home   english   sitemap   galerie   artclub   orient online   jukebox   litbox   termine   shop   die dichter
musik literatur journalismus bilder
DIE ZEIT DER DICHTER: BAGDAD UM DAS JAHR 1000 (NACHWORT)
"Die Dichter" erinnert der Form nach - und teilweise auch inhaltlich - an die Canterbury Tales, die um 1400 entstanden. Dort sind es englische Pilger, die sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. Hier sind es vierzehn Dichterinnen und Dichter, die ins mittelalterliche Bagdad entführen.
Hat es solche Dichterwettkämpfe wirklich gegeben? Die Figuren von Qais bis Khulud sind frei erfunden, doch es haben sich tatsächlich Poeten zum Spiel getroffen, sei es am Hof, sei es im Haus eines der gebildeten Sekretäre. Auch Frauen waren darunter, wenn sie auch nicht die Hälfte ausgemacht haben dürften.
Bildung war ein hohes Gut und die Dichtung gehörte dazu als eine der wichtigsten Disziplinen. Um das Jahr 1000 erinnerte man sich in Bagdad noch lebhaft an den Dichterkönig Mutanabbi, den einige der Älteren noch leibhaftig erlebt hatten. Natürlich, die Reime und Rhythmen klingen auf Arabisch anders. Solch ein lyrischer Abend konnte so aussehen, dass eine Person mit einem Vers begann, den der Nachbar dann reimend ergänzen musste. Insofern ist das Prinzip der Stegreifdichtung durchaus bekannt gewesen.
Die glänzenden Jahre Bagdads, als der legendäre Harun al-Raschid zum Sinnbild des muslimischen Herrschers wurde, lagen bereits zweihundert Jahre zurück. Er war der erste Kalif, der sich nicht mehr hauptsächlich mit Tagespolitik beschäftigen musste und so Zeit hatte, um zum Beispiel die Wissenschaften zu fördern und Papier als Schreibstoff zu etablieren, was einer kulturellen Revolution gleichkam.
Schon entwickelte sich der Adab, die erbauliche und schöngeistige Literatur mit Gedichten, Satiren, Märchen und Geschichten, die auch die entstehenden Großstädte dokumentierten, wie Damaskus, Bagdad oder Kairo. Bis zum Jahr 1000 waren enorme Bibliotheken entstanden, auf die die Menschen zu Recht stolz waren.
In zwei großen Wellen hatten die Araber griechische Philosophie übersetzt und fortgeschrieben. In Medizin, Mathematik, Optik und anderen Disziplinen setzten sie neue Maßstäbe. Dies gelang auch durch die Offenheit, mit der Kulturen integriert und assimiliert wurden, so auch die persische und die indische.
Von den Kreuzzügen war die Zeit der "Dichter" noch ein Jahrhundert entfernt. Politisch war der Kalif in Bagdad schon seit zwei Generationen nicht mehr zentral und die politisch-geografische Einheit der Muslime passť, auch durch die Errichtung von Gegenkalifaten. Persische und türkische Gruppen übernahmen vielerorts die Macht und nahmen sie einander ab, bis die Mongolen ein neues Weltreich gründeten und die große Bibliothek von Bagdad 1258 unterging.
In der Literatur aber, in der Wissenschaft, der Medizin und der Philosophie hat die islamische Welt auch nach dem Jahr 1000 viel Substanzielles auf Arabisch festgehalten und überliefert. Dazu gehört auch die florierende Reiseliteratur, von der Luqas Bericht eine Vorstellung geben mag.
"Die Dichter" stellt den Bezug zwischen Orient und Okzident her, den Goethe noch klar vor Augen hatte, und mit ihm Generationen von Dichtern, Denkern und deutschen Islamwissenschaftlern. Durch die spielerische Identifikationsmöglichkeit mit dem arabischen Orient soll "Die Dichter" daran erinnern, dass die deutschen Verbindungen zum Morgenland bis mindestens ins Jahr 802 reichen, als Harun al-Raschid Karl dem Großen in Aachen einen Elefanten namens Abul-Abbas geschenkt hat - den ersten namentlich belegten Elefanten nördlich der Alpen.

Anis Hamadeh, Mainz am 22.09.2010