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Calamus
Detektiv im Kairo des 14. Jahrhunderts

Orient-Krimis von Anis Hamadeh

"Die Himmelfahrt des Muezzin" (Juni 2011) ist die erste Folge der Abenteuer des Calamus, eines Buchhändlers und Kalligrafen, der zusammen mit seinem aus Aachen stammenden Neffen Harun Rätsel und Kriminalfälle löst. Ort des Geschehens ist die Metropole Kairo, wir schreiben das Jahr 1382 oder auch 784 nach dem islamischen Kalender. Sultan Barquq kommt gerade an die Macht, der erste der Tscherkessen-Mamluken, die in der Zitadelle regieren. Der bekannte Historiker Ibn Chaldun erreicht ebenfalls in diesem Jahr die Stadt. Er ist heute bekannt als Begründer der Soziologie und spielt eine Rolle in den Calamus-Geschichten, wie auch andere aus den Schriften bekannte Zeitgenossen.

Nach dem gereimten Hörbuch "Die Dichter" (70 min., Nov. 2010) und dem Sachbuch "Islam verstehen" (2013) begibt sich der Islamwissenschaftler und Schriftsteller Anis Hamadeh erneut auf eine Zeitreise in die arabische Welt: Vom Dichterwettstreit am Kalifenhof in Bagdad geht es vierhundert Jahre weiter in die legendäre Stadt am Nil. Auf dieser Seite befindet sich die erste Calamus-Geschichte auf Deutsch, Englisch und Arabisch. An weiteren Folgen wird gearbeitet. Das erste Buch wird circa 200 Seiten haben mit fünf Geschichten sowie einem Bonus-Stück - einer echten Kriminalgeschichte aus der Islamwissenschaft um den Historiker Maqrizi, der zur Zeit des Calamus ein junger Mann war und ganz in der Nähe lebte ...

Anis Hamadeh, Mainz, den 15.10.2014

Die Himmelfahrt des Muezzin

Harun lief barfuß über den kühlen Stein und hastete in die Buchhandlung. Zu schnell für die scharfe Kurve an der Tür. Die Hand des jungen Mannes griff in den Türrahmen, um die Schwungrichtung anzupassen. So kam er wie ein Pfeil in den Laden geschossen, direkt auf seinen Onkel zu, der nichts ahnend hinten an der Wand auf einer weichen Matte saß, mit der linken Seite auf ein Polster gestützt, und der nun erstaunt von seinem Buch aufsah. Er konnte keine Fladenbrote in des Jungen Hand entdecken und auch nicht den bestellten Ziegenkäse oder die grünen Oliven.
Harun kam knapp vor dem beträchtlichen Bauch des Onkels zum Halt, mit den Armen rudernd, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. "Abu Taiyib!" entfuhr es ihm. "Abu Taiyib ist verschwunden." Er atmete schwer. Noch immer saß der Onkel ruhig da und regte sich nicht. Allein sein Blick verriet, dass er ganz aufmerksam geworden war.
Erst jetzt bemerkte Harun, dass sich trotz des frühen Morgens bereits drei, nein vier Kunden im Laden aufhielten. Sie standen an den Regalen und einer schrieb vorn am Pult. Alle hatten sich ihm zugewandt und warteten darauf, die Nachricht zu hören. Er trat einen Schritt zurück, beugte sich nach vorn und stützte sich mit den Händen oberhalb der Knie ab, bis er wieder zu Atem kam. Dann schüttelte er den Kopf. "Niemand versteht, wie das geschehen konnte. Abu Taiyib der Gebetsrufer. Er ging hoch auf das Minarett, aber er rief nicht. Er kam auch nicht wieder herunter. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, denn ich war stehen geblieben, um seine schöne Stimme aus der Nähe zu hören. Abu Taiyib ist bekanntlich einer der virtuosesten Gebetsrufer und ich habe ihm schon oft gelauscht. Als die Zeit des Gebets eintrat und nichts geschah, fasste sich einer der Gläubigen ein Herz und ging nachsehen. Nach einiger Zeit hörten wir ihn die Stufen wieder absteigen, bis er vor uns stand und keuchend rief: Abu Taiyib ist nicht da! Die Leute waren schockiert, es war ihnen ein Rätsel, wie so etwas möglich sein konnte, und sie umringten das Minarett. Einige weitere Männer betraten den Turm und es kam fast zu einem Tumult. Dann, als sie den Muezzin nicht finden konnten, liefen sie auseinander wie fliehende Hühner, um die Nachricht den anderen zu erzählen. - So wie ich auch", ergänzte er.
Jetzt richtete sich Abu Yusuf Husain ibn Galil al-Masri al-Warraaq, genannt der Calamus, auf, bis er die volle Körpergröße erreichte. Harun hat recht gut Arabisch gelernt in den knappen drei Jahren seines Aufenthalts, dachte er anerkennend, er spricht schon wie ein Einheimischer. Er sah seinen Neffen wieder vor sich, als dieser eines Abends erschöpft und verunsichert zum ersten Mal durch diese Tür kam, nach der langen Reise aus der Stadt Aachen im fernen Frankenland, wo seine Eltern bei einem Unglück ums Leben gekommen waren. Viel selbstbewusster und erwachsener war der Zwanzigjährige heute.
"Komm, bring mich hin!" forderte der Calamus ihn auf und unterstrich seine Worte mit einer Handbewegung. Bevor die beiden die Bibliothek verließen, rief er den Kunden zu: "Schreibt mir auf, wenn ihr etwas kaufen oder bestellen möchtet, ich melde mich später zurück." Doch wollten auch die Kunden mehr über die seltsame Geschichte wissen und so verließen fünf Männer und eine Frau mit eiligen Schritten das Haus und fanden sich auf der morgendlichen Gasse wieder, unter den neugierigen Blicken einiger Nachbarn.
Bevor sie die al-Mu'izz-Straße erreichten, die die Altstadt vom Bab Zuwaila im Süden bis zum Bab an-Nasr im Norden zerteilte, machte die Gruppe kurz Halt in einer Seitenstraße, wo der Buchhändler seinen Angestellten Bilal beim Frühstück unterbrach und beauftragte, auf das Geschäft aufzupassen, bis er zurückkehrte.
Die Ibrahim-Moschee war etwa eine Viertelstunde entfernt. Die Gruppe drängte sich an beladenen Eseln vorbei, die gemächlich ihre Arbeit taten, an frühen Fußgängern und einigen spielenden Kindern. Harun ging voran, gefolgt vom Calamus in seinem schlichten weißen Gewand und den anderen. Je näher sie der Moschee kamen, desto dichter wurde das Gedränge und desto lauter die Stimmen. Schließlich gelangten sie zum Minarett, das in einiger Entfernung neben der Moschee stand, und davor eine Menschenmenge, die nur mühsam von den mamlukischen Sicherheitskräften unter Kontrolle gehalten werden konnte. Der Calamus ging auf einen zu, den er kannte. "Hadsch Omar!" rief er ihn, "was ist denn hier los?" Der so Angesprochene sah auf und bahnte sich einen Weg zu dem Mann. "Abu Yusuf", sagte er, "hast du es noch nicht gehört? Der Muezzin ist vor den Augen der Leute verschwunden. Er ging das Minarett hoch und kam nicht mehr herunter." - "Der Junge hat es mir erzählt", entgegnete der, "aber was wollen all die Menschen hier?" Er musste fast schreien, um sein Gegenüber zu erreichen. - "Sie glauben, dass Abu Taiyib in den Himmel gefahren ist und denken, es sei ein Wunder", sagte Hadsch Omar. Wohl mehr als dreihundert Leute hatten sich versammelt und umringten den Turm, auf dessen Balkonen der Calamus Polizisten erspähte, als er den Blick hob.
"Und was glaubst du?" fragte er den Hadsch. Der hob die Brauen und zuckte mit den Schultern. "Ich habe keine Erklärung." Harun mischte sich ein: "In den Himmel ist er nicht gefahren, ich stand die ganze Zeit über hier und habe nichts derartiges gesehen." Der Calamus zeigte auf den Eingang des Minaretts: "Erzähl mir noch einmal genau, was heute Morgen geschah, nachdem der Kundschafter ausgerufen hatte, dass Abu Taiyib nicht auf dem Turm war." Harun schloss für einen Moment die Augen, um sich zu konzentrieren. "Er rief immerfort: ‚Er ist nicht da! Er ist nicht da!' Viele der Anwesenden hoben die Arme und fassten sich an den Kopf." Er unterbrach seinen Neffen: "Wie lange genau blieb der Kundschafter in der Türöffnung stehen?" - "Er stand da die ganze Zeit. Ein Ring von Männern umgab ihn, die auf ihn einredeten. Einige von ihnen stiegen selbst die Stufen hoch, um sich zu vergewissern. Als ich und die anderen gingen, stand er noch im Getümmel mit ihnen und in heftige Gespräche verwickelt." Harun versuchte, sich an jede Einzelheit zu erinnern.
Da trat der Imam aus dem Minarett und wurde sogleich von der Menge bestürmt, was dem Calamus einen Blick in die schattige Seitengasse gewährte. Er ging hinein, es waren nur ein paar Schritte, und hinter ihm sein Gefolge, das sich nun um den Hadsch erweitert hatte. In der Mitte der Gasse befand sich die Bäckerei, bei der sein Neffe das Frühstücksbrot besorgen wollte. Die Fladen dort waren besonders gut. Die Gruppe sah Frauen und Männer, die sich aus Fenstern zu der Szene hindrehten. Auch in einigen Türen standen sie und tuschelten.
"Was gibt es denn hier zu sehen?" meinte einer aus dem Gefolge, als sie beim Bäcker ankamen und der Calamus fünf Brote bestellte, ohne sich um die Frage zu kümmern. Stattdessen sprach er den Mann am Ofen an: "Hast du den Muezzin auch nicht gesehen?" - "Nein, mein Herr, ich kenne ihn wohl und durch die Gasse kam er nicht." Der Calamus nahm die Fladen in Empfang und wurde wieder nachdenklich. Dann gebot er seinem Neffen zu zahlen, mit dem Dirham, den er für diesen Zweck von ihm bekommen hatte, und machte sich auf den Heimweg, etwas davon murmelnd, dass er nun erst einmal essen müsse.

