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Anis' Fastentagebuch
English Version

Inhalt: Tag 10 - 11 - 13 - 14 - 15 - 16 - 17 - 19 - 20 - 22 - 23 - 24 - 25 - 26 - 27 - 28 - 29 - 30 - 31 - 32 - 33 - 34 - 35 - 36 - 37 - 39 - 40 - 41 - 42 - 43 - 44 - 45 - 46 - 47 - 48 - 49 - 50
Aufbautag 1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - Nachwort

Buchinger Forever

(Mainz, Sonntag 18.03.2012 - Tag 10) Hallo, ich bin Anis und dies ist mein Fastentagebuch. Nach der Buchinger-Heilfasten-Methode haben schon Millionen Menschen gefastet und es gibt Tausende von Fastentagebüchern im Internet, die das belegen. Auf dieser Seite zeige ich, wie es geht, liefere einige Hintergrundinformationen und beschreibe Episoden aus meinen Fastentagen. Wahrscheinlich wird es etwas literarisch, vielleicht sogar satirisch. Wie man es von mir halt kennt. Heute ist mein zehnter Fastentag.
Zu Beginn zwei externe Links: Auf www.heilfastenkur.de steht alles, was man wissen muss, eine praktische Seite. Die Klinik von Dr. Otto Buchinger in Bad Pyrmont gibt es nach 90 Jahren immer noch und sie wird von seinem Enkel Andreas weitergeführt: www.buchinger.de. Wer weiter stöbern möchte, braucht nur "buchinger heilfasten" oder einfach "heilfasten" in seine Suchmaschine einzugeben.
Zutaten

Natürlich hat Buchinger das Fasten nicht erfunden, es gehört zum Menschsein dazu und auch Tiere fasten. Von Pflanzen und Pilzen weiß ich es nicht. Fast alle Religionen haben es integriert, wobei Arten und Methoden stark variieren können. Das deutlichste Beispiel für das Fasten ist: Wenn wir schlafen, fasten wir. Der Körper schaltet einfach um auf Fasten. Deshalb heißt das Frühstück auf Englisch auch "breakfast" - Fastenbrechen. Wenn wir krank sind, fasten wir Menschen (und Tiere) manchmal, damit sich der Körper auf die Heilung konzentrieren kann. Buchingers Methode ist deshalb so erfolgreich, weil sie konsequent und minimalistisch ist: Man nimmt nur zu sich, was man wirklich braucht, und nicht mehr. Ich habe mit meinen 45 Jahren bereits etwa 15 Mal gefastet und bin ein alter Hase. Deshalb kann ich solch eine Kur ohne weiteres allein machen.
Auf dem Bild sieht man so gut wie alles, was man zum Buchinger-Fasten braucht. Die Faustregel ist: 1/2 Liter Saft täglich, sonst nur Wasser. Hier ist mein Tagesablauf: Morgens mache ich mir eineinhalb Liter Pfefferminztee mit zwei Teebeuteln und gebe einen Esslöffel Honig dazu. Das reicht für einige Stunden. Gegen 15 Uhr beginne ich mit dem Fruchtsaft. Es gibt einen Viertel Liter davon, den ich mit reichlich Wasser mische. Mal als Kaltgetränk, mal als Heißgetränk. Natürlich 100%-er Saft, das ist klar. Am besten aus dem Reformhaus oder Feinkostladen, aber Aldi und Lidl und Co. haben auch, was man braucht. Gegen 19 Uhr koche ich mir mein Süppchen: 0,25 Liter Tomatensaft auf einen guten Liter mit Wasser gestreckt und ein Teelöffel Hefe-Gemüsebrühe dazu. Ich schwöre auf Vitam, gibt es im Reformhaus. Zwischendurch mal ein Kaugummi ohne Zucker und bei Bedarf Wasser. Das ist alles! Auf dem Bild sieht man noch Basica und Vitamintabletten, aber die sind erst von der dritten Woche an interessant. Für mich also nächsten Freitag. Dann erkläre ich es.
Der Start

Der verdächtig aussehende Apparat auf dem Bild stellt eine natürliche Art des Abführens dar - beziehungsweise das Werkzeug dafür. Bevor man loslegt, ist eine Entleerung nötig. Man kann auch übel schmeckendes Glauber-Salz nehmen oder andere natürliche Abführmittel, doch dies hier ist wahrscheinlich das beste. Es gibt Leute, die sich davor ekeln, aber das ist Quatsch. Ich verwende das Gerät beim Fasten alle 2-3 Tage, es tut gut und gehört einfach dazu.
Energie und Freiheit

Alles klar so weit? Nur bitte: Wer noch nie gefastet hat und es versuchen möchte, soll es nicht auf eigene Faust machen, sondern immer zuerst mit jemandem zusammen fasten, der Erfahrung hat. Meine Mutter machte einst einen VHS-Kurs, sie steckte meinen Vater an und ich habe es irgendwann (vor mehr als zwanzig Jahren) für mich entdeckt. Als Entgiftung und Selbsterfahrung. Es tat mir so gut, dass es inzwischen zu meinem Leben gehört wie das Singen und das Malen. Das Gefühl der Unabhängigkeit und Freiheit wird sehr stark und der Energie-Level steigt. Ich bewege mich viel und bekomme neue Ideen. Deshalb mache ich dieses Feature hier, damit Außenstehende es ein wenig nachvollziehen können. Ich finde, dass jeder, der gesundheitlich dazu in der Lage ist, mindestens einmal eine solche Fastenerfahrung machen sollte. Man erfährt dabei so viel über sich und über das Leben. In den letzten zehn Tagen habe ich bereits viel erlebt, es waren volle Tage und ich fühle mich super. Morgen schreibe ich mehr darüber.

Frühjahrsputz

(19.03.12 - Tag 11) Innen ist außen. Dieser schamanische Satz bedeutet für mich im Zusammenhang mit dem Fasten, dass ich gern putze und aufräume, wenn ich faste. Und zwar richtig gründlich (Anis-gründlich!). So wie Körper und Geist aufgeräumt und gereinigt werden, so forme ich auch meine Umwelt. Jedenfalls Sabines und meine Wohnung. Obwohl sie nicht besonders groß ist, wird mich der Frühjahrsputz eine Weile lang beschäftigen. Ich gehe durch jede einzelne Schublade und lasse keinen Winkel aus. Hunger habe ich dabei nicht.

Kann es denn wirklich alles so einfach sein? Naja, ich gebe zu, dass ich eigentlich schon im Januar fasten wollte, aber die Kurve nicht gekriegt habe. Und als ich dann so weit war, fiel mir das Nichtrauchen schwer. Erst am vierten Tag habe ich ganz zu rauchen aufgehört, das soll man eigentlich nicht. Tja. Jetzt aber geht es gut. Ich habe so gut wie keine Tiefs und arbeite den Tag durch. Inzwischen wache ich morgens gegen 7 auf und schlafe weniger als normal. Heute und gestern Nacht waren zum ersten Mal die Träume sehr tief. Von Träumen und Fasten erzähle ich später noch.

Als ich heute bei einem Vorstellungsgespräch in einer Agentur am Lerchenberg war (in der Nähe des ZDF), habe ich einen sehr guten Eindruck gemacht. Man wird irgendwie automatisch charismatischer beim Fasten, sieht wach aus, energetisch und frei. Und man sieht nicht nur so aus.
Alt und Neu

Besitz ist auch so eine Sache. Ich besitze nicht viel Zeug, weil ich nicht viel brauche. Nach dem Studium etwa habe ich 333 Bücher verkauft und verschenkt. Danach fühlte ich mich freier und fing an, sehr kreativ zu werden. Beim Fasten gehe ich durch all meine Kleidungsstücke und sortiere Altes aus, ebenso wie alles, was ich zwei Jahre lang nicht getragen habe. Da ich beim Fasten viel Geld spare (Essen, Rauchen, Alkohol, Snacks, Süßes etc.), kann ich mir neue T-Shirts und so kaufen. Außerdem habe ich mir diesen herrlichen Leopardenkoffer geleistet, der alte war schon ziemlich schäbig. Und ich brauche doch einen großen Koffer für meinen Büchertisch bei Auftritten und wenn ich einen Verkaufsstand habe. Er war auch heruntergesetzt. Sabine und mein Nachbar Boujemaa haben zwar gesagt, dass eher ältere Damen einen solchen Koffer benutzen würden, aber das sehe ich ganz anders. Jeder afrikanische Held wäre froh, einen solchen Koffer zu haben. Da ist so ein kleiner Aufsatz dran mit einem Zahlenschloss und einem Extra-Schlüsselloch, was mich irritiert hat. An der Kasse habe ich danach gefragt und die Verkäuferin meinte wie in einer Satire-Sendung, dass das "für die Amerikaner" sei. Wenn man in die USA reise, könne die Security damit irgendetwas sehen ... Ich habe mich umgeschaut, ob irgendwo eine versteckte Kamera die Szene filmt, aber da war nix. Dann habe ich sie gefragt, was denn mit den Griechen oder den Kenianern sei, aber sie meinte, das wäre nur für die Amerikaner. Heftig, oder? Ich habe es gerade gegoogelt, es heißt "Transportation Security Administration" (TSA). Auf der Website eminent.com steht, dass jeder US-Sicherheitsbeamte ein besonderes Werkzeug hat, um TSA-Koffer zu öffnen. Vorauseilender Gehorsam made in Taiwan.

Leben!

