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Bekenntnisdemokratie:
Wem nützt das Nazivergleichsverbot?

Anis Hamadeh, 30.11.2014

Wer behauptet, dass die Nazi-Verbrechen einmalig und unvergleichlich waren, hängt diese Verbrechen so hoch, dass niemand mehr herankommt. Wie soll man über etwas nachdenken oder sprechen, das mit nichts zu vergleichen ist, also über eine quasi ahistorische Singularität? Wer hingegen die deutsche Vergangenheit verdrängen und einen Schlussstrich ziehen will, kann sich bequem hinter der Einmaligkeits-Theorie verstecken und sich mit schablonenhaften Bekenntnissen begnügen, wo eine ernsthafte Aufarbeitung nötig ist. Bekenntnisse "gegen Rechts", "gegen Antisemitismus" und "für Israel" reichen dann aus, um korrekt dazustehen. Sie tun nicht weh und klingen gut, auch wenn sie gar nichts besagen.

Ist es denn aber nicht großartig, wenn Deutsche ihre Schuld so ernst nehmen, dass sie sie verabsolutieren? Und relativieren nicht die, die Nazi-Vergleiche anstellen, die Grausamkeit von Auschwitz? Was und wem können Vergleiche überhaupt nützen? Kan man nicht ohne diese emotional überladenen Gedanken sachlicher argumentieren? Diese Fragen sind oft gestellt worden, etwa im Historikerstreit von 1986/87. Eine andere Frage ging dabei stets unter: Wem nützt es, wenn KEINE Vergleiche gezogen werden? Also: Wem nützt eine Bekenntnis-Demokratie, in der man nicht mehr nachdenken muss?

Vor Kurzem haben 359 Überlebende und Nachkommen von Überlebenden und Opfern des Nazi-Genozids einen solchen Vergleich angestellt, indem sie mit Blick auf Gaza und Palästina sagten: "'Nie wieder' muss bedeuten NIE WIEDER FÜR JEDEN!" Sie verglichen also Israel mit Nazi-Deutschland, sprachen explizit von "anhaltendem Genozid" und "Rassismus" und forderten "den vollständigen ökonomischen, kulturellen und akademischen Boykott Israels".1 Wohlgemerkt: Eine Gleichsetzung fand dabei nicht statt, aber ein deutlicher Vergleich.

Deutschland verdrängt heute, dass in Israel anti-arabische Parolen an Hauswänden und in Schaufenstern zu sehen sind, die solchen aus Nazi-Deutschland frappierend ähneln. Enteignungen, Kollektivstrafen, Schlägertrupps, Ghettos, Pogrome, Rassengesetze und andere zentrale Merkmale des Nazistaats gab und gibt es in Israel. Das Quasi-Vergleichsverbot ermöglicht es Deutschland, sich mit diesem Staat zu solidarisieren und ihm zu allem Überfluss Waffen zu liefern. Auf der anderen Seite werden Kritiker, die diese offensichtlichen und drastischer werdenden Parallelen ansprechen, geächtet. Man etikettiert sie als einseitig, als Antisemiten, Rechte, Querfront, Fanatiker, Terroristen, Verschwörungstheoretiker und dergleichen mehr und untergräbt damit die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit und die Freiheit des Gewissens nachhaltig, also das Rückgrat unserer Demokratie.

Über die Jahrzehnte hat dies zu einem Macht-Muster geführt, denn es erfordert Macht, um einer Demokratie das Rückgrat zu brechen. Nun könnte man sagen: Na ja, es geht doch nur um Palästinenser, Muslime und Araber, die braucht doch sowieso keiner! Aber auch das ist zu kurz gegriffen: Wer die Muster erkannt hat, kann sie in jeder beliebigen Gruppe zu den unterschiedlichsten Zwecken anwenden, lernen wir doch von Kindheit an, dass Macht stärker ist als Argumente und dass man Opfer für die Taten von Tätern bestrafen kann. Anders ist unerklärlich, dass wir solche Politiker wählen und gewähren lassen, ja bewundern, die sich im nihilistischen Dschungel mit pfiffigen Tricks durchsetzen konnten. Schwache Gemüter versuchen, sich dieser Macht anzubiedern, sei es in der Familie, im Berufsleben, in der Öffentlichkeit oder in Freizeitgruppen, und auch das liebe Geld fließt wesentlich besser, wenn man nicht durch Fragen und Kritik auffällig wird.