Jemand schnitt Auberginen. Die beiden Männer betraten die Küche und sahen, dass Nadja bereits Olivenöl in der Pfanne erhitzt hatte. "Du kochst für mich?" Der Calamus lachte erstaunt. "Guten Morgen, Husain. Natürlich. Ich fand dich nicht vor und der Zustand der Küche verriet mir, dass du noch nicht gefrühstückt hast. Oder hast du unterwegs etwas gekauft?" Mit einem scharfen Zischen glitten die dünnen Auberginenscheiben in das siedende Öl. Sie verteilte das Öl mit einem Schaber, so dass alle Scheiben gleichmäßig frittiert wurden. "Das ist aber nett von dir. Nein nein, ich habe nur Brot mitgebracht. Wir sind tatsächlich spät dran, der verschwundene Muezzin hat uns aufgehalten." Sie nickte. "Das ganze Viertel spricht davon." Sie hackte eine Knoblauchzehe in winzige Stücke, während sie Grüße von Bilal ausrichtete, der noch Besorgungen zu machen hatte. Nadja wohnte drei Häuser weiter. Ihren Mann und ihre Kinder hatte sie vor sieben Jahren an die Pest verloren, den Schwarzen Tod, der auch dem Calamus die Frau genommen hatte. Es gab kaum eine Familie in Kairo, die nicht davon betroffen war. Die ganze Straße wusste davon, dass die beiden früh Verwitweten einander zugetan waren, und es kam vor, dass einer der Nachbarn sie oder ihn ermunterte, doch noch einmal zu heiraten. Bislang aber blieb da eine sichere Distanz, die keiner der beiden durchbrechen mochte.
Harun wandte sich verstohlen und grinsend ab, als er das Feuer in ihren Augen entdeckte, das sich geheimnisvoll immer dann einstellte, wenn sie zusammenkamen. Um nicht zu kichern anzufangen, sagte er zu Nadja, die mit der Messerspitze den Knoblauch in die Pfanne gab und die Scheiben wendete, die unten schon knusprig braun waren: "Wird der Knoblauch nicht zuerst angebraten?" Sie drehte sich zu ihm hin und meinte versunken und auf die mütterliche Weise, mit der sie auch zu ihren Kindern zu sprechen pflegte: "Eigentlich schon, aber es dauert, bis die Auberginen sich mit dem Öl voll gesaugt haben und fertig sind. Bis dahin ist der Knoblauch schon verbrutzelt und schwarz." Sie gab Salz dazu und wendete immerfort die Scheiben, die jetzt dunkelbraun und kross in der Pfanne lagen. Der Buchhändler holte Teller und einige Zitronen, die er aufschnitt, während Harun auf der Schilfmatte Platz nahm und Nadja servierte. "Mein Leibgericht!" summte der Calamus und reckte den Kopf, als wolle er den Duft aus der Pfanne nicht verlieren, während er sich der Köchin zuwandte. Die lächelte, setzte sich zu den beiden und schaute zu, wie die Männer sich Teile aus dem Fladenbrot rissen, mit denen sie die frittierten zitronierten Auberginen in mundgerechte Portionen teilten und dann genüsslich in den Mund schoben. Nadja stellte ein Schälchen mit weißem Joghurt dazu, salzte ihn und goss das restliche Fett aus der Pfanne darauf. Sie tunkte mit dem Brot hinein und erklärte, dass sie bereits gefrühstückt hätte und dass es für das Mittagessen noch zu früh wäre. Dann kam sie erneut auf die Nachricht zu sprechen.
"Gestern noch hatte Karima von ihm erzählt. Du weißt doch, Karima, Abu Taiyibs Schwägerin. Sie wohnt direkt bei dem Minarett am Anfang der Seitengasse." Der Calamus fragte kauend und nachdem er von einer grünen Zwiebel abgebissen hatte: "Wieso, stimmte etwas nicht mit ihm?" Die Frau verzog das Gesicht und wünschte, er würde nicht mit vollem Mund sprechen. "Ich weiß nicht. Sie meinte, er sei in letzter Zeit seltener bei seinem Bruder gewesen und die beiden schienen sich aus dem Weg zu gehen. Dabei ist Abu Taiyib doch so ein netter Mann. Und diese begnadete Stimme!"
Der Calamus hatte inzwischen zu Ende gekaut: "Vielleicht ist er in den Himmel aufgefahren. Das hatten wir schon seit einer Weile nicht mehr." Er grinste breit und Nadja nickte: "Ja, beim letzten Mal war es der Prophet selbst, das ist schon lange her."