(21.03.12 - Tag 13) In den Frühling hineinzufasten ist großartig. Man spürt genau, wie ringsherum das Leben erwacht. Die ersten Blumen und Pflanzen blühen, die Sonne kommt heraus. Heute war es fast schon sommerlich warm. Warum mir die Kur so leicht fällt? Naja, es ist schon ein Trick dabei. Der Trick ist, dass ich schon so oft zuvor gefastet habe. Die ersten Male war es wesentlich schwieriger. Ich habe dauernd ans Essen gedacht und daran, was ich danach alles kochen werde ... Heute denke ich ganz anders. Mein Körper kennt die Geschichte. Eigentlich denke ich an nichts Bestimmtes. Vielleicht ans Aufräumen und Putzen. Morgen zum Beispiel ist der Keller dran und ich freue mich schon darauf. Ist das pervers? Heute bin ich schon um halb fünf aufgewacht und habe einige Textarbeiten und Recherchen bis acht gemacht, bei einem grünen Tee. Ich war durchgehend aktiv bis jetzt, 22.50 Uhr. Es ist auch kein Problem, dass ich für Sabine koche wie üblich.
Ideen

Beim Fasten bekomme ich eigentlich immer neue Ideen. Man muss gar nichts machen, die kommen von allein. Am Samstag etwa war ich auf dem Flohmarkt und habe viele kleine Rahmen gekauft (und ein paar große). Hier links ist die Theodor-Heuss-Brücke, wie ich sie gezeichnet habe.
Dort war der Flohmarkt, am Rhein entlang. Und zwar habe ich vor, Zeichnungen nach Rahmengrößen herzustellen. Also nicht erst das Bild und dann der Rahmen, sondern umgekehrt. Mir haben nämlich ein paar Leute gesagt, dass sie ganz gern ein Originalbild von mir kaufen würden, aber unter 100 Euro. Ich habe schon mit ein paar Zeichnungen begonnen, siehe hier, aber von jetzt an zeichne ich die kleinen Bilder nach Rahmenvorgabe, dann habe ich alles gleich zusammen. Außerdem habe ich diesen Offenen Brief an Sigmar Gabriel wegen Palästina geschrieben, das war am siebten Fastentag. Kommt mir vor, als wäre es schon eine Ewigkeit her. Gestern bin ich morgens um 6.40 Uhr aufgewacht und habe ein Gedicht geschrieben, das ich gleich an den Joker-Lyrik-Wettbewerb geschickt habe. Das stand auf meinem Plan.

Keller aufräumen

(22.03.12 - Tag 14) Heute war der bislang energetischste Tag. Es ist 21 Uhr, ich bin seit 14 Stunden auf den Beinen und tobe mich aus. Den Keller aufzuräumen hat mich glücklich gemacht. Wahrscheinlich bin ich doch pervers. Siebeneinhalb Stunden hat es gedauert, obwohl es nur etwa drei Quadratmeter Fläche sind. Was man auf den Vorher/Nachher-Bildern nicht sieht ist, dass ich ungefähr eineinhalb Kubikmeter aus der Wohnung mit reingekriegt habe. Unter anderem Sabines monumentales Gazabild in fünfzehn Teilen. Man sieht es immer noch auf ihrer Website www.sabine-yacoub.de, wenn man etwas herunterscrollt. Sie hat es kurz nach dem Angriff auf Gaza 2008 hergestellt, als 1400 Menschen umgebracht wurden. Im Schnitt sterben täglich zwei Palästinenser durch israelische Hand. Man muss schon sehr abgebrüht sein, wenn man das mit "Terrorismus" rechtfertigt. Aber viele sind ja auch sehr abgebrüht, auch bei uns.
Keller aufräumen ... Darin bin ich wirklich gut. Als ich 2005 kurz bei meinem Vater in seiner kleinen Parfüm-Manufaktur gearbeitet habe, habe ich das gesamte Lager so aufgeräumt, dass es nicht nur geblitzt und geblinkt hat, sondern ich hatte etwa 30% Lagerkapazität neu geschaffen. Das war sehr befriedigend. Auch den Keller im Haus meiner Eltern in Westfalen hatte ich aufgeräumt. 1998 war das, unmittelbar vor dem Bruch. Natürlich hat auch der Keller zwei Bedeutungen. Innen ist außen, das hatten wir ja schon. Ich denke, die Kritik, die ich seit dem 4. Juli 1998 an Deutschland geübt habe, hat viel mit Keller Aufräumen zu tun.

Der Keller, das ist da, wo die Leichen sind. Manchmal. Das Leben wird anders, wenn man sich von der Vergangenheit befreit. Wenn man seinen Keller aufräumt und mit sich ins Reine kommt. Genau das war bei mir 1998 geschehen, als ich im Alleingang meine allererste CD mit zehn Liedern aufgenommen hatte. Eine Befreiung. Ich erinnere mich gut daran. Mit dem Glücksgefühl der CD kamen auch andere tiefe Gefühle hoch. Der alte Schmerz. Ich bin ihm nicht ausgewichen, sondern habe ihn angehört. Dann bin ich aufgebrochen ins Leben. Der zweite Teil meines Lebens begann, so wie jetzt der dritte Teil beginnt, vierzehn Jahre später.

Eine Art Weihezustand

(23.03.12 - Tag 15) Die dritte Woche hat begonnen und das bedeutet: 16 Gramm Basica und eine Vitamintablette täglich kommen dazu. Eigentlich geht es jetzt erst los: Körper und Geist haben sich im Fastenmodus etabliert. Es ist wie eine Art Weihezustand. Bei mir beginnt die Phase, in der alle Schuldgefühle schwinden. In vierzehn Fastennächten bin ich durch die unterschiedlichsten Gemüts- und Bewusstseinszustände gegangen und habe alles durch mich hindurchziehen lassen: Euphorie, Aggressionen, Freude, Trauer, Wut, Stolz und so weiter. Die Träume werden tiefer und klarer, die Schlafenszeit kürzer. Von außen sieht man es mir nicht an. Man sieht schon, dass etwas mit mir ist, aber man erkennt nicht, was es ist. Es wirkt jedenfalls nicht bedrohlich, eher im Gegenteil.
Ich bin ständig in Bewegung und räume nach wie vor auf, zusätzlich kümmere ich mich um Auftritte und Verkäufe. In den letzten Tagen habe ich zwei größere Auftritte akquiriert. Zwischendurch gehe ich immer mal wieder auf einen kurzen Spaziergang, am Rhein entlang oder in ein nahes Wäldchen oder einfach einmal um den Block. Da ich keinerlei Beschwerden habe, brauche ich nicht ans Aufhören zu denken. Ich bin gespannt, was nun passieren wird. Zwar stand ich bereits etwa zehn Mal in meinem Leben an diesem Punkt, aber es ist immer anders. Wie ein Berg, von dem man schaut und nicht weiß, wie das Wetter sein wird.

Zurück zu den Wurzeln

(24.03.12 - Tag 16) Am Anfang war der Mensch Schamane. Kunst und Wissenschaft waren eins, wir hatten nicht so stark getrennt wie heute. Noch im Mittelalter gehörten Astronomie und Astrologie zusammen und wir kannten keinen Unterschied zwischen Chemie und Alchemie. Künstler war der Mensch und Forscher. Der Nihilismus war noch lange nicht erfunden. Wir waren noch nicht so wichtig und konnten uns daher auf das Wesentliche konzentrieren. Als Kinder durchleben wir diesen Zustand (rechts ein Foto von mir von 1969) und beim Fasten erinnern wir uns leichter daran, weil weniger Ablenkung da ist. Wer sind wir wirklich? Durch welche Bewusstseinszustände gehen wir? Die größte Ablenkung sind die anderen Menschen. Sie erwarten, dass man sich an ihnen orientiert, dass man sich zur Gruppe bekennt. Sie glauben, dann keine Angst vor einem haben zu müssen. Wir beschneiden uns gegenseitig und schleifen uns aneinander ab, bis kaum noch etwas übrig bleibt. Wir zwingen uns und einander zum Leiden und nennen es Pflicht. Früh aufstehen, den Tag mit Geldverdienen verbringen, sich sorgen. Das Streben nach Glück ist sekundär. Menschsein ist sekundär. Wir verlernen unsere natürlichen Kräfte. Was ist das für ein seltsames Spiel? Ich habe da nie richtig mitgemacht, wollte immer zurück zu den Wurzeln. Die Kraft des Kindes habe ich mir bewahren und zurückholen können, der Preis war und ist allerdings hoch. Ich spüre, dass es gut und richtig ist, doch die Skepsis der Außenwelt ist groß. Mein Feind heißt Nihilismus.
Sport

(25.03.12 - Tag 17) Sport ist wichtig beim Fasten, damit die Muskeln etwas zu tun haben. Putzen und Spazierengehen zählen bereits als Sport. Heute haben Sabine und ich eine 8-km-Radtour zur Rheinland-Pfalz-Messe unternommen, bei strahlendem Sonnenschein. Ausdauerndes Radeln ist kein Problem, nur Sprints sind nicht drin. Auf der Messe haben wir unseren Nachbarn Boujemaa Mouatassim besucht, der einen Stand mit seinem Argan-Öl hatte (www.margania.de). Das passte sehr gut, denn man kann das Öl neben dem Kochen auch zum Einreiben verwenden und meine Haut wird jetzt schneller trocken, besonders die Hände und die Partie um die Augen. Hier auf dem Foto sieht man uns alle drei.

