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heft 19
philosoph 1
DER PHILOSOPH (Part 2)
bambus # 132 - anis 12.08.01

der philosoph hatte ein kind - das ging so plötzlich wie geschwind - was sollte er jetzt denken? - und was dem knaben schenken? - er nahm ihn auf den schoß - (der bube war nicht groß) - und sagte: - hallo kind - du bist ja fast noch blind - und ich bin nicht bereit - ich hab nicht wirklich zeit - bin dauernd auf kongressen - und festlichen messen - messe mich mit stewardessen - esse grässliche nesseln - und sitze gern auf sesseln - das wird dich nicht sehr fesseln - ist viel zu theoretisch - du bist an-alfabetisch - nuckelst an der flasche - sabberst in die tasche - infantile masche - aber du bist süß - hast so kleine füß -- der philosoph - lief über'n hof - und gab das kind der zofe - dann zog er sich zurück - und schrieb ein großes buch - das war sein größtes glück - und ganz erstaunlich kluch - er schaffte daran zwanzig jahre - hatte nun schon graue haare - kriegte nie besuch - denn er schrieb das buch - über alle fragen - die die menschheit plagen - das gesamte universum - schrieb er in begriffe um - es waren tausend seiten - voller köstlichkeiten - über ethik und ästhetik - brunft, vernunft und kybernetik - dieses machwerk wurde stetig - überall zitiert - da hat unser philosoph enorm philosophiert! - sein sohn war mittlerweile zwanzig - und bewegte sich in danzig - hat den vater kaum geseh'n - musste früh ins bettchen geh'n - er war damals noch zu klein - da fiel keinem 'was zu ein - also ließ man ihn allein - sollte erst mal älter sein - als er aber älter war - wurde nach und nach ihm klar - dass er es nicht schaffen würde - über diese altershürde - immer blieb er kind - klein und blöd und blind - so kriegte er komplexe - bekam zur frau 'ne hexe - und schmierte völlig ab - die kohle wurde knapp - da musst' er auf den strich - das war zwar widerlich - doch besser wusst' er's nich' - er rauchte jeden dreck - dann nahm er auch noch crack - und machte einen überfall - mit überschall - in freiem fall - er landete im knast - für eine kleine rast - dann endlich wandte sich das blatt - (er hatte es auch langsam satt) - er schrieb die memoiren - die seine eig'nen waren - über alle heißen frauen - die den männern nicht vertrauen - über abenteuerreisen - zu extremen niedrigpreisen - und die exzesse - und seine mätresse - und all die prozesse - und dann noch die presse - und all diese drogen - in hohem bogen - alles aufgeschrieben - ein wenig übertrieben - sonst würde es nicht laufen - es sollt' sich auch verkaufen - er machte 'ne million - wer kann das schon? - und auch der vater - und sein kater - hörten davon schon - sie kauften ein exemplar - und fanden es wunderbar - der vater schrieb an den verlag - dass er den autor wirklich mag - er sei zwar jetzt schon alt - von buckliger gestalt - er stürbe wohl auch bald - doch ließ es ihn nicht kalt - was dieser sohn erledigt hat - sich dabei nicht beschädigt hat - und die philosophie - die kennt man letztlich nie - war ziemlich dumm gelaufen - man sollt' sich mal besaufen - wenn das noch möglich wär - es fiel ihm ziemlich reichlich schwer - es zuzugeben - doch war'n da wohl in seinem leben - ein zwei wunde punkte - wo es nicht recht funkte - jetzt fühlte sich der philosoph - ganz doof - dieser brief kam mittags an - bei dem philosohnemann - was würde nun geschehen? - familienwiedersehen? - normalerweise ja - sogar mit viel trara - doch dieses ist 'ne moritat - sie endet hart: - der philosoph mit den weißen haaren - wurde nämlich vom bus überfahren - gleich am nächsten tag - das war ein schwerer schlag - und die moral von der geschicht' - die sag ich euch frech ins gesicht: - philosophie rentiert sich nicht