Das Mittagsgebet wurde von den vielen Minaretten des Viertels ausgerufen, als Harun sich im kühlen Bibliotheksraum mit einer neuen Arbeit vertraut machte: der Abschrift eines Büchleins über die Ingenieurskunst, mit Anmerkungen und Zeichnungen. Schon in der übernächsten Woche würde es der Auftraggeber abholen, ein reicher Mamluke. Harun hatte ein Talent für Handschriften und Kalligrafie und der Calamus fand in ihm einen gelehrigen und fleißigen Schüler, der alle Erwartungen und Hoffnungen weit übertraf. Das Vorwort und die ersten beiden Seiten des heutigen Büchleins war der Meister mit dem Schüler einige Stunden zuvor Wort für Wort durchgegangen, damit Harun sich an die Besonderheiten der Handschrift und den Duktus des Texts und seine Fachausdrücke gewöhnte. Er tunkte den Bambusstift in die Tinte und begann mit den Seiten, die er schon kannte.
Nie hätte er sich die Metropole Kairo so gewaltig vorstellen können, als er noch in Aachen lebte, immerhin eine der größten Städte im deutschen Reich mit mehr als zwanzigtausend Einwohnern. Dagegen Kairo mit seiner halben Million! Überall lärmte es, überall waren Menschen. Unglaubliche Mengen von Waren wurden hier gelagert und umgeschlagen. Der Kulturschock traf Harun heftig, als er damals nach Kairo kam, ohne Geld, ohne Sprache, nur mit einem Beutel über den Rücken. Er hätte nicht gedacht, dass er hier sein Glück machen könnte, aber es schien gelungen.
Sein Onkel war ein guter Lehrer und ein echter Freund. Er hatte den Jungen gleich ins Herz geschlossen, brachte ihm die Buchstaben bei und dann die Sprache und Kalligrafie gemeinsam. Harun war fasziniert von den Büchern, die sein Onkel besaß, und spürte von Anfang an einen Drang, den Inhalt all der Werke zu ergründen. Und dann die Abenteuer draußen! Anders als in Aachen waren die Straßen in Kairo pausenlos gefüllt, wie in einem Traum, und abends hing vor jedem Laden eine Laterne, die die ganze Nacht brannte. Die nächtlichen Lichtspiele waren unvergleichlich. Fackeln, Lampen, Farben, wohin man auch sah. Beim Erkunden der Stadt entdeckte Harun ständig etwas Aufregendes und Sensationelles. Mal war es das Gericht eines der tausenden fliegenden Händler und Bräter, mal ein Seiltänzer oder ein Schattenspieler, eine Erzählerin oder eine Schlangenbeschwörerin. Seit seiner Abreise führte Harun ein Tagebuch, in das er alle Begegnungen eintrug, ebenso wie einige Charakterstudien. Vor einem Jahr wechselte er die Sprache und schrieb auf Arabisch weiter.
Der Calamus kam vom Mittagsgebet nach Hause, als Harun gerade die erste Seite kopiert hatte. Er setzte sich an die gegenüberliegende Wand und grübelte. Noch als die zweite Seite abgeschrieben war, grübelte der Calamus und sah verträumt auf den schreibenden Neffen, der irgendwann aufschaute und den Blick erwiderte. Er hoffte, dass der Onkel nicht bedauerte, dass er ihn nicht zum Gebet begleitet hatte. Manchmal ging er mit, doch meistens hielt er sich von religiösen Dingen zurück. Der Onkel ließ ihn auch.
"Was gibt es?" fragte Harun endlich und der Onkel erwiderte ohne Zögern und ohne die Stimme zu heben: "Zwei Dinge. Zum einen hat mich der Beamte Tubay verwarnt, weil unser Geschäft nach den neuen Baubestimmungen zu groß ist. Zweitens glaube ich nicht, dass Abu Taiyib in den Himmel aufgefahren ist."
Er stand auf und schenkte sich Wasser ein, das er gleich trank. "Du musst mir helfen", fuhr er fort und Harun legte seine Schreibutensilien beiseite. Mit den Händen auf dem Rücken verschränkt ging der Calamus im Raum auf und ab. Harun kannte das und wartete. "Ich komme gerade von der Ibrahim-Moschee zurück, in der alles passiert ist", begann er. "Natürlich war Abu Taiyib das hauptsächliche Gesprächsthema. Es ist bemerkenswert, wie sich Menschen verhalten, wenn sie keine Erklärung haben für etwas, das sie unbedingt wissen wollen. Wie kann ein Mann auf einem Minarett verschwinden?" Harun hob seinen Finger: "Vielleicht ist oben ein versteckter Raum oder er ist mit einem Seil heruntergeklettert." Der Calamus schüttelte den Kopf: "Nein, einen versteckten Raum gibt es da nicht und auch keine Spuren. Ich habe es mir vorhin selbst angesehen. Unser einziger Hinweis sind der Kundschafter und seine Freunde. Er war es, der die Nachricht vom verschwundenen Muezzin in die Welt setzte. Würdest du ihn wieder erkennen?" Harun verstand nicht recht. Der besagte Mann hatte doch nur nachgeschaut und niemanden gefunden. "Vielleicht", sagte er, "aber es gibt hier so viele Gesichter, dass eine zweite Begegnung nicht wahrscheinlich ist." Der Calamus grummelte leise und unverständlich, während er noch auf und ab ging. Dann wechselte er das Thema und dachte mit Harun über einen Plan nach, um die Buchhandlung nicht verkleinern zu müssen.

