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Bambus. Erste Lieferung. 70 Stücke
Die Legende vom Bambus (Vorwort)

Mit dem Bambus, also das war so: Im Frühjahr 1999 saß ich auf einem hölzernen Stuhl und dachte darüber nach, was die Welt im allgemeinen und mein Leben im besonderen zu bieten hätten. Da flüsterte eine geheimnisvolle Stimme: "Lies das Tao-te-King von Lao Tse (ca. 600 v.Chr.)! Im Taoismus wirst du vielleicht die Lösung finden." Das Buch aber war zu schwer, und so schrieb ich es noch einmal ab, wobei ich die Absätze durch Gedankenstriche ersetzte. Das sah dann so aus:

"sagbar das dau - doch nicht das ewige dau - nennbar der name - doch nicht der ewige name - namenlos - des himmels, der erde beginn - namhaft erst der zahllosen dinge urmutter - darum: - immer begehrlos - und schaubar wird der dinge geheimnis - immer begehrlich - und schaubar wird der dinge umrandung - beide gemeinsam entsprungen dem einen - sind sie nur anders im namen - gemeinsam gehören sie dem tiefen - dort, wo am tiefsten das tiefe - liegt aller geheimnisse pforte"

Schon passte das Buch auf zehn Blätter und wurde viel leichter. Ich versenkte mich in Meditation. Am 23.04.1999 schrieb ich den ersten eigenen Text in dieser Form. Er war von Lao Tse inspiriert, genau eine Seite lang und - wie soll ich sagen - ausgesprochen heftig. Ich war so erschrocken darüber, dass ich im Laufe der Zeit noch 69 Stücke hinterherschrieb, um genauer zu klären, was ich mit dem ersten Text gemeint hatte. So entstand eine Serie von Satiren, Geschichten und philosophischen Stücken, die hier jetzt als Kompilation vorliegt.

Der Name Bambus entstand am 16.05.99. Zu dieser Zeit hatte ich die ersten sieben Satiren vollendet, die eine Dramaturgie aufwiesen. Die Länge von einer Seite war von Anfang an zur Norm erhoben. Damit war das erste Heft vollständig, es passte auf zwei gefalzte und geheftete DinA3-Blätter und ich brauchte einen übergeordneten Namen für das Projekt. Zunächst nannte ich das literarische Genre Proesy und die dazu gehörige Form Bambus. Also Proesy-Texte, die in Bambus geschrieben sind. Doch erweiterte sich die ganze Sache schnell, sodass sich das Projekt schließlich nur über die gemeinsame Form der Texte definieren konnte, und es blieb nur der Begriff Bambus übrig.

Und warum nun Bambus? Wie soll ich sagen: Dieser Name war plötzlich da. Die Gedankenstriche haben mich an Bambushölzer erinnnert, in Anlehnung an fernöstliche Symbolik. Im Zen steht der Bambus zum Beispiel für Flexibilität, weil er sich beugt und dem Wind keinen Widerstand entgegen setzt. Darüber hinaus steht er für das Schreibrohr und... wie bitte? Phallus-Symbol? Na, meinetwegen auch. Der lautmalerische Aspekt des Wortes ist nicht zu vergessen und seine Übertragbarkeit in andere europäische Sprachen wie das Englische (Bamboo) oder das Französische (Bambou).

Am 01.10.99 erschien das zweite Heft. Es handelte sich wiederum um Satiren von verschiedener Schärfe, doch waren sie dieses Mal durchweg gereimt. Jeweils ein Text aus jedem Heft wurde veröffentlicht im Kieler Literaturmagazin Wortwahl, nämlich die Kriegssatire Joschka Fischer (#8) und die Kurzkomödie Albert (#20). Später veröffentlichte er noch den spirituellen Text Nachtregen (#31). Die Stücke Der Minister und Robert aus dieser Periode waren je eine Woche lang in den Literaturtelefonen von Kiel und Lübeck zu hören, noch andere auf den Kieler Poetry-Slams in der Tanzdiele.

Im November 1999 erschien die CD Bambus. Gereimtes und Ungereimtes zur Lage der Nation. Zwölf Satiren plus drei Bonussongs. Ebenso wie die Hefte und jetzt auch dieses Buch habe ich die CD selbst produziert. Die CD ist ein Mix aus den ersten beiden Bambusheften.

Von da an entwickelte sich die Serie sehr schnell weiter. Ende Januar 2000 erschien das dritte Heft und die CD Nachtregen. Texte und Musik. 22 Stücke, auf der acht Bambustexte sind. Ende Februar erschien das vierte Heft und ende April 2000 bereits das zehnte Heft sowie die CD Wolken im Kopf. Texte und Musik. 20 Stücke und die CD Wendezeit. 10 Bambus-Satiren und die Geschichte der Marianne S. Die vier CDs umfassen die wichtigsten Stücke bis Bambus #50.

All dies ging schneller, als dass es ein Publikum geben konnte, welches dem hätte folgen können. Ich schrieb buchstäblich schneller, als meine Freunde es lesen und aufnehmen konnten. Für das vorliegende Buch ist dieser Umstand vorteilhaft, weil es sich um eine kreative Zeit gehandelt hat. Doch war es sicherlich keine einfache Zeit, wovon besonders die Texte aus Heft 6 und 7 zeugen.

Inzwischen hatten sich unter der Form des Bambus stilisitisch und inhaltlich mehrere Zweige herausgebildet und zum Teil verselbstständigt. Untergeordnete Serien entstanden, Gedanken wurden anderswo weiter formuliert, Bezüge und Spiegelungen innerhalb der Texte begannen. Zeitkritische Satiren fanden sich nun neben philosophischen Meditationen, gereimte Geschichten neben assoziativen Träumen, tagespolitische Kommentare neben schwerer Dichtung.