Außerdem habe ich Frau Schneider von www.olympischesportbibliothek.de kennen gelernt. Diese Firma macht ziemlich coole Sportfotos / Kunstdrucke und bietet sie Unternehmen an, die die Bilder personalisiert bekommen und z.B. an Geschäftskunden als Präsente weitergeben können. Frau Schneider hat mir ein paar gute Tipps gegeben, da ich mit meinen Postkartenserien ganz ähnliche Angebote habe.
Tagwerk und Nachtwerk

(27.03.12 - Tag 19) In den vorigen Einträgen fehlt mir ein wenig der Humor, sie sind zu ernst. Andererseits spiegelt das eine authentische Phase wider, denn nach den Raketentagen mit Rekord-Serotonin-Ausschüttungen (oder was auch immer das ist) folgt eine ruhigere Zeit. Etwas beschaulicher, gesetzter. Zwar bin ich nach wie vor ständig in Bewegung und auch der Frühjahrsputz geht immer noch weiter, aber da sind mehr meditative Stunden und auch der Schreibdrang hat abgenommen. In den Nächten geht die Arbeit weiter. Heute träumte ich von dem Misereor-Plakat, das ich beim Spazierengehen gesehen hatte. "Mut ist, zu kämpfen. Auch wenn der Gegner übermächtig ist". Es geht um drangsalierte Fischer, aber nicht die in Gaza. Auch die übrigen Plakate der Misereor-Kampagne passen genau auf Palästina/Israel, auch wenn andere Länder gemeint sind. Im Traum habe ich "Free Palestine" auf das Plakat gesprüht (siehe das bearbeitete Foto rechts) und bin dann weggerannt. Aber ich möchte nicht mehr wegrennen.
Ohne Fasten würde ich mich besaufen, um die Unterdrückung Palästinas für ein paar Stunden zu vergessen. Aber ich möchte mich auch nicht mehr besaufen müssen, nur damit Deutschland seine Vergangenheit auf Kosten eines Volkes "bewältigen" kann. Es wird der Tag kommen, an dem auch Leute wie ich einen Platz in der Gesellschaft bekommen können. Bislang ist das nicht möglich, denn die legitimen Rechte der Palästinenser kommen am Antisemitismusvorwurf nicht vorbei, und das gilt auch für die Leute, die nur über das Problem sprechen und an den Machtstrukturen kratzen, um die es sich hier dreht. Man muss sich der Herrschaft unterwerfen. Aber das kann ich nicht und werde ich nicht. Freiheit ist das wichtigste Gut.
Tag 20

(28.03.12) Sabine hat gerade dieses Foto gemacht, bevor sie ins Büro gegangen ist. Es dokumentiert, wie sich meine Ausstrahlung verändert. Ich fasse noch einmal zusammen, dass dieses Fastentagebuch ein Erfahrungsbericht meiner diesjährigen Kur ist. Man erfährt also etwas über das Fasten und etwas über mich. Gleichzeitig markiert diese Zeit einen Wendepunkt in meinem Leben, weil ich mein Leben in verschiedener Weise verändern werde: Nach dem Fasten werde ich die Ernährung umstellen und nicht mehr so viel Süßes zu mir nehmen, weniger Alkohol und mich mehr bewegen. Das ist eine Chance, denn der Körper kann sozusagen neu programmiert werden. Mit dem Rauchen aufhören möchte ich nicht, aber ein vernünftiges Maß finden. Das neue Selbstbewusstsein und die Ordnung, die ich um mich herum geschaffen habe, sollen auch die berufliche und private Karriere in neue Bahnen lenken. Abgenommen habe ich natürlich auch, bislang vielleicht etwa fünf Kilo. Früher trug ich meinen Gürtel im dritten Loch, vor dem Fasten war ich im nullten Loch (ich musste ein neues machen, seufz) und jetzt bin ich wieder im zweiten. Vielleicht kann ich bald schon wieder meine enge Lederhose tragen, das wäre traumhaft.

Zur Diät

(30.03.12 - Tag 22) Es gibt ein paar Nachträge, was die Ernährung angeht. Eingangs erwähnte ich bereits die Fasten-"Zutaten". Der morgendliche Esslöffel Honig ist beim Buchinger-Fasten eigentlich nicht vorgesehen, allerdings habe ich damit gute Erfahrungen gemacht. Auch wenn ich am Abend Gemüsebrühe mache, nehme ich einen guten Teelöffel Gemüsebrühe-Konzentrat, auch das könnte ein klein wenig mehr sein als vorgeschrieben. Es ist aber in Ordnung, weil ich danach keinen Hunger bekomme. Das ist getestet. Auch wenn ich ab und zu eine kleine Knoblauchzehe in die Suppe schneide, mmmmhh, lecker. Anders wäre es, wenn ich zwischendurch schummeln und etwa ein Stück Apfel essen würde. Dann käme sofort der Hunger und es würde richtig schwierig werden. Schon die Kaugummis sind ein Grenzfall, da sie die Magensäfte anregen. Ich kaue zwei bis drei kleine Kaugummis am Tag und komme damit gut zurecht. Als ich für Sabine Blumenkohl gekocht und eine Zwiebelsuppe gemacht habe, habe ich jeweils Sud für mein Abendgetränk abgegossen. Das war besonders köstlich. Mit diesen Nährstoffen auf 4-5 Liter Flüssigkeit verteilt kommt man schon eine Weile über die Runden, ohne zu darben.
Was den Alltag angeht, so ist der Frühjahrsputz jetzt offiziell beendet und ich fühle mich sehr wohl in unserer Wohnung. Sabine hatte viele Bücher übrig und auch sonst war da allerhand Kram, den wir nicht mehr brauchen, auch wenn er noch funktionstüchtig ist. Ich habe all das zu Tuomo gebracht, in seinen Laden-Flohmarkt, wo man Regale mieten kann (www.mycityfloh.de), siehe das Foto rechts. Nun brauche ich eine neue Beschäftigung. Da passt es ganz gut, dass gerade Textaufträge und Anfragen für Auftritte hereinkommen. Sobald es nämlich langweilig wird, fällt das Fasten wieder schwer und man fragt sich: warum noch fasten? Aber ich weiß warum und meine Willenskraft und Disziplin lassen nichts zu wünschen übrig.
arte

(31.03.12 - Tag 23) Wie ich gestern Abend sah, hat arte vorgestern eine längere Doku über das Heilfasten gesendet. "Fasten und Heilen: Altes Wissen und neueste Forschung" von Sylvie Gilman und Thierry Vincent de Lestrade. Eine Beschreibung des Films steht auf buchinger.com. Es geht um einen russischen Ansatz und um Buchinger. Der Film ist noch für ein paar Tage auf arte im Internet zu sehen. Er ist fortschrittlich, wenn auch etwas apologetisch. Als müsse man das Fasten gegenüber Skeptikern verteidigen. Außerdem waren da überall Ärzte und Überwachungen. Dadurch bekommt die Sache so einen unnötigen Krankenhausgeruch. Super Film jedenfalls und eine schöne Bestätigung.

Tanzende Buchstaben

(01.04.12 - Tag 24) Hier rechts sieht man ein neues Bild, das ich gestern gemacht habe (14,5 x 11 cm). Ein ähnliches in A4 habe ich einst in Liverpool gezeichnet und dort gleich verkaufen können. Dies hier ist aus der erwähnten Miniaturensammlung. Ansonsten ging es mir gestern nicht besonders. Das Fasten macht mir derzeit bewusst, dass das Glück mirgegenüber in den letzten zwölf Jahren nicht übertrieben großzügig war. Der Preis für die künstlerische und persönliche Entfaltung ist eher hoch gewesen: Karriere, Geld, Anerkennung, Frauen, Familie, Freunde ... Zwischendurch einige Highlights wie die Arabischen Literaturtage in Hamburg, die beweisen, dass ich schon ganz richtig liege, dann wieder die "normale" Leere. Das hat allerdings auch dazu geführt, dass meine Selbstdisziplin kaum zu erschüttern ist und ich besonders viel arbeite. Natürlich, Künstler haben es schwer, das ist ein Gesetz, das alle kennen ... und an das sich die meisten Leute auch halten. Viele Künstlerinnen und Künstler verzichten daher zum Beispiel vorauseilend auf politische Botschaften. Hier in Mainz ist sogar die lokale Zeitung einigermaßen unpolitisch, wie die letzte Wochenendausgabe mal wieder gezeigt hat. Da war aber auch so viel Werbung drin, dass politische Aussagen wohl zu riskant wären. Es gibt 482 Stadtmagazine hier, die kommen alle mehr oder weniger ohne Kritik aus. Das hat natürlich vor allem damit zu tun, dass hier alles in Ordnung ist.
Tagesration

(02.04.12, 10 Uhr - Tag 25) Hier links sieht man die Tagesration auf einen Blick. Die rechte Wasserflasche ist nur halb voll. Das kleine Ding rechts ist eine halbe Knoblauchzehe. Leichte Variationen sind möglich, ich habe auch noch Hagebutten/Hibiskustee als Alternative und variiere auch die Säfte ein wenig. Schwarzer Tee und Kaffee hingegen sind tabu. Heute ist Tag 25. Meine Kräfte kommen wieder.
Nach dem ausgiebigen Hausputz, bei dem ich ganz schön ins Schwitzen gekommen bin, brauchte mein Körper anscheinend etwas Erholung. Das Wetter war ebenfalls kühler geworden. Bei Sonne, Wärme und Hitze fällt das Fasten leichter.
Derzeit stehe ich morgens gegen 7.30 Uhr auf und mache nach dem ersten Pfefferminztee einen halbstündigen Morgenspaziergang. Das Tütchen mit der Vitamintablette und den Kaugummis habe ich immer in der Hosentasche, auch wenn ich vor 13 Uhr meistens nicht drangehe. Es gibt mir komischerweise Sicherheit. Mit dem Fruchtsaft beginne ich erst gegen 17 Uhr, mit dem Gemüsesaft gegen 20 Uhr, Schlafenszeit ist etwa 23.30 Uhr. Ich ziehe möglichst viel nach hinten, was den Nachteil hat, dass ich nachts öfter mal raus muss. Daran arbeite ich noch. Manchmal wache ich morgens um 4 oder 5 auf und arbeite eine Stunde am Rechner, dann schlafe ich wieder ein. Beschwerden habe ich überhaupt keine, ganz im Gegenteil: Ich fühle mich ausgezeichnet. Ein bisschen zerstreut manchmal, ein bisschen langsam manchmal, aber dafür insgesamt stärker, fröhlicher, lebendiger. Na, auf den Geschmack gekommen?