Die Sonne brannte unbarmherzig auf die Metropole, während die Menschen sie durchquerten wie Ameisen. Es gab kaum eine größere Stadt auf der Welt, und das, obwohl die Pest mehrfach in Kairo gewütet und die Bewohnerzahl stark reduziert hatte. Der Mamluken-Staat kassierte viel vom Nachlass der Verstorbenen und investierte eine enorme Summe in neue, repräsentative Gebäude. So standen einerseits viele Häuser leer oder waren gar ganz verschwunden und einem Loch gewichen, andererseits entstanden neue Prestige-Objekte wie der Chan al-Chalili, ein Markt in der Altstadt, nicht weit vom Haus des Calamus. Und die Stadt wuchs seit Jahrhunderten fast kontinuierlich, brachte Erweiterungen hervor, neue Straßen, neue Viertel, weit außerhalb des Kerns, den die Dynastie der Fatimiden vor nunmehr vierhundert Jahren "al-Qahira" nannte, die Siegreiche.
Der Calamus saß auf der steinernen Bank vor seinem Geschäft im Schatten und beobachtete die Leute auf der Straße. Ein fast nackter Mann, verkehrtherum auf einem Esel, zog an ihm vorbei in Richtung der Hauptstraße, gefolgt von vier Soldaten mit Peitschen und einer kleineren Menschenmenge, die johlend und feixend hinterherzog. Diese Barbaren! dachte der Calamus und meinte die Mamluken mit ihren öffentlichen Bestrafungsritualen. Sie herrschten über das Land und nicht nur über dieses Land. Die wichtigsten Gebiete der islamischen Welt gehörten ihnen, inklusive der heiligen Stätten in Mekka und Medina. Es waren türkisch-stämmige Sultane und Emire, die als Sklavenkinder begannen und eine militärische Ausbildung durchliefen. Sie bildeten eine Regierungs-Kaste und waren so stark, dass sie die als unbesiegbar geltenden Mongolen und die Kreuzfahrer hatten vertreiben können. Vom Volk auf der Straße hielten sie sich meist fern, denn man betrachtete sie bei aller Bewunderung als willkürlich, gefährlich und bürokratisch - und fremd.
Der verschwundene Muezzin ging dem Calamus nicht aus dem Kopf. Das Minarett war von den Polizisten durchsucht worden. Im Gegensatz zu den Prachtbauten, die sich in der Umgebung befanden, waren die Ibrahim-Moschee und ihr Minarett von bescheidenen Ausmaßen. Zwei angedeutete Mauern in einem 90-Grad-Winkel um das Minarett zeigten an, dass es sich eigentlich um ein Gelände handelte, das Moschee-Gelände, nur wurde die Mauer entweder nie vollendet oder aber zerstört, denn man kannte in neuerer Zeit nur diese ruinenartige Befestigung, die von mehreren Seiten aus zugänglich war.
Was war das für ein Geheimnis, das Abu Taiyib umgab? Er konnte nicht anders und machte sich erneut auf den Weg. Harun und sein anderer Schreiber Bilal hielten sich im Laden auf und kümmerten sich um die Kundschaft. Während des Tages war der Andrang recht groß, denn beim Calamus bekam man seltene Bücher und konnte sie gegen eine kleine Gebühr auch ausleihen, wenn man kein Fremder war. Ob Mamluke, arabischer Gelehrter, Wissenschaftler oder Literaturfreund - hier traf man sich gern. Wenn es dem Buchhändler zu viel wurde, zog er sich in die hinteren Zimmer zurück, in denen er auch schlief. Bis jetzt jedenfalls, denn in Kürze schon würde er mit den Bürokraten um die hinteren Räume kämpfen müssen.
Auf dem Weg sah der Calamus einen Händler, der zapfenförmige Speisen auf einer silbern leuchtenden Platte trug. Es war Kubba, ein Grießgebäck mit einer Füllung aus Hackfleisch und gerösteten Pinienkernen. Er konnte nicht widerstehen und kaufte fünf Stück, die er bei Erreichen des Minaretts verzehrt hatte, minus dem einen, den er unterwegs einer Bettlerin gegeben hatte. Das Almosengeben war eine der wichtigsten Säulen des Islam, den er sehr ernst nahm. Vielleicht nicht so, dass er jedes Gebet einhielt, aber in dem, was der Calamus als das Chaos seiner Zeit empfand, waren ihm die Werte ein Anliegen, die diese großartige Zivilisation hervorgebracht hatten, an deren Endpunkt er sich sah. Im wahren Islam, so dachte er, herrscht Ordnung. Da wird weder etwas dem Zufall überlassen noch gibt es dunkle Stellen. Er wusste selbst, dass er hier ein Ideal im Kopf hatte und sich nicht an die Dinge hielt, die er um sich herum sah: die ausgedünnte Bevölkerung, die ungebändigten, vergnügungssüchtigen Mengen, die Inflation und die Intrigen, die vom Hof bis tief in die Familien strahlten.
Der Calamus lebte in seiner eigenen Welt. Er war bekannt für sein erstaunliches Gedächtnis - eine willkommene Gabe für einen Mann, der so viele Bücher kannte. Außerdem war er ein anerkannter Meister der Kalligrafie und dies war es, das seinen bescheidenen Wohlstand begründete. Ob es um Urkunden ging oder um Kunst, seine Kalligrafien waren begehrt, auch bei den Mamluken, die eigentlich alles Arabische skeptisch betrachteten, außer der Religion. In dieser idealisierten Welt, die Husain ibn Dschalil al-Masri, genannt der Calamus, nicht zu verlassen gewillt war, verschwanden nicht einfach so Muezzine vor dem Morgengebet.

