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E-Musik, U-Musik und die GEMA
Interview mit Anis im Deutschlandfunk

Sendung "Corso - Kultur nach 3" am 09.09.03 um 15.35 h
Dauer ca. 10 Minuten. Die Fragen stellte Thomas Heyer.
Sie wacht über die Rechte von 4,5 Millionen Musikstücken und sie kassiert an überdachten Tanksäulen, Plätzen, bei Musik vor Stuhlreihen - so nennt die GEMA Konzerte -, für Supermarktgedudel, beid er Beschallung von Fahrstühlen, bei Kinobesitzern, aber auch beim Tennisclubfest in den Gemeinden von Flensburg bis Obersdorf. Wenn irgendwo ein Gastwirt sein Radio andreht, ein Tanzlehrer eine Platte auflegt oder ein Zahnarzt seine Patienten musikalisch unterhält, die GEMA hält die Hand auf. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte lässt die Kasse klingeln. Das Urhebergesetz macht es möglich. Die GEMA funktioniert nach dem Prinzip Copyright, seit mittlerweile etwas mehr als 100 Jahren. Ein Traditionsverein, der traditionell vielen Künstlern ein zusätzliches Einkommen verschafft. Künstler, Texter, Komponisten müssten eigentlich rundum zufrieden sein mit der Arbeit der Gesellschaft. Sind sie aber nicht. Beispiel: Anis Hamadeh von Kulturattac, einer etwas anderen Kulturinitiative. Zunächst einmal, Anis Hamadeh, wer ist Kulturattac?

Anis: Kulturattac ist die offizielle Kulturinitiative von Attac seit vier Monaten und wurde auf dem Ratschlag in Göttingen in das Netzwerk von Attac aufgenommen. Kulturattac hat jetzt etwa 130 Mitglieder aus dem Bereich des Kulturwesens ganz allgemein, Künstler, aber auch Journalisten, eine sehr breite Palette. Wir unterstützen die kritische Bewegung und sind gleichzeitig auch eigenständiges Labor für Fragen der Kultur insbesondere.

Frage: Und jetzt weiß nicht jeder, wer Attac ist. Wer verbirgt sich hinter Attac und vor allen Dingen: welche Idee?

Anis: Attac sind die Globalisierungskritiker, die sich vor einigen Jahren zuerst in Frankreich gebildet hatten und jetzt in der ganzen Welt und auch in Deutschland eine größere Bedeutung bekommen, insbesondere was die WTO-, die Welthandelsorganisation, Beschlüsse angeht. Dort sind sie sehr kritisch.

Frage: Gut, das hätten wir jetzt geklärt. Kommen wir zum Thema: Was stört Sie an der GEMA und ihrer Fürsorge für das Copyright besonders?

Anis: Also, ich bin Songwriter und habe inzwischen ungefähr 100 Songs zusammen, und die müsste ich jetzt eigentlich bei der GEMA anmelden, um Tantiemen zu bekommen, wenn ich es so mache wie die anderen. Aber ich möchte nicht als Unterhaltungsmusiker gelten im Gegensatz zu einem seriösen oder ernsten Musiker, und das empfinde ich als eine Diskriminierung.

Frage: Warum das?

Anis: Weil ich das Gefühl habe, ich muss mir einen komischen Hut aufsetzen, wenn ich bei der GEMA eintreten möchte. Unterhaltung zu trennen von ernster Musik oder Kunst oder Kultur allgemein halte ich für nicht sinnvoll und in diesem Falle handelt es sich meiner Ansicht nach auch um ein sehr altes Lagerdenken, das wir eigentlich überwinden könnten.

Frage: Aber gute erfolgreiche Unterhaltungsmusik zu produzieren, das ist doch ein Wert an sich, die hohe Kunst der leichten Unterhaltung, immer wieder von Künstlern, egal, ob E, ob ernst, oder U, Unterhaltung, unterhaltend als echtes Problem erkannt. Das ist eine schwere Sache, warum Diskriminierung?

Anis: Ich bin nicht der Ansicht, dass ein wirtschaftlicher Verein den Kunstbegriff definieren sollte. Und das passiert hier, weil auch zum Beispiel in der Satzung, 2, Absatz 4, steht: "Bei Vergebung der Rechte werden die Bedürfnisse der kulturellen Musikpflege berücksichtigt." und das ist eine Definition, die vielleicht notwendig ist, aber nicht von einem wirtschaftlichen Treuhänder-Unternehmen ausgeführt werden darf.