Die letzte Phase brachte eine Rückkehr zu den gereimten Stücken mit der Neuerung, dass sie zu Fortsetzungsgeschichten wurden. Die bekannteste Serie ist die vom Pophuhn Gloria (7 Teile), gefolgt von Champion Leo, dem Zauberer aus Montevideo (4 Teile), der revolutionären Frizzi (2 Teile) und der Meeresvolksaga, deren erster Teil Die Meerjungfrau Sybille (#70) den Schlusstext der vorliegenden Sammlung bildet.

Die assoziative, auf Interpunktion weitgehend verzichtende Form der Bambustexte macht Übersetzungen in andere Sprachen unkompliziert. Die wichtigsten Texte übersetzte ich ins Englische, #35 ist Englisch im Original. Inzwischen liegen 18 englische Texte vor, zählt man The Green Voice (#81) dazu. Siehe dazu das Verzeichnis auf Seite 89. Dr. Isabelle Chopin vom Romanischen Seminar der Uni Kiel war so freundlich, Wolken Im Kopf ins Französische zu übersetzen (siehe Seite 106), und mit der wertvollen Hilfe von Frau Souad Saghbini übertrug ich Die Verwandlung ins Arabische (at-Tahauwul, siehe Seite 107).

Es muss an diesem Telegrammstil liegen und dem Verzicht auf Großschreibung und Satzzeichen...Ich denke, es ist ein hypnotischer Effekt, der sich beim Schreiben am Computer-Monitor ergibt. Jedenfalls entstanden die allermeisten der Bambusstücke in sehr kurzer Zeit, zwischen zwanzig Minuten und zwei Stunden. Und das manchmal in den seltsamsten Momenten. Auch Die Verwandlung, Nachtregen und Wolken Im Kopf entstanden jeweils innerhalb weniger Stunden. In den spirituellen Texten thematisiere ich dieses Phänomen, zum Beispiel in den Betrachtungen über die Zeit. Doch auch bei den gereimten Geschichten lasse ich mich treiben und plane weder die Pointe, noch die Handlung. Üblicherweise schreibe ich alle Texte Zeile für Zeile. Je nach Meditationstiefe während des Schreibens überarbeite ich manche Texte. Bei anderen ist die Meditation so tief, dass ich es nachträglich nicht mehr wage, mit normalem Bewusstsein irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Das klingt etwas mystisch, aber so kommt es mir in diesen Fällen auch vor.

Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass im Oktober vier Bambustexte bereits in Buchform erschienen sind, nämlich in dem Gedichtband Loving Jay. Es handelt sich um die Stücke #18, #26, #48 und #81. Doch sind die Texte in Gedichtform umgearbeitet worden und stehen innerhalb der Geschichte Loving Jay in einem besonderen Zusammenhang, der einen der Stränge aus der Bambusserie ausformuliert und auf neue Art darstellt.

Im Mai 2000 waren die Texte des vorliegenden Buches fertig. Der Plan für ein Buch war ebenfalls vorhanden, doch schien der Weg sehr bürokratisch zu sein. Nachdem ich mich wegen des Gedichtbandes Loving Jay im Oktober direkt an eine Druckerei gewandt hatte (Hansadruck in Kiel) und sah, dass ein Verlag als Zwischenstation gar nicht nötig war, dauerte es nicht mehr lange, bis das Konzept des vorliegenden Bambus-Buches fertig war.

Es haben auch schon andere in Bambusform geschrieben. Als ich im Mai '99 Medizin Muss Bitter Schmecken an die Pinwand der Uni geheftet hatte, fand ich am nächsten Tag eine Art kurzen Antwortbrief vor, unterzeichnet von "Iris". Diese Studentin, die mir ansonsten unbekannt ist, war die erste, die den Bambus übernommen hatte. Sie blieb damit nicht lange allein. Auf etwa zehn literarische Bambustexte bringt es die Dichterin Marion Bergmann, und auch die Kieler Jungdichterin Friederike Schmitz hat einen Bambus-Einseiter geschrieben. In einigen privaten Briefen habe ich außerdem Freunde und Bekannte erlebt, die entdeckt haben, dass es irgendwie Spaß macht, in dieser Form zu schreiben.

Wenn man provozierende Texte schreibt - und ein guter Teil der Satiren kann getrost so genannt werden - dann bedeutet das konkret, dass es Leute in der eigenen Lebensumgebung gibt, die sich davon provoziert fühlen. Das waren in meinem Falle sehr zahlreiche und erfrischende Erfahrungen, die - wie sollte es anders sein? - reichlich in meinen Texten thematisiert werden.

Auf der anderen Seite stehen schöne Erinnerungen. Die schönsten knüpfen sich an den Liebesbrief Wolken Im Kopf und die Spuren, die er in den Herzen einiger freundlicher Personen, vornehmlich Frauen, hinterlassen hat. Aber auch die grinsenden Gesichter, in die ich gesehen habe, als ich die Geschichte vom Zauberer auf dem Mond vorgelesen habe, gehören zu den Dingen, die mich ermutigt haben, nicht aufzuhören und immer weiter zu schreiben.

Es bleibt mir, viel Vergnügen und Inspirationen zu wünschen beim Lesen von Bambus! Besuchen Sie mich auf meiner Homepage unter www.anis-online.de und erfahren Sie dort regelmäßig Neuigkeiten!

Keep on Rockin'

Anis Hamadeh Kiel, den 23.10.2000

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