Er hatte nur eine konkrete Spur und die war das Haus des Bruders, das sich unmittelbar in der Nähe des Minaretts in der abgelegenen Seitengasse befand. Nadja hatte davon erzählt und auch bei seinen Nachforschungen vor und nach dem Mittagsgebet war er wieder auf den Bruder gestoßen. Also klopfte er an die Tür. Ein Jugendlicher von etwa vierzehn Jahren öffnete und teilte dem Calamus mit, dass der besagte Bruder des verschwundenen Muezzin am Mittag nach Alexandria aufgebrochen war, um die Großmutter aufzusuchen. Der Junge wollte das Tor schon wieder schließen, als er hörte: "Du kennst mich vielleicht. Ich bin Abu Yusuf und habe eine Buchhandlung nicht weit von hier." Der Junge zögerte, schloss aber nicht das Tor. "Abu Taiyib ist dein Onkel, stimmt's?" Der Junge nickte. "Kannst du mich zu deiner Mutter bringen? Ich will herausfinden, was mit deinem Onkel geschehen ist. Das möchtest du doch auch wissen." Der Junge, der sich als Ali vorstellte, winkte den Besucher herein. Sie durchquerten einen Vorgarten, den man von der Straße nicht einsehen konnte, und erreichten das mehrstöckige Gebäude, in dessen Hausflur zwei Gestalten im Halbdunkel kauerten. Über eine Treppe gelangten sie in den ersten Stock, wo sie die Schuhe auszogen und Ali den Besucher zu warten aufforderte, bevor er durch eine Tür in ein Nebenzimmer verschwand. Der Raum war schlicht und doch erkennbar als Teil eines Hauses wohlhabender Bewohner. Er ging über einen Teppich zum Fenster und betrachtete das dunkelrotbraun getönte Holzgitter, meisterhaft geschnitzt und kunstvoll verziert. Durch das Fenstergitter sah er die Gasse und auch den Tatort, das Minarett.

"as-Salam 'alaikum, Abu Yusuf, es ist eine Freude, dich zu sehen. Nadja hat mir viel von dir erzählt." Lautlos war die Frau des Hauses herangetreten, zu beiden Seiten eines ihrer Kinder. Sie trug einen schwarzen Schleier, der ihr Gesicht vollständig verbarg. Ihre Stimme war bestimmt, aber sanft. Der Calamus grüßte höflich zurück und zeigte dann durch das Fenster: "Was ist da heute Morgen passiert?" fragte er, ohne den Ton der Freundlichkeit aus seiner Stimme zu nehmen. Karima zögerte und atmete tief durch, was wie ein Seufzen klang: "Wenn wir das nur wüssten! Mein Schwager muss entführt worden sein." Der Calamus setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Teppich, während sie an das Fenster herantrat und eine Hand in das Gitter legte. Dann sagte sie leise: "Oder er ist wirklich in den Himmel aufgefahren, wie seine Mutter es im Traum gesehen hat."
- "Seine Mutter?" Er war erstaunt. "Ja, lange bevor sie nach Alexandria gegangen ist, wo sie ihren Lebensabend mit Freunden am Meer verbringt, wachte sie eines Nachts auf und weckte das ganze Haus, um ihren Traum zu erzählen, in dem ihr Sohn Abu Taiyib von einem hellen Licht beschienen und in den Himmel aufgenommen wurde. Das muss schon zwanzig Jahre her sein, es war wohl die Zeit des Sultans Mansur Salah-ad-Din. Es passierte hier in diesem Haus, der Gärtner hat sich ebenfalls daran erinnert. Die Mutter hatte das Bild so klar vor Augen, dass jeder einen Schreck bekam und niemand es wagte, zu widersprechen. Ab und zu erwähnte sie den Traum auch später noch." - "Was ich nicht verstehe", unterbrach sie der Gast, "ist der Zeitpunkt der Abreise deines Mannes. Wenn mein Bruder einfach so verschwände, dann würde ich doch herausfinden wollen, was geschehen ist, und nicht wenige Stunden nach dem Aufkommen der Nachricht auf eine lange Reise gehen." Karima drehte ihr verschleiertes Gesicht in seine Richtung und regte sich nicht. Die Kinder lösten sich von ihr und begannen, einander zu necken. "Er hielt es für wichtig, bei seiner Mutter zu sein und ihr die Nachricht zu bringen. Aber jetzt, wo du es so sagst, kommt es mir auch etwas seltsam vor." Sie beauftragte die Kinder, Tee zu bringen, und setzte sich auf der anderen Seite des niedrigen Tisches auf ein Polster.
Der Calamus fragte sie: "Kennst du die Gruppe von Gläubigen, die das Verschwinden Abu Taiyibs als erste bemerkt hat und die zur Zeit des Geschehens nah am Eingang des Minaretts stand?" Karima bejahte: "Mein Mann war auch darunter. Sie kamen danach aufgeregt hierher ins Haus. Ich hatte das Morgengebet gerade verrichtet und betrat diesen Raum, wo mein Mann mit zwei anderen lauthals debattierte und mir berichtete, was vorgefallen war. Unser Nachbar Muhiy ad-Din war dabei, er begleitet jetzt meinen Mann. Es sind gottesfürchtige Leute. Sie blieben bis zum Mittag, als sich mein Mann entschloss, nach Alexandria zu reiten." Der Calamus nahm den Tee in Empfang, der ihm auf einem Untersetzer serviert wurde, und stellte ihn neben sich ab. Er kratzte sich am Kopf und sagte: "Wenn Abu Taiyib entführt wurde, dann muss dein Mann daran beteiligt gewesen sein." Da nahm Karima mit beiden Händen die Ecken ihres Schleiers, zog ihn hoch über den Kopf wie ein Visier und sah ihrem Besucher fest in die Augen. "Was sagst du mir da, Abu Yusuf, das ist unmöglich." Er hielt ihrem Blick stand und nippte nach einer Weile an seinem Tee. "Mein Neffe Harun war Augenzeuge, als der Muezzin auf das Minarett ging, und er stand noch da, als dein Mann und seine Freunde den Verlust öffentlich machten. Da das Minarett keinen anderen Ausgang hat, musste der Vermisste noch oben oder aber im Gedränge der Leute entführt worden sein. Als dein Mann nach dem Vorfall nach Hause kam, erschienen da vielleicht einer oder zwei etwas später?" Karima zog jetzt den Schleier ganz unter dem Stirnband hervor und legte ihn neben sich auf das Polster. "Nein." Der Gast trank seinen Tee aus und bekam die Erlaubnis, den Vorgarten zu inspizieren. "Wenn es hilft, das Rätsel zu lösen", sagte Karima, "dann nur zu! Du kannst auch den Gärtner befragen."
Der Gärtner saß mit seinem Enkel im Schatten einer der beiden Palmen, die auf der Innenseite der Mauer standen, und reinigte sein Werkzeug. Der Calamus war den beiden bereits beim Eintreten begegnet, im Halbdunkel des Hausflurs, wo er die schwarzen Gesichter der beiden Arbeiter nicht hatte ausmachen können. Nun erkannte er, dass es Nubier waren, aus einem Land viele Tage nilaufwärts. "Gegrüßt sei der Gast", stieß der Alte in seinem Dialekt hervor, ohne von seiner Beschäftigung aufzusehen. Er hatte nicht mehr viele Zähne. Der Enkel kauerte neben ihm und starrte den Calamus wortlos an. "Sag mir, guter Mann, was geschah hier heute Morgen, als der Hausherr mit seinen Freunden kam?" Der Alte druckste herum und murmelte etwas Unverständliches. Sein Enkel half aus. "Wir haben noch geschlafen", sagte er und zeigte auf die Überdachung neben der zweiten Palme, unter der einige Decken und Habseligkeiten der beiden verstaut lagen. Als er sich weiter umsah, bemerkte der Calamus die Idylle des Vorgartens mit seinen marmornen Gehplatten, den Blumen und Beeten, die alle in Ordnung gehalten wurden. Hinten beim Feigenbaum ging das Haus ins Nachbarhaus über. Er betrat wieder den Flur und schritt ihn ab. Karima kam die Stufen herab und ihm entgegen. Sie erklärte, dass sich hinter den Türen und Vorhängen Stauräume verschiedener Art befanden und ja, einer dieser Räume sei derzeit leer und natürlich könne er ihn sehen. Sie zog einen der Vorhänge auf und gab den Blick frei auf eine fensterlose Nische, die gerade groß genug war, um einem Mann bequem Platz zu bieten.
"Weißt du, wo Abu Taiyib gestern Abend war?" fragte er. "Er schläft in der Moschee, wo er ein Zimmer hat", sagte sie. Das Zimmer hatte der Calamus nach dem Mittagsgebet bereits inspiziert. Er hatte den Imam gebeten, ihn hereinzulassen, und dort nichts entdecken können außer den sorgsam aufbewahrten Kleidungsstücken und sonstigen Besitz. Nichts Ungewöhnliches. "Ich werde schon herausfinden, was hier passiert ist", sagte der Calamus zum Abschied.