Frage: Wie würden Sie sich, bzw. Ihre Kunst, Ihre Songs, definieren wollen?

Anis: Ich habe nichts gegen Spartenunterscheidungen, wie z.B. Popmusik, Rockmusik, das ist da, wo ich tätig bin, aber ich habe beispielsweise auch Volksmusik geschrieben. Auch klassische Musik kann man trennen als Sparte, aber eben nicht als Klasse - dass es irgendwie etwas Besseres wäre, weil die kriegen bis zu Hundert Mal - manchmal - bis zu Hundert Mal mehr Tantiemen als die Popmusiker.

Frage: Aha, sie werden also anders bewertet, weil als wertvoller betrachtet, oder?

Anis: Genau. Und dieses Wertvolle ist ja nicht nur materiell, sondern auch gesellschaftlich. Dagegen möchte ich Einspruch erheben.

Frage: Wir haben heute mit Hans-Herwig Geier gesprochen, er ist Pressesprecher der GEMA, und wir haben ihn natürlich gefragt: Was soll das, die Unterscheidung zwischen E und U-Musik, und hier die Antwort:

"Nun, das ist natürlich nicht die GEMA, die darüber entscheidet, ob ein musikalisches Werk der E-Musik oder der U-Musik angehört, wir haben das auch nicht erfunden, sondern es ist schlichtweg der Komponist selbst, der bei seinem kompositorischen Prozess darüber entscheidet, ob er sein Schaffen in eine gewisse Tradition der abendländischen Kunstmusik stellt, die uns über Jahrhunderte vermittelt ist, oder ob er sein musikalisches Wirken in eine andere Tradition, nämlich der Unterhaltungsmusikkultur stellt. Die GEMA hat dies von Anfang an - auch die Vorläuferorganisation (Wir sind ja in diesem Jahr Hundert Jahre alt geworden) - unterschieden, denn es ging hier nicht um irgendwelche ästhetischen Bewertungen, das ist auch nicht Sinn und Zweck einer Verwertungsgesellschaft, sondern es geht schlichtweg darum, in welchem Aufführungszusammenhang diese Werke stehen, und das hat etwas mit dem finanziellen Umfeld zu tun, in dem diese Werke dann zu Gehör gebracht werden. Um ein Beispiel zu geben: Unterhaltungsmusik wird sehr gerne auch in Kneipen aufgeführt, da gibt es ein anderes finanzielles Aufkommen, einen anderen Mehrwert, als zum Beispiel bei einem klassischen Symphoniekonzert in einer großen Halle. Das sind keine ästhetischen Wertungen, sondern es sind schlichtweg Kategorisierungen, Sparten, die wir eingeführt haben, die die GEMA von Anfang an eingeführt hat, weil es unterschiedliche finanzielle Dimensionen gibt. Die Komponisten und Textdichter und Musikverleger, die sich in der GEMA zusammengeschlossen haben - 60.000 Mitglieder hat die GEMA - haben schon ein solidarisches System entwickelt, das dafür sorgt, dass solche Unterschiede im Aufführungszusammenhang etwas ausgeglichen werden, dass diejenigen Komponisten, die es etwas schwerer haben, zum Beispiel mit zeitgenössischer Kunstmusik, eben auch von ihren Tantiemen leben können. Für viele Musiker ist das überhaupt kein Problem, die bedienen beide Traditionen, die fühlen sich auch zu Hause. Für viele Komponisten ist es aber schon ein Unterschied und sie möchten ganz dezidiert entweder in der einen oder in der anderen Tradition stehen."

Frage: Für Sie, Anis Hamadeh, ist es sehr wohl nach wie vor ein Problem, aber das, was wir gerade gehört haben, klingt ja zunächst einmal nachvollziehbar und vernünftig. Trotzdem, Sie sind nicht einverstanden, oder?

