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Kommentar: "Atempause"
Anis Hamadeh 15.09.15

Sie ist in aller Munde: die Atempause. Erst mal Grenzen zu und durchatmen. Die Regierungsfraktionen sind sich weitgehend einig, auf Länder- und auf Bundesebene, und die Medien senden es erst einmal so, bis es eine neue Story gibt. Da haben die entsprechenden PR-Strategen wahrscheinlich ein ganz gutes Näschen gehabt. Es ist ja überall sichtbar: Die Helferinnen und Helfer sind oft überlastet. Nicht immer, natürlich. Aber die Tendenz ist klar.
Können wir das denn einfach so machen? Viele argumentieren nicht ohne Grund, dass Menschen, die aus Kriegen flüchten und alles hinter sich lassen müssen, nicht zum Spielball der Politik gemacht werden dürfen. Dafür ginge es uns Deutschen und uns Europäern zu gut - zusätzlich zu unserer Mitschuld am Desaster. (Ursachen sind derzeit noch kein Mainstream-Thema, ich sag Bescheid, wenn ich Fortschritt bemerke.)
Abgesehen davon, dass die "Atempause" dramaturgisch stimmig und damit weltweit verständlich ist, ist sie natürlich auch ein Signal - an die eigenen Leute, an die Europäer, die Flüchtlinge, die Noch-nicht-Flüchtlinge, die Kriegsparteien und die anderen Player. Denkt mal alle nach! Lasst uns mal kurz alle nachdenken! Mein Kommentar: Ich finde das völlig in Ordnung. Besser als der Kollaps.
Deutschland kann auf Dauer - also zum Beispiel zehn Jahre lang - rein technisch und finanziell nicht Hunderttausende Flüchtlinge aufnehmen, monatlich womöglich. Außerdem bekommt ein Teil der Einheimischen Ängste, wenn so viele neue Leute kommen, die die Sprache nicht können, die Gepflogenheiten nicht kennen, die versorgt werden müssen und alles durcheinander bringen. Es gibt Grenzen und wir spüren sie gerade für einen Moment.
Aber die Flüchtlinge, die jetzt irgendwo draußen schlafen müssen! Ja, das ist blöd. Aber Deutschland ist nicht dafür da, die Last der Welt auf den Schultern zu tragen. Das ist keiner. Deutschland tut wirklich überraschend viel, unglaublich viel. Man kann endlich auf etwas stolz sein, das Deutschland gerade macht. Doch bei drei Millionen eigenen Arbeitslosen wäre es eine Irreführung, vielen weiteren Millionen Hoffnungen zu machen, die schlicht nicht erfüllt werden können. Unabhängig von Sympathien und Antipathien. Ja, auch Kriegsflüchtlinge brauchen selbstverständlich Arbeit und Brot und nicht alle sind "Fachkräfte". Dies ist kein deutsches, es ist ein europäisches, ja ein globales Problem.
Was hier auf der Tiefenebene passiert? Das fortschrittliche und teuer erkaufte westeuropäische Asylrecht, dringend benötigtes Fanal unserer Zivilisation, stößt auf die Außenwelt. Anders gesagt: Gelingt es uns nicht, das fortschrittliche Asylrecht zu globalisieren, dann sitzen wir arg in der Patsche.
Es ist wohl nicht weniger als der Schritt vom Egozentrismus zum globalen Standard. Die Alternative wäre letztlich Abschottung und "Pacification" nach US-römischem Stil. Also, wie ist das so: Würden denn wir zulassen, dass wegen einiger Verdächtiger Drohnen-Bomben auf unsere Straßen und Städte geworfen werden? Nicht? Ach!


Anis Hamadeh arbeitet derzeit halbtags in einem Flüchtlingscamp in Rheinland-Pfalz. Kürzlich schrieb er den Song DA KOMMT SCHON WIEDER EINER (YouTube)

 
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