Sinnlich

(03.04.12 - Tag 26) Was man nicht essen kann, kann man zumindest malen. Allerdings wäre mir eher nach Suppengrün als nach Oliven. Suppengrün nach dem Fasten ist mindestens so gut wie Sex. Beim Fasten werden die Sinne geschärft. Wenn ich morgens den Spaziergang mache, rieche ich zum Beispiel viel bewusster, wie es in der Mainzer Neustadt stinkt. Nach Malz oder auch nach Kloake. Nicht jeden Tag, aber oft genug. Ich höre auch besser die Bohrmaschinen, die heute Morgen hier im Haus Party gemacht haben. Ich bin irgendwann an den Rhein geflüchtet und habe in der Sonne gemalt. Im Moment mache ich jeden Tag ein Bild. Malst du nämlich gern, hält das den Doktor fern. Glaube ich.
Enttäuschungen und Angriffe

(04.04.12 - Tag 27) Wie reagiert ein Fastender auf Enttäuschungen und Angriffe? Ist man sensibler als sonst, verletzlicher gar? Teilweise kann man das so sagen. Andererseits sieht man klarer. Gestern etwa habe ich einen Brief bekommen, in dem eine bekannte Nachrichtenagentur über ein Anwaltsbüro Geld von mir forderte, wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen auf Anis Online. Ich habe das sofort öffentlich gemacht und die Sache war damit sehr schnell erledigt. Deshalb ist dieser Eintrag auch so kurz. Das andere habe ich wieder gelöscht.

Pfirsich

(05.04.12 - Tag 28) Dieses schöne Foto habe ich heute im Botanischen Garten der Uni Mainz gemacht. Das leuchtend Rote ist ein Pfirsichbaum, wer hätte das gedacht. Ein anregender Spaziergang mit sehr netter Begleitung war das. Energetisch bin ich wieder so weit oben wie am Tag 14, also vor zwei Wochen. Gesundheitlich ist alles gut. Vor drei Tagen war mir abends etwas flau und gestern Abend tat mir der rechte Ellenbogen auf der Innenseite etwas weh, aber ohne Fasten habe ich normalerweise mehr Wehwehchen. Nach Ostern werde ich mich mal ärztlich checken lassen, das steht sowieso an. Fasten hilft vorbeugend gegen viele Krankheiten.
Triptychon

(06.04.12 - Tag 29) Hier sieht man mich einen österlichen Triptychon zeichnen. Dieses Mal ist es keine Miniatur. Ich nehme in letzter Zeit Themen und Motive auf, die ich bereits vor Jahren einmal gezeichnet habe. Zu einer Zeit, als ich noch keine professionellen Stifte verwendet habe. Ich habe zwar noch allerhand Schreib- und Recherchearbeiten zu machen, aber dazu habe ich heute wenig Lust. Immerhin: Auch konzentriertes Arbeiten am Rechner ist während des Fastens im Prinzip kein Problem. - Man beachte, dass ich den Ring am Zeigefinger trage. Das ist seit gestern Abend wieder möglich. Auch der Gürtel ist heute zum ersten Mal wieder im dritten Loch.

Tag 30

(07.04.12) Hier das Vergleichsbild zu Tag 20. Mein Gesicht ist ein bisschen schmaler geworden. Das Wetter ist heute etwa zehn Grad kühler als an Tag 20, das muss man berücksichtigen, ebenso, dass Sabine hier einen Blitz verwendet hat. Ansonsten bin ich nach wie vor fit wie ein Turnschuh und habe nichts an Kraft eingebüßt. In diesen Tagen lese ich kopfschüttelnd, was die Medien über Günter Grass' Israel-Gedicht zu sagen haben, das lyrisch eine Katastrophe ist und inhaltlich nichts anderes als das, was Friedensleute jeden Tag schreiben. Bemerkenswert sind allein die hysterischen Medienreaktionen, dieses zwanghafte und reflexartige Deckel-Drauf-Halten, diese Unreife und geistige Beschränktheit unserer westlichen Systemmedien!

Freunde

(08.04.12 - Tag 31) "Friends" heißt mein gestriges Bild. Es sollte das Remake einer früheren Zeichnung sein, ist dann aber ganz anders geworden, vor allem farblich. Wenn man sich beim Fasten auf sich selbst besinnt, denkt man automatisch über sein Beziehungen nach. Ich brauche immer klare Verhältnisse, was Leute angeht. Da ich vieles tue, was andere nicht tun, komme ich nicht so leicht in Kreise und Gruppen. Außerdem habe ich zwei wichtige Lebenserfahrungen gemacht: dass Gruppen sich nach Führern richten und nicht nach Regeln, und dass die meisten Leute dich nicht sehen, sondern das Bild, das sie von dir haben. Sie geben dir eine Rolle, damit sie dich in ihr Leben einbauen können. Andernfalls wärst du gar nicht
interessant. Was die Führer angeht, so betonen diese heutzutage ihre Führerschaft nicht, ja verleugnen sie zuweilen sogar vor sich selbst und verweisen allein auf "die Sache", also die Ziele der Gruppe. Auf diese Weise bemerken sie ihr Ego erst gar nicht, das letztlich die treibende Kraft darstellt. Ich bin in keiner Gruppe, weil ich keine Gruppe kenne, die an sich selbst die gleichen Maßstäbe ansetzt wie an die Außenwelt. Korruption und Verrat sind so normal, dass sie kaum jemandem auffallen. Nehmen wir das Christentum als Beispiel, anlässlich der Ostertage. Jesus war Pazifist, aber unsere christlich geprägte Gesellschaft ist alles andere als pazifistisch und macht sich lustig über die Werte, die Jesus verkörpert hat. Die meisten sind konstantinische Christen, also Kriegschristen, weil es in Gruppen eben nicht um Regeln oder Werte geht. Deshalb wählen wir auch politische Parteien oder sind gar Mitglied darin, obwohl wir wissen, dass sie ihre eigenen Regeln missachten, sofern sie das für notwendig erachten.

Rollschuh Fahren

(09.04.12 - Tag 32) Hier sieht man Sabine und mich beim Rollschuh Fahren auf dem Supermarkt-Parkplatz bei uns um die Ecke. Das war gestern und hat sehr gut getan. Die Rollschuhe habe ich für 30 Euro gesehen, die für Sabine sogar für 20, neu, da konnte ich nicht widerstehen. In den ersten zwei Wochen habe ich eine Menge Zeug gekauft. Jetzt kaufe ich eigentlich nur noch Säfte und Essen für Sabine.

Etwa eine Stunde lang sind wir gelaufen. Wir haben beide Schlittschuh-Erfahrung, das ist vorteilhaft. Danach fühlte ich mich so, als wären wir Schwimmen gewesen. Ich war ziemlich fertig, was ja Sinn der Sache war. Habe mich sogar für eine Stunde am Nachmittag hingelegt, zum ersten Mal während der ganzen Fastenkur.
Reisen

(10.04.12 - Tag 33) Es ist schon ziemlich praktisch, dass ich gerade so viele kleine Bilder fertigstelle, sie passen gut auf diese Seite. Die Fastenperiode ist wie eine lange Reise. Ein Marathon, wenn man so will. Man reist weit ins Innere auf einer spirituellen Suche. Wenn du nicht lachst, verrate ich dir, dass ich derzeit einige seltsame Zufälle erlebe, was ich als gutes Zeichen deute, eines von hohem Bewusstsein. Mein Glaube kehrt zurück, zumindest ein klein wenig. Und die Träume sind so lebendig und tief. Wenn ich aufwache, ist es so wie von einer weiteren langen Reise zurückzukommen. Nun fahre ich täglich eine Stunde lang Rollschuh, es ist genau, was ich brauche. Da ist so viel Zeit für alles, weil ich nicht zu kochen brauche, nicht einkaufen muss oder verdauen oder essen. Ich muss mich nur beschäftigt halten, damit mir nicht langweilig wird.

Hoffnung

(11.04.12 - Tag 34) Ich bin mit der Absicht in diese Kur gegangen, mein Leben in eine neue Richtung zu bringen. Ich möchte meinen Körper wieder in Form bringen für diverse Auftritte, die ich in diesem Jahr habe, und das ist mir bereits gut gelungen. Einige Angebote für Shows und Textjobs sind ebenfalls eingetrudelt und die Wohnung ist grundgereinigt. Ich habe sogar neue Hoffnung geschöpft. Aber hat mein Leben eine neue Richtung gefunden? Nein, noch nicht. Ich nehme allerdings auch nicht an, dass ich aus mir heraus innerhalb von ein paar Wochen alles umkrempeln kann. Die goldene Regel besagt: Du kannst 50 % planen, die andere Hälfte kommt von außen an dich heran. Auf dem Goetheplatz bei mir um die Ecke habe ich diese Inschrift (links) gesehen, die mich zum Lachen gebracht hat. Wahrscheinlich, weil ich mich darin wiedererkannt habe.

Heute bin ich bei Recherchen auf die großartige Seite www.palestiniangandhiproject.org gestoßen. In Dänemark werden gerade zwei Doktorandenstipendien zu Nahost-Themen vergeben und ich beteilige mich mit einer Studie über den gewaltlosen Widerstand in Palästina an der Ausschreibung, auch wenn die Chancen wegen zu erwartenden Massenbewerbungen gering sind. Immerhin erarbeite ich ein Thema, das kann ich vielleicht auch anderswo weiterführen.
Kochen

(12.04.12 - Tag 35) Gestern habe ich dieses leckere Essen für Sabine gekocht. Sie arbeitet sehr hart und lange, außerdem unterstützt sie mich immer so sehr, also bin ich froh, wenn ich ihr etwas Gutes tun kann. OK, was haben wir denn hier: Hirse mit gedünsteten Zucchini und Kohlrabi in Schmandsoße mit Tomaten und ein paar gerösteten Mandeln & Sonnenblumenkernen. Eine Zwiebel und ein bisschen Knoblauch ist auch drin. Köstlich ... Äh, dazu einen Feldsalat und ein Spezialgetränk: eine Apfelsine und eine Pampelmuse, die langsam weg müssen, mit Sahne und Honig mit dem Zauberstab verrührt. Dazu die brennende Frauenkirche (ein Geschenk aus Dresden). Oh Mann, das Kochen war problemlos, aber wenn ich jetzt so darüber schreibe, läuft mir doch das Wasser im Mund zusammen ...