Karima am Fenster © Anis 2011
Bilal stand am Regal und fuhr mit dem Finger über die Einbände. "Was liest er denn im Moment?" fragte er den schreibenden Harun. Dann entdeckte er ein Buch neben dem Platz, an dem der Calamus zu sitzen pflegte, und las den Titel. Harun schaute auf. "Was ist es?" Bilal lächelte. "'Die Erleichterung nach der Not' von Tanuchi. Ich kenne es."
Bilal kannte die meisten Bücher aus dem Fundus des Calamus. Viele hatte er selbst besorgt. Er war außerdem für den Katalog zuständig, den er stets auf dem neuesten Stand hielt. Neben ihm waren da noch andere Mitarbeiter, vor allem Schreiber, doch lieferten die zumeist nur hin und wieder ihre Arbeiten ab und holten sich neue. Bilal war fünf Jahre älter als Harun und unterstützte den Frankenjungen bei seiner Orientierung in der neuen Welt. Er brachte ihm bei, was er selbst wusste, und ermunterte ihn, von selbst weiter zu gehen.
Dabei bewunderte er Haruns Ausdauer. Vor allem das Schreiben bereitete ihm offensichtlich so viel Freude, dass er darüber oft das Essen vergaß und die Tageszeit. Manchmal las Harun ihm aus seinem Tagebuch vor und Bilal erkannte, dass der Frankenjunge nicht nur gut abschreiben konnte, sondern auch Eigenes schuf. Vielleicht würden eines Tages Haruns Bücher in den Regalen stehen und hundertfach kopiert werden. Also machte er Harun hin und wieder mit seinen zukünftigen Kollegen vertraut. "Die Geschichten von Tanuchi handeln von Menschen, die in Notsituationen geraten und am Ende auf pfiffige Weise einen Ausweg finden." Harun legte seinen Stift hin, brachte vorsichtig das noch feuchte Blatt vor sich zur Seite und nahm Bilal das gebundene Manuskript aus der Hand. Während er darin blätterte, fragte er: "Kannst du mir ein Beispiel geben?" Bilal dachte kurz nach und erzählte ihm dann die Geschichte des Wassersüchtigen, dem keine Kur half, bis er zufällig gekochte Heuschrecken zu sich nahm und wundersam genas. Sein Arzt fand heraus, dass die Heuschrecken das Heilmittel Mazariyun gefressen hatten. Dies galt als giftig, doch durch das zweimalige Kochen - im Magen der Heuschrecken und im Kochtopf - schwand das Gift. Harun gefiel die Geschichte.

Auf dem Heimweg rekapitulierte der Calamus seinen Fall. Zu diesem Zweck setzte er sich in ein Teehaus und sah den Männern beim Brettspiel zu. Der Traum der Mutter. Die Abreise des Bruders. Es ergab einfach keinen Sinn. Es lag bestimmt ein Plan zu Grunde, nach dem der Muezzin geheimnisvoll verschwand. Andernfalls wäre keine solch spektakuläre Vorstellung zu beobachten gewesen. Aber wer hatte daran ein Interesse? Niemand aus der Gruppe der Zeugen war dingfest zu machen und es gab kaum Hinweispunkte.
An eine Entführung mochte er nicht recht glauben. Abu Tayib war ein vertrauenswürdiger Mann, der keine Feinde hatte, nach allem, was Karima von ihm erzählte. Schon als Kind sang er gern und er bekam eine Ausbildung in einem Kuttab, einer islamischen Schule, wo er zu spezialisierten Lehrern fand, die ihn in der Rezitation des Koran unterrichteten. Obwohl er erst dreißig Jahre zählte, hatte Abu Taiyib schon die Wallfahrt nach Mekka gemacht und mehrere Länder gesehen, als er seinen Vater begleitete, der Händler war und stolz darauf, einen Sohn zu haben, der sein Leben den frommen Taten widmete. Seit fast einem Jahr arbeitete und lebte er als Muezzin in der Ibrahim-Moschee und eine Beförderung an die große Azhar-Moschee stand in Aussicht. Abu Taiyib war ein zurückhaltender Mann mit einer zarten Künstlerseele, der viel Lob und Bestätigung bekam und keine Laster zu haben schien. Außer der Musik vielleicht, der er ab und zu frönte.
Der Calamus mochte keine Musik. Am schlimmsten war dieses quäkende Blasinstrument, das bei jeder Feier über Häuserblocks hinweg zu hören war, und dessen Namen nur zu denken für den Buchhändler bereits ein böses Omen darstellte. Seine Kunst war die leise, unaufdringliche Kalligrafie. Nur Nadja vermochte es, ihm die Musik nahe zu bringen, wenn sie in gewissen Momenten ihre kleine Flöte hervorholte und eine der Melodien spielte, die sie von ihren Vorfahren kannte.
Der Calamus näherte sich dem Geschäft und grüßte die Nachbarn, die auf den Bänken vor ihren Läden saßen. Auf seiner Bank hockte eine ocker gefleckte Katze, die blitzartig in der Gasse verschwand, als sie seiner gewahr wurde. Neben der Nachtlampe oben an der Tür hatte Harun mit schwarzer Farbe die vier arabischen Buchstaben für "Calamus" an die beige getünchte Wand geschrieben und einen roten Tropfen drumherum gemalt mit allerlei Verzierungen.
In der Bibliothek angekommen empfing ihn Harun mit den Worten: "Vielleicht war Abu Taiyib in Not und hat Erleichterung gefunden." Er wedelte mit dem Buch des Tanuchi. Sein Onkel lächelte verblüfft: "Das ist absolut …" - er stockte und ergänzte dann: "… mumkin!" Möglich!