Anis: Also, da wurde ja nun am Anfang gesagt, dass nicht die GEMA diese Unterscheidung macht, sondern der Künstler selber. Also ich als Künstler mache diese Unterscheidung zwischen Unterhaltung und ernst ganz bestimmt nicht. Mozart hat die auch nicht gemacht, als er C-A-F-F-E-E geschrieben hat, zum Beispiel. Das, was ich da gerade gehört habe, klingt sehr alt, und er sagt selber auch, dass es um eine über Jahrhunderte überlieferte Tradition geht, und da kann ich eigentlich ehrlichgesagt nur drüber lachen. Wir haben Jimi Hendrix gehabt, wir haben Bob Dylan vor allen Dingen gehabt, die Beatles und seit den Sechziger Jahren ist das, was ich da von der GEMA-Seite gehört habe, eigentlich nicht mehr aktuell. Die finanzielle Dimension in den Vordergrund zu stellen und dann die Kunst zu definieren, ist nicht in Ordnung.

Frage: Würden Sie denn die Beatles und Jimi Hendrix auch in der Tradition der abendländischen Musik einreihen?

Anis: Natürlich! Insbesondere für unsere moderne Zeit, ich meine, wir leben ja nun auch nicht mehr im 19ten und 18ten Jahrhundert, insofern wäre es vielleicht auch ganz gut, wenn wir das dann auch verwaltungsmäßig anpassen würden.

Frage: Aber die Nichtunterscheidung zwischen U und E, zwischen unterhaltender Musik und ernster Musik, die würde doch dazu führen, dass, ich sag mal, Modern Talking, Dieter Bohlen neben - von Ihnen eben genannt - Mozart steht. Kann es das sein?

Anis: Es wird niemals bedeutungsmäßig Bohlen neben (Goethe oder) Mozart stehen oder Bach, sondern da wissen die Hörer und Hörerinnen wohl selber viel besser, welchen Wert die einzelne Musik für die Leute hat. Hier geht es ja nur um eine finanzielle Geschichte und die sollte dann auch anders abgewickelt werden, ohne solche wertenden Unterscheidungen.

Frage: Stichwort "finanzielle Geschichte": Die drei Tenöre waren vor Jahren für dei GEMA keine ernste Musik, sondern rein unterhaltende. Was hat dazu geführt, Carreras, Pavarotti und Domingo als rein unterhaltende Musik zu werten?

Anis: Ja, da wurde argumentiert mit dem Schauveranstaltungscharakter des Konzertes, was ja auch bezeichnend ist, denn das bedeutet im Grunde, wenn das etwas ist, was die Leute sehen wollen, dann ist das schon mal minderwertig.

Frage: Wie hat man denn bislang bei der GEMA auf Ihre Kritik, auf Ihren Vorstoß reagiert?

Anis: Ich würde gerne erst einmal sehen, wer sich eigentlich mit dieser Frage noch beschäftigt. Denn es gibt in Deutschland etwa 40 bis 60 Tausend Bands, davon natürlich die wenigsten professionell, nur 5 % etwa von denen, aber es gibt einen großen Unmut allgemein, auch vom Bundesverband, Rock und Popmusikerverband in Lüneburg. Er rät den Leuten einzutreten und dort von Innen die Mehrheiten zu ändern. Das hat allerdings über Jahrzehnte bislang nicht viel genützt. Ich habe direkten Kontakt mit der GEMA noch nicht aufgenommen, weil ich eben weiß, ich muss diese Unterscheidung machen, ich muss mich anmelden entweder so oder so, und bevor ich da klage oder mir darüber Gedanken mache, will ich doch erst noch einmal sehen, was die Szene da so zu sagt.

Frage: Dankeschön, Anis Hamadeh von der Kulturinitiative, oder vielmehr von der Initiative Kulturattac. Er ist gegen eine Unterscheidung von ernster und unterhaltender Musik bei der GEMA, der Gesellschaft für Verwertungsrechte. Danke.
Siehe auch den Artikel E-Musik und U-Musik und weitere Links dort.
02.12.03 Siehe auch den Eintrag (thanx Jörn): "Ungerechtigkeit bei der Gema" (http://reboot.fm/index.cgi/news/mediapolitics/gema.news) . Darin am Schluss: "Es ist leider so, daß es bei der GEMA drei verschiedene Klassen von Mitgliedern gibt und nur die außerordentlichen Mitglieder profitieren von dem großen 'GEMA-Topf'... Aber selbst ein Ordentliches Mitglied wird schon nicht daran beteiligt. Und der große 'GEMA-Topf' ist der E-Musik (Ernste Musik) zugerechnet. Nur bei der [nicht pauschalen] Ausschüttung spielt es keine Rolle ob du Ernste- oder Unterhaltungsmusik machst ..."
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