Ich koche gern. Wenn ich male, schreibe, musiziere und koche, habe ich fast alles, was ich brauche. In einer netten Gruppe der Koch und Künstler sein, das wäre was. Kochkünstler. Dies hier habe ich noch nie zuvor gemacht. Ich habe die Hirse im Schrank gesehen und mir etwas Vegetarisches dazu ausgedacht, weil Sabine kein Fleisch isst. Natürlich ist es zu viel, aber sie nimmt den Rest heute mit ins Büro. Sabine ist Biologin und arbeitet beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Ich muss für sie immer Bio kaufen. Das Abschmecken? Nun ja, ich habe die Soße minimal abgeschmeckt, das geht schon. Gewürzt habe ich mit Vitam-Gemüsebrühe, Pfeffer, Salz, Muskat und etwas Oregano. Letztens habe ich Semmelbrösel gemacht und Pilze und anderes Gemüse in Ei gewendet, paniert und gebraten. Das werde ich noch einmal machen, wenn ich wieder esse, sah ziemlich gut aus :-)
Inspiration

(13.04.12 - Tag 36) Es ist 10 Uhr an einem herrlich sonnigen Morgen und ich habe seit 36 Tagen nichts gegessen. Meine physische Verfassung ist sehr gut, abgesehen von ein paar blauen Flecken, die ich mir beim Rollschuh Fahren zugezogen habe. Meine psychische Verfassung ist ein Zustand von Inspiration und Wohlsein. Die Dinge um mich herum machen einen geheimnisvollen Eindruck, als sähe ich die Welt mit neuen Augen. So wie auf dem Foto. Es zeigt die Goethe-Schule in meiner Nachbarschaft. Ich bin voller Ideen und sehe klar. Der Grass-Gedicht-Skandal hat dazu geführt, dass ich meine Position in Deutschland und dem Westen überdenke. Noch nie habe ich mich mit den Medien so unwohl gefühlt wie heute und gestern habe ich einen 18.000-Zeichen-Essay auf Englisch zu Ende geschrieben.
Die erwähnte Nachrichtenagentur (dapd) hat sich übrigens über ihre Anwälte erneut an mich gewandt. Sie möchten Aufmerksamkeit und haben mich durch die Blume darum gebeten, eine Satire über sie zu schreiben. Schließlich habe ich zugestimmt, aber dafür brauche ich etwas Zeit. Natürlich wollen sie nichts dafür bezahlen. Manchmal frage ich mich schon, was die Leute eigentlich von mir erwarten. Es ist nicht immer leicht, ein Mega-Star zu sein. Im Moment muss ich mich auf ein paar Textjobs konzentrieren und auf Vorbereitungen von anstehenden Lesungen und Veranstaltungen.
Mensch und Biest

(14.04.12 - Tag 37) Diese Janus-Kopf-artige Skulptur habe ich gerade auf dem Spielplatz im Park entdeckt. Es erinnert daran, dass wir alle zwei Gesichter haben. Die Skulptur hat sogar drei, das kann man nur aus dieser Perspektive nicht erkennen.

In den letzten beiden Tagen bin ich gegen 17 Uhr müde geworden und habe mich jeweils für eine Stunde hingelegt. Vielleicht habe ich mich beim Rollschuh Fahren zu sehr verausgabt. Ich lasse es in den nächsten Tagen etwas ruhiger angehen, ohne Rollschuhe und dafür mit langen Spaziergängen. Das Wetter ist auch wieder herrlich. Einmal war ich zuvor bereits an dieser Stelle - ich meine Tag 37. Es ist kein Neuland. Allerdings ist das Fasten jedes Mal anders und man weiß nie so recht, was auf einen zukommt. Sollte ich jetzt Beschwerden bekommen, die zwei Tage anhalten, dann höre ich sofort auf. Es sieht aber nicht danach aus. Einen Arzttermin habe ich so schnell nicht bekommen, doch habe ich auch nicht den Eindruck, dass es eilig ist.

Der gestrige Abend war sehr energetisch. Ich hatte die Woche über einen vier Seiten langen Essay auf Englisch geschrieben und habe ihn gestern zwischen 19.30 Uhr und 0.30 Uhr ins Deutsche übersetzt. Heute Morgen um halb neun habe ich ihn noch einmal durchgelesen und ihn dann versendet. Das ging alles viel schneller als gedacht. So lange ich zu solchen Höchstleistungen fähig bin, muss ich mir wohl keine Sorgen machen. Überhaupt habe ich noch nie so viel geschrieben während des Fastens. Dieses Tagebuch hier, das ja ebenfalls zweisprachig ist, dann den Brief an Sigmar Gabriel, eine Menge Emails und einen Artikel für die Neue Rheinische Zeitung schreibe ich auch noch, den gebe ich morgen ab.

(Zehn Stunden später): Es ist spät am Abend und ich nippe an meiner Suppe, dem täglichen Highlight. Heute hat sich Sabine Kartoffeln gekocht und ich habe das Kartoffelwasser in meine Suppe geschüttet. Ich würde jetzt gern eine Zigarette rauchen ... Die Tage vergehen noch immer recht schnell und ohne Schmerz, es gibt allerdings kurze Phasen von Langeweile zwischendurch. Ich nehme meistens meine Jacke und gehe spazieren, wenn das passiert. Nicht mehr lange und ich werde wieder essen.

Im Internet habe ich einige sehr negative Artikel über das Fasten gelesen. Da heißt es, Fasten sei überhaupt nicht gut, es schade nur und mache krank. Und dass es im Grunde nur etwas Deutsches sei. Sehr aggressive Artikel. Interessant, ich wusste nicht, dass manche so denken können. Es gibt wohl Typen von Leuten, die besser für das Fasten geeignet sind als andere. Aber solche scharfen Ablehnungen wie die, die ich gelesen habe, sind schon recht abgedreht. Ich habe das mindestens ein Dutzend Mal gemacht, für eine Woche, für zwei, manchmal für vier Wochen und einmal sogar sechs Wochen lang und habe mich immer super dabei gefühlt, auch hinterher.

Genau genommen ist das Fasten eine Fluchttür für mich. Immer, wenn ich mich für eine längere Zeit schlecht fühle, wenn ich die Hoffnung verliere und all das, dann weiß ich, dass ich immer auf das Fasten zurückgreifen und mich so verändern kann. Manchmal rauche ich zu viel oder trinke zu viel, dann kann ich die Bremse ziehen und wieder ins Gleichgewicht finden. Lange Reisen wie diese hier sind dabei eher selten. Aber wie ich schon gesagt habe, dieses Mal möchte ich eine größere Veränderung.

Jedes Mal, wenn ich faste, lerne ich ein bisschen mehr über den Mann in mir und über das Biest. Den guten Jungen und den bösen Jungen. Wenn es keine Ablenkungen gibt und man zuhört, dann lernt man. Ich möchte mich reinigen und einen Neuanfang, mir meine Fehler verzeihen und all das. Das Fasten ist eine sehr gute Methode dafür, das sagt mir meine Erfahrung.

Vergänglichkeit

(16.04.12 - Tag 39) So lässt es sich aushalten. Das ist der Mainzer Strand am Rhein. War allerdings bereits vorgestern. Sabine und ich haben einen Spaziergang gemacht und eine kleine Pause eingelegt. Doch genau genommen halte ich es gar nicht lange aus, nichts zu tun. Ist eher selten. Gestern habe ich nicht geschrieben, weil ich getrauert habe. Ich kann nicht einmal ganz genau sagen warum, aber ich konnte einfach nichts Vernünftiges schreiben. Wenn man das Leben so klar sieht, sieht man auch den Tod, der notwendig zum Leben dazugehört. Die Vergänglichkeit des Seins, im alltäglichen Leben oft nicht mehr eine Plattitüde, bekommt beim Fasten eine tatsächliche Bedeutung. Man wird sich bewusst über den Tod. Vielleicht war ich deshalb traurig. Immerhin höre ich wieder Musik, das hilft. Und wer weiß, vielleicht schreibe ich sogar noch einen Song, solange ich faste.
Tag 40

(17.04.12) Hier wieder ein Foto zum Vergleich. Diese Fastenkur tut richtig gut. Heute werde ich die Rollschuhe wieder hervorholen, es ist ein sonniger Tag. Ein paar Tage mache ich noch, dann kommt der schwierige Teil: Die Aufbau-Phase. Das Tagebuch werde ich bis zum Ende der Aufbauphase weiterführen, denn das richtige Essen nach dem Fasten gehört auf jeden Fall zur Gesamtdarstellung. Aber dazu später mehr. Heute möchte ich drei Leute erwähnen, die meinen Weg unterstützend begleiten. Da ist als erstes Sabine, die ich nun seit fast vierzehn Jahren kenne, und die mir eine Schwester ist, wie ich sie mir nur wünschen kann. Ich habe zwei leibliche Schwestern, die mich vor vierzehn Jahren verlassen haben, und da ich gar keine Familie mehr habe, ist Sabine meine ganze Familie. Wir lernten uns an der Uni in Kiel kennen, wo ich Arabisch unterrichtete. Dann ist da Gulamhusein in Connecticut/USA, den ich seit 2008 kenne, als ich zum harten Kern des Free-Gaza-Movement gehörte. Wir sind seither in Kontakt und er ist ein besonderer Mensch. Er liest dieses Tagebuch sehr aufmerksam, spricht darüber mit anderen und schickt mir ermutigende Kommentare wie diesen, ich übersetze: "Auch, wenn du es nicht weißt: Deine Schriften, deine Kunst, deine Website - all das wird wahrgenommen und geschätzt und hat eine nützliche Wirkung auf die, die damit in Berührung kommen." Gulamhusein stammt aus Indien und ist Gandhi persönlich begegnet. Er schreibt Analysen über Nahostpolitik und islamische Angelegenheiten und hat einen Room auf Anis Online. Seine Website ist http://defyingsilence.blogspot.com. Schließlich mein Nachbar Boujemaa, von dem ich oben bereits geschrieben habe. Auch er liest diesen Blog von Beginn an und er lässt sich inspirieren. Gestern hat auch er zu fasten begonnen, allerdings auf die islamische Weise. Auch er sucht nach einem Ausgleich und einer Reinigung. Er sieht, wie gut mir die Sache tut, da wir uns alle paar Tage sehen, und er hat sich anstecken lassen. Es gibt auch Leute, die sich Sorgen um meine Gesundheit machen, weil sie das Fasten nicht kennen. Was, du hast seit 40 Tagen nichts gegessen? Das kann doch nicht gut sein. Doch, kann es.