"Auf zum Gebet! Auf zum Gebet!" Die Stimme des Muezzin strich über die Dächer der Altstadt und durch ihre Straßen. Sie vereinigte sich mit den Stimmen anderer Muezzine zu einem meditativen Chor, zu einem Weckruf und einem Zeitanzeiger. Fü Mal täglich hielt Kairo inne und ließ die Geschäfte für einige Minuten ruhen. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es so viele Moscheen und Minarette. Es war Nachmittag, die Zeit, in der viele sich für ihre Siesta bereit machten, eine Stunde oder zwei der Ruhe, bevor der kühlere Abend wieder zur Bewegung animierte. In der Ibrahim-Moschee und ihrer Umgebung spürte man noch deutlich die Spannung, die der heutige Tag mit sich brachte. Mehr als doppelt so viele Gläubige wie üblich strömten von allen Seiten in das Gebäude mit dem Kuppeldach. Auch vor dem Minarett standen einige, mit einem Blick, als würden sie die Pyramiden von Gizeh oder die Sphinx bestaunen. Der Ruf war längst verhallt, als der Muezzin heraustrat und sich zum Gebetsraum begab. Es war das zweite Mal, dass er an Abu Taiyibs Statt die Prozedur ausführte.
"Und?" raunte der Calamus seinem Neffen zu. "Ja, das ist der Mann, der Abu Taiyibs Verschwinden als erster bemerkt hat. Woher wusstest du das?" Statt zu antworten zog er Harun mit sich, während er auf den Muezzin zuging und ihm den Weg abschnitt. Ohne zu grüßen flüsterte er ihm etwas zu, das Harun nicht hören konnte. Der Mann erschrak und nickte dann, bevor er langsam weiter ging.
Der Buchhändler sah Harun in die Augen: "Ich werde beten. Kommst du mit?" Der Neffe wollte um keinen Preis versäumen, was sich hier abspielte. Er nickte und schluckte seine brennenden Fragen herunter. Schließlich war er hautnah am Geschehen und würde schon erfahren, was er wissen wollte. Der Calamus steuerte zügig den Rundbrunnen an, der aus Dutzenden von Schnäbeln Wasser spendete, zog sich unterwegs die Sandalen aus, legte sie zu den anderen und führte die rituelle Waschung von Kopf bis Fuß durch. Harun tat es ihm nach und fand sich bald schon mit hunderten anderen auf dem riesigen Gebetsteppich wieder, auf dem alle dasselbe machten: einige Formeln flüstern, sich vorbeugen, niederknien, beten.
Es hat etwas Beruhigendes, wenn man genau weiß, was die Leute um einen herum machen, dachte Harun nach dem Gebet. Seine Augen suchten nach dem neuen Muezzin, doch es schien aussichtslos in dem Gedränge. Die lebhaften Gespräche über die heutigen Vorfälle irritierten ihn. Einige Leute beteten weiter, als wollten sie dadurch den Geist des Vermissten erreichen. So er überhaupt ernsthaft vermisst wurde. Die Vorstellung einer Himmelfahrt war offensichtlich derart faszinierend, dass sie alle Tatsachen überlagerte. Einige Gruppen scharten sich um Prediger, die Theorien darüber verbreiteten, welchen Einfluss Gottes Hand auf die Sache genommen hat. Der Calamus rief seinen Neffen heran: "Wir treffen ihn da, wo ich ihn angesprochen habe." Der Muezzin wartete bereits draußen und rieb sich nervös die Finger. "Lass uns ungestört reden", hörte Harun den Calamus sagen, der nach oben auf das Minarett zeigte. Die drei näherten sich unauffällig dem runden Turm und stiegen einer nach dem anderen die enge Wendeltreppe hinauf. Als sie den ersten Balkon erreichten, hielt der Mann, doch der Calamus meinte, er wolle sicher sein, und drängte ihn weiter bis nach ganz oben. Sie traten auf den dritten Balkon und setzten sich nebeneinander um die Kuppel, so dass sie von unten kaum auszumachen waren. Haruns Augen wurden groß und ihm war leicht schwindelig, als er aus dieser Perspektive auf die Dächer und Straßen sah.
Der Muezzin begann: "Du sagst also, Abu Taiyib sei in Schwierigkeiten und die Mamluken haben ihn festgenommen?" Harun schluckte und regte sich nicht. Der Calamus hielt sich am Geländer fest und schnaufte noch vom Aufstieg. "Was kann man jetzt tun?" sagte er ausweichend. Der Muezzin schüttelte den Kopf: "Das ist eine Katastrophe", jammerte er, "was soll nur aus Amina werden?" Mehrere Reiter trabten stampfend unter ihnen vorbei und verscheuchten eine Frau, die mit ihrer Gießkanne den Boden befeuchtete, um den staubigen Sand für ein paar Momente zu binden. "Amina ist meine Schwester", fuhr er fort, "und Abu Taiyibs Verlobte." - "Er ist verlobt?" entfuhr es Harun. Der Mann schwieg. "Nun ja", sagte er dann, "eigentlich nicht. Sie will ihn wohl und auch ich könnte mir keinen besseren Schwager vorstellen. Abu Taiyibs Bruder ist ebenfalls sehr für diese Heirat und seine Mutter auch. Amina hat sie im letzten Sommer in Alexandria besucht. Nur Abu Taiyib konnte sich nicht recht dazu durchringen."
Harun schluckte wieder. "Sprich weiter!" sagte der Calamus. "Nun, der Druck auf Abu Taiyib wuchs. Vor zwei Wochen gab er endlich nach und willigte in die Heirat ein. Das sagte er aber nur ihr, mir und seinem Bruder, um den Zwist mit ihm beizulegen. Der ältere Bruder wollte, dass er endlich heiratete und eine bessere Stellung bekam. Er ließ seine Beziehungen zur Azhar-Moschee spielen, wo man ohnehin bereits auf die schöne Stimme aufmerksam geworden war. Wenige Tage nach Abu Taiyibs Verlobungsabsicht kam dann die Einladung von der Azhar. Doch anstatt sich zu freuen, wurde er immer unruhiger und er schien Qualen zu erleiden. Ja, er kämpfte sogar gegen Gedanken des Selbstmords, Gott bewahre! Er brachte es nicht über das Herz, Amina und uns zu enttäuschen, doch wurde er davon sehr krank, auch wenn er sich außer bei seinem Bruder und mir nichts anmerken ließ." Der Calamus ergänzte: "Und so habt ihr nach der Befreiung aus der Notsituation gesucht."
Harun war überwältigt. Wie hatte sein Onkel das ahnen können! Der Muezzin fuhr fort: "Abu Taiyib erklärte uns unter Tränen, dass es einen Ort in Akko am Strand von Palästina gebe, wo gesungen und gespeist wird und wo er als Sänger gefeiert wurde. Von dieser Herberge würde er jede Nacht träumen. Zwei Mal war er bereits dort und er verriet uns, dass er sich nirgends wohler fühlte. Und auch, dass eine geliebte Frau in der Herberge seit Jahren auf ihn wartete."
Der Calamus verstand jetzt das Dilemma Abu Taiyibs. Wie man es auch drehte und wendete, der Muezzin mit der schönen Stimme hätte niemals glücklich werden können. Und wessen Idee war die Himmelfahrt? "Das war meine", gab sein Nachfolger zu. "Wir sind schon seit der Schulzeit befreundet und ich kannte sowohl den Traum seiner Mutter als auch den ehrfürchtigen Blick meiner Schwester, immer wenn jemand diese Geschichte erwähnte. Ihr habt es selbst bemerkt: Niemand sucht nach ihm. Alle sind wie gelähmt." Fast alle, dachte Harun. - "Der Trick war eigentlich leicht. Nachdem ich von diesem Minarett hier hinuntergestiegen war und dem Volk aufgeregt die Nachricht vom Verschwinden Abu Taiyibs überbracht hatte, traten zwei weitere Verbündete ein, während sich Abu Taiyib oben umzog und dann mit den Verbündeten zurückkam und selbst so tat, als bestätige er die Nachricht. Wir waren fünf Mit-Verschwörer und nahmen ihn in die Mitte, als wir die kurze Strecke zu seines Bruders Haus zurücklegten. Seine Kleidung trugen wir in unseren Kaftanen versteckt: Der Bruder holte dann Abu Taiyibs Reisebeutel aus dem Haus und drei von uns brachten ihn sicher die Gasse hinunter und schließlich durch das Tor aus der Stadt. So war es jedenfalls geplant. Er sollte noch heute nach Palästina aufbrechen, während der Bruder und sein schwatzhafter Nachbar nach Alexandria gingen, um Gras über die Sache wachsen zu lassen und sich nicht zu verraten. Dieser Trick war die einzige Möglichkeit, wenig Schaden für alle Beteiligten anzurichten."
Der Buchhändler und sein Neffe hörten aufmerksam zu. Eine Brise wehte vom Nil herüber und trocknete den Schweiß auf der Stirn des Muezzin. "Doch nun ist alles verloren." Er legte den Kopf in die Hände und begann zu lamentieren. "Keine Sorge", beruhigte ihn der Calamus, "ich habe nur dasselbe gemacht wie du und ein wenig geflunkert." Der Muezzin sah auf: "Was?" fragte er irritiert, "Abu Taiyib wurde gar nicht inhaftiert? Warum habe ich dir das alles dann erzählt?" Mühsam stand der Calamus auf, klopfte sein Gewand ab, und sagte wieder: "Keine Sorge, wir werden nichts verraten."
Harun hielt es nicht mehr aus. Bevor sie wieder abstiegen, raunte er seinem Onkel zu: "Aber woher wusstest du, dass du ihn hier treffen würdest?" Der flüsterte zurück: "Ich wusste nur, dass ein Mann wie Abu Taiyib dafür sorgen würde, dass ihn eine vertrauenswürdige Person ersetzt. Zu diesem Gedanken konnte ich aber nur gelangen, nachdem du mir den entscheidenden Hinweis gegeben hast." Sein Neffe lachte verblüfft auf. Es waren also nicht Spuren, Indizien oder Beweise, die den Onkel zur Lösung geführt hatten, sondern der Charakter Abu Taiyibs, in den er sich hineinversetzte.

