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Zur Lage in Westsahara
Interview mit Sidi Omar, 08.11.2010


Sidi Omar ist Botschafter der Sahrawischen Republik in Äthiopien und ständiger Abgeordneter der Afrikanischen Union.

Interview und Foto: Anis Hamadeh (Anis Online)

Am 24. Oktober wurde der 14-Jährige Najem al-Garhi, ein West-Sahrawi, von marokkanischen Soldaten erschossen. Warum passierte das?
Najem al-Garhi wurde getötet und sieben weitere Sahrawis verletzt, als marokkanische Sicherheitskräfte das Feuer auf das Fahrzeug eröffneten, in dem sie unterwegs waren. Die Opfer hatten versucht, Nahrung, Wasser und Medikamente zu den Leuten im Gdeim Izik Protest-Camp zu bringen, die dort seit dem 19. Oktober kampieren, in einem Gebiet zwölf Kilometer östlich von El Aaiun, der besetzten Hauptstadt von Westsahara.

Worum geht es im Konflikt zwischen Marokko und Westsahara?
Der Konflikts begann 1975, als Marokko in Westsahara einmarschiert ist und es gewaltsam annektiert hat. Dies geschah gleich nachdem die Kolonialmacht Spanien aus dem Territorium abgezogen war.

Seit Mitte der Sechziger Jahre betrachtet die UNO Westsahara als ein sich nicht selbst regierendes Territorium und hat wiederholt zu seiner Dekolonisierung aufgerufen, indem die Menschen des Territoriums ihr unveräußerliches Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit wahrnehmen, in einem freien, fairen und UN-überwachten Referendum. 1988 haben die Frente POLISARIO und Marokko - die beiden Konfliktparteien - einen von der UNO ausgearbeiteten Siedlungsplan akzeptiert, der vom Sicherheitsrat angenommen wurde. Ziel des Plans war die Abhaltung eines freien, fairen und UN-überwachten Referendums, das es den Sahrawis ermöglichen sollte, ihr unveräußerliches Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen, indem sie sich zwischen Unabhängigkeit und Integration in die Besatzungsmacht Marokko entscheiden. Zu diesem Zweck gründete der Sicherheitsrat die UN-Mission für das Referendum in Westsahara (MINURSO) im Territorium, um den Waffenstillstand zu überwachen, der am 6. September 1991 in Kraft trat.

Trotz allem wurde das Referendum zur Selbstbestimmung in Westsahara noch nicht abgehalten, was bereits zu Beginn des Jahres 1992 geschehen sollte. Grund ist die quertreiberische Haltung der anderen Partei sowie ihr Beharren darauf, die marokkanischen Siedler, die sie in die besetzte Westsahara umgesiedelt hatte, mitwählen zu lassen. Diese unkooperative Position hat letztlich den gesamten Friedensprozess zu einem völligen Stillstand gebracht, trotz der wiederholten Versuche der UNO, den Prozess voranzubringen.

Derzeit halten sich Tausende von Protestierenden nahe der Hauptstadt der besetzten Westsahara auf. Was ist der aktuelle Anlass für die Proteste?
Während der zwei Wochen sind mehr als 15.000 sahrawische Bürger aus den besetzten Städten El Aaiun, Smara, Boujdour und anderen ausgezogen, um gegen die schweren Menschenrechtsverletzungen zu protestieren, die der marokkanische Staat und seine Politik der Ausgrenzung, Verfolgung und Verelendung sowie der systematischen Plünderung der Naturressourcen Westsaharas begangen haben. Marokkanische Sicherheits- und Militärkräfte haben die Camps der Protestierenden umzingelt, um so zu versuchen, die Leute am Zutritt zu hindern und die Zufuhr von Nahrungsmitteln, Wasser und Medikamenten für die Camp-Bewohner zu stoppen. Außerdem wurden die Camps mit Stacheldraht und Sandwällen umgeben und es gibt marokkanische Patrouillen der mobilen und der Luftstreitkräfte.