Alex

(18.04.12 - Tag 41) Gestern Abend sah ich Alex Elsohn und einige Freunde im Büro des Datenschutzbeauftragten von Rheinland-Pfalz hier in Mainz. Alex war der Europa-Koordinator von Givat Haviva, einer israelischen Aufklärungs- und Friedensgruppe, mit der ich mehrere Male zusammengearbeitet habe. Sie sind die älteste ihrer Art in Israel und ich glaube, der Hauptgrund, warum diese Kooperation keine Eintagsfliege war, ist Alex. Wir hatten wohl so unsere politischen Kämpfe, oh ja, aber sein Verhalten ist bemerkenswert und ich habe inzwischen großen Respekt vor ihm. Letztes Jahr lud er mich ein, den Palästina-Express auf der Bundesgartenschau in Koblenz zu bringen (Fotos). Das war ein Zeichen wirklichen Engagements und selten hat jemand die Gelegenheit, klare Worte über Palästina zu einer
großen deutschen Öffentlichkeit zu sagen. Und es hat funktioniert. Es war eine wirklich erstaunliche Erfahrung. Zuvor hatten wir die Shalom-Salam-Tournee zusammen gemacht, 2004. Oh ja, und die Barenboim-Preisverleihung. Und 2004 machten wir noch eine Zwei-Personen-Podiumsdiskussion zusammen, wie ich mich dunkel erinnere. Jetzt hört Alex mit diesem Job auf und beginnt etwas Neues und wir saßen in kleiner Runde zusammen. Zuvor waren er und Friedel Grützmacher von Givat Haviva Deutschland bei Kurt Beck, dem Ministerpräsidenten von RLP. Beck ist ein großer Fan von Givat Haviva. Alles Gute, Alex, wir bleiben in Kontakt!
Kein Hunger

(19.04.12 - Tag 42) Viele verwechseln Fasten mit Hungern, weil sie nicht wissen, dass der menschliche Körper auf den Fastenmodus umschalten kann. Fasten hat so viel mit Hungern zu tun wie Edelweiß mit Gemüse. Eine Fastenkur ist daher auch keine Hungerkur. 42 Tage hungern, das wäre schlimm. Wer diesen Unterschied nicht versteht, muss denken, dass langes Fasten großer Unfug ist. Man sieht jedoch an diesem Tagebuch, dass es hier um etwas anderes geht.

Meine Hosen passen mir wieder. Die enge Lederhose und ein paar andere, die ich seit Jahren im Schrank hatte, weil ich mich mit diesem Bauch nicht abfinden wollte. Ich war nie dick und will auch nicht so enden. Wenn es mir gelingt, die Ernährung ein wenig umzustellen und den Sport beizubehalten, ist da eine gute Chance, dass ich die jetzige Figur halten kann. Vorgestern habe ich eine lange Rollschuhfahrt gemacht, das bringt's.

Sünde

(20.04.12 - Tag 43) Wie das Bild zeigt, habe ich gesündigt. Natürlich darf man nach sechs Wochen des Fastens nicht auf nüchternen Magen eine Zigarette rauchen. Ich habe es getan. Außerdem habe ich eine Vitamintablette extra gegessen. Ich habe also so richtig über die Stränge geschlagen :-) Es gibt verschiedene Arten der Sünde, diese hier gehört nicht zu den schlimmen. Sie blieb auch folgenlos. Wenn ich so lange faste, kommt es schon mal vor, dass ich auf diese Weise Dampf ablasse. Eine Art Party. Jetzt kann ich mich auf die letzte Fastenwoche konzentrieren, die morgen beginnt. - Meine abendliche Suppe gestern schmeckte seltsam und ich habe mich gewundert. Es lag am Blumenkohlwasser, das ich von Boujemaa hatte, es war nach drei Tagen sauer geworden.
Heute ist Tag 43 und das ist Neuland. So tief in den Wald gelaufen bin ich noch nie. Neulich habe ich geträumt, in einer Günter-Grass-Lesung zu sitzen, aber ich habe nur mit einem DIN-A4-großen Tablet-Computer gespielt und gar nicht zugehört. Am Kiosk habe ich mir Brötchen, Snacks und Getränke gekauft, doch als der Kassierer 14 Euro von mir haben wollte, fiel mir ein, dass ich ja faste und gar nichts essen darf. Also habe ich die Bestellung storniert und weitergeschlafen. Das Bild ist übrigens in meiner Schnipsel-Technik gezeichnet, die ich manchmal verwende, um zu kaschieren, dass ich eigentlich nicht zeichnen kann.
Perspektive

(21.04.12 - Tag 44) Das Fasten ist jetzt so sehr zu einer Routine geworden, dass ich kaum noch darüber nachdenke. Ich habe sogar ein wenig Angst davor, wieder mit dem Essen zu beginnen, weil mein Rhythmus sich dadurch wieder stark ändern wird. Es geht mir gut, mir fehlt eigentlich nichts. Bevor ich mit der Kur angefangen habe, fühlte ich mich ungefähr so wie auf dem Bild zu sehen. Wie ein zugemauerter Notausgang. Heute fühle ich mich frei und rein und stark.

Viele Leute können das nicht glauben, weil wir in einer Konsumgesellschaft leben. Konsumieren und Wegschmeißen gehört zu unserer Form des Kapitalismus einfach dazu und wir werden so erzogen, dass wir Zeug in uns hineinfressen und uns Mist im Fernsehen ankucken. Das heißt allerdings nicht, dass das die beste Wahl ist. Es heißt nur, dass es den Konzernen etc. am besten gefällt. Manchmal sollte man schon über den Tellerrand schauen und sich auch überzeugen lassen, wenn man etwas überzeugend findet. Ansonsten sind wir wieder bei dem Foto rechts.

44 Tage ohne Essen und ohne Beschwerden. In meinem Alltag habe ich mit einigen darüber gesprochen. Einige sagen, dass sie es auch schon probiert haben oder noch wollen, wenn auch nicht so lange. Andere sagen, dass sie die Willensstärke nicht haben, es aber bewundern. Wieder andere können mit der ganzen Sache einfach nichts anfangen. Sie verstehen die Bedeutung des Fastens nicht, sehen keinen möglichen Sinn. (Diese Leute tun mir leid.) Schließlich gibt es solche, die Fasten ablehnen und Praktizierende ebenso. Es sind zumeist Leute aus Gruppe drei (die nicht verstehen), die sich gleichzeitig gern über andere stellen und für jeden gute Ratschläge haben.