Als die tausend Muezzine der Stadt den Abend ausriefen, war Abu Taiyib nicht darunter. "Hast du jemals Akko gesehen?" fragte der Calamus verträumt Nadja, die mit ihm, Harun und Bilal auf den Polstern der Bibliothek saß und heißen roten Karkadé trank. "Akko, nein, warum, möchtest du dorthin reisen?" Sie sah ihn lächelnd an und versuchte vergeblich, sein Gesicht zu entschlüsseln. "Ja, mit dir", erwiderte er. "Es heißt, man wird dort gut bewirtet." Harun legte das Buch in die Hand seines Onkels. "Lies uns eine Geschichte vor", bettelte er und die anderen nickten. So las der Calamus den dreien eine, dann noch eine und schließlich eine dritte Geschichte von Tanuchi vor und von wundersamen Rettungen aus der Not. Zwischendurch verließ Bilal kurz den Raum, um die Nachtlampe vor dem Haus anzuzünden.
"Du weißt, was mit Abu Taiyib geschehen ist, habe ich Recht?" Nadja sah ihn an. Es war schwer, ihr etwas vorzumachen. "Nun, ich denke ja", erwiderte der Buchhändler und kratzte seinen Nacken. "Abu Yusuf ist ein großer Forscher, dem nichts verborgen bleibt", warf Harun ein. Er wollte mit diesem Satz ablenken, bemerkte aber, dass es nicht gelang. "Also?" insistierte sie. Der Calamus nippte an seinem Hibiskustee. Dann blickte er sie ernst an und sagte: "Es scheint, als sei der Muezzin tatsächlich in den Himmel gefahren. Wer hätte das gedacht!"

                                  hoch