Was die Israelkritik angeht, so bleiben die Kriegsverbrecher regelmäßig unbehelligt, während Kritiker zunehmend Probleme bekommen und aufgrund erfolgreicher Einschüchterungen kaum Solidarität erfahren. Da hält man sich lieber raus. Man hat wohl seine Meinung und schimpft auch gern, aber man kann ja sowieso nichts ändern. Wen dieses Verhalten an die Nazizeit erinnert, der hat wohl immer noch nicht verstanden, dass die Nazis Außerirdische waren, die man mit Amuletten und Bekenntnissen fernhalten kann.

1 Quelle: http://ijsn.net/gaza/survivors-and-descendants-letter/

Dieser Text erschien am 03.12.2014 in der Neuen Rheinischen Zeitung unter www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=21052

Democracy of Avowals:
Who Profits from the Ban of Nazi Comparisons?

Anis Hamadeh, Nov. 30, 2014

Those who claim the Nazi crimes were unique and beyond comparison hang those crimes so high that they get out of reach. How can anyone think or talk about something that cannot be compared, i.e. a virtually ahistorical singularity? Those, on the other hand, who want to repress German history in an attempt to draw a final stroke can comfortably hide behind the theory of uniqueness and content themselves with formulistic avowals instead of a necessary serious analysis. Avowals "against right-wing extremism", "against anti-Semitism" and "for Israel" will suffice to show correctness. They don't hurt and sound well, even if they don't mean anything.

But is it not splendid when Germans take their guilt so seriously that they render it in terms of absolutes? And do not those who draw Nazi comparisons qualify and belittle the cruelty of Auschwitz? Who profits from comparisons, and what benefit can they bring, at all? Isn't the discussion better off without such emotionally overcharged thoughts? Those questions have often been posed, for example in the German Historikerstreit ("historians' quarrel") from 1986/87. One question, however, went largely untouched: Who profits from NOT drawing comparisons? In other words: Who profits from a democracy of avowals in which we don't have to think?

A short while ago, 359 survivors and descendants of survivors and victims of the Nazi genocide have actually drawn such a comparison with Gaza and Palestine in mind by stating: "'Never again' must mean NEVER AGAIN FOR ANYONE!" So they compared Israel with Nazi Germany, mentioning explicitly the "ongoing genocide" and "racism" and demanding "the full economic, cultural and academic boycott of Israel."1 Note well: It was not an equalization, but it was a clear comparison.

Germany today is repressing that in Israel there are anti-Arab slogans on house walls and in shop windows strikingly similar to those in Nazi Germany. Dispossessions, collective punishments, thug squads, ghettos, pogroms, race laws and other essential characteristics of the Nazi state have been observed in Israel. The quasi-ban of comparisons made it possible for Germany to be in solidarity with this state and, to make matters worse, deliver arms to it. This procedure goes hand in hand with an ostracization of critics who mention those obvious and more and more drastic parallels. They are labeled as one-sided, as anti-Semites, right-wing extremists, cross-front (German "querfront"), fanatics, terrorists, conspiracy theorists and the like, something that strongly undermines the freedom of the press, the freedom of opinion and the freedom of conscience, i.e. the backbone of our democracy.

This has led to a pattern of power over the decades, for it needs power to break the backbone of a democracy. We could say now: Well, this is only about Palestinians, Muslims and Arabs, nobody needs them, anyway! But this consideration is too narrow: Those who have recognized the patterns can utilize them in every given group and for the most diverse purposes, for we learn from childhood on that power is stronger than arguments and that victims can be punished for the deeds of perpetrators. There is no other way to explain that we vote for and tolerate, even admire those politicians who come out on top in the nihilist jungle by means of cunning tricks. Weak minds will try to chum up with this power, be it in the families, in professional life, in the public or in social activities. And the money, too, will flow much better if one does not stick out by posing questions and criticism.

Concerning the criticism of Israel we witness a routine impunity for the war criminals while critics increasingly get problems and hardly receive solidarity, due to successfull intimidations. It's better to sit on the fence. We do have our opinions, we love to complain, too, but we cannot change things, anyway, can we? Now, if this attitude reminds you of Nazi times, then you will probably not have understood yet that the Nazis were extraterrestrials that can be kept away with amulets and avowals.

1 Source: http://ijsn.net/gaza/survivors-and-descendants-letter/

This article is also published on Dissident Voice at http://dissidentvoice.org/?p=56506 (Dec. 3)