to Israel. This is not the whole group, but individuals who are tolerated. That is the way it always goes: the rest of the group is too weak or too coward to oppose it. With such peace organizations, who needs war-mongers?

1. See "The Reproach of Antisemitism in Critical Reflection. Representation and Analysis of German Press Sources. Study for the Attac Workshop 'Semitism/Middle East' 14./15. February 2004 in Hannover" by Anis Hamadeh, M.A., Kiel-Germany, February 2004: http://www.anis-online.de/1/essays/14/14e.htm
2. http://www.dfg-vk-mainz.de/aktuell/krieg-im-gazastreifen-solidaritaet-sa-3109-duesseldorf/
3. See Gaza Chronology: http://freegaza.org/en/links-a-gaza-info/gaza-info/771-gaza-chronology-june-19th-december-27th-2008

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