Glück

(22.04.12 - Tag 45) Wenn man sich so sehr von seiner Umgebung und den Menschen in seiner Stadt und seinem Land unterscheidet, dann gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man wird ausgegrenzt oder man ist ein Star. Zum Glück bin ich ein Mega-Star geworden. Gut, es ist nicht immer leicht, das habe ich ja oben schon erwähnt, aber im Grunde muss ich schon dankbar sein für dieses Leben. Allein die Tatsache, dass ich fast jederzeit ins Tonstudio gehen kann, ist eine große Erleichterung. Mein Label hat sich darum gekümmert, dass ich neue Songs gleich aufnehmen und einspielen kann. Die Leute wissen, dass ich immer sehr schnell werde, wenn ich eine Inspiration habe, also geben sie mir die Möglichkeit, mich zu entfalten. Ich muss nur anrufen und bekomme meist sofort, was ich brauche, inklusive Musikern. Das Label bezahlt alles, weil es in seinem eigenen Interesse ist. Dafür bin ich natürlich sehr dankbar und mache ihnen Geschenke. Da ich im Studio aufblühe, schreibe ich auch viel mehr Musik als früher. Schon vor Jahren habe ich viel geschrieben, aber ich hatte nur wenig Möglichkeiten aufzutreten oder aufzunehmen. Jetzt ist das anders. Inzwischen habe ich viele andere Komponisten kennen gelernt und Unterricht im Notieren von Songs genommen (Mein Musiklehrer in der Schule hat versäumt, mir Noten beizubringen. Er war faul und nachlässig.) Jetzt schreibe ich manchmal auch Filmmusik und Dinge, an die ich früher nie gedacht habe. Die Musik ist mein Leben. Hör dir gern ein paar Songs in der Jukebox an und lies dir meine Musik-Infoseite durch. Vielleicht spiele ich bald in deiner Stadt.
Ähnliches Glück habe ich mit der Literatur, ob es Lyrik ist oder Prosa. Es sind im Laufe der Jahre Dutzende von Projekten realisiert worden, viele Bücher, Hörspiele und journalistische Werke. Es war überhaupt nicht schwer, einen Verlag zu finden, der mich voll unterstützt. Das mag auch daran liegen, dass ich nicht nur schreiben kann und gute Bühnenshows mache, sondern auch Werte vertrete, die in unserer Gesellschaft gefördert werden. Vor allem die Gewaltlosigkeit. Schon immer habe ich mich für die Unterdrückten eingesetzt und in meinen Essays Wege des Friedens gesucht und aufgezeigt. Deshalb lieben mich auch die Zeitungen und Medien. Sie haben großen Respekt vor freien Künstlern, die ihren Weg gefunden haben und der Welt so viel geben. Außerdem erkennen sie das Potenzial, das Leute wie ich für den Friedensprozess haben. Ich vermittle zwischen Orient und Okzident, zwischen Islam und Christentum und Judentum, zwischen Jung und Alt und so weiter. Das ist ja genau, was die Gesellschaft sucht in diesen Krisenzeiten. Deshalb ist auch niemand neidisch auf meine Talente. Außerdem ist die Gesellschaft so aufgeklärt, dass ich keine Nachteile zu befürchten habe, weil mein Vater aus Palästina stammt und einen muslimischen Hintergrund hat. Ständig bin ich daher auf Lesereise und stehe auf der Bühne mit meinen diversen Shows. Dann wieder arbeite ich als Stadtschreiber. Außerdem sind da Auftritte im Ausland, weil ich in vier Sprachen lese und gern fremde Länder entdecke und darüber schreibe. In der Übersetzerzunft habe ich eine Menge Freunde gewonnen. Bald kommt eine fünfte Sprache dazu. Auf dieser Infoseite sind meine Literaturprojekte zusammengefasst. Ich schreibe viel und mir gehen eigentlich nie die Ideen aus. Meine gereimten Stücke gibt es nur auf Deutsch, ich trage fast zwanzig davon auswendig vor. Natürlich habe ich auch viele Preise gewonnen, ähnlich wie in der Musik, das ergibt sich fast automatisch. Bald werden einige meiner Sachen verfilmt und ich bin auch gebeten worden, für das Fernsehen zu schreiben und als Schauspieler aufzutreten.
Schließlich sind da meine Bilder und Zeichnungen, die ebenfalls erfolgreich sind. Oft habe ich Ausstellungen und arbeite mit mehreren Galerien zusammen. Beim Klicken auf die Zeichnungen dieser Seite kommt man auf die Gesamtliste. Meine Bilder sind zu Sammlerobjekten geworden und ich werde auch gerufen, um Gärten mit Kunst zu verschönern oder Fassaden anzumalen. Meist bleibt leider wenig Zeit dafür. Oft treffe ich mich mit meiner Managerin, ohne die all die Organisationsarbeit nicht zu bewältigen wäre. Dann besprechen wir aktuelle Projekte und planen für die Zukunft. Ich möchte eine Stiftung ins Leben rufen. Sie beschäftigt selbst mehrere Mitarbeiter, weil es für sie allein zu viel wäre. Ich miete mir manchmal ein Häuschen in Südfrankreich am Meer und wohne ab und zu für ein zwei Wochen in Paris, in London oder Berlin. Mein Wohnsitz ist wieder in Hamburg, meiner Stadt. Natürlich hänge ich auch oft im Orient rum und besuche auch die USA. Meine Familie hat schließlich eingesehen, dass sie schwere Fehler gemacht hat und ich konnte ihr also verzeihen. Jetzt unterstützt sie mich und ist auch nicht mehr neidisch auf mich. So hat sich alles zum Guten gewendet. Dass ich gern gebe, hat sich nicht geändert. Das einzige Problem, das ich jetzt noch habe, sind die Frauen. Alle wollen mit mir schlafen und in meiner Nähe sein. Das schaffe ich einfach nicht alles. Diese Fastenkur macht mir mal wieder klar, wie gut ich es habe und welche Möglichkeiten mir offen stehen. Doch bin ich mir darüber sehr bewusst und nehme es bestimmt nicht als selbstverständlich hin.
Leichtgewicht

(23.04.12 - Tag 46) Nur noch fünf Tage. Am Samstag werde ich wieder essen. Was für eine lange Reise! Gestern waren Sabine und ich im Naturschutzgebiet. Erst eine kleine Radtour, um hinzukommen, dann ein Spaziergang. In meine Lederhose passe ich schon seit Tagen wieder, ist ein tolles Gefühl. Da sind auch andere Hosen, in die ich wieder passe, während die, die ich in den letzten Monaten getragen habe, jetzt die "Elefantenhosen" heißen und aussortiert sind. Ich möchte diese Figur auf jeden Fall halten, daher wird Zucker eingeschränkt werden, Alkohol und einige Snacks. Außerdem soll der Sport bleiben. Die abendliche Suppe war gestern besonders köstlich, weil ich Spargel- und Kartoffelwasser darin hatte sowie eine große Knoblauchzehe. Oh Mann, war das gut. Zum Glück werde ich die Spargel- und Schollen-Saison nicht verpassen. Im Gegenteil, ich werde es genießen wie nie zuvor. Hier in Mainz bekommt man ein Kilo guten Spargel für 3, manchmal sogar für 2 Euro. Was für ein Festschmaus, mit Kartoffeln und Sauce Hollandaise!

Heute habe ich unter anderem an der neuen Website cafepalestine-colonia gearbeitet. Bei der Eröffnung am 20. Mai werde ich dabei sein, vielleicht sieht man sich da. Auf der Seite Termine stehen alle Veranstaltungen, bei denen ich live zu sehen bin. Noch ein Grund, froh zu sein, dass ich nicht mehr so fett bin.

Angst

(24.04.12 - Tag 47) Ich weiß nicht, was das ist, aber mir ist seit einigen Tagen so schwindelig. Ich werde ohnmächtig und habe schwere Kopfschmerzen und manchmal sogar Nasenbluten. Eigentlich wollte ich zum Arzt gehen, aber ich schaffe es nicht mehr aus dem Haus, kann kaum noch stehen. Dann rast mein Herz wieder wie wild. Vielleicht habe ich mich doch etwas übernommen. Ich dachte, alles wäre unter Kontrolle. Was soll ich jetzt nur machen? Hoffentlich komme ich da überhaupt wieder raus. Das war irgendwie doch eine dumme Idee mit dem Fasten. Ich hätte nie gedacht, dass es solche heftigen Komplikationen geben könnte. Oh, hätte ich bloß auf die Leute gehört!

Ja, das hättet ihr wohl gerne! Vergesst es. Mir geht es super. Ich arbeite ganz normal und habe keine Beschwerden. Kürzlich ist dieses Bild hier fertig geworden, es basiert auf einem Druck, den Sabine gemacht hat (der waben-artige orangene Teil). Wer mich unterstützen möchte, kann solch ein Originalbild kaufen, mit Rahmen, oder etwas anderes aus dem Shop. Denn was ich oben über den Megastar geschrieben habe, war natürlich auch von vorn bis hinten erlogen. Das habt ihr aber doch wohl gemerkt, oder? Aber mich gibt es. Ich bin nicht von einem Computer generiert worden.
Schach

(25.04.12 - Tag 48) In den letzten Tagen habe ich viel gezeichnet. Meistens wieder Remake-Miniaturen. Hier sieht man eines, das mir besonders gefällt. Es heißt "Chess", also "Schach". Habe ich früher viel gespielt, im Verein. Diese letzten Tage sind schwieriger als die zuvor, weil ich das Fastenende jetzt klar vor Augen habe und mein Körper sich langsam nach Essen sehnt. Wahrscheinlich der Geist noch mehr. Meine Selbstdisziplin funktioniert aber noch, obwohl ich nicht einmal eine Kontrolle habe. Niemand schaut darauf, was ich mache. Außer diesem Tagebuch. In der Gruppe ist es im Prinzip leichter und auch, wenn man außerhalb des Alltags fastet. Dies war hier nicht der Fall (oh, ich spreche schon in der Vergangenheitsform). Ich habe viel gearbeitet, auch am Rechner.

Galerie

(26.04.12 - Tag 49) Zwanzig Bilder sind während der Fastenkur fertig geworden. Hier sieht man sie auf einen Blick. Die Details findet man nach dem Klicken auf das Bild in der Gesamtliste (ab Nr. 160). Für heute habe ich mir eine Rezension vorgenommen, über Werner Rufs neues Buch: "Der Islam - Schrecken des Abendlands. Wie sich der Westen sein Feindbild konstruiert" (der PapyRossa-Verlag hat mir gestern ein Rezensionsexemplar geschickt). Außerdem werde ich neue Saiten auf meine Gitarre spannen. In Gedanken bin ich aber schon beim Samstag, das gebe ich zu.


Gestern Mittag hatte ich ein gutes Gespräch mit Herrn Vicente, dem Beauftragten der Landesregierung für Migration und Integration. Wir sprachen über meine Bücher Islam für Kids und Die Dichter und darüber, wie man damit Aufklärungarbeit machen kann.
Tag 50

(27.04.12) Heute ist der letzte Fastentag. Oben wieder ein Bild zum Vergleich mit den Tagen 20, 30 und 40. 50 Tage lang habe ich mit der Buchinger-Methode gefastet, mit einem halben Liter Saft am Tag, einem Löffel Honig, einem Löffel Gemüsebrühe, einer Vitamintablette, etwas Basica und einer Knoblauchzehe. Ansonsten gab es nur Wasser, Pfefferminztee und ab und zu ein Kaugummi. Ich hatte keinerlei Beschwerden und fühle mich auch jetzt nicht schwach.

