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heft 21
OBRIGKEIT
bambus # 144 - anis 24.08.01

hali halo - meine sehr geehrten damen und herren - willkommen zu einer neuen folge - in unserem expressionistischen kochstudio - auch heute habe ich ihnen wieder - einen gedanken mitgebracht - mit dem man sich erst einmal anfreunden muss - es geht nämlich - um die obrigkeit - dabei handelt es sich - um ein schwer zu fassendes phänomen - das es eigentlich so gar nicht mehr gibt - wenn sie jemanden fragen - ob er oder sie zur obrigkeit gehört - wird niemand das bejahen - aber irgendwo - muss dieser begriff ja hergekommen sein -- früher war das viel klarer - in der kaiserzeit, meine ich - da sah man das schon von weitem - heute muss man ganz genau hinsehen - das ist wirklich mühselig -- wenn ein deutscher - das wort obrigkeit hört - zuckt er oder sie - erst mal unwillkürlich zusammen - dann sieht man sich unauffällig um - ob nicht noch jemand anderes - es gehört hat - denn hinter dieses wort - gehört eigentlich in klammern - ein ausrufezeichen - also so: - obrigkeit (!) - da steckt noch immer so ein bisschen - das wort - "achtung!" - mit drin und - "stillgestanden!" - nun ja - das liegt einfach an dem wort - oh, sie können sich wieder rühren - äh - es liegt an dem wort selbst - morphologisch gesehen - ist es eine ableitung - vom begriff "oben" - allerdings wissen wir ja - dass viele dinge - einfach so von oben kommen - zum beispiel regen - flugzeuge - oder wenn der junge - sein zimmer nicht vernünftig aufgeräumt hat -- in unserem aufgeklärten zeitalter - gibt es eine offizielle obrigkeit nicht mehr - bei uns wird niemand zu etwas gezwungen - und jeder kann machen - was er will -- das war nicht immer so - zu zeiten der diktatur nämlich - hatte das wort obrigkeit - noch einen tieferen sinn - die menschen vertrauten darauf - dass die da oben - schon alles richtig machen würden - denn sie selbst waren einfache leute - was sollten sie schon tun? - die regierung konnte das viel besser - die leute sahen ein - dass sie am besten nur das taten - was sie von oben gesagt bekamen - und so kannten sie es ja auch - im gegenzug brauchten sie - keine verantwortung zu übernehmen - wenn etwas schiefging -- das einzige - was die leute wirklich gestört hat - war die gewalt - denn in der diktatur - setzte die regierung - auch gewalt ein - um ihre ziele umzusetzen - das war nicht schön - andererseits ist es notwendig - ein gewaltmonopol herzustellen - damit die anderen nicht zu gewaltmitteln greifen - also geht auch heute noch - alle gewalt vom staate aus - nur dass die politiker und die beamten - die lehrer, eltern und wirtschaftsbosse - heute viel verantwortungsvoller damit umgehen - als früher -- von einer obrigkeit in diesem sinne - vor der man angst haben müsste - kann also heute keine rede mehr sein - vielmehr sind die politiker und die unternehmer zu partnern der bürger geworden - und beratern - ein oben und unten - kann man da überhaupt nicht erkennen - das liegt auch daran - dass wir eine freie presse haben - die würden es gar nicht zulassen - obrigkeitsstaatliche elemente - in unserer gesellschaft zu dulden - das haben wir nämlich - aus dem krieg gelernt - dass es am besten ist - wenn man sich eine eigene meinung bildet - und dass man sich im alltag nicht - gegenseitig gängelt und die freiheit nimmt - denn wie die psychologen des zwanzigsten jahrhunderts herausgefunden haben - ging obrigkeitsstaatliches denken - zurück auf starre familienkonstellationen - und autoritäres verhalten - sowohl aktiv - als auch duldend - ohne dieses wissen - würden wir da heute noch drinstecken - aber so - ist der gedanke der obrigkeit gottseidank - schon lange nicht mehr aktuell