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DIE DICHTER
DIE DICHTER (2): LAILA AS-SA'IDA
bambus # 211 - anis 06.03.02

ihr leute vom diwan - der wettstreit fängt nun an - der kalif und die wesire - große tiere kleine tiere - alle sind zu gast - hier im palast - sitzen bei uns in den kissen - denn ein jeder möchte wissen - wen aus unsrem land irak - das volk am liebsten hören mag - in freier improvisation - den ersten hörten wir ja schon - das war ein feiner spaß - mit qais bin abbas - den keiner hier bestreitet - es war auch nicht vorbereitet - so dass jeder sieht - was in diesem dichterherzen im moment geschieht - wäre es nicht echt - wär die dichtung schlecht - hätte er es abgelesen - wäre er zwar schnell gewesen - doch es käm aus weiter ferne - hätte nicht dieselbe wärme - wäre zu abstrakt - hätte nicht gepackt - drum ist qais legitimiert - als dichter der sein herz verliert - an eine von uns sieben - so hat er es beschrieben - nur was er uns da sagt - ist recht gewagt - denn drei von uns die haben - seit jahren und seit tagen - schon einen kavalier - es bleiben nur noch vier - und ist die frau nicht mehr geheim - dann wird ein andrer sieger sein - und qais der wird verlacht - ich hoffe nur er hat in seiner glut daran gedacht - es könnte allerdings geschehen - dass sein seufzen und sein flehen - eine von uns noch betört - denn wir haben ja gehört - dass er viel zu geben hat - und kriegt der qais - dann keinen preis - wird er trotzdem satt - ich selbst ich dichte aus passion - seit meiner frühsten jugend schon - ich schrieb mit knappen achtzehn jahrn - meinen eigenen diwan - und alles was ich aus der nähe - höre rieche schmecke sehe - fasse ich in vers und reim - und stell es in das buch hinein - derart bewahre ich die zeit - und jede liebe jeden streit - denn alles war einmal geschehen - all dies selbst mit angesehen - mit dem blick der dichterin - jedes end ein neubeginn - und weil ich dichtend glücklich bin - und voller lebenslust und sinn - nennt man mich hin und wieder - laila as-sa'ida - die glückliche nacht - hab all meine lieder - aus träumen gebracht - man braucht dafür nur zähigkeit - und die gewisse fähigkeit - den rechten vers zu finden - und ihn dann mit dem vórherigen einfach zu verbinden - dies heißt bei uns die malaka - sie ist bei allen dichtern da - und sitzt sie routiniert - dann läuft es wie geschmiert - jedes erlebnis - wird zum ergebnis - leben transformiert - von alltag zu dichtung - das ist die richtung - vom ödland zur magie - das nennt man alchimie - die alchimie ist nicht sehr schwierig - nur die menschen sie sind gierig - wollen nichts als mat'rial - anmut ist ihnen egal - suchen nach dem elixier - findens nicht das sag ich hier - das elixier der malaka - ist nicht für solche leute da - denn alchimie ist wissenschaft - der permanenten schöpferkraft - wie durch unsichtbare türen - lässt die welt sich überführen - in ein paradies - oder ein verlies - die alchimie der fantasie - bekommt man nicht für geld - wer nur die rechte formel hat - der macht aus bagdad unsrer stadt - eine märchenwelt - die sogar dem feind gefällt - wenn man ihm davon erzählt - so hört ihr leute vom diwan - uns vierzehn dichter heute an - und ganz zum schluss entscheidet dann - welche frau oder welchen mann - in diesem jahr ihr kürt - und wem die ehre wohl gebührt - es wird gewiss nicht einfach sein - wir alle dichten klug und fein - und finden schnell zu unsrem reim - mit alchimie und dichtungsleim - bevor ihr aber drüber richtet - fragt euch wie ihr selber dichtet - nicht dass ihr am schluss verhöhnt - was ihr selbst nicht besser köhnt