Welche zuverlässigen Online-Quellen gibt es zum Thema?
Es gibt viele Online-Ressourcen, wo man Neuigkeiten zum Thema findet, zum Beispiel:
www.arso.org

Wie rechtfertigt Marokko den Lauf der Dinge?
Marokkos Position ist denkbar widersprüchlich. Zuerst hieß es, dass die Massenproteste ein Zeichen für Meinungsfreiheit im Land sind. Als ihnen klar wurde, dass der Protest wächst und dass die Forderungen nicht nur sozio-ökonomisch, sondern auch politisch sind (öffentliche Unterstützung für das Recht der Sahrawis auf Selbstbestimmung), schickten sie ihre Militär- und Polizeikräfte und umzingelten die Protestcamps. Das Erschießen von Najem ist ein typisches Beispiel dafür, wie aggressiv sie als Reaktion auf die wachsenden friedlichen Proteste geworden sind. Außerdem verweigern sie allen internationalen Medien die Einreise in die besetzten Gebiete, damit sie nicht darüber berichten können, was geschieht. In diesem Zusammenhang haben sie das al-Jazeera-Büro in Marokko geschlossen und ihm vorgeworfen, einseitig über die Ereignisse im Land zu berichten. Insgesamt denkt der Besatzer - wie auch in den besetzten palästinensischen Gebieten -, dass es sein natürliches Recht ist, diejenigen zu unterdrücken, auszuhungern und sogar zu töten, die Widerstand gegen seine Herrschaft leisten. Das ist der Stand der Dinge in den besetzten Gebieten von Westsahara.

Wie ist zu erklären, dass die arabische Welt und supra-nationale Organisationen nicht genug tun, um das Problem zu lösen?
Was die arabische Welt angeht, die von der Arabischen Liga repräsentiert wird, so erwarten wir leider nicht viel von dieser Organisation, da es sich um einen Konflikt zwischen zwei arabischen Nationen handelt. Die Liga hat den Westsahara-Konflikt und die Notwendigkeit einer Intervention nie ernst genommen, und zwar wegen Marokkos Opposition. Was die UNO angeht: Sie hat eine Friedensmission am Ort im besetzten Westsahara und ist seit 19 Jahren bemüht, das Selbstbestimmungs-Referendum umzusetzen. Marokko hat das Referendum zwar 1988 angenommen, vereitelt aber seither seine Umsetzung aus Furcht davor, dass die Sahrawis mit überwältigender Mehrheit für die Unabhängigkeit votieren. Für die meisten Staaten, insbesondere die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats, ist Westsahara ein Konflikt von minderer Wichtigkeit, der keine wesentlichen Interessen bedroht. Daher findet sich niemand, der Druck auf Marokko ausübt, damit es seine Verpflichtungen einlöst und die illegale Besatzung von Westsahara beendet.

Viele kennen die Situation in Westsahara nicht. Kannst du von der Trenn-Mauer berichten? Wo steht sie, wie lang ist sie und was ist ihr Zweck?
Um die zunehmenden Angriffe der sahrawischen Armee zu beenden, begann Marokko in den 80er Jahren mit dem Bau mehrerer Abwehrmauern. Die letzte dieser Mauern ist mit 2400 Kilometern fast 60 Mal so lang wie die Berliner Mauer. Sie teilt das Territorium von Westsahara in zwei Teile und schottet die besetzten Gebiete von der Außenwelt ab. Diese Fels- und Sand-Installation ist mit Gräben, Stacheldraht und geschätzten vier Millionen Anti-Panzer- und Anti-Personenminen ausgestattet und wird von 120.000 Soldaten patroulliert.

Die Mauer, die ein Verbrechen gegen die Menschheit darstellt, fungiert faktisch auch als Grenze, die die Sahrawische Republik und ihre Menschen in zwei Teile teilt. Bei dem einen handelt es sich um befreite Gebiete unter voller Souveränität der sahrawischen Regierung, bei dem anderen um besetzte Gebiete unter Kontrolle des marokkanischen Militärs und unter illegaler Besatzung.

Die Sahrawis bezeichnen die marokkanische Mauer als "Schandmauer", weil sie ihr Land und ihre Leute beständig teilt und alle Formen von Kommunikation und Entwicklung behindert. Außerdem bedroht sie die Umwelt, indem sie das Land verformt und es mit Anti-Personenminen und Waffen füllt.

Ich finde die Beobachtung interessant, dass - anders als die israelische Mauer in den palästinensischen besetzten Gebieten - die marokkanische Mauer in Westsahara wenig Beachtung von der öffentlichen Weltmeinung und den Medien erfährt, obwohl sie bereits seit zwei Jahrzehnten existiert.

Gibt es einen Weg zum Frieden, bei dem alle beteiligten Parteien ihr Gesicht wahren können?
Marokko, das das Referendum als demokratischen und friedlichen Weg zur Konfliktlösung akzeptiert hatte, brach sein Wort und sagt heute, dass es keinerlei Lösung akzeptiere, die zur Unabhängigkeit Westsaharas führt.