(28.04.12 - Aufbautag 1) Heute ist der erste richtig heiße Tag des Jahres. Ich bin schon seit sieben Uhr auf und habe nicht viel geschlafen. Zum einen wegen der Zucchini, aber auch, weil ich wieder an einem neuen Stück arbeite. Das hält mich beschäftigt. Ich habe das Fasten heute Morgen mit einer in Scheiben geschnittenen Zucchini gebrochen, mit Knoblauch in einer Tomatensuppe (nicht mit dem Klassiker, dem Apfel) und habe Suppengrün gekauft für die Abendsuppe. Ich habe auch etwas Hüttenkäse besorgt und Birnen. Kein Brot oder Fett oder Fleisch oder Fisch in den nächsten Tagen! Kein Zucker. Ein neues Abenteuer beginnt, denn ich entdecke all meine Lieblings-Geschmacksrichtungen wieder und fühle mich befreit - erneut. Ich muss jetzt super-vorsichtig sein. Es ist verlockend zu essen und zu essen, daher halte ich mich an geplante Rationen. Ich habe ein sehr nettes Feedback von meinem Nachbarn Boujemaa Mouatassim bekommen, das ich hier als PDF verlinkt habe.
(29.04.12 - Aufbautag 2) Der Trick ist, in den ersten Aufbautagen die Ernährungsabläufe im Prinzip beizubehalten, nur zu erweitern. Ich mache mir also immer noch mein Süppchen, nur schneide ich Gemüse hinein. Es ist so ähnlich, als wollte man ein Flugzeug landen. Das Gefühl des Piloten stelle ich mir so vor. Bloß keine Bruchlandung riskieren! Zwar bin ich nach wenigen Bissen satt, doch kommt der Hunger gleich wieder. Wenn ich dem einfach nachgeben würde, kann es ziemlichen Ärger mit dem Magen und der Verdauung geben. Auf das Spazierengehen habe ich vorläufig verzichtet, weil ich intensiv an einem Text arbeite und auch, weil mein Körper für zwei bis drei Tage keine Anstrengungen wünscht. Der Geist indes ist rege. Andauerndes Hochgefühl.
(30.04.12 - Aufbautag 3) Langsam wird mir bewusst, dass ich seit Freitagmittag in einer langen Trance stehe. Ich begann damit, diese Kompilation herzustellen. Es war das Ergebnis des Fastens. Natürlich! Ich habe gearbeitet und gearbeitet und habe überhaupt nicht nachgedacht. Es ist dasselbe Gefühl, das ich hatte, als ich schrieb: "Manchmal spielt das Spiel dich", oder etwas mit dieser Bedeutung. Wenn Dinge durch dich hindurch zu gehen scheinen, wenn du nur ein Katalysator bist. Demnach war das Fasten also eine lange Meditation und dann - ohne Worte - begann diese Kette von Ereignissen, über die ich später sprechen werde. Dieses ganze Gerede vom Essen hat mich vom wesentlichen Punkt abgelenkt. Meine Suche war also erfolgreich. Mit "Suche" meine ich das wunderschöne englische Wort "quest", das sich nicht gut übersetzen lässt. Ich hatte einen Wunsch, ich suchte nach etwas, mir waren Dinge unbehaglich. Eine Veränderung war angesagt. Keine kleine Veränderung, sondern eine neue Richtung. Mein Unterbewusstsein hat die ganze Zeit daran gearbeitet, insgeheim, und hat mich da hineingesteuert. Ich habe ein paar Emails in dieser Trance geschrieben. Morgen mehr darüber!
(01.05.12 - Aufbautag 4) Heute bin ich beschäftigt. Tut mir Leid!
(02.05.12 - Aufbautag 5) Immer noch beschäftigt!
(03.05.12 - Aufbautag 6) OK, ich glaube, jetzt ist die Zeit, um zu sprechen. Der letzte Eintrag - vor drei Tagen - war offensichtlich eher kryptisch. Heute habe ich Worte. Beginnen möchte ich mit den Dichotomien Fasten/Essen und Frieden/Krieg. Was mir in diesen Tagen durch den Kopf geht ist die Vollendung des Fastenkreises, das Ende einer Reise, die einen Anfang hatte.

Ich habe mich automatisch auf das Essen konzentriert, also die Kehrseite des Fastens. Aber ist es das wirklich? Denn jetzt hat die Erfahrung mir eine alternative Antithese gezeigt: die Erfüllung meiner Suche nach einer neuen Richtung. Bill Bhaneja in Kanada hat mir heute erzählt, dass er von dem Philosophen Sri Sathya Sai Baba gelernt hat, dass "die echte Bedeutung von 'Fasten' das 'Fest-Halten' während des Fastens ist, und zwar das Festhalten an dem spirituellen Wunsch, wegen dem man sich für das Fasten entschieden hat." Vielen Dank dafür, Bill!

An meinem letzten Fastentag, am Freitag gegen 11.30 Uhr, kam ich im Botanischen Garten in Mainz auf einer Bank in der Sonne auf die Idee, ein Buch mit meinen Palästinatexten zusammenzustellen, jetzt, wo ich neues Material habe. Offenbar bin ich in eine lange Trance gerutscht. So produzierte ich ohne darüber nachzudenken ein Manuskript innerhalb von 50 Stunden, die "Palästina-Anthologie" (PDF 3,5 MB). Ich erzählte Noam Chomsky und Johan Galtung, dass es sich nicht nur um ein Ergebnis von zehn Jahren des Schreibens handelt, sondern auch das einer Fastenerfahrung und langen Meditation. Kurze Zeit später bekam ich diese Zitate, die man vorn im Buch lesen kann. Die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende, doch gibt es jetzt überhaupt erst mal eine Geschichte. Mein Unterbewusstsein hat die ganze Zeit über an der Erfüllung der Suche gearbeitet, heimlich. Es führte mich in diese Trance. Dieses Buch und diese Reaktion kamen aus dem Nichts (und von zehn Jahren Arbeit).

Damit ist das Fasten vollständig, bis auf die Sache mit dem Essen, und hier komme ich zurück auf die eingangs erwähnte Dichotomie. Die Aufbautage dauern an und ich habe zum Beispiel noch kein Fleisch oder Fett zu mir genommen. Ich halte mich an Gemüse und leichten Käse, hatte auch schon mein erstes Brot. Vor zwei Tagen gab es ein leichtes Magenproblem, weil ich zu viel gegessen hatte, aber das hielt nur eine halbe Stunde an. Ich erwähne das nur, damit ich auch etwas zugeben kann. Aber es war eigentlich nichts. In etwa zehn Tagen esse ich wieder normal.

Hier jedenfalls liegt ein Beweis dafür vor, dass die Dichotomie Fasten/Essen nicht präzise ist. Oben vewendete ich den Begriff "Ablenkung". Jetzt, da die innere Reise erfüllt ist, kommt mir diese Sache mit dem Essen in Relation ganz klein vor. Wie reichhaltig ist doch die Welt, die von der Trance regiert wird! Lustiger Ausdruck: "von der Trance regiert", weil die Trance im Wesentlichen passiv ist. Ich studiere und analysiere Trancen, hier ist eine Studie. Einige dauern Tage! In manchen ist man sich der Trance bewusst, in anderen nicht. Für letzteren Fall gibt es einen deutlichen Indikator: Man wacht daraus auf. Erst nach dem Aufwachen bemerkt man, dass man anderswo war, in einer Trance. Da, wo man Zugang hat zum Magma des Lebens, zum Herzen der Kunst, zur Quelle der Inspiration, dem Zentrum von allem, der Bubble, dem Nexus. Wir Menschen sind wirklich sonderbare Wesen!

Die Aspekte der Suche (Quest) und der Inspiration, der Erfüllung und des Buches fallen aus der Betrachtung einfach heraus, wenn man "Fasten" als Antithese zu "Essen" konzeptionalisiert (inklusive Erweiterungen wie "Rauchen", "Konsumieren" etc.). Der vorliegende Fall zeigt, dass der Sinn verloren gehen kann, wenn man die falschen Konzeptionalisierungen verwendet. Hier, auf Anis' Fastentagebuch-Seite, kann man miterleben, was das Fasten bedeuten und was man mit dem Fasten erreichen kann. Das ist viel besser, als darüber zu sprechen. Es zu zeigen.

Jetzt können wir auch neu über Frieden sprechen und seine angebliche Antithese Krieg. Denn wenn das Fasten - wie gesehen - nicht die Antithese von Essen ist, warum sollte "Frieden" nicht auch eine solche Terra Incognita sein, eine leere Landkarte - statt einer Sache, die etwas mit Krieg und Konflikt zu tun hat oder auch nicht. Und wie kraftvoll mag ein solcher Frieden sein, ohne dass wir davon wissen! Ein Schamane übt keine Kontrolle aus, wenn er oder sie in eine Trance steigt. Im Gegenteil, sie suchen den Kontrollverlust. Niemand weiß, was hinter der Linie ist. Die Manifestationen von Inspirationen sind unberechenbar. Ich denke, sie können wunderschön und aufregend sein.

Nun wird es bestimmt Leute geben, die sagen: Was hast du denn nun gezeigt? Ich sehe es nicht. - Besonders solche, die sich nicht spirituell nennen. Das ist in Ordnung, denn es gibt andere, die es verstehen. Das Manuskript ist ein materieller Beleg für eine Inspiration und eine Kraft, die offensichtlich von der Fastenerfahrung herrührt.

Sind wir uns darüber einig, dass dieses Fastentagebuch jetzt fertig ist? Mir kommt es stark so vor. Vielleicht schneie ich in einer Woche oder so noch mal kurz rein, aber ist ist das natürliche Ende dieses Tagebuchs. Danke für Dabeisein und denkt über diese Friedens-Sache mal nach. Nee, lasst uns lieber nicht zu viel denken, nicht zu viel reden, lasst uns etwas zeigen. Etwas von Bedeutung.
(22.11.12) Anfang Juni bis Anfang Oktober schrieb ich THE FLOOD, eine Rock-Oper in 30 Songs (80 Minuten), die am 1. Februar mit Band im Studio aufgenommen wird. Rückblickend betrachtet bringe ich auch THE FLOOD in direkten Zusammenhang mit dem Fasten, denn das Musikstück zeigt einen neuen Anis. Der erste Song heißt "Hold on Fast" ...

Was mir allerdings nicht gelungen ist, ist das Gewicht zu halten. So gehöre ich nun doch zu den Menschen, die Gewichtsprobleme haben, das ist bitter. Das Fasten hat es nur verzögern können. Tja, man kann nicht alles haben ... (Ende)

PS: Von August bis Oktober 2014 habe ich ein weiteres Mal lange gefastet, sechs Wochen. Es wird jedes Mal besser.

31.03.2015: Am 11. März habe ich eine dreiwöchige Fastenkur beendet. Schließlich habe ich die Gewichtsprobleme in den Griff gekriegt, da ich jetzt regelmäßiger faste, manchmal nur für ein paar Tage. Wie sich später herausgestellt hat, war das Komponieren und Aufnehmen von THE FLOOD die eigentliche Erfüllung dess 50-Tage-Fastens 2012.

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