Die Frente POLISARIO, der einzige und legitime Repräsentant der Sahrawis, ist davon überzeugt, dass der einzige Weg zu einer friedlichen, gerechten und dauerhaften Lösung in Verhandlungen liegt. Daher hat sie sich aktiv an allen Runden formeller und informeller Verhandlungen beteiligt, die unter Schirmherrschaft der Vereinten Nationen stattgefunden haben und um des Friedens willen gewaltige Zugeständnisse gemacht.

Insbesondere hat die Frente POLISARIO der UNO am 10. April 2007 einen Vorschlag geliefert, um Marokko einen Friedensvorschlag für die Zukunft anzubieten. Er trägt den Namen "Vorschlag der Frente POLISARIO für eine beidseitig akzeptable politische Lösung zur Realisierung der Selbstbestimmung der Menschen von Westsahara". Der Vorschlag steht auf zwei Pfeilern:

a) Er betont die Notwendigkeit des Referendums über Selbstbestimmung, die die Punkte beinhaltet, die bereits von beiden Parteien und von zahlreichen Resolutionen des UN-Sicherheitsrats angenommen wurden (Unabhängigkeit, Integration, Autonomie).

b) Sollte das Referendum zur Unabhängigkeit von Westsahara führen, ist die Frente POLISARIO bereit, mit Marokko die Etablierung von strategischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern auf allen Gebieten auszuhandeln (Handel, Sicherheit, Bodenschätze), insbesondere solche, die für Marokko einen tatsächlichen oder vermuteten Anlass zur Besorgnis darstellen oder darstellen könnten.

Dieser Vorschlag könnte die Basis für substanzielle Verhandlungen zwischen den beiden Parteien sein und zu einer friedlichen, dauerhaften und gerechten Lösung in Westsahara führen.

Danke für dieses Interview.

On the Situation in Western Sahara
Interview with Sidi Omar, Nov. 8, 2010


Sidi Omar is Ambassador of the Sahrawi Republic to Ethiopia and Permanent Representative to the African Union.

Interview and photo: Anis Hamadeh (Anis Online)

On 24 October, 14-year-old Najem al-Garhi, a Western Sahrawi, was shot by Moroccan soldiers. Why was he shot?
Najem al-Garhi was killed and seven Sahrawis were injured, when Moroccan security forces fired at the vehicle in which they were traveling. The victims were trying to deliver food, water and medicine to people that have been camping in Gdeim Izik protest camp since 19 October, in an area 12 km east of El Aaiun, the occupied capital of Western Sahara.

What is the conflict between Morocco and Western Sahara about, in a nutshell?
The origins of the conflict go back to 1975 when Morocco invaded and annexed by force Western Sahara, following the departure of the colonial power (Spain) from the Territory.

Since the mid-sixties, the UN had considered Western Sahara as a Non-Self-Governing Territory and had repeatedly called for its decolonisation through the exercise by the people of the Territory of their inalienable right to self-determination and independence in a free, fair and UN-supervised referendum. In 1988, the two parties to the conflict, the Frente POLISARIO and Morocco accepted a UN-elaborated Settlement Plan, which was approved by the Security Council. The objective of the plan was to hold a free, fair and UN-supervised referendum that would enable the Sahrawi people to exercise their inalienable right to self-determination by choosing between independence and integration into the occupying power, Morocco. To this end, the Security Council established the United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara (MINURSO), which was deployed in the Territory to supervise a cease-fire that came into effect on 6 September 1991.

Nonetheless, the self-determination referendum in Western Sahara, which was supposed to take place in early 1992, has not been held yet, due to the obstructionist attitude of the other party and its insistence on including the Moroccan settlers that it had transferred into occupied Western Sahara on the voting lists. This uncooperative position has eventually brought the entire peace process to a complete standstill despite the UN repeated attempts to move the process forward.

Right now there are thousands of protesters near the capital of occupied Western Sahara. What is the topical cause for the protests?
During the two weeks, over 15,000 Sahrawi citizens moved out of the occupied cities of El Aaiun, Smara, Boujdour and other cities to protest against the gross violations of human rights perpetrated by the Moroccan State and its policies of exclusion, persecution and impoverishment as well as its systematic plundering of the natural resources of Western Sahara. The Moroccan security and military forces have surrounded the camps established by the protestors in an attempt to prevent people from entering and to stop supplies of food, water and medicine reaching the camp dwellers. The camps have also been encircled with barbed wire and sand walls and are patrolled by Moroccan mobile and air forces.

Where can people obtain solid information on the issue online?
There are many sources online from which one can get news on this issue such as:
www.arso.org

What does Morocco say to justify the course of events?
In fact, Morocco's position has been marred with contradictions. First, they said that the mass protest indicates that there is a freedom of expression in the country. When they realised that the protest is growing and that the demands were not only socio-economic, but also political (public support for the right of the Sahrawi people to self-determination), they started deploying their military and police forces and surrounded the protest camps. The shooting of Najem was a case in point of how aggressive they have become in response to the growing peaceful protests. Besides, they have banned all international media from entering the occupied territories to report on what is happening. In this context, they ordered Al-Jazeera to close off its office in Morocco, accusing it of biased reporting on the happenings in the country. In sum, as is the case in the occupied Palestinian territories, the occupier thinks that it is its natural right to oppress, starve and even kill those that resist its domination. That is what is happening nowadays in the occupied territories of Western Sahara.

How is it to explain that the Arab World and supra-national organizations don't act enough to solve the problem?
In the case of the Arab world, represented by the Arab League, we unfortunately do not expect that much from this organisation, given that it is a conflict between two Arab nations. The AL has never taken up the conflict of Western Sahara as a serious issue in need of its intervention, and that is because of Morocco's opposition. As far as the UN is concerned, they UN has its peace-keeping mission on the ground in the occupied Western Sahara trying to organise the self-determination referendum for the past 19 years. However, it is Morocco (which had accepted the referendum in 1988) that continues to obstruct the implementation of the referendum for fear that the Sahrawis would vote overwhelmingly for independence. For the majority of states, especially the P5, Western Sahara is a low-intensity conflict and threatens none of their vital interests, and therefore no one is willing to put pressure on Morocco to honour its commitments and end its illegal occupation of Western Sahara.

Many people do not know about the situation in Western Sahara. Can you tell us about the dividing wall? Where is it, how long is it, and what is its purpose?
To stop the increasing attacks by the Sahrawi army, Morocco started building a series of defensive walls in the 1980s. The last of these walls is 2,400 kilometers long (almost 60 times longer than the Berlin Wall) and divides the territory of Western Sahara in two, sealing the occupied areas from the outside world. This rock and sand installation is fortified with trenches, barbed wire and an estimated four million antitank and antipersonnel landmines, all of which are patrolled by some 120,000 soldiers.

The wall, which constitutes a crime against humanity, also acts as a virtual border dividing the Sahrawi Republic and its people in two parts where there are liberated territories under the full sovereignty of the Sahrawi Government and occupied territories under the Moroccan military and illegal occupation.

The Sahrawis refer to the Moroccan wall as the "Wall of Shame", as it continues to divide their country and people and hinders all forms of communication and development, and threats the environment by deforming the land and filling it with anti-personnel landmines and weapons.

I once observed that it is interesting to note that, unlike the Israeli wall in the Palestinian occupied territories, the Moroccan Wall in Western Sahara has received little attention from world public opinion and the media, although it has been around for more than two decades.

Is there a way to peace where all parties can keep the face?
Morocco, which had accepted the referendum as a democratic and peaceful way to solve the conflict, reneged on its commitments and is now saying that it would not accept any solution leading to the independence of Western Sahara.

The Frente POLISARIO, the sole and legitimate representative of the Sahrawi people, is convinced that the only way leading to a peaceful, just and lasting solution lies in negotiations. For that reason, it has participated actively in all rounds of formal and informal negotiations conducted under the auspices of the United Nations, and has made enormous concessions for the cause of peace.

In particular, in order to offer Morocco a peace deal for the future, the Frente POLISARIO presented to the UN, on 10 April 2007, a proposal titled "Proposal of the Frente POLISARIO for a mutually acceptable political solution that provides for the self-determination of the people of Western Sahara". The proposal is based on two pillars:

a) It stresses the need for the referendum on self-determination that would include the options already agreed by the two parties (independence, integration, autonomy) and endorsed by the Security Council in numerous resolutions.

b) Should the referendum lead to the independence of Western Sahara, the Frente POLISARIO will be ready to negotiate with Morocco the establishment of strategic relations between the two countries in all domains (trade, security, natural resources), particularly those that are or could be a cause of real or assumed concern to Morocco.

This proposal could be the basis for substantive negotiations between the two parties leading to a peaceful, lasting and just solution in Western Sahara.

Thank you for this interview.

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